"Man(n) muss Fleisch essen, um Mann zu sein...". Eine kulturwissenschaftliche Untersuchung zu den Bedeutungen und Funktionen von Nahrungsmitteln bei der Konstruktion einer Geschlechtsidentität


Bachelorarbeit, 2018

42 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: „ROSA IST FÜR MÄDCHEN. BLUTROT FÜR MÄNNER“. – Die Verbindung von Fleisch und „Männlichkeit“

2. Vegetarismus und Veganismus – Verteilung, Beweggründe und Unterschiede
2.1 Vegetarismus – Definition und Beweggründe
2.2 Veganismus – Definition und Beweggründe
2.3 Wichtige Zahlen zum Vegetarismus und Veganismus
2.4 Forschungsstand zum Thema des Vegetarismus und Veganismus

3. Theoriegrundlage – Konstruktion von Geschlecht
3.1 Die Kategorien „Sex“ und „Gender“
3.2 Judith Butler – Der Begriff des „doing gender“ und die Performanz des Geschlechts

4. Ausgewählte Methoden, Begründung des Feldes und eigene Positionierung innerhalb des Feldes

5. Vorstellung der Interviewpartner und Analyse.
5.1 Interview Nummer Eins: Julian – „Menschen fühlen sich verletzt dadurch, dass ich kein Fleisch mehr esse“
5.2 Interview Nummer Zwei: Max – „Die haben dann auch gesagt: Ruf an, wenn du wieder normal bist“
5.3 Interview Nummer drei: Sebastian – „Ih, tu den Mist vom Grill weg, da kommt nur Fleisch drauf“
5.4 Interview Nummer vier: Patrick – „Man(n) muss Fleisch essen, um Mann zu sein des fand‘ ich auch n‘ bisschen krass und hab‘ ich eigentlich auch nicht erwartet“

6. Zusammenführung der Ergebnisse aus den empirisch erhobenen Daten mit passenden Theorien

7. Fazit: Das breite Forschungsfeld des Veganismus und Vegetarismus

8. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung: „ROSA IST FÜR MÄDCHEN. BLUTROT FÜR MÄNNER“. – Die Verbindung von Fleisch und „Männlichkeit“.

„NIMM MICH!“ – Diese zwei, fett in gelb gedruckten Wörter auf einem Cover des Magazins „BEEF!“ starren den / die Käufer_in an der Kasse in einem Supermarkt an. Bei diesem Titel geht es gänzlich und allein um ein Stück Fleisch. Unter der dick gedruckten Überschrift erfährt man nun genauer, was das eigentliche Thema der Zeitschrift ist. „NIMM MICH! – Frisch verliebt in die besten Cuts zum Grillen: Rib-Eye, Tomahawk, Rumpsteak, Roastbeef, Nackensteak…“ („BEEF!“ Magazin Ausgabe 3/2015). Zu sehen ist passend dazu ein, noch rohes, drapiertes Stück Fleisch – um genau zu sein, ein Steak. Das Magazin „BEEF! – Für Männer mit Geschmack“, wie der vollständige Titel lautet, postuliert sich als „das erste Kochmagazin für Männer“ (G+J: Medienwelt o.J.) und wurde im Jahr 2009 gegründet (vgl. ebd.). Das Magazin beschreibt sich selbst als „[e]del, informativ, klug und humorvoll“ (vgl. ebd.). Cover und Überschriften, wie das gerade vorgestellte Cover einer Ausgabe aus dem Jahre 2015, sind bei diesem Magazin keine Seltenheit. So fällt sofort auf, wenn man sich die Titelseiten einiger vergangener Ausgaben anschaut, dass Zweideutigkeiten und das Spiel mit Geschlechterstereotypen zum Standardrepertoire der Zeitschrift gehören. Titel wie „ROHKOST FÜR MÄNNER“ („BEEF!“ Magazin, Ausgabe 4/2017), „GIB`S MIR!“ (ebd., Ausgabe 5/2017) oder „DICKE DINGER“ (ebd., Ausgabe 2/2012) sind keine Seltenheit. Immer fett gedruckt und immer mit dem passenden Stück Fleisch auf dem Cover. Auch in ihren Werbungen bleibt sich das Magazin treu. So werben sie beispielsweise mit Sprüchen wie „ROSA IST FÜR MÄDCHEN. BLUTROT FÜR MÄNNER“ („BEEF!“ o.J.) für eines ihrer Magazine. Auch der Spruch „MÄNNER KOCHEN ANDERS“ (ebd.) findet man auf einem ihrer Plakate, die man zudem online erwerben kann.

