Das Bild der Frau in der Lucretia-Sage der Kaiserchronik


Hausarbeit, 2014

18 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturhistorischer Entstehungskontext

3. Das Bild der Frau im Mittelalter

4. Das Bild der Frau in der Lucretia- Sage

5. Fazit

1. Einleitung

Die Kaiserchronik kann bedenkenlos als ein Hauptwerk der deutschen Geschichts- und Legenden-Dichtungen des 12. Jahrhunderts angesehen werden. Kein anderes volkssprachliches Werk dieser Zeit ist breiter als die Kaiserchronik überliefert worden. In über fünfzig Handschriften wurde sie aufgezeichnet und die lang andauernde Rezeptionsgeschichte weist eine Fülle an unterschiedlichen Bearbeitungsformen, wie Fortsetzungen, Prosaauflösungen und Teilübersetzungen auf. Jenes Werk, welches von der aktuellen Forschung etwa in den Entstehungszeitraum um 1150- 1160 datiert wird, verfügt mit mehr als 17000 Versen über einen beträchtlichen Umfang. Doch nicht nur auf der Ebene der Quantität, sondern auch in der Qualität lässt sich keine andere Dichtung der früh­mittelhochdeutschen Zeit mit der Kaiserchronik vergleichen. Neben dem textuellen Mittelpunkt der Kaiserchronik, welcher sich mit der Geschichte des Reichs von Julius Caesar bis Konrad III. befasst, finden sich in jenen Kontexten auch vielfältige Erzählungen in Form von Sagen und Legenden. Die Frage nach der Autorenschaft ist ebenso ungeklärt wie die des Auftraggebers. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Kaiserchronik, obwohl sie auf Grund der sagen- und legendenhaften Art und Weise die weltliche Geschichte darzustellen distanziert von der wissenschaftlichen Historiographie betrachtet werden muss, bemerkenswerte Deutungsperspektiven der mannigfaltigen historisch-politischen und Gesellschaftlichen Normen und Werten dieser Zeit eröffnet.1

Die folgende Hausarbeit zum Thema „Kaiserchronik'. Das Bild der Frau in der Lucretia-Sage“ befasst sich mit der Frage nach Deutungsperspektiven für das Bild der Frau im Entstehungs- und Wirkungszeitraum. In einer forcierten Analyse sollen die Unterschiede der beiden zu differenzierenden Frauenbilder herausgearbeitet und miteinander kontextualisiert werden. Ziel dieser Arbeit ist es also, die beiden in der Kaiserchronik vorkommenden weiblichen Protagonisten anhand ihrer Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen miteinander zu vergleichen und zu analysieren um dadurch einen Blick auf das dort entworfene Bild der Frau zu erlangen. Das Ende der inhaltlichen Betrachtung steht auf Grund des Umfangs bei der Vergewaltigung der Protagonistin.

Da die Lucretia-Sage in dem Sammelwerk Kaiserchronik erschienen ist, wird zunächst im Kontext der Fragestellung auf den historischen Kontext des Entstehungs- und Wirkungszeitraumes eingegangen. Dies erfolgt zunächst anhand einer prägnanten Darstellung der um diese Zeit bestehenden und sich wandelnden Literaturtradition. Da die Epoche des europäischen Hochmittelalters ein ambivalentes Bild der Frau widerspiegelt gehört zur Herausarbeitung des gesellschaftlichen Bildes der Frau freilich auch ein theoretisches Werte-Konstrukt, dass ohne Frage einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Autor und somit auch auf Produktion und Deutungsperspektiven der Lucretia-Sage gehabt haben wird. Bei der Beleuchtung jener Hintergründe wird also auch kurz auf die Situation der adeligen Frau im (Hoch-)Mittelalter eingegangen. Im Fokus der Beschreibung des Frauenbildes wird jedoch das in vielerlei Hinsicht idealistische und damit differenzierte Bild der Frau im Kontext der um diese Zeit erstmals im deutschsprachigen Raum auftretenden höfischen Literatur dargestellt. In einem daran anschließenden, analytischen Teil dieser Hausarbeit werden die vorangehenden Darstellung der Frau im Mittelalter und der (hoch-)mittelalterlichen Literatur mit dem Bild der beiden weiblichen Protagonistinnen abgeglichen. Die Erkenntnisse und Ergebnisse der Analyse werden schließlich zusammengefasst und in Form eines Fazits festgehalten.

