Eine psychologische und gesellschaftliche Analyse von "Chihiros Reise ins Zauberland"


Hausarbeit, 2019

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Allgemeines zu Anime, Miyazaki und „Chihiros Reise ins Zauberland"

3 Identitat

4 Konsumkritik und Identitat

5 Liminalitat und Identitat

6 Atmospharische Ruhe und Ambivalenz

7 Menschlichkeit und Realismus

8 Fazit

9 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der Regisseur von „Chihiros Reise ins Zauberland“, Hayao Miyazaki, erlangte mit dem internationalen Erfolg seiner Zeichentrickfilme groBe Beruhmtheit und eine riesige Fangemeinschaft. Dies liegt unter anderem daran, dass er auch Zeichner, Grafiker, Drehbuchautor und Produzent ist, und seine Filme somit zu komplexen, detailreichen Meisterwerken machen kann.

Das groBe Thema seiner Filme ist oft der Konflikt zwischen alter Kultur, Magie und mythischen Gestalten und der technisierten Moderne sowie der Zerstorung von Natur bzw. dem Verlust von alter Schonheit. Haufig wachst Kindern oder jungen Erwachsenen als Helden von Miyazakis Filmen eine vermittelnde Funktion zwischen diesen Polen zu. (Julia Nieder 2006) In einem Interview von 1997 meinte Miyazaki: „Ich bin an einen Punkt gelangt, an dem ich einfach keinen Film mehr machen kann, ohne das Problem der Menschheit als Teil eines Okosystems anzusprechen." (Filmstarts, Matthias Hopf) Dennoch richten sich Miyazakis Filme mit ihrer erstaunlichen Vielfalt an kulturellen und ethischen Aspekten in erster Linie an Kinder.

Seit mittlerweile uber 50 Jahren arbeitet Miyazaki mit einzigartiger Geschicklichkeit und Kreativitat an Animationsfilmen. „Chihiros Reise ins Zauberland" von 2001 aus dem Studio Ghibli ist Miyazakis 9. Film als Regisseur und Autor. Er wurde schnell zum erfolgreichsten japanischen Film uberhaupt und zum meist ausgezeichneten Zeichentrickfilm weltweit. Erst nach 2017 brach ein anderer Animefilm den Rekord an Einspiel-Ergebnissen an den Kinokassen. Im gleichen Jahr fuhrte die New York Times „Chihiros Reise ins Zauberland" auf Platz 2 der Liste "Best Film of the 21st Century So Far" auf. (The New York Times 2017)

Wie jeder groBartige Film hat auch „Chihiros Reise ins Zauberland" zahlreiche Interpretationsmoglichkeiten. So findet z.B. der Anime Kritiker Susan Napier, dass der Film eine Allegorie fur die Identitat des modernen Japans ist. Die Aufgabe des Protagonisten anderen Charakteren zu helfen ihr wahres Selbst wiederherzustellen ist eine Metapher fur Japans Probleme eine einzigartige kulturelle Identitat wiederzugewinnen, angesichts von Industrialisierung, Globalisierung, korrumpierenden auslandischen Einflussen und einem gescheiterten Nationalismus. Diese Arbeit soll verschiedene inhaltliche Aspekte von „Chihiros Reise ins Zauberland" mit psychologischer und gesellschaftlicher Relevanz analysieren und interpretieren.

2 Allgemeines zu Anime, Miyazaki und „Chihiros Reise ins Zauberland“

Im Japanischen ist der Begriff Anime lediglich ein anderer Ausdruck fur Animation. Der Begriff Anime bezeichnet damit japanische Zeichentrickfilme. Ursprunglich bezeichnete er damit das filmische Gegenstuck zum Manga, der gedruckten Form. Da die meisten japanischen Zeichentrickfilme gemeinsame stilistische Merkmale hatten, bezeichnet der Begriff auch oft diese, was ihn zu einem Genre-Begriff macht. (Gilles Poitras 2001) Auf die Filme von Hayao Miyazaki trifft dies jedoch nicht zu, da sie sich deutlich vom typischen Anime unterscheiden.

