Welches Erklärungspotential hat der Begriff der Exklusion zur Fassung von Kinderarmut?


Masterarbeit, 2014

57 Seiten, Note: 1,7


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Inhalt

1. Einleitung
1.1. Exklusionsgesellschaft?
1.2. Exklusion - Wegsteine und Fallstricke

2. Die Praxis der Exklusion
2.1. durch Unterscheidung - Asymmetrien der Beobachtung
2.2. durch Abgrenzung - die Praxis der Distinktion
2.3. durch Ausgrenzung - die Kommunikationspraktiken
2.4. durch Armut - Wie modern ist Kinderarmut?

3. Kindheit am Rande
3.1. Kinderleben in Armutslagen
3.2. Armutserleben in der Kindheit
3.3. Kindliche Bewältigungsstrategien

4. Exklusionspraktiken und Exklusionssysteme
4.1. Der Exklusionsbegriff als Eselsbrücke
4.2 Unkoordinierte Exklusionssysteme?

5. Einsichten und Ausblicke

6. Literaturverzeichnis

„Armut bei Kindern ist eine Anklage gegen die Welt der Erwachsenen. Es ist unmöglich, die Kinder zu beschuldigen (...) -, sie seien verantwortlich für ihre Armut, dass Armut aus ihrer Fahrlässigkeit, Faulheit oder anderem Versagen resultiere. Kinder sind immer die Opfer der Armut und nie ihre Verursacher.“ (Tarkowska 2010 : 36)

1. Einleitung

Armut ist die schwerste Form sozialer Ungleichheit und Kinderarmut ist unerträglich. - Sozialwissenschaften stellen die Frage, warum Gesellschaft die einen begünstigt und die anderen benachteiligt, welche Verhältnisse diese Ungleichheiten begründen und wie diese entstehen (vgl. Barlösius 2004: 11). Die gegenwärtig vorherrschenden Verhältnisse sozialer Ungleichheit in den europäischen Wohlfahrtsstaaten treffen mit aller Härte Kinder. Kinder sind gar nicht oder nur eingeschränkt in der Lage sind an gesellschaftlich vermittelte Ressourcen zu kommen (vgl. unicef 2012). In den reichen Wohlfahrtsstaaten sind Kinder die Exponenten der Armut, weil sie in hohem Maße von Gesellschaft abhängig sind (Beisenherz 2000: 95 u. vgl. 2002). Daher die Vermutung, dass in reichen Ländern Kinderarmut das Produkt gesellschaftlicher Ausgrenzung ist.

Auf der Suche nach ursächlichen Erklärungen für gesellschaftliche Ausgrenzung, die gegebenenfalls auf praktische Lösungen zuführen, tauchen Exklusionsbegriffe auf. Der Plural ist angebracht: Mit verstärktem Aufkommen in den 1990er Jahren wurde der Exklusionsbegriffs innerhalb und außerhalb der Sozialwissenschaften dramatisch ausgestaltet (vgl. Farzin 2011: 7). Zusätzlich wurde Exklusion durch vielfache, unklare, mehrdeutige Verwendung für die sozialwissenschaftliche Analyse zumindest gefährlich fehleranfällig, wenn nicht obsolet (vgl. Castel 2000: 69f.) Dennoch scheint die Wiederaufnahme dieses überladenen, inflationären Begriffs für soziale Ausgrenzung doppelt sinnvoll. Erstens, in Exklusion sind sozialtheoretische Weiterentwicklungen von zwei Dekaden gebunden. An der Begriffsgeschichte lassen sich deshalb die theoretischen Entscheidungen nachvollziehen, welche zu den aktuellen Exklusionsbegrifflichkeiten führten. Zweitens können bestenfalls neue oder bisher vernachlässigte Perspektiven erschlossen werden, wenn eine soziologische Lesart dieser Begriffsgeschichte entwickelt werden kann.

Im Begriff Exklusion konvergieren wesentlich jeweils Grundannahmen der Praxis- und der Systemtheorie. Das sind zwei theoretisch weitreichende, auch außerhalb der Disziplin einflussreiche Sozialtheorien, die als maßgeblich in der Soziologie gelten können. Die Vordenker der Praxis uns Systemtheorie sind längst moderne Klassiker. Diesen beiden gegensätzlichen Theorien wird zugetraut, dass sie sich trotz schwerwiegenden und tiefliegenden Unterschieden wechselseitig ergänzen (vgl. Hillebrandt 2006). Vermutlich kann an der theoretischen Stelle des Exklusionsbegriffs zwischen diesen beiden Theorien eine Hilfskonstruktion als Brücke aufgelagert werden. Gelänge dies, könnte anschließend Exklusion als eine zentrale Kategorie zur Analyse moderner Gesellschaft ausgearbeitet werden. Mit Exklusion wäre dann eine neue Perspektive auf soziale Ungleichheit zu gewinnen. Dann würde wahrscheinlich, dass im nächsten Schritt daraus sozialpraktische Lösungen abgeleitet werden könnten. Aber, dieses sozialtheoretische Großprojekt der Vermittlung von Praxis- und Systemtheorie wird in einer einzigen Arbeit und in diesem Umfang nicht angemessen zu verwirklichen sein. Zumindest einige interessierte Fragestellungen können dahingehend orientiert werden: Welches Erklärungspotential hat der Begriff der Exklusion zur Fassung von Kinderarmut? Welche Synergie Effekte hat eine vergleichende Synthese aus bestehenden Theorieangeboten der Systemtheorie und der Praxistheorie im Hinblick auf Kinderarmut als Exklusion?

Die Fragestellung legt den Weg durch diese Untersuchung bereits aus. (1) Mit der Einleitung soll ein Überblick über den Themenkomplex Exklusion gewonnen und die wichtigsten methodischen Entscheidungen begründet werden. Dann möchte ich (2) zuerst die Positionen in der Exlusionsdebatte zwischen Praxistheorie und Systemtheorie benennen und ein gemeinsames Vorverständnis des Exklusionsbegriffs entwickeln. Dabei soll ein Konzept von Exklusion aus dieser Debatte heraus entstehen, dass an die jüngste Begriffsgeschichte anschließt. Auf diese Weise soll es möglich sein Kinderarmut als Exklusion zu verstehen. Unerläßlich muss auch der Begriff Kinderarmut erschlossen sein. (3) Im zweiten Schritt sollen soziale Praktiken alltäglicher Exklusion von Kindern identifiziert und ursächlich mit dem neugewonnenen Verständnis von Exklusion erklärt werden. Der so gewonnene Exklusionsbegriff sollte an der forschungspraktischen Anwendung noch einmal trennschärfer werden. (4) Im dritten Schritt wird der Exklusionsbegriff, der nun theoretisch gewonnen und praktisch getestet wurde, eingedenk seines Erklärungspotentials kritisch an der laufenden Debatte verglichen und eingeordnet. Im letzten Schritt der Begriffsentwicklung wird der Exklusionsbegriff dann kritisch abgeklärt zur Disposition gestellt. (5) Der abschließende Teil soll die Untersuchung insgesamt und das Ergebnis mit Ausblick auf weitere Fragestellungen reflektieren.

1.1. Exklusionsgesellschaft?

„Die Ausgeschlossenen von heute sind die Armen von morgen.“ (Bude 2008: 128)

Die Grundannahme Armut sei Produkt gesellschaftlicher Ausgrenzung hat eine persönliche Vorgeschichte. Das Interesse am Themenkomplex soziale Ungleichheit entstand im Vorfeld dieser Arbeit bei der berufsmäßigen Unterstützung geringqualifizierter Helfer und einseitig ausgebildeter Fachkräfte den Anschluss an die Gesellschaft in einem globalisierten, hochtechnologiesierten Arbeitsmarkt zu finden. Die Perspektive war zunächst auf einen kausalen Zusammenhang von Bildung, Erwerb und Armut in den regionalen Gegebenheiten verengt. Anfangs boten machttheoretische und marktökonomische Grundannahmen der Klassen- und Schichttheorien ausreichende Erklärungen wie Gesellschaft soziale Ungleichheit strukturiert und reproduziert, wie Akteure ihren Platz in der Gesellschaft finden beziehungsweise zugewiesen bekommen. Vier Jahre Kontakt mit Empfängern von Arbeitslosengeld und Sozialhilfen in Beratungssituationen bestätigte die Beobachtung einer Armut, die auch psycho- soziale, medizinische, juristische, biologische und ethnische Dimensionen kennt und Einzelne über lange Zeiträume oder sogar dauerhaft, über Generationen, von der Gesellschaft trennt. Mit Voraussetzung des Exklusionsbegriffs konnten diese alltäglichen Bobachtung von Armut und gesellschaftlichem Ausschluß in Standpunkten, Gegenständen und Perspektiven der Exklusionsdebatte wiedergefunden werden. Der Studienfortschritt, interessiert an System- und Praxistheorie, der Überblick und das Ausloten der Gestaltungsmöglichkeiten staatlich geförderter sozialer Sicherung und die Einsicht in die Wirksamkeit dieser Steuerungsversuche erweiterte die macht - und klassentheoretisch Perspektive auf soziale Ungleichheit.

Die folgende Untersuchung soll die bisher nur vagen Annahmen plausibel und anschlussfähig ordnen: Exklusion bezeichnet [wobei diese Eindeutigkeit des Begriffs erst herzustellen ist], einen mehrdimensionalen und sequenziellen sozialen Prozess (vgl. Stichweh 2005, Kronauer 2010), [der in Teilprozessen nachvollzogen werden müsste], der als Gegenstrombewegung [die hypothetisch darzustellen wäre] aus der Mitte zum Rand der Gesellschaft verläuft (Castel 2000 u. 2008, Nassehi 2006, Kronauer 2010), [während diese sozialen ,Orte' ohne normativen Konnotationen zu beleuchten wären], und durch soziale Praktiken [die es zu entdecken gilt] gebildet und alltäglich in der/durch Gesellschaft aktualisiert wird. [Wozu eine, um ein Temporalisierungskonzept erweiterte, Praxistheorie gefunden und verstanden oder sogar gebildet werden müsste.] Der Focus dieser Untersuchung liegt auf dem Exklusionsbegriff und der Entdeckung sozialer Praktiken der Exklusion.

1.2. Exklusion - Wegsteine und Fallstricke

Der erste Schritt, um das synergetische Potential des Exklusionsbegriffs in system- und praxistheoretischer Perspektive für die lösungsorientierte Erforschung von Kinderarmut zu erschließen, ist die Entwicklung eines abgeklärten gemeinsamen Vorverständnisses von Exklusion. Die Entwicklung dieses Vorverständnis bedarf einiger konzeptioneller Weichenstellungen: Erstens, in der Exklusionsdebatte verschwamm zwischen den Interessen von Politik, Massenmedien und verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Exklusion zu einem vagen Begriff dessen, was soziale Ausgrenzung bedeutet und worauf sie ursächlich zurückzuführen wäre. Wird das Verständnis von Exklusion im Kontext lösungsorientierter Sozialforschung angegangen, gilt es den wissenschaftlichen Diskurs und andere Diskurse, etwa den politischen oder medialen Exklusionsdiskurs, auseinanderzuhalten. Zweitens, im sozialwissenschaftlichen Begriff von Exklusion wird ein Bündel kontroverser sozialtheoretischer Konzepte zusammengefasst. Jedes dieser Konzepte führt bereits einen eigenen theoriegeschichtlichen Hintergrund mit, den es als Exklusionsbegriff formuliert. Ist der theoriegeschichtliche Hintergrund der jeweiligen Begriffsentwicklung und die Position bekannt, den Exklusion in der Theorie einnimmt, kann der theorieimmanente Exklusionsbegriff dahingehend eingeschätzt werden, welches Forschungs- und Erklärungsinteresse damit verbunden ist oder war. Drittens, ist davon auszugehen, dass die Begriffsbildung des Autors vor und außerhalb dieser Untersuchung begann. Erst mit dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, eine erweiterte Perspektive auf Exklusion zu gewinnen. Das Vorurteil des Autors ist von teilnehmender Beobachtung und Teilnahme in einem gesellschaftlichen Teilbereich geprägt, wo die Vielfalt bewegender Einzelschicksale auf den Einschluss in oder den Ausschluss aus sozialer Sicherung anhand sozialrechtlicher Rahmenbedingungen zugespitzt und vereinfacht ist. Das Untersuchungsdesign indes soll die hauptsächlich durch Alltagserfahrungen des Autors etablierten Vorurteile weitestgehend methodisch ausblenden. Es gilt hier deswegen die methodische Entscheidung eines kontraintuitiven Vorgehens von der Theorie zur Empire. - Dieses Vorgehen forderte Vorbereitung. Theorien mussten dahingehend eingeschätzt werden, ob sie Exklusion ursächlich zu erklären in der Lage wären. Bevor der Blick auf die system- und die praxistheoretischen Grundlagen des Exklusionsbegriffs frei ist, muss Klarheit über die Position dieser beiden Theorien, innerhalb einer allgemeinen Exklusionsdebatte und zur zentralen Stellung von Exklusion in beiden Theorien, hergestellt werden. Das Nachvollziehen der theoretischen Entscheidungen die im Vorfeld zu dieser Arbeit getroffen wurden, bilden in Form einer kurzen kritischen Rekapitulation der Begriffsgeschichte von Exklusion eine gute Einführung ins Thema. Währenddessen kann begründet werden, wieso der populäre und in den Medien forcierte Exklusionsbegriff ausgeschlossen werden musste und warum der ebenso populäre Begriff Underclass nicht für die ursächliche Erklärung von Exklusion berücksichtigt wurde. Neben der Beteiligung von Politik und Medien an der Exklusionsdebatte erschien auch die soziologische Beteiligung nicht unproblematisch: Die Soziologie ist so lebendig wie ihr Gegenstadt die Gesellschaft. Soziologie muss deswegen Theorien, Begriffe und Konzepte ständig überprüfen und aktualisieren. Mit Beginn der 1990er Jahre und nochmals ab 2000 wird intensiv versucht den Begriff Exklusion zu präzisieren. Mit der Antwort auf die Frage warum unter diesen Erklärungsangeboten gerade die Exklusionsbegriffe aus der praxistheoretischen Perspektive Robert Castels und der Systemtheorie Niklas Luhmanns, beziehungsweise anschließend Weiterentwicklungen und Vermittlungsversuche zwischen diesen beiden Theorien als sinnvolle Theoriewahl erschienen, schließt die kritische Annäherung an den Exklusionsbegriff ab.

Der ursprünglich französische Exklusionsbegriff taucht zuerst in einer Auftragsforschung zum Thema Marginalisierung auf. Es geht um die Frage, warum einige Menschen nicht am neuen wirtschaftlichen Wohlstand beteiligt sind. Die Armut in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs konnte mit überkommenen Erklärungsmustern nicht mehr adäquat erfasst werden: „De la confrontation de ces études, il est apparu non seulement une difficulté de définir la pauvreté, raison de l'exclusion sociale, mais surtout une nécessité de traiter ce problème sous tous ses aspects: psycho - sociologique, médical, juridique, biologique et ethnique“ (Klanfer 1968: 1137) In Frankreich eroberte in den frühen 1990er Jahren der Begriff Exklusion die Medien und den politischen Diskurs. Zu diesem Zeitpunkt herrschte hohe Arbeitslosigkeit und die Präsidentschaftswahlen standen an. Mit Exklusion wurden verschiedene Phänomene zusammengefasst, anhand derer das Versagen der sozialistischen Regierung an der sozialen Frage im Wahlkampf thematisiert werden konnte (vgl. Castel 2008: 69). Dieser polemisch zugerichtete Exklusionsbegriff erlangte einige Popularität und erneuerte „(...) in den europäischen Wohlfahrtsstaaten den Armutsbegriff als Skandalisierungskonzept sozialer Probleme (..) “ (vgl. Bude et al. 2006: 11). Dieser Wahlkampfbegriff wuchs mit vielen unkritischen Übernahmen zwischen einzelnen Diskursen, dass Exklusion, trotz engagierter sozialwissenschaftlicher Debatte, als Begriff derart politisch belastet und diffus wurde, dass er nicht mehr als wissenschaftlicher Begriff taugte. Inspirierter: „Es ist kein analytischer Begriff, der präzise Forschungen anleiten könnte.“ (Castel 1996: 775)

Der Begriff ,Underclass' fand in der anglophonen Diskussion zur Armut, Ausgrenzung und Arbeitslosigkeit ähnliche Resonanz wie Exklusion in Frankreich. Auch der Begriff Underclass verdankt seine Popularität massenmedial-politischem Gebrauch. Desgleichen ist die inhaltliche Verquickung beider Begriffe miteinander nicht von der Hand zu weisen: Exklusion, wie Underclass beziehen sich in erster Linie auf Manifestationen von Armut und Arbeitslosigkeit in der Stadt (vgl. Kronauer 2010: 74). Die Underclass ist der Ort, an dem sich Vorgänge von Mehrfachbetroffenheit und Vielfachbenachteiligung, (..) als fortschreitende Entkopplung und kumulative Entbindung niederschlagen und in Beschäftigungsverlust und damit dem Verlust ökonomischer Sicherheit, Netzwerkarmut, verfestigtes Misstrauen gegen Institutionen und sichtbare Körperbetroffenheit resultieren (vgl. Bude 2006: S.13ff.). Überflüssige, Überzählige, Exkludierte bevölkern diesen sozialen Ort namens Underclass. Ihnen gilt das Forschungsinteresse, welches in Underclass als zentrale Kategorie zur Erforschung sozialer Ungleichheit gebunden ist. Will heißen, der Begriff stellt intuitiv auf die von Exklusion betroffenen Personen ab. Exklusion beschreibt dagegen einen Ausschließungsprozess (..)der im „Inneren“ der Gesellschaft einsetzt (vgl. Kronauer 2010: 70). Bereits die Bezeichnung ,-class‘ des Underclass Begriffs ist irreführend. Es wird keine Klasse sondern, eine Restkategorie bezeichnet. „Die ,Underclass' ist nur negativ durch Ausschluss und Nutzlosigkeit gekennzeichnet. “(a.a.O.: 61) Diese klassentheoretische Mangeldefinition begründet hier nicht den methodischen Ausschluss. Mit ,Exklusi- on' konnten in der Debatte der vergangenen zehn Jahre zunehmend sozialphänomenologische Bezüge hergestellt werden. Es geht bei Exklusion um die Erfahrungen Exkludierter und Effekte von Prozessen der sozialen Grenzkonstitution (Opitz 2008: 177). Exklusion verspricht, über klassen - und schichttheoretische Modelle und über den Underclass - Begriff hinauszuweisen, indem er das individuelle Empfinden als Ursache sozialer Schließung vor allen anderen Indikatoren wie Einkommen, Ethnie, Geschlecht, Alter, etc definiert. Das Erklärungspotenial des Begriffs Underclass als Zentralkategorie der Armutsbeziehungsweise Ungleichheitsforschung soll die methodische Entscheidung für Exklusion nicht bewerten.

