Soziologie des Verstehens. Gewaltfreie Kommunikation als Methode zur Konfliktlösung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

13 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Kommunikation
2.2 Gewalt und Macht

3. Gewaltfreie Kommunikation und Konfliktlösung
3.1 Das Konzept und die Grundannahmen
3.2 Die Rolle der Empathie
3.3 Wie entstehen Konflikte in der Kommunikation?
3.4 Gewaltfreie Kommunikation als Konfliktlösung

4. Schlussbemerkung

1. Einleitung

"Als ich mich mit den Umständen beschäftigte, die unsere Fähigkeit beeinflussen, einfühlsam zu bleiben, war ich erstaunt über die entscheidende Rolle der Sprache und des Gebrauchs von Wörtern. Seitdem habe ich einen spezifischen Zugang zur Kommunikation entdeckt […]. Ich nenne diese Methode "gewaltfreie Kommunikation" […]. Wir betrachten unsere Art zu sprechen vielleicht nicht als „gewalttätig“, dennoch führen unsere Worte oft zu Verletzungen und Leid – bei uns selbst oder bei anderen." (vgl. Rosenberg, 2011:22)

Da der Mensch in stetiger Interaktion mit anderen Menschen steht, ist die Kommunikation eines der wichtigsten Mittel des menschlichen Lebens, um sich zu verständigen. Doch Kommunikation verläuft nicht zwangsläufig immer erfolgreich. So können Konflikte zwischen Personen oder Konflikte mit sich selbst zu Problemen in der Kommunikation führen und den Frieden und die Harmonie mit anderen oder mit sich selbst stören. Oft liegt die Ursache für Konflikte darin, dass die Menschen sich gegenseitig negativ bewerten. Konflikte in der Kommunikation können aber behoben werden, wenn man auf bestimmte Methoden zurückgreift. Die gewaltfreie Kommunikation ist eines der Konzepte, die eine solche Methode darstellt. Das Konzept setzt den Fokus auf die genaue Betrachtung der Bedürfnisse des Gegenübers und auf die eigenen Bedürfnisse.

In der folgenden Ausarbeitung soll es um das Konzept der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg gehen. Dabei soll der Fokus auf den Aspekt liegen, dass die gewaltfreie Kommunikation als Methode für die Konfliktlösung gelten könnte. Vorerst sollen die Begriffe „Kommunikation“ und „Gewalt und Macht“ genauer bestimmt werden. Anschließend dazu soll das Konzept und die Grundannahmen der gewaltfreien Kommunikation in den Fokus genommen werden. Als Grundlage gilt hierfür die Ausarbeitung von Rosenberg. Da die Empathie eine wichtige Rolle im Kontext der gewaltfreien Kommunikation spielt, soll auch kurz darauf eingegangen werden. Um die gewaltfreie Kommunikation als Methode für die Konfliktlösung zu behandeln, ist es vorerst notwendig darauf einzugehen, was Konflikte sind und wie Konflikte eigentlich entstehen. Anschließend dazu soll dann schließlich die gewaltfreie Kommunikation im Kontext der Konfliktlösung in den Fokus genommen werden. Im Anschluss dazu folgt die Schlussbemerkung, um die Ausarbeitung abzurunden.

2. Begriffsbestimmungen

2.1 Kommunikation

Vorerst ist es wie auch zuvor erwähnt notwendig, auf den Kern der Begriffsbedeutung einzugehen. Der Begriff Kommunikation kommt aus dem altgriechischen Wort koinonia und heißt wörtlich übersetzt Gemeinschaft. Unter dem Begriff verstand man vor allem „die Anteilnahme oder Teilnahme an einer öffentlichen Sache.“ (vgl. Rommerskirchen, 2014:112) Der griechische Philosoph Platon weitete den Begriff koinonia weiter aus, indem er den Begriff in seinen Schriften benutze, „um zum einen die Gemeinschaftlichkeit der Interessen mehrerer Menschen zu bezeichnen, zum anderen die Teilhabe eines Menschen an einer Idee.“ (ebd.) Die Entstehung des Begriffs Kommunikation liegt demnach historisch sehr weit hinten und wurde aus verschiedenen Sichtweisen unterschiedlich definiert, wie beispielsweise aus der psychologischen, der philosophischen oder der soziologischen Sicht (ebd. 114-115). Für diese Ausarbeitung soll lediglich die soziologische Sicht dargestellt werden.