Die ersten Animes die um 1917 entstanden waren Umsetzungen japanischer und westlicher Marchen. Diese ersten Zeichentrickfilme verwendeten technisch simple aber arbeitsintensive Methoden, wie einzelne (ausgeschnittene) Bilder die auf einen Hintergrund gelegt wurden und spater durchsichtige Bildebenen mit mehreren Hinter- und Vordergrunden. Wie bei allen Medien wurden auch die Zeichentrickkunstler wahrend des zweiten Weltkrieges stark zensiert und mussten Propagandamaterialien liefern. Mit der Popularitat des Fernsehens und der Fernsehserien in den 50er Jahren wurden Anfang der 60er Jahre die ersten Anime TV-Serien in Japan ausgestrahlt. (Wikipedia: Anime) Ab den 90er Jahren stieg die Zahl der international vertriebenen Anime-Serien und Filme deutlich an. AuBerdem wurden in zunehmenden MaBe Computer zur Animation verwendet. Miyazakis Film „Prinzessin Mononoke“ von 1997 kombinierte erstmals computeranimierte Bilder mit handgemalten. Bei der Produktion von „Chihiros Reise ins Zauberland“ wurde betont, dass die digitale Animation lediglich die Arbeitszeit verkurzen, und nicht optisch hervorstechen sollen. (Jim Hill Media 2003)

Anime unterscheiden sich auf allen Ebenen stark von westlichen Cartoons. So werden sie auch nicht primar als eine an Kinder gerichtete Medienform angesehen. Sie wurden auch so gut wie nie fur andere Markte produziert, sondern ausschlieBlich fur Japan. Deswegen entwickelten sich ganz eigene japanische Anime Genres und Formate. Vielleicht gerade deswegen wurden viele Anime Filme und Serien jedoch international sehr erfolgreich.

Hayao Miyazaki ist am 5. Januar 1941 in Tokio geboren und studierte Politikwissenschaften und Okonomie. Mit 22 fing er an bei der Produktionsfirma Studio Toei zu arbeiten, wo er auch an der Zeichentrickserie Heidi mitarbeitete, welche 1974 veroffentlicht wurde, und bis in die 2000er Jahre noch international Erfolg hatte. Er wechselte spater ein paarmal die Filmstudios bei denen er arbeitete, und produzierte wahrend dieser Zeit als Autor und Regisseur mit dem Film „Das Schloss des Cagliostro“ seinen ersten eigenen Zeichentrickfilm. 1984 erlangte er mit der Kinoversion von „Nausicaa aus dem Tal der Winde“ kommerziellen Erfolg und internationale Anerkennung. Somit grundete er schlieBlich 1985 sein eigenes Filmstudio, zusammen mit Isao Takahata, den er bei seinem ersten Filmstudio kennenlernte. Sein Film „Prinzessin Mononoke“ von 1997 wurde zum erfolgreichsten japanischen Film aller Zeiten. 2001 brach diesen Rekord dann „Chihiros Reise ins Zauberland“, welcher zum weltweit meist ausgezeichneten Zeichentrickfilm wurde. Seitdem erlangte Miyazaki mit weiteren Filmen noch mehr Erfolge und arbeitet auch jetzt noch an einem Film, der voraussichtlich 2021 erscheinen wird.

Der japanische Originaltitel des Films „Chihiros Reise ins Zauberland“ lautet ubersetzt „Sen und Chihiros magisches Verschwinden“. Der Film handelt von der zehnjahrigen Chihiro welche mit ihren Eltern unterwegs zu dem neuen Haus der Familie ist. Als sie jedoch vor einem Tunnel halten mussen und dahinter einen verlassenen Vergnugungspark finden, bedienen sich die Eltern bei dem Essen eines Restaurants und verwandeln sich darauf in Schweine. Chihiro trifft den alteren Jungen Haku, welcher ihr erklart, dass sie sich in Aburaya, der Welt der Geister, Gotter und Damonen, befindet und in Gefahr ist sich aufzulosen. Chihiro muss anfangen in einem Badehaus fur die phantastischen Wesen dieser Welt zu arbeiten, um ihre verwunschenen Eltern wieder aus dem Bann der Hexe Yubaba zu befreien. Denn diese herrscht uber die Welt der Geister und leitet das Badehaus. Die Hexe zwingt Chihiro einen Vertrag einzugehen und nimmt ihr einen Teil ihres Namens, sodass Chihiro nun Sen heiBt. Sen hilft dem alten Kamaji im Heizkeller und beim Einlassen der Krauterbader. Als sie eines Tages dem Gott eines verschmutzen Flusses hilft, erlangt sie Anerkennung im Badehaus und erhalt vom Flussgott einen magischen KloB. Sie halt das Ohngesicht, einen Geist mit einer Maske, fur einen Kunden und lasst ihn ins Badehaus. Dieser erkauft sich mit aus dem Nichts erzeugtem Gold die Guter und Dienstleistungen des Badehauses. Er fangt jedoch unbemerkt an die Angestellten zu fressen und verwandelt sich in ein riesiges Monster. Sen trifft auf Yubabas Zwillingsschwester, Zeniba, und erfahrt, dass Yubaba Haku dazu gezwungen hat von Zeniba ein Siegel zu stehlen. Haku wird in Gestalt eines japanischen Drachens von Papierfiguren angegriffen und kann durch die Einnahme des halben KloBes gerettet werden. Dabei spuckt der das gestohlene Siegel aus. Sen konfrontiert das Ohngesicht und bringt ihn durch die Einnahme des Restes des KloBes dazu, alles wieder zu erbrechen und zu seiner ursprunglichen Gestalt zuruckzukehren. Durch all diese Herausforderungen lernt Chihiro mit ihren Angsten und den Schrecken dieser Welt umzugehen und daran zu wachsen. Sen macht darauf sich mittels eines Zuges mit dem Ohngesicht und noch anderen Wesen von Yubaba auf den Weg zu Zeniba. Sen erfahrt, dass ihre Liebe zu Haku ihren Bann gebrochen hat. Nach dem Aufenthalt bei der gutmutigen Zeniba, welche das Ohngesicht bei sich behalt, fliegt Chihiro mit Haku in Drachengestalt zuruck. Es stellt sich heraus, dass Hakus wahre Identitat der Fluss Kohaku ist. Chihiro besteht die letzte Probe von Yubaba und kann ihre Eltern befreien. Am Tunnel trifft Chihiro diese dann wieder, welche sich an nichts erinnern konnen.