Auch nach der Unterscheidung vom sozialpolitischen, zuweilen populistischen Alltagsbegriff kann Exklusion als Instrument der Gesellschaftsdiagnose nicht unkritisch übernommen werden. Castels eindringlich warnenden Worte nicht in die Fallstricke des Exklusionsbegriffs zu tappen, stammen aus der gleichen Schule wie die Einsicht, dass es keinen ahistorisch gültigen sozialwissenschaftlichen Exklusionsbegriff gibt: Es gäbe in der Begriffsbildung stattdessen viel mehr zwangsläufig kontextbedingte Missverständnisse des Begriffs und seines Verständnisses (vgl. Bourdieu 2002 insb. 4f.). So entsteht neben dem Allerweltswort Exklusion (vgl. Castel 1996: 775) in den Sozialwissenschaften ein Begriff, dessen theoriegeschichtliche Hintergründe die Debatte bis heute bestimmen. In Underclass wird die englische Tradition von Bürgerrechten mitgeführt. Das ist maßgeblich die Idee, dass gesellschaftliche Beteiligung mit sozioökonomischen Funktionen einhergeht. Indessen in Exklusion Vorstellungen von sozialer Kohäsion durch wechselseitige Abhängigkeit gebunden sind, die auf die französische Denktradition zugeschrieben werden können (vgl. Kronauer 2010: 61). In Deutschland kommt der Begriff ,Exklusion' sehr spät im wissenschaftlichen Diskurs an. In den 90er Jahren stehen Individualisierungsthesen im Vordergrund. Thema ist die biographische Lösung von der sozialen Herkunft. Auch im politischen Diskurs wird Exklusion lange nur als Randphänomen einer grundlegend auf Inklusion ausgerichteten Gesellschaft wahrgenommen. Entscheidend dafür war, dass Ausgrenzung gut funktionierte. „Noch bis Mitte der 1990er Jahre hinein blieben zwei Drittel aller abhängig Erwerbstätigen in Westdeutschland von Arbeitslosigkeit (...)verschont.“ (a.a.O.: 227) Und deswegen kam das Thema Exklusion und Kinderarmut erst gar nicht auf den Tisch.

Praxistheorie hat ihren Ursprung zum einen im Versuch soziale Ungleichheit ursächlich zu klären, andererseits intendierte die Praxistheorie schon in ihren Anfängen im Umfeld Robert Castels einen theoretischen Paradigmen- wechsel herbeizuführen. Mit der Grundannahme, neben objektiven Strukturen von Klassen existiere "die repräsentierte soziale Welt" (Bourdieu 1999: 278) verlagert die Praxistheorie ihre Sichtweise auf die subjektiven Wahrnehmungs- , Denk- und Handlungsweisen. Nimmt an, Bewusstsein steuert soziale Praxis. Mit dem praxistheoretischen Untersuchungsdesign gelingt Castel das Ausgrenzungsproblem der Gegenwart grundlegend von Ausgrenzungskonstellationen in früheren Epochen zu unterscheiden. Castel untersucht Praktiken des Fürsorge Gewährens und findet in diesen, eine „(...) außerordentliche Vielfalt von Praktiken, denen gleichwohl eine bestimmte Struktur gemeinsam i st, die sich aus der Existenz mittelloser Bevölkerungskategorien und der Notwendigkeit ihrer Versorgung ergibt.“ (Castel 2008: 27) Typisch für die Praxistheorie ist relationale Ungleichheitsverhältnisse und Positionierungen in der Gesellschaft zu erforschen, ohne den Blick dabei auf die Randbereiche der Gesellschaft zu verengen. Die Sicht Castels beginnt sozusagen von „unten“ beziehungsweise „außen“ her, und erfasst aber das Elend jeder sozialen Position vom Rand bis ins Zentrum. Der Exklusionsprozess beschreibt in Castels Fassung eine Bewegung, die vom gesellschaftlichen Zentrum ausgeht, die gesamte Gesellschaft erfasst und zu tiefgreifenden Veränderungen der sozialen Nahbeziehungen und Konsequenzen für das Erleben des Einzelnen führt. Exklusion, vielmehr Entkopplung ist zentraler Begriff Castels Theorie. Das Angebot zur Erklärung von Kinderarmut formuliert Castel innerhalb eines Exklusionsverständnisses als Entkopplung, welches die objektive und subjektive soziale Realität der gesamten Gesellschaft umfasst.

Den Blick aus der Vogelperspektive auf die Gesellschaft bietet die Systemtheorie. Luhmann legt den Exklusionsbegriff als elementaren Bestandteil einer allgemeinen Theorie sozialer Differenzierung an. Die Systemtheorie stellt soziale Ausgrenzung begrifflich nicht zuerst auf Arbeitslosigkeit und Armut ab, sondern sieht in Exklusion die Voraussetzung des Funktionierens ,moderner' funktional geteilter Gesellschaften (vgl. Kronauer 2006: 28 u. 2010: 30). Systemtheorie behandelt Exklusion als die personelle Konstitution und Dekonsti- tution in Relation zu stets prekären Prozessen sozialer Ordnungsbildung (...)[Hervorhebung im Original] (vgl. Opitz 2008 : 177) Damit bewegt sich die Systemtheorie Luhmanns nicht nur außerhalb von Machtheorie und Klassen - und Schichtmodellen, sondern sie verspricht explizit mithilfe des Begriffs der Autopoiesis ontologische Denktraditionen zu überwerfen (Luhmann 1984: 15ff). Die charakteristisch distanzierte Haltung der Systemtheorie zum Gegenstand schützt außerdem vor Moralisierung und Ideologisierung des wissenschaftlichen Begriffs.

Praxis- und Systemtheorie zeigen, trotz vieler Unterschiede erstaunliche verbindende Muster. Ähnlichkeiten zeigen die grundlegenden Denkfiguren: (...)Schließung, Tautologie, Strategien der Unsicherheitsbearbeitung, Grenzüberschreitung, Reflexion (vgl. Kuchler 2006: 6). Durchaus erstaunlich sind diese verbindenden Muster, weil sie sich auf unterschiedliche Einheiten beziehen; praxistheoretisch auf Individuen und systemtheoretisch auf Kommunikation (vgl. ebd.). Die fein detaillierte Ausführung des Theorievergleichs birgt Erkenntnisgewinne für die Weiterentwicklung beider Theorien und der darin enthaltenen grundlegenden Konzepte. Bei Praxis und Systemtheorie stellt meist die Vermittlung der Theorien Bourdieus und Luhmanns die reizvollste Herausforderung sozialtheoretischer Denkspiele dar. Den Vorsatz, sowohl des systemtheoretischen Erklärungsansatzes Luhmanns und des praxistheoretischen Erklärungsansatzes Castels, sich von traditionellen Erklärungsversuchen abzuheben, untermauern Theorievergleiche, welche entlang der Perspektiven auf Wohlfahrtsstaat (Kuchler 2006) und soziale Ungleichheit (Barlösius 2004; Hille- brandt 2006) Erkenntnisse an die grundlegenden Theorien anschließen. Sinnvoll für die Vermittlung entlang der Perspektive sozialer Ausgrenzung erscheinen Praxis- und Systemtheorie, weil sie eine grundlegende Gemeinsamkeit teilen: „Beiden Theorien ist die Überzeugung inhärent, dass sich die Entstehung und Reproduktion der Sozialität nicht auf ein extrasozietales Prinzip zurückführen lässt, das sich substanziell oder essentialistisch bestimmen lässt.“ (Hillebrandt 2006: 348) Und deswegen darf diesen Theorien zugetraut werden, Exklusion als Phänomen des Sozialen und nur des Sozialen zu fokussieren. Das macht die theoretische Entscheidung vor allem dann nachvollziehbar, wenn der Exklusionsbegriff auf Kindheit bezogen wird. Vorweggenommen - Kinder befinden sich aufgrund physischer bzw. geistiger Schwäche in einer Situation anerkannter Abhängigkeit von der Gesellschaft (vgl. Castel 2008: 27). Kinder per se sind Bündel gesellschaftlicher Zuschreibungen und Erwartungen (vgl. Luhmann 1984: 286). Warum es dann trotz totaler gesellschaftlicher Abhängigkeit von Kindern soziale Ausgrenzungen von Kindern gibt, deren Auswirkungen vom Ünglücklichsein bis zur lebensgefährlichen Armut reichen können, ist letztlich die Frage die das Berufserleben des Autors stellt und der Wissenschaft zugemutet wird zu beantworten.

2. Die Praxis der Exklusion

Gelingt Vermittlung zwischen Praxis- und Systemtheorie entlang des Exklusionsbegriffs, mit dem vorangestellten Ziel Effekte des Zusammenwirkens für die ursächliche, problemorientierte Erklärung von Kinderarmut zu nutzen, steht zu erwarten, dass sowohl die verbindenden Muster beider Theorien, als auch die Unterschiede, die einen Unterschied machen danach offen liegen. Mehr noch, theoretische Lehrstellen beider Theorien könnten sich ergänzen. Gemessen an Umfang und Tiefe von Praxis- und Systemtheorie muss hier ein Versuch wilden Zusammendenkens unternommen werden. Beide, Praxis- und Systemtheorie haben eine große Theoriegeschichte vorzuweisen. Ihre Begriffe und Konzepte gehören zum Alltagswissen innerhalb und außerhalb der Soziologie, wovon allein schon die Menge an Bezügen in Fußnoten und Literaturverzeichnissen der Fachliteratur kündet. Abgesehen von der inhaltlichen Vielfalt von Veröffentlichungen, die beide Theorien bis heute immer wieder aufrufen, gibt es auch theoretische Weiterentwicklungen. Dekompositionen und Rekompositionen der Theoreme finden dann jeweils in einem Forschungskontext statt, und die einzelnen Begriffe können dann nur noch kontex- tualisiert verstanden werden. Entsprechend wird auch hier ein eklektisches Vorgehen gewählt, um das Grobwerk wilden Zusammendenkens bestmöglich zu stützen. Der Blick zu den Grundlagentheorien als Ausgangsmaterial zwingt sich auf. Der Exklusionsbegriff der Systemtheorie Niklas Luhmanns zuerst (2.1.), und dann der praxistheoretische Begriff der Entkopplung bei Robert Castel (2.2.) bilden die Grundlage der gesamten folgenden Untersuchung. Diese beiden Theorien werden jeweils nach ihrem Exklusionsverständis befragt, und danach, wie Exklusion und Kindheit aufeinander zu beziehen wären. Um mit dem Exklusionsbegriff in die laufende Debatte aufschließen zu können, müssen wegweisende Kritik und Weiterentwicklungen von Exklusion auf begrifflicher und sozialtheoretischer Ebene nachvollzogen werden. Der Fokus liegt dabei auf Vermittlungsversuchen zwischen Sytem- und Praxistheorie. An dieser Stelle der Untersuchung sollen Synergien zwischen beiden Theorien benannt werden. (2.3.) Darüber hinaus existiert bereits ein Erklärungsangebot für die lösungsorientierte Erforschung von Armut bei Kindern durch den Begriff Kinderarmut. Ein Vergleich des Exklusionsbegriffs am Begriff der Kinderarmut bietet sich deshalb abschließend für diesen Teil an, um daran das Erklärungspotential des synthetisierten Exklusionsbegriffs zur lösungsorientierten Erforschung von Kinderarmut darzustellen. (2.4.)

2.1. durch Unterscheidung - Asymmetrien der Beobachtung

Der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann hinterließ mit seinem umfangreichen Werk ein theoretisches Baukastenspiels. Luhmanns Theorie hat auch außerhalb der Soziologie großen Anklang gefunden. Das liegt daran, dass sich verschiedenen Disziplinen in Luhmanns Hauptwerk wiederfinden können. Luhmann veröffentlichte in seine umfassende Gesellschaftstheorie eingebettet Ausgaben zu den Themen Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Massenmedien, Kunst, Politik, Religion, Erziehung und Moral. Seine Systemtheorie bietet sich, über Fachgrenzen hinaus den an Soziologie angrenzenden Theorien für einen vertiefenden kritischen Zugang zur Gesellschaftstheorie über thematische Allgemeinplätze an. Die besondere Attraktivität der Systemtheorie besteht darin, dass diese Theorie unabhängig vom Arrangement ihrer Elemente, insofern man entsprechend erfolgreich damit spielt, stringente Erklärungen sozialer Phänomene liefert. Den Bauplan für den systemtheoretischen Exklusionsbegriff bestimmt im Folgenden die forschungsleitende Frage. Es heißt Exklusion als Begriff, für das, was fehlt, wenn Inklusion nicht zustande kommt (vgl. Luhmann 1989: 227) im Kontext sozialer Ungleichheit, mit der Frage nach Erklärungen der Exklusion von Kindern in der Gegenwartsgesellschaft zu lesen.

Bei Exklusion geht es in der Systemtheorie darum, ob Menschen an der Kommunikation beteiligt werden. Kommunikation ist der zentrale Begriff in Luhmanns Systemtheorie und deswegen der Grundstein auf dem im Folgenden ein Verständnis von Exklusion aufgebaut werden kann. Die Gegenwartsgesellschaft stellt für Luhmann historisch einmalige Bedingungen hinsichtlich Inklusion und Exklusion. Diese Bedingungen wirken sich auf Kinder in besonderer Weise aus, weswegen deren Kenntnis vorausgesetzt werden muss. Kinder kommen in Luhmanns System als ein Doppel vor: Der Form nach ist ein Kind eine Person, das heißt ein System eigener Art. Das führt zum namensgebenden Begriff der Theorie, und der Aufgabe zu klären was Systeme sind. Der Systembegriff hat seine Wurzeln in der allgemeinen Systemtheorie und Kybernetik. Um das Mini - System Kind theoretisch in der Gegenwartsgesellschaft lokalisieren zu können, ist es unvermeidbar auch die Grundannahmen Luh- manns Theorie funktionaler Systeme zu kennen. Letztlich macht den wesentlichen Unterschied aus, dass Kinder sensibel auf Erziehungsstress reagieren. Das Kind gilt Luhmann deswegen als das Medium der Erziehung (vgl. Luhmann 2008: 199). Entsprechend muss die Funktionsweise des Erziehungssystems durchleuchtet werden, wenn Exklusion von Kindern das Thema ist.

