Vergangenheit erleben - Das Gedächtnis und seine drei Formen


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

I. Einleitung

II. Die fünf Gedächtnissysteme

III. Perspektiven der Erinnerung
III. 1. Varianten des subjektiven Gedächtnisses

IV. Gedächtnisinhalte

V. Das individuelle oder kommunikative Gedächtnis

VI. Das soziale Gedächtnis

VII. Das kulturelle oder kollektive Gedächtnis

VIII. Ausblick

I. Einleitung

In unseren Köpfen arbeiten drei- bis vierhundert Milliarden Nervenzellen, die zu neuronalen Netzwerken verknüpft sind. Die Zahl der Synapsen (Verbindungsstellen) beläuft sich auf schwer vorstellbare 100 Billionen, mal sicher ein paar mehr oder weniger. Über diese kilometerlangen Verbindungen laufen jene Informationen, die es uns ermöglichen, dass wir uns erinnern. Brauchen wir unser Gedächtnis? Schon nach kurzer Überlegung wird einem bewusst, wie unverzichtbar das Gedächtnis ist, da man nicht einmal diese Überlegung über die Notwendigkeit des Gedächtnisses hätte anstellen können, wenn man sich nicht erinnerte, was das Gedächtnis eigentlich ist. Was aber genau ist das Gedächtnis? Um sich der Bedeutung des Gedächtnisses systematisch annähern zu können, trifft Aleida Assmann folgende Differenzierung: Es gilt zwischen drei verschiedenen Stützen des Gedächtnisses zu unterscheiden: „[1.] das biologisch-neuronale System des menschlichen Gehirns, das ausschließlich individuellen Menschen eignet; [2.] das soziale System von körperlicher Interaktion und sprachlicher Kommunikation, durch das soziale Gruppen entstehen und [3.] das System symbolischer Medien, das die Grundlage einer langfristigen, transgenerationellen kulturellen Erinnerung ist.«[1]

Bei dieser Unterscheidung wird zunächst genauer auf den individuellen subjektiven Aspekt des Gedächtnisses eingegangen. Welche Systeme lassen sich unterscheiden? Was erinnern wir wie, wann und warum? Im zweiten Schritt wird ein Überblick gegeben, über die gesellschaftlichen Erinnerungsformen wie dem sozialen, kulturellen oder kollektiven Gedächtnis. Primär nähert sich die vorliegende Arbeit diesem Thema auf sozialwissenschaftlicher Ebene, der neurologische Aspekt soll hingegen nur bedingt Erwähnung finden.

II. Die fünf Gedächtnissysteme

Kognitionswissenschaftler verstehen das menschliche Gedächtnis als eine Art Computer. Stark vereinfacht speichern beide Informationen, beziehungsweise Daten, verarbeiten diese weiter und rufen sie bei Bedarf ab. Meist unterbewusst wird dabei ganz automatisch auf den individuellen Erfahrungsschatz, der in der Vergangenheit gesammelt wurde, zurückgegriffen. Anders gesagt: in der entsprechenden Situation werden, je nach Bedarf, verschiedene funktionale Systeme des Gedächtnisses genutzt.

Gedächtnisforschung schenkt diesem Phänomen erst seit drei Jahrzehnten Aufmerksamkeit und beleuchtet dieses näher. Seither wird es nicht länger nur zeitlich in ein primäres (Kurzzeitgedächtnis) und ein sekundäres Gedächtnis (Langzeitgedächtnis) unterteilt, sondern auch inhaltlich in mehrere Systeme.[2] Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete der Psychologe Endel Tulving. Er war 1972 der Erste, der im Langzeitgedächtnis zwei Gedächtnissysteme sah.[3] Nahm er damals allerdings nur die Unterscheidung zwischen a) prozeduralem und b) semantischem Gedächtnis (heute Wissens- oder Kenntnissystem) vor, so sind es nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen inzwischen fünf Gedächtnissysteme. Sozialpsychologe Harald Welzer hat die weiteren Systeme d) Priming und e) episodisch-autobiographisches Gedächtnis mit seiner Forschungsgruppe „Erinnerung und Gedächtnis“ 2001 schließlich um den Aspekt des c) perzeptuellen Gedächtnisses erweitert. Eine nähere Definition dieser Systeme soll im Folgenden vorgenommen werden (Grafik siehe Anlage):

a) Prozedurales Gedächtnis: ist das Wissen im Sinne von spezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Es bezieht sich vor allem auf motorische Fähigkeiten, die durch Übung und Beobachtung gelernt und teilweise nicht mehr vergessen werden, wie zum Beispiel Fahrradfahren oder Schwimmen.[4] Hochgradig automatisiert und routiniert werden diese Kenntnisse abgerufen und aktiviert.

b) Wissens- oder Kenntnissystem, früher semantisches Gedächtnis: ist notwendig für das Verständnis und den Gebrauch von Sprache. Es enthält neben Bedeutungen von Wörtern und sprachlichen Symbolen, linguistische Regeln und erlaubt ein Erinnern von Faktenwissen ohne Raum-Zeit-Kontext.[5]

c) das perzeptuelle Gedächtnis: erkennt oder wählt einen früher wahrgenommenen Reiz mit höherer Wahrscheinlichkeit in der Zukunft unbewusst wieder. Auf dieser Basis ermöglicht es eine schnelle Beurteilung dessen nach Neuigkeit und Familiarität.[6]

d) Priming: optimiert die Verarbeitung, Wahrnehmung oder Identifikation von Reizen. Die Verbesserung beruht auf dem Wiedererkennen eines gleichen oder zuvor ähnlich verarbeiteten Reizes.[7]

