Hypnosystemische Beratung. Hypnosystemisches Menschenbild im nicht freiwilligen Kontext


Masterarbeit, 2019

164 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Theoretischer Teil

1 Einleitung und Aufbau der Arbeit

2 Hypnosystemischen Beratung
2.1 Einleitung und Definition
2.2 Grundlagen und Grundbegriffe in der hypnosystemischen Beratung
2.2.1 Willkürliche und unwillkürliche Prozesse
2.2.2 Trance und Hypnose
2.2.3 Aufmerksamkeitsfokussierung
2.2.4 Priming
2.2.5 Potentialhypothese
2.2.6 Systemischer Ansatz
2.2.7 Utilisation
2.2.8 Zielvisionsentwicklung
2.2.9 Seitenmodell oder Dissoziationsmodell
2.2.10 Pacen
2.3 Menschenbild und Haltung in der hypnosystemischen Beratung
2.3.1 Wertschätzung
2.3.2 Weitere Anmerkungen zu Wertschätzung in der Literatur
2.3.3 Transparenz und Vertrauen
2.3.4 Beratung auf Augenhöhe
2.3.5 Empathie
2.3.6 Auf das Anliegen der Klient*innen eingehen

3 Arbeitslosigkeit
3.1 Einleitung und Definition
3.2 Formen der Arbeitslosigkeit
3.3 Der neoklassische Ansatz und der keynesianische Ansatz
3.4 Gesundheitliche und soziale Auswirkungen von Arbeitslosigkeit
3.5 Unterstützungen
3.5.1 Arbeitslosengeld
3.5.2 Notstandshilfe
3.5.3 Bedarfsorientierte Mindestsicherung

4 Beratung im nicht freiwilligen Kontext
4.1 Definition und Einleitung
4.2 Die Art der Kontaktaufnahme
4.3 Macht im nicht freiwilligen Kontext
4.4 Motivation im nicht freiwilligen Kontext
4.5 Dreieckskontakte
4.6 Weitere Meinungen und Ansichten im nicht freiwilligen Kontext
4.7 Einteilung von Beratungen im nicht freiwilligen Kontext nach Rainer Göckler
4.8 Die Wichtigkeit von Hoffnung in der Beratung im nicht freiwilligen Kontext
4.9 Nicht freiwilliger Kontext aus hypnosystemischer Sicht

5 Widerstände in der Beratung
5.1 Einleitung und Definition
5.2 Grundsätzliches zum Widerstand
5.3 Weitere Meinungen zu Widerständen
5.4 Widerstände und das kreative Eingehen auf Widerstands-phänomene
5.5 Widerstand aus hypnosystemischer Sicht
6 Tätigkeitsschwerpunkt im Projekt step2job 2018

B Empirischer Teil

1 Forschungsfrage und Hypothesen
1.1 Forschungsfrage
1.2 Hypothesen

2 Methode
2.1 Fragebogenerstellung und Vorbereitung der Befragung
2.2 Interviewleitfadenerstellung und Vorbereitung der Interviews
2.3 Sampling: Die Grundgesamtheit im Projekt step2job 2018 bzw. im Vergleichsprojekt 2016
2.4 Statistik

3 Ergebnisse
3.1 Beschreibung der Stichprobe für die Befragung
3.2 Beschreibung der Stichprobe für die Interviews
3.3 Die einzelnen Personen im Interview
3.4 Durchführung
3.4.1 Durchführung der Befragung
3.4.2 Durchführung der Interviews
3.5 Auswertung
3.5.1 Auswertung der Ergebnisse der Befragung
3.5.2 Die Auswertung der offenen Frage und Anmerkungen im Fragebogen
3.5.3 Auswertung der Interviews

4 Zusammenfassende Diskussion, Beantwortung der Forschungsfrage und sonstige Meinungen
4.1 Einleitung und Darstellung der bisherigen Ergebnisse
4.2 Zusammenfassende Diskussion
4.2.1 Beantwortung der Hypothesen
4.2.2 Sonstige Ergebnisse aus den Interviews
4.2.3 Beantwortung der wissenschaftlichen Fragestellung
4.3 Abschlusszitate und Meinungen von Autoren, die die Forschungsfrage und die Hypothesen bestätigen

5 Kritik und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Tabellenverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

9 Anhang
9.1 Interview Frau P
9.2 Interview Herr F
9.3 Interview Herr G
9.4 Interview Herr H
9.5 Interviewleitfaden
9.6 Fragebogen
9.7 Zustimmungserklärung Fragebogen
9.8 Zustimmungserklärung Interview

