Der Skandal um "Der Schrei" und "Die Verzweiflung" von Edvard Munch. Tod und Angst als Thema der Kunst und kunsthistorische Einordnung


Seminararbeit, 2019

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bildbeschreibung
2.1. „Die Verzweiflung“
2.2. „Der Schrei“

3. Der Skandal um die Werke „Der Schrei“ und „Die Verzweiflung“

4. Der Skandal im Kontext 7
4.1. Ausstellung in Berlin und das konservative Publikum
4.2. Psychologische Malerei: Tod und Angst als zentrales Thema
4.3. Kunsthistorische Einordnung
4.3.1. Deutschland
4.3.2. Frankreich
4.3.3. Ähnliche Darstellungen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungen

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit widmet sich dem Skandal den die beiden Bilder „Der Schrei“ (1893-1910) und „Die Verzweiflung“ (1892) des norwegischen Malers Edvard Munch in der damaligen Zeit entfachten. Wie allseits bekannt, prägte Munch dem Expressionismus. Exemplarisch dafür steht vor Allem sein Werk „Der Schrei“, welches anders als alle anderen damaligen Werke war und für so viel Entsetzen sorgte, sodass Munch auf etwas andere Art und Weise zu Weltruhm gelangte. In allen Mündern, die sich die Menschen über den Maler zerrissen, so zerrissen war auch Edvard Munchs Seele, die ihn in wohl letztendlich dazu bringt, paralysierende Angst und Tod in seinen Bildern darzustellen und den Betrachter unverschont damit zu konfrontieren. Zur damaligen Zeit unvorstellbar und gar unerhört den Ausstellungsbesucher solchem „Geschmiere“ auszusetzen – ein Anblick, der für das Publikum kaum ertragbar war.

Zu Beginn dieser Arbeit soll eine generelle Bildbeschreibung der beiden Werke „Die Verzweiflung“ und „Der Schrei“ Edvard Munchs stehen. Ersteres wird vorangehend beschrieben, da es als Vorwerk zum ein Jahr später entstandenem Werk „Der Schrei“ angesehen wird. Als Hauptteil der Arbeit folgt der Skandal um die beiden Bilder, der durch das damalige hoch konservative Ausstellungspublikum entstand, weite Kreise zog und Munch gar nicht mehr loslassen wollte. Daraufhin sollen die Gründe für den Skandal einzeln und ausführlich erläutert werden, wobei hier als erstes auf den größten Ausstellungsskandal Munchs in Berlin eingegangen werden soll. Weiterhin ist es essenziell die ungewöhnlichen Themen, wie Tod Angst und Verzweiflung von denen sich Edvard Munch bedient in den Fokus zu rücken und dessen Ursprünge zu analysieren. Hier soll auch auf das unglückliche Familienschicksal Munchs Bezug genommen werden das er in seinen beiden Bildern wohl zu verarbeiten versuchte. Anschließend ist eine kunsthistorische Einordnung unerlässlich. Die Bilder Munchs sollten mit deren anderer Maler verglichen werden, um den Skandal um seine Werke – aber auch seine Fortschrittlichkeit – besser verstehen zu können. Hier ist es wichtig, nationale Maler wie Anton von Werner und Max Liebermann heranzuziehen, sowohl aber auch nach Frankreich zu blicken, wo bereits der Impressionismus zuhause war. Zum Schluss soll noch Bezug auf ähnliche Darstellungen im Bezug auf „Der Schrei“ und „Die Verzweiflung“ genommen werden, ebenso wie Werke anderer Maler, die den Norweger inspiriert haben könnten.

