Das Sozialverhalten von Häftlingen

Sequenzanalyse eines Feldforschungsprotokolls aus einer Untersuchungshaftanstalt


Forschungsarbeit, 2019

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Das Gefängnis - Forschungsfeld und Interesse

2 Eine teilnehmende Beobachtung in der Untersuchungshaftanstalt
2.1 Die Beobachtung
2.2 Setting, Atmosphäre und eigene Position im Feld
2.3 Das Beobachtungsprotokoll

3 Die Sequenzanalyse
3.1 Erste Schlüsselsequenz
3.2 Zweite Schlüsselsequenz

4 Interpretationsansätze und Reflexion

Quellenverzeichnis

1 Das Gefängnis - Forschungsfeld und Interesse

Das Gefängnis - ein Staatsapparat, der dem Rechtssubjekt Heilung und Besserung bescheren soll. Begibt man sich in dieses Forschungsfeld, lohnt es sich einen Blick auf den Sozialcharakter des Feldes zu werfen. Aufgrund der Abschottung könne man meinen, das Leben in einem Gefängnis sei das Leben in einer Parallelgesellschaft. Aberdas Gefängnis ist nicht nur ein Staatskonstrukt. Es ist so viel mehr. Dies auszuführen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Und so stellt sich im Zusammenhang dieser Arbeit also die Frage nach der Pluralität der sozialen Orte, die das Gefängnis sein kann.

Das Gefängnis als sozialen Raum zu betrachten, bedeutet im soziologischen Sinn, das Gefängnis auch stets als institutionelle Praxis und totale Institution zu sehen, die eine Reihe von Habitus erfordern und reproduzieren. Diese Habitus widersprechen teilweise den offiziellen Zielen der Institution1. Bei dieser soziologischen Betrachtung ist es unumgänglich, zu Beginn dieser Arbeit, die Soziologen Michel Foucault und Erving Goffman zu erwähnen, die das weitverbreitete soziologische Verständnis von einem Gefängnis maßgebend prägen. Ihr wesentlicher Unterschied in der Betrachtung des Gefängnisses ist, dass Goffman sich zwar mit Foucault über die Überwachungsfunktion des Gefängnisses einig ist, nicht aber über die Disziplinarfunktion. Goffman nach decke sich die Praxis bei weitem nicht mit dem Ideal-Typ der Kontrolle, den Foucault entwirft2. Das Eintrittsritual totaler Institutionen führe bereits zu einer Zerstörung des Selbst3.

Somit lässt sich zumindest festhalten, dass das Gefängnis aus sozialer Sichtweise ein Raum der Abschottung zur Reduzierung der sozialen Einflüsse auf ein Minimum darstellen soll. Und nichtsdestotrotz findet Kultur innerhalb der Gefängnismauern statt. Besser gesagt, sie wird dort produziert. Das eigentliche Forschungsinteresse liegt daher in den Prozessen, die zu der Zusammensetzung einer Gefängniskultur führen und welche Besonderheiten diese gegenüber einer gängigen Mehrheitsgesellschaft vorweisen könnten. Neben den Staatsstrukturen spielen beispielsweise Parameter, wie Drogen, Gewalt und Gangrivalitäten eine von den Beamten wahrgenommene Rolle im Alltag der Häftlinge. Hinzuzufügen ist außerdem, dass somit der Forschende4, aufgrund der von den Beamten beschriebenen kriminellen Strukturen im Gefängnis, kaum mehr zwischen Unschuldigem und Schuldigem unterscheiden vermag, wohingegen sich die Justizvollzugsbeamten, insbesondere einer Untersuchungshaftanstalt, der Unschuldsvermutung verpflichtet haben.

Nebst den kriminellen Einflüssen wird der Gefängnisalltag in der Untersuchungshaftanstalt von seinem tristen Mauerwerk und der Verbildlichung dessen Macht geprägt. Das Machtkonstrukt Gefängnis demonstriert hier seine Überwachungsfunktion am deutlichsten in seinem Bauwerk. Die Haftanstalt wurde ursprünglich in einer panoptischen Bauweise errichtet, dessen Überbleibsel, wie beispielsweise die alten Wachtürme, nun allerdings nur noch der Symbolik dienen.

2 Eine teilnehmende Beobachtung in der Untersuchungshaftanstalt

Wie im vorangegangenen Kapitel erläutert wurde, liegt das Forschungsinteresse dieser Arbeit vor allem in den Besonderheiten des Sozialcharakters eines Gefängnisses. Dieses soll nun mit Hilfe einer Sequenzanalyse an zwei Auszügen aus dem Beobachtungsprotokoll der teilnehmenden Beobachtung aus der Untersuchungshaftanstalt^^^^J tiefer ergründet werden. Folglich werden nun das Beobachtungsprotokoll und die wahrgenommenen einflussnehmenden Parameter, wie beispielsweise Setting und Atmosphäre dargestellt werden.