Während diese vier Gedächtnissysteme bisweilen bei Tier und Mensch in gleicher Weise vorkommen, existiert das fünfte System,

e) das episodisch-autobiographische Gedächtnis, lediglich im Humanbereich. Es verlangt eine bewusste Repräsentation von kontextgebundenem Material. Das heißt Erinnerung findet dann statt, wenn die abgerufene Information einer bestimmten Zeit oder einem Ort zuzuordnen ist und der Erinnernde selbst in dieser vergangenen Situation in Erscheinung getreten ist. Erstaunlicherweise fand dieses Phänomen sogar schon vor mehr als hundert Jahren wissenschaftlich Erwähnung. Harvard-Psychologe und Philosoph William James stellte zur subjektiven Erinnerung 1890 folgende Überlegung an: „Das Gedächtnis verlangt mehr als nur die Datierung eines Faktums in der Vergangenheit. Es muss in meiner Vergangenheit datiert sein. Mit anderen Worten, ich muss denken, dass ich sein Vorkommen unmittelbar erlebt habe.“ (S. 650) Persönliche Erinnerungen, so fügte James hinzu, hätten den Charakter der „Wärme und Privatheit“, die sie als „Eigentum“ des Selbst kenntlich machten.[8]

Die Fähigkeit zur mentalen „Zeitreise“ wirft weitere Fragen auf: Werden Dinge von vor langer Zeit anders erinnert als Begebenheiten, die erst kürzlich geschehen sind (Kapitel III)? Und unterscheidet sich das Erinnern persönlicher Erlebnisse vom Erinnern an allgemeine Ereignisse, etwa aus den Bereichen Politik oder Kultur (Kapitel IV)?

III. Perspektiven der Erinnerung

Bezüglich der zurückliegenden Zeit des Erlebten nahm Sigmund Freud als einer der Ersten eine Unterscheidung des Blickwinkels vor. Seine zwei Perspektiven der Erinnerung haben noch heute Gültigkeit. Zum einen gibt es

1. die Feld -Erinnerung: Sie meint die ursprüngliche Perspektive. Als würde der Erinnernde in diesem Moment das Geschehen durch seine eigenen Augen beobachten, wie etwa das selbst gedrehte Urlaubsvideo. Zum anderen
2. die Beobachter -Erinnerung: in der man sich selbst als handelnde Person in der Erinnerung sieht.[9]

Nach Freud waren distanzierte Beobachtererinnerungen modifizierte Versionen des Erlebnisses, die anfangs aus der Feldperspektive wahrgenommen wurden. Für seine psychoanalytische Theorie war diese Erkenntnis von großer Bedeutung. Er fand heraus, dass je häufiger seine Patienten Kindheitserinnerungen aus der Beobachterperspektive beschrieben, desto konstruierter waren ihre früheren Erinnerungen. Überhaupt glaubte Freud nicht an einen dauerhaften Charakter von Gedächtnisspuren. Er ging vielmehr von einem dynamischen Konzept des Gedächtnisses aus.[10]

[...]


[1] Vgl. Assmann, A. 2005, Auszug aus der ersten Vorlesung der Reihe „Geschichte, Gedächtnis, Identität“, die Aleida Assmann seit Juni 2005 an der Universität Wien hält. www.ustinov.at/assmann_lv1.htm.

[2] Encarta Enzyklopädie, Microsoft Corporation,1993-2003.

[3] www.science.ca/scientists/scientistprofile.php?pID=20.

[4] Pethes, Nicolas/ Ruchatz, Jens (Hg.): Gedächtnis und Erinnerung – Ein interdisziplinäres Lexikon, Hamburg, Rowohlt, 2001. , 464f.

[5] Welzer, Harald (Hg.): Das soziale Gedächtnis, Hamburg, Hamburger Edition, 2001, 223.

[6] www.memory-research.de/index2.htm

[7] Vgl. Pethes, 457.

[8] psychclassics.yorku.ca/James/Principles/prin16.htm.

[9] Vgl. Freud, in Schacter, Daniel L.: Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit, Reinbek, Rowohlt, 2001, 45.

[10] Tadié Jean Yves & Marc: Im Gedächtnispalast – Eine Kulturgeschichte des Denkens, Stuttgart, Klett-Cotta, 2003, 58f.

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Details

Titel
Vergangenheit erleben - Das Gedächtnis und seine drei Formen
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
'In Geschichten verstrickt' - Einführung in das kulturelle, soziale und religiöse Gedächtnis
Note
1,0
Autoren
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V51438
ISBN (eBook)
9783638474115
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergangenheit, Gedächtnis, Formen, Geschichten, Einführung, Gedächtnis
Arbeit zitieren
Maria Kufeld (Autor)Svenja Wesseloh (Autor), 2005, Vergangenheit erleben - Das Gedächtnis und seine drei Formen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51438

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