2. Bildbeschreibung

Das Bild „Der Schrei“ (Abb. 1) existiert in vier Versionen, die Munch in den Jahren 1893 – 1910 angefertigt hat. Die Maße variieren hierbei von 74 x 56 cm bis 91 x 73,5 cm. Die erste Version des „Schreis“ aus dem Jahre 1893, wurde mit Pastell auf Holz gemalt und misst 74 x 56 cm (Abb. 2). Die Version von 1895, ebenso Pastell allerdings auf Pappe, misst 79 x 59 cm (Abb 3). Ein weiterer „Schrei“ aus dem Jahre 1893, wurde in Mischtechnik gemalt, also mit Öl, Tempera und Pastell auf Pappe. Dieses Stück ist größer und misst 91 x 73,5 cm. Die früheste Version aus dem Jahre 1910, ebenso in Mischtechnik (Öl und Tempera) auf Pappe, hat die Maße 83 x 66 cm (Abb. 4). Des Weiteren existieren noch weitere kleinere Lithografien des „Schreis“.1 Die Version aus dem Jahre 1895 wurde im berühmten Auktionshaus Sotheby’s in New York im Jahr 2012 für knappe und rekordverdächtige 120 Millionen Dollar verkauft und befindet sich seither in Privatbesitz.2 Die anderen drei Fassungen finden sich in Osloer Museen. Insgesamt gehört „Der Schrei“ zur Serie „Der Fries des Lebens“ zu dem auch „Die Verzweiflung“ gezählt wird (Abb. 5). 3 Zur Vereinfachung soll „Der Schrei“ anhand der Version aus dem Jahre 1893 das sich in der Norwegischen Nationalgalerie in Oslo befindet beschrieben werden.

Da allerdings Munchs Werk die „Verzweiflung“ als Vorwerk für das Bild der „Schrei“ gilt, soll jenes zuerst beschrieben werden, um Unterschiede in der Darstellung besser hervor heben zu können. Sein Bild „Die Verzweiflung“ fertigte Edvard Munch im Jahre 1892 für seine Serie „Melancholie“ an, an der er 1891 – 1902 arbeitete und welche insgesamt fünf Gemälde und zwei Holzschnitte enthält. Dieses Werk Munchs misst 92 x 67 cm und befindet sich in der Nationalgalerie in Stockholm. Alle Bilder dieser Serie haben gemeinsam, dass sie im Vordergrund ein einsam anmutendes Individuum darstellen und der Hintergrund einen Strand mit Ufer, eine verbindende Brücke und Schiffe zeigt. Der Ort den Munch in seinen beiden Bildern „Die Verzweiflung, sowie auch in „Der Schrei“ darstellt, ist noch heute die Gegend von Ekeberg, südöstlich von Oslo. Die Brücke führte zum Wohnsitz seiner Familie und bietet Aussicht auf die Stadt mit ihrer Bucht. Das markante dreistufige Holzgeländer auf Munchs beiden Bildern, findet man auch vor Ort wieder (Abb. 6).4

2.1. „Die Verzweiflung“

Das Bild „Die Verzweiflung“ zeigt im Vordergrund eine männliche, schwarz gekleidete Gestalt mit Hut, die sich über ein bräunlich gestaltetes Brückengeländer lehnt, bzw. herabschaut. Lediglich der Kragen ist weiß und die helle Hautfarbe des Gesichtes sticht hervor. Der Betrachter blickt schräg von hinten auf diese Person, deren Gesicht nur schemenhaft dargestellt ist. Augen, Ohren, Nase und Mund sind nur angedeutet, ebenso wie die Arme der Person, wobei nur der Oberkörper auf dem Bild gezeigt wird. Diese männliche Gestalt steht auf einer Brücke, die tief nach links oben in den Bildrand ragt und worauf sich zwei weitere schwarz gekleidete Personen befinden. Diese könnten ebenso männlicher Gestalt sein, da beide einen schwarzen Zylinder tragen. Sie scheinen sich zu unterhalten, zumindest ist die rechte Person sehr zur Linken gewendet. Beide drehen sich aber von dem im Vordergrund dargestellten Mann weg. Die Gesichter sind kaum erkennbar. Im Hintergrund dehnt sich eine dunkelgrün-bläuliche Landschaft aus, am Horizont hebt sich ein in hellblauen Tönen gestalteter See ab. Auf dem Seebefinden sich angedeutete Schiffe, sowie ein Hafen. Der mit lebhaftem Pinselduktus gemalte Himmel zeigt sich in Rot- und Gelbtönen, anders als der Rest des Bildes. Die Gesamtdarstellung ist sehr flach gehalten, lediglich der Vordergrund zeigt einen Schattenwurf nach links, d.h. einen Lichteinfall von rechts, was besonders an der Figur im Vordergrund erkennbar ist. Diese Person wirkt dadurch etwas plastischer als die beiden Figuren im Hintergrund.

