Erziehungsstile und das Ziel der Mündigkeit im schulischen Kontext


Seminararbeit, 2018

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Erziehung

2. Erziehungsstile
2.1. Autorität: Motto: Du musst!
2.2. Demokratischer Stil: Du darfst!
2.3. Laissez-faire Motto: Mach einfach!

3. Ziel der Erziehung: Mündigkeit und Emanzipation

4. Erziehung und Unterricht

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Quelle und die Wurzel aller Trefflichkeit ist eine wohl geordnete Erziehung.“1 Plutarch (45–125), antiker griechischer Schriftsteller2

Die Familie ist eine der bedeutungsvollsten Sozialisationsinstanzen für den heranwachsenden Menschen. Die Erziehung der Kinder ist dabei eine der schwierigsten Angelegenheiten, dennoch ist sie in der heutigen Zeit durch gesellschaftliche Eindrücke und Einflüsse noch schwerer als jemals zuvor. Gründe liegen vermehrt im Wertewandel. Vor rund 50 Jahren waren Normen und Werte wie Disziplin, Pflichterfüllung und Gehorsam das Herzstück jeder Erziehung. Durch gesellschaftliche Umbrüche erfolgte ein Wertewandel und Autonomie, der durch Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gekennzeichnet ist. Persönlichkeitsbildung, Kritikfähigkeit, Eigenverantwortung werden heutzutage akzentuiert, denn durch das Ende des Erziehungsprozesses wird „der Geist und der Charakter“3 eines Menschen mit dem Ziel der Mündigkeit und Emanzipation des Menschen geformt.

Eine wichtige Rolle spielen bei der Entwicklung der individuellen Persönlichkeit und Mündigkeit auch die Erziehungsstile der Eltern. Gemäß zeitgenössischer Erziehung sollen sich Kinder zu unabhängigen, selbstbewussten und verantwortungsbewussten Menschen mit dem Ziel, sie zu mündigen Bürgern in einer demokratischen Gesellschaft zu entwickeln. Bei der Umsetzung dieses Ziels sind sich Eltern allerdings nicht ganz einig.

Mittlerweile sind Eltern gehäufter nicht funktionsfähig, als Erziehungsinstanzen den Anspruch der Erziehung der Kinder aus vielerlei Gründen gerecht zu werden. Deshalb muss die Institution Schule einen Beitrag zur Erziehung der Kinder leisten. Dementsprechend muss sie neben der Aufgabe, Kompetenzen und Wissen zu vermitteln, Kindern bei dem Prozess ihrer Persönlichkeitsentwicklung Hilfe leisten.

Es stellt sich die Frage, welcher Erziehungsstil bzw. welche Erziehungsmethode die Beste ist, um die Mündigkeit der Kinder zu fördern? Wie viele Grenzen sollten dabei dem Kind gesetzt werden, ohne dass ihm Schaden bei der Persönlichkeitsentwicklung hinzugefügt wird? Außerdem gilt es, zu klären, wie die Schule beziehungsweise Lehrkräfte ihren Beitrag zur Erziehung der Kinder zu mündigen Bürgern im Unterricht leisten können.

Die vorliegende Arbeit erläutert und differenziert zunächst den Begriff Erziehung, da diese Voraussetzung ist, um Erziehung und Erziehungsstile begreifen zu können. Folglich wird eine bedeutende Rolle der Erziehungsstile von Lewin, Lippitt und White und dessen Auswirkungen auf das Individuum zugeschrieben.

Abschließend werden Erziehungsziele insbesondere die Mündigkeit untersucht und die Umsetzung im Schulunterricht dargelegt.

2. Erziehung

Der Begriff Erziehung wird immer wieder in differenten Situationen im Alltag verwendet, was zu der Annahme führt, dass sie „vielgestaltigen Auslegungen und Konventionen“4 unterliegt und es deshalb keine allumfassende und allgemeingültige Definition geben kann.

Im Folgenden sollen einige Definitionen, die Erziehung determinieren, dargelegt und apostrophiert werden.

Als Erziehung bezeichnet W. Brezinka „Soziale Handlungen, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Disposition anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder ihre als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten.“5

Brezinka verwendet demnach einen deskriptiven Begriff von Erziehung und definiert ihn als zweckgebundene Aktivität von Sozialinstanzen, die soziale (normative) Handlungen vollziehen, mit dem Ziel die Persönlichkeit (Überzeugungen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Wissen) des Kindes dauerhaft zu vervollkommnen oder seine „als wertvoll beurteilten“6 Elemente zu bewahren.7 Soziale Handlungen in diesem Kontext beschreiben, dass es bewusst und willentlich auf andere Menschen bezogen ist.