Doch das „BEEF!“ Magazin ist nicht das einzige Beispiel, das zeigt, dass eine Verbindung von Fleisch und einer gewissen „Männlichkeitsvorstellung“ existiert. Jedes Jahr, wenn die Grillsaison wieder vor der Türe steht, gibt es zahlreiche Werbungen, die „Männer“ bei der Zubereitung von Fleisch am Grill zeigen. Ein Beispiel hierfür ist der inzwischen über 4 Millionen Mal angeklickte EDEKA Spot auf Youtube mit dem Titel „#HerrenDesFeuers“. Auch hier wird eine klare Verbindung zwischen „Mann“ und Fleisch angepriesen und Salate, Brot und Dips beim Grillen als „Verweichlichung“ dargestellt. Während dieser Szene sieht man zudem nur „weibliche“ Darstellerinnen, die sich gerade am Salatbuffet bedienen. Der „Mann“, der letztendlich am Grill steht, wird am Ende des Spots direkt angesprochen. Er antwortet mit den Sätzen: „Denn am Ende steht einzig was von Natur gegeben man als Mann nur will. Nur ich, mein Fleisch und die Flamme in meinem Grill!“ (#HerrenDesFeuers – Minute 1:36). Die „natürliche“ Verbindung von Fleisch, „Männern“ und Feuer ist das zentrale Thema des Videos. Doch wieso wird dieses Thema in einer Zeit, in der Veganismus oder Vegetarismus auch bei „Männern“ keine Seltenheit mehr ist, so stark thematisiert und sogar aufwändige Werbespots darüber gedreht? Und wie stehen genau diese Menschen, beziehungsweise „Männer“ zu der Verbindung von Fleisch und „Männlichkeit“, die sich vegetarisch oder sogar vegan ernähren?

In der vorliegenden Bachelorarbeit wird anhand von qualitativen Interviews mit vier unterschiedlichen (jungen) Veganern und Vegetariern die Konstruktion von Geschlecht durch Ernährung und dabei vor allem die Verbindung von Fleisch und „Männlichkeit“ untersucht. Meine leitende Fragestellung ist hierbei, wie die interviewten „Männer“ über ihr eigenes Essverhalten und ihre Ernährung reden und welche Rolle dabei Geschlechterrollen spielen, sei es bei bestimmten Gruppenevents oder bei Reaktionen auf ihren Vegetarismus oder Veganismus.

Um einen Überblick über das sehr breite Feld des Veganismus und Vegetarismus zu bekommen, müssen zu Anfang zum einen die Begrifflichkeiten geklärt werden und eine Übersicht über verschiedene Beweggründe für diese Ernährungsweisen gegeben werden. Zusätzlich muss anhand von ausgewählter Statistiken gezeigt werden, wie die Geschlechterverteilung in den jeweiligen Ernährungsverhaltensgruppen aussieht, um bereits ein Gefühl für die Relevanz des Themas zu bekommen.

Bevor es letztendlich zu den durchgeführten qualitativen Interviews und der Analyse und Auswertung geht, muss vorher noch der theoretische Rahmen geklärt werden und Konzepte, beziehungsweise Begriffe wie das „doing gender“ und die Konstruktion von Geschlecht erklärt und dargelegt werden. Darauf folgt der Methodenteil, in dem dargestellt wird, welche Methoden ich für meine Forschung angewandt habe und welche Schwierigkeiten es hierbei unter Umständen gegeben hat. Auch eine Positionierung von mir innerhalb des Feldes wird in diesem Abschnitt stattfinden. Nachdem meine vier Gesprächspartner einzeln vorgestellt wurden und die durchgeführten Interviews analysiert sind, werden die Ergebnisse meiner durchgeführten Interviews mit dem theoretischen Rahmen zusammengeführt und ein Fazit am Ende der vorgelegten Bachelorarbeit gezogen.

