Lese-Rechtschreib-Schwäche und individuelle Förderung im Grundschulalter


Hausarbeit, 2004
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen

3. Ursachen der LRS
3.1. Im weitesten Sinne neurologische Ursachen
3.1.1. Probleme bei der auditiven Wahrnehmung
3.1.2. Probleme bei der visuellen Wahrnehmung
3.1.3. Probleme bei der visu-motorischen Koordination
3.1.4. Kongenitale Ursachen
3.2. Weitere Ursachen

4. Erscheinungsbilder und Symptomatik
4.1. Im Vorschulalter
4.2. Im Grundschulalter
4.2.1. Schwierigkeiten bei der Graphem-Phonem Zuordnung
4.2.2. Probleme beim Zusammenschleifen von Phonemen
4.2.3. Schwierigkeiten bei der Phonem-Graphem-Beziehung
4.2.4. Schwierigkeiten beim Aufbau eines Sichtwortschatzes
4.2.5. Schwierigkeiten bei der Durchgliederung von Wörtern
4.2.6. Schwierigkeiten bei der Segmentierung von Wörtern
4.2.7. weitere Auffälligkeiten

5. Therapie- und Fördermöglichkeiten
5.1. Schulrechtliche Bestimmungen nbsp;
5.2. Schulischer Bereich
5.3. Familiärer Bereich
5.4. Außerschulische Förderungsmöglichkeiten

6. Schluss

Quellenangaben

1. Einleitung

Fast jeder kennt einen Menschen, der große Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben hat. Analphabetismus wird in Deutschland mit recht guten Schul- und Weiterbildungs-Möglichkeiten bekämpft. Und doch gibt es Menschen, die trotz guter Schulbildung, hoher Intelligenz und guter Allgemeinbildung, nicht lesen und schreiben können. In diesem Zusammenhang wird in den Medien oft von „Legasthenie“ oder „Lese-Rechtschreib-Schwäche“ gesprochen.

Schätzungen zufolge haben zwischen 5 und 20 Prozent aller Kinder eines Jahrgangs Lese-Rechtschreibprobleme. Unter diesen Kindern gibt es solche, die Probleme haben, weil sie länger krank oder unkonzentriert waren, weil sie zuwenig geübt haben oder einfach von ihrer Entwicklung her noch nicht reif für das Lesen- und Rechtschreiben-Lernen sind. Aber es gibt auch Kinder die eine gravierende und andauernde Lese-Rechtschreib-Schwäche haben, obwohl sie mindestens durchschnittlich intelligent sind. Gerade in der heutigen Gesellschaft, in der Lesen und Schreiben eines der höchsten Güter darstellt, ist das für Kinder die darunter leiden, eine große Belastung. Zwischen 3 und 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen der BRD leiden unter einer LRS, das bedeutet 200.000 Grundschulkinder können nicht ausreichend Lesen oder/und Rechtschreiben.[1]

Doch was ist Lese-Rechtschreib-Schwäche genau und wie entsteht sie? Woran kann man erkennen, dass ein Kind in der Grundschule betroffen ist? Welche Bedeutungen und Folgen hat es für das Kind und das familiäre Umfeld? Kinder mit Lese-Rechtschreib-Problemen benötigen Hilfe von allen Seiten. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit Lese-Rechtschreibschwäche bei Grundschulkindern. Zunächst soll eine Definition und eine Begriffsabgrenzung der Legasthenie/Lese-Rechtschreibschwäche geschehen, um im folgenden über mögliche Ursachen zu diskutieren. Aufzuführen. Neben der Abhandlung der Symptomatik und den Erscheinungsbildern im Grundschulalter werden dann kurz Therapie- und Fördermöglichkeiten aufgeführt.

2. Begriffsbestimmungen

Der Begriff „Legasthenie“ wurde 1916 durch den Pädagogen Ranschburg geprägt. Er definierte Legasthenie als eine „Minderwertigkeit des geistigen Apparates“,[2] aus welchem Grund sich die Kinder im schulpflichtigen Alter, (trotz normaler Sinnesorgane) das Lesen nicht korrekt aneignen könnten. Für Ranschburg stand fest, dass Schüler mit Lernschwierigkeiten dieser Art, auf Hilfsschulen gehören - eine Tatsache die bis in die siebziger Jahre bewirkte, dass diese Kinder auf eine solche Schule kamen. Auch heute noch sind die Thesen Ranschburgs das Verhängnis vieler Schüler. Viele Eltern, Lehrer und Mitschüler sind der Ansicht, Legastheniker könnten nicht das Gymnasium als weiterführende Schule besuchen.