Demgegenüber merkt Klaus Hurrelmann an, dass

„Erziehung die soziale Interaktion zwischen Menschen, bei der ein Erwachsener planvoll und zielgerichtet versucht, [...] erwünschtes Verhalten zu entfalten oder zu stärken. Erziehung ist ein Bestandteil des umfassenden Sozialisationsprozesses; [...] bei dem von Erwachsenen versucht wird, bewusst in den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern einzugreifen ‐ mit dem Ziel, sie zu selbstständigen, leistungsfähigen und verantwortungsvollen Menschen zu bilden.“8

Die drei Begriffe Selbstständigkeit, Leistungsfähigkeit und verantwortungsvoll sind demnach zentrale Elemente, die einen emanzipierten Menschen kennzeichnen: Selbstständigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Kind eigene Entscheidungen durch Ausprobieren fällen und seine eigenen Ideen umsetzen kann. Leistungsfähigkeit drückt aus, dass sich das Kind anstrengt und ebenfalls seine Ideen mit einbringt. Der Begriff verantwortungsvoll lässt erkennen, dass das Kind Aufgaben selbstständig übernimmt und dadurch eigene Konzepte und Ideen entwickelt.

Laut Hartwig Schröder ist Erziehung eine „Ko-Konstruktion“9, die „Hilfe bei der Entwicklung zur Persönlichkeit“10 ist. In diesem Kontext bedeutet Hilfe, dass der Erzieher die natürlichen Entwicklungskräfte des Erziehenden berücksichtigt und ihn mithilfe seiner Stärken und Potenziale fördert.11

Wie die Untersuchung gezeigt hat, bedeutet erzieherisches Verhalten, dass Menschen sich gegenseitig in ihrer Entwicklung beeinflussen. Besonders häufig wollen Erwachsene auf Heranwachsende einwirken, sie zu erwünschten Verhaltensmustern motivieren und so den Fortbestand von Gesellschaft sichern. Dabei soll jedoch niemandem die Möglichkeit genommen werden, sich selbst zu entfalten und eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und somit Erziehung eindeutig von Zwangsregulierung und Manipulation abzusetzen.

3. Erziehungsstile

Bevor die einzelnen Erziehungsstile benannt und erläutert werden können, soll der Begriff Erziehungsstil aufgegriffen werden. Außerdem soll im Folgenden auf die breit gefächerten Variationen der Erziehungsstile eingegangen werden.

Der Begriff Erziehungsstil assoziiert bzw. beschreibt die Art und Weise, wie sich Eltern den Kindern gegenüber verhalten.12 Das bedeutet, dass es eine grundsätzliche innere Haltung der Eltern ist, die sich in differenten Situationen und Verhaltensweisen den Kindern gegenüber offenbart.

Grundsätzlich gilt, dass sich jeder Mensch nach anderen Norm- und Wertvorstellungen orientiert und diese Maximen seinem Kind tradiert. Infolgedessen bilden alle Eltern eigene individuelle Erziehungsstile heraus, die auf ihrem Verständnis von Normen und Werte aufbauen. Beispielsweise ist es für einige Eltern wichtig, dass das Kind kritikfähig erzogen wird, damit es seine eigene Meinung kundgeben kann. Für andere Eltern kann es hingegen wichtig sein, dass das Kind Gehorsam zeigt und nur dann spricht, wenn nach seiner Meinung gefragt wird.

Als Begründer der Erziehungsstilforschung werden die Sozialpsychologen Lewin, Lippitt und White genannt, die erstmals Erziehungsstile beschrieben und kategorisiert haben. Diese unterschieden zwischen den drei Erziehungsstilen „autoritär“, „demokratisch“ und „Laissez-faire“, die jedoch heutzutage in mehrere verschiedene Erziehungsstile differenziert werden.13

In dieser Hausarbeit sollen lediglich die drei Erziehungsstile nach Lewin, Lippitt und White thematisiert werden, da sich die anderen stark von diesen abgeleitet haben und sich lediglich untereinander differenzieren.

Durch die Entwicklungspsychologin Diana Baumrind und eine Erweiterung dessen von Eleanor Maccoby und John Martin wurden Lewins Erziehungsstile in vier wesentliche Unterscheidungen abgewandelt: Autoritativer Erziehungsstil, Permissiver Erziehungsstil, Vernachlässigender Erziehungsstil, Autoritärer Erziehungsstil.14

3.1. Autorität: Motto: Du musst!

Beim autoritären Erziehungsstil, laut dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul auch „Elterndiktatur genannt“15, ist die Autorität der Eltern eminent, wodurch die Bedürfnisse und Interessen des Kleinkindes geringfügig in Erwägung gezogen werden, da meistens vonseiten der Eltern die Aktivitäten vorgegeben werden und diese auch immer wieder unter einem hohen Maß an Kontrolle der Eltern stattfinden.16

Die Sozialinstanz Eltern intervenieren in die individuelle Persönlichkeitsentfaltung und fordern vom Kind, sich nach den Wünschen und Vorstellungen der Eltern zu richten, das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Verantwortung bei den Eltern liegt. Dadurch das die Eltern die Schlüsselrolle der Verantwortung übernehmen, wird deutlich, dass eine klare hierarchische Struktur zwischen den Beteiligten sprich dem Kind und den Eltern existieren und in dem Fall das Kind den Eltern untergeordnet ist.

