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Gedächtniskategorien und ihre Ausformung im Gedenken

Title: Gedächtniskategorien und ihre Ausformung im Gedenken

Seminar Paper , 2005 , 14 Pages , Grade: 1

Autor:in: Astrid Brüggemann (Author)

Ethnology / Cultural Anthropology
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Einleitung

Wörter sind kein Selbstzweck. Sie vermitteln Gedankengänge und dienen der Übermittlung in der Kommunikation. Wenn man in der Volkskunde ein gesellschaftliches Phänomen untersuchen möchte, bedient man sich der Wörter für die Untersuchung; ebenso kann man jedoch Phänomene untersuchen, indem man die Wörter in ihrer Bedeutung und in der Bedeutungsveränderung untersucht. Gesellschaftliche Phänomene bedienen sich ihnen angemessenen Wörtern. Durch die Beobachtung von Verschiebungen in der Bedeutung von Wörtern kann man in direkter Folge auf gesellschaftliche Verschiebungen oder Veränderungen schließen.

Beim Hinterfragen, was Gedächtnis eigentlich ist, lässt sich beobachten, dass der Begriff meistens unscharf verwendet wird. Einerseits versteht man darunter die Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern („gutes Gedächtnis“) und andererseits wird „Gedächtnis“ ebenso verwendet, um das Erinnerte zu benennen. Der Begriff wird also zugleich für die Form wie auch für den Inhalt verwendet, „Gedächtnis“ ist sowohl das Medium der Erinnerung als auch der Speicher des menschlichen Wissens. Ähnlich unscharf ist die Verwendung von „Erinnern“. Ich definiere „Erinnern“ als Gegenpol zu „Vergessen“. Man kann nur etwas vergessen, das man einmal gewusst, erlebt, gesehen, gefühlt, gedacht hat. Das bedeutet, dass man sich auch nur an etwas erinnern kann, das man einmal gewusst, erlebt, gesehen, gefühlt, gedacht hat. Wenn in unserer Gesellschaft davon die Rede ist, dass die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus wach gehalten werden muss, dann kann dies nur für die Menschen gelten, die diese Zeit tatsächlich erlebt haben. Alle Nachgeborenen können nicht „erinnert werden an“, sondern nur „informiert werden über“.

Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Phänomen „Gedächtnis“ anzuleuchten und dabei verschiedene Gedächtniskategorien darzustellen, um den Begriff schärfer fassen oder zumindest bewusster verwenden zu können. Probleme wie die Reproduzierbarkeit von Gedächtnisinhalten werden dabei nicht berücksichtigt. Die Literatur zum Thema Gedächtnis füllt ganze Bibliotheken, es gibt unzählige Monographien und Aufsatzsammlungen. Auch empirische Untersuchungen liegen in großer Zahl vor. Diese Fülle an Material verlangt einen radikalen Aussonderungsprozess: In einem ersten Teil stelle ich exemplarisch verschiedene Gedächtniskategorien vor, wobei ein Fokus auf dem Diskurs des „sozialen“ Gedächtnisses liegt, den Halbwachs begründete...

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterschiedliche Kategorisierungen des Begriffes „Gedächtnis“

2.1. Kategorisierung gemäß Interdisziplinärem Lexikon „Gedächtnis und Erinnern“

2.2. Kategorisierung nach psychologischem Blickwinkel

2.3. Versuch einer eigenen Kategorisierung

2.4. Diskurs über das Gedächtnis: Bergson, Halbwachs und Assmann

3. Begriffe „Gedächtnis“ / „Gedenken“ im Internet, am Beispiel von Wikipedia

4. Schlussbemerkung

Zielsetzung und Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen „Gedächtnis“, indem sie verschiedene Kategorisierungen darstellt und deren begriffliche Schärfung vorantreibt. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der Differenzierung von Gedächtnis und Gedenken sowie deren jeweiliger Bedeutung und Ausformung im gesellschaftlichen Kontext.

