Der Wandel des Begriffs Heimweh vom 17. Jahrhundert bis heute

Eine Diskursanalyse


Hausarbeit, 2018

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Diskursanalyse als Methodologie

3 Diskussion des Heimatbegriffes

4 Diskursanalyse - Der Begriff Heimweh im Wandel der Zeit
4.1 Der Diskurs im 17. Jahrhundert
4.2 Der Diskurs im 18. Jahrhundert
4.3 Der Diskurs im 19. Jahrhundert
4.4 Der Diskurs im 20. Jahrhundert
4.5 Der Diskurs heute

5 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit entstand im Rahmen des Seminars „Heimat reloaded - Deu- tung eines (un)popularen Begriffs“ im Fach Europaische Ethnologie. Ich mochte im Fol- genden der Frage nachgehen, wie sich der Begriff „Heimweh“ und das Verstandnis des­sen vom 17. Jahrhundert bis heute verandert und gewandelt hat. Anhand einer Dis- kursanalyse soll die Frage nach der Veranderung beantwortet und der Wandel dargestellt und erklart werden. Nachdem zunachst die Methode kurz erlautert wird, soll als Grund- lage der nachfolgenden Thematisierung von Heimweh der Heimatbegriff selbst knapp diskutiert werden, um im Anschluss auf den Heimwehdiskurs, aufgegliedert in die ein- zelnen Jahrhunderte, einzugehen.

Als Hauptquelle dieser Hausarbeit diente mir das Werk „Heimweh. Studien zur Kultur- und Literaturgeschichte einer todlichen Krankheit“ von Simon Bunke aus dem Jahr 2009. Dieser erarbeitete und reflektierte in seinem Buch den Diskurs uber Heimweh, Vorkom- men des Begriffs in Literatur, Geschichte und Kultur, Bezuge zu anderen Themen, sowie verschiedene Personlichkeiten, die sich zum Thema auBerten oder ausschlaggebende Aussagen tatigten. Auf Grund der Ausfuhrlichkeit und Breite, die dieses Werk bietet, eignete es sich besonders gut als Hauptquelle meiner Arbeit.

Die Beschaftigung mit den Begriffen und Bedeutungen von Heimat und Heimweh spielen auch in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle. Nachdem der Begriff im letzten Jahrhundert viel genutzt und fur verschiedene Zwecke benutzt wurde, um im Anschluss vermieden zu werden, gewann er in den letzten Jahren wieder an Bedeutung und Aufmerksamkeit. Hei- mat findet man in Kochbuchern, in Werbungen fur Lebensmittel, aufgedruckt auf Deko- rations- und Einrichtungsgegenstanden, in Filmen, Serien und Musik, und nicht zuletzt in der Politik. Uberlegungen und Ideen wie zum Beispiel die eines Heimatministeriums und dessen Aufgaben werden diskutiert und umgesetzt, um an dieser Stelle einen aktuellen Bezug zu nennen. Auch die in Deutschland viel diskutierte Fluchtlingsproblematik und - thematik beschaftigt sich oft mit verlorener, verlassener und neuer Heimat, sowie mit dem Phanomen des Heimwehs.1

2 Die Diskursanalyse als Methodologie

Wie bereits beschrieben, soll im Folgenden eine Diskursanalyse zum Begriff Heimweh vom 17. Jahrhundert bis heute durchgefuhrt werden. Hierfur wird zunachst die Grundlage der Diskursanalyse vorgestellt.