Die Textgrundlage dieser Hausarbeit bildet - auch wenn bei relevanten Abweichungen der Fassung durchaus auch die Möglichkeit von Bezügen auf anderen Drucken besteht - das Digitalisai der einsprachigen Ausgabe der Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen, welche in der Monumenta Germaniae Histórica verfügbar ist.2

2. Literaturhistorischer Entstehungskontext

Die Kaiserchronik entstand - als Werk mit durchaus Variantenreicher Gattungstradition - wahrscheinlich genau um die Zeit, in der die Rezeption der französischen Literatur interessant für den Adel im deutschen Raum wurde. Die in jenen Literaturformen implizierten Werte spiegelten allerdings ein utopisches Bild des höfischen Adels wider und entsprachen keinesfalls mittelalterlicher Realität. Obwohl scharfe Grenzziehungen in der historischen Literaturwissenschaft durch die ungenauen Datierungen nahezu unmöglich sind, ergab sich um diese Zeit ein deutlich sichtbares Interesse des deutschen Hofpublikums an höfisch-weltlichen Literaturformen. Präzise Grenzziehungen um diese Zeit würden allerdings keinen sinnigen Bestand haben, da auch Klöster und Kirchen aktiv in der Produktion von Literatur geblieben sind. Es gibt daher für Literaturhistoriker keinen Einschnitt von geistlichen Literaturformen um 1150 auch wenn der Übergang vom 12. ins 13. Jahrhundert von Historikern gerne als Epochengrenze ausgemacht wird. Festzuhalten bleibt allerdings, dass sich in und um genau diese Zeit hunderte Lehnwörter und Lehnbedeutungen in den deutschen Sprachraum integrierten. Um 1170 entstand mit dem Straßburger Alexander eine in der Forschung oftmals als Mischform zwischen höfisch-weltlichen Elementen einerseits und geistlicher Heilsgeschichte andererseits angesehenes Werk, anhand dessen sich bereits zahlreiche höfische Werte der französischen Literatur aufzeigen lassen. Kurz darauf entsteht z.B. auch der donauländische Minnesang, der dem höfischen Rezipientenkreis als Quelle der literarischen Unterhaltung diente. Nach der Frühphase des erstmaligen Auftretens, prägten sich höfische Literaturformen relativ schnell und zahlreich aus. Um 1185 wurde durch die Lyrik Friedrichs von Hausen und Heinrichs von Veldeke Eneit die eigentliche Blütezeit der höfischen Dichtung eingeleitet. Die Kaiserchronik steht also gewissermaßen im Kontext von neu entstehenden Literaturformen und einer Fortführung von heilsgeschichtlich­geistlicher Literaturproduktion.3