2.1 Die Beobachtung

Für die Durchführung der Beobachtung musste diese Arbeit selbstverständlich entsprechende behördliche Hürden überwinden. Nach mehrfachem Vorstellen und einigen Anträgen wurde die Forschungsarbeit genehmigt und man gewahr, die Forschung an einem Hoffreigang und einem Stationsfreigang durchzuführen. Da das Ziel der Untersuchung die strukturelle Annäherung an das Forschungssubjekt beinhaltet, wurde besonderen Wert darauf gelegt, die Insassen nicht über unsere Tätigkeit aufzuklären. Für die Beobachtung des Hoffreigangs wurde hierfür extra ein Zimmer mit direktem Ausblick auf den Hof gewährt. Der Raum war karg eingerichtet. Tische und Stühle aus Holz. Durch die Gitterstäbe vor dem Fenster fühlte man sich beinahe wie in einer richtigen Zelle. Bei der Beobachtung des Stationsfreigangs gelang es uns hingegen leider nicht den Kontakt zum Personal gering zu halten. Ein Insasse entlarvte uns als Nichtzugehörige und knallte seine Zellentür zu. Unter Aufsicht der Beamten und mit portablen Alarmauslösern ausgestattet, brachen wir die zweite Beobachtung ab, da uns unter diesen Umständen keine strukturelle Annährung gelungen wäre.

2.2 Setting, Atmosphäre und eigene Position im Feld

Auszug aus dem Beobachtungsprotokoll vom 25.10.2019 - Einlass in die Untersuchungshaftanstalt^^^^J - 15:00 Uhr:

Ich fühle mich verunsichert. Ich denke, ich bin per se etwas von uniformierten Beamten mit derartigen Befugnissen eingeschüchtert. Nach der Sicherheitskontrolle empfangen uns zwei Wärter mit strengem Ton. Die Begrüßung ist ein kurzes, schroffes und lautes „Moin“. Ein kleiner Rundgang auf der Station lockert die Atmosphäre jedoch etwas auf. Zunächst werden wir von den Beamten mit kritischen Blicken gemustert. Vor allem die älteren entpuppen sich allerdings als äußerst gesprächige und zuvorkommende Gastgeber. Auf der Station herrscht bereits Stationsfreigang. Die Gefangenen schleichen hinter unseren Rücken durch die Gänge. Einige mustern uns kritisch. Das löst etwas Unbehagen aus. Der überwachende und strafende Charakter des Gefängnisses schreitet nun weiter in den Hintergrund. Insgesamt scheint es mir, dass anstatt der überwachenden, nun eine eher kriminelle Atmosphäre dominieren würde. Nachdem ein Gefangener vor unserer Nase seine Zellentür zuknallt, fühle ich mich eindeutig von den Insassen unwillkommen. Es erleichtert mich daher etwas, dass die Beobachtung des Hoffreigangs mit einer anderen Insassengruppe stattfinden wird, bei der uns Anonymität zugesichert worden ist.

Die Beobachtung des Hoffreigangs fand unbeobachtet und isoliert aus einem Zimmer mit offenen Fenstern und mit Blick auf den Hof statt. Mein Forschungspartner und ich hatten die Möglichkeit, unsere Beobachtungen mit gedämpfter Stimme zu kommentieren, ohne dass die Insassen im Hof etwas verstehen konnten. Schnell merkten wir, dass wir uns gegenseitig auf besonders herausstechende Typen aufmerksam machten. Die herausstechenden Merkmale wurden jedoch individuell in den Beobachtungsprotokollen aufgenommen. In dieser Arbeit werden daher teilweise subjektiv geprägte Spitznamen für die beobachteten Personen im Beobachtungsprotokoll verwendet.

2.3 Das Beobachtungsprotokoll

[Übersicht der beobachteten Subjekte:

- Person A: Spitzname "der Läufer".
- Person B: kein Spitzname
- Person C: Spitzname "der Brave". Agiert mit seinen beiden Freunden. -iner trägt eine blaue Baumwollmütze. Einer eine Baseball-Cap
- Person D: Spitzname "der Mafiosi"
- Person E: Spitzname "der Verrückte"
- Person F: kein Spitzname
- Person G: Spitzname "der Steuerhinterzieher"
- Gruppe A: kein Spitzname

[Person A / Der Läufer:] Erträgt eine gelbe, transparente Regenjacke und kurze Shorts, die nicht mal über die Knie reichen. Er hat graue, schulterlange Haare. Ich schätze ihn auf um die 50 Jahre. Er läuft seine Runden im Hof. Er ist der Zügigste.