Wenn im Folgenden die Begriffe „Männlichkeit“, „Weiblichkeit“, „Frau“ und „Mann“, beziehungsweise „Männer“ und „Frauen“ verwendet werden, werden diese Kategorien als das verstanden, was im Alltag häufig der Fall ist: Nachdem bestimmte Geschlechtsmerkmale als „männlich“ oder „weiblich“ eingestuft werden und die Konstruktion des Geschlechts durch Verhalten und Weiteres nicht bewusst wahrgenommen wird. Durch das Verwenden der Anführungszeichen signalisiere ich, dass dies keine von Natur aus gegebenen Eigenschaften, sondern gesellschaftlich konstruierte Kategorien sind und nicht als etwas Gegebenes angesehen werden können. Die gegenderte Schreibweise, wie beispielsweise Vegetarier_innen, verwende ich, um zusätzlich Personen einen Platz zu geben, die sich keiner der beiden Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ zugehörig fühlen.

2. Vegetarismus und Veganismus – Verteilung, Beweggründe und Unterschiede.

Da es in der vorliegenden Bachelorarbeit um ein Thema geht, das bereits in verschiedenen Disziplinen zum Forschungsgegenstand geworden ist, ist ein Überblick über den Forschungsstand notwendig. Zuerst muss jedoch genauer auf den Vegetarismus und Veganismus eingegangen werden. Zum einen muss erklärt werden, inwiefern sich diese zwei Lebensstile unterscheiden und wie weit verbreitet sie sind. Hierbei konzentriere ich mich vor allem auf die Verteilung innerhalb Deutschlands. Zum anderen müssen die verschiedenen Beweggründe, die hinter der Entscheidung stehen können, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren, dargestellt werden. Zusätzlich ist es interessant, sich die Verteilung von Vegetarier_innen und Veganer_innen nach den zwei Geschlechtern „männlich“ und „weiblich“ anzuschauen. Diese Fragen und Punkte werden nun im folgenden Kapitel geklärt, um bereits ein besseres Verständnis für dieses Thema zu bekommen, bevor es zu den eigens erhobenen Daten geht.

