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Vergangenheit erleben - Das Gedächtnis und seine drei Formen

Title: Vergangenheit erleben - Das Gedächtnis und seine drei Formen

Seminar Paper , 2005 , 18 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Maria Kufeld (Author), Svenja Wesseloh (Author)

Sociology - Individual, Groups, Society
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Einleitung

In unseren Köpfen arbeiten drei- bis vierhundert Milliarden Nervenzellen, die zu neuronalen Netzwerken verknüpft sind. Die Zahl der Synapsen (Verbindungsstellen) beläuft sich auf schwer vorstellbare 100 Billionen, mal sicher ein paar mehr oder weniger. Über diese kilometerlangen Verbindungen laufen jene Informationen, die es uns ermöglichen, dass wir uns erinnern. Brauchen wir unser Gedächtnis? Schon nach kurzer Überlegung wird einem bewusst, wie unverzichtbar das Gedächtnis ist, da man nicht einmal diese Überlegung über die Notwendigkeit des Gedächtnisses hätte anstellen können, wenn man sich nicht erinnerte, was das Gedächtnis eigentlich ist. Was aber genau ist das Gedächtnis? Um sich der Bedeutung des Gedächtnisses systematisch annähern zu können, trifft Aleida Assmann folgende Differenzierung: Es gilt zwischen drei verschiedenen Stützen des Gedächtnisses zu unterscheiden: „[1.] das biologisch-neuronale System des menschlichen Gehirns, das ausschließlich individuellen Menschen eignet; [2.] das soziale System von körperlicher Interaktion und sprachlicher Kommunikation, durch das soziale Gruppen entstehen und [3.] das System symbolischer Medien, das die Grundlage einer langfristigen, transgenerationellen kulturellen Erinnerung ist.«1 Bei dieser Unterscheidung wird zunächst genauer auf den individuellen subjektiven Aspekt des Gedächtnisses eingegangen. Welche Systeme lassen sich unterscheiden? Was erinnern wir wie, wann und warum? Im zweiten Schritt wird ein Überblick gegeben, über die gesellschaftlichen Erinnerungsformen wie dem sozialen, kulturellen oder kollektiven Gedächtnis. Primär nähert sich die vorliegende Arbeit diesem Thema auf sozialwissenschaftlicher Ebene, der neurologische Aspekt soll hingegen nur bedingt Erwähnung finden.
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1 Vgl. Assmann, A. 2005, Auszug aus der ersten Vorlesung der Reihe „Geschichte, Gedächtnis, Identität“, die Aleida Assmann seit Juni 2005 an der Universität Wien hält. www.ustinov.at/assmann_lv1.htm
2 ENCARTA Enzyklopädie, Microsoft Corporation,1993-2003.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die fünf Gedächtnissysteme

III. Perspektiven der Erinnerung

III. 1. Varianten des subjektiven Gedächtnisses

IV. Gedächtnisinhalte

V. Das individuelle oder kommunikative Gedächtnis

VI. Das soziale Gedächtnis

VII. Das kulturelle oder kollektive Gedächtnis

VIII. Ausblick

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die Arbeit verfolgt das Ziel, das menschliche Gedächtnis in seiner Komplexität zu durchdringen, indem sie die verschiedenen Stützen der Erinnerung systematisch differenziert. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie sich individuelles, soziales und kulturelles Gedächtnis voneinander abgrenzen und wie diese Formen der Erinnerung das menschliche Erleben und unsere Identität maßgeblich beeinflussen.

  • Die neurologischen und psychologischen Grundlagen der fünf Gedächtnissysteme.
  • Die Dynamik der subjektiven Erinnerung und die Rolle von Feld- versus Beobachter-Perspektiven.
  • Unterschiede zwischen individuellen autobiografischen Erlebnissen und allgemeinem Faktenwissen.
  • Die soziologische Transformation von kommunikativem zu kulturellem Gedächtnis durch externe Medialisierung.
  • Die Bedeutung der Interdisziplinarität in der modernen Gedächtnisforschung.

