Führt Gott in Versuchung? Definition des Begriffs der Versuchung sowie Annäherung an eine theologische Grundfrage


Hausarbeit, 2018

19 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einführung.

2 Annäherung an die theologische Grundfrage: Führt Gott in Versuchung?
2.1 Was ist Versuchung?
2.2 Arten von Versuchern
2.2.1 Versuchung durch das Böse
2.2.2 Versuchung durch den Menschen
2.2.3 Versuchung durch Gott
2.2.4 Versuchung Gottes durch den Menschen
2.3 Versuchung in der Bibel
2.3.1 Versuchung im Alten Testament
2.3.2 Versuchung im Neuen Testament
2.3.3 Versuchung im Vater Unser
2.4 Versuchung bei Luther

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Auch religiöse Menschen werden in Versuchung geführt. Sie bleiben nicht davon verschont. Doch die Frage ist, wer in Versuchung führt und, wenn Gott der Versucher ist, warum er es tut. Denn, wenn Gott gut ist, wieso sollte er den Menschen, das Geschöpf nach seinem Ebenbild, versuchen?

Die katholischen Kirche stellt sich schon lange die Frage, ob das Vaterunser geändert werden soll. Papst Franziskus ist zum Beispiel der Meinung, dass „und führe uns nicht in Versuchung“ (Mt 6,13) irreführend ist, da Gott nicht in Versuchung führt, sondern der Satan. Die evangelische Kirche ist dort anderer Meinung und bleibt bei der neusten Lutherübersetzung den bekannten Worten treu.1 Doch wer der Versucher nun wirklich ist, bleibt offen. Und ob nun Gott verantwortlich für die Versuchungen ist, bleibt fraglich.

Die Frage, ob Gott in Versuchung führt, ist demnach also ziemlich interessant und immer noch aktuell. Nicht nur das Vaterunser bietet Diskussionsstoff zum Thema Versuchungen. Die Bibel hat mehr zu dem Thema zu bieten als nur diesen einen Vers. Auch in vielen anderen Geschichten spielt die Versuchung eine zentrale Rolle.

Dieses Portfolio soll hinterfragen, ob davon ausgegangen werden kann, dass Gott in Versuchung führt, wenn er doch gut und mächtig ist. Auch interessant ist, ob Gott der einzige Versucher ist oder ob es mehrere Versucher gibt.

Deshalb möchte ich im Folgenden zunächst darzustellen, was Versuchung überhaupt ist. Versuchung kann man nicht leicht definieren. Doch ohne eine genauere Betrachtung, was Versuchung ist, sind die Geschichten und Aspekte zur Versuchung nicht zu verstehen.

Schon deshalb wird klar, dass es wichtig ist, sich die verschiedenen Versucher der Bibel selbst anzuschauen, um sich danach den Geschichten zu widmen. Ebenso interessieren mich die Unterschiede der Versuchung im Alten und Neuen Testament, weshalb ich beide Teile betrachten werde.

Da das Vaterunser ein wesentlicher Bestandteil der Bibel ist, werde ich auch besonders auf den Vers der Versuchung eingehen, bevor ich Martin Luther und seine Erfahrungen mit Versuchungen betrachten werde. Nicht nur die Bibel sagt viel zur Versuchung, sondern auch die Menschen, die sie studieren.

2 Annäherung an die theologische Grundfrage: Führt Gott in Versuchung?

2.1 Was ist Versuchung?

Versuchungen sind nicht nur in den christlichen Religionen vorhanden, sondern auch in vielen anderen Weltreligionen. Sie sind Verlockungen des Bösen, eine Sünde. Das Böse fasziniert den Menschen. Durch die Willensfreiheit, die uns Gott gegeben hat, ist der Mensch in der Lage selbst zu entscheiden, das Böse einzugehen. Man unterscheidet im Wesentlichen die Versuchung durch Dämonen, durch Menschen, durch Gott und Versuchungen der Menschen an Gott.2

Versuchung ist eine Übersetzung des griechischen Wortes πειρασμός (peirasmos), was auch mit Prüfung, Lockung oder Anfechtung übersetzt werden kann. Demnach kann Versuchung bedeuten, dass uns Gott auf die Probe stellen möchte. Sie birgt also die Gefahr sowohl innerlich, als auch äußerlich von Gott abzufallen, ist aber auch die Chance auf einen tieferen Glauben. Die Versuchung ist demnach eine „Bewährungsprobe zwischen Gott und Mensch bzw. Volk“3

Im Hebräischen ist das Wort für die Versuchung נסה (nasah), was mit „auf die Probe stellen“ aber auch teilweise mit ausprobieren übersetzt wird. In der Septuaginta wird ebenso das griechische Wort peirasmos für die Versuchung verwendet. Somit kann davon ausgegangen werden, dass die Versuchung im Alten Testament keinen Unterschied zu der Versuchung im Neuen Testament hat.