In den folgenden Jahren entwickelten viele Pädagogen und Mediziner verschiedene Definitionen. In den 50er Jahren untersuchte Maria Linder legasthene Kinder, und kam zu der Erkenntnis, dass sie – entgegengesetzt zu der Annahme Ranschburgs - durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent seien. Legasthenie wurde definiert als „ spezielle, aus dem Rahmen der übrigen Leistungen fallende Schwäche im Erlernen des Lesens ( und indirekt auch des selbstständigen fehlerfreien Schreibens) bei sonst intakter – oder im Verhältnis zur Lesefertigkeit – relativ guter Intelligenz.“[3] Diese Definition lenkt also nicht nur das Augenmerk auf beeinträchtige Schreibleistungen, sie zeigt auch, dass legasthene Kinder durchaus durchschnittlich intelligent sind, und in anderen schulischen Bereichen nicht unbedingt negativ auffällig sein müssen. Renate Valtin brachte um das Jahr 1970 die Bedeutung des Milieus für die Entstehung der Legasthenie ins Gespräch. Sie wählte für einen Rechtschreibtest Schüler aus der zweiten und dritten Klasse aus, deren Leistungen den Noten 1 bis 5 entsprachen. Als Ursache für die auftretenden Lese-Rechtschreibprobleme fand sie Merkmale jener sozialen Schicht vor, die Kinder vernachlässigen. So schloss sie, dass neben endogener Disposition auch exogene Faktoren, wie zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht Legasthenie begünstigen.3 Dem widersprechen zwar Erkenntnisse aus der schulischen Praxis, doch trotzdem darf auch die Rolle des Milieus keine untergeordnete sein. Kinder aus höheren sozialen Schichten haben (durch mehr finanzielle Mittel) einfach mehr Chancen auf (private) Förderung.

Bis heute finden sich immer wieder neue Definitionsversuche der Lese-Rechtschreibschwäche, medizinisch orientierte, aber auch pädagogisch orientierte. Vor allem aber wird heutzutage Wert auf die Tatsache gelegt, dass es den „ klassischen“ Legastheniker nicht gibt.

Der Einfachheit und Offenheit wegen, werde ich mich der nun folgenden Definition anschließen: „ Legasthenie ist die Bezeichnung für Schwächen beim Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechtschreiben, die weder auf eine allgemeine Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung, noch auf unzulänglichen Unterricht zurückgeführt werden können.“[4] Neben der Bezeichnung „Legasthenie“ ist heute vor allem in Bezug auf den schulischen Bereich, auch der Begriff der „Lese-Rechtschreibschwäche“ zugegen. Der Begriff „Legasthenie“ wurde 1978 von der KMK (Kultusministerkonferenz) aus den Richtlinien gestrichen. Im Gegensatz zum medizinischen Begriff „Legasthenie“ impliziert der Begriff „Lese-Rechtschreib-Schwäche“ die „Teilleistungsschwächen“ Lesestörung und Rechtschreibstörung. Außerdem wird deutlich, dass es sich um kein „Krankheit“ im medizinischen Sinne, sondern um eine „Schwäche“ oder sogar nur um „Schwierigkeiten“ handelt. Ich werde mich in meiner Hausarbeit aus diesen Gründen auf den Begriff der „Lese-Rechtschreibschwäche“, (im Folgenden abgekürzt als LRS) beschränken.

3. Ursachen der LRS

Es werden sehr viele verschiedene Ursachen der LRS angenommen. Zwischen den Fachdisziplinen wurde seit dem Beginn der Diskussion über LRS bis zum jetzigen Zeitpunkt anhaltend über die diagnostischen Begriffe und die Ursachen gestritten Die Psychologische Forschung beschäftigte sich in den 70er Jahren vorwiegend mit kognitiven Funktionsschwächen. Eine Störung bestimmter kognitiver Funktionen wie zum Beispiel das Differenzieren, sollte die Ursache sein für ein „Versagen“ beim Lesen und Rechtschreiben. Auch der Aspekt einer sozial-kulturellen Verursachung darf nicht ganz ausgeschlossen werden, LRS kann durchaus auch mit dem Milieu zusammenhängen. Des Weiteren wurden in der LRS-Forschung mehrere medizinische Modelle dargestellt, die an dieser Stelle nicht ausführlich behandelt werden sollen. Allerdings kann der Annahme der medizinischen Forschung, dass eine Störung nur dann beseitigt werden kann wenn man die Ursache kennt, entgegengesetzt werden, dass nicht die Erforschung der Ursachen, sondern die Analyse des gestörten Prozesses ( also des Lesen- und Schreibenlernens) hilfreich zur Erforschung der LRS ist. Mit dieser Tatsache beschäftigten sich vor allem Sprachwissenschaftler und Pädagogen. Sie erstellten Thesen über LRS im Vergleich zu dem „normalen“ Vorgang des Lesens und Rechtschreibens.

