Ludwig der XVI. und Marie-Antoinette als politische Akteure


Hausarbeit, 2005

12 Seiten, Note: 16/20


Leseprobe

Ludwig XVI. und Marie-Antoinette waren die letzten französischen Herrscher vor der Revolution, mit ihrem Tod stirbt der französische Absolutismus für immer. Lange Zeit war das Herrscherpaar als ein zu junges, zu ahnungsloses und unfähiges verschrien. So wird darüber gelacht, dass der schwerfällige Ludwig am Tag des Sturmes der Bastille in seinem Tagebuch nur das Wörtchen „rien“ vermerkte und dass Marie-Antoinette es gewagt hatte über das hungernde, Brot fordernde Volk zu sagen: „wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!“. In letzter Zeit wurde dieses Urteil aber entschieden widerlegt und Ludwigs XVI. und Marie-Antoinettes guter Ruf wurde weitgehend wiederhergestellt: Interessierte wissen auch inzwischen, dass Marie-Antoinettes Zitat von einer ganz anderen Königin und anderen Zeit kommt und dass Ludwig bei weitem nicht so konservativ und unkooperativ war wie ihn die Revolutionäre beschrieben. Einige Geschichtsforscher wurden zu regelrechten Verfechtern Ludwigs und Marie-Antoinettes Ehre, zum Beispiel Jean de Viguerie oder Vincent Cronin; wie sollte man Ludwig XVI. und Marie-Antoinette nun, unter politischem Aspekt, beurteilen?

Welche Gründe sprachen dafür Ludwigs XVI. und Marie-Antoinettes Ansehen so stark aufzuwerten? Aber waren sie also wirklich so vortreffliche Herrscher? Da ich denke, dass diese Fragen von großem Interesse ist, werde ich hauptsächlich darauf eingehen und nur zweitrangig darauf achten die biographischen Begebenheiten vollständig darzustellen, da dies in einer Arbeit dieser Länge ohnehin unmöglich ist.

1. Ludwig XVI. und Marie-Antoinette wurden lange Zeit unterschätzt

1.1 Ludwig: eine vorbildliche Persönlichkeit

Einen der Hauptgrund für Ludwigs XVI. und Marie-Antoinettes Rehabilitierung liefert für die meisten Historiker eine nähere Betrachtung ihrer Persönlichkeit. Auch wenn dies nicht völlig zum politischen Aspekt gehört, so denke ich doch, dass die Persönlichkeit des Königs vor allem im Absolutismus sehr wichtig für die Öffentlichkeit war und somit auch unter unser Thema fällt.

Die Réflexions[1] des jungen Königs zeigen, dass er eine solide Erziehung und Bildung erhielt, in der allerdings besonderer Wert auf retenue gelegt wurde, was vielleicht sein stilles, schüchtern wirkendes Wesen erklärt[2]. Auch die Werte der Lumières wurden ihm vermittelt und so waren Vernunft und das Wohlergehen des Volkes stark in Ludwigs Herz verankert, sowie ein tiefes Misstrauen gegenüber aller Pracht, Prunk und den Frauen[3].

Ludwig XVI. zeichnete sich besonders durch die Liebe zu seinem Volk aus, für das er das „Gute“ wollte. Jean de Viguerie hält diesen Zug für so essentiell, dass er seinem Buch den Titel „Ludwig der XVI.: der wohltätige König“ gibt[4] und mehrmals betont, wie gut es Ludwig mit seinem Volk meinte. Vincent Cronin ist ebenfalls davon überzeugt, dass „für den König das Glück des Volkes oberstes Gebot war“[5].

Vor allem Ludwigs Verhalten stand im krassen Gegensatz zu den am Hofe üblichen Sitten und Moralvorstellungen. Zunächst einmal war er sehr katholisch[6], besuchte regelmäßig die Messe (was zu dieser Zeit schon nicht mehr selbstverständlich war[7]) und maß der traditionellen Sacre in Reims eine große Wichtigkeit zu. So führte er, belächelt von den Philosophen und anderen Aufgeklärten, die vollständige Zeremonie durch, mitsamt der Krankenheilung durch die Berührung des Königs. Seine Religiosität nahm allerdings noch ein tieferes Ausmaß an, nachdem er nach der Flucht nach Varennes in Paris gefangen gehalten wurde; er ertrug von da an sämtliche Strapazen mit eiserner Frömmigkeit[8]. Außerdem hatte er, im Gegensatz zu seinen zwei Vorgängern, nie Mätressen, sondern war Marie-Antoinette treu ergeben. Sogar die Kosten seiner Kleidung versuchte er auf ein Minimum zu beschränken, was abermals seine Bescheidenheit und Genügsamkeit zeigt[9].

Ludwig und Marie-Antoinette nahmen beide ihren Tod mit solch einer Würde und Ruhe[10] hin, dass sie lange Zeit von katholischen, royalistischen Strömungen als Märtyrer betrachtet wurden[11].