3. Das Bild der Frau im Mittelalter

m Zusammenhang mit der weitestgehenden Ignoranz der weiblichen Subjekte innerhalb der Geschichtsschreibung wird die Rolle der Frau im Mittelalter von der Forschungsliteratur als nicht eindeutig definierbar eingeordnet, da sich das Frauenbild der höfischen Dichtung grundsätzlich von der christlichen Tradition unterscheidet. Die literarischen Darstellungen geben meist nur Wunschbilder wieder, während die heiligen Schriften der Bibel, wie Joachim Bumke aufzeigt, auf eine frauenverachtende Grundeinstellung hinweisen: Demnach sollen die Frauen ihren Männern untergeordnet sein wie Gott dem Herrn, da der Mann das Haupt der Frau ist. Dies betonte schon der Apostel Paulus in seinen Briefen. Zudem unterstreicht die scholastische Theologie des 13. Jahrhunderts die Minderwertigkeit der Frau, indem sie nach Thomas von Aquin nicht nur geringere Körperkraft habe, sondern auch geistig und moralisch dem Mann unterlegen sei. Die Frau sei demnach von Natur aus geringer an Tugend und Würde als der Mann.4 Die weiblichen Angehörigen der Adelsschichten waren im Mittelalter jedoch zweifellos besser gestellt als die Frauen der unteren Stände. Ihnen war es sogar möglich, Anteil an der Herrschaftsausübung zu erlangen. Diese Teilhabe an der Macht unterlag jedoch im Laufe des Mittelalters einem gesellschaftlichen Wandel. Während der sogenannten karolingischen Renaissance wurde die spätantik-christlichen Vorstellungen der gemeinsamen Regentschaft von König und Königin erneuert, was eine deutliche Stärkung des Frauenbildes innerhalb der Gesellschaft herbeiführte. Im Verlauf der Ottonenzeit vollzog sich dann ein bemerkenswerter allgemeiner Machtzuwachs der Regentinnen, was sich in der ersten Hälfte der Salierzeit bereits zur allgemeingültigen Gesellschaftsnorm manifestierte. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts fand sie jedoch kaum noch Anwendung, sodass die politische Stellung der Königinnen ab der Stauferzeit immer bedeutungsloser wurde.5 Ganz im Gegensatz zu diesem Bild der Frau im Mittelalter wird ihre Rolle in der Gesellschaft der höfischen Literatur beschrieben. Mitte des 12. Jahrhunderts Begann eine Entwicklung, bei der die geistliche Dichtung zunehmend in den Hintergrund rückte. Lyrik und Epik des Hochmittelalters zeichnen ein neues Frauenbild, das die Vorzüge der Frauen betont und auch aus heutiger Sicht erstaunlich positiv wirkt. Die Frau wird von den Dichtern nun als Inbegriff der Schönheit und Vollkommenheit gepriesen. Folgt man den Beschreibungen der Literaten, scheinen ihre Eigenschaften sie zu befähigen, eine erzieherische Wirkung auf ihre Umgebung auszuüben. So vermittelt sie etwa den Rittern hohe Werte und Ideale. Dieses höfisch-literarische Frauenbild stimmtejedoch keinesfalls mit der realen Position der Frau in höfisch­ritterlicher Gesellschaft überein, sondern war reine literarische Fiktion. Die adlige Dame stand zwar im Mittelpunkt der höfischen Gesellschaft, jedoch beschränkte sich dies auf repräsentative Funktionen mit zumeist nur geringen Möglichkeiten zur Selbstbestimmung oder persönlichen Entfaltung. Anders als die adligen Frauen auf Gutshöfen und Burgen war die Dame, die ständig am Hof weilte, in wirtschaftlich und herrschaftlich bedeutsame Tätigkeiten nicht eingebunden und auf die abgesonderte Lebenswelt des Hofes beschränkt. Die einflussreichen Hofämter befanden sich ganzheitlich in männlicher Verfügungsgewalt. Die Hochschätzung der höfischen Dame blieb also gänzlich im ideellen Bereich verhaftet und führte weder zu ihrer sozialen noch zu ihrer rechtlichen Emanzipation.6 Durch den Aufstieg des Rittertums, das zum Träger der neuen höfischen Gesellschaftsform in der Literaturtradition wurde, entstand ein literarischer Kulturwandel mit neuen ethischen und sozialen Werten und Normen. Eine zentrale Stellung innerhalb der höfischen Kultur nahmen Minnekult und Frauendienst ein. Die Frau erfuhr dadurch eine erhebliche gesellschaftliche Aufwertung in der Literatur. Sie war dem Mann nicht mehr untergeordnet, sondern nahm oftmals die Position einer Erzieherin ein. Ihretwegen konnte der Mann im höfischen Roman aventiuren bestehen und sich somit zu einem vollkommenen und vorbildlichen Ritter entwickeln. Im Grunde entwirft die höfische Epik ein Frauenbild „jenseits konventioneller Typisierungen und traditioneller Konzeptionen.7 Für die Charakterisierung und Bewertung der literarisch- mittelalterlichen Frau aus dem Adel bedarf es zunächst gewisser Kategorien, die bezeichnend für die Idealisierung der Frauenrolle in entsprechenden Literaturformen jener Zeit sind. Im Folgenden werden einige Merkmale gelistet, welche sich für das Verständnis des Frauenbildes der Lucretia- Sage der Kaiserchronik als relevant erweisen können. Das Programmwort „höfisch“ spiegelt sich in der Literatur, die um diese Zeit erstmals im deutschen Raum entsteht als das am meisten erstrebenswerte Gesellschaftsideal wider. Der Bedeutungsumfang erstreckt sich über zahlreiche Merkmale, die von sichtbarer Natur sein konnten: Der optischen Glanz, der körperliche Schönheit und Vollkommenheit, dem Reichtum oder einer gelungenen Erziehung, welche eine feines Benehmen sicherstellt. Das Gesellschaftsideal zeigt sich allerdings auch in metaphysischen Sphären, wie in dem gesellschaftlichen Ansehen mit einer edelmütigen Gesinnung, in einer vornehme Abstammung, in der Beachtung von ritterlichen Tugenden und in charakterlicher Frömmigkeit. Das Wort wurde als Adjektiv für eine Vielzahl an Idealisierungen verwendet und bot viel Potenzial für Komposita.8 Die höfische Dame gilt in der Literatur als Inbegriff der Schönheit und moralischer Vollkommenheit und hat damit in der Literatur oftmals die Funktion, die von ihr repräsentierten Werte an den Mann zu vermitteln.9 den Edle Haltung und entsprechendes Verhalten geht dabei mit der „höfischen"zuht bzw. der Disciplina einher. Diese bezeichnet sowohl die höfische Schulbildung einer adeligen Figur, kann sich aber auch die sittliche Entwicklung einer Person in einem Gesamtprozess beziehen. Höflichkeit, Selbstbeherrschung und gutes Betragen wird in der Literatur häufig als Resultat dieser zuht angesehen, welche die innere Welt einer adeligen Person harmonisiert und sie stimmig macht. Dadurch kommt dann das anmutige und elegante Verhalten zur Ausdruck.10 Dies kann sich auch in Großzügigkeiten in Form von Geschenken und Bewirtungen widerspiegeln. Beides geht dabei oftmals zu großen Anteilen vom Gastgeber aus. Wertvolle Geschenke entsprechen außerdem der höfischen Tugend der Freigebigkeit, welche in der Literatur ebenfalls idealisiert wird. Das höfische Künstlertum, bei dem die ausführliche Umschreibung von Festen mit Musik, Tanz und dem Spielen von Saiteninstrumenten im Mittelpunkt der romanhaften Schilderung steht, ist ebenfalls ein repetitiver Topos jener Literaturformen, an denen die höfische Frau häufig stark partizipiert wird.11