2.1 Vegetarismus – Definition und Beweggründe.

Der Begriff Vegetarismus stammt ursprünglich vom lateinischen Wort „vegetare“ ab, was übersetzt „beleben“ bedeutet (vgl. Leitzmann 2012, S.10). Folglich ist die vegetarische Lebensweise „im ursprünglichen Sinne eine ‚lebendige‘ und ‚belebende‘ Ernährungs- und Lebensweise“ (Gruber 2013, S.17) in der man auf den Konsum von Fleisch und Fisch verzichtet. Vegetarier_innen essen somit „neben pflanzlichen Lebensmitteln nur solche Produkte […], die vom lebenden Tier stammen“ (Leitzmann 2012, S.10), wie in etwa Milch von der Kuh, Eier von Hühnern oder Honig von Bienen. Ausgeschlossen sind jedoch „Lebensmittel, die von toten Tieren stammen, wie Fleisch, Fisch sowie alle daraus hergestellten Produkte“ (Gruber 2013, S.17), wie beispielsweise Gummibärchen, die Gelatine enthalten. Da fast jede Person ein anderes Verständnis davon hat, was es heißt, Vegetarier_in zu sein, trifft man im echten Leben auf sehr unterschiedliche Definitionen und Formen. Manch eine_r verzichtet neben den gerade beschriebenen Lebensmitteln auch auf Produkte, die beispielsweise aus Leder hergestellt sind, manch andere_r beschränkt „vegetarisch“ sein einzig und allein auf die Nahrungsmittel, die er/sie zu sich nimmt. So verschieden die Vorstellungen und Umsetzungen vom Vegetarismus sind, so unterschiedlich sind auch die Beweggründe, die dahinterstecken. Der wohl am häufigsten genannte Grund, wieso man sich bewusst für eine vegetarische Ernährungsweise entscheidet, ist „ethisch – philosophischer Natur“ (Leitzmann 2012, S.15). Demnach sind aus tierrechtlichen und tierethischen Gründen „jede qualvolle Massentierhaltung und jedes Töten nicht zu rechtfertigen“ (Gruber 2013, S.37) und das Wohl des Tieres und das Recht auf Leben steht hierbei im Vordergrund. Somit kann man davon sprechen, dass Menschen, die sich aus ethisch – philosophischen Gründen vegetarisch ernähren, davon überzeugt sind, „daß [sic!] es Unrecht ist, Tieren Leid zuzufügen und sie zu töten“ (Leitzmann 2012, S.16) und sich auf Grund dessen davon abwenden, dies zu unterstützen. Hierbei werden Tieren oftmals die gleichen Grundrechte wie Menschen zugesprochen und ein Recht auf körperliche Unversehrtheit auch für Tiere gefordert, da diese ebenso leidensfähig sind und Emotionen, wie beispielsweise Angst und Schmerzen, spüren können (vgl. Gruber 2013, S.38). Ein weiterer, sehr häufig genannter Grund, ist der gesundheitliche Aspekt einer vegetarischen Ernährung. Viele Menschen sehen die vegetarische Küche und die dort verwendeten Lebensmittel als besonders „leicht“ und „gesund“ an und beschreiben diese, im Gegensatz zu Fleischhaltigen Nahrungsmitteln, als „sauber“ (vgl. ebd., S.39). Somit ist es nicht verwunderlich, dass in einer Zeit, in der besonders stark auf die eigene Ernährung und Gesundheit geachtet wird, für viele Personen die vegetarische Ernährungsweise attraktiv scheint. Viele Vegetarier_innen berichten von „einer subjektiven Verbesserung des individuellen Wohlbefindens, die sie nach ihrer Umstellung auf eine vegetarische Ernährung verzeichnen konnten“ (Leitzmann 2012, S.25). Dies bezieht sich sowohl auf körperlich als auch auf geistliche Aspekte. Alles in allem kann eine ausgewogene vegetarische Ernährung dazu führen, dass es automatisch „zu einem geringeren Fettkonsum und zur geringeren Aufnahme an gesättigten Fettsäuren“ (Gruber 2013, S.40) kommt und sich dies auf verschiedene Art und Weise positiv auf die Gesundheit der jeweiligen Personen auswirkt. Ein weiterer Grund, der hinter der Entscheidung stecken kann, sich vegetarisch zu ernähren, ist der ökologische, soziale und ökonomische Aspekt. Jedes Konsumverhalten hat immer auch Auswirkungen auf globale Phänomene, wie beispielsweise den Klimawandel, den Ressourcenverbrauch und/oder negative Konsequenzen für die Umwelt. Bei der Produktion von Fleisch werden somit viele Ressourcen, wie Wasser und Land verbraucht, um die Tiere, die später geschlachtet werden, aufzuziehen. Das Futter, mit dem die „Nutztiere“ gefüttert werden, stammt häufig „aus sogenannten Entwicklungsländern“ (Leitzmann 2012, S. 28), die riesige Mengen an Wald roden müssen, um dies überhaupt produzieren zu können (vgl. ebd.). Auch ein Großteil des lokal angebauten Getreides geht direkt in die Aufzucht von „Nutztieren“. Des Weiteren tragen „Nutztiere“ zum Klimawandel bei, da diese und der gesamte „Nutztiersektor“ für einen großen Anteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind (vgl. Gruber 2013, S.40). Letztendlich kann man von vielfältigen Problemen, wie beispielsweise den hohen Ackerflächenverbrauch, der Gefahr der Verschmutzung des Grundwassers durch Gülle und die eben angesprochene Förderung des Treibhauseffekts sprechen, die durch die „Nutztierhaltung“ entstehen (vgl. Leitzmann 2012, S.28).

Die oben aufgeführten Gründe stellen die drei am weitverbreitetsten Gründe dar, die hinter der Entscheidung für den Vegetarismus stehen. Natürlich hat jede_r Vegetarier_in eine ganz persönliche Motivation, wieso der- oder diejenige sich gegen den Konsum von toten Tieren entscheidet.

2.2 Veganismus – Definition und Beweggründe.

Im folgenden Abschnitt soll zum einen der Terminus „Veganismus“ und „Veganer_innen“ genauer erklärt werden. Zum anderen müssen auch hier die unterschiedlichen Beweggründe, die hinter der Entscheidung stehen, sich vegan zu ernähren, beleuchtet und dargestellt werden. Da Veganer_innen oftmals ähnliche Gründe für ihr Nahrungsverhalten haben, wie Vegetarier_innen, werde auf diese Aspekte nur kurz eingegangen, da sie im vorherigen Abschnitt bereits ausführlich dargestellt wurden. Beim Veganismus wird neben dem Fleisch von toten Tieren auch auf andere tierisch erzeugte Lebensmittel verzichtet. Das heißt, sie entscheiden sich gegen den Konsum von Produkten, die Eier, Milch oder Honig beinhalten. Veganer_innen „refuse to consume any animal product, i.e. not only products where the an- imal has to be killed (meat and gelatine) but also dairy products, eggs, and other animal- based food ingredients“ (Janssen u.a. 2016, S.643). Sie sind somit in keiner Weise auf Tierhaltung und die Erzeugung von tierischen Produkte angewiesen.

