Diskussion der Molyneux-Frage anhand empirischen Materials. Wurde das Gedankenexperiment "Molyneux-Problem" endlich empirisch bewiesen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

12 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Das Molyneux-Problem
2.1 Positive Antwort
2.2 Negative Antwort

3 Empirische Studien über das Molyneux-Problem
3.1 Problematik der Voraussetzungen an die Probanden
3.2 Empirische Studien zum Molyneux-Problem
3.2.1 Wiliam Cheselden
3.2.2 Mike May
3.2.3 Die Richard Held-Studie
3.3 Diskussion empirischen Materials

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ich tue das um so lieber als jener aufmerksame Beobachter hinzufügt, er habe, durch mein Buch veranlaßt, jene Frage verschiedenen klugen Leuten vorgelegt; es sei ihm aber kaum je einer begegnet, der gleich anfangs die Antwort gegeben hätte, die er selbst für die richtige halte, bevor er durch Anhören seiner Gründe überzeugt ward.1

Das Molyneux-Problem2 befasst sich mit der Entstehung der menschlichen Erkenntnis und stellt zudem eine wichtige, philosophische Frage im Bereich der Wahrnehmungstheorie. Kurz angerissen, handelt es sich beim Molyneux-Problem um einen von Geburt an Blinden, der die Fähigkeit erhält, sehen zu können. Dabei stellt sich die Frage, ob er zwischen zwei visuell gebotenen Stimuli (Kugel und Würfel) nur mithilfe seines neuen Sehsinns unterscheiden kann, wenn man davon ausgeht, dass er als Blinder beide Stimuli bereits durch Tasten unterscheiden konnte (für eine ausführlichere Darstellung des Molyneux-Problems siehe 2).

Historisch wurde das Molyneux-Problem erstmals 1688 durch einen Brief von William Molyneux an John Locke angestoßen und sorgte bei Kognitionspsychologen und Wahrnehmungstheoretikern bzw. Philosophen für mehr als drei Jahrhunderte für Diskussionsstoff und Forschungsdrang.

1.1 Zielsetzung

Angestoßen durch die These, dass die Molyneux-Frage beantwortet werden kann, soll am Ende der vorliegenden Arbeit gezeigt werden, welche Antwort das empirische Material auf die Molyneux-Frage gibt, aber auch, welche weiteren Fragen daraus evtl. entstehen könnten. Die Antwort auf die Molyneux-Frage soll Nein lauten und damit der gängigen Meinung der Empiristen entsprechen (Erläuterung der Konsequenzen, die sich aus dieser negativen Antwort ergeben, siehe 2.2). Als möglicher Grund für die negative Antwort auf das Molyneux-Problem soll Lockes Argument dienen, das ausführt, dass die Beziehung der verschiedenen Sinne zueinander durch Erfahrung erlernt werden muss, da es keine natürliche Beziehung der verschiedenen Sinne zueinander gibt.

Die vorliegende Arbeit schließt somit direkt an die bereits im Forschungsgebiet erschlossenen empirischen Studien an, indem sie vergleichend das darin gesammelte Material hingehend auf das Molyneux-Problem diskutiert.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit beginnt mit einer ausführlichen Beschreibung des Molyneux-Problems. Darauffolgend werden die beiden typischen Antworten auf das Molyneux-Probelm vorgestellt. Dies dient dem Zweck, dass die darauffolgende Diskussion mithilfe des empirischen Materials auf eine einheitliche Definition des Molyneux-Problems bezogen werden kann. In der Diskussion des empirischen Materials werden Lösungsansätze sowie Problemaspekte hervorgehoben. Dabei sollen die empirischen Studien von mehreren Seiten betrachtet werden, sodass verteidigende oder entkräftende Argumente für die Beantwortung der Molyneux-Frage mithilfe dieses empirischen Materials gefunden werden kann. Anschließend wird ein Ergebnis präsentiert, offene Fragen gestellt und die sich daraus ergebenen Forschungsrichtungen dargestellt.