Man sollte eine möglichst offene und allgemeine Betrachtungsweise der Ursachen der LRS wählen, denn LRS lässt sich auf keinen Fall auf eine einzige Ursache zurückführen. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Zusammenwirkens mehrerer Faktoren aus den unterschiedlichen Bereichen.

3.1. Im weitesten Sinne neurologische Ursachen

Ursachenforschung hat immer den Grund, eine Schwäche besser zu beurteilen und behandeln zu können. Doch im Fall LRS kann nicht unbedingt von Ursachen im herkömmlichen Sinn gesprochen werden. Vor allem in der aktuelleren Literatur findet man widersprüchliche Angaben über die Ursachen einer LRS. Einige zeitgenössische Autoren sprechen deutlich von Wahrnehmungsstörungen im auditiven und visuellen Bereich, was andere Autoren wiederum verneinen1. In einigen Eltern-Ratgebern zum Thema LRS sind sogar keine konkreten Angaben über mögliche Ursachen mehr aufgeführt, dafür aber Listen mit Annahmen die nicht als Ursachen gelten können. „Nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen sind „besondere Lese- und Rechtschreib-Schwierigkeiten“: kein Problem, das überwiegend Linkshänder haben, keine Wahrnehmungsstörung, kein Ergebnis eines bestimmten Leselernverfahrens, (...), keine Raumlagelabilität des Gehirns.“[5]

Wichtiger als die Ursachenforschung ist also der Bereich der Förderung. Die neurobiologisch orientierte Forschung der letzten Jahre hat allerdings zu einem deutlichen Erkenntnisgewinn in Bezug auf die zentralnervöse Bearbeitung von auditiven und visuellen Informationen geführt. So habe ich im Folgenden einige sehr allgemein gehaltene Faktoren aufgestellt.

3.1.1. Probleme bei der auditiven Wahrnehmung

Am Anfang eines jeden Lese- und Schreibenlernens steht die Erkenntnis, dass Buchstaben auf Laute verweisen, dass eine bestimmte Buchstabenfolge ein bestimmtes Wort ergibt. Viele Kinder sind bei der Einschulung noch gar nicht darauf vorbereitet, für sie haben Worte eine bloße Mitteilungsfunktion. Im Vordergrund der Forschung der letzten Jahre stand unter anderem die sogenannte „Phonologie-Defizit-Hypothese“, die besagt, dass bei LRS die Fähigkeit, lautliche Segmente der Sprache zu unterscheiden und zu speichern, gestört ist. Die Kinder haben Probleme, den einzelnen Buchstaben bestimmte Laute und umgekehrt den Lauten die Buchstaben zuzuordnen.

3.1.2. Probleme bei der visuellen Wahrnehmung

Ein entscheidender Faktor einer LRS sind Probleme bei der visuellen Wahrnehmung. Viele Kinder haben, vor allem im Anfangsunterricht der Grundschule, Probleme mit der Raumlage der Buchstaben, denn im Gegensatz zu Dingen des alltäglichen Lebens, verändern Buchstaben bei unterschiedlicher Raumlage, Richtung, Größe etc. ihre Bedeutung. Ein weiteres Problem zeigt sich in Betrachtung der bedeutungsunterscheidenden Merkmale der Buchstaben. Die Kinder haben Schwierigkeiten, zu erkennen wann aus einem „a“ ein „d“ wird, nämlich wenn man einen Strich etwas länger hochzieht. Manche Kinder sind in der Lage, isoliert stehende Buchstaben richtig zu erkennen, im Text haben sie allerdings Schwierigkeiten da die Buchstaben sich gegenseitig maskieren und das ganzheitliche Wortbild von den einzelnen ablenkt.[6]

3.1.3. Probleme bei der visu-motorischen Koordination

Um visuelle Sinneseindrücke wie Figuren, Symbole oder Buchstaben auf Papier darzustellen, bedarf es einer Vorstellung, wie der motorische Bewegungsablauf für die entsprechende Figur aussieht. Die Probleme liegen vor allem darin, dass visuelle Sinneseindrücke nicht reproduziert werden können und die Umsetzung in entsprechende Bewegungsfolgen nur erschwert möglich ist.[7]

[...]


[1] Schulte-Körne 2001,301

[2] Ranschburg 1928, 88

[3] Graf 1994, 4

3 Angermaier 1970, 35

[4] Graf 1994, 5

1 vgl. Schulte-Körne 2001; Naegele 1995

[6] Nagele 1995, 88

[7] Mann 2001, 86

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Lese-Rechtschreib-Schwäche und individuelle Förderung im Grundschulalter
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V51442
ISBN (eBook)
9783638474146
ISBN (Buch)
9783638597784
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lese-Rechtschreib-Schwäche, Förderung, Grundschulalter
Arbeit zitieren
Sarah Unthan (Autor), 2004, Lese-Rechtschreib-Schwäche und individuelle Förderung im Grundschulalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51442

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