Schwangerschaft in der Adoleszenz

Sind die Entwicklungsaufgaben mit der Mutterschaft kombinierbar?


Ausarbeitung, 2019

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 DAS JUGENDALTER
1.1 Die Entwicklungsaufgaben
1.2 Die Identitätsbildung und die Lebenswelt

2. DIE SCHWANGER- UND MUTTERSCHAFT
2.1. Ursachen, Hintergründe und Motive
2.2 Erschwerte Bedingungen
2.2.3 Entwicklungsaufgaben vs. Rollenfunktion

3 UNTERSTÜTZUNGSMAßNAHMEN ZUR LEBENSBEWÄLTIGUNG
3.1 Inhalte der Beratung
3.3 Rechtliche Grundlagen
3.4 Finanzielle Hilfen
3.5 Handlungsempfehlungen

4 FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Die Phase der Adoleszenz ist vor allem durch das Streben nach Unabhängigkeit und der Suche nach der eignen Identität gekennzeichnet. Das Ausprobieren, Grenzen testen und die Identitätsfindung stehen im Fokus. Alltäglich stehen Herausforderungen an. Doch was ist, wenn die typischen Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase neben der Erziehung und Entwicklung eines Kleinkindes stehen und somit mit den Entwicklungsaufgaben eines Erwachsenen kollidieren? Wenn ein Kind da ist, verändert sich nicht nur der Alltag. Es stehen viele neue Aufgaben, die bewältigt werden müssen, an.

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Thematik Teenagerschwangerschaften auseinan­der und geht der Frage nach, ob die Entwicklungsaufgaben im Jugendalter mit der Rolle der Mutterschaft kombinierbar sind.

Um ein Verständnis der frühen Mutter- und Schwangerschaft zu erlangen, wird im ersten Teil ein Blick auf die Grundlagen der Adoleszenz und dessen wesentliche Bestandteile gelegt. Auf Grundlage der recherchierten Literatur richtet sich der Hauptteil auf die Schwanger- und Mutterschaft. Bezüglich dessen wird auf Ursachen und Hintergründe hin­gewiesen. Des Weiteren wird auf eventuelle Probleme und Herausforderungen, mit denen eine junge Mutter zu kämpfen hat, eingegangen, denn frühe Schwangerschaften sind in den Jahren vermehrt in den Medien aufgetreten und von negativen Stigmatisierungen ge­prägt (vgl. Stäuber 2007, S.76-78; Chamakalayil 2013, S.132-135). Neben der Stigmatisie­rung werden die Entwicklungsaufgaben der Jugend, dessen Kollision mit den Entwick­lungsaufgaben eines Erwachsenen, mit dem Schwerpunkt Schwangerschaft detailliert be­arbeitet.

Zum Ende hin wird auf Unterstützungsmaßnahmen, Aufgaben der Lebensbewältigung, eingegangen. Gerade Jugendliche benötigen in der Zeit des Heranwachsens Unterstüt­zung, um keine Folgen in der weiteren Entwicklung und im späteren Leben davon zu tra­gen. Galuske schreibt, dass all das, was der Alltag an Problemen aufweist bzw. hergibt, zum Gegenstand in der Sozialen Arbeit werden kann (vgl. Galuske 2013, S.41). So ver­sucht, die vorliegende Arbeit aufzuzeigen, wo und wie sich Soziale Arbeit mit dem Schwer­punkt früher Schwangerschaften wiederfindet.