Auszug aus dem Buch

III.1. Varianten des subjektiven Gedächtnisses

Woran und wie sich Menschen an ihre Vergangenheit erinnern verändert sich im Laufe der Zeit. Geprägt von Subjektivität können Erlebnisse folglich verzerrt oder grundlegend falsch ins Gedächtnis gerufen werden.

Verzerrt sind die Erinnerungen meist dann, wenn man etwa einen einst geliebten Menschen nach langer Zeit wieder sieht, das Lieblingsessen aus vergangenen Tagen nach Jahren auf der Speisekarte neu entdeckt oder einen favorisierten Urlaubsort erneut bereist. All diese Begebenheiten haben eines gemeinsam: sie werden mit der Zeit zunehmend idealisiert und nehmen dadurch Abstand von der Realität. Die einst so verehrte Person erscheint mit ihrem veränderten Aussehen und Wesen plötzlich fremd, der individuelle Geschmack hat sich geändert und auch die paradiesisch anmutende Insel war nur so unvergesslich schön, weil mit ihr die Hochzeitsreise assoziiert wird. In jedem Fall spielen Assoziationen im Erinnerungsprozess, seien sie visueller, auditiver, kinästetischer, olfaktorischer oder gustatorischer Art, eine zentrale Rolle.

Auf diese Weise lässt sich weiterführend erklären, warum Menschen sogar überzeugt davon sind, Ereignisse zu erinnern, die sich in Wirklichkeit niemals zugetragen haben. Dieser Umstand geht beispielsweise im visuellen Bereich darauf zurück, dass einige Gehirnregionen sowohl an der visuellen Vorstellung, als auch an der visuellen Wahrnehmung beteiligt sind. Das hat zur Folge, dass die Verfügbarkeit von Bildern im Kopf – und entspringen sie rein der Phantasie – schlussendlich bewirkt, dass ein vermeintlich reales Geschehen ins Gedächtnis gerufen wird, obwohl die betreffende Begebenheit tatsächlich nie stattgefunden hat. Die visualisierte, importierte „Erinnerungserfahrung“ ist vollständig fiktiver Natur und doch fester Bestandteil der individuellen subjektiven Vergangenheit.

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Die Einleitung definiert das Gedächtnis als unverzichtbare menschliche Fähigkeit und stellt die theoretische Differenzierung nach Aleida Assmann vor, welche die Basis für die weitere Untersuchung bildet.

II. Die fünf Gedächtnissysteme: Dieses Kapitel erläutert die moderne wissenschaftliche Einteilung des Gedächtnisses in fünf funktionale Systeme, angefangen bei prozeduralen Fertigkeiten bis hin zum komplexen episodisch-autobiographischen Gedächtnis.

III. Perspektiven der Erinnerung: Hier werden die unterschiedlichen Blickwinkel der Erinnerung, insbesondere die Feld- und Beobachter-Erinnerung, nach Sigmund Freud und aktuellen Studien beleuchtet.

III. 1. Varianten des subjektiven Gedächtnisses: Das Unterkapitel verdeutlicht, wie subjektive Assoziationen und die Idealisierung Erinnerungen verzerren oder sogar zur Entstehung fiktiver Erinnerungserfahrungen führen können.

IV. Gedächtnisinhalte: Dieses Kapitel vergleicht mittels aktueller Forschungsergebnisse das episodische mit dem semantischen Gedächtnis und zeigt deren neuronale Überlappungen auf.

V. Das individuelle oder kommunikative Gedächtnis: Es wird dargelegt, dass individuelles Gedächtnis sozial gestützt ist und über die Kommunikation mit anderen Menschen erst seine Form und Wahrnehmbarkeit erhält.

VI. Das soziale Gedächtnis: Das soziale Gedächtnis wird als Gesamtheit der Erfahrungen einer Wir-Gruppe definiert und durch Medien wie Dokumente, Bilder oder Räume in der sozialen Praxis sichtbar gemacht.

