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Hermeneutik als ethische Praxis. Eine Kritik an Gumbrechts Posthistorie

Title: Hermeneutik als ethische Praxis. Eine Kritik an Gumbrechts Posthistorie

Academic Paper , 2018 , 22 Pages , Grade: 5.5.

Autor:in: Omar Ibrahim (Author)

Philosophy - Philosophy of the present
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Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Gumbrechts Gedankengang. Es soll untersucht werden, wie stimmig Gumbrechts Analysen sind und ob deren normative Schlussfolgerung gerechtfertigt ist. Es wird sich zeigen, dass Gumbrecht sowohl bei seinen Dekonstruktionen als auch bei seiner Konklusion schwerwiegende Fehler begeht. Dies hat unter anderem mit falschen Begriffsverständnissen und inkorrekten Interpretationen zu tun.

Gumbrechts Vorhaben in dessen Buch Präsenz (2016) besteht darin, die Bedeutung der Historie und die mit ihr einhergehende hermeneutische Praxis zu entkräften, oder zumindest in Frage zu stellen. Bisher hat die Historie als wissenschaftliche Institution die Zeit in ein instrumentales Paradigma verwandelt und hat durch das Forschen und die Berichterstattung über geschichtliche Ereignisse dazu beigetragen, der Gemeinschaft eine Identität zu geben (Gumbrecht, 2016: 9). Durch das Aufkommen diverser philosophischer Strömungen, wie jener des Poststrukturalismus in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, wurde dieses historische Paradigma jedoch in Frage gestellt. Gumbrecht spannt diesen Gedanken nun weiter und fragt sich, wo die Grenzen der Historie, der Geisteswissenschaft und ihrer hermeneutischen Methode in der heutigen Zeit liegen (Gumbrecht, 2016: 10).

Er behauptet, dass sich unsere Gesellschaft aus dem historischen Verständnis heraus bewegt hat. Dies hat mit der zunehmenden Komplexität von Raum- und Zeitkonzepten zu tun, welche sich durch die Globalisierung und den zunehmenden Fluss von Informationen, Technologien, etc. verdeutlicht. Die Gegenwart nimmt deshalb in der heutigen Zeit laut Gumbrecht eine andere Stellung ein im Vergleich zu früheren Epochen. Eine Epochenklitterung der vergangenen Entwicklungen bis zur heutigen Gegenwart scheint ihm deshalb als unfruchtbar und arbiträr (Gumbrecht, 2016: 28f). Von hier aus möchte er nun den Begriff der Posthistorie propagieren (Gumbrecht, 2016: 11). Dieser Begriff weist darauf hin, dass das historische Bewusstsein und die hermeneutische Methode für die heutige Zeit nicht mehr produktiv angewandt werden können. Insofern könne man von einem Ende der Geschichte sprechen (Gumbrecht, 2016: 128f). Die Geschichte, welche das Gefäss der Ereignisse und der Schmelztiegel der gesellschaftlichen Entwicklung war, wird damit selbst zu einem überholten und geschichtlichen Begriff.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Posthistorie

2. Das Ende der Geschichte

3. Ende der Zukunft

4. Ende der Hermeneutik

5. Schlusswort

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit Hans Ulrich Gumbrechts Postulat der „Posthistorie“ auseinander. Das primäre Ziel ist es, die Stimmigkeit von Gumbrechts Dekonstruktionen – insbesondere hinsichtlich seiner Kritik an der Historie, der Vernunft und der hermeneutischen Praxis – zu untersuchen und zu hinterfragen, ob seine Forderung nach einer Abkehr von der Hermeneutik wissenschaftlich und ethisch gerechtfertigt ist.

  • Kritische Dekonstruktion der Begriffe Zeit und Geschichte
  • Analyse des Postulats vom Ende der Zukunft und des Fortschritts
  • Bewertung des vorgeschlagenen Paradigmas der Posthistorie
  • Untersuchung der Bedeutung der Hermeneutik für das menschliche Zusammenleben
  • Kritik an der Dichotomie von präsentischen Praktiken und hermeneutischer Tradition

Auszug aus dem Buch

Kritische Betrachtungen zur Dekonstruktion der Zeit

Gumbrechts Dekonstruktion der Zeit hat einige relevante Punkte freigelegt, die für das heutige Verständnis massgebend sind. Gumbrecht liegt insofern richtig, als er auf die Komplexität der Zeitstruktur hinweist. Bei Safranskis Konzeption der Zeit findet man hierzu diverse Parallelen, wie die Zeit verstanden wird (Safranski, 2017: 11). Sowohl die Asymmetrie als auch die Kontinuität gehören zur vorherrschenden Diskursordnung. Ebenfalls kann man Gumbrechts Analyse insofern zustimmen, als die Gegenwart breiter wahrgenommen wird, als dies wohl früher der Fall war (Safranski, 2017: 51, 98 und 102). Dies hat hauptsächlich mit der zugenommenen Mobilität und dem anwachsenem Datentransfer durchs Internet zu tun.