Der wohl am meist genannte Grund, wieso sich jemand dafür entscheidet, vegan zu werden, ist wie auch beim Vegetarismus ein ethischer Ansatz, in dem das Wohl des Tieres im Vordergrund steht. Da nicht nur durch die Schlachtung der Tiere, sondern auch durch die Milch- und Eierproduktion das Wohlergehen der Tiere eingeschränkt ist, entscheiden sich Veganer_innen zusätzlich auf diese Produkte zu verzichten. Denn diese sind der Meinung, dass „[F]ür Eier, Milch, Fleisch, Leder und Wolle [werden] die Tiere systematisch zu Lebensmittel- und Konsumgütermaschinen“ (Anonymus 2016) gemacht werden und eine Ausbeutung „von leidensfähigen Lebewesen“ (ebd.) stattfindet. Dies bezieht sich unter anderem auf das Schreddern von männlichen Küken in der Eierindustrie oder die künstliche Befruchtung von weiblichen Kühen, um die Milchproduktion zu ermöglichen. Der Aspekt Gesundheit ist auch hier ein Grund, um sich für die vegane Lebensweise zu entscheiden. Da dies bereits im vorherigen Abschnitt ausführlich dargestellt wurde, gehe ich hierauf nicht nochmal näher ein. Der Umweltaspekt ist, wie bereits vorher erklärt, auch innerhalb des Veganismus ein großes Thema und zielt auf einen ressourcenarmen Ernährungsstil ab. Da Veganismus oftmals aus den gleichen Gründen wie der Vegetarismus betrieben wird, ist häufig auch von einem „strengeren“ oder „extremeren“ Vegetarismus die Sprache (vgl. Gruber 2013, S.18). Im Folgenden werden wichtige Zahlen und die Verteilung der Geschlechter innerhalb des Vegetarismus und Veganismus betrachtet, um ein Gefühl für die Relevanz von „Männlichkeit“ innerhalb dieses Diskurses zu bekommen. Danach folgt eine Zusammenfassung einiger wichtiger Forschungen zu dem Thema des Vegetarismus und Veganismus, um zu sehen, in welchen Bereichen dies bereits als Forschungsgegenstand angesehen wird und welche Aspekte bereits mit Hilfe von unterschiedlichen Forschungen näher beleuchtet wurden.

2.3 Wichtige Zahlen zum Vegetarismus und Veganismus.

Laut Statistik lebten im Jahre 2016 1,3 Millionen Menschen vegan, was rund 1,6% der Bevölkerung in Deutschland ausmacht. Dabei handelt es sich zu 81% um „Frauen“ und nur 19% der in Deutschland lebenden Veganer_innen waren „männlich“ (vgl. Skopos Group 2016). Auch das Alter spielt laut dieser Statistik eine Rolle. Demnach sind 60% der in Deutschland lebenden Veganer_innen zwischen 20 und 39 Jahre alt und stellen somit eine relativ junge Gruppe dar (vgl. ebd.). Des Weiteren wurde festgestellt, dass vor allem Menschen mit „hohem Bildungsabschluss“ vegan leben (vgl. ebd.). Hierbei wird ein hoher Bildungsabschluss als Abschluss eines Studiums verstanden (vgl. ebd.). Hier sieht man bereits, dass es einige „typische“ Eigenschaften von Veganer_innen gibt. Das Institut Skopos schreibt dazu: „Der typische Veganer ist weiblich, Ende 20 bzw. Anfang 30 und befindet sich im Übergang von Studium zum Beruf. Er lebt mit einem Lebenspartner zusammen, der ebenfalls Veganer ist“ (ebd.). Beim Vegetarismus sieht es wie folgt aus. Laut Statistik leben ca. 8 Millionen Vegetarier_innen in Deutschland, was 10% der Bevölkerung ausmacht (vgl. VEBU o.J.). Hierbei sind es vor allem Menschen zwischen 18 und 29 Jahren, die sich als Vegetarier_innen bezeichnen (vgl. ebd.). Auch hier sind es vor allem „Frauen“, die sich zu einer vegetarischen Lebensweise entschieden haben und „[M]it zunehmendem Bildungsstand erhöht sich der Anteil sowohl der Frauen als auch der Männer, der sich vegetarisch oder vegan ernährt“ (ebd.). Somit kann man davon ausgehen, dass bestimmte „Merkmale“, wie Alter, Geschlecht und Bildungsstand die Entscheidung, ob man sich vegan oder vegetarisch ernährt, beeinflussen. Letztendlich ist sowohl bei den Veganer_innen als auch bei den Vegetarier_innen das „weibliche“ Geschlecht sehr viel präsenter als das „männliche“ Geschlecht. Auf die möglichen Gründe für diese Tatsache wird zu einem späteren Zeitpunkt der Arbeit genau eingegangen. Nun folgt der Forschungsstand zu dem Thema Vegetarismus und Veganismus unter anderem, aber nicht nur, in Verbindung mit Geschlecht.