2 Das Jugendalter

Der Begriff „Adoleszenz“ oder auch „Jugend“ beschreibt den Lebensabschnitt zwischen der Kindheit bis hin zum Erwachsenalter, die Zeit des Erwachsen-Werdens (vgl. King 2009; Kölbl 2007, S.20). Nicht selten entstehen in dieser Phase Konfrontationen bzw. Konfliktsi­tuationen zwischen dem Jugendlichen, dessen Familie, Freunden und dem sozialen Um­feld. Allgemein ist zu erwähnen, dass der Begriff Jugendalter, die Zeit des Erwachsen­werdens, hinsichtlich diverser Erfahrungen und Veränderungen auf biologischer, physio­logischer, psychischer, intellektueller und sozialer Ebene geprägt wird (vgl. Kölbl 2007, S. 20). Ein Streben nach Unabhängigkeit, Autonomie, der Aufbau einer eigenen Identität sind wichtige Bestandteile dieses Lebensabschnittes (vgl. Bier-Fleiter/Grossmann 1989, S.14). Es weist Schwierigkeiten auf, die „Jugend“ im Bereich der Sozialwissenschaft als eine ab­grenzbare Lebensphase zu sehen (vgl. Friedrich/Remberg 2003, S.17; Kölb 2007, S.21). Hurrelmann schließt sich dem mit Einschränkungen an und erwähnt, dass ein Ende der Kindheit mit dem Eintritt der Geschlechtsreife zu erkennen ist. Datiert wird diese meist zwi­schen dem 12. und 14. Lebensjahr. Verhältnismäßig sei die Erkennung gegenüber dem Ende der Adoleszenz und dem damit verbundenen Eintritt in das Erwachsenalter erheblich schwieriger (vgl. Hurrelmann 1997, zit. n. Kölbl 2007, S. 20-21.). Göppel manifestiert die Jugendlichen im Bereich der 13- bis 18-Jährigen. Er unterscheidet in dieser Altersspanne jedoch zwischen körperlichen Veränderungen, dem Schwerpunkt Pubertät, mit der Alter­spanne von 13 bis 15 Jahren und den innerseelischen Konflikten, Schwerpunkt Adoleszenz mit der Alterspanne von 16 bis 18 Jahre (vgl. Göppel 2005, S.3-5). Einigkeit herrscht „hin­sichtlich des Phänomens, dass die körperliche Entwicklung des Jugendlichen heute viel früher einsetzt und Jugendliche anderseits mit einer verlängerten Übergangsphase in das Erwachsenenalter konfrontiert sind“ (Kölbl, 2007, S. 21). Auf Grundlage Goppels Aussage fokussiert sich die vorliegende Arbeit auf die Alterspanne der 13- bis 18- Jährigen.

1.1 Die Entwicklungsaufgaben

„Eine Entwicklungsaufgabe ist eine Aufgabe, die in oder zumindest ungefähr zu einem be­stimmten Lebensabschnitt des Individuums entsteht, deren erfolgreiche Bewältigung zu dessen Glück und Erfolg bei späteren Aufgaben führt, während ein Mißlingen zu Unglück­lichsein, zu Mißbilligung durch die Gesellschaft und zu Schwierigkeiten mit späteren Auf­gaben führt“ (Havighurst 1956, zit. n. Göppel 2005, S.71-72). Der aus Amerika stammende Pädagoge Robert Havighurst definiert die Aufträge bzw. Aufgaben der Entwicklung als eine Art Lernaufgabe. Den daraus resultierenden Entwicklungsprozess beschreibt Havighurst als Lernprozess, bei welchem kontinuierlich neue Verantwortlichkeiten und Kompetenzen erworben werden, damit eine Lebensbewältigung stattfinden kann (vgl. Oerter & Dreher, 1998; zit. n. Kölbl 2007, S.27). Havighurst bezieht sich dabei auf die Phasentheorie von Erikson. Laut ihm gibt es ab dem Kindesalter, in jeder Phase des Lebens, spezifische Ent­wicklungsaufgaben. Erikson stimmte jedoch nicht mit dieser Theorie überein und beschrieb seine Ansätze und Formulierungen als deskriptiv, (vgl. Kohnstamm 1999, S.64) denn „ihm ginge es darum, einfach nur zu beschreiben, wie das kindliche Erlebens- und Verhaltens­repertoire in den verschiedenen, aufeinanderfolgenden Entwicklungsstadien aussieht, und nicht, wie es aussehen sollte. Er distanzierte sich von der moralisierenden Vorstellung, daß es eine Aufgabe eines Kindes sei, sich all diese Dinge anzueignenden (Kohnstamm 1999, S.64).

Die Entstehung solcher Entwicklungsaufgaben entspringt u.a. aus den körperlichen Rei­fungsprozessen, welche zur Eröffnung und Bewilligung von Unterbreitung neuer Verhal­tens- und Erfahrungsoptionen führen. Auf die psychische und soziale Verarbeitung sollte ebenso geachtet werden. Hinzu kommen die Gesellschaft und deren Erwartungen, welche sich oftmals nach einer altersbezogenen Norm richtet, die als angemessen und gewöhnlich bezeichnet werden. Neben den zwei genannten Punkten ist das Individuum mit seinen eigenen Vorstellungen, Werten und Zielen nicht zu vergessen, denn an diesen misst es den eigenen Fortschritt der Entwicklung (vgl. Göppel 2007, S. 72).