Durch den Soziologen Charles H. Cooley erhielt der Begriff Kommunikation eine klassische Begriffsbestimmung. Cooley definierte Kommunikation als soziales Handeln, „dass durch Formen des Verhaltens, durch sprachliche Äußerungen oder auch technische Medien Bedeutungen und Beziehungen vermittelt.“ (ebd.) Auch der Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure bestimmt den Begriff Kommunikation. Aus seinen Schriften ist zu entnehmen, dass er die Kommunikation in erster Linie als Vorgang der sprachlichen Veränderungen durch den Gebrauch von Zeichen sieht. So stellt Saussure das Modell „Kreislauf des Sprechens“ auf und erklärt damit, dass der Sprecher eine Intention mit einem Lautbild zu einem Zeichen verknüpft und diesen an den Hörer übermittelt. Der Hörer nimmt das Zeichen wahr und wandelt dessen Bedeutung in eine Intention um. Durch dieses Modell prägte Saussure die sprachwissenschaftliche Semiotik und auch zahlreiche Kommunikationstheorien (ebd. 118). Allerdings erfuhr sein Modell auch Kritik, unter anderem von dem Soziologen Pierre Bourdieu. Bourdieu kritisierte, dass Saussure „den sozialen Prozess der Kommunikation durch einen rein strukturell beschriebenen Austausch von Codes erklärt.“ (ebd.) Dabei weist Bourdieu daraufhin, dass die Kommunikation mehr als nur die Übermittlung von Codes vom Sender zum Empfänger ist und dass durch die mangelnde Erklärung die sozialen Funktionen in der Interaktion der Akteure übersehen werden (ebd.).

Auch Jo Reicherts äußert eine Kritik hinsichtlich des Modells von Saussure. In seiner Kritik macht er deutlich, dass das Hören kein passiver Akt ist. Er erklärt, dass die ursprüngliche Intention des Sprechers (A) der beim Hörer entstehenden Intention entsprechen kann, A und B allerdings auch unterschiedlich sein können und somit die Intentionen nicht übereinstimmen müssen (ebd. 119).

Noch viele weitere Soziologen befassten sich mit dem Thema der Kommunikation, vor allem in den 1970er und 1980er Jahren, unter anderem Jürgen Habermas in seiner Theorie des kommunikativen Handelns (1981) oder Niklas Luhmann in seiner Theorie der Sozialen System (1984). Dabei prägten sie mit ihren Schriften die Kommunikationstheorien (ebd.). Um den Rahmen dieser Ausarbeitung nicht zu sprengen, werden diese Schriften nicht in den Fokus genommen.

2.2 Gewalt und Macht

Um in den nächsten Kapiteln die gewaltfreie Kommunikation exakter erfassen zu können, ist es auch notwendig, auf die gegensätzliche Definition einzugehen, nämlich auf die Begriffe Gewalt und Macht.

Max Weber (1922) definiert in seinen Schriften Macht als Chance, „innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (vgl. Weber, 1922: 28) Demnach gilt Macht als ein Mittel, um die eigenen Interessen bei anderen durchzusetzen.

Nach Marshall B. Rosenberg wird Macht von den Menschen oftmals dann eingesetzt, „um Leben zu schützen oder auch für die Rechte Einzelner einzutreten.“ (vgl. Rosenberg, 2011: 181) Dabei weist dieser daraufhin, dass es zwei Arten von Macht gibt: die beschützende Macht und die bestrafende Macht. Bei der beschützenden Macht geht es darum, Gefahren zu verhindern und es wird davon ausgegangen, dass Menschen aus Unwissenheit Fehler begehen, beispielsweise aus Mangel an Bewusstheit über die Konsequenzen der eigenen Taten. Daher hat die beschützende Macht einen bildenden Charakter. Die bestrafende Macht hingegen soll die Menschen für ihre Fehltritte leiden lassen, in dem es scheinbar unangemessene Verhaltensweisen bestraft (ebd.). Hierbei geht die bestrafende Macht davon aus, dass Menschen Fehler begehen, „weil sie schlecht oder böse sind, und um das zu ändern, muss man sie zur Reue bewegen.“ (ebd. 182) Erwünscht ist nach der Reue folglich auch die Veränderung des Fehlverhaltens (ebd.).