2.4 Forschungsstand zum Thema des Vegetarismus und Veganismus.

Über den Verzicht von Fleisch, und insbesondere dem Veganismus, wird in ganz unterschiedlichen Fachbereichen und Disziplinen geforscht. Im Folgenden wird deshalb ein Überblick über verschiedene Disziplinen und ihre Forschungsansätze gegeben. Zum einen, um ein Verständnis dafür zu bekommen, wie der Verzicht auf Fleisch im wissenschaftlichen Kontext verstanden und untersucht wird und zum anderen, um die Sichtweise unseres Faches, der empirischen Kulturwissenschaft, nachvollziehen zu können und eine Abgrenzung zu anderen Fachbereichen vorzunehmen. Hierbei wird man jedoch erkennen, dass es immer notwendig ist, interdisziplinär zu arbeiten, da das eigene Fach nur begrenzte Zugänge zu einem bestimmten Thema bietet.

Innerhalb der Europäischen Ethnologie, beziehungsweise der Kulturwissenschaften, gibt es einige Ansätze, die den Veganismus als Jugendbewegung oder auch „Subkultur“ ansehen, beziehungsweise den Verzicht auf Fleisch als eine Art junge Protestbewegung bewerten. Hierbei wird Veganismus auch oft in Kontext zu der Straight Edge Szene untersucht. Als Straight Edge werden Leute bezeichnet, die auf Alkohol, Drogen und Tabak verzichten und Sex mit wechselnden Partner_innen ablehnen. Diese Szene wird häufig als „Widerstandskultur“ angesehen, die mit ihrer Lebensweise gegen den „Mainstream“ rebellieren (vgl. Mulder 2010, S.5f.). Ein Beispiel aus der Wissenschaft ist das von Merle Mulder erschienene Buch mit dem Titel „Straight Edge: Subkultur, Ideologie, Lebensstil?“, in dem sie sich mit der Szene auseinandersetzt, die Idee dahinter darlegt und sich mit den verschiedenen Gründen und Formen von Straight Edge beschäftigt (vgl. ebd., S.1ff.). Der Vegetarismus, beziehungsweise der Veganismus ist innerhalb der Straight Edge Szene ein wichtiger Punkt aber gleichzeitig auch ein Streitpunkt, da dies nicht von Anfang an zum „Straight Edge – Sein“ dazugehörte, sondern erst „[M]itte bis Ende der 1980er Jahre“ aufkam und „als logische Fortführung der Straight Edge Prinzipien“ verstanden wurde (ebd., S.20). Dennoch, schreibt sie weiter, spielt der Vegetarismus und Veganismus „inzwischen [jedoch] eine große Rolle für eine Vielzahl an Straight Edgern“ (ebd., S.21). Ein weiteres Beispiel, indem der Veganismus vor allem als „Protestbewegung“, beziehungsweise als „postmoderner Anarchismus“ untersucht wird, ist die Dissertation von Bernd – Udo Rinas mit dem Titel „Veganismus – Ein postmoderner Anarchismus bei Jugendlichen?“ (vgl. Rinas 2012), die im Fachbereich der Sozial- und Kulturwissenschaften entstanden ist. Hier geht Rinas noch einen Schritt weiter und sieht den Veganismus nicht nur als „Subkultur“, sondern beschäftigt sich vor allem damit, ob diese Bewegung „erste Verwirklichungsschritte eines postmodernen Anarchismus ermöglicht hat“ (ebd., S.15) und nicht als Szene oder „Subkultur“ abgestuft werden kann, sondern vor allem als potenzielle Protestbewegung mit anarchistischen Zügen wahrgenommen werden sollte. Hierbei betont er, dass innerhalb des Veganismus, im Gegensatz zum „alten“ Anarchismus, sich der „Kampf“ nicht mehr nur gegen den Staat richtet, sondern „gegen alle Unterdrückungsverhältnisse“ (ebd., S.287) und diese beseitigt werden sollen. Diese zwei Beispiele aus dem Bereich der Kulturwissenschaften beschäftigen sich somit vor allem mit dem Veganismus in Verbindung zu einer bestimmten Jugendbewegung oder Szene.