2 Das Molyneux-Problem

Das im Jahre 1688 von William Molyneux angestoßene und von John Locke 1693 in seinem Aufsatz An Essay Concerning Human Unterstanding veröffentlichte Molyneux-Problem befasst sich mit einer blindgeborenen, erwachsenen Person, die die zwei konvexen Figuren Kugel und Würfel anhand ihres Tastsinns voneinander unterscheiden kann („so daß er bei Berührung der beiden Gegenstände zu sagen vermag, welches der Würfel und welches die Kugel sei“3 ). Nun stellt sich die Frage, ob, wenn eben diese Person nun plötzlich sehen könnte und wenn die beiden konvexen Figuren Kugel und Würfel vor dieser Person auf den Tisch gestellt werden würden, „[sie] nur durch den Gesichtssinn, schon vor Berührung der Gegenstände, Kugel und Würfel unterscheidet und angeben könnte, welches die Kugel und welches der Würfel sei“.4 Die Fragen, die sich aus dem Molyneux-Problem ergeben, lauten wie folgt: Wie also ist „der Übergang passiver Sinneseindrücke in geistige Vorstellungen möglich“5 und wie sind die verschiedenen Sinneskanäle (im vorliegenden Fall insbesondere der Tast- und Gesichts- bzw. Sehsinn) miteinander verknüpft?

Die Molyneux-Frage beschäftigte in den vergangenen Jahrhunderten viele Philosophen. Dabei gaben die sog. Rationalisten, wie Leibniz, Diderot und Reed, und die Empiristen, wie Locke, Berkley und Voltaire, unterschiedliche Antworten darauf. Während die Rationalisten die Molyneux-Frage bejahten, verneinten die Empiristen jene. Diese Antworten sollen im Folgenden kurz erläutert werden.

2.1 Positive Antwort

Würde man auf diese Frage mit Ja antworten, d. h. Würfel und Kugel könnten von dieser Person nur anhand seines wiedererlangten Gesichtssinns unterschieden werden, dann würde das bedeuten, dass „our perceptions are amodal in their spatial content“6 und dass wir eine Art apriorische Auffassung der Schnittmenge beider Sinneskanäle hätten, die automatisch entstehen würde und von der Erfahrung unabhängig ist.

2.2 Negative Antwort

Würde man auf diese Frage mit Nein antworten, d. h. Würfel und Kugel können nicht mithilfe des neu erlangten Gesichtssinn unterschieden werden, spräche das für die Spezifizität der einzelnen Sinneskanäle und deren radical incommensurability, d. h., dass intermodale Wahrnehmung erst mithilfe der Erfahrung erlernt werden muss, also eine Art „experience-driven process of association between the senses“7, ehe ein Austausch durch mehrere Sinneskanäle stattfinden kann.8 Molyneux selbst antwortet wie folgt auf seine Frage: „Der scharfsinnige und einsichtsvolle Fragesteller [(Molyneux)] beantwortet die Frage mit nein“.9 Die Verknüpfung von Tast- und Sehsinn bestünde nicht und die Person könnte folglich nicht wissen, „daß dasjenige, was auf seinen Tastsinn so oder so einwirkt, auf seinen Gesichtssinn so oder so wirken muß“.10 Auch Locke als entschiedener Empirist beantwortet die Molyneux-Frage mit Nein („Auch ich bin der Meinung, daß der Blinde auf den ersten Blick nicht mit Sicherheit würde sagen können, welches die Kugel, welches der Würfel sei, solange er sie nur sähe, obwohl er sie nach erfolgter Berührung untrüglich namhaft machen […] könnte“11 ). Dabei stützt sich Locke auf das Argument der Erfahrung, die in dieser Situation schlichtweg fehle12 und alle Vorstellungen sich erst mit der Zeit aus ebendieser Erfahrung entstehen würden („all knowledge lies in sensory experience“13 ). Der wiedererlangte Seh- bzw. Gesichtssinn der Person würde somit dem eines Neugeborenen ähneln, da „der Verstand [bei der Geburt] einem unbeschriebenem Blatt oder einer Tabula rasa14 gleicht und demnach die Verknüpfungen der neuen Sinne (der wiedererlangte Sehsinn mit dem Tastsinn) erst hergestellt werden müssten.