Sowohl im Alten Testament, als auch im Neuen Testament kommen Versuchungen vor. Im Alten Testament sehnen sich die Menschen jedoch eher nach Versuchung (vgl. Ps 26,2). Sie wollen in Versuchung geführt werden um zu erkennen, was richtig ist und wer die richtigen, guten Menschen sind, mit denen sie sich umgeben sollten. Vor allem wollen Menschen nicht nur, dass sie selbst in Versuchung geführt werden, sondern auch die Menschen, die nicht glauben. Diese werden die Prüfung nicht bestehen. Sie werden „von Gott weichen, werden umkommen“ (Ps 73,27). Dadurch werden Jene errettet, die Vertrauen in Gott haben. Diese werden belohnt und ihr Glaube ist nicht umsonst.

Im Neuen Testament aber fragen die Menschen nach der Bewahrung vor der Versuchung. Auch Jesus predigt das und sagt den Menschen, dass sie im Vaterunser beten sollen „und führe uns nicht in Versuchung“ (Mt 6,13).

2.2 Arten von Versuchern

Es ist nicht immer eindeutig, wer in Versuchung führt. Deshalb muss zwischen den verschieden Versuchern unterschieden werden, um Klarheit darüber zu bekommen, ob Gott oder doch jemand anderes in Versuchung führt.

2.2.1 Versuchung durch das Böse

Oft trifft man in der Bibel, wenn versucht wird, auch den Teufel. Aber wer ist der Teufel wirklich? Wenn der Teufel eine eigene Gestalt ist, dann stellt sich die Frage, ob Gott wirklich allmächtig ist, denn dann gibt es eine gute und eine böse Macht. Dieser Dualismus stellt die Allmacht Gottes in Frage. Gibt es nur einen Gott und ist dieser Gott allmächtig? Wenn Gott allmächtig ist, kann es den Teufel nicht geben, damit aber auch keinen weiteren Versucher, weil alles durch Gott bestimmt ist.

Doch es ist nicht unbedingt nötig, dass Gott und der Teufel, also das Gute und das Böse, zwei Gestalten sind. Es ist genauso gut möglich, dass Gott das Gute und das Böse in Einem ist. Denn wenn Gott allmächtig ist, ist es ihm auch möglich, dem Menschen zu schaden. Gott könnte auch Böse sein. Nach „Barths sophistischer Argumentation gibt es das Böse, damit wir sehen, was Gott verworfen hat.“4

Der Teufel probiert den Menschen zu versuchen, damit er sich von Gott abwendet. Aber genau das will Gott in Versuchungen nicht bewirken. Er will die Hinwendung und nicht die Abwendung von Gott. Der Teufel aber ist listig.

Ein Beispiel der Bibel, in dem der Satan eine wichtige Rolle spielt, ist die Versuchung Jesu in der Wüste (Mt 4,1-11). Er muss diese Prüfung bestehen, bevor er anfängt zu wirken. Demnach sind Gott und der Teufel keine Gegenspieler. In diesem Fall haben sie zusammen gearbeitet.

Doch das Wichtige an diesem Text ist, dass nicht der Teufel selbst es ist, der Jesus in die Wüste führt. Der Satz „Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde“ (Mt 4,1) sagt, dass Gott selbst noch eine gewisse Entscheidungskraft gegenüber dem Bösen hat und ist damit sehr wichtig. Gott ist es, der Jesus zu dem Ort der Versuchung in der Wüste führt. Demnach versucht der Teufel zwar, um von Gott abzubringen, jedoch ist Gott es selbst, der ihm die Erlaubnis dafür gibt.

