Der Versailler Vertrag als Resultat des Ersten Weltkriegs. Friedensvertrag oder Friedensdiktat? (8. Klasse, Geschichte)


Unterrichtsentwurf, 2019

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Kurzdarstellung der Stunde

2 Stundenraster

3 Unterrichtliche Voraussetzungen

4 Didaktische Überlegungen und Entscheidungen
4.1 Sachanalyse
4.2 Didaktisches Vorgehen
4.2.1 Exemplarische Bedeutung, Gegenwartsbezug und Zukunftsbedeutung
4.2.2 Thematische Struktur
4.2.3 Unterrichtlicher Zugang
4.2.4. Didaktische Profilierung
4.3 Kompetenzen und Ziele

5 Methodische Überlegungen und Entscheidungen

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1 Kurzdarstellung der Stunde

Thema der Unterrichtseinheit: „ Dauerhafter Friede – eine Utopie? Friedensschlüsse und Lösungsversuche internationaler Konflikte“

Thema der Unterrichtsstunde: Versailles – Friedensvertrag oder Friedensdiktat?

Hauptintention: Die Schüler sollen die Aushandlung des Versailler Vertrag anhand ausgewählter Materialien analysieren (Erschließungskompetenz1 ) und beurteilen, ob dieser einen Friedensvertrag oder ein Friedensdiktat darstellt (Interpretationskompetenz2 ).

Meist ist der Erste Weltkrieg Thema in der achten Klasse. Zu Beginn der Einheit hatte die Klasse die Mächtekonstellation in Europa und die Stellung des Deutschen Reiches mit seiner Außenpolitik beleuchtet, insbesondere die Expansionspolitik. Anschließend haben die SchülerInnen das Attentat in Sarajevo näher betrachtet, welches den Anstoß für den Kriegsausbruch darstellte. Dazu haben sie die Kriegsparteien mit den jeweiligen Intentionen erstellt. In den weiteren Stunden wurde der Kriegsverlauf, die russischen Revolutionen und das Kriegsende thematisiert. Der Vertrag von Versailles mit den Forderungen der Entente wurde analysiert und die Reaktion des Deutschen Reiches aufgegriffen. Dann wurde der „Frieden“ im weiteren historischen Verlauf betrachtet und welche Konsequenzen aus ihm hervorgingen. In der Sek II wird der Versailler Vertrag noch einmal aufgegriffen. Dafür wird das Vorwissen aus der achten Klasse mobilisiert. In dieser Stunde widmen sich die SchülerInnen der Fragestellung, ob der Vertrag ein Diktat oder einen Frieden darstellt.

Der erste Weltkrieg wird in der Sek I durchgenommen.3 Darüber hinaus sind „Friedensschlüsse und Lösungsversuche internationaler Konflikte“4 in den Fachanforderungen Geschichte in der Sek II verankert. Hier wird explizit der Versailler Vertrag angesprochen mit der Problemfrage, ob dieser eine vertane Chance gewesen sei. Diese Frage eröffnet die Möglichkeit zu schauen, aus welchen Gründen der Frieden gescheitert ist, insbesondere im Hinblick auf die Verhandlungen.

2 Stundenraster

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Unterrichtliche Voraussetzungen

Der Erste Weltkrieg wird in der Sek I als Thema behandelt5, meist in der 8. Klasse. Die geplante Unterrichtsstunde zum Versailler Vertrag soll jedoch in der Sek II als Vertiefungsstunde durchgeführt werden. Dafür brauchen die Schüler ihr Vorwissen aus der 8. Klasse. Die Aktivierung dieses Wissens ist nicht selbstverständlich und muss von der Lehrkraft explizit gefördert werden, z.B. mit Wiederholungsfragen. Außerdem sollte die Lehrkraft die SchülerInnen vor der Stunde daran erinnern, dass sie ihre Materialien aus der 8. Klasse mitbringen sollen.