3 Identitat

Miyazaki sagte zum dem Film „Chihiros Reise ins Zauberland": „In this borderless age... a man without a history or people that forget their past will have no choice but to disappear like a shimmer of light." (Issuu 2015)

So wie man jeden Morgen aufwacht und wieder realisiert, wo und in welcher allgemeinen Lage man sich befindet, findet das Bewusstsein eines Subjektes sich allgemein immer wieder in eine neue Welt oder neue Situation geworfen, in welcher es sich erst zurecht finden muss. Das Subjekt ist dabei unweigerlich unmundig, da es sein in-die-Welt-geworfen-sein nicht selbst bestimmt. Dabei ist nicht nur die auBere Umgebung neu, sondern auch die innere Welt eines Ichs kann wieder leer und „zuruckgesetzt" sein. Zuruck bleibt im schlimmsten Fall lediglich ein Geist, wie in der Welt der Geister aus „Chihiros Reise ins Zauberland". Denn das Erwachen in eine neue Welt hinein ist ein untergrundiges Thema von Miyazakis Film. Die erste Szene des Films beginnt damit, dass Chihiro wahrend einer Autofahrt auf dem Rucksitz geschlafen hat, und erwacht, weil ihr Vater sie ruft. Den Umzug in eine neue Stadt nimmt Chihiro als eine Korrosion ihrer Identitat war.

Dabei lasst sich dies auch auf eine Gesellschaft oder Kultur als Ganzes ubertragen. Eine Gesellschaft die reich an Kunst und einer eigenen, ausgepragten Kultur war, also eine Gesellschaft genau wie ein Mensch mit individuellem, fein verzweigt gewachsenem Charakter, kann in einer hypermodernen Technik- und Konsumwelt aufwachen, und vergessen haben, wer sie bzw. er eigentlich ist. So ahnlich geht es nicht nur der Figur Haku aus dem Film „Chihiros Reise ins Zauberland“, sondern auch ganz Japan in der Moderne. Haku ist eigentlich ein Flussgeist, wurde jedoch durch die Trockenlegungen seines Flusses durch eine Immobiliengesellschaft aus seinem Flussbett vertrieben, und irrt seit dem durch die Welt der Geister, da er seinen wirklichen Namen vergessen hat. Er hat seine eigentliche Identitat aufgrund der verdrangerischen Expansion kapitalistischer Unternehmen verloren. In der rationalen Welt ist kein Platz fur einen Naturgeist.