Abstrakt

Im theoretischen Teil der Arbeit werden hypnosystemische Grundannahmen, das hypnosystemische Menschenbild, Beratung im nicht freiwilligen Kontext, Arbeitslosigkeit, die sich daraus ergebenden Probleme, Unterstützung bei Arbeitslosigkeit und Widerstände bzw. verschiedene Widerstandsphänomene erarbeitet und erläutert. Außerdem wird das Projekt step2job zur Integration von Langzeitarbeitslosen dargestellt. Zentraler Ansatzpunkt dieser Masterarbeit ist die Entwicklung eines hypnosystemischen Menschenbildes und die Haltung in der hypnosystemischen Beratung, das auf Wertschätzung, Beratung auf Augenhöhe, Empathie und das Eingehen auf das Anliegen der Klient*innen fußt. Der Wirkung dieses hypnosystemischen Menschenbild im beraterischen Kontext wird anhand einer empirischen Studie nachgegangen, wobei untersucht wird, ob hypnosystemische Beratung zur Verringerung von Widerständen im nicht freiwilligen Kontext in der Beratungs- und Betreuungseinrichtung step2job 2018 führt. Die Grundgesamtheit und die Stichprobe des Projekts step2job setzt sich aus Arbeitslosen, Notstandshilfebezieher*innen und Bezieher*innen der bedarfsorientierten Mindestsicherung zusammen. Die Studie bedient sich eines mixed-methods-Ansatzes, wobei in der quantitativen Untersuchung n=45 Personen der Beratungs- und Betreuungseinrichtung step2job zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten befragt wurden. In der qualitativen Untersuchung wurden vier Interviews mit Personen, die anfangs im Widerstand waren, aber im Laufe der Beratung zu einer Zusammenarbeit motiviert werden konnten, mittels eines Interviewleitfadens befragt. Aus den Interviews wurden Kategorien in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse von Philipp Mayring induktiv herausgearbeitet. Die Ergebnisse zeigen, dass hypnosystemische Beratung zur Verringerung von Widerständen führen kann, wenn Widerstände nicht als eine destruktive Kraft gesehen werden, sondern als verborgene Potentiale, welche gemeinsam von Klient*innen und Berater*in zur Entfaltung gebracht werden können.

Key-words: Hypnosystemische Beratung, Arbeitslosigkeit, nicht freiwilliger Kontext, Zwangskontext, Widerstand, Hypnosystemisches Menschenbild, Wertschätzung, Beratung auf Augenhöhe, Empathie, Motivation

Abstract

In the theoretical part of this master thesis, basic hypnosystemic assumptions, the hypnosystemic concept of humans, coaching in a non-voluntary context, unemployment and associated problems, support during periods of unemployment, and resistance together with different phenomena of resistance are considered and developed. In addition, the step2job project for the integration of long-term unemployed people is presented. The key starting point of this master thesis is the development of a hypnosystemic concept of humans and the attitude of hypnosystemic coaches, based on appreciation, provision of coaching on an equal footing, empathy, and responding to the clients’ concerns. The effect of this hypnosystemic concept of humans in a coaching context is analysed on the basis of empirical study. Here it is considered whether hypnosystemic coaching leads to a reduction of resistance in a non-voluntary context in the coaching and support facility of step2job 2018. The population and random sample of the step2job project comprises unemployed people, recipients of emergency benefit and recipients of needs-based minimum benefit. The study makes use of a mixed-method approach. In the quantitative part, n=45 people from the coaching and support facility of step2job 2018 were interviewed at two different times. In the qualitative part, an interview template was used for conducting interviews with four individuals who were resistant at the outset but were able to be motivated to cooperate in the course of the coaching. From the interviews, categories were worked out inductively based on the qualitative content analysis of Philipp Mayring. Results show that hypnosystemic coaching can lead to a reduction in resistance if resistance is not seen as a destructive force but rather as hidden potential which can be unfolded jointly by clients and coaches.

Keywords: hypnosystemic coaching, unemployment, non-voluntary context, forced context, resistance, hypnosystemic concept of humans, appreciation, coaching on an equal footing, empathy, motivation

A Theoretischer Teil

1 Einleitung und Aufbau der Arbeit

In dieser Masterarbeit soll der wissenschaftlichen Fragestellung nachgegangen werden, ob es durch hypnosystemische Beratung ˗ unter Berücksichtigung eines hypno-systemischen Menschenbilds ˗ zur Verringerung von Widerständen im nicht freiwilligen Kontext in der Beratungs- und Betreuungseinrichtung step2job 2018 kommt.