Das systemtheoretische Verständnis von Kommunikation setzt sich von einem geläufigen Verständnis von Kommunikation ab: „Eine Kommunikation teilt die Welt nicht mit, sie teilt sie ein. “ (Fuchs, Luhmann 1989: 7) Man könnte sagen, dass Luhmann Kommunikation mit Gesellschaft gleichsetzt. Die Konstitutionbedingungen von Kommunikation regeln den Aufbau sozialer Systeme. Soziale Systeme sind, wie Leben und Bewusstsein eine Realität suis generis. Wenn Kommunikation stattfindet, bilden sich ganz leicht aus sozialen Situationen soziale Systeme (vgl. Luhmann 1984: 184). Damit Kommunikation stattfinden kann „(...) müssen in komplexeren Gesellschaften gewisse Unwahrscheinlichkeitsschwellen überwunden werden,(...)“ (vgl. Luhmann 2008: 202) Kommunikation muss verstanden werden können, Kommunikation muss adressierbar sein und Kommunikationsofferten müssen anschlussfähig sein. Kommunikation verstehen heißt, dass sie nur kontextgebunden möglich ist. Die Schwierigkeit: „(...) es ist unwahrscheinlich, dass einer überhaupt versteht, was der andere meint (...) “ (vgl. Luhmann 2001: 78). Adressierbarkeit von Kommunikation verweist auf die räumliche und zeitliche Extension Interaktionen in denen gegenseitiges Verstehen unter Umständen möglich wird. Verständlich kann nicht jede und jeder zu jeder Zeit und überall an Kommunikation teilnehmen (vgl. ebd.). Zuletzt ist erfolgreiche, anschlußfähige Kommunikation nur möglich, wenn der Empfänger die Information, die kommuniziert werden soll, als Prämisse des eigenen Verhaltens annimmt. Das heißt, „(...) Handeln nach entsprechenden Direktiven, aber auch Erleben, Denken und weitere Kognitionen Verarbeiten unter der Vorraussetzung, dass eine bestimmte Information zutrifft“ (vgl. a.a.O.: 79). An Kommunikation teilnehmen kann nur, wer diese Hürden gelassen nimmt. Das ist für Luhmann eine Vertrauensfrage. Will heißen. Vertrauen ist die Strategie, um eine immer präsente Angstschwelle zu überwinden. Strategien werden notwendig, weil die oben genannten Unwahrscheinlichkeiten gelingender Kommunikation entgegenstehen. Sie wirken „(...) als Schwellen der Entmutigung und führen zum Unterlassen einer Kommunikation, die man für aussichtslos hält“ [Im Original hervorgehoben] (ebd.) . Sozial ausgrenzt ist demnach, wer nicht die Chance hat an Kommunikation beteiligt zu werden, weil er oder sie nicht anwesend sein kann, weil keine gemeinsame Sprache gefunden werden kann, weil der Sinn sich zu beteiligen nicht einleuchtet oder weil einfach der Mut fehlt: „Soll die Bildung sozialer Systeme eine immer präsente Angstschwelle überwinden, sind entsprechende „trotzdem“ - Strategien erforderlich. “ (Luhmann 1984: 179)

Exklusion hängt in Luhmanns Theorie wesentlich mit der Umstellung der Gesellschaft auf funktionale Differenzierung zusammen. Exklusionen sind die Grundlage der Reproduktion der funktionalen Teilsysteme der Gegenwartsgesellschaft. Bis in die Gegenwart entwickeln sich in langen Transformationsprozessen autonome Funktionssysteme. Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft etc. verselbständigen sich als Funktionssysteme und inkludieren den Menschen anhand der funktionssystemeigenen binären Leitdifferenz. Das heißt niemand ist mehr davon ausgenommen Macht zu haben oder nicht, Recht zu bekommen oder nicht, Geld zu verdienen oder nicht, etc.. Gleichheit wird zur Typik der Moderne. Das ist der Grund, warum Systemtheorie die Strukturierungskraft sozialer Ungleichheit in der Gegenwartsgesellschaft als vergleichsweise wenig bedeutsam erachtet. Die Funktionssysteme erzeugen und tolerieren soziale Ungleichheiten anhand der eigenen Leitdifferenz (vgl. Luhmann 2008: 249 u. vgl. Barlösius 2004: 186), und damit hat jeder hat die gleiche Chance auf Ungleichheit. Problematisch hingegen, wird die Einbindung des Menschen in der funktional geteilten Gegenwartsgesellschaft gesehen. „ Die neue Ordnung der Inklusionen führt zu einer dramatischen Veränderung im Selbstverständnis der Individuen.“ (Luhmann 1997: 626) Dramatisch, weil in funktional differenzierten Gesellschaften der Mensch mit seiner eigenen sozialen Identifikation belastet wird (vgl. Luhmann 1981: 247). „ Die Einzelperson kann nicht mehr einem und einem gesellschaftlichen Teilsystem angehören. “ Und deswegen bietet die funktional geteilte Gesellschaft, „(...)dem Einzelnen keinen Ort mehr, wo er als „gesellschaftliches Wesen“ existieren kann “ [Im Original hervorgehoben] (Luhmann 1989: 158), beziehungsweise er oder sie (...) sich als Individuen heimisch fühl [t] (vgl. Luhmann 1997: 621). Der Mensch lebt außerhalb der Funktionssysteme (vgl. Luhmann 1981: 25)

Die moderne Gesellschaft formuliert „(...)die Anforderung an das Individuum, sich selbst zu individualisieren.“ (a.a.O.: 247) und zwingt damit den Einzelnen „(...) Ansprüche an die Gesellschaft aus sich selbst heraus zu legitimieren und zu artikulieren“ (vgl. Hillebrandt 1999: 251 u. vgl. Luhmann 1997: 627). Und nachvollziehbar lässt sich schlecht fordern was man nicht kennt und nicht beschreiben kann, oder nicht beschreiben darf. Kinder individualisieren sich verhältnismäßig stärker als Erwachsene entlang der in der Gegenwartgesellschaft herrschenden „(...) Erlaubnisse und Verbote, Freiheitskonzessionen und Vorstellungen des Könnens, Nichtkönnens, Nochnichtkönnens, Nochnicht- könnenmüssensaberdochschonkönnens (...)“ (vgl. Luhmann 2008: 202). Und wie sie das tun wird durch Systemtheorie erklärbar, wenn Kinder als Systeme eigener Art verstanden sind. Systeme, die verhalten sich so, dass sie sich selbst aus ihnen zu eigenen Teilen erhalten. „Ein System ist ein Kastel, das man auf der einen Seite kitzeln kann und auf der anderen Seite niest es“ (von Foerster 1994). Fehlt eines dieser drei Elemente, die es als System charakterisieren [Niesen, Kitzeln, Kastel], dann ist es kein System [Kitzelnieskastel] mehr. Offensichtlich sind ,Kinder' keine Erwachsenen'. Kinder, die von den Organismen und psychischen Eigentümlichkeiten der nachwachsenden Menschen zu unterscheiden wären (Luhmann 2008: 199) sind vergleichbar zur Form Person bei Luhmann Ausdruck der „(...) sozialen Identifikation eines Komplexes von Erwartungen (...) die an einen Einzelmenschen gerichtet werden“(v gl. Luhmann 1984: 286). Die Bezeichnung Kind ist als Identitätsmarker zu verstehen, mit dem im Kommunikationsprozess von anderen an der Kommunikation beteiligten Personen Bezug auf den nachwachsenden Menschen genommen wird (vgl. Luhmann 1997: 620 Anm. 42). Will heißen, wird ein Mensch in der Kommunikation mit der Beschreibung ,Kind' identifiziert, hängt dies mit einer Beobachtung zusammen. Notwendig entstehen mit Beobachtungen die Beobachter in der Kommunikation identifizieren Ungleichheiten, denn „(..) es muß mithilfe einer Unterscheidung feststellbar sein, was durch eine Information ausgeschlossen wird,(...)“ (Luhmann 1988: 48). Gemeint wäre mit ,Kind' im Grunde die Möglichkeit durch die pädagogisch angestrebte Form geprägt zu werden. Das Kind ist ungleich Erwachsener unterschieden, weil ihm Erziehungspotential zugeschrieben wird. Weil es noch außerhalb der meisten Funktionssysteme gestellt verortet wird und in dem Sinne wachsen kann, dass in fortgesetzter Kommunikation zunehmend mehr Beschreibungen über das Kind -System angefertigt werden könnten. Ein Kind wird so doppelt durch die Zuschreibung von Erwartungen in der Kommunikation definiert. Aus dem ,Kind' kann noch was werden. Ferner nimmt die Systemtheorie für alle Systeme an sie besäßen einen eigenartigen Zwang zur Autonomie (vgl. Luhmann 1984: S.28) und sie haben dazu die „(...)Fähigkeit, Beziehungen zu sich selbst herzustellen und diese Beziehungen zu differenzieren gegen Beziehungen zu ihrer Umwelt" (Luhmann 1993, S. 31). Vorerst vereinfacht heißt das, ein Kind - System erhält sich selbst durch Antizipation seiner Umwelt und es ist kein Kind mehr, wenn es nicht mehr erzogen werden kann, beziehungsweise keine Kindsystemänderung durch Erziehung mehr erwartet wird. „Unter Erziehung versteht man üblicherweise die Änderung von Personen durch spezialisierte Kommunikation“ (Luhmann 2008: 194). Um als Kind an Gesellschaft bzw. in der Kommunikation teilhaben zu können, müssen Kinder am Ort des gesellschaftlichen Geschehens sein können, decodieren können, was dort gesprochen wird und in gleicher Konfiguration codiert die Kommunikation weiterführen können. Und sie müssen den Mut finden sich zu äußern. Erlaubnisse und Verbote und Freiheitskonzessionen bestimmen dementsprechend wirksam das Kind.

Durch wiederholte Formung mithilfe von Sprache prägt Erziehung Inklusionsstrategien, ermöglicht Karrieren, in welche Richtung auch immer. Die Formung gelingt vom In- Gang halten sprachlicher Kommunikation (vgl.a.a.O.: 202) und wird entgegengesetzt von den Randbedingungen der Kommunikation begrenzt. Deshalb wird Sozialisation in der Gegenwartgesellschaft problematisch, weil sie durch hochselektive sprachliche Kommunikation außerhalb der Funktionssysteme realisiert werden muss. Sozialisation ist eine Frage des Erinnerns von Erfahrungen die nur im sozialen System gemacht werden können. Dazu muss Bewusstsein in der Kommunikation anwesend und anschließend formbar sein, dass überhaupt im Erziehungssystem Veränderungen des Bewusstseinszustandes herbeigeführt werden können. Erziehung erfolgt also abhängig von bewusster Beteiligung, und kann von Sozialisation, die außerhalb des Sozialen quasi als Selbstsozialisation stattfindet unterschieden werden: „Die Teilnahme am sozialen System[1] fordert dem Menschen Eigenbeiträge ab und führt dazu, dass die Menschen sich gegeneinander exklusiv verhalten; denn sie müssen ihren Beitrag selbst erbringen, müssen sich selber motivieren“ (Luhmann 1984: 299) und zwar bewusst, verwiesen auf das Bewusstseinssystem und nicht im sozialen System.

Erziehung erzeugt vielfältige Formen. Weil ein Kind eben kein leerer Kasten ist, in den beliebige Inhalte eingefüllt werden könnten (vgl. ebd.), kann Erziehung nicht zuverlässig personale, sprich hier kindliche Vertrauens- oder Misstrauensstrategien ermöglichen oder erleichtern. Das kann unkontrolliert zu Inklusionen führen, oder nicht: „Ein gutes, für Funktionssysteme brauchbares Medium setzt voraus, daß es durch Formbildung nicht verbraucht, sondern zugleich erneuert wird“ (a.a.O.: 210). Die Inklusionsstrategien, die Kindern vermittelt werden können sind also durch deren Lernfähigkeit determiniert. Deutlicher, gesellschaftlich geteilter Ungleichheitserwartungen wegen, müssen ,Kinder' im Erziehungssystem teilnehmen, dass Exklusion herstellt, wenn Inklusion über Lernfähigkeit nicht mehr stattfinden kann. „Was wiederbenutzt wird, kondensiert zu Erfahrung und nimmt damit eine Form an, die sich aller exakten Beschreibung entzieht“ (a.a.O.: 208), denn das Kind, muss sich als personales System eigener Art gegenüber seiner Umwelt als Einheit erschließen können. Dabei nutzt das ,System Kind' die Umwelt, die ihm erlaubt ist zu beo- bachten2. Luhmann gibt an selber Stelle zu bedenken, dass diese selbstreferentiellen Prozesse beispielsweise auch verschiedene Kinder in einer Familie trotz relativ gleicher Bedingungen ergeben. Ebenfalls ermöglicht Erziehung dass Menschen sich aufeinander einstellen können. Das heißt Bewusstsein ist in der Lage Situationen zu akzeptieren, auch wenn diese ungünstig sind. Kommunikation stellt aufgrund ihrer Attraktivität für das Bewusstsein dafür das Schlüsselerlebnis - was immer das Einzelbewusstsein sich dabei denkt. Kommunikation bietet auf diese Weise auch Erklärung sich in relationalen Positionen heimisch zu fühlen (vgl. ebd.).

2.2. durch Abgrenzung - die Praxis der Distinktion

Mit Robert Castel Tod 2013 verlor die Armuts- und Ungleichheitsforschung und die historisch rekonstruierende Kultursoziologie, die ihre Wurzeln in der französischen Praxistheorie findet, ihren maßgeblichen Wegbereiter, kritischen Begleiter und Impulsgeber der die Entwicklung und Weiterentwicklung des Exklusionsbegriffs ab den 1960er Jahren geprägt hat. Robert Castel schrieb die große Anthropologie des gesellschaftlichen Umgangs mit Armut, Ausgrenzung und sozialer Ungleichheit. Sein Werk bildet die Exklusionsseite zur Inklusionsforschung seines Kompagnons Pierre Bourdieu. Mit ausgewogenem Überblick über die Theoreme beider Praxeologen ist der komfortable Zugang zum praxistheoretischen Exklusionsbegriff möglich. Die Zentralperspektive der Interpretation liegt verständlich bei Castel. Bourdieus Grundbegriffe werden en passent erläutert, wenn sie dem Verständnis Castels Konzepte zuträglich sind.

Mit dem Begriff Entkopplung gelingt Castel auf praxistheoretischen Grundlagen ein Exklusionsbegriff, der mit enormem analytischem Potential aufgeladen ist.3 Dieser Begriff erfasst wesentlich Wechselwirkungen zwischen der Konstitution und Dekonstitution des Individuums und den Unsicherheiten objektiver Ressourcen und kollektiver Sicherheiten. Diese Wechselwirkungen findet Castel bei der Untersuchung von Praktiken, die sich am gesellschaftlichen Rand entwickeln. Er schafft es mit dem zentralen Konzept sozialer Praxis den Prozess der Entkopplungen auf die Gesamte Gesellschaft zu beziehen. Exklusion ist bei Castel konsequent prozessual verstanden, als eine Situation im individuellen Lebenslauf, die eine Degradierung gegenüber einer früheren Position darstellt, die mehr oder weniger stabile oder instabile Gleichgewichtszustände kannte (vgl. Castel 2008: 72f.). Die Vorstellung das Exklusion einen Verlust von Gleichgewichtszuständen bedeutet sperrt Entkopplung erst einmal gegen den Bezug auf Kindheit. Entkopplung wird konsequent prozessual gedacht und „(...) man wird nicht als Ausgeschlossener geboren, man ist nicht immer ausgeschlossen gewesen, oder es müsste sich dabei um einen sehr merkwürdigen Fall einer sozialen Situation handeln“ (vgl. a.a.O.: 71). Weitere Grundannahme Castels ist es, dass gesellschaftliche Integration über Lohnarbeit hergestellt wird. Auch diese Vorstellung legt nicht gleich nahe im Kontext der Erforschung von kindheitsbezogenen Exklusionsphänomenen Castels Begriff Entkopplung aufzurufen. Beide Schranken gegen de Bezug auf Kindheit, Degradierungsannahme und Integrationsannahme, öffnet erst der nähere Blick in Castels Theorie und die dazugehörenden praxistheoretischen Grundlagen.

Kinder sieht Castel nicht über Abhängigkeits- und Anerkennungsverhältnisse der (spezialisierten) Arbeitsteilung in soziale Austauschbeziehungen eingegliedert. Die „ Chronik der Lohnarbeit “ schreibt Castel als Entwicklung und Krise organischer Solidarität. Gegenstand seines Hauptwerks „Die Metamorphosen der sozialen Frage“ sind die Praktiken des Fürsorge Gewährens (2008). Kinder sieht Castel in einer Situation anerkannter Abhängigkeit begriffen (vgl. a.a.O: 27). Sie sind vermittels Bürgerrechten und Regelungssystemen integriert, „(...) welche die Mitglieder einer Gruppe auf der Grundlage ihrer Familien-, Nachbarschafts-, Arbeitszugehörigkeit unabhängig von spezifischen Institutionen direkt aneinander binden und Netze gegenseitiger Abhängigkeit knüpfen“ (a.a.O.: 32). Im Zentrum Castels Theorie steht die Überzeugung „Die Arbeit ist mehr als die Arbeit (...)“, sie ist sinn- und identitätsstiftend, sie bietet eine ausgehend von Spezialisierung der Tätigkeiten und der institutionellen Vermittlungen gebildete „Sozialität“ (vgl. ebd. u. Castel 1996: 777). Detaillierter ausgeführt ist dieses Modell sozialer Identifikation mit Bourdieus Konzept der Lebensstile. Annahme ist hier, in der Gesellschaft existieren nebeneinander zwei sozial strukturierende Strukturen. Das ist erstens die objektive Struktur der Klassen, die anhand von Klassenmerkmalen bestimmt werden könne. Die soziale Position in den jeweiligen Klassenfraktionen, sozialen Feldern, bestimmen "Die zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebene Verteilungsstruktur verschiedener Arten und Unterarten von Kapital (...), d.h. die Gesamtheit der ihr innewohnenden Zwänge, durch die das dauerhafte Funktionieren der gesellschaftlichen Wirklichkeit bestimmt und darüber die Erfolgschancen der Praxis entschieden wird." (Bourdieu 1983: 183) Daneben stellt Bourdieu, zweitens "die repräsentierte soziale Welt" (Bourdieu 1999: 278). Sie ist die Struktur der Lebensstile, die geprägt sind von Wertvorstellungen, ästhetischen Vorlieben und Geschmäcker, der Präferenzen in Konsum und Lebensführung.

In der Gefährdung des Erwerbs sieht Castel durchaus auch eine Gefährdung des Korrelats von Arbeit und sozialen Nahbeziehungen. Die ökonomische Komponente der Lohnarbeit ist aber nachrangig gegenüber der sozialen Komponente der Lohnarbeit. Noch stärker gewichtet hinsichtlich gesellschaftlicher Integration des Einzelnen sind die familiären oder ähnlichen persönlichen Näheverhältnisse (vgl. Castel 1996: 777). Das wäre als Ergebnis der Untersuchung der Fürsorgepraktiken daran abzulesen, dass in Notsituationen die Fürsorge versuche (..) durch möglichst genaue Nachahmung eben die Schwäche dieser Näheverhältnisse wettzumachen (vgl. Castel 2008: 58). Setzt die Prekarisierung der Lohnarbeit ein, was bei Castel dem Brüchigwerden einer wichtigen Identitätsstütze gleichkommt, werden damit die sozialen Nahbeziehungen korrumpiert. Sind Loharbeit und soziale Nahbeziehungen prekär, bleibt nur noch die durch Bürgerrechte gesicherte Teilhabe.

Die Verwirklichung gesellschaftlicher Integration ist abhängig von beiden, stabilen Arbeits - und Nahbeziehungen. Die Zonen der Integration, der Verwundbarkeit und der Entkopplung liegen quer zu den Lebensstilen und zeichnen die soziale Laufbahn vom Etablierten zum Außenseiter der Gesellschaft. "Die kollektive Laufbahn einer gesellschaftlichen Klasse kann darin zum Ausdruck kommen, das sie sich 'verweiblicht' oder 'vermännlicht', daß sie älter oder jünger, ärmer oder reicher wird dies alles Veränderungen, die gleichzeitig wie alternativ auftreten können " (Bourdieu 1999: 178). Der Verlust stabiler Arbeits - und Nahbeziehungen bedeutet für den einzelnen Menschen das Verlassen der Zone der Integration und das Abgleiten in die Zone der Entkopplung. Dazwischen befindet sich eine Zone der Verwundbarkeit, „ (...) welche ein prekäres Verhältnis zur Arbeit mit einer fragilen Unterstützung durch die nächste Umgebung kombiniert “ (vgl. a.a.O.: 13).

