Das Gesamtwerk Kierkegaards besticht nicht nur durch seinen Umfang und seinen Einfluss auf die Geisteswissenschaften sondern genauso durch den Umfang an möglichen Interpretationen und analytischen Zugängen. Kierkegaard selbst erschwert durch seinen Schreibstil, seine verschachtelten Pseudonyme und durch die dialektischen Beweisführungen eine einförmige und kohärente Exegese. Daher verwundert es auch nicht, dass die Anzahl und Differenz der Interpretationen einen einstimmigen Lektüreschlüssel sprengen. Während dem ihn einige religiös verstehen (vgl. Camus, 2013), sehen andere in ihm wiederum einen Philosophen, den man säkularisieren sollte (vgl. Heidegger, 2006). Ebenfalls gibt es Betrachtungen, die ihn in die Tradition Hegels stellen (vgl. Theunissen, 1993) und andere, die ihn umgekehrt als Vater des Existenzialismus betrachten (vgl. Diem in Kierkegaard, 2017). Ebenso findet man Versuche, Kierkegaard überhaupt nicht als Philosophen zu verstehen, sondern als gehaltvollen Literaten, welcher verschiedene existenziale Positionen beschreibt und damit Belletristik betreibt (vgl. Hüsch, 2014). Denn kaum ein anderer Philosoph oder eine andere Philosophin hat sich so ausführlich mit unterschiedlichen existenzialen Positionen und Lebensverständnissen auseinandergesetzt wie Kierkegaard. Doch weshalb das alles? Dass es nur biografische Gründe waren, die Kierkegaard dazu veranlassten, sein Werk unter so vielen verschiedenen Pseudonymen zu veröffentlichen, scheint nicht plausibel zu sein. Denn er bekannte sich später öffentlich zu allen Schriften (Cappelörn in Deuser & Kleinert, 2017: 26f). Ebenfalls scheint es unwahrscheinlich, dass die Pseudonyme und ihr Verhalten zueinander, schlicht als literarischer Kunstgriff zu verstehen sind (vgl. Schlette in Deuser & Kleinert, 2017). Die vorliegende Arbeit versucht also im Hinblick auf Kierkegaards Werk einen möglichst umfassenden, philosophischen Lektüreschlüssel darzulegen. Dabei werden wir uns an den Begriff philosophische Anthropologie von Wesche (2013) halten und diesen nach fünf Punkten strukturieren und in gegebener Hinsicht ausdifferenzieren. Dies wird nicht nur für die allgemeine Interpretationsweise von Kierkegaard relevant sein, sondern führt am Schluss auch zu einem Abriss einer noch auszudifferenzierenden philosophischen Methode (Erkenntnis) und anhand Kierkegaards Literatur zu einer verbesserten Lebensorientierung (Verständnis). Die vorliegende Arbeit wird mit einigen Schlussbemerkungen abgerundet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Philosophische Anthropologie: Kierkegaards Methode
2.1 Dialogisches Denken
2.2 Maieutische Methode
2.3 Problemorientierte Philosophie
2.4 Qualitative Untersuchungen
2.5 Erbaulichkeit und Strenge
3. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, einen umfassenden philosophischen Lektüreschlüssel für das Werk von Sören Kierkegaard zu entwickeln, indem sie den Begriff der "philosophischen Anthropologie" als methodische Grundlage nutzt, um Kierkegaards komplexes Denken zu strukturieren und für eine verbesserte Lebensführung nutzbar zu machen.
- Strukturierung von Kierkegaards Werk durch philosophische Anthropologie
- Analyse der methodischen Ansätze (Dialog, Maieutik, Problemorientierung)
- Kritische Reflexion existenzialer Positionen
- Verbindung von wissenschaftlicher Strenge und erbaulichem Nutzen
- Etablierung eines zeitgemäßen Verständnisses von Kierkegaards Philosophie
Auszug aus dem Buch
(2) Maieutische Methode:
Wenn Kierkegaard jedoch mit uns in den Dialog treten möchte, weshalb verwendet er dann all diese Pseudonyme und weshalb schreibt er nicht direkt und unmissverständlich, was er uns mitteilen möchte? Weshalb nimmt er nicht selbsttätig und inbegriffen am Dialog teil? Denn anstatt sich uns direkt mittzuteilen, bedient sich Kierkegaard eines weiteren methodischen Kniffs, den er von Sokrates übernimmt. Dieser soll hier als maieutische Methode verstanden werden (Diem in Kierekgaard, 2017: 12, sowie Hampe, 2014: 46).
