Wie tickt der Gangster-Rap?

Eine Analyse der kulturellen Verständigung im Gangster-Rap


Hausarbeit, 2019

17 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung / Fragestellung

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Die Entstehung von Gangster-Rap

2 Wie viel „Gangster“ steckt im Gangster-Rap?
2.1 Sexismus im Gangster-Rap
2.2 Hegemoniale Männlichkeit und Gangster-Rap

3 Vom Sinn und Zweck des Gangster-Raps
3.1 Zwischen Kassenschlager und Emanzipationsversuch

4 Schlussbetrachtung

Quellenver zeichnis

Primärquellen

In ternetquellen

Songtexte

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung / Fragestellung

HipHop – insbesondere Gangster-Rap – ist schon lange nicht mehr nur ein Musik-Genre. Spätestens seit der kulturellen Wende in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lassen sich in den Kulturwissenschaften weitaus tiefgreifendere kulturelle Bedeutung für sämtliche Musikstile finden. Neben ihren Funktionen als Kulturgut innerhalb der Kulturindustrie, erhalten HipHop und Gangster-Rap durch die Einflüsse der Cultural Studies 1 vor allem soziologische Bedeutungsdimensionen, die nicht nur gesellschaftliche, sondern auch politische Auswirkungen mit sich bringen.

Kern dieser Arbeit ist es, den Blick auf genau diese soziologischen Bedeutungsdimensionen zu richten. Auf die sozialen Verhältnisse, die dem Gangster-Rap zu Grunde liegen. Gemeint sind damit im Genauerem die Produktion und Reproduktion von Identitäten und Machtverhältnissen des Feldes. Erst durch die Erschließung solcher Hintergrunddynamiken lässt sich ein Musikgenre – wie HipHop – als Kultur begreifen. Die Herleitung des Entstehungsprozess soll hier Abhilfe schaffen, die soziologischen Hintergrunddynamiken des Subfeldes Gangster-Rap zu erschließen. Diese Art der Analyse zeigt unter anderem auf, wie Sexismus und Gewalt mittels Gangster- Rap, Einzug in unsere heutige Popkultur erhalten haben und wie sich HipHop mit den Einflüssen des Gangster-Rap als Jugendkultur definieren lassen. Dabei ist es unumgänglich auch die Debatte der Sinnstiftung – insbesondere bei Jugendlichen – zu beleuchten und welche Rolle eine vorrangig neoliberale Gesellschaft dabei spielt. Es stellt sich also die Frage: Inwieweit die Bedeutung der Ethik überhaupt noch eine Relevanz im Neoliberalismus und unserem popkulturellen Zeitgeist hat und mit welcher Begründung die Ethik in der Popkultur weitestgehend ausgeblendet werden kann.

1 Die Entstehung von Gangster-Rap

Grundsätzlich lässt sich Gangster-Rap zunächst einmal als Subgenre des HipHop definieren. Demnach spielen die amerikanischen Wurzeln des HipHop auch im Gangster-Rap eine entscheidende Rolle, wenn es beispielsweise um die Frage der Authentizität eines Gangster-Rappers2 geht. Doch was genau ist im HipHop noch authentisch? Und was stellt den Bewertungsmaßstab für den mittlerweile globalisierten HipHop dar?

Die Ursprungserzählung des HipHop ist vor allem afroamerikanisch geprägt. Wie auch der Soul, besaß afroamerikanische Musik in den USA seit ihrer Entstehung auch immer wieder eine politische Dimension, die der diskriminierten schwarzen Bevölkerung eine künstlerische Stimme verliehen hat. HipHop führte diesen künstlerischen Protest fort, weshalb die HipHop-Kultur in Amerika auch unter den Namen americas first post-soul kids bekannt wurde3. Bestandteil des Protests war die kulturelle Verkörperung des Afroamerikanischen, die sich gegen den Rassismus und die Marginalisierung der schwarzen Bevölkerung zur Wehr setzte4. Durch die Dezentralisierung von HipHop und die ständige Aktualisierung der Interpretation der Ursprungserzählung, verlor die Kultur jedoch allmählich ihre politische Bedeutung für die schwarze Gesellschaft, wodurch sie nun eher als Sinnbild für einen allgemeinen antirassistischen Wiederstand und als allgemeines Sprachrohr ethnischer Minderheiten stand. Heute ist die kulturelle Identität des HipHop nicht mehr über die Ethnie bestimmbar. Sie ist vielmehr zu einem ständigen Prozess des Aushandelns und Differenzierens mit dem Mainstream geworden. HipHop kann jetzt auch vom weißen Mittelklasse-Rapper zur reinen Unterhaltung produziert werden. Diese Art von HipHop kann demnach als weniger authentisch gegenüber der Ursprungserzählung gesehen werden.