Castel identifiziert tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen an der gegenwärtigen Organisationsweise der Lohnarbeit. Die Metamorphosen der Lohnarbeit formulieren in der Gegenwartsgesellschaft eine „ Krise der Arbeit, Krise der Familie und (..) Krise des Gemeinsinns “: Insgesamt bedeutet die Destabilisierung der Arbeitsverhältnisse auch die der familiären oder ähnlichen persönlichen Nahbeziehungen. Die Entkopplung aus der arbeitsteiligen Soli- dargemeinschaft und sozialen Nahbeziehungen ist „(...) der Zustand all derer (...), die sich außerhalb der lebendigen sozialen Austauschprozesse gestellt sehen“ (vgl. a.a.O.: 71). Das führe bis hin zur Zersetzung der Familie, und durch Exilierung eines Teils der Bevölkerung aus der Gesellschaft und der Zivilbürgerschaft letztlich bis zur Gefährdung der Demokratie (vgl. Castel 1996: 775 u. 777). Aufschlussreich für das Verständnis dieses Exklusionsbegriff ist schon Castels Wortwahl den Exklusionszustand betreffend: Lebendige Austauschprozesse finden sich nicht in der Zone der Entkopplung, in die man nach einer Zone der Verwundbarkeit gerät. Er spricht von Bedroht-sein, Verunsicherung, der Ungewissheit des nächsten Tages (vgl. Castel 2008: 357f.) dem Verdammt - sein in einer Kultur des Zufälligen zu leben (vgl. Castel 1996: 777), von (...) Individuen ohne Halt, ohne Schutz, die ihre Individualität wie eine Last tragen“ (ebd.). Die Begründung der drastischen Wortwahl Castels hinsichtlich personaler Exklusion findet der Blick in die allgemeinen Anlagen der Praxistheorie. Praxistheoretische Analysen eint „(...) ein modifiziertes Verständnis dessen, was ,Handeln‘ - und damit auch, was der ,Akteur‘ oder das ,Subjekt‘ ist; gleichzeitig und vor allem aber geht es ihnen um ein modifiziertes Verständnis des ,Sozialen‘ (vgl. Reckwitz 2003: 282). Entgegen traditionellen Handlungstheorien wird praxistheoretisch nicht die Handlung des Einzelnen als die kleinste soziale Einheit angenommen, um diese dann auf normorientierte, ökonomische, gefühlsmäßige oder wie auch immer geartete Motivationen zu beziehen. Praxistheorie interessiert die soziale Reproduktion und Wandel kollektivierter Handlungsmuster (patterns of action) (vgl. Reckwitz 2010 : 109); sehr wohl schließt der Praxisbegriff aber auch „(...) nicht unmittelbar ,sichtba- re‘ Aktivitäten des Körpers wie ein bestimmtes Muster des Fühlens oder Formen des Denkens ein, sofern diese zur sozialen Praktik gehören“ (vgl. Reckwitz 2003: 290). Die ungleichheitstheoretische Grundfrage, wie objektive Lebensbedingungen und subjektive Lebensweisen aufeinander abgestimmt werden, entgegnet die Praxistheorie mit Pierre Bourdieu durch einem methodischen Perspektivenwechsel (vgl. Barlösius 2004: 117). Angenommen wird, die Lebensbedingungen und Lebensweisen stimmen sich aufeinander ab und dieser Vorgang ist an sozialen Praktiken nachvollziehbar. Allen Handeln geht das Bewusstsein des Subjekts voraus. Dieses Konzept sozialer Ungleichheit in Bourdieus Praxistheorie fasst der Begriff Habitus. Daran vollzieht Bourdieu die analytischen Trennung der Praxis, wie des praktischen Handelns vom Bewusstsein. Der Habitus ist das Körper gewordene Soziale (Bourdieu /Wacquant 1996: 161). Soziales wird einverleibt. Der Körper stellt sozusagen das kulturelle Speichermedium.

Exkludierten attestiert Castel die Undifferenziertheit der objektiven Lebensbedingungen. Exkludierte „( )haben weder die Vergangenheit noch die Zukunft, den Erlebnishintergrund oder die Werte gemeinsam. Sie können sich keinem gemeinsamen Lebenslauf widmen und scheinen kaum dafür offen zu sein, ihre Ratlosigkeit in den Formen kollektiver Organisation zu überwinden.“ (Castel 2008: 18) Was Exkludierte teilen ist die Degradierung (siehe oben), sozusagen das Fehlen positiver Distinktionen. Die deutsche Übersetzung Bour- dieus Begriff la distinction, die er im gleichnamigen Werk 1979 einführt, mit die feinen Unterschiede verdunkelt eine hier entscheidende Bedeutung des Begriffs: Bourdieu leitet seinen Distinktionsbegriff von ,Adelsprädikaten’ her, von der noch immer wirksamen Existenz des aristokratischen Modells in allen „(...) geschichteten Gesellschaften, selbst wenn „(...) das System der Unterscheidungsmerkmale, durch die sich soziale Unterschiede äußern oder verraten, ein je nach Epoche und Gesellschaft ein anderes ist“ (vgl. Bourdieu 1999: 11f. u. 49f.). Rangabzeichen, Orden, Feldzeichen sind als signées begriffen - durch die sich nicht materielle Substanz, sondern die soziale Wahrnehmung ändert (vgl. Bourdieu 1993: 187ff.). Die beim Militär übliche Degradierung sieht die Deklassierung durch das Entfernen von Rangabzeichen vor. Der Begriff der Degradierung stellt in diesem Sinne eine negative Form der Distinktion dar, wenn der Zugang zum Begriff durch dessen Gebrauch im militärischen Jargon erschlossen wird. Exklusion, beziehungsweise Entkopplung formuliert so ein Individualisierungsproblem: „Fehlt erst einmal der Sockel, auf dem die soziale Identität aufbaute, dann wird es schwierig im eigenen Namen zu sprechen, selbst einfach nur nein zu sagen wird schwierig“ (vgl.a.a.O.: 359f.).

Die tiefgreifenden Veränderungen der Gegenwartsgesellschaft sind bei Castel Schockwellen, die von Umbrüchen der Erwerbsarbeit und Veränderungen von Sozialstaatlichkeit ausgehen. Diese Impulse bewegen sich vom gesellschaftlichen Zentrum ausgehend durch alle Zonen an den gesellschaftlichen Rand (vgl. a.a.O.: 11). Die Menschen in der Gegenwartsgesellschaft teilen die Erfahrung dieser Schockwellen. Jeder Zone widerfährt dieses Ereignis auf eine eigene Weise: Die Zone der Integration kennt Abstiegsängste. Die Zone der Verwundbarkeit erlebt den Verlust der Gestaltungsmacht des eigenen Lebens. Die völlige Entkopplung des Individuums, geht mit einer totalen Haltlosigkeit und Schutzlosigkeit aufgrund des Verlusts von Sicherungen durch Kollektive einher (vgl. a.a.O.: 404). Kinder sind nicht von Individualisierung ausgenommen. Sie sind im Gegenteil tagtägliche Individualisierungspraktiker. Was sich mit Castels Perspektive abzeichnet ist, dass Entkopplung die objektiven Lebensbedingungen stellt auf die sich die subjektiven Lebensweisen der Kinder abstimmen. Exklusion ist als gesamtgesellschaftlich wirksamer Prozess verstanden und das heißt, dass Entkopplung nicht nur die armen, sondern alle Kinder betrifft. Ausschlaggebend für die soziale Position ist die Sicherheit sozialer Nahbeziehungen. Indirekt spielt so auch die Identifikation durch Lohnarbeit für Kinder eine Rolle. Und zwar dann, wenn die Identifikation der Menschen in den sozialen Nahbeziehungen, und auch die materiellen Vorteile durch regelmäßige Arbeit nicht mehr gegeben ist; Lohnarbeit also die sozialen Nahbeziehungen nicht mehr dabei entlastet, Sicherheiten zu stellen.

2.3. durch Ausgrenzung - Differenzierung durch Kommunikation

Erklärtes Ziel dieser Untersuchung ist es einen Exklusionsbegriff zu gewinnen in dem Synergien zwischen Praxis- und Systemtheorie kumulieren. Vorbereitend wurde aus der Systemtheorie Luhmanns ein Begriff gewonnen, der die Konzepte Erziehung als sprachliche Form und Kindheit als soziale Konstruktion aufnimmt. Der zweite praxistheoretisch orientierte Exklusionsbegriff aus Castels Werk verweist zur Habitualisierung der Exklusion im Milieu sozialer, familiärer Nahbeziehungen die anschließend soziale Praxis bestimmt. Die Anknüpfungspunkte zwischen diesen beiden Begriffen deuten sich bei Erziehung und Familie, sozialer Konstruktion und Habitualisierung an. Damit angesichts der Komplexität der zugrundeliegenden Theorien diese Verbindung kontrolliert erfolgt, werden die maßgeblichen Vermittlungsversuche zwischen Praxis und Systemtheorie konsultiert. Die Auswahl beschränkt sich zunächst auf die Vermittlungen, welche die begrifflichen Defizite beider Theorien und der darin formulierten Exklusionsbegriffe möglichst auf theoretischer Ebene ausgleichen. Diese Perspektiven sollen die beiden Theorien derart vermitteln, dass sie sich wechselseitig ergänzen können.

Kleinster gemeinsamer Nenner der Kritik an Castels und Luhmanns Exklusionsbegriff ist währenddessen die Ansicht, dass Exklusion innerhalb der Gesellschaft stattfindet: „Ausgrenzung kann heute weniger denn je als Ausgrenzung aus der Gesellschaft verstanden, sondern muss vielmehr als Ausgrenzung in der Gesellschaft begriffen werden. Ausgrenzung stellt ein gesellschaftliches Ungleichheitsverhältnis besonderer Art dar. Die Ausgegrenzten sind Teil der Gesellschaft, auch wenn sie nicht an ihr teilhaben “. [Im Original hervorgehoben] (Kronauer 2006: 29) Es kann weder von Castel noch von Luhmann übersehen worden sein, dass Ausgegrenzte zumindest in der Gesellschaft Ausgegrenzter beteiligt sind. Diese Kritik Kronauers zielte vielmehr darauf ab eine Neufassung des Exklusionsbegriffs ohne Fallstricke zu konzep- tionieren (2008). Eine Neuentwicklung des Exklusionsbegriffs auf Basis beider Theorien müsse in der Lage sein Ausgeschlossensein in der Gesellschaft, vielmehr des Ausgeschlossenseins aufgrund der Art gesellschaftlicher Einbindung zu reflektieren (vgl. a.a.O.: 29). Ebenso wären „(...) Phänomene der Armut, der Unterpriviligierung usw. (...) nicht als Exklusionsfolgen, sondern als Inklusionsfolgen zu diskutieren“ (vgl. Nassehi 2000: 124).

Die Stärke der Systemtheorie beim Unterfangen Exklusion durch Beteiligung zu verstehen besteht darin, fortgesetzte soziale Ungleichheit in der Gegenwartsgesellschaft als eigenständigen sozialen Prozess mit einer immanenten sozialen Logik zu erfassen: Systemtheorie führt Kommunikation als zentralen Begriff einer umfassenden Theorie der Gesellschaft. Wie kann diese Stärke nun das Verständnis von Kinderarmut unterstützen? Ersetzt Praxistheorie Handlung durch Kommunikation, könnte die Bobachtungsposition der Praxistheorie abgeklärt werden. Gemeint ist Praxistheorie, die versucht die Verhältnisse sozialer Ungleichheit auf Machtungleichheiten oder ungleiche Verteilung von Ressourcen zurückzuführen. Sie arbeitet sich an der Erklärung ab, wie soziale Ungleichheiten entstehen, sich verstetigen, wie und wo sie sichtbar werden. Dadurch gelangte Praxistheorie beständig zur Erklärung relationaler sozialer Positionierung. Mit dieser theoretischen Grundlage und Übernahme des zentralen Begriffs Kommunikation wäre Praxistheorie in der Lage die Ambivalenz der Funktionsweise gesellschaftlicher Teilsysteme zu beleuchten (vgl. Barlösius 2004: 226f.).

Die Systemtheorie kann umgekehrt durch Praxistheorie ergänzt werden. Gegeben wäre die Möglichkeit den multidimensionalen Prozess der Exklusion anhand sozialer Praktiken angemessen abzubilden und indes aus der Marginalisierung als Folgeproblem der Reproduktion funktional differenzierter Gesellschaften heraus zu heben (vgl. Hillebrandt 2006: 342). Die Besonderheiten des sozialen Ungleichheitsverhältnisses Exklusion, welche „(...) die Praxis in Funktionssystemen mitbestimmen, können dann ebenso sichtbar gemacht werden wie die unterschiedlichen Sachbezüge der Kommunikationspraktiken in den unterschiedlichen Kräftefeldern, die sich zu sachlich unterschiedlichen Praxisformen manifestieren können“ (vgl. a.a.O.: 351).

Was bedeutet das? Zuerst, die Vermittlung von Praxis- und Systemtheorie eröffnet neue Perspektiven auf Exklusion. Und, Exklusion wird ausgehend von den Praxisformen der Funktionssysteme als gesamtgesellschaftlich wirksamer Prozess nachvollziehbar. Der zwischen Praxis und Systemtheorie vermittelte Exklusionsbegriff erscheint jetzt als ein Bündel kommunikativer Praxisformen. Praktiken die sich vom Funktionsystem, auf soziale Nahbeziehungen und Akteursbeziehungen bis auf Gefühlsebene hin und zurück deklinieren lassen: Erstens, Praktiken der Funktionssytemen treiben den Exklusionsprozess [binäre Unterscheidung anhand der Leitdifferenz, Distinktion funktionaler Systeme] an. Zweitens, diese Praktiken stellen Randbedingungen für den Systemaufbau [eine hinsichtlich Leitdifferenzen ambivalente Kommunikation inkorporierende autopoietische Systembildung]. Drittens, in der Kommunikation werden Sachbezüge zu den Praktiken der Funktionssysteme hergestellt [Beschreibung notwendig asymmetrischer, durch Habitus gesteuerter Beobachtung]. Viertens, die Konstitutionsbedingungen sachbezüglicher Kommunikation stellen wieder Exklusion her [Distinktion durch (sprachliche) Performance]. Detaillierter und weniger skizzenhaft: Funktionssysteme sortieren anhand der eigenen Leitdifferenz aus, was nicht der Reproduktion des Funktionssystems dient. Wird nun angenommen „(...) nicht die Handlung, sondern nur die Kommunikation ist eine unausweichliche soziale Operation und zugleich eine Operation, die zwangsläufig in Gang gesetzt wird, wenn immer sich soziale Situationen bilden“ (Luhmann 2001: 96), sind diese Praktiken für Bewusstsein, für sozialisierte Körper, durch Sinn erfahrbar (vgl. Hillebrandt 2006: 350). Das binäre Verhältnis von Drinnen und Draußen wird zum „(...) Ausmaß der Spaltung zwischen denen, die sich sicher sein können, dass ihre Stimme zählt, und jenen, die von dem Gefühl beherrscht sind, dass es auf sie nicht mehr ankommt (...)“ (Bude 2008 : 34). Die betreffende exkludierte Person taucht nun als nichtmitwirkungsrelevant in der Kommunikation auf und Nicht- mitwirkungsrelevant-sein wird auf der Gefühlsebene inkorporiert. Dies wirkt wiederum auf die Chancen zurück als Subjekt, relevant für die Konstruktion der eigenen öffentlichen Identität zu sein oder als Objekt von Identitäts- (...)konstruktionen, deren (...) Position der strukturellen Irrelevanz gesellschaftlich u.a. mittels Diskursen hergestellt wurde und wird (vgl. Herzog 2013: 6f.). Der Habitus der Exklusion, wird gesamtgesellschaftlich kommuniziert.

2.4. Kinderarmut und Exklusion

Der Exklusionsbegriff wie er zumeist im Anschluss an die Systemtheorie entwickelt wird versteht unter „Armut (...) als Ausgrenzung ein gesellschaftliches Verhältnis, das in der Organisationsstruktur der Gesellschaft angelegt ist“ (vgl. Schäfer 2013: 185f.). Mit Übersicht über den gesamten Armutsdiskurs, kann Exklusion in dieser Form als ein weiterer recht produktiver Armutsbegriff gelten (vgl. a.a.O.). „Wer Exklusion sagt spricht eine eindeutige Sprache, macht gewissermaßen die unbenennbar Gewordenen, diejenigen, die nicht nur aus der Gesellschaft, sondern auch aus unseren Begriffssytemen herausgefallen sind, wieder benennbar und begreifbar - soziologisch und sozialpolitisch“ (Nassehi 2000: 121). Spannend ist also die Frage, inwiefern der aus System- und Praxistheorie erschlossene Exklusionsbegriff konkret zur Erforschung von Kinderarmut beitragen kann.

Kinderarmut wird seit wenigen Jahren besser beachtet und gründlicher erforscht. Das hatte die methodischen Konsequenzen, dass nun vermehrt qualitative Forschung gefragt ist, ansonsten mit einem rein quantitativen Zugang und einkommensbasiertem Armutskonzept die Betroffenengruppe Kinder hinter dem Bezug auf das Familieneinkommen, das die Eltern erwirtschaften verschwindet (vgl. Schäfer 2013: 283). Zur Semantik der materiellen Not in Form von Knappheit existenzieller Ressourcen wird Armut relational bestimmt. Maßgabe ist die Gesellschaft in der die Armen leben oder auch die Vergleichsebene von Armutsindizes4 Eine weitere Form der Armut bezieht sich auf „(...) die Anerkennung einer Lebenslage als Armut, die sozial regulierte Hilfsreaktionen gesellschaftlicher Institutionen hervorruft“ (vgl. Beisenherz 2002: 117).