Die nachstehenden Entwicklungsaufgaben gelten nach Havighurst in der Adoleszenz zu bewältigt und können nicht isoliert betrachtet werden. Ein Grund dafür ist, dass das Bewäl­tigen einer Aufgabe sich auf die anderen Entwicklungsaufgaben auswirkt (vgl. Hurrelmann 1997, zit n. Kölbl 2007, S. 28; Seidel/Krapp2014, S.152). Als erstes beschreibt Hurrelmann den Aufbau neuer und reifer Beziehungen zu Menschen beiderlei Geschlechts. Des Wei­teren geht er auf die Übernahme der männlichen oder weiblichen Geschlechtsrolle ein. Weiter erwähnt er die Akzeptanz des eigenen körperlichen Erscheinungsbildes. Vorberei­tung auf Ehe, Familienleben und die berufliche Karriere finden sich ebenfalls wieder. Das Erreichen einer emotionalen Unabhängigkeit gegenüber den Eltern bzw. Erwachsenen ist ebenfalls von Relevanz. Schlussendlich wird in den Entwicklungsaufgaben erwähnt, dass das Individuum Werte und ein ethisches System erlangen sollte, welches als Leitfaden für das eigene Verhalten dient. Zusammenfassend beschreibt dies die Entwicklung einer Ide­ologie und geht auf ein sozial verantwortliches Verhalten ein (vgl. Fend 2005, S. 211, zit. n. Kölbl 2007, S. 28). Charakterisiert wird das Beginnen des Erwachsenenalters in der Gesellschaft meist durch Erfüllung dieser wesentlichen Punkte.

Schaut man sich die Entwicklungsaufgaben von Havighurst näher an, fällt auf, dass diese vermehrt im gesellschaftlichen Kontext, der Kultur und dem historischen Wandel betrachtet werden sollten (vgl. Kölbl 2007, S.28). Geht man von einer linearen Erledigung dieser Auf­gaben aus, so kann es in diversen Lebenslagen zu einer Kollision führen (vgl. Hurrelmann 1983, Fand 1990, zit. n. Stäuber 2013, S.79). Seit den 1980er Jahren hat sich die moderne Entwicklungspsychologie von dem Modell, welches sich durch historische unveränderte Schritte auszeichnet, abgewandt. Inzwischen wird von einer Erweiterung eines dynami­schen Modells gesprochen, das s. g. Bearbeiten von Aufgaben in der Entwicklung (vgl. Franzkowiak 1996, zit. n. Stäuber 2013, S.79). Die theoretische und geschlechtsbezogene Kritik (vgl. Helfferich 1994, zit. n. Stäuber 2013, S.79) hat dazu beigetragen, dass das klas­sische Konzept der Entwicklung neu überdacht und revidiert wurde. Denn dieses sah sich nicht in der Position, „die geschlechtsbezogene Identitätsarbeit als Querschnittsaufgabe zu sehen, und zum anderen [war diese] gegenüber jenseits normalbiographischen und jenseits der heterosexuellen „Normalität“ liegenden Entwicklungsverläufen systematisch verschlossen. Im Vordergrund der neueren Vorstellungen steht nun also eine eher gene­relle „Auseinandersetzung des Heranwachsenden mit der historisch-gesellschaftlichen be­stimmten Lebenswelt: das Aufwachsen in einem ökologischen Kontext“ (Franzkowiak 1996, zit. n. Stäuber 2013, S.79). Inzwischen geht Hurrelmann von einem dynamischen Ineinanderfließen aus und fokussiert sich dabei auf mindestens vier Entwicklungsaufgaben in der Phase Adoleszenz. Er erwähnt die Entwicklung der intellektuellen und sozialen Kom­petenz und geht auf das Entstehen eines inneren Bildes bzgl. der Zugehörigkeit eines Ge­schlechts, welche zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr ausschließlich im heteronormativen Rahmen gedacht wird bzw. sollte, ein. Bezüglich des Geschlechts ist auch auf Intersexua­lität einzugehen. Dies beschreibt Menschen, die sich weder einem weiblichen noch männ­lichem Geschlecht zuordnen können (vgl. Bundesverfassungsgericht 2019). Havighurst geht in den Entwicklungsaufgabe vermehrt auf männliche und weibliche Geschlechtsrollen ein und lässt dabei das dritte Geschlecht unbehandelt. Des Weiteren berichtet Havighurst von der Entwicklung selbstständiger Handlungsmuster unter Betrachtung des Kontextes der Konsument*innenrolle, der Entwicklung eines Wert- und Normsystems und eines Be­wusstseins, dass sich auf die Punkte Politik und Ethik bezieht. Stäuber ergänzt hierzu, dass Auseinandersetzungen mit dem modernen, wachsenden Ausbildungssystem nicht zu vergessen sind (Stäuber 2013, S.79-80).