Zu Beginn muss klargestellt werden, dass es keine eindeutige wissenschaftliche Defini­tion des Begriffes Diskurs gibt. Folgender Definitionsversuch erhebt dementsprechend keinen Anspruch auf Vollstandigkeit. Diskurs beschreibt zunachst eine mundliche oder schriftliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Es kann sich hierbei beispielsweise um ein Gesprach, eine Rede, eine Vorlesung, eine Aussage, einen Meinungsaustausch und vieles mehr in schriftlicher oder mundlicher Form handeln. Aussagen besitzen oder sollten zumindest meistens einen wissenschaftlichen Charakter aufweisen. Quellen einer Diskursanalyse konnen dementsprechend sowohl textlich, audiovisuell als auch materiell und praktisch sein. Wichtig ist nur, dass diese Quellen Informationen uber den Diskurs zum betrachteten Thema beinhalten. Wie der Titel dieses Kapitels bereits verrat, handelt es sich bei einer Diskursanalyse nicht um eine Methode, da kein bestimmter Ablauf, keine bestimmten Regeln festgelegt und aufgestellt werden konnen. Vielmehr ist es eine Me- thodologie oder ein „Methodenkatalog“. Eine Diskursanalyse ist vielmehr eine Perspek- tive, die man einnimmt, um eine Fragestellung zu bearbeiten. Das Vorgehen hangt stark von der Fragestellung und dem Forschungsgegenstand ab und muss daran angepasst wer- den. Somit kann nicht von einer allgemeingultigen Methode gesprochen werden. Ziel ei- ner Diskursanalyse ist beispielsweise das Analysieren und Beschreiben von Aussagen und Mustern, die in einer oder in mehreren Quellen auftreten.

Warum bietet sich die Diskursanalyse im Fachgebiet der Europaischen Ethnologie an? In der Europaischen Ethnologie fragt der Forscher danach, warum Individuen sich verhalten, wie sie sich verhalten. Es wird nach den alltaglichen Regelwerken einer Kultur gefragt. Mit Hilfe der Diskursanalyse kann diese Fragestellung auf der kommunikativen Ebene erortert werden und ist dementsprechend eine wichtige Methodologie des Faches.2

3 Diskussion des Heimatbegriffes

Als Grundlage des behandelten Themas muss zunachst der Begriff Heimat definiert be- ziehungsweise diskutiert werden. Die vorliegende Hausarbeit wurde im Rahmen des Se­minars „Heimat reloaded - Deutungen eines (un)popularen Begriffs“ geschrieben und kommt so nicht an einem Kapitel, das sich mit dem Begriff beschaftigt, vorbei. Bereits im Seminar wurde der Heimatbegriff zu Beginn diskutiert und Vorstellungen und Ideen zusammengetragen, um eine Basis der spater folgenden Schwerpunkte zu schaffen. Fur die folgende Definition sollen verschiedene Aussagen aus unterschiedlichen Quellen vor- gestellt werden. An dieser Stelle soll festgehalten werden, dass eine eindeutige und all- gemein gultige Definition nicht gegeben werden kann. Dies liegt am subjektiven Charak- ter und dem standigen Bedeutungswandel, den der Begriff erlebt.

Der Heimatbegriff wurde und wird in der Alltagssprache gerne und oft verwendet, was zur Folge hatte, dass er unscharf und vieldeutig wurde. Die Herkunft des Wortes ist na- heliegend: Es handelt sich um eine Erweiterung des Wortes Heim. Die Bedeutung ist dahingehend vielseitig und ungenau. Heim oder Heimat wird oft in territorialer und ge- meinschaftlicher Bedeutung beschrieben, aber auch als Besitz, als Gegenteil von Fremde oder als Emotion, oftmals auch als Land oder Vaterland.3 Doch inwieweit ist Heimat an einen Raum oder einen raumlichen Zusammenhang gebunden? Manch einer sieht einen klaren Zusammenhang von Heimat und einem Land, einem Ort, einer Region, dem Ge- burtshaus oder dem unmittelbaren Umfeld, also einem lokalisierbaren Raum. Fur einen Berliner mag Heimat dementsprechend die Stadt Berlin sein, fur einen New Yorker viel- leicht etwas spezifischer der Central Park. Verbunden mit der raumlichen Komponente ist meist das soziale Umfeld. Menschen, Familie und Freunde, sowie die Zeit, die man mit diesen an diesem Ort verbracht hat oder verbringt, Traditionen und Werte, die man sich angeeignet und ubernommen hat, sowie die Konstante des „Da-bleibens“ und des „immer-da-gewesenen“ sind in die Definition von Heimat mit einbezogen. Dieser Raum oder Ort der Heimat bleibt dennoch individuell und nicht allgemeingultig bestimmbar.4 Doch ist Heimat immer an einen bestimmten Ort gebunden oder kann man auch mehrere oder wechselnde Orte als Heimat bezeichnen und sich dort heimisch fuhlen? Heimat ist nicht nur die bloBe Existenz, es ist auch ein Gefuhl, verbunden mit der eigenen Identitat, mit Akzeptanz und Wohlbefinden. Auch Vergangenes und die Vergangenheit, beispiels- weise die Kindheit, spielt eine groBe Rolle in der Diskussion um Heimat.5 Heimat ist auBerdem etwas, was man selber machen, erzeugen und sich aufbauen kann. Heimat wird oft als Ideal verstanden, etwas was den individuellen Vorstellungen und der Sehnsucht entspricht. Diese Vorstellung, diese Utopie von Heimat tritt vor allem dann auf, wenn man auf der Suche nach Heimat ist und/oder sich in der aktuellen Heimat nicht wohl, nicht angenommen und akzeptiert oder eben einfach nicht „heimisch“ fuhlt. Das Gefuhl des „Angekommen-seins“ spielt hierbei auch eine wichtige Rolle.6