Gangster-Rap hingegen behält wesentliche Merkmale dieser Ursprungsauthentizität bei, wie sich auch am Beispiel des deutschen Gangster- Raps zeigen lässt. Dieser ist vor allem durch Migranten der zweiten Generation geprägt worden, deren Eltern an der Etablierung ihrer eigenen Gastarbeiter- Musik scheiterten. Sie scheiterten, da die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland, ausländische Musik als Provokation empfand und mit einem rassistischen Reflex reagierte5. Die HipHop-Kultur aus den USA gab jedoch eine Identifikationsmöglichkeit, ohne den zermürbenden Kampf der Eltern fortsetzen zu müssen. Die HipHop-Kultur war bereits etabliert und konnte nun ohne Zugangsbeschränkung übernommen werden6. Der Export der HipHop-Kultur aus den USA diente quasi als Sprungbrett in die Popkultur und wurde auch von den zuvor marginalisierten Subkulturen als solches genutzt. Der nun in Deutschland neu geborene Gangster-Rap wollte keine Parallelwelt zur Mehrheitsgesellschaft schaffen, sondern sich auf die gefürchtete Weise des HipHop-Ursprungsmythos aus den USA integrieren.

»Di e Generation Gangsta-Rap wollte vom Bordstein zur Skyline und wählte damit einen Weg, vor dem das Netzwerk in seinem Manifest ausdrücklich gewarnt hatte: „die Figur des jungen, zornigen Migranten, der sich von ganz unten nach oben auf die Sonnenseite der deutschen Gesellschaft boxt.“« 7 - Hannes Loh (Rapper und Autor) zitiert aus dem Manifest des Zusammenschlusses „Kanak Attak“.

Was sich hier beobachten lässt, ist die Entstehung einer Subkultur aus einem kulturellen Kompromiss, der im Wiederspruch zur dominanten kulturellen Ordnung steht8. Kultur und Subkultur lassen sich in diesem Zusammenhang mit den vom Soziologen Erving Goffman etablierten Begriffen der Vorder- und Hinterbuhne verstehen9. Gangster-Rap als Subkultur richtet sich gegen die hegemoniale Massenkultur und strahlt daher ein oppositionelles Verhalten auf der Hinterbuhne aus, dass nur Wenige verstehen, wahrend zugleich ein an die Popularkultur angepasstes Verhalten auf der Vorderbuhne prasentiert wird.

2 Wie viel „Gangster“ steckt im Gangster-Rap?

Wie sich aufgrund des vorangegangenen Kapitals erkennen lässt, ist HipHop aus einem Wiederstands-Charakter heraus entstanden, der sich heute vor allem in seiner Sparte des Gangster-Raps wiederfinden lässt. Dies zeigt sich vor allem in den Songtexten, die meist sehr aggressiv, teilweise sogar hasserfüllt gestaltet sind. An dieser Stelle sei vorweggesagt, dass sich der Gewaltschaden von Gangster-Rappern meistens auf die verbale Form beschränkt und nur in den wenigsten Fällen mehr „Gangster“ als Rapper in den Akteuren steckt. Die tatsächliche Waffe der Gangster-Rapper ist das Wort, dass auf eine revolutionäre Art und Weise einen martialischen Weg zur Selbstermächtigung einschlägt10. Gangster-Rapper sind aus dieser Perspektive als Antihelden zu betrachten, die sich zu Selbstermächtigungszwecken gerne in die Rolle des Gauners, Dealers oder Zuhälters begeben.

»Hi p Ho p stellt unsere Vorstellung von Gerechtigkeit durch den Blickwinkel der Ungerechtigkeit infrage.« - Jürgen Manemann (Philosoph) 11

Der Selbstermächtigungscharakter von Gangster-Rap wird daher vor allem in seiner Sprache deutlich. Hier greift er auf einen Jargon zurück, der geschichtlich dazu diente, marginalisierte Ethnien und Klassen zu verunglimpfen und nun dazu eingesetzt wird, die Akteure der rebellierenden Subkultur in ihrer Rolle als Außenseiter der Gesellschaft zu bestätigen12 (gemeint sind hier beispielsweise Wörter wie Nigga oder Kanake).

2.1 Sexismus im Gangster-Rap

Neben den gewaltverherrlichenden, sind die die sexistischen Strukturen im Gangster-Rap per se etwas kritischer zu betrachten, da sie sich nicht einfach durch den Ermächtigungscharakter legitimieren lassen. Auch wenn sie das männliche Geschlecht sehr wohl zur Ermächtigung verhelfen, so ist diese Art von Ermächtigung nicht zwangsläufig Teil der Ursprungserzählung des HipHop, sondern vielmehr als ein allgemeines Gesellschaftsproblem anzusehen, das im HipHop teilweise sehr ausgeprägt ist. Dies lässt sich sehr gut anhand der gängigen Frauenbilder im Gangster-Rap veranschaulichen, die bei vielen Rappern ambivalent zueinander koexistieren. Frauen werden hier entweder als Heilige oder Hure dargestellt. Vergöttert oder sexualisiert. Ersteres geschieht vor allem vor dem Hintergrund der mütterlichen Erziehung von vaterlosen Rappern; während letzteres den Gangster-Rap als Männerdomäne erscheinen lässt, in der das Kapital einer Frau auf ihren Körper reduziert wird13.