Neben dieser Version der „Verzweiflung“ malt Edvard Munch ein Jahr nach dem Entstehen der ersten Version des „Schreis“, ein weiteres Bild mit demselben Titel (Abb. 7). Hier bettet er eine ähnliche Figur wie in der ersten Version „Der Verzweiflung“ in den Vordergrund ein, übernimmt allerdings den Hintergrund des „Schreis“. Die Person ist ebenso wie die beiden sich abwendenden Personen schwarz gekleidet und scheint traurig und bedrückt die Augen geschlossen zu haben. Der Mund wird lediglich durch einen waagrechten Strich angedeutet.5

2.2. „Der Schrei“

Das Bild „Der Schrei“ zeigt im Vordergrund im Gegensatz zu die „Verzweiflung“ eine frontal zum Betrachter gerichtete, geschlechterlose Figur, mit einem skelettförmigen Kopf mit großen runden, weit aufgerissenen Augen, zwei angedeuteten Nasenlöchern und einen weit aufgerissenen Mund. Die Hände sind gegen den Kopf gelegt und die Person scheint sich damit die Ohren zuhalten zu wollen. Die dunkle Kleidung der Figur scheint wie ein Umhang den silhouttenhaften Körper zu umhüllen, der hier bis zum Beginn der Beine dargestellt ist. Auch hier ist wie im Bild die „Verzweiflung“, ein Hell-Dunkel Kontrast zwischen der dunklen Kleidung der Figur und des in helleren Grüntönen gehaltenen Gesichts vorhanden. Ebenso findet man die tief nach hinten links in den Bildrand ragende Brücke mit den zwei dunkel gekleideten Personen im Hintergrund. Allerdings ist die Brücke in diesem Werk heller dargestellt und eher in rot-braun Tönen gehalten. Die beiden Figuren scheinen noch weiter weg als im vorherigen Bild, sind genauso dunkel gekleidet, aber noch schemenhafter in der Darstellung. Ob es sich hier um zwei Männer oder um einen Mann und eine Frau handelt ist generell schwer zu erkennen und lässt sich nur durch Hintergrundinformationen eingrenzen6. In der linken Person ist möglicherweise ein Mann mit Zylinder angedeutet und rechts eine mit langem dunklem Rock gekleidete Frau. Beide wenden sich von der Person im Vordergrund ab. Die Landschaft im Hintergrund ist wie im Bild die „Verzweiflung“ in Blau-bzw. Grüntönen gestaltet, aber auch bräunliche Rottöne fließen in den wellenhaft gestalteten Hintergrund mit ein. Erneut findet sich ein See mit Schiffen am Horizont des Bildes. Ein Hafen ist nicht mehr erkennbar. Ebenso ist der See in helleren Farbtönen als der Rest des Bildes gemalt. Der Himmel ist genauso wie im vorher beschriebenen Gemälde in satten Rottönen gehalten, wobei sich im Bild „Der Schrei“ auch Grün- und Orangetöne im Himmel befinden und der dicke Pinselstrich waagrecht zum Horizont verläuft. Im Gegensatz zu die „Verzweiflung“ wirkt „Der Schrei“ noch flacher in der Darstellung, Licht- und Schatten sind nur sehr grob am Brückengeländer erkennbar.

3. Der Skandal um die Werke „Der Schrei“ und „Die Verzweiflung“

Bereits vor seinem monumentalen Werken wie „Der Schrei“, musste er bei Ausstellungen harsche Kritik des hoch konservativen Publikums einstecken. Schon damals wurde das Bild „Das kranke Kind“ (1885/86) (Abb. 8), das seine früh verstorbene Schwester darstelle, sowie die spätere Auseinandersetzung mit dem Thema Melancholie als „Geschmiere“ beschimpft.7 Aber damit nicht genug – die harten Stimmen von Kritikern gepaart mit Ablehnung, sollten den Künstler ein Leben lang begleiten, aber ihn auch zu unfassbarem Ruhm verhelfen. „Die Drastik seiner Malerei, seine eindringliche Expressivität, die unerhörte Einfachheit seiner Motive – all dies überstieg für die meisten seiner Zeitgenossen jedoch den Grad des Erträglichen.“8 Dieses Zitat beschreibt sehr gut die Malerei Edvard Munchs und die Andersartigkeit sowie auch die Fortschrittlichkeit, die dem einhergeht.