Mit dem system- und praxistheoretischen Exklusionsbegriff hat eine Erweiterung der Perspektive stattgefunden. „Soziale Exklusion (...) ist weder auf gesellschaftliche Benachteiligung zu reduzieren noch durch relative Armut zu erfassen. Sie betrifft vielmehr die Frage nach dem verweigerten oder zugestandenen Platz im Gesamtgefüge der Gesellschaft“ (Bude 2008: 14). Exklusion meint einen gesamtgesellschaftlichen Prozess, der auf einen Zustand der Vereinzelung und sozialen Isolation hinausläuft, der für die Betroffenen die negative Folge hat, das kein praktisches Wissen mehr darüber angefertigt wird, wie sie ihre Inklusion verwirklichen könnten: „Sich ausgeschlossen fühlen kann prinzipiell jeder: Das Exklusionsempfinden stellt eine Größe eigener Art dar, die sich zumindest nicht auf eine Standarderfassung der sozialen Lage in Begriffen von Einkommen, Bildung und Beruf zurückführen läßt“ (a.a.O.: 51). Der Beitrag zur Erforschung von Kinderarmut des Exklusionsbegriff könnte in dieser Form sein, dass damit sowohl harte als auch weiche Faktoren gesellschaftlicher Integration berücksichtigt werden können, also Exklusion als Größe eigener Art erfasst werden kann.

Exklusion bedeutet, in einem spezifisch sozialen Kontext als nicht partizipationsrelevant angesehen zu werden (vgl. Herzog 2013: 8). Vor dem Hintergrund, dass um des Selbsterhalts der Gesellschaft wegen funktionssytemspe- zifische Praxis Akteuren in sozialen Systemen als praktisch sinnvoll erscheinen muss, weil Kommunikation Bewusstsein nur dann okkupiert, wenn sie attraktiv ist (vgl. Hillebrandt 2006: 350 u. Luhmann 2001: S.115), Gesellschaft also der oder dem Einzelnen einen Platz bieten muss, wo er oder sie als „(...) Menschen das Gefühl haben, dass ihnen Chancen offenstehen und dass ihnen ihre Leistung eine hörbare Stimme verleiht, (Bude 2008: 14), heißt, Einzelne (...) sich als Individuen heimisch fühlen können“ (vgl. Luhmann 1997: 621), muss notwendig „(...) für relevant gehalten und bezeichnet zu werden, schon so etwas wie » gelungene Vergesellschaftung^ garantieren ( vgl. Nassehi 2000: 123). Zur Exklusion als prozesshafte Ausgrenzung tritt damit Exklusion als ein Zustand hinzu, in dem das Scheitern einer Inklusion durch Integration dann notwendig in die Tolerierung von Exklusion führt (vgl. Beisenherz 2002: 119). Was „toleriert“ werden muss ist die Knappheit möglicher Kontingenz sozial zugeteilter Rollenerwartungen, die an das Individuum gerichtet werden - Exklusion bedeutet die in diesem Sinne Dezentrierung des Subjekts als gesellschaftliche Praxis. Der Verweis des Exklusionsbegriffs auf die Empire fordert die Suche nach Eindeutigkeiten im Sinne von Nicht-Kontingenzen.

3. Kindheit am Rande

Der Exklusionsprozess erscheint wild zusammengedacht als Kopplung von Kommunikationspraktiken des Unterscheidens, des Abgrenzens, des Ausgrenzens auf allen Ebenen der Gesellschaft. Auf den Achsen der gedachten Kreuztabelle stehen diese Praktiken horizontal zur Makro -, Meso -, Mikroebene der Gesellschaft; Funktionssysteme, soziale Nahbeziehungen, und individuelle Akteure. Dazwischen stehen, die sich theoretischen daraus ableitbaren Kontingenzen: funktionssystematische Leitdifferenzen, die als Abgrenzung zwischen Funktionssystemen wirken; durch beobachtete Unterscheidung hergestellte habitualisierte soziale Identität in Feldern sozialer Nahbeziehungen; und die Dezentrierung des Subjekts, als individuelle Ausgrenzungserfahrung. Die Randpositionen sind Leerstellen. Die Intention dieses zweiten Hauptteils ist es diese Leerstellen mit Leben zu füllen, und die oben benannten diffusen Ergebnisse klarer zu trennen.

Auf der Ebene von Funktionssystemen findet eine Unterscheidung von Inklusion und Exklusion auf der Basis der Leitdifferenz der einzelnen Funktionssysteme statt. Maßgeblich das Erziehungssystem stellt die objektiven Bedingungen für Kindheit (Luhmann 2008) Auf der Ebene sozialer Nahbeziehungen (Familie, Freundeskreise, Nachbarschaft) bedeutet Exklusion die Unterbrechung kollektiver Sicherungen. Mit Blick in die praxistheoretischen Grundannahmen heißt das, die gesellschaftliche Abgrenzung durch den habitualisierten Niederschlag von Abstiegsängsten, des Verlusts der Gestaltungsmacht des eigenen Lebens, zuletzt von Haltlosigkeit und Schutzlosigkeit (vgl. Castel 2008 : 404 u. Reckwitz 2003: 290). Ausgrenzung für den oder die Einzelne bedeutet die Dezentrierung des Subjekts, also nicht länger als Subjekt relevant für die Konstruktion der eigenen öffentlichen Identität zu sein (vgl. Herzog 2013: 6f.), die spürbare Vergegenständlichung, entmenschtes Menschsein. Unterscheidens, Abgrenzungs- und Ausgrenzungspraktiken werden durch sachbezügliche Kommunikation gebündelt und für den Einzelnen als gesellschaftliche Realität erfahrbar. Umgekehrt fließen Exklusionserfahrungen in die Gesellschaft zurück, indem sie werden in der Kommunikation als sachbezügliche Kommunikation sozial geteilt werden. Das kann performativ als Distinktion geschehen. Damit erscheint Exklusion als ein zirkuläres sich wechselseitig aktualisierendes Verhältnis, das zwischen Individuum und Gesellschaft kondensiert. Folgen von Exklusion sind Vereinzelung und Entsolidarisierung, das Ausbreiten eines Gefühl des Driftens (vgl. Bude 2008 : 32).

Diese zusammenfassende Darstellung von Exklusion ist angesichts der umfangreichen und fordernden theoretischen Grundlage nur komplexitätsreduzierend möglich. Theoretisch Heikles wurde dafür zugunsten Synergien für einen system- und praxistheoretischen Exklusionsbegriffs ausgeblendet. Einzelne Begriffe sind noch uneindeutig. Offen lässt diese Ausführung des Exklusionsbegriffs auch die Frage nach den Ursachen von Exklusion. Castel begründet Exklusion mit Umbrüchen in der Erwerbsarbeit. Das führt in die Möglichkeit Exklusion in einer kapitalismuskritischen Perspektive zu untersuchen. Mit einem praxistheoretischen Ansatz könnte der Bereich Inklusion/Exklusion auch als Spielfeld verstanden werden auf dem um die Deutungsmacht verhandelt wird, wer und auf welche Weise inkludiert/exkludiert wird. Dort sähe man Akteure und Organisationen5 Kämpfe um soziale Ungleichheit austragen und der machttheoretische Zugang wäre das Mittel der Wahl (vgl. Barlösius 2004).

Eine grundlegende theoretische Entscheidung dieses Untersuchungsdesign ist klassen- und machttheoretische Grundlagen gerade nicht zu nutzen. Auf diesem Wege gelangt die systemtheoretische Annahme in den Vordergrund, die Reproduktion der Funktionssysteme der Gegenwartgesellschaft führe notwendig zu Exklusionsprozessen. Die sich aus diesem Prozess entwickelnden Praktiken würden von jeder gesellschaftlichen Ebene aus in den Prozess zurückgekoppelt. Also nicht nur Funktionssysteme produzieren Exklusionspraktiken, sondern auch soziale Nahbeziehungen und individuelle Akteure. Entsprechend würden Exklusionspraktiken in Funktionssystemen, sozialen Nahbeziehung und bei individuellen Akteuren sichtbar.

Die Theorien Luhmanns und Castels legen nahe, zumindest zwei Funktionssysteme sind in der Lage signifikante Exklusionen von Kindern zu produzieren, Erziehungs- und Wirtschaftssystem. Das Erziehungssystem bewerkstelligt Sozialisation über die Teilhabe an Kommunikation: „In der Dauerirritation, die im Bewusstsein auftreten, wenn es sich immer wieder und in wiederholten Formen (Sprache) an Kommunikation beteiligt, liegt der Schlüssel für das Problem der Sozialisation“ [Klammer im Original] (Luhmann 2008: 201). Das Erziehungssystem bilden nicht Institutionen wie Schulen, Lehrer, Eltern; Erziehung ist eine Form spezialisierter Kommunikation, die unter anderem in erziehungsspezifischen sozialen Nahbeziehungen gepflegt wird und auch institutionalisiert ist (vgl.a.a.O.: 194). Das w irtschaftliche Prekariat bewertet Castel als Bedrohung der Familie. Zwar führt die Verschlechterung der ökonomischen Lage führt nicht unmittelbar zur Auflösung der Familie (Castel 2008 : 361f.), aber fällt der Erwerb als Identifikationsmöglichkeit weg, sind die sozialen Nahbeziehungen nicht mehr entlastet, das heißt die Qualität der sozialen Nahbeziehungen ändert sich . In der Gegenwartgesellschaft „(...)wandelt sich die Familie zu einer Beziehungsstruktur, deren Konsistenz im wesentlichen von der Qualität der Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern abhängt“ und das macht Familie verwundbarer. (vgl. a.a.O: 361)

Entsprechend wäre der Blickwinkel für die lösungsorientierte Erforschung von Kinderarmut auf Erziehungs- und Wirtschafssystem zusammenzuziehen. Ergebnis der Kinderarmutsforschung ist: die Verbindung von Kindheit und Armut hat Auswirkungen auf die Art und Weise gesellschaftlicher Teilhabe (vgl. Wüstendörfer 2008; Zander 2010, Tarkowa 2010, etc.), denn „ Unbestritten ist (...): Kinder und Jugendliche in Armut tragen ein objektiv höheres Risiko einer misslingenden Sozialisation(...) “ (Klocke 2001: 298) Mit der Annahme die Verbindung von Wirtschafts- und Erziehungssystem verstärkt Exklusionen in der Kindheit entsteht eine Lücke in der ursächlichen Erklärung von Exklusion: Wieso sollten sich Funktionssystem offensichtlich dysfunktional hinsichtlich ihrer eigenen Reproduktion verbinden? Für Exklusion erscheint deshalb wesentlich, dass sie durch die unkoordinierte Verbindung der Funktionssysteme begünstigt wird. Allein, „(...) die Tatsache, dass sich in Individuen die Ansprüche und Erwartungen der untereinander nicht mehr vorsortierten und miteinander nicht koordinierten Funktionssysteme bündeln, macht es umso wahrscheinlicher, dass Benachteiligungen im Bestimmungsbereich des einen Funktionssystems Benachteiligungen im anderen Funktionssystem nach sich ziehen.“ (Nassehi 2000 : 126) Wirtschaftssystem und Erziehungssystem erzeugen indem sie für die Gegenwartgesellschaft charakteristische Randbedingungen stellen Prekariatsstress und Erziehungsstress, die gebündelt auf Kinder in Armutslagen wirkt. Allein die Materielle Not, aber auch der Verlust kollektiver Sicherheiten, wie sie die tiefgreifenden Umbrüche der Lohnarbeit verursachen, bedeutet für Kinder Prekariatsstress durch Mangel, Haltlosigkeit und Schutzlosigkeit. Erziehungsstress entsteht mit der Aufforderung der funktional differenzierten Gesellschaft sich selbst zu individualisieren.

Was Titel und Einleitung dieser Arbeit versprechen und bisher noch nicht eingelöst wurde, ist der Versuch Exklusion als zentrale Kategorie zur lösungsorientierten Erforschung von Kinderarmut auszuprobieren. Was gesucht werden muss sind Symptome einer Exklusion, die auf die unkoordinierte Verbindung von Funktionssystemen zurückbezogen werden kann. Das wird der Inhalt dieses zweiten Teils sein. Hier geht es darum, die Bedeutungsproduktion und personellen Markierungen die mit unkoordinierter Exklusion einhergehen zu erörtern (vgl. Opitz 2008 : 27). Auch hier muss wieder dem Rahmen der Arbeit durch die Einfachheit der Methode Rechnung getragen werden. „Die Erforschung von soziologisch relevanten Exklusionsprozessen bedeutet (..) auch immer, die Analyse von Kontexten oder materieller, nicht-diskursiver Realität als Voraussetzung und Ergebnis mit einzubeziehen.“ (Herzog 2013 : 16). Anstelle eines großen Dispositivs der Exklusion, können hier nur beispielhaft die objektiven Lebensbedingungen von Kindern beschrieben werden an denen sich die kindlichen Subjektivierungsweisen orientieren. Subjektivie- rungsweisen sind hier verstanden als die „(...) Art und Weise, wie sich Individuen im Verhältnis zu und im sozialen Austausch mit anderen bzw. mit der Welt selbst wahrnehmen, (leibhaftig) fühlen und in ihren verkörperten Praktiken mehr oder weniger habitualisiert präsentieren“ (Bührmann et al. 2008: 60).

Die familien- und haushaltszentrierende Sichtweise auf Armut ist trotz aller methodischer Defizite immerhin in der Lage die ursächlichen Randbedingungen kindlichen Armutserlebens abzubilden. Dieser Sichtweise widmet sich der erste Teil der folgenden Anwendung des Begriffs unkoordinierter Exklusion (3.1). Daran schließt die Überlegung an, was sich von den Haushaltszahlen als Prekariatsstress und Erziehungsstress ins kindliche Armutserleben fortsetzt. (3.2.) Danach soll festgestellt werden, ob der Begriff unkoordinierter Exklusion einen Perspektivenwechsel auf kindliche Armut verlangt. (3.3)

3.1. Kinderleben in Armutslagen

Lösungsorientierte Erforschung von Kinderarmut mit dem Begriff Exklusion gelangt unweigerlich zur Annahme: „Nicht - Armut wird zunehmend zum Kriterium der Zugehörigkeit zur Gesellschaft“ (Beisenherz 2002: 118). Methodisch ausgeblendet wird, dass Exklusion auch durch weitere unglückliche Verbindungen zwischen Funktionssystemen verursacht werden könnte. Untersuchungen größerer Reichweite betonen die Strukturierungskraft des Rechtssystems (bspw. Kronauer 2010), und die Diskurskraft des Wissenschaftssystem (Farzin 2011). Ergebnisse erster Analysen der Verbindung von Wirtschaft und Religion, erlaubten bereits in der Wiegezeit der Soziologie charakteristische Änderungen des individuellen Selbstverständnisses in der Gegenwartsgesellschaft zu ermitteln.6 Wird Ausgrenzung als ein gesamtgesellschaftlicher Prozess verstanden, heißt das für lösungsorientiertes Handeln: „(...) wem in einer Gesellschaft wie intensiv geholfen wird, hängt gerade auch von den kulturellen Grundüberzeugungen ab.“ (Beisenherz 2000: 95) Das sich auch außerhalb von Funktionssystemen sich sachbezügliche Kommunikation verdichten und die Praktiken bilden könnte, die den Exklusionsprozess begünstigen blendet die Focussierung von Wirtschaft und Erziehung allein aus: „Exklusion ist ein „Prozeß, durch den bestimmte Personen an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder durch ihre Armut bzw. wegen unzureichender Grundfertigkeiten oder fehlender Angebote für lebenslanges Lernen oder aber infolge von Diskriminierung an der vollwertigen Teilhabe gehindert werden“ (Europäische Kommission, Gemeinsamer Bericht über die soziale Eingliederung Brüssel 2004 :12).

Kinderarmut ist ein belastetes und belastendes Thema. Kinderarmut wurde forschungspraktisch, länger noch politisch7, auf die lange Bank geschoben: „Was Forschungsarbeiten betrifft, ist Armut bei Kindern ein fblinder Fleck' “(Tarkowa 2010: 37) . Zu den Ergebnissen tradierter Kindsblindheit in der Armuts- und Ungleichheitsforschung, die praktisch ausschließlich im Bezugsrahmen Familie und Haushalt forscht, kann auch Castels Chronik der Lohnarbeit gezählt werden. Die zunehmende Verwundbarkeit von Familien in der Gegenwartsgesellschaft begründet Castel mit der vorherrschenden familiären „(...) Beziehungsstruktur, deren Konsistenz im wesentlichen von der Qualität der Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern abhängt“ (vgl. Castel 2008 : 361). Ausschließlich familienzentrierte Ansätze laufen Gefahr „(..) den verschiedenen Zugang zu Ressourcen von Kindern, und ihre unterschiedlichen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung“ zu übersehen . Die Sichtweise ab den 2000 Jahren ist, die Kinder nun als eigenständige Subjekte wahrzunehmen. Die neue Betonung der Subjektperspektive bedeutet Familie als ein Milieu zu betrachten, das ein Armutsrisiko für das Kind darstellt (vgl. Tarkowa 2010: 37 u.Holz 2010: 88).