Während Havighurst auf die Vorbereitung der Ehe und des Familienlebens eingeht, er­wähnt Kölbl die neue erkennbar individuelle Lebensplanung. Jugendliche können in der heutigen Zeit ihr Leben vielseitig gestalten und Wege einschlagen, die nicht einem strikten Plan, wie Havighurst ihn definiert, folgt (vgl. Kölbl 2007, S. 39). Solch ein Wandel erschwert auch das Nachgehen dieser Aufgabe.

1.2 Die Identitätsbildung und die Lebenswelt

Dem Begriff Jugend wird u.a. auch die „Phase der Bewältigung einer zentralen Aufgabe, die der Identitätsbildung“ zugeschrieben (vgl. Lenz 1986, zit. n. Friedrich/Remberg 2003, S.18). In diesem Alter kann das Individuum bewusst differenzierte soziale Rollenfunktionen einnehmen und im Anschluss dessen zwischen vielfältigen und diversen Identitätsexemp­laren wählen. Es besteht die alltägliche Frage des Seins - Wer bin ich? Wer will ich sein und was unterscheidet mich von anderen? (vgl. Habermars 2008, zit. n. Escher 2018, S.152-153). Auf der Suche nach der Antwort dieser Frage sind die Jugendlichen nicht sel­ten mit Selbstzweifel, Überforderung oder Verunsicherungen konfrontiert (vgl. Göppel 2005, S.218-219). Erikson, einer der Vorreiterderwissenschaftlichen Auseinandersetzung des Begriffes von Identität, beschreibt die intensive Auseinandersetzung der eigenen Per­son in der Adoleszenz als eine Identitätskrise. Die s.g. Krise ist nach Erikson jedoch immer im Kontext der lebenslangen Identitätsarbeit eines Menschen zu sehen, dessen völliger Abschluss nie vorhersehbar ist (vgl. Göppel 2005, S.20-22/Kölbl 2007 S.30-31). Die be­schriebene Entwicklung der Identität findet sich auch in der Lebenswelt eines Jugendlichen wieder. Jugendliche werden heutzutage mit einem raschen Wandel seitens der Gesell­schaft konfrontiert. Dies bezieht sich zum einen auf die Bedingungen, aber auch auf For­men des Lebens. Den strikten Lebensplan Schule, Ausbildung, Beruf und Familie gibt es heute nicht mehr. Stattdessen können Jugendliche ihren Lebensplan viel weiter „ausma­len“ und andere Wege gehen. Die Auswahl der Wege hat sich um einiges erweitert. Doch genau dieses weite Spektrum an Möglichkeiten von Entwicklungen kann zu Schwierigkei­ten bei der Findung führen. Die Phase der Adoleszenz mit der verbundenen Identitätsbil­dung, dessen Entwicklungsaufgaben und schlussendlich das Einbeziehen der Lebenswelt macht deutlich, dass sich ein Jugendlicher viel mit sich und seiner Persönlichkeit beschäf­tigt (vgl. Kölbl 2007, S.39).

2. Die Schwanger- und Mutterschaft

Folgt man Erikson, so ist wesentlich Aufgabe, im Alter eines Erwachsen zum einen sowohl auf emotionaler als auch sexueller Basis Bindungen gegenüber anderen Menschen einzu­gehen. Die Verantwortungsübernahme, Kompromissbereitschaft und das Streben nach Unabhängigkeit einzubetten, gehört zum Erwachsensein dazu. Erikson sieht die Heraus­forderung dieses Lebensabschnittes darin, tiefgreifende Bindungen wie z. B. eine Partner­schaft einzugehen und sich für Familie und Kinder zu entscheiden. Havighurst schließt sich dem an und erwähnt zudem die ökonomische Selbstversorgung. Gewiss des Falls, dass eine erwachsene Person dies nicht schafft, können Gefühle wie Einsamkeit und Isolation Folge sein (vgl. Stangl; Zimbardo/Gerrig 2004, S.196 und 461).