Dabei hat der Künstler seiner Heimat Kristiania extra den Rücken gekehrt, um in Deutschland mehr Anerkennung zu finden. Denn in Munchs Heimat stoß der Maler ohnehin schon auf genügend Kritik. Seine norwegischen Kritiker waren hochgradig traditionsverbunden, obwohl sich die junge Stadt auf keine eigene Tradition berufen konnte, orientierten sich diese an westeuropäischen Maßstäben. Zudem wurde Edvard Munch durch die enge Verbundenheit zu seiner Heimat auch in Bezug auf seine Familie noch strenger bewertet – ohnehin war die Künstlergemeinde dort ohnehin sehr klein und überschaubar. Munch wurde sogar als „Verräter seiner persönlichen ‚aristokratischen‘ Herkunft“ angesehen.9 Des Weiteren wurde ihm in der Öffentlichkeit Verschwendung von Stipendien nachgesagt woraufhin sich Munch anhand eines Briefwechsels zur Wehr stellte und folglich eine „Debatte über die geistige, physische und moralische ‚Entartung‘ auslöste.10 Die moderne Kunst wurde durch damalige Psychologen als hochgradig krankhaft angesehen und galt als „Gesellschaftserkrankung, die nur mit Gewalt zu heilen sei.“11. So wurde Munch in seiner eigenen Heimat als „Verbrecher“ und als „Schande für sein Volk“ beschimpft und sein Werk solle mit ihm als Maler selbst „ausgelöscht werden.“12 Ausgerechnet im kaisertreuen Deutschland wiederum, erwartete er sich ein besseres Leben und mehr Anerkennung, schließlich galt das Land als hoch begeistert von den Norwegern. Letztendlich werden es vor allem die Werke „Die Verzweiflung“ und „Der Schrei“ sein, die am meisten Aufsehen erregen und als „Geschmiere“ bezeichnet werden. Der Maler selbst war als „Giftmischer“ verrufen.13

4. Der Skandal im Kontext

4.1. Ausstellung in Berlin und das konservative Publikum

„Laut und eindringlich ist er, der hilflose Schrei einer gequälten Seele, der heute noch beunruhigt und berührt, wenn nicht gar erschüttert. Es ist die Erkenntnis der abgrundtiefen Einsamkeit des haltlos in die Welt geworfenen modernen Menschen […].“14 Gemäß dem vorher angeführten Zitat wird der „hilflose Schrei einer gequälten Seele“ in den beiden Werken Munchs eine essenzielle Rolle spielen. Ebenso wie das Thema der Einsamkeit, das Edvard Munch sein ganzes Leben lang beschäftigen soll. Denn letztendlich ist es er, der entgegen aller traditionellen Darstellungen den oben genannten „modernen Menschen“ mit all seinen Ängsten widerspiegelt und dies mit seiner revolutionären Malweise zu verarbeiten versucht.15 Dabei stieß er durch das überwiegend konservative Publikum auf harsche Kritik, da die damaligen Sehgewohnheiten deutlich traditionellerer Art waren. Die grelle Farbgebung der Werke Munchs sowie auch die abstrahierte Form missfiel daher dem Publikum. Auch das zentrale Thema des Todes und die nach außen zum Betrachter hingewandte innere Darstellung der Angst, lässt Munch in der damaligen Gesellschaft deutlich anecken.

1892 zieht Edvard Munch nach Berlin, wo er auch eine Ausstellung mit dem wohl größtem seiner Skandale ergattern wird. Munch wurde in jenem Jahre furch den Verein Berliner Künstler zu einer Sonderausstellung im Berliner Architektenhaus eingeladen, um dort vier seiner Werke zu präsentieren. Die Vereinsmitglieder wollten lediglich für frischen Wind in der Reichshauptstadt sorgen, dieses Vorhaben aber gewaltig über das Ziel hinausschoss. Obwohl sich sehr konservative Vereinsmitglieder wie der kaisertreue Anton von Werner unter den Mitgliedern des Vereins befanden, setzte sich der norwegische Landschaftsmaler Adelsteen Normann mit der Empfehlung des damals noch unbekannten Malers Edvard Munch durch. Anton von Werner lehnte bereits für eine vorherige Ausstellung norwegische Maler unter anderem auch Munch ab und wollte ihn nun als Wiedergutmachung ausstellen lassen, trotzdem dieser alles versuchte den von Frankreich kommenden Impressionismus fernzuhalten. Dass Munch bereits 10 Jahre zuvor bereits mit dem Impressionismus in Paris in Kontakt kam und diesen auch maltechnisch immer mehr verinnerlichte, war Anton von Werner an dieser Stelle wohl nicht bewusst. Hingegen der norwegischen Maler Normann wusste durchaus was auf Berlin zu kam, da er die Werke Munchs bereits in Kristiania im heutigen Oslo bewunderte. Anton von Werner schien den Ruf seiner Reichshauptstadt wiederaufbessern zu wollen, da das damalige München als weit moderner und offener galt als Berlin. Ebenso feierte München mit den „jugendfrische[n] Nordländer[n]“ große Ausstellungserfolge, bereits kurz danach als Anton von Werner diese wegen zu „anarchistischen Tendenzen“ ablehnte.16