2.2 Hegemoniale Männlichkeit und Gangster-Rap

Aus soziologischer Perspektive lässt sich sowohl der Gewaltanteil, sowie auch der Sexismus im Gangster-Rap anhand des Konstrukts der hegemonialen Männlichkeit herleiten. Dieses Konstrukt begründet gewisse Attribute, wie beispielsweise einen ausgeprägten Wettbewerbssinn und Risikobereitschaft oder auch Dominanzverhalten, mittels der Gesellschaftsstrukturen, die den männlichen Akteuren zugrunde liegen. Dieses Phänomen beschränkt sich zudem nicht nur auf marginalisierte Subkulturen, sondern ist in allen männerdominierten Handlungsfeldern, wie der Ökonomie, Politik, Wissenschaft und vielen mehr aufzufinden14. Allerdings spielt die Kultur des Gangster-Raps insofern eine besondere Rolle, da sie versucht, die Strukturen der sozialen Männlichkeit aus der hegemonialen Massenkultur zu aktualisieren. So wird der Prototyp Gangster-Rapper aus der Unterschicht so in Szene gesetzt, dass sein Aufstieg zum wohlhabenden Popstar – und die damit verbundene Überwindung von Klassenunterschieden – besonders eindrucksvoll erscheint15. Die im Feld des Gangster-Raps wirkenden Machtrelationen lassen den Drang nach der Aktualisierung der hegemonialen Männlichkeit noch etwas nachvollziehbarer erscheinen. Eine intersektionale Perspektive zeigt hier auf, dass die Akteure zwar eine hegemoniale Position mittels des männlichen Geschlechts in ihrem Feld einnehmen, ihnen aber eine subordinierte Position aufgrund ihrer Ethnie oder Klasse in den meisten anderen Feldern zugeschrieben wird16. Die Leistungsfähigkeit des Mannes ist also ein zentrales Thema im Gangster-Rap, dem durch verschiedenste Formen Ausdruck verliehen wird. Sei es beispielsweise in – den vergleichsweise eher harmloseren – Wortgefechten (dem sog. Dissen oder Battlen) oder eben auch in der Objektivierung der Frau zur Zelebrierung des „männlichen Erfolgs“17.

[...]


1 Angelsächsischer Forschungsansatz der Kulturwissenschaften, der unter anderem die Bedeutung von Kultur als Alltagspraxis zu ergründen versucht.

2 In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit teilweise das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

3 Klein, Gabriele & Malte Friedrich. 2003: 56/57.

4 Klein, Gabriele & Malte Friedrich. 2003: 59/60.

5 Seeliger, Martin & Marc Dietrich (Hrsg.). 2017: 194.

6 Seeliger, Martin & Marc Dietrich (Hrsg.). 2017: 204.

7 Seeliger, Martin & Marc Dietrich (Hrsg.). 2017: 208.

8 Wimmer, Andreas. 2005: 41/42.

9 Klein, Gabriele & Malte Friedrich. 2003: 61.

10 Manemann, Jürgen & Eike Brock. 2018: 67.

11 Manemann, Jürgen & Eike Brock. 2018: 68.

12 Manemann, Jürgen & Eike Brock. 2018: 66.

13 Goßmann, Malte & Martin Seeliger (2013): »Ihr habt alle Angst, denn ich kann euch bloßstellen!« - Weibliches Empowerment und männliche Verunsicherung im Gangstarap auf pop-zeitschrift.de (09.09.2019).

14 Baur, Nina & Jens Luedtke (Hrsg.). 2008: 33/34.

15 Goßmann, Malte & Martin Seeliger (2013): »Ihr habt alle Angst, denn ich kann euch bloßstellen!« - Weibliches Empowerment und männliche Verunsicherung im Gangstarap auf pop-zeitschrift.de (09.09.2019).

16 Baur, Nina & Jens Luedtke (Hrsg.). 2008: 185.

17 Manemann, Jürgen & Eike Brock. 2018: 66.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wie tickt der Gangster-Rap?
Untertitel
Eine Analyse der kulturellen Verständigung im Gangster-Rap
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Soziologische Perspektiven auf die Popkultur am Beispiel von HipHop und angrenzenden Feldern
Note
2,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V518361
ISBN (eBook)
9783346112422
ISBN (Buch)
9783346112439
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gangster, Rap, Hip, Hop, kulturelle, Verständigung, soziologische, Perspektive, Popkultur, Enstehung, Sexismus, Hegemonial, Männlichkeit, Sinn, Zweck, Emanzipation
Arbeit zitieren
Niklas Pernat (Autor), 2019, Wie tickt der Gangster-Rap?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/518361

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