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Zufall und Kontingenz in Kleists "Das Erdbeben in Chili"

Titel: Zufall und Kontingenz in Kleists "Das Erdbeben in Chili"

Bachelorarbeit , 2019 , 43 Seiten , Note: 2,3

Autor:in: Katharina Wagner (Autor:in)

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Heinrich von Kleists 1807 im „Morgenblatt für gebildete Stände“ unter dem Namen „Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili vom Jahr 1647“ publizierte Novelle „Das Erdbeben in Chili“ wird in der Forschung vor allem zusammen mit dem Lissabonner Erdbeben 1755 und der Theodizeefrage immer wieder als Exempel aufgegriffen. Tatsächlich geizt die Erzählung nicht mit theologisch biblischen Verweisen. Und doch fällt noch ein anderer Gesichtspunkt der Erzählung viel stärker ins Auge: der Zufall. In der Erzählung selbst treten Jeronimo und Josephe als die Protagonisten auf, die sich verbotener Weise verlieben und ein Kind zeugen, aufgrund dessen verurteilt werden sollen bis ein Erdbeben die beiden errettet und in einer idyllischen Szenerie einer harmonischen Gesellschaft wieder zusammenführt, bis sie am Ende der Erzählung durch das Wort eines Priesters und den darauf agierenden Mob von Menschen umkommen. Bedenkt man nur diese knappe Inhaltsangabe fragt man nicht zu Unrecht nach der Motivation der Erzählung und wie die Protagonisten in eine so drastische Situation hineingeraten. Sehr wohl fällt schon hier auf, dass hauptsächlich der Zufall für jegliche Situationen, in denen sich Jeronimo und Josephe befinden, verantwortlich ist. Somit wird sich diese Arbeit mit den Fragen, wie es Kleist gelingt den Zufall als Hauptmotivation in seine Erzählung einzubinden und wie genau mit welcher Funktion der Zufall in seiner Erzählung agiert, beschäftigen.
Diese Arbeit wird anführen, dass Kontingenz und Zufall mehrere Funktionen in Kleists Erzählung erfüllen und somit verschiedene Auswirkungen auf die Erzählung und dessen Figuren haben. Kleist etabliert den Zufall als Hauptmotivation und Hauptakteur der gesamten Erzählung samt ihren Figuren, indem er die Figuren zur Erkenntnis der Weltstruktur führt und Leerstellen generiert, die selbst der Erzähler nicht zu füllen vermag. Er bricht Ordnungssysteme auf und führt sie wieder ein, generiert eine scheinbare Funktionslosigkeit des inszenierten Zufalls, die zum Telos der Erzählung beiträgt und führt zu einer Sinneskrise und Ursachensuche bei den Figuren, die in Bewältigung dessen endet.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Zufall als Machtinstanz

2. Kontingenz und Zufall

3. Die Rolle von Zufall und Kontingenz in „Das Erdbeben in Chili“

3.1. Ohnmacht und die Suche nach Sinn

3.2. Reaktion und Aktion der Figuren auf den Ordnungsbruch

3.3. Narratologie des inszenierten Zufalls

4. Kausalverknüpfungen

4.1. Ursachentheorie und die Begründungen des Zufalls

4.2. Kontingenzbewältigung

5. Konklusion: Die Funktion der Funktionslosigkeit

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Diese Bachelorarbeit untersucht die zentrale Rolle von Zufall und Kontingenz in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“. Dabei wird analysiert, wie Kleist den Zufall als treibende Kraft und Machtinstanz in die Erzählung einbindet, welche Auswirkungen dies auf das Bewusstsein und die Handlungen der Figuren hat und wie die Erzählstruktur selbst den Zufall inszeniert.

  • Die begriffliche Differenzierung und Abgrenzung von Zufall, Kontingenz, Notwendigkeit und Schicksal.
  • Die Auswirkungen des Zufalls auf die Figuren (Ohnmacht, Sinnsuche, Handlungsfähigkeit).
  • Der Zerfall und die Neukonstruktion gesellschaftlicher sowie institutioneller Ordnungssysteme.
  • Die Narratologie des Zufalls und die Unzuverlässigkeit des Erzählers.
  • Theologische und historische Deutungsansätze zur Ursachensuche im Text.

Auszug aus dem Buch

Die Rolle von Zufall und Kontingenz in „Das Erdbeben in Chili“

Jeronimo, der inzwischen auch in ein Gefängniß gesetzt worden war, wollte die Besinnung verlieren, als er diese ungeheure Wendung der Dinge erfuhr. […] Jeronimo Rugera war starr vor Entsetzen; und gleich als ob sein ganzes Bewußtseyn zerschmettert worden wäre, hielt er sich jetzt an dem Pfeiler, an welchem er hätte sterben wollen, um nicht umzufallen. […] Besinnungslos, wie er sich aus diesem allgemeinen Verderben retten würde, eilte er, über Schutt und Gebälk hinweg […]. Als Jeronimo das Thor erreicht, und einen Hügel jenseits desselben bestiegen hatte, sank er ohnmächtig auf demselben nieder. Er mochte wohl eine Viertelstunde in der tiefsten Bewußtlosigkeit gelegen haben, als er endlich wieder erwachte […] und sich […] halb auf dem Erdboden erhob. Er befühlte seine Stirn und Brust, unwissend, was er aus seinem Zustande machen sollte […] er begriff nicht, was ihn und sie hergeführt haben konnte, und erst, da er sich umkehrte, und die Stadt hinter sich versunken sah, erinnerte er sich des schrecklichen Augenblicks, den er erlebt hatte.