Heimat kann also vieles sein: „Heimat steht fur Familie. Heimat meint Erinnerungen. Heimat lasst sich verorten. Heimat kann man riechen, schmecken, fuhlen. Heimat ist da, wo das Herz wehtut. Heimat, das sind Gefuhle und Emotionen.“7 Heimat ist vor allem etwas Subjektives, das jeder fur sich definieren und erleben kann. Und so kann auch jeder das Heimweh auf unterschiedliche Weise definieren und fur sich erleben.

4 Diskursanalyse - Der Begriff Heimweh im Wandel der Zeit

In den folgenden Kapiteln werden Fragen uber Aussagen, Meinungen und Beschreibun- gen des Begriffs Heimweh fur jedes Jahrhundert beantwortet. Der gleiche Aufbau der Kapitel macht den Wandel, den der Begriff erlebt hat, sichtbar.

4.1 Der Diskurs im 17. Jahrhundert

Der Grundstein des Heimweh-Diskurses wurde mit Johannes Hofers Dissertation „Dis- sertatio medica De Nostalgia, Oder Heimwehe“ gelegt. Der Schweizer Medizinstudent promovierte im Alter von 19 Jahren im Jahr 1688 uber die Krankheit Heimweh. Er be- zeichnete die damals neuzeitliche Krankheit als Nostalgia und beschrieb auf 22 Seiten Ursachen, den Verlauf, Heilungsmoglichkeiten sowie betroffene Personen.

Uber Johannes Hofer selbst ist recht wenig bekannt, jedoch weiB man, dass er sich nach seiner Dissertation nicht mehr zum Heimweh-Diskurs geauBert hat und auch in keiner Form an diesem beteiligt war. Im Gegensatz zur bedeutenden Wirkung der „Dissertatio de Nostalgia“ fur die Offentlichkeit und den Heimweh-Diskurs spielte sie fur den Autor selbst eher eine untergeordnete Rolle. Um Verwirrung zu vermeiden, muss gesagt wer- den, dass das Wort Nostalgia den Begriff Heimweh beschreibt und als lateinischer Fach- begriff verwendet wurde. Heimweh selbst war im spaten 17. Jahrhundert bereits ein etab- lierter schweizerdeutscher Begriff und beschrieb einen, besonders Schweizer betreffen- den Zustand.8

Wie beschreibt Hofer nun aber die neue Krankheit? Welche Ursachen und MaBnahmen stellt er dar? Da keine wissenschaftliche Ubersetzung der lateinischen Doktorarbeit vor- liegt, kann ich diese im Folgenden nicht wortlich zitieren und mich nur auf andere Quel- len beziehen.

Als Ursache des Heimwehs nennt Hofer eine gestorte, kranke Einbildungskraft, die stetig geschonte Bilder der Heimat im UbermaB reproduziert und dem Erkrankten vor Augen fuhrt. Diese verzerrten Einbildungen fuhrt Hofer zuruck auf die sogenannten Lebensgeis- ter, die sich im Korper durch die Nervenbahnen bewegen und so Einfluss auf Organe und das Gehirn haben. Durch das Denken an die Heimat in der Ferne, weiten sich bestimmte Faserbahnen durch die Stromungen der Lebensgeister oder auch Spiritus genannt. Alle ubrigen Faserbahnen bleiben gleich oder bilden sich sogar zuruck. Dies fuhrt dann dazu, dass nur noch diese bestimmten Faserbahnen, die fur die Gedanken an das Vaterland zu- standig sind, von den Spiritus durchflutet werden und diese ein gewissen Eigenleben ent- wickeln konnen. 1st das geschehen, so ist die Krankheit ganzlich ausgebrochen und der Erkrankte verfugt uber keine Steuerungskraft seiner Gedanken. So werden also nur noch Bilder der Heimat produziert und die betroffene Person kann und muss nur noch an das ferne Vaterland denken. Auch der Korper leidet im Folgenden unter den Bewegungen und der Zentrierung der Spiritus in den Faserbahnen der Heimatgedanken. Laut Hofer bleiben keine Spiritus mehr ubrig, um andere Organe zu versorgen und zu steuern. So erklart er Heimweh als todliche Krankheit. Betroffen seien vor allem junge Manner, die in die Fremde geschickt werden, und Schweizer, wobei er vermutet, dass auch andere betroffen sein konnen.9