Die Schwangerschaft und das Eltern werden, ist eine neue Phase im Leben und zieht in­dividuelle Auswirkungen und Aufgaben mit sich. Diese wirken sich nicht nur auf den/die Partnerin aus, sondern auch auf das soziale Umfeld, die Alltagsstrukturierung, Arbeit und die eigene Persönlichkeit (vgl. Kölbl 2007, S. 40 - 51). Ein Kind zu bekommen, ist im Alter ein normatives Lebensereignis. Diese Lebensphase wird in der Literatur als eine Entwick­lungsaufgabe im Erwachsenenalter angesiedelt. Doch gibt es auch Fälle, bei denen die Mutter und der Vater noch nicht die Phase des Erwachsenseins erreicht haben. Sie werden mit untypischen Aufgaben für ihr Alter konfrontiert. Man spricht hiervon einem non-norma­tiven Lebensereignis (vgl. Kölbl 2007, S. 43). Allgemein erwähnt pro Familia, dass die Zah­len einer Schwangerschaft, dem non-normativen Lebensereignis, im Kindesalter seit dem Jahr 2002 rückläufig sind (vgl. pro familia-Bundesverband 2008). Die Auswertungen der frühen Schwangerschaften weisen weder unter wissenschaftlichem noch unter pädagogi­schem Aspekt Grund zur Panik auf (vgl. Franz und Busch 2004; zit. n. Kölbl 2007, S.63). Dennoch darf angesichts der Zahlen nicht vergessen werden, dass Schwanger- und Mut­terschaft für das einzelne Mädchen gravierende und facettenreiche Ereignisse darstellen, die eine völlige Veränderung der Lebensperspektive nach sich ziehen und zu Schwierig­keiten in der Entwicklung führen können. Statistische Zahlen dürfen nicht davon ablenken, „dass die Mutterschaft für jede minderjährige Mutter eine individuelle Problemsituation dar­stellt, die sich durch Komplexität der zu bewältigenden Aufgaben auszeichnet“ (Kölbl 2007, S.63).

Im fortlaufenden Text wird vermehrt auf die frühe Mutterschaft eingegangen, dennoch sind jugendliche Väter nicht zu vergessen. Die Bundesregierung berichtet davon, dass Väter den Wunsch äußern, mehr einbezogen zu werden (vgl. Deutscher Bundestag 2004, S.5). Genaue Aussagen über diese zu tätigen, erweist sich im deutschen Raum als schwierig, da es kaum Studien zu jungen Vätern gibt. Auch wenn Männer vermehrt in den Blick der Medien geraten, wird ein Übersehen der jugendlichen Väter immer noch betont (vgl. Baumann/Fuchs 2016, S.31-32, S.13; Friedrich/Ramberg 2005, S.22-23).