Seine Entscheidung Munch nun doch ausstellen zu lassen, wird Anton von Werner bereits innerhalb von sieben Tagen nach Ausstellungsbeginn bitter bereuen. Die Berliner waren bis dahin „schmachtende Frauen, Schlachtengemälde mit sich aufbäumenden Pferden“ und „glänzende Kanonenkugeln“ gewöhnt.17 In der Ausstellung im Berliner Architektenhaus zeigte Munch Werke seines gesamten bisherigen Lebens; unter anderem auch Werke seiner kranken und früh verstorbenen Schwester z.B. das „Das kranke Kind“ ebenso das aktuelle Werk „Die Verzweiflung“, das er noch im selben Jahr und vor Beginn der Ausstellung fertig stellte. Jedoch erntete dieses Bild besonders harsche Kritik in dem „wirre Streifen, in dem Eigelb und Tomatensauce durcheinanderfluthen [sic].“18 Mit seinen „stümperhaft gemalten Missgeburten“ entschloss sich der Verein der Berliner Künstler vor Allem auf das Pochen des Anton von Werners, mit knappen 120 zu 105 Stimmen die Ausstellung bereits sieben Tag nach Beginn am 12. November 1892 zu schließen und Munch vor die Türe zu setzen. Auch die Pressemeldungen überschlugen sich und die Zeitungen betitelten es als „Affäre Munch“. Trotz der ganzen harten Kritik erlangte Edvard Munch auf diese Art und Weise einen sehr hohen Bekanntheitsgrad, die er auch den Maler Adelsteen Normann zu verdanken hatte, der seine Fortschrittlichkeit und sein Talent frühzeitig erkannte. Munch erhielt als Antwort auf die Furore in Berlin weitere Ausstellungsangebote in anderen deutschen Städten, bis ihn kurz darauf Berlin doch wieder ausstellen ließ und seine revolutionären Werke für hohe Besucherzahlen sorgten. Er musste dafür trotzdem überwiegend harsche Kritik anstatt Lob einstecken, aber Munch schien dies nur Recht zu sein: „Das ist übrigens das Beste, was passieren kann, bessere Reklame kann man gar nicht haben.“19 Dennoch wird sich das konservative Publikum in den darauffolgenden Jahren nur langsam an Munchs künstlerisches Oeuvre gewöhnen.20

4.2. Psychologische Malerei: Tod und Angst als zentrales Thema

„[…] Nie zuvor hatte ein Maler sein Innerstes derart nach außen gekehrt.“21 Dieses Zitat veranschaulicht das damalige „Neue“ und einen Grund für den Skandal um Munchs Werke „Der Schrei“ und „Die Verzweiflung“. Er war der erste Maler, der in seinen Werken versuchte, sein inneres Seelenleben dem Betrachter zu zeigen und diesen direkt damit anzusprechen, gar zu konfrontieren. Der polnische Schriftsteller und ein guter Freund Munchs Stanislaw Przybyszewsky bezeichnete diese Art von Malerei als „Psychischer Naturalismus.“22 Die Spitze dessen, erreichte das Werk „Der Schrei“ in dem ein geschlechterloses, geistartiges Wesen mit weit aufgerissenem Mund und Augen, mit zugehaltenen Ohren sich direkt zum Bildbetrachter wendet.23 Dieser wird darauf schonungslos gezwungen sich mit den Emotionen auseinanderzusetzen. Munch verzichtet daher gänzlich auf eine beschönigende Darstellungsweise und fokussiert sich auf die nach außen gerichtete Darstellung von Gefühlen wie Angst, Tod und Verzweiflung, die in der damaligen konservativen Gesellschaft stets im Verborgenen gehalten wurden. Neben einer Vorzeichnung zum Bild „Die Verzweiflung“, finden sich Notizen Munchs, die sein inneres Gefühlsleben wiedergeben (Abb. 9).24