4. Das Bild der Frau in der Lucretia- Sage

Im Fokus der folgenden Betrachtungen stehen die Interaktionen und Verhaltensweisen der Frauen, im Kontext der Wette zwischen dem Recken Conlatinus und seinem König Tarquinio. die der Legende namensgebende Lucretia und die Königin sollen demnach - gemessen an vorherrschenden Werten 50-57.

[...]


1 Nellmann, Eberhard: Kaiserchronik, in: Lexikon des Mittelalters 5 (1999), Z. 856-857.

2 Schröder, Edward: Die 'Kaiserchronik' eines Regensburger Geistlichen (Monumenta Germaniae Histórica. Deutsche Chroniken und andere Geschichtsbücher des Mittelalters 1,1), Hannover 1892, Neudruck 1964.

3 Bumke, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, München4 2000, S.

4 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München11 2005, S. 455 f. (Im Folgenden zitiert als: Bumke: Höfische Kultur).

5 Ennen, Edith: Frauen imMittelalter, München5 1994, S. 125- 133.

6 Osthues, Gabriele: "Die Macht edler Herzen und gewaltiger Weiblichkeit": Zwei frühe Beiträge zur Situation der Frau im Mittelalter, in: Ingrid Bennewitz: Der frauwen buoch. Versuche zu einer feministischen Mediävistik (Göppinger Arbeiten zur Germanistik / 517), Göppingen 1989, S. 399- 431, S. 426- 431.

7 Bumke: Höfische Kultur, S. 455 f.

8 Ebd., S. 80- 82.

9 Ebd.,S. 453.

10 Jaeger, Charles Stephen: Die Entstehung höfischer Kultur. Vom höfischen Bischof zum höfischen Ritter (Philologische Studien und Quellen 167), Berlin 2001, S. 191- 202.

11 Bumke: Höfische Kultur, S. 309- 317.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Bild der Frau in der Lucretia-Sage der Kaiserchronik
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Note
1,0
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V515114
ISBN (eBook)
9783346107343
ISBN (Buch)
9783346107350
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kaiserchronik, Frauenbild, Lucretia, Literaturhistorischer Entstehungskontext, Das Bild der Frau im Mittelalter, Monumenta Germaniae Historica
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Das Bild der Frau in der Lucretia-Sage der Kaiserchronik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/515114

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