  • Vielfältige Gedächtniskategorien aus interdisziplinärer Sicht
  • Diskursanalyse zu sozialem Gedächtnis (Halbwachs, Assmann, Bergson)
  • Untersuchung von „Gedächtnis“ und „Gedenken“ im Internet (Wikipedia)
  • Die Rolle des Gedenkens als aktives, handlungsbetontes gesellschaftliches Phänomen
  • Ontologische Einordnung des Gedächtnisses in statische/dynamische und individuelle/kollektive Formen

Auszug aus dem Buch

2.4. Diskurs über das Gedächtnis: Bergson, Halbwachs und Assmann

Der Diskurs über das Gedächtnis ist überaus vielschichtig und komplex, seit der Antike gibt es Phasen, in denen sich die Menschen mit dem Gedächtnis hinsichtlich unterschiedlicher Fragestellungen intensiv auseinandersetzen. Vor den oben erwähnten 1990er Jahren stellten die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts ebenfalls eine solch produktive Phase dar. Es wurden je nach Fragestellung Definitionen zum Gedächtnis und zu Gedächtniskategorien erarbeitet, die noch immer meist unreflektiert verwendet werden. Die Darstellung dieses Diskurses wäre eine sehr fruchtbare Untersuchung, allerdings muss ich mich ob der gebotenen Kürze dieser Arbeit auf einen kleinen Teilbereich beschränken. Halbwachs´ Arbeit über das individuelle und kollektive Gedächtnis war in dieser Zeit eine der einflussreichsten zum Thema Gedächtnis und Erinnerung. Halbwachs seinerseits griff auf Bergson zurück, der zwei Formen des Gedächtnisses unterschied:

Dasjenige, das „vorstellt“ und das „wiederholt“ (Bergson S. 71). Nach Bergson speichert sich Vergangenheit „in zwei extremen Formen auf [...], einmal in den motorischen Mechanismen [...], sodann in den persönlichen Erinnerungsbildern“ (Bergson S. 78). Halbwachs griff Bergsons persönliche Erinnerungsbilder auf und wies ihnen seit 1925 einen „sozialen Rahmen“ zu: „Die (datierbaren) Erinnerungen der Individuen [orientieren] sich an einem sozialen Zusammenhang [...], dank dessen sie der Erinnerung erst fähig sind“ (Halbwachs S. VII). Der soziale Zusammenhang ist für Halbwachs also die Voraussetzung für den Vorgang der Erinnerung.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Unschärfe der Begriffe „Gedächtnis“ und „Erinnern“ und definiert das Ziel der Arbeit, diese durch eine strukturierte Kategorisierung bewusster fassbar zu machen.

2. Unterschiedliche Kategorisierungen des Begriffes „Gedächtnis“: Dieses Kapitel stellt verschiedene wissenschaftliche Ansätze zur Kategorisierung vor und führt eine eigene Systematik ein, die Gedächtnis anhand von Dichotomien in statische, dynamische, individuelle und kollektive Formen unterteilt.

2.1. Kategorisierung gemäß Interdisziplinärem Lexikon „Gedächtnis und Erinnern“: Dieser Abschnitt analysiert die Kategorisierung des genannten Lexikons, welches das Gedächtnis als einen komplexen Themenkomplex zwischen nomineller Identität und funktionalem Moment betrachtet.

2.2. Kategorisierung nach psychologischem Blickwinkel: Hier werden psychologische Ansätze (Squire/Kandel, Schacter) besprochen, die das Gedächtnis primär nach seiner Funktion und den Inhalten (deklarativ vs. nicht-deklarativ) unterscheiden.

2.3. Versuch einer eigenen Kategorisierung: Der Autor entwickelt ein eigenes Modell zur Kategorisierung von Gedächtnis, das durch Tabellen veranschaulicht, wie sich theoretische Gedächtniskonzepte ontologisch einordnen lassen.

2.4. Diskurs über das Gedächtnis: Bergson, Halbwachs und Assmann: Dieses Kapitel skizziert den Diskurs über die soziale Komponente des Gedächtnisses und reflektiert die einflussreichen Theorien zur sozialen Bedingtheit von Erinnerung.