So verläuft die erste Szene, nämlich die in der das Erdbeben eintritt, für Jeronimo Rugera; „So beginnt die Novelle mit zwei Blackouts, die Deutungen unmöglich machen.“ Das kontingente und zugleich zufällige Ereignis des Erdbebens; kontingent, da es die Möglichkeit hatte nicht einzutreten beziehungsweise anders einzutreten und zufällig, da es einen Handlungsstrang bildet der unvorhergesehen in den der Figuren hereinbricht, weitgehend auch grundlos aufzutreten scheint; nimmt Jeronimo, der sich versucht in dem Chaos zurecht zu finden, allein in der Eingangsszene dreimal das Bewusstsein. „Lebenskontinuität und Identität [scheinen] in Frage [gestellt worden zu sein.]“ Diese Szenerie zeigt auf, dass der Zufall als Machtinstanz über seinen betroffenen Figuren herrscht und ihnen jede Art von Bewusstsein nimmt, die eine Deutung des Geschehens möglich hätten machen können.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Zufall als Machtinstanz: Die Einleitung führt in die Bedeutung des Zufalls als Hauptmotivation in Kleists Novelle ein und skizziert den theoretischen Rahmen sowie die Forschungsfragen der Arbeit.

2. Kontingenz und Zufall: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Grundlegung der Begriffe Zufall, Kontingenz und Notwendigkeit unter Einbeziehung philosophischer Positionen wie denen von Aristoteles und Kant.

3. Die Rolle von Zufall und Kontingenz in „Das Erdbeben in Chili“: Dieser Abschnitt analysiert die Auswirkungen des zufälligen Erdbebens auf die Protagonisten, ihre Ohnmachtserfahrungen sowie deren unterschiedliche Reaktionen und Handlungsweisen.

4. Kausalverknüpfungen: Hier werden die Versuche der Figuren zur Ursachensuche für das Erdbeben untersucht, insbesondere vor dem Hintergrund theologischer Deutungen und der Frage der Kontingenzbewältigung.

5. Konklusion: Die Funktion der Funktionslosigkeit: Die Konklusion fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht, dass die Welt der Novelle von Zufall und Kontingenz dominiert wird, wobei Akzeptanz die einzig wirkliche Form der Bewältigung darstellt.

Schlüsselwörter

Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, Zufall, Kontingenz, Notwendigkeit, Ohnmacht, Sinnsuche, Narratologie, Schicksalsfügung, Theodizee, Ordnung, Weltgericht, Naturkatastrophen, Deutung, Existenz.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die zentrale Bedeutung des Zufalls und der Kontingenz in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ und deren Einfluss auf die Erzählstruktur und die Figuren.

Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die zentralen Themen umfassen die philosophische Abgrenzung der Begriffe Zufall und Kontingenz, die psychologische Reaktion der Figuren auf existenzielle Krisen sowie die Analyse gesellschaftlicher Ordnungssysteme.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Thesis?

Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Kleist den Zufall als Hauptakteur in seine Erzählung einbindet, welche Funktionen dieser erfüllt und wie die Figuren versuchen, die durch den Zufall ausgelösten Krisen zu bewältigen.

Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?

Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die theoretische Definitionen aus der Philosophie (z.B. Aristoteles, Kant, Lübbe) mit narratologischen Beobachtungen zur Novelle verknüpft.

Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Ohnmacht der Figuren, die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Ordnung, die Erzählweise des Autors sowie die Ursachensuche der Figuren für die Naturkatastrophe.

Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Untersuchung charakterisieren?

Wesentliche Begriffe sind Zufall, Kontingenz, Ohnmacht, Sinnsuche, Ordnung, Narratologie und das „als ob“ der Erzählweise.

Wie unterscheidet sich die Reaktion von Jeronimo und Josephe auf das Erdbeben?

Jeronimo wird durch den Zufall passiv und verfällt in Ohnmacht, während Josephe nach dem ersten Schock aktiv handelt, ihr Kind rettet und zielgerichteter agiert.

Welche Rolle spielt der Erzähler in der Inszenierung des Zufalls?

Der Erzähler wird als unzuverlässig und nicht allwissend beschrieben, da er das Geschehen lediglich wiedergibt und den Zufall durch Formeln wie „es traf sich“ sowie „als ob“ als inszeniert darstellt.

Wie wird das Ende der Novelle in Bezug auf die gesellschaftliche Ordnung interpretiert?

Das Ende zeigt, dass die alte, autoritäre Ordnung nach der vorübergehenden Aufhebung der Stände wiederkehrt und die Erzählung in einem gewaltsamen Massaker endet, was die Stabilität der alten Machtverhältnisse verdeutlicht.

Ist das Erdbeben laut Arbeit als göttliche Strafe zu deuten?

Die Arbeit stellt fest, dass die Figuren zwar versuchen, das Beben theologisch als Strafe oder als Wohltat zu deuten, der Erzähler jedoch keine eindeutige Antwort gibt und das Ereignis primär als kontingente Katastrophe inszeniert.

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Details

Titel
Zufall und Kontingenz in Kleists "Das Erdbeben in Chili"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur I)
Note
2,3
Autor
Katharina Wagner (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2019
Seiten
43
Katalognummer
V516747
ISBN (eBook)
9783346108258
ISBN (Buch)
9783346108265
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zufall Kontingenz Kleist Heinrich von Kleist Das Erdbeben von Chili Literaturwissenschaften Germanistik von Kleist
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Katharina Wagner (Autor:in), 2019, Zufall und Kontingenz in Kleists "Das Erdbeben in Chili", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/516747
Blick ins Buch
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Leseprobe aus  43  Seiten
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