Damit die SchülerInnen die erste Phase des Unterrichts meistern können muss im Vorhinein ihre Analysekompetenz von Karikaturen gefördert werden; wenn dies bis zur 10. Klasse nicht geschehen ist, kann z.B. die Lehrkraft einer Methodenstunde zur Analyse und Interpretation von Bildquellen einschieben. Wenn dafür bisher noch keine Zeit gefunden werden konnte, kann die Lehrkraft ihnen ein Schema6 an die Hand geben, an welchem sie die Karikatur leichter erarbeiten können. Die Karikatur soll jedem im Klassenzimmer offen zugänglich sein, wofür man entweder einen Overhead Projektor oder ein Smartboard benötigt, wenn die Schule solche zur Verfügung stellt. Um die Materialien richtig analysieren zu können, müssen die Lernenden mit den verschiedenen Gattungen umgehen können und deren Analysekriterien kennen, wie z.B. Adressat, Entstehungszeitpunkt, Autor etc. Davon haben die SchülerInnen vielleicht noch ein Methodenblatt mit Leitfragen, an denen sie sich orientieren können.

4 Didaktische Überlegungen und Entscheidungen

4.1 Sachanalyse

Die Zeit um 1900 war von der starken Expansionspolitik des Deutschen Reiches geprägt. Als Vorbild wurde Großbritannien angesehen, welches als ein Vorreiter in der Flottenpolitik angesehen wurde. Aber auch Länder wie England, Russland oder Frankreich gerieten aufgrund ihrer Expansionspläne des Öfteren aneinander.7 Dann wurde der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau am 28.06.1914 bei einem Staatsbesuch in Sarajevo erschossen. Dies führte durch mehrere Verkettungen zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwischen den Alliierten und den Mittelmächten.8 „Durch den militärischen Offenbarungseid, den die OHL Ende September 1918 mit dem Eingeständnis der Kriegsniederlage leistete“9 kam es am 11.11.2018 zur Beendigung des Krieges mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Compiègne.10 Dadurch erkennt das Deutsche Reich den 14-Punkte-Plan des Präsidenten der Vereinigten Staaten Woodrow Wilson als Grundlage für die Friedensverhandlungen an.11

Am 18.01.1919 starteten die Friedensverhandlungen im Spiegelsaal von Versailles, da dort vor 48 Jahren die Krönung Wilhelm I. zum Kaiser stattgefunden hat und die Einigkeit des Deutschen Reiches vollzogen wurde mit der Annektierung von Elsaß und Lothringen, was in Frankreich große Empörung hervorrief. Anfangs trat noch die Vollversammlung zusammen jedoch trafen sich ab Ende März trafen nur noch der „Rat der Vier“12 bestehend aus Georges Clemenceau (Frankreich), Woodrow Wilson (Vereinigte Staaten), David Lloyd George (Großbritannien) und Vittorio Emanuele Orlando (Italien), wobei dieser auch nur einen Monat lang an den Sitzungen teilnahm.13 Für Woodrow Wilson hatte die Errichtung des Völkerbundes oberste Priorität, da dieser für ihn die Grundlage eines bestehenden Friedens schaffen würde. Außerdem setzte er sich stark für die Durchsetzung seines 14-Punkte-Plans ein.14 Für Georges Clemenceau sei dieser Krieg „das größte Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Freiheit der Völker gewesen, welches eine sich für zivilisiert ausgebende Nation jemals mit Bewußtsein begangen hat“15 und deshalb trage für ihn das Deutsche Reich die alleinige Schuld am Krieg und deren Folgen. Damit so eine Situation nie wiederholt werden kann, wollte Clemenceau die Überlegenheit des Deutschen Reiches durch umfangreiche Forderungen reduzieren. Zu diesen gehörten Gebietsabtretungen, Rüstungsbeschränkungen, die Unabhängigkeit Polens und hohe Reparationszahlungen. David Lloyd George hingegen wollte das Deutsche Reich nicht zu sehr schwächen, um Frankreich an einer Einnahme der Vormachtstellung zu hindern. Dennoch forderte er immense Summen als Entschädigung, die weit über die eigentlichen Reparationszahlungen hinausgingen.16 Laut Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau wäre das Zugeständnis zur Alleinschuld am Krieg eine Lüge, da das Deutsche Reich den Krieg nicht gewollt und sich lediglich verteidigt habe.17 Wenn der Vertrag unterzeichnet werden würde, müsse das deutsche Volk Zwangsarbeit leisten und würde sein Todesurteil unterschreiben.18 Eine Nichtunterzeichnung hätte aber weitreichende Folgen wie die Wiederaufnahme des Krieges, die Zerstückelung des Deutschen Reiches und die Absetzung der Regierung und deren Ersetzung durch Kommunisten und Unabhängige gehabt.19 Durch die drohende Wiederaufnahme des Krieges unterzeichnete das Deutsche Reich am 28.06.1919 den Versailler Vertrag trotz Protesten.20