VII. Das kulturelle oder kollektive Gedächtnis: Das Kapitel analysiert den Übergang von individueller, flüchtiger Kommunikation zu dauerhaften kulturellen Manifestationen wie Monumenten oder Riten, die Identität stiften.

VIII. Ausblick: Der Ausblick betont die Notwendigkeit interdisziplinärer Forschung zwischen Geistes- und Neurowissenschaften, um zukünftige Herausforderungen einer alternden Gesellschaft besser zu verstehen.

Schlüsselwörter

Gedächtnis, Erinnerung, Wissenssystem, episodisches Gedächtnis, kommunikatives Gedächtnis, kulturelles Gedächtnis, kollektives Gedächtnis, Identität, neuronale Netzwerke, interdisziplinäre Forschung, subjektive Erfahrung, soziale Praxis, Medialisierung, Zeitreise, Gedächtnisforschung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Seminarhausarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beschäftigt sich mit den vielfältigen Formen und Systemen des menschlichen Gedächtnisses sowie dessen Bedeutung für die individuelle und kollektive Identitätsbildung.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Zentrale Themen sind die neurologischen und psychologischen Gedächtnissysteme, die Perspektiven der persönlichen Erinnerung sowie die soziologische Differenzierung in kommunikatives, soziales und kulturelles Gedächtnis.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, ein systematisches Verständnis dafür zu schaffen, wie wir Vergangenheit erleben und warum unser Gedächtnis zwischen biologischen, sozialen und kulturellen Stützen unterscheidet.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse interdisziplinärer Forschungsergebnisse, die Erkenntnisse aus der Neuropsychologie mit sozialwissenschaftlichen Gedächtnistheorien verknüpft.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert schrittweise die fünf Gedächtnissysteme, die Konstruktion subjektiver Erinnerungen, das autobiografische Gedächtnis sowie die Abgrenzung von individuellen Erinnerungsformen hin zum kulturellen Gedächtnis.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die wichtigsten Begriffe sind Gedächtnis, Erinnerung, Identität, interdisziplinäre Forschung sowie die Differenzierung zwischen individuellem, sozialem und kulturellem Gedächtnis.

Wie unterscheidet sich die Feld-Erinnerung von der Beobachter-Erinnerung?

Die Feld-Erinnerung simuliert die ursprüngliche Perspektive durch die eigenen Augen, während die Beobachter-Erinnerung den Erinnernden als handelnde Person von außen betrachtet, was oft mit einer stärkeren Objektivierung einhergeht.

Warum wird das kulturelle Gedächtnis als "Verabredung" bezeichnet?

Da es nicht mehr auf der zeitlich begrenzten, menschlichen Erinnerung einzelner Individuen basiert, sondern auf externen Medien wie Monumenten oder Texten, die über Generationen hinweg tradiert werden.

Welche Rolle spielt die Kommunikation für das individuelle Gedächtnis?

Nach Ansicht von Experten ist Kommunikation eine Bedingung für die Entwicklung des Ich-Bewusstseins, ohne das ein individuelles autobiografisches Gedächtnis nicht in der beschriebenen Weise existieren könnte.

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Details

Title
Vergangenheit erleben - Das Gedächtnis und seine drei Formen
College
University of Erfurt
Course
'In Geschichten verstrickt' - Einführung in das kulturelle, soziale und religiöse Gedächtnis
Grade
1,0
Authors
Maria Kufeld (Author), Svenja Wesseloh (Author)
Publication Year
2005
Pages
18
Catalog Number
V51438
ISBN (eBook)
9783638474115
ISBN (Book)
9783656778332
Language
German
Tags
Vergangenheit Gedächtnis Formen Geschichten Einführung Gedächtnis
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Maria Kufeld (Author), Svenja Wesseloh (Author), 2005, Vergangenheit erleben - Das Gedächtnis und seine drei Formen , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51438
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