„I walked along the path with two friends – The sun was setting / the sky became suddenly blood red – and I felt an approaching melancholy – a sucking pain und my heart – I stopped – leaned on the railing tires to death – over the blue-black fjord and the city lay blood n tongues of fire / My friends walked on – but I stopped trembling with fear – and I felt the great infinite screaming [Geschrei] through nature.”25 Ein wichtiger Faktor für seine damals ungewöhnlichen Bildmotive bzw. Bildthematik waren die Schicksalsschläge in Edvard Munchs Familie. Sein Leben war geprägt von Krankheit und Leid. Sein Vater waren Dr. Christian und Laura Cathrine Munch, beide stammen aus wohlhabenden Familienverhältnissen. Doch bereits zu deren Hochzeit war Munchs Mutter mit Tuberkulose erkrankt, die nach der Geburt von Tochter Inger mit nur 30 Jahren verstirbt. Munchs Tante übernimmt folglich die Erziehung der insgesamt fünf Kinder und fördert diese vor Allem mit künstlerischen Talenten. 1877 stirbt Munchs Schwester Sophie mit nur 15 Jahren an Tuberkulose. Zu ihr hatte er die engste Bindung. Besonders dieser Tod wird Munch in mehreren seiner Bilder, z.B. „Das kranke Kind“ oder auch in „Am Totenbett“ (1895) thematisieren. Ebenso sein Vater verkraftet die Verluste nur sehr schwer, wird folglich depressiv und auch Munch selbst litt unter Alkoholproblemen, Halluzinationen und Wahn. 1885 befand er sich dank eines Stipendiums auf einer Studienreise nach Paris und studierte dort die Alten Meister und lernte auch den Impressionismus sowie Symbolismus kennen. Ab 1889 zieht Munch endgültig nach Paris, worauf er erfährt, dass nun auch sein Vater verstorben sei. Diese Schicksalsschläge wird er in vielen seiner Bilder versuchen zu verarbeiten, da jene Vorkommnisse ihn sein ganzes Leben lang begleiten werden. Diese tragischen Erlebnisse trieben Edvard Munch wohl immer mehr zu einer expressiven Malweise getrieben von Angst, Tod, Einsamkeit und Verzweiflung.26

Allerdings setzte man sich bereits damals schon aus wissenschaftlicher Sicht sich mit dem Thema Angst auseinander. So galten die Werke von Søren Kierkegaard „Begrebet Angest“ und Fyodor Dostoyevskys „Crime and Punishment“ als maßgebend.27 Auch der britische Naturforscher und Physiologe Charles Darwin, beschäftigte sich bereits 1872 in seinem Werk “The Expression of the Emotions in Man and Animals“ eingehend mit dieser Thematik am Tier sowie auch am Menschen. Dabei stand nicht nur der psychologische Aspekt im Vordergrund, sondern der Physiologische, sprich welche nach außen gerichteten Reaktionen Angst im Menschen auslöst, die auch Edvard Munch in seinen beiden Werken versucht sichtbar zu machen. Darwin beschrieb in Bezug auf die Angst folgende Symptome:

“Fear is often preceded by astonishment, […] both lead to the senses of sight and hearing being instantly aroused. […] eyes and mouth are widely opened, and the eyebrows raised. The frightened man stands like a statue [vgl. “Der Schrei”] motionless and breathless, or crouches down as if instinctively to escape observation. The heart beats quickly […] the skin instantly becomes pale, as during incipient faintness. […] In connection with the disturbed action of the heart, the breathing is hurried. […] On of the best-marked symptoms is the trembling of all the muscles of the body. I use the word ‘terror’ for extreme fear; […] there is a death-like pallor; […] the pupils are said to be enormously dilated […].”28

Vieles davon trifft auch auf die geschlechterlose Gestalt von Edvard Munch in „Der Schrei“ zu: Die Figur steht steif und festgenagelt auf einem Fleck, sie wirkt paralysiert durch etwas das sie hört. Die hohlen Augen sowie der Mund sind dabei weit aufgerissen, die Pupillen nur noch Stecknadel groß. Darwin führt weiter an: „As fear rises to an extreme pitch, the dreadful scream of terror is heard.”29 Das scheint auch der Figur in Munchs Bild zu wiederfahren: Die Angst scheint so unerträglich zu werden, dass die Figur einen Schrei bzw. Lärm hört, der sich von der Angst zur Todesangst steigert. Auch die Farben des Bildes scheinen vor Angst zu „schreien“ und diesen Effekt von Angst und Terror zu verstärken. Jedoch wiederfährt dies nur der Person im Vordergrund und nicht den beiden sich abgewandten Personen im Hintergrund. Die Angst in Munchs Bild wird also vom Inneren der geschlechterlosen Figur nach außen transportiert und stimmt mit einigen der Symptome die Darwin damals bereits 1872 beschrieben hat überein. Darwins Schrift war daher wohl auch Edvard Munch bekannt.