Laut dem Historiker Jörn Leonhard wäre der Glaube, dass durch diesen Vertrag Frieden geschlossen worden wäre, eine Illusion gewesen. Außerdem hätten die kontrastierenden Interessen der Siegermächte eine erschwerte Situation bei den Verhandlungen hervorgerufen. Auch die Einbindung des Deutschen Reiches in die Verhandlungen hätte etwas von dem Charakter eines „Diktats“ genommen.21 Ebenso bezeichnet Eckart Conze die Idee eines schnellen Friedens als große Illusion. Für ihn sei es auch kein Frieden für jeden gewesen, sondern ein „Kompromissfrieden“, welcher nur zwischen den Siegermächten ausgehandelt worden war und den Besiegten außen vorgelassen hat. Trotz jeglicher Kompromisse sei keine Partei zufrieden mit dem Ergebnis gewesen, da die gegensätzlichen Interessen der Siegermächte dies unmöglich gemacht hätten.22 Gerd Krumeich geht noch einen Schritt weiter und betitelt das Scheitern des Krieges und die „harten“ Bedingungen als „kollektives Trauma“23. Das Deutsche Reich musste von der Entente mehrere Demütigungen ertragen: Von der fehlenden Einladung zu den Verhandlungen, über die alleinige Kriegsschuld, bis zur Reise nach Frankreich, wo die Abgeordneten die Verwüstungen anschauen mussten. Das Unverständnis des deutschen Volkes über die plötzliche Niederlage und die Schmach von Versailles hätten Deutschland jeglichen Frieden verwehrt.

4.2 Didaktisches Vorgehen

4.2.1 Exemplarische Bedeutung, Gegenwartsbezug und Zukunftsbedeutung

Um aus der Masse an möglichen Inhalten aus dem Universum des Historischen einen passenden Inhalt auszuwählen hat Wolfgang Klafki Schlüsselprobleme entwickelt, die dabei helfen sollen, „die Bedeutung eines Themas für die gegenwärtige und zukünftige Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern zu erkennen.“24 Eins dieser Schlüsselprobleme lautet „Krieg und Frieden, Völkerverständigung und Friedenssicherung“, somit kann das Thema „Der Versailler Vertrag“ zu den „epochaltypischen Schlüsselproblemen“25 zugeordnet werden und besitzt damit eine exemplarische Bedeutung für dieses Schlüsselproblem. Anhand der selbstständigen Analyse und Interpretation der Materialien vertiefen die SchülerInnen zudem Arbeitsmethoden, die sie auf andere Themenfelder anwenden können. Durch die abschließende Beurteilung der Problemstellung und dem anschließenden Transfer erhalten die SchülerInnen eine Einsicht über Aspekte von Friedensverhandlungen, die einen dauerhaften Frieden gewährleisten können.