Kinderarmut wird mit quantitativen und qualitativen Methoden umfangreich erforscht. Städte und Landkreise fertigen sogenannte Armuts - und Sozialberichte an. Es gibt regelmäßige nationalstaatliche Armutsberichte, auch den Vergleich nach Zahlen auf internationaler Ebene8. Aufgabenstellungen der Kinderarmutsforschung reichen entsprechend von deskriptiver Statistik bis zur lösungsorientierten Forschung auf regionaler (hier: Wüstendörfer 2008), nationalstaatsbezogener (hier: Zander 2010, Tarkowa 2010, Ridge 2000) und Nationalstaaten vergleichender Erforschung von Kinderarmut als Globalisierungsarmut (hier: Beisenherz 2002). Erwogen werden die Lebenslagen von Kindern zwischen kindlichem Wohlergehen (unicef 2013, Beisenherz 2005) und Belastungssyndromen, die im Zusammenhang mit Ausgrenzung und Armut stehen (hier: Klocke 2001). Forschungsrelevant sind die materiellen Situation des Haushalts, die materielle Grundversorgung des Kindes mit Wohnung, Nahrung, Kleidung sowie materielle Partizipationsmöglichkeiten, die Versorgung im kulturellen Bereich, um sprachliche und kulturelle Kompetenzen, auch Bildung zu erwerben, ebenso soziale Kontakte und soziale Kompetenzen, zuletzt die psychische und physische Lage, der Gesundheitszustand und die körperliche Entwicklung (vgl. Holz et al. 2005). Dass zur Armut im äußersten Fall noch weitere Situationen treten können, die Ausgrenzung beschleunigen hebt Tarkowa hervor (2010): Das sind Behinderungen, häusliche Gewalt, Obdachlosigkeit, Betteln, Prostitution (vgl. 48).

Wie sich kurzzeitiger materielle Mangel anlässt kann der disziplinierte Selbstversuch zeigen. Es genügt für einen ersten Einblick das eigene Einkommen für einige Monate auf den Sozialhilfesatz zu beschränken und dann zu versuchen damit auszukommen. Anhand der Zahlen in oben benannten Studien lässt sich aber auch schon das meiste vor einem Selbstversuch ablesen. Das Eindringliche an den Zahlen ist, dass sie ein Bewusstsein dafür schaffen können, wie die Alltagswelt armer Kinder beschaffen ist, und wie viele Familien mit Kindern in diesen Alltag leben. Laut Unicef (2012) leben beispielsweise in Deutschland zwischen 2009 und 2011 8,5 % aller Kinder in Familien, deren Einkommen unter dem Einkommensmedian lag (S.3). Familien in Armut haben keine Möglichkeit Rücklagen zu bilden. Manchmal reicht es nicht, um Rechnungen und Miete zu zahlen. Das zieht die Haushalte in eine Schuldenspirale, weil das Soll von Monat auf Monat verschleppt wird. Ärger noch, wenn Reparaturen und Neuerwerbungen tiefe Löcher in die Haushaltskasse reißen. Größere Anschaffungen können meist nur auf Kredit getätigt werden. Die kommen nicht immer von Banken oder „bequem“ aus der Privatwirtschaft, sondern können auch in Darlehensform vom Amt kommen oder zusätzlich die Nahbeziehungen belastend aus dem Freundes-, Bekannten- und Familienkreis. Auf jeden Fall drücken diese Vorschüsse als Ratenzahlung jahrelang auf die monatlichen Einkünfte. Das Haushaltsgeld für alle Anschaffungen des täglichen Lebens ist streng rationiert. Handwerker für Reparaturen und sogar qualitativ ansprechendes Werkzeug und Material, um sich selbst ans Reparieren und Renovieren zu machen sind unerschwinglich. Urlaub ist undenkbar. Schwimmbäder, Saunen, Fitnessstudios sind zu teuer. Tagesausflüge, Museumsbesuche, Kinobesuche, Essen gehen, Theater, Konzerte, neue Bücher, müssen monatelang vorhalten. Kunstwerke können erst gar nicht angeschafft werden. Schaufenster sind nicht einladend, sondern zeigen was man sich alles nicht leisten kann, und wie schäbig die eigene Ausstattung ist. Luxus ist selten. Kleidung. Spielsachen, sogar Lebensmittel und Arzneien müssen häufig im unteren Preissegment gekauft und auf Qualität verzichtet werden. Es bleiben oft nur die kleinen Freuden des Lebens, welche die Werbung suggeriert.

3.2. Armutserleben in der Kindheit

Fest steht, daß sich in den Zahlen ein „subjektiver Faktor“ zeigt, der darüber entscheidet, ob man die eigene Lage als gefährdet oder als aussichtslos beurteilt, ob man sich mit dem ewigen Durchwursteln abfindet oder daran verzweifelt, ob man sich seinen Stolz bewahrt oder vor Scham vergeht“ [Im Original hervorgehoben] (Bude 2008: 52). Um ein Verständnis von kindlicher Armut zu entwickeln, werden in der Armutsforschung qualitative Tiefeninterviews genutzt, dann heißt es sich mit Kindern die ein niedriges Einkommen haben über ihr Leben und die Themen die sie berühren zu unterhalten (vgl. Ridge 2000: 17). Mit qualitativem Ansatz kann der Begriff Exklusion über Jahreszahlen, Ländernamen und Statistikdaten hinausreichen. „Kinder in verschiedenen Verhältnissen werden Ihre jeweils eigenen Erfahrungen und Anliegen zu erzählen und ihre eigenen Wahrnehmungen davon haben, wie Armut ihr Leben beeinflusst hat“ (a.a.O.: 28). Das heißt allein anhand der Subjektivie- rungsweise könnte untersucht werden, ob und in welcher Weise Armut zu Ausgrenzung führt. Umgekehrt wäre, gleichgültig wie banal oder drastisch die objektive Lebensbedingungen von Kindern auch erscheinen mögen, Ausgrenzung nicht zwangsläufig mit Armut oder Wohlstand verbunden. Aber, Kinder bekommen sehr wohl die Auswirkungen materieller Armut zu Hause mit. Und obwohl nicht auszuschließen ist, dass es dabei auch ums gesundheitliche Wohlergehen geht, besteht der dramatische Aspekt gegenwärtig in der Gefahr dass „(...) Mechanismen reproduziert werden, die die wirtschaftlich und sozial schwächeren Individuen und Familien an den Rand des gemeinschaftlichen Lebens drängen und ausgrenzen“ (Matthies 2010: 49). Im Kontext des hier entwickelten Begriffs unkoordinierter Exklusion sind das Mechanismen, die sich auf den Kommunikationsprozess beziehen. Aller Anfang ist leicht wenn Kontingenzen die Teilhabe von Kindern an der Gesellschaft beschleunigen (vgl. Luhmann 1984: 184). Armut hingegen ist ein Zustand geringer materiellen Spielräume. Alternativlosigkeit und Aussichtlosigkeit sind objektive Lebensbedingungen des armen Kindes, denn Armut erlaubt kein „Auch-anders- möglich-sein“. Der Mangel an Kontingenz, wie er auf materielle Ursachen zurückzuführen ist, erschwert den Zugang zur Kommunikation. „Was auch immer der Grund sein mag, es ist eine Tatsache, dass die Kinder sich von Aktivitäten zurückziehen, die ihren Horizont erweitern und ihre sozialen und anderen Erfahrungen bereichen könnten.“ (Tarkowska 2010 S. 41)

Wüstendörfers Studie mit dem Titel „ Dass man immer Nein sagen muss “ (2009) illustriert deutlich wie der Zusammenhang der Lebensbedingungen und Sprache letztlich in die Sozialisation der Aussichtslosigkeit führen muss. Die Ergebnisse der von Wüstendörfer durchgeführten Studien, bestätigen sich stets auch im Rahmen der eigenen beruflichen Praxis. Es finden sich immer wieder Beispiele, die diese Form der unkoordinierten Exklusion exemplifizieren. Beispielsweise, wenn eine alleinerziehende Mutter in Begleitung ihrer zehnjährigen Tochter während der Antragstellung auf Sozialleistungen für Kinder sich wie folgt äußert: „Am Ende des Monats gibt es Nudeln mit dünner Soße. Da ist kein Geld mehr für Obst da. Aber wenn wieder Geld kommt, dann ist die Kleine die erste die zum Bäcker darf und sich dort was holen“ (Gedächtnisprotokoll des Autors). Die Alternativlosigkeit der Situation ist nicht gleich augenfällig. Schließlich darf das Kind nach Bewältigung dünner-Soßen- Zeit ja zum Bäcker. Das heißt aber auch, vorher müsste die Mutter dem Kind die Süßigkeit abschlagen. Typisch für Armut sind mehrfache Einschränkun- gen.9 Das führt zur Häufung von Verneinungen und Verboten. Dies wird im weiteren Gesprächsverlauf noch untermauert, wenn die Mutter darauf hinweist, dass sie „(...) fast soviel Strom wie Miete [zahlten], aber das Amt wolle das nicht einsehen. Und ergänzt, der Kühlschrank sei dreißig Jahre alt, was von der Tochter dahingehend ergänzt wird, dass beim Herd überall die heiße Luft raus komme, dass man gar nichts mehr backen könne. Sie ganz alte Boiler hätten und deswegen das warme Wasser abgeklemmt sei“ (Aufzeichnungen Gedächtnisprotokoll des Autors). Das Kind musste hier einen weiteren Grund dafür kennenlernen, warum es keinen Kuchen bekommt. Der Ofen ist kaputt. Während dünner-Soßen-Zeit ist also der Zugang zum begehrten Kuchen gleich doppelt versagt: „ am Ende des Monats gibt es Nudeln mit dünner Soße “, aber kein Kuchen, und „der Ofen ist kaputt“ - so dass darin kein Kuchen gebacken werden kann. Die materielle Situation bedingt die Wiederholung sprachlicher Formen. Das Wirtschaftssystem schaltet unkoordiniert ein Erziehungssystem auf, dass letztlich Aussichtslosigkeit auch anerziehen muss, wenn sprachliche Formen (unkoordiniert) wiederholt werden.

Natürlich wünschen sich Kinder, oft unausgesprochen, mehr als nur ein Stück Kuchen. Sie haben eine Menge materieller Wünsche. Einige der Wünsche sind Resultat der sprachlichen Dauerformung durch die Massenmedien, also erfolgreicher Konsumerziehung. Aber auch die sozialen Nahbeziehungen, vor allem unter Geschwistern und zu Gleichaltrigen können Begehren wecken. An den Spielsachen der anderen haften komplexe Kontingenzen an, mit denen soziale Systeme sich bisweilen sogar lautstark bilden, und sie sind deshalb besonders attraktiv. Nicht zuletzt auch kindliche Neugier und Bildungsdrang fordern materiellen Nachschub. Der Kuchen steht beispielhaft für eine ganze Menge denkbarer Einschränkungen. Prekariatsstress entsteht schon, wenn Kinder „(..) in Verhältnissen aufwachsen, wo es für keinen Zoobesuch, keinen Musikunterricht und nicht für Fußballschuhe reicht“ ( vgl. Bude 2008 : 19f.).

Diese Einschränkungen können auch wesentlich drastischer ausfallen. Sie gehen bis zum Totalausschluss aus Teilen des Erziehungssystems. Das heißt, Wirtschafts- und Erziehungssystem sind derart unkoordiniert verbunden, dass Sozialisation völlig blockiert ist. Den Einstieg in diesen Sachverhalt liefert das Beispiel oben mit. „Die Armut wächst, die Wohnquartiere verfallen (...) “ (a.a.O: 21): Wegen des alten Boilers ist das warme Wasser abgeklemmt. Der Boiler würde funktionieren, aber der Betrieb schlägt sich auf den eh schon hohen Strompreis nieder. Das heißt die Grundversorgung mit fließendem warmen Wasser und damit auch die Möglichkeit täglicher Körperhygiene ist nicht gewährleistet. Das arme Kind kann aber nicht nur die Freude am Badevergnügen mit Gleichaltrigen nicht teilen. Das Kind ist doppelt von der Möglichkeit sozialer Kontakte ausgeschlossen, wenn es sich scheut Freunde wegen des desolaten Zustands der Wohnung zu sich einzuladen oder, wenn sich fehlende Waschmöglichkeit sich zu einer direkten Körperbetroffenheit auswachsen. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, heißt das alte Lied. Zusammengefasst „ Aufwachsen in Armut kann zu einer psychosozialen Belastung führen, die einen Ausschluß aus vielen sozialen und kulturellen Lebensbereichen nach sich ziehen kann und damit die Startchancen nachhaltig beeinträchtigt. “ (Klocke 2001: 298)

3.2. Exklusionsempfinden

Die veranschaulichten objektiven Lebensbedingungen armer Kinder, materielle Not, Netzwerkarmut, Sozialisationsbarrieren konnten zum (objektiven) Mangel an Kontingenz zusammengefasst werden. Die Frage ist nun, wie Kinder ihre Armutserlebnisse beschreiben und welche Strategien sie entwickeln mit dem Mangel an Kontingenz umzugehen, wie sich bei Kindern gesellschaftlich vermittelte Unterscheidens-, Abgrenzungs-, Ausgrenzungspraktiken mehr oder weniger habitualisiert präsentieren (vgl. Bührmann et al. 2008: 60). Mit einem zwischen Ungleichheits- und Armutsforschung vermittelten Exklusionsbegriff ist leicht möglich der eigenen Beobachtungsposition auf den Leim zu gehen. Das wäre im Falle Kinderarmut der Kurzschluss: Armes Kind gleich ausgegrenztes Kind. Bude und Lantermann entwickelten ein Modell das Exklusionsempfinden als ein eigenständiges Phänomen herausstellt, das von spezifischen Faktoren bestimmt und zu anderen Effekten überleitet als die objektive Exklusion (2006: 235). Dieses Modell unterscheidet mit Marginalisierung die objektiven Lebensbedingungen massiver Benachteiligung bei der Verteilung allgemein begehrter Güter. Exklusion ist in diesem Modell die soziale Selbsteinordnung nach Maßgabe des Schematismus von Drinnen und Draußen. Exkludiert gilt in diesem Modell, wer sich selbst nicht mehr als Teil zu einem großen Ganzen zugehörig und sich aus der Welt der Chancen verstoßen und in eine Welt des Ausschlusses geworfen sieht (ebd.). Mit dieser Unterscheidung zwischen objektiven Lebensbedingungen und subjektiver Lebensweise wird die einfache Formel möglich: „Der Marginalisierte trifft auf Barrieren, aber ist einbezogen; der Exkludierte sieht sich aus dem Ganzen entbettet und gerät in Panik“ (a.a.O.: 234).

Wie mit objektiven Exklusionsbedingungen individuell umgegangen wird, hängt nicht nur mit den eigenen Handlungsressourcen zusammen, sondern vor allem damit, wie diese individuell bewertet sind hinsichtlich der wahrgenommenen Anforderungen und den verfügbaren individuellen Ressourcen zur Bewältigung dieser Anforderungen (vgl. a.a.O: 236). Wie Anforderungen wahrgenommen werden und auch das Abwägen der verfügbaren individuellen Ressourcen mit denen die Anforderungen beantwortet werden, sind von den internen und externen Ressourcen der Person beeinflusst (vgl. a.a.O.: 236). Externe Ressourcen sind auch die sozialen Nahbeziehungen des Kindes. Und als solche wären wiederum die internen Ressourcen der erfahrbaren sozialen Welt, wie also Eltern, Freunde, Bekannte, Gleichaltrige, Nachbarn, Lehrer, Ämter mit den objektiven Exklusionsbedingungen umgehen ganz entscheidend dafür, ob und wie diese als externe Ressource am Horizont des sinnhaft angezeigten in der Kommunikation auftauchen.

Der Test des Prekaritäten-Ressourcen-Modell des Exklusionsempfindens zur Ermittlung inwieweit prekäre Lebenslage und Lebenslagenantizipation von Kindern miteinander zusammenhängen steht aus. Für berufstätige Erwachsene gilt: „Auch der wegen seiner externen Ressourcen Privilegierte kann objektiv und vor allem subjektiv exkludiert sein, wie auch der objektiv „Minderprivilegierte“ nicht zwangsläufig auch zugleich exkludiert sein und sich so fühlen muss.“ (a.a.O.: 234) Auch arme Kinder zeigen nicht selten Resillienz gegen Armutseinflüsse und Ausgrenzung, und können als aktive soziale Akteure beobachtet werden, die Mittel und Wege der Teilnahme entwickeln und alternative Strategien des Überlebens und der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben durch Arbeit und Spiel anwenden (Ridge 2000: 28). Mit der Frage nach kindlichem Wohlergehen unter Einwirkung von Erziehungstress fand Beisen- herz außer der Persönlichkeit des Kindes das Familienklima und die Schulnoten, und daneben (..) nur noch - und zwar negativ- die Armutslage beachtlich. (2005: 183) Klocke fasst den Überblick empirischer Analysen von Belastungsfaktoren von Kindern in Armutslagen zusammen: „ Geringe Lebenszufriedenheit, Gefühle der Hilflosigkeit und der Einsamkeit sowie ein geringes Selbstvertrauen sind bei Kindern und Jugendlichen in Armut überproportional häufig zu beobachten.“ (2001: 302)

3.3. Kindliche Bewältigungsstrategien

Solange die Armutslage sich noch so darstellt, dass Kinder interne Ressourcen aufbringen können, also Kraft haben dem Prekariatsstress und dem Erziehungsstress zu widerstehen sind problemlösende Bewältigungsmuster armer Kinder beobachtbar: Aufsuchen emotionaler Unterstützung, gegenseitiger Unterstützung und der Suche von Verbündeten oder zu Impulshandlungen wie fordern, klauen, betrügen (vgl. Richter 2000: 92ff.). Beobachtet werden ferner „ anstatt -Handlungen“ die darin bestehen können andere abzuwerten. Problemmeidende Strategien wären Ansprüche zurückzuschrauben und zu verdecken, versuchen sich auf sich selbst zurückzuziehen (vgl. Ridge 2000: 28).