Die Thematik der Angst ließe sich noch weiter zurückverfolgen. So wird in der Literatur die Laokoon Gruppe immer wieder als Inspiration für Munch angeführt. Entstanden bereits im 1. Jh. v. Chr. zeigt die Figur Todesangst im Gesicht des Laokoons der gemeinsam mit seinen Söhnen um Leben oder Tod ringt. Lessings gleichnamige Schrift aus dem Jahre 1766 (Abb. 10), wurde 1893 nochmals neu aufgelegt und hat mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Edvard Munch insofern angeregt, dass Laokoon zwar einen Schmerz von außen erleidet, aber er jedoch einen psychischen Schmerz, also etwas nicht unmittelbar „Sichtbares“, „sichtbar“ zu machen.30

4.3. Kunsthistorische Einordnung

4.3.1. Deutschland

Um verstehen zu können, wie fortschrittlich Edvard Munch in seiner Zeit war, müssen Vergleiche zu anderen Künstlern während, aber auch vor und nach seinen Lebzeiten gezogen werden. Besonders wichtig ist somit der Blick ins konservative Deutschland, wo sich allerdings bereits auch fortschrittlichere Maler wie z.B. Max Liebermann versuchten durchzusetzen. Als Kontrast dazu steht Frankreich, wo der Impressionismus anfangs ebenso Skandale auslöste, aber dann doch viel früher als in Deutschland akzeptiert war. Ebenso müssen ähnliche Darstellungen wie Munchs „Der Schrei“ und „Die Verzweiflung“ aufgesucht und verglichen werden, um den Skandal über seine Bilder besser einordnen zu können.

Das damalige Berlin war damals sehr konservativ, hingegen galt das bayerische München eher als modern und auch ein Edvard Munch war mit seinen Bildern willkommen. Dennoch sorgten diese auch in anderen Städten für Aufruhr, da vor Allem die beiden Werke „Verzweiflung“ und „Der Schrei“ jegliche traditionellen und erzkonservativen Sehgewohnheiten der Deutschen aushebelten. Vor Allem Munchs wohl größter Widersacher, der kaisertreue Anton von Werner selbst ist für diese deutsche Malweise ein Paradebeispiel, wie z.B. Bilder wie „Im Etappenquartier“ (1894) (Abb. 11), „Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs“ (1893) (Abb. 12) und das noch viel später entstandene Werk die „Enthüllung des Richard-Wagner-Denkmals“ (1908) (Abb. 13) zeigen. Alle drei Darstellungen – ganz anders als ein Edvard Munch – stellen einen hoch naturalistischen Malstil dar. Der erzkonservative Maler verstand es jene Art von Feierlichkeiten idealisiert und positivistisch darzustellen, weshalb auch am Beispiel „Im Etappenquartier“ in dem der Sieg Deutschlands über Frankreich dargestellt werden soll, eine Person in Offiziersuniform während der Verkündigung einen Flügel bespielt und ein Diener gemütlich den Kamin in einem hoch prunkvollem Zimmer anheizt. Ähnliches gilt auch für die überschwänglichen Feierlichkeiten in den anderen beiden genannten Beispielen Anton von Werners.31

[...]


1 Ursula Lindau, Der Schrei und die Stille. Trauer und Tod bei Künstlern der Klassischen Moderne. Husum 2018, Ihleo Verlag, S. 11.

2 Gerd Presler, Edvard Munch - Der Schrei - Ende eines Irrtums, Berlin 2016, GD Publishing; Versteigert an Leon Black, Aufsichtsrat des Museum of Modern Art und des Museum of Modern Art in New York (Presler 2016, S. 12).

3 Roland März, Edvard Munch, Melancholie, aus dem Reinhardt-Fries 1906/07, Berlin 1998, Nationalgalerie (Patrimonia, 136), S. 14.