Somit existiert der Teufel zwar als Versucher, aber Gott kann die Versuchung in gewisser Weise kontrollieren. Gott nutzt den Teufel als Helfer, um Menschen auf die Probe zu stellen.

2.2.2 Versuchung durch den Menschen

Auch Menschen versuchen Menschen. Zum Beispiel können wir es jeden Tag in der Werbung sehen. Aber die Menschen lassen sich auch versuchen. „Versuchungen des Menschen haben grundsätzlich mit dem Suchen des Menschen zu tun.“5 Es ist die Suche nach dem Glück, welches unser Verlangen groß werden lässt. Jesus legt dies in seinem Gleichnis vom verlorenen Sohn gut dar (Lk 15,11-32). Der Sohn weiß nicht, wohin sein Weg führt, wo also sein Ziel der Versuchung ist. Genau so geht es auch den Menschen. Sie sind unzufrieden mit ihrem Leben, wollen gerne das was andere haben und am wenigsten dafür machen. Menschen versuchen, einen guten Glauben zu leben, nach Jesu Vorbild zu handeln.

Jesus erzählt seinen Jüngern viel von der Versuchung und Versuchern. So warnt er zum Beispiel im Matthäusevangelium seine Jünger: „Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen“ (Mt 24,5). Er kündigt dort alle Leiden an, die der Mensch durchzustehen hat nach Jesu Tod. Doch er sagt ihnen nicht nur, dass Versucher kommen werden, sondern auch, dass sie sich hüten sollen vor ihren eigenen Begierden. Als Jesus im Garten Gethsemane beten geht, warnt er die Jünger. Seine Jünger sollen beten, damit sie nicht in Versuchung/Anfechtung fallen (Mt 26,41; Mk 14,38; Lk 22,40). Beten bringt die Ablenkung von der Versuchung, weshalb die Jünger dies tun sollen. In eine Versuchung zu geraten, ist leicht. Und so geschieht es auch den Jüngern. Sie wollen gerne an Jesu Seite bleiben und wachen, wie Jesus es ihnen befohlen hat. Aber sie sind müde und so siegt schlussendlich die Versuchung zu schlafen (Mt 26,43; Mk 14,40; Lk 22,45).

Die Menschen können sich also sehr gut selbst in Versuchung führen und brauchen dafür gar keine andere böse Macht.

Auch untereinander versuchen sie sich. Menschen wollen immer besser sein als ihre Mitmenschen. Sie wollen mehr von der einen Sache haben als der Nachbar: ein größeres, besseres Haus oder Auto. Sie lassen sich von der Werbung und von Mitmenschen stark beeinflussen. Die Menschen versuchen immer besser und perfekter zu werden, weshalb sie dann der Versuchung nachgeben, um das zu schaffen, was möglich ist.

Es gibt also zwei Arten menschlicher Versuchung. Zum Einen die eigene Begierde und zum Anderen die Versuchung durch Mitmenschen.

2.2.3 Versuchung durch Gott

Der eigentlich kritische Versucher ist Gott. Allen anderen kann man die Versuchung zutrauen. Doch wenn Gott gut ist, wird er nicht in Versuchung führen. Es gibt jedoch auch viele Geschichten und Belege, dass Gott selbst es war, der in Versuchung geführt hat.

Im Jakobusbrief steht, dass Gott nicht in Versuchung führt. Jedoch unterscheidet Paulus dort zwei unterschiedliche Versuchungen. Luther übersetzte daher das Eine mit Anfechtung und das Andere mit Versuchung, obwohl im Griechischen das gleiche Wort geschrieben steht (peirasmos). Anfechtung wird im Jakobusbrief als etwas Gutes dargestellt, Etwas, dem der Mensch ausgesetzt wird, um zu lernen. Durch die Anfechtung und die Geduld diese durchzustehen, wird der Mensch „zu einem vollkommenen Werk geführt, damit er vollkommen und unversehrt ist und keinen Mangel hat.“ (Jak 1,4) Das heißt, Anfechtung ist gewollt. Anfechtung ist eine Prüfung, um unsere Stärken herauszufinden, um Gott näher zu kommen und den Glauben zu stärken.

Die Versuchung dagegen stellt Jakobus im Jakobusbrief als die „eigene… Begierde“ (Jak 1,14) dar. Sie kommt nicht von Gott, sondern von dem Menschen selbst.