[...]


1 Vgl. Schreiber, Daniel: Deutschland soll werden, wie es nie war. http://www.zeit.de/kultur/2018-02/hei- matministerium-heimat-rechtspopulismus-begriff-kulturgeschichte. Erstellt am: 10.02.2018 (Stand: 12.02.2018). Vgl. hierzu auch einzelne Kapitel zu verschiedenen Themen in: Egger, Simone: Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden. Munchen 2014.

2 Vgl. Kiefl, Oliver: Diskursanalyse. In: Bischoff, Christine/Oehme-Jungling, Karoline/Leimgruber (Hrsg.): Methoden der Kulturanthropologie. Bern 2014, S. 431-443, hier S. 431 ff. Vgl. hierzu auch: Hess, Sabine: Diskursanalyse. Moglichkeiten fur eine volkskundlich-ethnologische Kulturwissenschaft. In: Hess, Sabine/Moser, Johannes/Schwertl, Maria (Hrsg.): Europaisch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte. Berlin 2013, S. 55-77, hier S. 55 ff.

3 Vgl. Korfkamp, Jens: Die Erfindung der Heimat. Zu Geschichte, Gegenwart und politischen Implikaten einer gesellschaftlichen Konstruktion (= Diss. Univ. Frankfurt a. M.). Berlin 2006, S. 19 f.

4 Vgl. Wulf, Claudia Mariele: Heimat - eine menschliche Konstante. In: Beckmann-Zoller, Beate/Kauf- mann, Rene (Hgg.): Heimat und Fremde. Prasenz im Entzug. Festschrift fur Prof. Hanna-Barbara Gerl- Falkovitz. 2. uberarb. Aufl. Dresden 2016, S. 49-60, hier: S. 49 ff.

5 Vgl. Bausinger, Herrmann: Heimat und Identitat. In: Moosmann, Elisabeth (Hg.): Heimat. Sehnsucht nach Identitat. Berlin 1980, S. 13-29, hier S. 13 ff.

6 Vgl. Mitzscherlich, Beate: „Heimat ist etwas, was ich mache“ Eine psychologische Untersuchung zum individuellen Prozess von Beheimatung (= Munchner Studien zur Kultur- und Sozialpsychologie Bd. 9; zugl. Diss. Freie Univ. Berlin 1995 u. d. T.: Subjektive Dimension von Heimat - eine qualitative Untersu- chung von Beheimatung). Frankfurt 1997, S. 66 f.

7 Egger, Simone: Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden. Munchen 2014, S. 11.

8 Vgl. Bunke, Simon: Heimweh. Studien zur Kultur- und Literaturgeschichte einer todlichen Krankheit. Freiburg u.a. 2009, S. 25 ff.

9 Vgl. Bunke (2009), S. 28 ff. Vgl. hierzu auch: Gerschmann, Karl-Heinz: Johannes Hofers Dissertation ,De Nostalgia' von 1688. In: Archiv fur Begriffsgeschichte 19 (1975), S. 83-88, hier: 84 ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Wandel des Begriffs Heimweh vom 17. Jahrhundert bis heute
Untertitel
Eine Diskursanalyse
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V514968
ISBN (eBook)
9783346121950
ISBN (Buch)
9783346121967
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wandel, begriffs, heimweh, jahrhundert, eine, diskursanalyse
Arbeit zitieren
Lara Fleischmann (Autor:in), 2018, Der Wandel des Begriffs Heimweh vom 17. Jahrhundert bis heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514968

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