3 Empirische Studien über das Molyneux-Problem

Bevor das Molyneux-Problem anhand einiger weniger empirischer Studien diskutiert wird, sei auf die Problematik der Versuchspersonen unter Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden. hingewiesen.

3.1 Problematik der Voraussetzungen an die Probanden

Warum sich die empirische Untersuchung des Molyneux-Problems an Probanden15 als schwierig darstellt, liegt an den Voraussetzungen, die diese für die Eignung als Probanden für die Forschung am Molyneux-Problem haben müssen.

Es müssen Probanden gefunden werden, die von Geburt an blind sind, deren Blindheit aber behandelbar ist. Gleichzeitig müssen diese Personen aber auch einem gewissen Alter entsprechen, um kognitiv reif genug zu sein, damit sie zuverlässig zwischen mehreren Stimuli (z. B. Kugel und Würfel) unterscheiden können. Mit dem jetzigen Stand der Medizin würde es nicht sinnvoll sein, einer Person die (simple) Operation zur Wiedererlangung der Sehkraft länger zu verwehren, als es nötig ist. Held et al. beschreiben in ihrer Studie, dass diese Personen in westlichen Ländern „extremely rare“16 seien, weil bei diesen Personen die heilbare Art von Blindheit schnellstmöglich behandelt werde. In Entwicklungsländern sähe dies aber anders aus, weshalb dort „cogentially blind children […] often do not receive treatment despite having curable conditions because of inadequate medical services“.17

Es stellt sich auch die Frage, ob der Grad der Blindheit das Molyneux-Experiment beeinflusst. Es fallen auch Personen unter das Krankheitsbild der Blindheit, die noch in einem geringen Maße der Sehtüchtigkeit fähig sind. Wären diese Personen für die Molyneux-Frage ebenfalls von Interesse, obwohl diese bereits Seherfahrung besitzen – wenn diese auch nicht mit denen eines Sehtüchtigen zu vergleichen sind (z. B. topologische Einordnung einer Lichtquelle oder das Unterscheiden von Helligkeit und Dunkelheit)?

Ein weiteres Problem bei der Molyneux-Frage ist auch, dass die Sehfähigkeit nach der erfolgreichen Operation sofort und ausreichend wiederhergestellt sein muss, damit das Experiment ohne vorherige Störvariablen (z. B. die bei der Heilung erst allmählich wiederkehrende Sehfähigkeit) durchgeführt werden kann. Dies erscheint unwahrscheinlich: „[A]n optically restored eye does not necessarily imply the functional ability to make full use oft he visual signal“.18,19

Trotz der anspruchsvollen Anforderungen an die Probanden, konnten bereits empirische Studien durchgeführt werden. Diese werden in 3.2 beschrieben.

3.2 Empirische Studien zum Molyneux-Problem

3.2.1 Wiliam Cheselden

Das meist genannte, empirische Beispiel für das Molyneux-Problem ist wohl das des Arztes Wiliam Cheselden, der 1728 „den Fall eines vom grauen Star geheilten, geburtsblinden Patienten [beschrieb], der nach der Heilung tatsächlich die Formen von Gegenständen nicht erkennen und zuordnen konnte“.20 Bei Cheseldens Patient zeigte sich nicht nur, dass er Formen mit seinem Sehsinn nicht wiedererkannte, sondern auch, dass es ihm nur mithilfe seiner Hände und demnach seines Tastsinnes möglich war Formen und Gegenstände zu unterscheiden.21