Aber auch innerhalb der Soziologie, beziehungsweise der Sozialwissenschaft wird Veganismus als „Cultural Movement“ angesehen und als diese beispielsweise von Elizabeth Cherry untersucht. Der veröffentlichte Aufsatz mit dem Titel „Veganism as a Cultural Movement: A Relational Approach“ unterteilt die Gruppe der Veganer_innen in „punk and non – punk vegans“ (Cherry 2006, S.155) und konzentriert sich darauf herauszuarbeiten, inwiefern die zwei dargestellten Gruppen den Veganismus unterschiedlich ausüben (vgl. ebd.). Auch hier wird Veganismus wieder mit einer bestimmten „Subkultur“ oder einer Szene in Verbindung gebracht und dies innerhalb eines wissenschaftlichen Aufsatzes dargestellt. Hierbei wird zudem die Relevanz des sozialen Netzwerks thematisiert und untersucht, welche Rolle das Umfeld für die Entscheidung spielt, vegan zu werden und über einen längeren Zeitraum vegan zu leben (vgl. ebd., S.168).

Da sich mein Themenschwerpunkt innerhalb dieser Arbeit nicht auf „Subkulturen“ oder Protestbewegungen konzentriert, musste ich mich weiter umschauen, um die „richtige“ Literatur für mich zu finden. Hierbei wurde mir das von Alexandra Rabenstein publizierte Werk „Fleisch - Zur medialen Neuaushandlung eines Lebensmittels“ empfohlen. Dieses erschienene Buch, das im Fachbereich der Europäischen Ethnologie entstanden ist, untersucht neben den verschiedenen kulturellen und sozialen Aspekten des Fleischkonsums und des Verzichts auch die Gender Dimension des Themas und konzentriert sich, im Gegensatz zu den anderen vorgestellten Werken, nicht so sehr auf den Aspekt der Jugendkultur oder den Protestaspekt des Veganismus. Innerhalb des Kapitels, in dem sie die Gender Dimension des Themas untersucht, schreibt Rabensteiner über die Einteilung der Lebensmittel in „männliche“ und „weibliche“ Kategorien, wobei als „leicht“ wahrgenommene Nahrung immer als „weiblich“ deklariert wird und die „schwere“ und „nahrhaftere“ Kost als „männlich“ angesehen wird (vgl. Rabensteiner 2017, S.46). Auch die Rolle der Nahrung für die Aufrechterhaltung einer Geschlechtsidentität wird hier thematisiert (vgl. ebd.). Dies schien für mich persönlich und für das Vorhaben meiner Arbeit sehr logisch und nützlich, daher werde ich zu einem späteren Zeitpunkt nochmals genauer darauf eingehen.

Einen sehr ähnlichen Ansatz bietet die Soziologin Monika Setzwein in ihren publizierten Aufsätzen und Büchern. Bei ihr steht der Zusammenhang von Ernährung und die Konstruktion von Geschlecht im Mittelpunkt. Demnach gibt es eine Einteilung der Lebensmittel in „schwache“ und „starke“ Nahrungsmittel, die jeweils mit dem „weiblichen“ oder dem „männlichen“ Geschlecht assoziiert werden. Diese „schwachen“ Lebensmittel, wie beispielsweise Gemüse, Joghurt oder leichte Getränke, werden im Allgemeinen als „gesund“ bezeichnet und vor allem mit dem „weiblichen“ Geschlecht verknüpft und von diesem auch bevorzugt, wohingegen Fleisch, Alkohol und fettigere Speisen als „starke“ und „männliche“ Nahrungsmittel gesehen werden und von diesen auch eher verzehrt werden. Dies hängt laut Setzwein unter anderem mit der Performanz der Geschlechter zusammen, nachdem man auch durch die Wahl seines Essens und Trinkens einer bestimmten Geschlechterrolle nachgeht und diese seinen Mitmenschen glaubhaft präsentieren möchte. Dies passiert meist sehr unbewusst und ist durch das Aufwachsen in einer bestimmten gesellschaftlichen Struktur verankert. Auf die Performanztheorie und die Konstruktion von Geschlecht wird im folgenden Abschnitt nochmals genau eingegangen, um ein besseres Verständnis hierfür zu bekommen. Auch die Theorie von Monika Setzwein werde ich gegen Ende dieser Arbeit nochmals ausführlicher darstellen und diese mit meinen empirisch erhobenen Daten zusammenführen.