„Wenn wir heute mit dem Abstand von 100 Jahren auf den Friedensschluss von Versailles blicken, so dominieren [auch heute noch] zwiespältige Gefühle.“26 Die Demütigung, die die Deutschen damals empfunden haben, ist auch heute noch in den Köpfen verankert; der Revisionsgedanke hielt noch Jahrzehnte an. Die Folgen von Versailles sind auch heute noch zu spüren: Somit seien laut Leonhard durch den Vertrag „viele Konflikträume entstanden, mit denen wir es heute zu tun haben. Dazu gehören die Ukraine und das ehemalige Jugoslawien. Oder schauen Sie auf Syrien, den Irak, Palästina und Israel: Ohne die widersprüchlichen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg lassen sich diese Krisenherde nicht verstehen.“27 Somit besteht ein Ursachenzusammenhang zwischen den Krisen des Nahen und Mittleren Ostens und den Bestimmungen des Versailler Vertrages und damit auch ein Gegenwartsbezug für die SchülerInnen.28

[...]


1 Siehe Barricelli/Gautschi/Körber 2012, Historische Kompetenzen, S. 224.

2 Siehe ebd.

3 Siehe Fachanforderungen Geschichte Sek I und II in Schleswig-Holstein S. 21.

4 Fachanforderungen Geschichte Sek I und II in Schleswig-Holstein S. 33.

5 Siehe Fachanforderungen Geschichte Sek II in Schleswig-Holstein S. 21.

6 Hierfür kann z. B. das Schema von Michael Sauer dienen, welcher die Erschließung von Bildquellen in drei Schritte aufteilt: Bildbeschreibung, Bildanalyse und Bildinterpretation. Siehe Hamann 2012, Bildquellen im Geschichtsunterricht, S. 111.

7 Siehe Epkenhans 2015, Der Erste Weltkrieg, S. 11-14.

8 Siehe ebd. S. 26.

9 Kolb 2005, Der Frieden von Versailles, S. 25.

10 Siehe Epkenhans 2015, Der Erste Weltkrieg, S. 241.

11 Siehe Kolb 2005, Der Frieden von Versailles, S. 27.

12 Ebd. S. 50.

13 Siehe ebd. S. 49f.

14 Siehe Ebd. S. 53.

15 Schwabe 1997, Quellen zum Friedensschluss von Versailles, S. 358.

16 Siehe Kolb 2005, Der Frieden von Versailles, S. 56f.

17 Siehe Schwabe 1997, Quellen zum Friedensschluss von Versailles, S. 261f.

18 Siehe ebd. S. 278-280.

19 Siehe ebd. S. 311.

20 Siehe Epkenhans 2015, Der Erste Weltkrieg, S. 244.

21 Siehe Interview mit Jörn Leonhard in Zeit-Online vom 16.01.2019.

22 Siehe Eckart Conze, in: Wäre ein anderer Friede möglich gewesen? Von Hans von Trotha vom 14.11.2018.

23 Siehe Interview mit Gerd Krumeich in Süddeutsche Zeitung vom 28.06.2019.

24 Bernhardt 2012, Guter Geschichtsunterricht – Prinzipien, S. 331.

25 Klafki 2007, Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik, S. 56.

26 Siehe Artikel von Ulrich Schlie vom 28. Juni 2019 über den Versailler Vertrag.

27 Siehe Interview mit Jörn Leonhard in Zeit-Online vom 16.01.2019.

28 Siehe Bergmann 2007, Gegenwarts- und Zukunftsbezug, S. 104f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Versailler Vertrag als Resultat des Ersten Weltkriegs. Friedensvertrag oder Friedensdiktat? (8. Klasse, Geschichte)
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Didaktik der Geschichte)
Veranstaltung
Konzeption und Gestaltung des Geschichtsunterrichts
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V516694
ISBN (eBook)
9783346110503
ISBN (Buch)
9783346110510
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fachdidaktik Geschichte, Unterrichtsentwurf, Versailler Vertrag
Arbeit zitieren
Caroline Meinhardt (Autor), 2019, Der Versailler Vertrag als Resultat des Ersten Weltkriegs. Friedensvertrag oder Friedensdiktat? (8. Klasse, Geschichte), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/516694

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