3.2.2 Mike May

Ein weiteres Beispiel ist der Fall Mike May. Dem Sportler „wurde im Jahr 2000 mit einem neuen Verfahren […] erfolgreich die Hornhaut eines toten Spenders transplantiert“.22 Mike May erblindete in frühster Kindheit, schien aber keine Erinnerung an seine Sehtüchtigkeit zu haben: „Mike erkennt keine Gesichter, auch das seiner Frau nicht, das ihm vorher durch Tasten vertraut war. Jetzt, da es als beleuchtetes Objekt vor ihm steht, kann er es nicht identifizieren und auch nicht vom Gesicht eines Mannes unterscheiden“.23 In Bezug auf das Molyneux-Problem zeigte sich, dass May auch Kugel und Würfel nicht allein durch den Sehsinn unterscheiden konnte: „Wie es schon Locke und die Empiristen der Aufklärung erwartet hatten, kann auch er einen kugeligen Gegenstand, zum Beispiel seinen vor ihm liegenden Ball, nicht von einem Würfel unterscheiden, wenn er sich nicht tastend vergewissert. Was er sieht sind Muster und Flecken, die ein verwirrendes Durcheinander bilden, in dem Mike sich nicht orientieren kann“.24

[...]


1 Locke, John: Über den menschlichen Verstand. In vier Büchern. Band I [fortan zit. als: Locke, ÜdmV]. Hamburg: Verlag von Felix Meiner 1872, S. 163.

2 In der vorliegenden Arbeit wird ‚Molyneux-Problem‘ synonym mit ‚Molyneux-Frage‘ verwendet.

3 Locke, ÜdmV, S. 162.

4 Ebd.

5 Hofer, Ursula: Sensualismus als Grundlage erster sonderpädagogischer Unterrichtsversuche. Seine Bedeutung für die Frage nach der Bildbarkei blinder Menschen. In: Zeitschrift für Pädagogik 46 (2000), S. 199.

6 Paterson, Mark: "Seeing with the hands": Blindness, touch and the Enlightment spatial imaginary [fortan zit. als: Paterson, Swth]. In: The British Journal of Visual Impairment 24 2 (2006), S. 53.

7 Held, NSf, S. 1.

8 Vgl. Paterson, Swth, S. 53.

9 Locke, ÜdmV, S. 162.

10 Ebd.

11 Locke, ÜdmV, S. 163.

12 Vgl. ebd.

13 Jacomuzzi, Alessandra C. et al.: Molyneux's question redux. In: Phenomenology and the Cognitive Sciences 2 (2003), S.257.

14 Hildebrandt, Eberhard: Das Molyneux-Problem - eine Sensibilisierung im Hinblick auf Wahrnehmung und Kommunikation [fortan zit. als: Hildebrandt, MP]. In: Martin Giese (Hrsg.): Sport- und Bewegungsunterricht mit Blinden und Sehbehinderten. Band 1: Theoretische Grundlagen - spezifische und adaptierte Sportarten. Aachen: Meyer & Meyer Verlag 2009. S. 12-22. 14

15 In der vorliegenden Arbeit wird sich auf die Nennung nur eines Geschlechts reduziert. Mit den männlichen Personenbezeichnungen sind jedoch auch die weiblichen Vertreter eingeschlossen.

16 Held, Richard et al.: The newly sighted fail to match seen with felt [fortan zit. als: Held, NSf] [https://www.nature.com/articles/nn.2795; abgerufen am 17. 10 2018 ], S. 1.

17 Held, NSf, S. 1.

18 Held, NSf, S. 1.

19 Siehe für eine kurze Beschreibung des Rehibilitationsprozesses der Sehkraft auch Jacomuzzi et al. S. 260.

20 Hildebrandt, MP, S. 14.

21 Vgl. Paterson, Swth, S. 54.

22 Hildebrandt, MP, S. 16.

23 Ebd.

24 Hildebrandt, MP, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Diskussion der Molyneux-Frage anhand empirischen Materials. Wurde das Gedankenexperiment "Molyneux-Problem" endlich empirisch bewiesen?
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
Wahrnehmungstheorie
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V516724
ISBN (eBook)
9783346107466
ISBN (Buch)
9783346107473
Sprache
Deutsch
Schlagworte
diskussion, molyneux-frage, materials, wurde, gedankenexperiment, molyneux-problem
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Diskussion der Molyneux-Frage anhand empirischen Materials. Wurde das Gedankenexperiment "Molyneux-Problem" endlich empirisch bewiesen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/516724

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