Ebenso befand sich die japanische Kultur in den letzten 100 Jahren in einer Identitatskrise. Nach dem Aufstieg zur GroBmacht im 19. Jahrhundert nahm Japan an beiden Weltkriegen teil und betrieb vor und nach dem 2. Weltkrieg eine aggressive Expansionspolitik. Diese scheiterte jedoch mit dem Verlust des Krieges auf Seiten von Deutschland. Die Atombombenabwurfe und die Kriegs- sowie Nachkriegszeit sind wiederkehrende Themen in Miyazakis Filmen. Der japanische Kaiser wurde auf ein „Symbol des Staates“ reduziert. Ein Teil der alten Eliten wurde fur die Errichtung einer neuen gesellschaftlichen Ordnung herangezogen. Dies fuhrte zu einer mangelnden Aufarbeitung der Kriegsgeschehnisse und Kriegsverbrechen. Nach dem zweiten Weltkrieg erfuhr Japan einen starken wirtschaftlichen Aufschwung, zusammen mit einer Verlagerung hin zu Kapitalismus und weg von traditionellen Werten. Viele Lebensbereiche der Japaner sind derart drastisch von moderner Technologie durchdrungen, dass sich viele Menschen von der kulturellen Geschichte Japans entfremdet fuhlten. Anfang der 1990er Jahre platzen die Blasen der Wirtschaft und Japan rutschte in eine Phase von Deflation und hoher Staatsverschuldung, was zu wirtschaftlicher Stagnation auf hohem Niveau fuhrte.

Masao Maruyama ist ein fuhrender Sozialwissenschaftler Japans und halt in seinem Buch „Denken in Japan“ fest, dass es bislang nicht zu einer bleibenden kulturellen Identitat Japans gekommen sei. Auf der einen Seite waren die Japaner ungemein anpassungs- und aufnahmefahig und haben so die Errungenschaften fremder Kulturen, wie aus China und Europa, in sich aufzunehmen konnen. Auf der anderen Seite sei es ihnen nicht gelungen, „das Fremde mit dem Eigenen zu verbinden und die eigene kulturelle Tradition den Bedurfnissen der Moderne anzupassen". (Zeit Online 1988) „Chihiros Reise ins Zauberland“ will zeigen, dass Japan ein Gleichgewicht zwischen okonomischen Wohlstand sowie kapitalistischer Moderne und dem spirituellem und kulturellem Erbe finden muss.

Der Film beginnt direkt damit, dass sich die Hauptperson in eine neue Situation geworfen sieht: Chihiros Eltern ziehen mit ihr um. Chihiro wird auf einmal in einer anderen Stadt leben und auf eine andere Schule gehen. Auf diese Verletzung ihrer eigenen Selbstbestimmung und Mundigkeit als Mensch reagiert sie trotzig. Als sie an ihrer neuen Schule vorbeifahren und ihre Mutter meint, diese sehe toll aus, streckt Chihiro in Richtung der Schule die Zunge heraus wahrend sie einen finsteren Gesichtsausdruck hat, und sagt darauf, dass ihre alte Schule viel schoner war. (0:0:33 - 0:0:50) Spater wird sie allein in die Welt der Geister geworfen. Wobei es diesmal wortwortlich eine andere Welt ist, die ihr unvertraut ist und in der sie sich erst zurecht finden muss. Das in-eine-Welt-geworfen sein ist fur ein Kind wie Chihiro noch typisch. Denn Kinder bestimmten meist noch nicht selbst uber ihr Leben, und finden sich standig in ihnen neuen Umgebungen, einfach da fast alle Teile und Situationen der Welt ihnen noch unbekannt sind. Am Anfang all dieser Schocks, kann die Geburt als ursprunglicher und groBter Schock verstanden werden, der ein Subjekt in eine neue Welt wirft. Kinder mussen sich ihre Mundigkeit nun erst erkampfen und erarbeiten. So muss Chihiro mit der Hexe einen Vertrag schlieBen, dass sie arbeitet, um irgendwann frei zu sein und mit ihren Eltern wieder in ihre eigene Welt zuruckkehren kann. „Chihiros Reise ins Zauberland" ist insofern auch ein Coming-of-Age Film. Die zehnjahrige Hauptperson lernt nicht mehr passiver Spielball ihrer eigenen Lebenssituationen zu sein, in welche sie geworfen wird, sondern aktiv ihr Leben und ihre Reaktionen auf auBere Einflusse konstruktiv zu gestalten. Sie verlasst die Welt der Kinder und setzt sich selbst in eine neue Welt.