3. Theoriegrundlage – Konstruktion von Geschlecht.

Um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, was gemeint ist, wenn innerhalb dieser Arbeit von der Konstruktion des Geschlechts und des sogenannten „doing gender“ die Rede ist, folgt nun ein Theorieteil, in dem die grundlegenden Begriffe und wichtigsten Theorien kurz und verständlich dargestellt werden. Hierbei gehe ich vor allem auf die von Judith Butler geprägte Theorie der Performanz der Geschlechter und des „doing“ aber auch „undoing gender“ ein.

3.1 Die Kategorien „Sex“ und „Gender“.

Bevor es zu der Erklärung der Performanztheorie und des sogenannten „doing gender“ kommt, müssen zu aller erst die Begrifflichkeiten „Sex“ und „Gender“ erklärt werden und hierbei auf die Unterschiede hingewiesen werden, da man beides als „Geschlecht“ übersetzen kann. Der Begriff „Sex“ beschreibt hierbei das biologische Geschlecht. Das bedeutet, dass Menschen anhand von bestimmten Körpermerkmalen entweder dem „männlichen“ oder dem „weiblichen“ Geschlecht zugeordnet werden. Folglich ist man ein „Mann“, wenn man einen Penis besitzt und eine „Frau“, wenn man als Geschlechtsorgan eine Vagina, beziehungsweise eine Vulva hat. „Gender“ kann man als die „sozial konstruierte Geschlechtsidentität“ (Meissner 2008, S. 3) aber auch als „Geschlechterrolle“ (ebd.) bezeichnen. Somit ist „Sex“ das von vornherein „festgelegte“ Geschlecht, was einem direkt nach der Geburt zugewiesen wird, falls eine eindeutige Zuordnung anhand der Körpermerkmale möglich ist. Diese Zuordnung wird häufig im Laufe des Lebens nicht mehr verändert, da sie direkt an Körperteile gekoppelt ist. „Gender“ hingegen ist etwas, was sich erst mit der Zeit bildet und außerdem „alle Vorstellungen, Normen, ideologischen Aspekte des Geschlechts sowie ihre institutionellen, politischen und sozialen Sedimentierungen“ (Abdul-Hussain 2012, S.24 zit. nach Villa 2003) umfasst. Letztendlich bildet sich „Gender“, was man häufig auch als das soziale Geschlecht beschreibt, erst während des Heranwachsens aus, da man durch Erziehung, Medien und Sozialisationsprozesse bestimmte Normen und Vorstellungen zu den jeweiligen Geschlechtern mit auf den Weg bekommt. „Gender“ wird deshalb unter anderem als eine Möglichkeit, „um sich vom ‚anatomischen Schicksal‘ zu befreien“ (Meissner 2008, S.3) aufgenommen. Denn immer wieder ist es der Fall, dass sich „Gender“ nicht direkt aus dem biologischen Geschlecht („Sex“) ableiten lässt. Letztendlich ist „Gender“ eine Möglichkeit, sich im Laufe des Lebens von seinem bei der Geburt festgelegten Geschlecht zu distanzieren oder eine dazu „passende“ Geschlechtsidentität auszubilden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
"Man(n) muss Fleisch essen, um Mann zu sein...". Eine kulturwissenschaftliche Untersuchung zu den Bedeutungen und Funktionen von Nahrungsmitteln bei der Konstruktion einer Geschlechtsidentität
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Empirische Kulturwissenschaft/Europäische Ethnologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
42
Katalognummer
V517341
ISBN (eBook)
9783346112750
ISBN (Buch)
9783346112767
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gender, fleisch, männlichkeit, konstruktion von geschlecht, doing gender, veganismus, Judith butler, sex und gender, Ernährung und Geschlecht, qualitative forschung, Fleisch und Männlichkeit, Interviews, Geschlecht, vegan, vegetarimus, Vegetarisch, BEEF Magazin, Bachelorarbeit
Arbeit zitieren
Melanie Greiner (Autor), 2018, "Man(n) muss Fleisch essen, um Mann zu sein...". Eine kulturwissenschaftliche Untersuchung zu den Bedeutungen und Funktionen von Nahrungsmitteln bei der Konstruktion einer Geschlechtsidentität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/517341

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