1.2 Mut zur Reform

Entgegen mancher Vorurteile war die Regierungszeit Ludwigs XVI. nicht von Resignation oder Stagnation geprägt; der junge König versuchte im Gegenteil verschiedene aufgeklärte und moderne Reformprojekte durchzusetzen. So gaben ihm manche sogar den Beinamen „der Reformer“[12] ; die Sparsamkeit war ihm schon früh eingeprägt worden, da im Versailles seiner Kindheit schon oft das Geld über Jahre fehlte um z. B. seine Lehrer zu bezahlen. Ludwigs Reformwillen zeigt sich zunächst in der Wahl des atheistischen Philosophen Turgot, den er zwar eigentlich zum contrôleur général des finances macht, ihm aber in Wirklichkeit sehr viel mehr Macht zukommen lässt unter dessen Motto: „kein Bankrott, keine Steuererhöhung, keine Anleihen“. Seine liberalistischen Handelsreformen führen 1775, gepaart mit einer besonders schwachen Ernte, zu einer Hungersnot und somit zu den „Mehlkriegen“. Im Februar 1776 spielt der stark destabilisierte Turgot seine letzte Karte aus: in den Six édits schafft er auf radikale Weise die Corvées und den Zunftzwang ab und kündigt das Ziel der Abschaffung der Privilegien an, vor allem vor der Steuer. Seine Angriffe auf die Privilegien hatten ihm den Hass des Adels und der Parlamente eingetragen, seine versuchten Reformen des königlichen Haushalts den des Hofs (vor allem der Königin), seine Pläne zum Freihandel den der Finanziers, seine Ansichten über die Toleranz den des Klerus, und sein Edikt über die Zünfte den der reichen Bourgeoisie von Paris.

In seinem édit de tolérance 1787 akzeptierte Ludwig offiziell die protestantische Hochzeit und legitimiert die daraus entstandenen Kinder, zuvor waren diese durch das Gesetz verboten um das Monopol der katholische Staatsreligion zu verteidigen. Da Ludwig aber nicht die protestantische Religion anerkennen ließ (wie es 1598 im édit de Nantes der Falle war), war er somit der erste französische Politiker der einen laizistischen Familienstand erschuf; vielleicht eine Idee, die er den Revolutionären voraushatte, vielleicht aber auch eine, dessen Tragweite er sich nicht bewusst war.[13]

Insgesamt, so argumentieren seine Befürworter, war Ludwig XVI. nur Opfer seiner Zeit, die nicht mehr dem Absolutismus angemessen war. Er selber aber ein lobenswerter, ehrlicher Mensch, der alles getan hat um seinem Volk zu helfen und den Absolutismus aufrecht zu erhalten und man sollte vielleicht noch bemerken, dass unter seiner Herrschaft kein einziger politischer Gegner hingerichtet wurde: er war somit in gewisser Hinsicht liberaler und „moderner“ als die darauf folgenden Revolutionäre.

[...]


[1] Réflexions sur mes entretiensavec le Duc de la Vauguyon, Communication & Tradition, Paris, 2005

[2] John HARDMAN, Louis XVI, Yale University Press, 1993, S. 21.

[3] Rau HALÉVI, „L’Histoire“, C’était un monarque éclairé, n°303, November 2005, S.34.

[4] Jean DE VIGUERIE, Louis XVI: le roi bienfaisant, Éditions du Rocher, « Le présent de l’histoire », Paris, 2003.

[5] Vincent CRONIN, L-XVI. und M-A, S. 107.

[6] Alexis PHILONENKO, La mort de Louis XVI, Bartillat, Paris, 2000, S. 171.

[7] Vincent CRONIN, L-XVI. und M-A, S. 126.

[8] Jean de VIGUERIE, Louis XVI., S.328.

[9] Vincent CRONIN, L-XVI. und M-A, S. 139.

[10] Evelyne LEVER, Marie-Antoinette: la dernière reine, Découvertes, Gallimard Histoire, 2000, S. 64.

[11] Marc RIGLET, Louis XVI ou la Monarchie décapitée, „Lire“, Juni 2005, S. 12.

[12] Vincent CRONIN, L-XVI. und M-A, S.103.

[13] Philippe JOUTARD, Le roi chéri des protestants, „L’Histoire“, n°303, Nov. 2005, S. 47.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Ludwig der XVI. und Marie-Antoinette als politische Akteure
Hochschule
Sciences Po Paris, Dijon, Nancy, Poitier, Menton, Havre  (Cycle franco-allemand de Nancy)
Note
16/20
Autor
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V51706
ISBN (eBook)
9783638476027
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwig, Marie-Antoinette, Akteure
Arbeit zitieren
Helene Nägele (Autor), 2005, Ludwig der XVI. und Marie-Antoinette als politische Akteure, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51706

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