Weil wenn es darum geht, unsere Existenzführung und unsere Lebensverständigkeit zu verbessern, so kann und will uns Kierkegaard keine Faustregeln und moralische Imperative vorschreiben. Vielmehr fordert er uns selbst dazu auf, die eigenen Annahmen und seine eigenen Darstellungen kritisch zu überprüfen. Urteilt selbst! - lautet sein Vorhaben. Das Wissen und die Einsichten, die wir durch den Dialog mit ihm gewinnen, müssen wir selbst finden, wenn das Wissen wirklich transformativ, also für unser Leben erbaulich sein soll (Kierkegaard, 2017: 127). Wie ist aber in diesem Rahmen Fortschritt zu erklären? In Anbetracht des dialogischen Denkens (vgl. oben), können wir davon ausgehen, dass durch die Offenlegung und Reflexion der eignen Annahmen, sowie durch die emphatisch hermeneutische Auslegung der anderen Person, Einsichten gewonnen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die Schwierigkeit einer einheitlichen Interpretation von Kierkegaards Werk und führt das Ziel ein, durch eine philosophische Anthropologie einen umfassenden Lektüreschlüssel zu erarbeiten.
2. Philosophische Anthropologie: Kierkegaards Methode: Der Hauptteil definiert Kierkegaards Ansatz durch die fünf methodischen Säulen des dialogischen Denkens, der maieutischen Methode, der Problemorientierung, qualitativer Untersuchungen sowie der Verbindung von Erbaulichkeit und Strenge.
3. Schlussbemerkungen: Das abschließende Kapitel resümiert die erarbeiteten methodischen Punkte und betont den Gewinn einer solchen Lektüre für ein zeitgemäßes Verständnis der Philosophie.
Schlüsselwörter
Sören Kierkegaard, Philosophische Anthropologie, Lebensverständigkeit, Dialogisches Denken, Maieutische Methode, Existenzialphilosophie, Hermeneutik, Existenzielle Positionen, Erbaulichkeit, Wissenschaftliche Strenge, Qualitative Untersuchung, Selbsttäuschung, Sokrates, Existenz, Interpretation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der methodischen Erschließung des Gesamtwerks von Sören Kierkegaard, um einen systematischen Lektüreschlüssel zu bieten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die philosophische Anthropologie, die Deutung von Kierkegaards Pseudonymen, die Bedeutung des Dialogs und die Verbindung von Lebenspraxis mit philosophischer Strenge.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch fünf spezifische methodische Punkte Kierkegaards Denken so zu strukturieren, dass der Leser zu einer verbesserten eigenen Lebensverständigkeit gelangt.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt den Begriff der philosophischen Anthropologie und integriert Ansätze aus der Hermeneutik, dem Inferentialismus und der qualitativen Analyse existenzialer Positionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in fünf methodische Aspekte: dialogisches Denken, maieutische Methode, problemorientierte Philosophie, qualitative Untersuchungen sowie das Verhältnis von Erbaulichkeit und wissenschaftlicher Strenge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kierkegaard, Lebensverständigkeit, maieutische Methode, Dialog, existenzielle Positionen und philosophische Anthropologie.
Warum verwendet Kierkegaard laut der Analyse Pseudonyme?
Die Pseudonyme werden als Teil seiner maieutischen (geburtshelfenden) Methode verstanden, um den Leser davon abzuhalten, den Autor als dogmatischen Moralisten zu missverstehen und ihn stattdessen zum eigenen Urteilen anzuregen.
Wie lässt sich bei Kierkegaard wissenschaftliche Strenge mit Erbaulichkeit verbinden?
Die Arbeit argumentiert, dass wissenschaftliche Strenge nicht den Ausschluss von Gefühlen oder Interessen erfordert, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Komplexität der eigenen Existenz bedeutet, um daraus therapeutisch wertvolle Einsichten zu gewinnen.
- Arbeit zitieren
- Omar Ibrahim (Autor:in), 2019, Kierkegaard. Ziel und Methode seiner Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/515317