Die Persönlichkeit des Kindes spielt eine entscheidende Rolle dabei, ob das Kind lernt mit der Situation in Armutslagen umzugehen oder daran verzweifelt. Bliebe der Luhmann'sche Schnitt zwischen nachwachsendem Mensch und sozialem Konstrukt erhalten, wonach Kinder letztlich (sozial konstruierte) Personen mit besonderen Potentialerwartungen hinsichtlich Erziehung sind, dann wäre das PRE Modell auf Kindheit übertragbar. Die analytische Freisetzung des Kindes als handelndes Subjekt in Armutslagen folgt gleichfalls der Intention der Kinderarmutsforschung, die unter dem Begriff „neuer Kindheit“, (...) Kinderarmut als spezifische „postmoderne“ Erscheiung bzw. Thematisierung von Armut [,die] Kinder als materiell unabhängige und in ihrem Handels freie Subjekte [voraussetzt]“ (vgl. Beisenherz 2002: 249).

Die objektiven Lebensbedingungen von Kindern in Armutslagen, wie sie sich durch Prekariat und vermittels Erziehung darstellen können, sind die unsicheren, riskanten, stressreichen Situationen, denen kindliche Widerstandsfähigkeit entgegnen muss. Die potentielle Energie dazu, hinge laut Bude u. Lantermann (2006) erstens mit einem ausgeprägten Kohärenzsinn zusammen. Damit, inwiefern und in welchen Umfang Kinder den äußeren und inneren Ereignissen und Sachverhalten einen „Sinn“, eine erkennbare Bedeutung erkennen und ein generalisiertes Gefühl des Vertrauens aufbauen könnten, dass ihre eigene innere und äußere Umwelt vorhersagbar macht. Entscheidend um oben auf zu bleiben, wäre zweitens, wenn vertraute Handlungsmuster nicht mehr greifen, die Unbestimmheitsorientierung von Kindern. Neue Situationen die Umstellung von Handlungsmustern verursachen können durch Trennung der Eltern, Jobverlust, Schul - oder Wohnortswechsel, Verlust des Freundeskreises, etc. vorkommen. Bei Situationsänderungen können sich Personen, die mit hoher Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, (...) und dabei auch Risiken einzugehen bereit sind, sich besser behaupten als, Personen, denen Überschaubarkeit, Gewissheiten und Sicherheiten ohne Risiko besonders wichtig sind (vgl. 239). Den vom Erstkontakt zu anderen Menschen unbelasteten analytischen Optimalzustand der Tabula Rasa wird nicht vorfindbar sein. Das heißt, alles was als innere Ressource von Kindern soziologisch erkannt werden könnte ist auch bereits sozialisationsfällig, ist bereits habitualisiert. Unter der Fragestellung wie Aggression bei Kindern entsteht und ihre Entwicklung beeinflusst fasst Wahl (2005) eine breite Auswahl der Hauptdimensionen sozialer Emotionen und Verhaltensweisen von Kinder zusammen.10 Diese Zusammenfassung nochmals belegt sind Kinder „ ( ...) nur ansatzweise rational kalkulierende Akteure. Sie können zwar abschätzen, was die bestmögliche Alternative ist, trotzdem handeln sie oft emotional und irrational“ (Goia 2005: 108).

4. ) Exklusionspraktiken und Exklusionssysteme

Mit der Suche nach Synergien von Praxis- und Systemtheorie bevorzugt dieser Theorievergleich tendenziell Gemeinsamkeiten beider Theorien. Auch die ungeteilten theoretischen Defizite beider Theorien wurden so ausgeblendet. Dadurch verdeckt sind Erklärungspotentiale für Exklusion, die durch Unterschiede beider Theorien aufgeladen werden. Die Logik der Beobachtung vorausgesetzt, wird beim Versuch Einheit zu erschließen mehr ausgeschlossen als erschlossen (Maturana/Varela 1980: 22). Das heißt auch, der Versuch die Soll Stelle vorliegender Untersuchung vollständig auszugleichen würde sich in den Details der beiden grundlegenden Theorien verlieren müssen. Der Grundriss des Begriffs unkoordinierter Exklusion kann bereits anhand der Darstellung entworfen werden, was bisher aus den Vorüberlegungen zum Begriff unkoordinierter Exklusion auf system- und praxistheoretischen Grundlagen bei Luhmann und Castel/Bourdieu gewonnen wurde und anhand deren Weiterentwicklungen und Vermittlungen. Weiter vervollständigen konnte den Begriff die Erprobung unter der Perspektive unkoordinierter Verbindung von Wirtschaftsund Erziehungssystem. Eine ausreichende Begriffsdefinition von unkoordinierter Exklusion, an die lösungsorientierte Erforschung von Kinderarmut anschließen kann, verspricht die (4.1.) Belichtung der theoretischen Defizite Luhmanns und Castels unter der Maßgabe, welche mehr oder weniger tiefen Gräben zwischen beiden Theorien mit dem Begriff unkoordinierter Exklusion überwunden wäre. (4.2.) Die Untersuchung schließt mit einer Ergebnisübersicht ab, in der die Praktiken Unterscheidung, Abgrenzung und Ausgrenzung auf Makro-, Meso- und Mikroebene der Gesellschaft bezogen sind.

4.1. Der Exklusionsbegriff als Eselsbrücke zwischen den Theorien Castels und Luhmanns

Bekanntester Vorwurf gegen Luhmanns Theorie ist die vollständige Persönlichkeit des Menschen aus dem Aufbau der sozialen Welt isoliert zu haben. Tatsächlich schließt Exklusionsindividualität den Menschen nicht aus, lediglich der analytische Zugriff auf den ganzen Menschen ist erschwert. Die Anwesenheit des Lebens in Form nervös vibrierender Gehirne in der Kommunikation, dass quirliges Bewusstsein mit sinnhafter Erfahrung versorgt, die dann in der Kommunikation anschlußfähig geordnet wird ist Voraussetzung für Kommunikation (vgl. Luhmann 2001: 114). Im Verhältnis von Menschen und sozialen Systemen stellt die Persönlichkeit des Menschen ,( ... ) die Komplexität, (...) für das jeweils aufnehmende System unfaßbare Komplexität, also Unordnung. Man kann deshalb auch formulieren, daß die psychischen Systeme die sozialen Systeme mit hinreichender Unordnung versorgen, und ebenso umgekehrt. ( ... ) Der Aufbau sozialer Systeme (und ebenso der Aufbau psychischer Systeme) folgt dem order from noise principle (von Foerster)" (Luhmann 1984: 29lf.). Menschen werden in der Kommunikation notwendig ungleich beobachtet (Asymmetrien der Beobachtung).

Gegen den Exklusionsbegriff in Luhmanns Systemtheorie ist folgender Einwand bekannt. Inklusion setze auf der einen Seite Exklusion voraus (Exklusionsindividualität), auf der anderen Seite stünden sich Inklusion und Exklusion als Entweder - Oder gegenüber und Exklusion den Zugang zu Funktionssy- temen. „Der Begriff Exklusion hat in der Systemtheorie nicht nur unterschiedliche, sondern gegensätzliche Bedeutungen“ (vgl. Kronauer 2010: 122ff.). Die Systemtheorie kann die Art und Weise der gesellschaftlichen Teilhabe nicht so unterscheiden, dass daraus relative Positionen innerhalb der Gesellschaft abgeleitet werden könnten. Dagegen in Bourdieus' Feldtheorie sind soziale Position "Ensemble objektiver historischer Relationen zwischen Positionen, die auf bestimmten Formen von Macht (oder Kapital) beruhen (...)" (Wacquant 1996: 36). Soziale Ungleichheit ist abhängig vom Haben - und nicht Haben sozialen, kulturellen, ökonomischen Kapitals relativ als Inklusion bestimmt und kann nicht ohne den machttheoretischen Blick auf die Funktionssysteme auskommen. Zwischen diesen beiden Positionen liegt die Castels. Seine Theoire ist in der Lage allein auf der Grundlage von Sozialität die Identität des Menschen als relative Position entlang des Exklusionsprozesses einzuordnen. Castel bestimmt damit das Sein als Ringen um Identität gegen den drohenden Verlust des Angebots identitätsstiftender kollektiver Sicherheiten der sozialen Nahbeziehungen. Soziale Ungleichheit hatte zunächst keinen Platz in der Systemtheorie.

Gleicher Vorwurf wird auch innerhalb der Systemtheorie behandelt. Mit Bezug auf Luhmanns Versuch Armut formallogisch mit Exklusion in die Systemtheorie zu integrieren (vgl. Luhmann 1999: 147f.) schreibt Nassehi (2004) „Gerade hier zeigt sich deutlich, wie wenig es der systemtheoretischen Soziologie bis dato gelungen ist, soziale Ungleichheit über den Extremfall der radikalen Exklusion hinaus zu thematisieren“ (S. 329). Dafür stellt Nassehi der Systemtheorie die Weiterentwicklung des Begriffspaars Inklusion/ Exklusion in den Mittelpunkt und nimmt vorweg, wie soziale Ungleichheit ursächlich zu erklären wäre „ Es geht nicht mehr um die Gesamtintegration von Menschen in soziale Strukturen, sondern um die Frage, wie Menschen durch Kommunikation als Personen behandelt werden und so an unterschiedliche soziale Interak- tions-, Organisations- und Funktionssysteme gekoppelt werden können“ ( a.a.O.: 328). Geht man nicht von topographischen sondern operativen Inklusi- ons- und Exklusionsräumen aus, was Nassehi vorschlägt, (a.a.O. 335) lässt sich die leitende Frage auch in der Form stellen: Wo wird soziale Ungleichheit erzeugt? Nassehi lenkt den Blick auf Organisationen deren Grundstruktur in entscheidungsgestützten selektivem Zugriff auf Menschen besteht. (Nassehi 2004: 338) Organisationen stellen für Nassehi sogar regelrechte Exklusionsmaschinen und Ungleichheitsmaschinen dar „ (...) indem sie Personen Stellen, Funktionen, Ansprechbarkeiten zuweisen und entsprechend verwehren - und das sowohl nach innen als auch nach außen.“ (a.a.O. 340) Für die ursächliche Erforschung von Kinderarmut mit dem Begriff unkoordinierter Exklusion wurde der Bezug zwischen Kindern und der Organisation von Erziehung in Familien und der Schule hergestellt. Beleuchtet wurden die Bereiche, auf die organisierte, institutionalisierte Erziehung nur wenig Zugriff hat. Stichweh (1995) bleibt verhältnismäßig nahe an einem Begriff von Exklusion, als multidimensionale sequentielle soziale Ausgrenzung, wie ihn auch die Armutsforschung führt. Das Beobachtungsinteresse soll demnach auf die Interaktionen und Sequenzen gelenkt werden, die einzelne Schritte der Exklusion vernetzen (S. 6). Der Begriff unkoordinierter Exklusion soll das einlösen.

Die Kritik an Castels Entkopplungsbegriff stellt die Aufgabe seine Theorie für die quantitive und qualitative Sozialforschung zu operationalisieren. Kronauer (2006: 37 ff.) fragt, wie Ausgrenzungsprozesse biografisch verlaufen. Das Sampling könnte vorab mit dem PRE-Modell erfolgen. Anschließend wäre anhand der Daten aus offenen narrativen Interviews der Vergleich nach gemeinsamen Mustern in der biographischen Laufbahn möglich. Auch die Frage, ob Verschiebungen auf den drei Achsen - Arbeitsteilung, soziale Nahbeziehungen und Bürgerrechte sich gegenseitig verstärken oder sich auch wechselseitig ausgleichen kann quantitative Sozialforschung in Längsschnitterhebungen feststellen, wenn qualitativ die entsprechenden Indikatoren bestimmt worden sind. Gleiches gilt für die Frage wie lange die solidarischen Bande halten und ob die Menschen durch die „Zonen“ durchgereicht werden und wie durchlässig diese sind.

Erst mit der Frage Kronauers, ob Exklusion alle Gesellschaftsglieder gleichermaßen bedroht, wird Theoriearbeit aufgerufen (vgl. a.a.O.). Die Schockwellen der Erwerbsarbeit gefährden das Individuum, sie erreichen die sozialen Nahbeziehungen und gefährden letztlich die Demokratie (vgl. Castel 1996: 775 u. 777). Zumindest zeigt Armut signifikantes Wahlverhalten11. Aus den Prämissen von Praxis und Systemtheorie muss mit dem Begriff unkoordinierter Exklusion davon ausgegangen werden, dass Exklusion Weise ähnliche Auswirkungen hat. Kommunikation endet mangels Beteiligung von Bewusstsein, weil die Versorgung mit Komplexität zum Systemaufbau ausbleibt, wenn sie für Bewusstsein nicht mehr attraktiv ist (vgl. Luhmann 2001: S.115) Vermittels Praxisbegriff ebenfalls gesichert; dort muss Praxis Akteuren in sozialen Systemen als praktisch sinnvoll erscheinen damit sie sich beteiligen (vgl. Hil- lebrandt 2006: 350). Mit einem Verständnis von Exklusion als Dezentrierung des Subjekts, in Form des Rückzugs oder Zurückgedrängtwerdens des Subjekts in die Irrelevanz objektiver Zuschreibung, ist das Ende aktiver sachbezüglicher Kommunikation denkbar. Die Gefährdung der Demokratie, welche von Exklusion ausgeht besteht in der Nicht - Beteiligung an der sachbezüglichen Kommunikation der Verbindung des politischen Systems und des Rechtssystem die mit ,Demokratie' bezeichnet wird. Wer sich exkludiert fühlt muss davon ausgehen, dass seine Stimme nicht zählt (s.o. Bude 2008: 34) und wird seine Meinung auch eher für sich behalten. Systemtheoretisch gesichert werden kann, dass die Reaktion auf die Gefährdung eines Systems auch Effekte in anderen Systemen nach sich ziehen muss und deswegen Exklusion eine Gefährdung für die gesamte Gesellschaft bedeutet. „Seine Beziehung zur Umwelt gestaltet (..)[ein System] demnach dadurch, dass es diese Differenz [System/Umwelt] in sich selbst hineinkopiert und somit zum Ausgangspunkt weiterer Operationen macht (...)“ (Jahraus, O. In: Luhmann 2001: 305)

Castels Entkopplungsbegriff fehle außerdem ein Erklärungsangebot für den Zusammenhang von Exklusion und die „(...) Eigentümlichkeiten des sozialen Bürgerstatus, wie sie den Begriff modernen Begriff von wohlfahrtsstaatlich fundierter Demokratie kennzeichnen und mit /citizenship/ ausgedrückt werden (..)“ (vgl. Kronauer 2006: 37ff.). Der Begriff unkoordinierter Exklusion ist erklärungsoffen. Der thematische Kontext von Entwicklung und Erstversuch steckte den Rahmen der ursächlichen Erklärung von Exklusion anhand Wirtschafts- und Erziehungssystem ab. Unglückliche Verbindungen von Rechts-, Wirtschafts-, Erziehungs- und politischem System dahingehend, dass sich sachbezügliche Kommunikationspraktiken dazwischen bilden und verfestigen sind leicht denkbar. Man denke im Kontext der unkoordinierten Exklusion von Kindern beispielsweise an die rechtsgebundene Sanktionspraxis der Jobcen- ter12, die das Familieneinkommen über einen längeren Zeitraum so drastisch verringern kann, dass sich Prekariatsstress und Erziehungseffekte auf die Kinder ausweiten können.