Die bestrafende Macht ist ebenfalls in verschiedene Formen zu unterteilen: (1) die physische Bestrafung d.h. die körperliche Gewalt (2) und die verbale Gewalt durch Abwertung und Erniedrigung (ebd.). Unter der körperlichen Gewalt versteht man die absichtliche Verletzung der Unversehrtheit eines Körpers durch eine oder mehrere Personen. Dabei handelt es sich nicht um Verletzungen durch Missgeschick, Zufälle oder Unfälle. (vgl. Erziehungsdepartement Basel-Stadt, 2011: 1) Dahingegen bewegt sie die verbale Gewalt auf einer anderen Ebene. Die verbale Gewalt wird durch die Anwendung der Sprache ausgeübt. An dieser Stelle sei der Begriff „kommunikative Gewalt“ erwähnenswert, da dieser in Bezug auf die verbale Gewalt oftmals in den soziologischen Schriften auftaucht. Ziel der kommunikativen Gewalt ist es, verbal, wobei dies auch nonverbal geschehen kann, den Willen des anderen zugunsten eigener zu brechen, ohne dass der eigene Standpunkt geschwächt wird. Auf diese Weise wird auf psychischer Ebene Druck ausgeübt und Konflikte ausgelöst. (vgl. Schmitz, 2013) Hierbei ist vor allem auch zu erwähnen, dass diese Art der Gewalt im Gegensatz zur körperlichen Gewalt nicht immer sofort ersichtlich ist, wenn keine vulgäre Sprache verwendet wird (vgl. Rosenberg, 2011: 182).

Die Folgen der bestrafenden Macht können schwerwiegend sein. Diese erzeugt vor allem „Feindseligkeit und verstärkt die Abwehr gerade gegen das erwünschte Verhalten.“ (ebd.) Demnach kann die bestrafende Macht das Wohlwollen und das Selbstvertrauen beschädigen und kann dazu führen, dass der Fokus nicht mehr auf der Bedeutung einer Handlung liegt, sondern viel mehr auf den Konsequenzen (ebd. 188).

3. Gewaltfreie Kommunikation und Konfliktlösung

3.1 Gewaltfreie Kommunikation – Das Konzept und Grundannahmen

Marshall B. Rosenberg ist einer der Soziologen, der sich mit den Themen Kommunikation und (verbale) Gewalt auseinandersetzt. Er befasst sich hauptsächlich mit der Frage, was genau geschieht, „wenn wir die Verbindung zu unserer einfühlsamen Natur verlieren und uns schließlich gewalttätig und ausbeuterisch verhalten“ und wie es möglich ist, unter den schwierigsten Bedingungen mit dem eigenen einfühlsamen Wesen in Kontakt zu stehen (ebd. 21). Rosenberg erkannte dabei die entscheidende Rolle der Sprache und der Verwendung von Wörtern. Schließlich entwickelte er das Konzept der gewaltfreien Kommunikation (2011), um eine Methode aufzustellen, welches uns dazu verhilft, in Kontakt mit anderen unser natürliches Einfühlungsvermögen zum Ausdruck zu bringen (ebd. 22). Davon ausgehend verwendet Rosenberg den Begriff „Gewaltfreiheit“ im Sinne von Gandhi, und zwar, dass unser einfühlendes Wesen sich wieder entfaltet, „wenn die Gewalt in unseren Herzen nachlässt.“ (ebd.) Dabei machte er die Erkenntnis, dass der Mensch möglicherweise nicht dessen bewusst ist, wie gewalttätig d.h. verletzen Worte sein können, auch wenn man es selber nicht als solches wahrnimmt. Die gewaltfreie Kommunikation soll genau an diesem Punkt ansetzen und den Menschen diesbezüglich aufklären. Entscheidend hierbei ist es, den sprachlichen Ausdruck und die Art des Zuhörens umzugestalten, um „aus gewohnheitsmäßigen, automatischen Reaktionen“ rauszukommen. Die Kommunikation soll demnach bewusster erfolgen, damit „unsere eigenen zugrundeliegenden Bedürfnisse wie auch denen unserer Gesprächspartner auf die Spur zu kommen.“ (ebd.) Hierfür trainiert die gewaltfreie Kommunikation den Menschen darin, sorgfältig zu beobachten und Verhaltensweisen und Situationen, die störend empfunden werden, genau zu bestimmen.