3. Begriffe „Gedächtnis“ / „Gedenken“ im Internet, am Beispiel von Wikipedia: Die Untersuchung des Internetauftritts dieser Begriffe dient als Spiegel gesellschaftlicher Informationsbedürfnisse und verdeutlicht die unterschiedliche Wahrnehmung und Präsenz von „Gedächtnis“ gegenüber dem eher randständigen „Gedenken“.

4. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass trotz fehlender allgemeingültiger Definition das Bewusstsein für den gesellschaftlichen Umgang mit Erinnerungskultur und Gedenken als zentrale Zukunftsaufgabe essenziell bleibt.

Schlüsselwörter

Gedächtnis, Gedenken, Erinnerung, kollektives Gedächtnis, soziales Gedächtnis, Kategorisierung, Wikipedia, Volkskunde, Sozialisation, kulturelles Gedächtnis, interdisziplinär, Holocaust, Identität, Wissensspeicher

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit beschäftigt sich mit der begrifflichen Unschärfe des Phänomens „Gedächtnis“ und untersucht, wie verschiedene wissenschaftliche und gesellschaftliche Kategorisierungen dazu beitragen können, den Umgang mit Erinnerung und Gedenken besser zu verstehen.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Im Zentrum stehen die interdisziplinäre Begriffsbestimmung, die verschiedenen Systematiken des Gedächtnisses (statisch/dynamisch/individuell/kollektiv) sowie die öffentliche Repräsentation von Gedächtnis und Gedenken im Internet.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, den Begriff „Gedächtnis“ durch eine systematische Kategorisierung schärfer zu fassen und aufzuzeigen, wie unsere Gesellschaft durch Gedenkprozesse mit ihrer Vergangenheit umgeht.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Es werden diskursanalytische Ansätze sowie eine vergleichende Literaturanalyse verwendet, ergänzt durch eine deskriptive Untersuchung der Online-Plattform Wikipedia als Spiegel zeitgenössischer Informationsbedürfnisse.

Was behandelt der Hauptteil?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung bestehender Definitionen aus Psychologie und Kulturwissenschaften sowie die Anwendung einer eigenen, ontologisch orientierten Kategorisierung auf die Begriffe „Gedächtnis“ und „Gedenken“.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit ist durch Begriffe wie „soziales Gedächtnis“, „kollektives Gedenken“, „Diskurse“ und „gesellschaftliche Konstruktion von Erinnerung“ geprägt.

Wie wird die Rolle von Wikipedia in der Arbeit bewertet?

Der Autor versteht Wikipedia als ein „öffentliches kollektives Gedächtnis“ unserer Zeit, dessen Inhalte als Gradmesser für gesellschaftliche Interessen und das Gewicht bestimmter Begriffe, wie etwa dem Mangel eines eigenen Artikels zu „Gedenken“, dienen.

Welche Rolle spielt das Beispiel Kaspar Hauser im Kontext der Gedächtnistheorie?

Das Beispiel dient dazu, die These der sozialen Bedingtheit des Gedächtnisses kritisch zu hinterfragen, da Kaspar Hauser trotz jahrelanger Isolation ein persönliches Gedächtnis behielt, was die ausschließliche Abhängigkeit von sozialer Interaktion in Frage stellt.

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Details

Title
Gedächtniskategorien und ihre Ausformung im Gedenken
College
LMU Munich
Course
Erinnern - Bearbeiten - Gedenken - Vergessen: Nationalsozialismus und Sozialismus im Vergleich
Grade
1
Author
Astrid Brüggemann (Author)
Publication Year
2005
Pages
14
Catalog Number
V51644
ISBN (eBook)
9783638475563
ISBN (Book)
9783656561767
Language
German
Tags
Gedächtniskategorien Ausformung Gedenken Erinnern Bearbeiten Gedenken Vergessen Nationalsozialismus Sozialismus Vergleich
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Astrid Brüggemann (Author), 2005, Gedächtniskategorien und ihre Ausformung im Gedenken, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51644
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