Fortgesetzte soziale Ungleichheit formuliert ein Problem des Erinnerns, dass im Begriff unkoordinierter Exklusion, nicht durch Verbindung, sondern durch Überlagerung systemtheoretischer Entscheidung mit praxistheoretischen Grundannahmen gelöst ist. Luhmann hält an der Trennung von Kommunikation und Wahrnehmung fest (Luhmann 2001: 98). Asymmetrischen Erstunterscheidung durch Beobachtung, sind als Information notwendig ungleich. Weitere Asymmetrien entstehen, weil Bewusstsein an Kommunikation beteiligt ist, beispielsweise die sozial geteilte Unterscheidung nach ,groß' und ,klein', die auch das sozial geteilte Bild davon prägt, was ,ein Kind' ist. Luhmann räumt dem Problem fortgesetzter sozialer Ungleichheit mit ,gepflegter Semantik' theoretisch Raum ein. Es geht ihm um die „(...) Frage nach den strukturellen Gründen der semantischen Transformation des Verständnisses menschlicher Individualität“ (Luhmann 1989: 155). Gesellschaft unterliegt in Luhmanns Verständnis dynamischer Stabilisierung (vgl. Luhmann 1984: S. 79). Das Gedächtnis der stabilisierender Ausgleichsbewegungen, der an Gesellschaft beteiligten Funktionssysteme stellt Semantik Im weitesten Sinne ist Semantik gesprochene Sprache und gepflegte Semantik, die Schriftform. Der praxistheoretische Habitusbegriff bietet den verhältnismäßig direkteren Zugriff zur Erklärung, wie ungleiche Beobachtung als Kultur erinnert wird, wie sich soziale Ungleichheit fortsetzt. Der Habitusbegriff ergänzt im Begriff unkoordinierter Exklusion wie sozialer Sinn ausgehend vom sozialen System, über das Bewusstsein in den Körper und von dort aus in die Kommunikation zurückgekoppelt wird. Der Habitusbegriff reduziert für Systemtheorie die Komplexität des Bewusstseins mit dem es den Kommunikationsprozess zur Strukturbildung auffordert. Bewusstsein das in sich selbst dies und das erlebt, sich wahrnimmt und sich denken spürt (vgl. Luhmann 2001: 114) aber sonst für Systemtheorie intransparent bleibt (a.a.O.: 98)

4.2. Unkoordinierte Exklusionssysteme?

Exklusion in der funktional geteilten Gesellschaft wird nicht von einem einzigen Funktionssystem verwirklicht, sondern ist Resultat unkoordinierter Verbindung von Funktionssystemen, und wird in Funktionssystemen, sozialen Nahbeziehungen und auf der Ebene individueller Akteure als Praktiken der Unterscheidung, Abgrenzung und Ausgrenzung sichtbar. Der Begriff unkoordinierter Exklusion erfasst Individuen und Soziale Systeme, Funktionssysteme und Systeme sozialer Nahebeziehungen, als Akteurssysteme, die sich innerhalb der Randbedingungen von Kommunikation aufeinander abstimmen. Die Verbindungen der Funktionssysteme werden individuell inkorperiert. Individuen steuern Exklusionsempfinden als Sinn in sachbezügliche Kommunikation. Entlang sachbezüglicher Kommunikation bilden sich die Verbindungslinien an denen funktionale Exklusionssysteme kondensieren, die Reduktion sozialer Komplexität durch die Asymmetrisierung von Information sicherstellen. - Diese Definition ist weiter gefasst, als durch die Untersuchung belegt. Problematisch ist die Übertragung des Praxisbegriffs auf Funktionssysteme, der mit einer Theorie für verteilte Habitualisierung in Organisationen begegnet werde könnte, die aber an dieser Stelle noch nicht vorliegt. Ebenfalls, die Bildung und Verstetigung der „Exklusionssysteme“, die sich zwischen den primären (oder bekannten) Funktionssystemen der Gesellschaft schließen. Fraglich ist auch, ob die Asymmetrisierung von Information als Exklusionspraktiken begründendes Prinzip durchgehalten werden kann. Insofern illustriert die Kreuztabelle (Abb 1.) nicht nur das Erklärungspotential koordinierter Exklusion für die verschiedene Dimensionen von Exklusion, sondern vor allem auch die Klarheiten und Unklarheiten des Begriffs. Fassbar sind die charakteristischen Exklusionspraktiken, deren Ausprägungen auf den verschiedenen Beobachtungsebenen anhand der Tabelle noch einmal dargestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A1: Selbstreferentielle Schließung u. Ausbildung von Leitdifferenzen, als Unterscheidungspraxis auf der Ebene von Funktionssystemen. Bei Schließung des Systems gegenüber Umwelt, durch die Abbildung der Unterscheidung System/ Umwelt im System wird die Komplexität der Information die Umwelt bereitstellt durch Asymmetrisierung von Informationen reduziert, indem die Selbstreferenz einseitig betont wird. A2: Durch anschließende Abgrenzung der Funktion des Systems gegen andere Funktionsweisen (Umwelt), werden Leitdifferenzen verstetigt. A3: Ausgrenzung erfolgt anhand der grundlegenden Differenz relevant / nicht-relevant für Reproduktion Systeme. Exklusionsgünstige Verbindungen von Leitdifferenzen sind in der Art asymetrisch verbunden, dass (kindliche) Exklusion wahrscheinlich wird, bspw. sozialrechtliche Sanktionen in Form Recht / Nicht - Geld.

B1: Soziale Nahbeziehungen unterscheiden, schließen sich entlang der Qualität gegenseitiger Abhängigkeiten. B2: Abhängig von den verfügbaren externen Ressourcen der sozialen Nahbeziehungen, legen sie die internen Ressourcen (die individuell als externe Ressourcen verfügbar werden) fest. Exklusionsgünstig sind Asymmetrien die Kontingenzerartungen reduzieren: Wenig Einkommen. B3: Die Kontingenzerwartungen können ausgeglichen, oder einseitig betont auftreten. Der Schlüssel dazu ob man sich seinen Stolz bewahrt oder vor Scham vergeht (vgl. Bude 2008 : 52) ist der praxistheoretische Distinktionsbegriff.

C1: Individuen, in dieser Untersuchung Kinder, unterscheiden sich in ihrem Wesen voneinander, in der Art des Erlebens und Fühlens und hinsichtlich ihrer Subjektivierungsweisen und C2: grenzen sich dadurch voneinander ab, wie sie soziale Praktiken anlegen und Strategien entwickeln und umsetzen können (vgl. Wahl 2005: 128, Bührmann et al. 2008: 60, Reckwitz 2003: 290). C3: Ausgrenzung des Subjekts bedeutet nicht - relevant für die Konstruktion der eigenen öffentlichen Identität zu sein (vgl. Herzog 2013: 6f.), vom Gefühl beherrscht [sein] , dass es auf einen [selbst] nicht mehr ankommt (...)“ (Bude 2008 : 34) und, dies auch habitualisiert nach außen zu tragen.

5. ) Einsicht und Ausblick

Das vorläufige Resultat der Suche nach Synergien zwischen Praxis- und Systemtheorie für eine Begriffsbildung von Exklusion zur lösungsorientierten Erforschung von Kinderarmut auf dem Weg von der Theorie zur Empire zeigt sowohl Stärken wie Schwächen des Begriffs unkoordinierter Exklusion, des Untersuchungsdesigns und der Durchführung. Die Annahme Ausgrenzung sei der Grund für Kinderarmut konnte auf diesem Weg nicht durch den Begriff unkoordinierter Exklusion bestätigt werden. Die Schwierigkeit lag zum einen in der Auswahl und dem Umgang mit den Grundlagentheorien, im Untersuchungsdesign, mehr noch aber in der Ausführung der Untersuchung selbst. Erst nach der Hälfe der Untersuchung fand eine Begriffsbildung dazu statt, unter welcher Perspektive Kinder zu betrachten wären. Als handelnde Subjekte, losgelöst von der Gesellschaft, oder eingebunden in soziale Nahbeziehungen. Aus den Systemtheoretischen Grundlagen wurde ein abstraktes Kind-System entwickelt, dem später Fähigkeiten des Fühlens und des aktiven Handelns zugesprochen werden, dass aber alleingestellt verloren bleibt. Die Rückkopplungen des Kinds in die sozialen Nahbeziehungen, letztlich auch in die Funktionssysteme bleibt gänzlich unangesprochen. Es wird das Bild einer Gesellschaft vermittelt, die ohne Einfühlungsvermögen, um das Kind kreist, und Inklusionswege sperrt. Die Typik des Kindes schlechthin, Wachsen bei relativer Offenheit gegenüber neuem, wird im Kontext des Kinds als Medium der Erziehung angesprochen. Dann fehlt aber die Ausarbeitung einer Temporalisie- rungsthese. Dieser Leerstelle wird mit dem Habitusbegriff überdeckt. Es fehlt dann der Versuch darüber, wie und ob kindliche Exklusionserfahrungen sich ins Jugendalter, oder ins Erwachsenenalter, oder auf andere Kinder fortsetzen könnten. Das Ergebnis muss an dieser Stelle noch lauten, Kinderarmut verursacht Exklusion von Kindern. Die ursächliche Erklärung dafür allerdings kann der Begriff unkoordinierter Exklusion liefern.

Die wichtigste Einsicht ist, dass die Frage nach dem Zusammenwirken der Praktiken über die Ebenen von Funktionssystemen, sozialer Nahbeziehungen der individuellen Akteursebene hinweg den Kern für weitere Überlegungen bilden muss. Die Grundlagen für den Exklusionsbegriff als zentrale Kategorie zur Analyse fortgesetzter sozialer Ungleichheit ist Asymmetrie als Strukturprinzip zu diskutieren. Damit ist bereits die augenfälligste Schwäche der gesamten Untersuchung angesprochen. Die Position wechselt unentschlossen zwischen praxis- und systemtheoretischen Grundlagen hin und her, ohne tatsächliche Synergien zu erreichen. Irgendwo auf dem Weg von der Makro zur Mikroebene, wechselt der Erklärungsmodus von quasi system- auf quasi praxistheoretische Grundlagen und zurück. Das Relais liegt in unbenannten Zwischenzonen. Gleiches gilt im vertikalen Theorieaufbau. Zwischen Funktionssystemen verdichten/verbinden sich diffus weitere (sekundäre) Funktionssysteme. Die können zwar mit „Exklusionssysteme“ benamst aber nicht bis auf die Mikroebene durchgehalten werden. Hier entstehen nicht konkret lokalisierbar horizontale Bruchlinien.

Die Begriffe, die beide Theorien zur ursächlichen Erklärung von Exklusion zur Verfügung stellen sind kontextbedingt nicht vollständig austauschbar und erscheinen nur unter immensen Verlusten begrifflicher Trennschärfe kohärent. Hier und da konnte etwas von der einen auf die andere Theorie durchgepaust werden. Die Schwierigkeiten der gesamten an die Grundlagendiskussion anschließenden Untersuchung, liegt genau an dieser Arbeitsweise: Die beiden großvolumigen und sehr detaillierten Theorien werden häufig zueinander verschoben, so dass jeder neue Übertrag von der einen in die andere Theorie den bezeichneten Begriff verändert. Das ist weniger problematisch, geschieht das mit einem System permanenter Ergebnissicherung, in der Form, dass die sich während der Theorie entwickelnde Begrifflichkeit immer auch wieder zu den Grundlagen in Relation gebracht wird. Ebenfalls wurden Begriffe sehr frei re- kombiniert. Beispielsweise bei der unkritischen Anwendung der systemtheoretischer Grundlagen auf individuelle Akteure, trotz dezidierter Begründung Luhmanns warum Kommunikation und Wahrnehmung, Bewusstsein und Köper zu trennen wären. (Luhmann 2001: 98) Die kombinatorische Methode hat sich auch positiv bewährt, aber insgesamt betrachtet, sind Lücken, Bruchlinien und Soll - Stellen der Untersuchung auch Resultat einer unvollständigen Methodendiskussion, die vorab hätte Platz in der Arbeit finden müssen.

Was dieser Arbeit geholfen hätte, aber nicht leistbar war, ist eine vollständige rekonstruierende Untersuchung des Ideenaustauschs zwischen Bourdieu und Castel, beziehungsweise allen Vordenkern der Praxistheorie. Hier musste auf Verdacht hin gearbeitet werden. Wie sich zeigte spiegelt Castels Theorie die Grundannahmen Bourdieus nicht einfach auf die Exklusionsseite hinüber, sondern überwindet auch Schwächen der Ausgangstheorie. Castel gelingt beispielsweise die relationale Positionsbestimmung ohne dabei den komplexen Zusammenhang von Kapital und Feldtheorie dazwischenschalten zu müssen. Den Menschen bestimmt der Gewinn und Verlust kollektiver Sicherheiten, durch spezialisierte Arbeitsteilung oder stabile Nahbeziehungen (vgl. Castel 2008: 27 u. 32)

Der Begriff unkoordinierter Exklusion lässt sich weiter entwickeln. Und grundlegende Strukturbedingungen von Exklusion konnten mit dem Konzept asymmetrischen Unterscheidens, Abgrenzens und Ausgrenzens ebenfalls gewonnen werden. Das ist, rückgreifend auf den Versuch die vagen Annahmen zur Exklusion plausibel und anschlussfähig ordnen, ein Gewinn. Der Begriff unkoordinierter Exklusion ist mehrdimensional angelegt. Es können soziale Praktiken benannt werden, die alltäglich in der/durch Gesellschaft aktualisiert werden. Mit dem erarbeiteten Überblick über den Stand der (Kinder-) Armutsforschung und der Exklusionsdebatte kann lösungsorientiert weitergeforscht werden.

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Das Zweite Buch Sozialgesetzbuch - Grundsicherung für Arbeitsuchende - in der Fassung der Bekanntmachung vom 13. Mai 2011 (BGBl. I S. 850, 2094), das zuletzt durch Artikel 1 des Gesetzes vom 7. Mai 2013 (BGBl. I S. 1167) geändert worden ist

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1 In diesem Kontext versteht Luhmann soziales’ im Weber'schen Sinne von Gemeinschaft: „»Vergemeinschaftung« soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns - im Einzelfall oder im Durchschnitt oder im reinen Typus - auf subjektiv gefühlter ( affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht““ [Im Original hervorgehoben] Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, hg. v. Johannes Winckelmann, Erster Teil. Soziologische Kategorienlehre, §9 Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung, Tübingen 1976, S. 21.

2 „The fundamental cognitive operation an observer performs is the operation of distinction. (...) the observer specifies a unity as an entity destinct from a background and a background as the domain in which an entity ist distinguished“ (Maturana/Varela 1980 S. 22)

3 Die Perspektive Castels reicht von denen, „(...)die mit der Erwerbsarbeit auch ihren gesellschaftlichen Ort verloren haben, von den sozial Isolierten und faktisch, wenn nicht gar de jure Machtlosen und Entrechteten hin zu den beruflich und sozial Etablierten. Sie erfasst darüber hinaus Unternehmenszentralen, die Auswahlkriterien, Leistungsbemessungen und Zuteilungspraktiken sozialstaatlicher Institutionen und die eng geknüpften Netze der power brokers - kurz, die Instanzen in denen darüber entschieden wird, ob und welche Arbeitsplätze geschaffen oder vernichtet werden und welche sozialstaatlichen Weichen in Integration und Ausgrenzung gestellt werden. Sie bezieht die alltäglichen Diskriminierungen und Abstoßungen ein, aber auch die Versuche, sich ihnen zu entziehen und die Praktiken der Gegenwehr.“ (Kronauer 2006 : 36)

4 Beispielsweise der Inaquality Adjusted Human Developement Index mit der Einsicht: „Countries with less human development tend to have greater inequality in more dimensions— and thus larger losses in human development.“ United Nations Devolopement Programme - http://hdr.undp.org/en/statistics/ihdi

5 An Organisationen können nur die wenigsten Menschen teilnehmen. Die Personen, welche in Organisationen auftauchen haben nur einen begrenzten Entscheidungsspielraum. Dennoch können persönliche Zuschreibungen dazu führen, dass der Entscheidungsspielraum verschieden gehandhabt wird, was Elitenbildung und über diese Eliten wiederum die Entstehung von Deutungsmacht begünstigt.

6 Gemeint ist Weber, M. (1910). Die protestantische Ethik I, hg. v. Johannes Winckelmann, 4.

7 In Deutschland beispielsweise wurden die Vorbehalte gegen die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen vom 20.November 1989 am 15.Juli 2010 vollständig zurückgenommen. Die darin anempfohlene Schaffung gesetzlicher Grundlagen für Sozialleistungen, die Kindern ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben sichern wurden nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 09.Februar 2010 geschaffen. Im Sozialgesetz zweites Buch sind Bedarfe für Bildung und Teilhabe seit 01.April 2011 hinterlegt (vgl. BVerfG, 1 BvL 1/09 vom 9.2.2010, Absatz-Nr. (1 - 220); SGB II).

8 bspw. die Sozial - und Armutsberichte in Kommunen, der Bundesländern und auf Bundes- und Internationaler Ebene 1985 - 2011, einzusehen beim Verein für Sozialplanung e.V. http://www.vsop.de/index.php?page=2083298435&f=1&i=0 (geprüft am 03.10.2013); Vierter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2013), Bundestagsdrucksache 17/12650; unicef. (2012); Measuring child poverty. New league tables of child poverty in the world's rich countries. Innocenti Report Card, 10.

9 Der Child Deprivation Index der Unicef Innocenti Report Cards bspw. erfasst folgende Möglichkeiten materieller Einschränkung für Kinder in reichen Ländern: 1. three meals a day; 2. At least one meal a day with meat, chicken or fish (or vegetarian equivalent); 3. Fresh fruit and vegetables every day; 4. Books suitable for the child's age and knowledge level (not including schoolbooks); 5. Outdoor leisure equipment (bicycle, roller-skates, etc.); 6. Regular leisure activities (swimming, playing an instrument, participating in youth organizations, etc.); 7. Indoor games (at least one per child, including educational baby toys, building blocks, board games, computer games, etc.); 8. Money to participate in school trips and events; 9. A quiet place with enough room and light to do homework; 10. An Internet connection 11. Some new clothes (i.e. not all second-hand);12. Two pairs of properly fitting shoes; 13. The opportunity, from time to time, to invite friends home to play and eat; 14. The opportunity to celebrate special occasions such as birthdays, name days, religious events, etc. (Unicef 2013)

10 Kindliches Verhalten kennt: Impulsivität, Ärger, Wut, Ängstlichkeit, Unsicherheit, Trauer, Depression, Offenheit, Neugier, Empathie, Kontaktbereitschaft mangelnde Kommunikations-, Kooperations—und Konfliktfähigkeit, mangelnden Altruismus, Gerechtigkeitsempfinden bzw. Fairness, unangemessenes Selbstwertgefühl (vgl. Wahl 2005: 128).

11 vgl. Schäfer, A. (2012). beeinflusst die sinkende Wahlbeteiligung das Wahlergebnis? eine Analyse kleinräumiger Wahldaten in deutschen Großstädten. Politische Vierteljahresschrift, 53(2), 240-264.

12 § 31a SGB II Rechtsfolgen bei Pflichtverletzungen: (1) Bei einer Pflichtverletzung nach §31 mindert sich das Arbeitslosengeld II in einer ersten Stufe um 30 Prozent des für die erwerbsfähige leistungsberechtigte Person nach § 20 maßgebenden Regelbedarfs. Bei der ersten wiederholten Pflichtverletzung nach § 31 mindert sich das Arbeitslosengeld II um 60 Prozent des für die erwerbsfähige leistungsberechtigte Person nach § 20 maßgebenden Regelbedarfs. Bei jeder weiteren wiederholten Pflichtverletzung nach § 31 entfällt das Arbeitslosengeld II vollständig.

57 von 57 Seiten

Details

Titel
Welches Erklärungspotential hat der Begriff der Exklusion zur Fassung von Kinderarmut?
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kultur- und Sozialwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
57
Katalognummer
V514986
ISBN (Buch)
9783346106483
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exklusion, Systemtheorie, Praxistheorie, Kindheit, Kinderarmut, Theorie der Praxis, Theorie sozialer Systeme, Inklusion, Transklusion, Bourdieu, Luhmann, Castel, soziale Ungleichheit, Soziale Arbei
Arbeit zitieren
Jochen Sawilla (Autor), 2014, Welches Erklärungspotential hat der Begriff der Exklusion zur Fassung von Kinderarmut?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514986

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