Diese Masterarbeit ist in zwei Teile gegliedert, in einen theoretischen und in einen empirischen Teil. Der theoretische Teil startet mit dem Kapitel „Grundlagen und Grundbegriffe in der hypnosystemischen Beratung.“ Hier werden Grundzüge der hypnosystemischen Beratung dargestellt und anschließend wird auf das Menschenbild und die Haltungen in der hypnosystemischen Beratung eingegangen. Im Kapitel „Grundzüge der hypnosystemischen Beratung“ wird auf willkürliche und unwillkürliche Prozesse, Trance und Hypnose, Aufmerksamkeitsfokussierung, Priming, die Potentialhypothese, den systemischen Ansatz, die Utilisation, die Zielvisionsentwicklung, das Seitenmodell oder Dissoziationsmodell und auf Pacen eingegangen. Im Kapitel „Menschenbild und Haltung in der hypnosystemischen Beratung“ werden Wertschätzung, Transparenz und Vertrauen, Beratung auf Augenhöhe, das Eingehen auf das Anliegen der Klient*innen und Empathie erläutert. Daran anschließend folgen ein Kapitel zur Beratung im nicht freiwilligen Kontext und ein Kapitel zur Berücksichtigung der hypnosystemischen Sicht im nicht freiwilligen Kontext. Das anschließende Kapitel widmet sich dem Thema Arbeitslosigkeit und den Formen der Arbeitslosigkeit, deren sozialen Folgen und verschiedenen sozialen Unterstützungen, welche die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit ein wenig abfedern sollen. Das Abschlusskapitel des theoretischen Teils behandelt die Tätigkeitsschwerpunkte im Projekt step2job 2018. Danach werden Widerstände und verschiedene Widerstandsphänomene in der Beratung aus einer hypnosystemischen Perspektive diskutiert.

Der empirische Teil dieser Masterarbeit erläutert die wissenschaftliche Fragestellung und damit verbundene Hypothesen. Daran anschließend wird auf die Fragebogenerstellung, die Vorbereitung auf die Befragung, die Interviewleitfadenerstellung und die Vorbereitung auf das Interview eingegangen. Ein Kapitel zur Grundgesamtheit und zur Statistik folgt. Im anschließenden Kapitel „Ergebnisse“ werden die Stichproben für die Interviews und für die Befragungen erläutert. Es folgt das Kapitel „Durchführung“. Hier wird die Durchführung der Interviews und der Befragungen dargestellt. Das letzte Kapitel diskutiert die Ergebnisse der Auswertung der Befragungen, der Interviews, der offenen Frage und der Anmerkungen im Fragebogen. In einem Kapitel der zusammenfassenden Diskussion der Ergebnisse und Beantwortung der wissenschaftlichen Fragestellung werden die Erkenntnisse dieser Arbeit diskutiert. Ein letztes Kapitel beschäftigt sich kritisch mit dieser Masterarbeit und gibt einen Ausblick auf mögliche anknüpfende Untersuchungen.

2 Hypnosystemischen Beratung

2.1 Einleitung und Definition

Beim Literaturstudium hat der Verfasser dieser Arbeit verschiedene Werke der Hypnosystemik miteinbezogen. Aufgefallen ist, und so merkt auch Marc Lindart im Jahr 2016 an, dass man nur auf eine „überschaubare Anzahl an Veröffentlichungen zurückgreifen kann.“ (Lindart, 2016, S. 120) Nach Lindart findet die hypnosystemische Wissensvermittlung hauptsächlich in Ausbildung und Seminaren statt, die wiederum hauptsächlich gestützt sind auf Seminarunterlagen und Videos. Forschungsarbeiten und Studien zum Thema Hypnosystemik findet man selten (vgl. Lindart, 2016, S. 143). Dies hat sich bis zum Jahr 2019 zwar geändert, bei der Literatursuche zum Menschenbild bzw. Haltungen in der hypnosystemischen Beratung wird man aber nicht sehr fündig. Von einem hypnosystemischen Menschenbild bzw. Wertehaltung wird an einigen Stellen in verschiedenen Büchern ansatzweise geschrieben. An einigen Stellen wird in unterschiedlichen Werken auf Wertschätzung, Wichtigkeit von Empathie, auf das Anliegen der Klient*innen einzugehen, Beratung auf Augenhöhe und Transparenz eingegangen. Explizite Ausführungen findet man aber nur komprimiert auf der Seite der Systelios-Klinik bzw., in einem Interview von Bernhard Trenkle mit Gunther Schmidt wieder, wo näher darauf eingegangen wird. Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Menschenbild in der hypnosystemischen Beratung erscheint sinnvoll.