4 März 1998, S.14; Lindau 2018, S. 11; Presler 2016, S. 14 f.

5 Reinhold Heller, Edvard Munch. Leben und Werk. München 1993, Prestel, S. 50-53; Laut Heller handelt es sich hierbei um Edvard Munchs Freunde Jappe Nilssen handeln, der wohl eine Affäre mit der verheirateten Oda Krohg hatte, die eigentlich mit Christian Krohg – beide ein befreundetes Künstlerpaar Munchs – verheiratet war. Das Künstlerpaar könnte somit im Hintergrund dargestellt sein, was auf für die anderen beiden Bildern plausibel wäre. Da Munch selber einst eine solche Affäre unterhielt, dient der melancholische Jappe im Vordergrund auch als Identifikationsfigur des Malers (Heller 1993, S. 50-53).

6 Heller 1993, S. 50-53.

7 Kat. Ausst., Edvard Munch. Thema und Variation, hrsg. von Albrecht Schröder Klaus, Antonia Hoerschelmann, Christoph Asendorfer, Albertina, Wien, 15. März - 22. Juni 2003, Darmstadt 2003, Wiss. Buchges., S. 341.

8 Ute Gärtner-Schüler, Rita E. Täuber, Skandal: Kunst! Schockierend - packend - visionär, Stuttgart 2008, Belser, Buchumschlag Rückseite.

9 Heller 1993, S. 61.

10 Ebenda.

11 Ebenda.

12 Ebenda.

13 Ebenda, S. 64.

14 Gärtner-Schüler und Täuber 2008, Buchumschlag Rückseite.

15 Johanna Vakkari, Mind and Matter, Selected Papers of Nordik 2009 Conference for Art Historians; Jyväskylä, September 17. - 19.2009. Helsinki 2010, Taidehistorian Seura (Taidehistoriallisia tutkimuksia, 41), S. 170-184.

16 Gärtner-Schüler und Täuber 2008, S. 80; Rudolf Zeitler, Skandinavische Kunst um 1900. 1. Aufl. Leipzig 1990, Seemann, S. 152 f.

17 Gärtner-Schüler und Täuber 2008, S. 80 – 82.

18 Ebenda, S. 80.

19 Ebenda, S. 82.

20 Klaus Albrecht Schröder et al. 2003, S. 339 – 351; Gärtner-Schüler und Täuber 2008, S. 82.

21 Gärtner-Schüler und Täuber 2008, Rückseite.

22 Ebenda, S. 68.

23 Munch beschäftigte sich in seinem Oeuvre u.A. auch mit Sexualität, sowie dem Geschlechterkonflikt zwischen Mann und Frau. In „Der Schrei“ scheint er sich für keines der beiden Geschlechter für die Figur im Vordergrund entscheiden zu können und entscheidet sich für ein geschlechterloses Wesen (Zeitler 1990, S. 68-70).

24 März 1998, S. 16.

25 Ebenda, S. 49.

26 Heller 1993, S. 13-18; Klaus Albrecht Schröder et al. 2003, S. 339 - 351; Zeitler 1990, S. 146 f.

27 Dt.: „Der Begriff der Angst“.

28 Charles Darwin, The Expression of the Emotions in Man and Animals. With Photographic and Other Illustrations, London 1872, Murray, S. 290-292.

29 Ebenda, S. 292.

30 Vakkari 2010, S. 175 f.

31 Gärtner-Schüler und Täuber 2008, S. 80 – 82.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Der Skandal um "Der Schrei" und "Die Verzweiflung" von Edvard Munch. Tod und Angst als Thema der Kunst und kunsthistorische Einordnung
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
Skandalkunst
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
44
Katalognummer
V518346
ISBN (eBook)
9783346172457
ISBN (Buch)
9783346172464
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Munch, Der Schrei, Expressionismus, Kunst, Die blauen Reiter, Skandal, Die Verzweiflung, Bild, Gemälde, Angst, Depression, Krieg, Psychologie, Psychoanalyse, 19. Jahrhundert, Fin-de-Siècle, Maler, Künstler, Frankreich, Paris, Norwegen, Revolution, Tod, Verzweiflung, Gefühle, Emotionen, Anton von Werner, Max Liebermann, Berlin, Munchen, Ausstellung, Ernst Ludwig Kirchner, Claude Monet, William Turner, Caillebotte, Impressionismus, Vincent van Gogh
Arbeit zitieren
Juliane Breit (Autor), 2019, Der Skandal um "Der Schrei" und "Die Verzweiflung" von Edvard Munch. Tod und Angst als Thema der Kunst und kunsthistorische Einordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/518346

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