Es fragt sich jedoch, inwieweit die Dekonstruktion tatsächlich der gegebenen Diskursordnung entspricht. Im Falle des philosophisch-geisteswissenschaftlichen Diskurses kann man Gumbrecht nicht zustimmen. Die Zeit wird mindestens seit Heidegger, welcher einen grossen Einfluss auf weitere Philosophen und Philosophinnen hatte, nicht mehr als zweidimensional verstanden. Ebenfalls kann man Gumbrechts Analyse nicht zustimmen, dass die Gegenwart in die Zukunft hineingeschoben wird. Heidegger hat den Begriff der Sorge geprägt, welche sich als das Hauptmerkmal des menschlichen Daseins auszeichnet (Heidegger, 2006: 191ff, sowie Merker in Rentsch, 2015). Demzufolge ist der Mensch stets um seine Zukunft bemüht, auch wenn heute der Begriff Sorge wohl vom Begriff Risiko abgelöst wurde (Safranski, 2017: 67). Ein Mensch, der nur die Gegenwart in die Zukunft hineinschiebt, ohne um seine Existenz besorgt zu sein, wäre nach Heidegger ein äusserst tragischer Fall der Existenz. Sich sorgen ist daher nicht irgendeine Beschäftigung, sondern bildet einen fundamentalen Zustand des menschlichen Daseins. Zusätzlich kann man nicht annehmen, dass die Zeit (trotz der wahrgenommenen Ausdehnung der Gegenwart) kein direktives Ziel mehr aufweist. Die heutige Gesellschaft ist beispielsweise weiterhin bestrebt nach Beschleunigung von verbesserten Investitions- und Produktionsmöglichkeiten (Safranski, 2017: 111). Man gelangt folglich zum Schluss, dass Gumbrechts Dekonstruktion hier nicht vollständig überzeugt und das allgemeine Zeitverständnis (besonders jenes in den Geisteswissenschaften nach Heidegger) als vereinfachter Strohmann hingestellt wird.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Posthistorie: Das Kapitel führt in Gumbrechts These ein, dass das historische Bewusstsein für die heutige Zeit nicht mehr produktiv ist und durch eine Posthistorie ersetzt werden sollte.

2. Das Ende der Geschichte: Es werden Gumbrechts Dekonstruktionen zu Zeit und Geschichte analysiert, wobei die Arbeit die mangelnde Überzeugungskraft seiner Argumentation aufzeigt.

3. Ende der Zukunft: Dieses Kapitel kritisiert Gumbrechts Dekonstruktion von Fortschritt und Vernunft, die er als unhaltbare Konzepte für die Gestaltung der Zukunft darstellt.

4. Ende der Hermeneutik: Die Konklusion von Gumbrecht wird untersucht, in welcher er das Ende der Hermeneutik postuliert und durch präsentische Praktiken ersetzen will.

5. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert, dass die Hermeneutik für das gesellschaftliche Leben unverzichtbar bleibt und Gumbrechts Forderung nach ihrem Ende als unplausibel zurückgewiesen wird.

Schlüsselwörter

Posthistorie, Hermeneutik, Gumbrecht, Zeitverständnis, Geschichte, Dekonstruktion, Gegenwärtigkeit, Präsenz, Philosophie, Geisteswissenschaften, Fortschritt, Vernunft, Heidegger, Gadamer, Identität

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert und kritisiert das Buch von Hans Ulrich Gumbrecht und dessen Konzept der „Posthistorie“, das das Ende des historischen Bewusstseins und der Hermeneutik propagiert.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind das Verständnis von Zeit und Geschichte, die Rolle der Vernunft, der Begriff des Fortschritts sowie die Bedeutung hermeneutischer Praktiken in der modernen Gesellschaft.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es zu untersuchen, ob Gumbrechts Dekonstruktionen der historischen Konzepte fundiert sind und ob seine daraus abgeleitete Forderung, auf die Hermeneutik zu verzichten, theoretisch und praktisch gerechtfertigt ist.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine kritische Analyse und Dekonstruktion der Argumentation von Gumbrecht durchgeführt, wobei dieser durch Gegenpositionen von Philosophen wie Heidegger und Gadamer gegenübergestellt wird.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die Dekonstruktionen von Zeit, Geschichte, Fortschritt und Vernunft detailliert untersucht und kritisch hinterfragt, gefolgt von einer Analyse von Gumbrechts Postulat zum Ende der Hermeneutik.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Posthistorie, Hermeneutik, Zeitverständnis, Dekonstruktion, Präsenz und Geisteswissenschaften.

Warum hält der Autor Gumbrechts Argumentation für fehlerhaft?

Der Autor argumentiert, dass Gumbrecht das hermeneutische Paradigma, insbesondere bei Heidegger, als „Strohmann“ falsch darstellt und die fundamentale Bedeutung des Verstehens für das menschliche Dasein unterschätzt.

Inwieweit sind „präsentische Praktiken“ eine Alternative zur Hermeneutik?

Der Autor zeigt auf, dass Gumbrechts präsentische Praktiken (wie Kunst oder Sport) keineswegs die Hermeneutik ausschließen, sondern als komplementäre Aspekte innerhalb eines weiteren hermeneutischen Rahmens verstanden werden können.

Was bedeutet das „Ende der Hermeneutik“ laut dieser Arbeit?

Das Ende der Hermeneutik würde laut Autor gleichbedeutend mit einem Ende der Gesellschaft sein, da das wechselseitige Verständnis von Menschen und Kulturen ohne hermeneutische Prozesse undenkbar ist.

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Details

Title
Hermeneutik als ethische Praxis. Eine Kritik an Gumbrechts Posthistorie
College
University of Bern  (Institut für Philosophie)
Course
Einführung in die philosophische Hermeneutik
Grade
5.5.
Author
Omar Ibrahim (Author)
Publication Year
2018
Pages
22
Catalog Number
V515321
ISBN (eBook)
9783346110442
ISBN (Book)
9783346110459
Language
German
Tags
hermeneutik praxis eine kritik gumbrechts posthistorie gumbrecht
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Omar Ibrahim (Author), 2018, Hermeneutik als ethische Praxis. Eine Kritik an Gumbrechts Posthistorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/515321
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