Der Film ist auch voll von Gestaltverwandlungen. Chihiros Eltern verwandeln sich in Schweine, Haku kann sich in einen Drachen verwandeln, der Flussgott hatte erst das Erscheinungsbild eines Faulgotts, das Ohngesicht verwandelt sich in ein riesiges Monster, die Hexe verwandelt sich in einen Vogel, ihre Zwillingsschwester Zeniba verwandelt drei hupfende Kopfe und ein riesiges Baby in einen Hamster und eine Fliege und sich selbst in eine Papierfigur. Dies vermittelt den Eindruck, dass nichts ist wie es scheint. Die auBere Gestalt kann hierbei als bloBe gewahlte scheinbare Identitat oder als Verbildlichung der inneren Zustande einer Figur angesehen werden. Definierend fur die Figuren ist letztlich nicht ihr Korper, sondern ihr Geist bzw. ihr Bewusstsein. Dies steht im Kontrast zur phantastischen Vielfalt der magischen Welt und unserer modernen Welt. An erster Stelle steht ein gesunder Geist, das AuBere passt sich nur daran an.

4 Konsumkritik und Identitat

Alle Formen menschlicher Tatigkeiten und Interaktionen werden spatestens seit der Industriellen Revolution zunehmend „verwirtschaftet“, also in nach Marx „entfremdete“ Kauf- und Arbeitsverhaltnisse umgewandelt. Jede Form von Gutem, von Nutzen fur einen Menschen wird hierbei mit Geld bemessen. Die damit verbundene „Zweckrationalisierung“ nach Adorno der modernen Welt, sowie deren reichhaltiges Kosumangebot scheinen dazu zu fuhren, dass Menschen auBerhalb der Konsumwelt weniger Eigeninitiative in ihrer Lebensgestaltung zeigen. Denn alles was moglich ist, lasst sich konsumieren; was lediglich eine Schlussfolgerung aus der Erkenntnis des hochspezialisierten Kapitalismus ist, dass alles kauflich ist. Dies fuhrt nun also dazu, dass Menschen weniger nach Beschaftigungen und Identitaten (als Personlichkeitsentwicklung) suchen, die nicht systematischer Teil des Gutermarktes sind. Die moderne Welt nimmt dem Menschen die Burde der Selbstbestimmung durch Neuerfindung ab, und ersetzt sie durch vorgefertigte, kaufliche Einheiten. Die Ursache fur das Entstehen des Prinzips der universellen Kauflichkeit gibt sich das System selbst: ohne Arbeit kein Lebensunterhalt. Einerseits aus der Existenznot und andererseits aus der Moglichkeit sein Vermogen und damit seine Konsummoglichkeiten zu mehren, erfinden die Menschen immer neue Produkte und Dienstleistungen, bis alles, was man sein kann, im marktwirtschaftlichen Angebot enthalten ist.

Diese gesellschaftlichen und psychologischen Entwicklungen spiegeln sich im Film „Chihiros Reise in Zauberland“ wieder. Chihiros Eingang in die Welt der Geister fuhrt durch die Ruinen eines ehemaligen Vergnugungsparks. Man erfahrt, dass diese in den fruhen 90er Jahren uberall aus dem Boden sprossen, aber dann in der Wirtschaftskrise reihenweise Pleite gegangen sind. Der Vergnugungspark in dem die Geisterwelt als Parallelwelt existiert, die nur nachts sichtbar zu sein scheint, ist hier ein Symbol fur die auf Unterhaltung ausgelegte Konsumwelt, und dafur wie anfallig und vergänglich diese ist. Was übrig bleibt, wenn das System (der Wirtschaft) scheitert, ist die zwielichtige Geisterwelt. Der hauptsächliche Handlungsort im Film ist das Badehaus. Alle Menschen sind hier entweder Dienstleister oder Konsument. Die Welt der Geister wird durch ein umgängliches Prinzip bestimmt: Um zu leben, muss man für die Hexe Yubaba arbeiten. Die strenge Herrschaft der Hexe steht im Kontrast zur Schönheit und bunten Vielfalt dieser Welt, genau wie es im Kapitalismus der Fall ist. Es gibt eine wunderbare kulturelle Vielfalt und materiellen Reichtum, aber trotzdem unterliegt man den Regeln des Wirtschaftssystems, und muss womöglich sein Leben lang hart arbeiten.

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Details

Titel
Eine psychologische und gesellschaftliche Analyse von "Chihiros Reise ins Zauberland"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Medien- und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Medienanalyse, Analyse audiovisueller Medien
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V516629
ISBN (eBook)
9783346122322
ISBN (Buch)
9783346122339
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chihiros Reise ins Zauberland, filmanalyse, medienanalyse, anime, Hayao Miyazaki, interpretation, analyse
Arbeit zitieren
Thomas Weinreich (Autor), 2019, Eine psychologische und gesellschaftliche Analyse von "Chihiros Reise ins Zauberland", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/516629

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