Jakobus schließt dort „vom Wesen Gottes auf das Handeln Gottes. Gott ist unversuchbar, daher versucht er auch niemanden zum Bösen.“6

Doch auch Gott versucht den Menschen. Gott „versuchte … Abraham“ (Gen 22,1), als er ihm sagte, er solle seinen Sohn Isaak opfern. Aber Gott hilft auch durch die Versuchung hindurchzukommen. Denn „Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt.“ (1.Kor 10,13)

Somit ist es also möglich, den Glauben zu Gott in Versuchungen neu zu finden, mit dem Wissen, das Gott uns nicht alleine lässt und uns niemals zu schwere Versuchungen auferlegt.

2.2.4 Versuchung Gottes durch den Menschen

Immer wieder wollen die Menschen auch Gott versuchen. So zum Beispiel auch in Massa und Meriba (Ex 17,1-7). Dort wollen die Menschen unbedingt etwas Wasser zu trinken bekommen, weil die Israeliten kein Wasser in der Wüste fanden und Durst verspürten. Sie hatten Angst und versuchten alles, um an Wasser zu gelangen. Mose warnt sie mit den Worten: „Was hadert ihr mit mir? Warum versucht ihr den Herrn?“ (Ex 17,2) Doch, da die Israeliten zweifelten und Mose selbst Angst vor ihnen bekam, hatte Gott Erbarmen und gab ihnen Wasser aus einem Felsen.

In einer andere Variante der Geschichte, in Num 20,1-13, heißt es, dass Mose selbst zögerte, als er gegen den Felsen schlagen soll, wie Gott ihm befohlen hatte. Er stellt die Frage: „Werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen?“ (Num 20, 10). Moses zögert im entscheidenden Augenblick. Einen Augenblick vertraut er nicht, stellt die Macht Gottes in Frage, sondern lässt sich von dem Unglauben der Israeliten anstecken. Deshalb wird er dann auch damit bestraft, nicht in das gelobte Land einziehen zu dürfen. Auch sein Bruder Aaron wird mit in das Geschehen einbezogen und darf dieses Land auch nicht sehen. Es war ein Akt des Unglaubens.7

Die Menschen wollen oft mehr von Gott. Sie sehen alle Dinge, die Gott tut, was in der Wüste bei den Israeliten nicht wenig war. Gott hatte ihnen immer geholfen, wenn sie in Schwierigkeiten waren. Und doch verlangen die Menschen mehr von Gott. Deshalb ist die Versuchung groß, mehr von Gott zu wollen, ohne Geduld dabei zu haben, ob etwas passiert. In der Not haben die Menschen keine Geduld und vertrauen nicht genug auf Gott, weshalb sie ihn versuchen. Doch Unglauben wird gestraft. So darf zum Bespiel Mose nicht in das gelobte Land einziehen. Durch den Unglauben versuchen die Menschen Gott und er hilft aber bestraft auch.

Gott lässt sich also nicht versuchen, doch die Menschen sind Gottes Versucher und probieren es in Schwierigkeiten.

2.3 Versuchung in der Bibel

In Psalm 139 steht: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ichs meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“ (Ps 139,23f.) In diesem Psalm wird die Versuchung als Prüfung gesehen, die von dem Verfasser David angefordert wird.

Menschen wollen schon lange in Versuchung geführt werden um geprüft zu werden, jedoch bitten sie auch, davon verschont zu werden (Mt 6,13).

[...]


1 Vgl. Lehming, M. 2017.

2 Vgl. Frenschkowski 2005, Sp. 1070.

3 Arneth 2005, Sp. 1071.

4 Frisch 2017, S. 99.

5 Strunk 1988, S. 176.

6 Schäller 2016.

7 Vgl. Achenbach 2007.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Führt Gott in Versuchung? Definition des Begriffs der Versuchung sowie Annäherung an eine theologische Grundfrage
Hochschule
Evangelische Hochschule Nürnberg; ehem. Evangelische Fachhochschule Nürnberg
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V514907
ISBN (eBook)
9783346115997
ISBN (Buch)
9783346116000
Sprache
Deutsch
Schlagworte
führt, gott, versuchung, definition, begriffs, annäherung, grundfrage
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Führt Gott in Versuchung? Definition des Begriffs der Versuchung sowie Annäherung an eine theologische Grundfrage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514907

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