2.1. Ursachen, Hintergründe und Motive

Laut einer Studie der BZgA aus dem Jahre 2002 sind jugendliche Männer als auch Frauen heutzutage weitaus umfangreicher aufgeklärt als früher. Auch die Sexualerziehung im Rahmen der Aufklärung innerhalb des Schulunterrichtes ist fortgeschrittener. Doch trotz Aufklärung wissen viele Jugendliche nicht, wie sie das Verhütungswissen in die Praxis um­setzen sollen. Ihnen fehlt das Verständnis für wesentliche Zusammenhänge von dem ei­genen Körper, Fruchtbarkeit und Verhütung. Deshalb wird mangelndes Wissen über Ver­änderungsprozesse des Körpers im Jugendalter, der sexuellen Reife und Fruchtbarkeit und der damit bestehenden Notwendigkeit der Verhütung häufig als eine Ursache für das Entstehen von Schwangerschaften im Jugendalter angegeben. Denn Sexualität setzt das Wissen über die eigenen Körpervorgänge und der eigenen Fruchtbarkeit voraus. Aber auch über die des Partners sollte ein Wissen vorhanden sein. Wissen Minderjährige über die eigene Fruchtbarkeit und die des Partners nicht Bescheid, kann dies Auswirkungen auf das Verständnis für die Wirkungsweisen von hormoneller Verhütung haben. Die Antibaby­pille macht es Mädchen seit 1961 möglich, nicht ungewollt schwanger zu werden. Trotz­dem kommt es zu den sogenannten „Pillen-Unfällen“. Minderjährige Mädchen geben häu­fig an, dass sie die Pille sehr unregelmäßig eingenommen haben oder nicht über die Wir­kungsweise mit Antibiotika Bescheid wussten. Kommt es trotz der Einnahme der Pille zu einer Schwangerschaft, geraten sie meist in Erklärungsnot. Sie hätte ja die Schwanger­schaft verhindern können. Denn die Verhütung wird häufig als Mädchensache gesehen, und die Jungen wollen keine Verantwortung für diese übernehmen (vgl. Friedrich/Remberg 2005, S.68-69, Häußler-Sczepan et al. 2005, S.31 f.; Osthoff 1999, zit. n. Kölbl 2007, S.64­65). Eine weitere Ursache wird auch in der sexuellen Akzeleration gesehen. Diese meint, dass Jugendliche immer früher geschlechtsreif werden und somit eher mit Sexualität in Kontakt kommen. Während die Zahl der Jugendlichen, die im Alter von 17 Jahren auf erste Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr zurückgreifen können, in den letzten Jahren relativ gleichgeblieben ist, ist die Zahl derjenigen, die auf erste Erfahrungen mit Geschlechtsver­kehr im Alter von 15 oder 16 zurückgreifen können, deutlich gestiegen (vgl. Osthoff 2003, zit. n. Kölbl 2007, S.65). Hinzu kommt, dass die Jugendlichen in dem Alter häufig vom Geschlechtsverkehr überrascht werden und drauf nicht vorbereitet sind. Dies wirkt sich auch auf den Einsatz von Verhütungsmitteln aus. Die Paare wollen es mit „Aufpassen“ versuchen oder haben sich nicht getraut, das Thema Verhütung anzusprechen. Mangel­hafte Kommunikation wird ebenso als eine Ursache für das Auftreten von Schwangerschaf­ten in der Adoleszenz deklariert. Denn oftmals findet keine Kommunikation zwischen den Paaren aus Angst, Scham oder Peinlichkeit, den Moment kaputt zu machen, statt. Zudem fällt es den Jugendlichen schwer, über ihre Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen, da sie diese meist selbst noch nicht kennen (vgl. Friedrich/Remberg 2005, S.67 f.; Mietzel 2002, zit. n. Kölbl. 2007, S.66-67). Eine weitere Ursache wird in der Überschätzung der Einzig­artigkeit gesehen. Minderjährige Mädchen gehen davon aus, dass sie vor besonderen Ge­fahren geschützt sind und glauben daran, dass sie auch ohne Verhütung nicht schwanger werden. Die Beleuchtung der Ursachen zeigt, dass sichere Verhütung Planung, Kontrolle und Kommunikation mit dem Partner voraussetzt. Diese Anforderungen können Jugendli­che, die mit Neugierde, Spannung, Erwartungen, aber auch mit Unsicherheit und Zweifel ihre Sexualität und Lust entdecken, durchaus überfordern (vgl. Mietzel 2002, zit. n. Kölbl 2007, S.67-68; Osthoff 1999, zit. n. Kölbl 2007, S.68).

Nicht jede Schwangerschaft in der Adoleszenz muss grundsätzlich ungeplant sein. Neben den Mädchen, die ungewollt schwanger werden, gibt es auch Mädchen, bei denen der Kinderwunsch schon stark ausgeprägt ist. Dieser Wunsch kann ebenfalls Auswirkungen auf die Verhütung junger Frauen haben. Sie gehen sorgloser hinsichtlich der Empfängnis­verhütung um oder erwägen, nicht die Einnahme von Kontrazeptiva oder sie verzichten ganz auf Verhütung. Meist sehen sie die Verantwortung für die Verhütung auch bei dem

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Details

Titel
Schwangerschaft in der Adoleszenz
Untertitel
Sind die Entwicklungsaufgaben mit der Mutterschaft kombinierbar?
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V517340
ISBN (eBook)
9783346116291
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schwangerschaft, Entwicklungsaufgaben, Havighurst, Soziale Arbeit, Schwangerschaftskonfliktberatung, Beratung, schwanger, Jugendalter, Kinder, Mutter, Vater, Mutterschaft, Eltern, Teenagerschwangerschaft, Teenager, rechtliche Grundlagen, finanzielle Hilfen, Identitätsbildung
Arbeit zitieren
Miriam Grube (Autor), 2019, Schwangerschaft in der Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/517340

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