Hinzukommt, dass dieser Erziehungsstil auf einem klaren Machtverhältnis basiert.17 Durch die vorgegebenen strengen Anordnungen und Befehlen, die teilweise durch Erziehungsmittel wie Bestrafungen und Lob verstärkt werden, wird das Kind in seinem Verhalten und Denken gelenkt und hat infolgedessen keine Möglichkeiten, sich zu entfalten und ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.18 Gründe liegen darin, weil die Eltern dem Kind kaum bis hin zu keiner Nähe zeigen und ihm wenig emotionale Unterstützung, trotz großer Erwartungen, darbieten.

Auswirkungen

Kinder, die eine autoritäre Erziehung genießen, können Einschränkungen in ihrer Kreativität, Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein/Selbstwertgefühl und Spontanität aufzeigen, weil ein hohes Maß an Aktivitäten vonseiten der Eltern festgelegt und vorgeschrieben wird.19 Folglich kann es dazu führen, dass die Kinder ihr ganzes Leben lang von den Entscheidungen und Bestimmungen anderer Mitmenschen subaltern sind, das bedeutet, dass sie große Schwierigkeiten haben können, selbstständig zu agieren und deshalb unterwürfig bleiben. Begleitend tritt häufig mangelndes Selbstbewusstsein auf, das sogar soweit führen kann, dass das Kind Versagensangst und mangelndes Vertrauen gegenüber anderen Menschen entwickeln kann.

Wenn die Meinungen und Bedürfnisse von Kindern innerhalb der Familie nicht angehört oder ausreichend berücksichtigt werden, haben die Betroffenen auch später große Probleme damit, Konflikte auszutragen bzw. sich in Konflikten zu behaupten und überhaupt Empathie zu zeigen.20

Kinder, die autoritär erzogen werden, können aggressive Verhaltensweisen z. B. Schwächeren gegenüber entwickeln.21 Deshalb kann das Verhalten dieser Kinder in zwei verschiedenen Extremen gespiegelt werden. Entweder wird das Kind eine unsichere, unterwürfige und eingeschüchterte Persönlichkeit entwickeln oder es entwickelt ein rebellisches Verhalten.

Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass Autorität insofern immer auch mit Verantwortung zu tun hat. Eltern sollten sich fragen, ob die Ausübung ihrer Autorität in einer konkreten Situation wirklich adäquat ist oder ob sie nur ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen und zu gleichgültig sind, um auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen.

[...]


1 https://www.bk-luebeck.eu/zitate-plutarch.html (letzter Zugriff: 07.07.2018)

2 https://www.bk-luebeck.eu/zitate-plutarch.html (letzter Zugriff: 07.07.2018)

3 http://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayEUG-1 (letzter Zugriff: 07.07.2018)

4 Kron. F, Grundwissen Pädagogik 1994, S. 54.

5 Brezinka. W, Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft 1990, S. 70.

6 https://www.auer-verlag.de/media/ntx/auer/sample/07222_Musterseite.pdf (letzter Zugriff: 07.07.2018)

7 Vgl. Brezinka. W, Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft 1990, S. 70.

8 Hurrelmann. K, Mut zur demokratischen Erziehung. In Pädagogik 7 bis 8/94 S. 13.

9 Vgl. Schröder. H, Theorie und Praxis der Erziehung 1995, S. 16.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.

12 http://lexikon.stangl.eu/2072/erziehungsstil/ (letzter Zugriff: 07.07.2018)

13 Vgl. Kiel, E. (Hrsg.), Erziehung sehen, analysieren, gestalten 2012, S. 169.

14 Vgl. Kiel, E. (Hrsg.), Erziehung sehen, analysieren, gestalten 2012, S. 169.

15 https://www.kindererziehung.com/Paedagogik/Erziehungsstile/Autoritaerer-Erziehungsstil.php

(letzter Zugriff: 07.07.2018)

16 Vgl. Kiel, E. (Hrsg.), Erziehung sehen, analysieren, gestalten 2012, S. 173.

17 Vgl. Seel, N./ Hanke, U, Erziehungswissenschaft 2015, S. 599.

18 https://www.kindererziehung.com/Paedagogik/Erziehungsstile/Autoritaerer-Erziehungsstil.php (letzter Zugriff: 07.07.2018)

19 https://www.kindererziehung.com/Paedagogik/Erziehungsstile/Autoritaerer-Erziehungsstil.php (letzter Zugriff: 07.07.2018)

20 https://www.kindererziehung.com/Paedagogik/Erziehungsstile/Autoritaerer-Erziehungsstil.php (letzter Zugriff: 07.07.2018)

21 Vgl. Kiel, E. (Hrsg.), Erziehung sehen, analysieren, gestalten 2012, S. 166.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Erziehungsstile und das Ziel der Mündigkeit im schulischen Kontext
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V516734
ISBN (eBook)
9783346108425
ISBN (Buch)
9783346108432
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erziehungsstile, ziel, mündigkeit, kontext
Arbeit zitieren
Derya Yüksel (Autor), 2018, Erziehungsstile und das Ziel der Mündigkeit im schulischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/516734

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