[Person B:] Ein jüngerer Mann unter meinem Fenster hat ein Haufen Papierkügelchen oder ähnliches in der Hand und schnippt eine nach der anderen fort.

[Person A: / Der Läufer] Er ist der Schnellste von Ihnen und bewegt sich immer ganz außen. Er spricht mit niemanden.

[Person C / Der Brave:] Er ist vom jungen Alter. Um die Mitte 20. Weiß. Gepflegtes, halblanges Haar, dass von seinem Scheitel zur Seite und nach hinten fällt. Er hat eine große Brille auf. Er trägt eine Sweatshirt-Jacke. So eine wie sie bei H&M in allen Farben angeboten werden. Er sitzt neben zwei Anderen auf einer Bank. Seine Arme sind vor dem Bauch verschränkt. Er schaut abwechselnd gebeugt auf den Boden und zu seinen Banknachbarn rechts von ihm. Er sieht von allen hier am unschuldigsten aus. Jetzt trommelt er nervös mit seinen Händen auf seinen Beinen. Er unterhält sich mit den anderen Beiden. Dann stehen sie plötzlich auf. Einer von den Dreien hat eine blaue Baumwollmütze (er sieht hier im Vergleich auch ziemlich ordentlich aus) und spricht mit anderen Männern, die neben der Bank stehen. Die Anderen von seiner Bank sind schon aufgestanden und warten auf ihn. Als er fertig gequatscht hat, geht die Dreier­Gruppe ein paar Runden.

[Person A / Der Läufer:] Er guckt nun auffällig engstirnig. Er runzelt seine Stirn beim Laufen und fummelt zwei Runden lang an seinem Reißverschluss herum.

[Gruppe A:] Vier dunkelhäutige, junge Männer schreiten in einer Gruppe voran. Sie unterhalten sich auffällig lebendig, gestikulieren, reden und lachen. Ihre Stimmung ist heiter. Damit stellen sie hier eine Ausnahme dar. Einer von den vieren nimmt jedoch kurzzeitig etwas Abstand beim Laufen und kehrt dann wieder zu den anderen dreien zurück. Er hat nicht gelacht. Seine Mimik war ernster.

[Person D / Der Mafiosi:] Er sitzt breitbeinig auf einer Bank und spuckt hin und wieder auf den Boden. Er hat einen grauen 3-Tage-Bart und raucht. Seine Haare sind nach hinten gegelt. Unter seinem Trainingsanzug verbirgt sich eine kleine Wampe. Für mich sieht er wie ein Klischee-Mafiosi aus. Vor ihm stehen drei Männer und hören ihm respektvoll zu. Sie alle gehören hier zum älteren Schlag. Um die 50. Der Mann auf der Bank hat eine bestimmende Aura. Seine linke Hand liegt auf seinem Oberschenkel. In seiner rechten hält erseine Zigarette.

[Person C / Der Brave:] Der brave Junge dreht mit seinen beiden Kumpanen seine Runden. Die meiste Zeit redet der Typ mit der Baseball-Cap. Der Brave sagt eigentlich nie etwas. Aber er scheint sehr aufmerksam zuzuhören, indem er seinen Kopfin die Richtung des Erzählers dreht und ihm beim Gehen anschaut.

[Person E / Der Verrückte:] Er ist ein Typ mit vielen, zerzausten Locken, alter Jeanshose und Karo-Hemd. Er verhält sich selbst für dieses Umfeld merkwürdig. Er läuft langsame Schlangenlinien und schaut verwirrt aus. Plötzlich schreitet er mit einem Energieschub zur Hausmauer, setzt sich dort hin und wippt mit seinem Oberkörper hin und her.

[...]


1 Willems, Herbert. 1997: 131.

2 Willems, Herbert. 1997: 130/131.

3 Scheutz, Martin (hg.). 2008: 153.

4 Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit die männliche Sprachform bei einigen personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziertjedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Sozialverhalten von Häftlingen
Untertitel
Sequenzanalyse eines Feldforschungsprotokolls aus einer Untersuchungshaftanstalt
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Dabei sein ist (fast) alles. Ethnographie und Sequenzanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V518362
ISBN (eBook)
9783346118707
ISBN (Buch)
9783346118714
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialverhalten, Häftlinge, Gefängnisinsassen, Sequenzanalyse, Feldforschung, Protokoll, Untersuchungshaftanstalt, Hamburg, Gefängnis, teilnehmende Beobachtung, Feld, Schlüsselsequenz, Intepretation, Reflexion
Arbeit zitieren
Niklas Pernat (Autor), 2019, Das Sozialverhalten von Häftlingen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/518362

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