Rosenberg stellte in seinem Konzept vier Komponenten auf: Beobachtung, Gefühle, Bedürfnisse, Bitte. Diese sollen allerdings erst in einem weiteren Teilkapitel erwähnt werden.

3.2 Die Rolle der Empathie

Im Konzept der gewaltfreien Kommunikation spielt für Rosenberg besonders der Begriff „Empathie“ eine wichtige Rolle, um es genauer zu sagen, hat Empathie für das Zuhören des Gegenübers eine essentielle Bedeutung. Aus diesem Grund soll kurz darauf eingegangen werden.

Der Begriff Empathie stammt vom Griechischen (en: hinein, pathos: Gefühl) und wird im deutschsprachigen Raum auch mit dem Wort „Einfühlung“ übersetzt (vgl. Kirch, 2015:16). Es lassen sich für Empathie verschiedene Definitionen finden, die gängige Definition ist die, dass Empathie als Prozess gilt, „bei dem ein Beobachter an dem Gefühl oder der Intention einer anderen Person teilhat und dadurch versteht, was diese andere Person fühlt oder beabsichtigt.“ (vgl. Bischof-Köhler, 2009: 53) Empathie lässt sich der emotionalen Intelligenz zuordnen und ist demnach hilfreich für die Dekodierung der emotionalen Zustände anderer Menschen (vgl. Kirch, 2015: 16). Dabei können empathische Reaktionen durch Ausdrucksverhalten oder die Situation selbst verursacht werden (vgl. Bischof-Köhler, 2009: 53) Der Beobachter, d.h. derjenige, der empathisch reagiert, ist sich durchaus bewusst, „dass die Emotion oder die Absicht, an der er teilhat, in Wirklichkeit die subjektive Verfassung eines anderen kennzeichnet.“ (ebd.)

Auch Rosenberg definiert in seinen Schriften den Begriff Empathie und erklärt dessen Bedeutung für die gewaltfreie Kommunikation. Nach Rosenberg bedeutet Empathie „ein respektvolles Verstehen der Erfahrungen anderer Menschen.“ (vgl. Rosenberg, 2011: 113) Dabei weist er daraufhin, dass Empathie nur dann auftrifft, wenn wir alle voreingenommenen Meinungen und Urteile über den Gegenüber abgelegt haben. Besonders wichtig ist auch die „Präsenz“ beim Zuhören, nach Rosenberg ist das die wichtigste Zutat der Empathie. Unter Präsenz ist zu verstehen, dass wir für den Gegenüber und seinen Erfahrungen da sind. Dies ist dann möglich, wenn wir den Zustand des Gegenübers nicht bewerten oder wenn wir das Gesagte nicht dahingehend analysieren, ob es nicht zu unseren eigenen Vorstellungen passt. Rosenberg erklärt, dass das intellektuelle oder vernunftmäßige Verstehen die Empathie blockiert. Um dies zu umgehen und den emotionalen Zustand des Gegenübers vollkommen zuerfassen, sollte der Blick so ausgerichtet sein, dass man bei dem Gegenüber ist, und nicht auf den Gegenüber schaut (ebd. 115).

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Soziologie des Verstehens. Gewaltfreie Kommunikation als Methode zur Konfliktlösung
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V515820
ISBN (eBook)
9783346111524
ISBN (Buch)
9783346111531
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Verstehen, Kommunikation, Gewaltfrei
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Soziologie des Verstehens. Gewaltfreie Kommunikation als Methode zur Konfliktlösung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/515820

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