Im ersten Teil dieses Abschnittes sollen aus Sicht des Verfassers dieser Arbeit wichtige hypnosystemische Grundlagen dargestellt werden, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Anschließend wird auf das hypnosystemische Menschenbild und die hypnosystemische Haltung der Beratungspersonen eingegangen.

Im folgenden Abschnitt beinhaltet der Begriff Berater*in und Beratung sowohl Beratung, Coaching als auch Therapie, wie Gunther Schmidt diese auch als Empfehlung gibt. Eine genaue Abgrenzung dieser Begriffe ist laut Schmidt nicht sinnvoll, da sie nur Versuche sind, die Realität zu konstruieren (vgl. Schmidt, 2016a, S. 75). Demgemäß wird in dieser Arbeit vorrangig der Begriff Berater*in verwendet, wobei darunter auch Therapeut*innen und Personen, die Coaching anbieten, fallen (vgl. Schmidt, 2012, S. 33).

Definition: „Mit „hypnosystemisch“ wird hier das Modell bezeichnet, welches sich im Laufe der letzten 25 Jahre als Ergebnis meiner Bemühungen herausgebildet hat, systemische Konzepte der Psychotherapie und Beratung (Coaching, Teamentwicklung, Organisationsentwicklung) mit den Modellen der kompetenzaktivierenden Ericksonschen Hypno- und Psychotherapie und anderen dazu passenden Konzepten (z.B. aus Psychodrama, Körpertherapien u.a.) zu einem konsistenten Integrationskonzept zu verbinden und auszubauen.“ (Schmidt, 2012, S. 38)

Dieser Ansatz ist in den letzten Jahren weiter ausgebaut worden, speziell auch durch viele Rückmeldungen von Kolleg*innen von Schmidt. Der Begriff „hypnosystemisch“ verbindet in erster Linie zwei ähnliche Konzepte. Jenes der systemischen Ansätze der Psychotherapie und jenes der Beratung mit Aspekten der Ericksonschen Hypnotherapie. Mit dem hypnosystemischen Beratungsansatz kann sehr gezielt auf die Klient*innen eingegangen werden, besser und flexibler als mit traditionellen Verfahren, rein systemischen oder rein hypnotherapeutischen Ansätzen (vgl. Schmidt, 2016a, S. 7).

Schmidt drückt dies weiter so aus: „So wird dann – viel mehr als dies mit traditionellen systemischen Konzepten alleine möglich ist – ein geradezu maßgeschneidertes Eingehen auf die Einzigartigkeit der Menschen ermöglicht, mit denen gearbeitet wird.“ (Schmidt, 2016a, S. 9)

Gemäß des hypnosystemischen Modells entsteht Leiden durch das Abweichen eines Ist-Zustands von jenem eines Soll-Zustands oder Ideal-Zustands. Ohne Ideal-Zustand gäbe es demnach kein Problem. Erst durch das Ausmalen des Ideal-Zustands entsteht ein Problem, weil die Ist-Situation nicht so ist wie die Soll-Situation. D. h. ein Problemerleben erfolgt nur dadurch, dass ein Ziel bzw. ein Ideal-Zustand aufgebaut wird (vgl. Schmidt, 2016a, S. 61).

Individuelles Erleben besteht im Sinne von Schmidt aus nicht stabilen Assoziationsnetzwerken oder Mustern, die immer wieder aktuell abgerufen werden. Um Veränderung zu bewirken, ist es nicht notwendig, ein ganzes Muster zu ändern, sondern es reicht, Unterschiede an einem oder auch mehreren Punkten einzuführen. Somit kann Veränderung als das Einführen von Unterschieden definiert werden. Forschungsergebnisse der modernen Hirnphysiologie belegen, dass zwar Kontextbedingungen im System wichtig sind, aber dass das menschliche innere Erleben nicht genau gesteuert werden kann und ein Mensch nicht zu einem bestimmten Erleben gezwungen oder angewiesen werden kann. Es bleibt demnach Menschen selbst überlassen, ob durch das Einführen von Unterschieden in der Beratung, durch beispielsweise einer Trance, Menschen diese Unterschiede aufgreifen und sich ändern (vgl. Schmidt, 2016a, S. 8-9, Schmidt, 2012, S. 38-39).

2.2 Grundlagen und Grundbegriffe in der hypnosystemischen Beratung

2.2.1 Willkürliche und unwillkürliche Prozesse

Trance kann aufgefasst werden als eine Überleitung von willkürlichem Erleben zu mehr unwillkürlichem Erleben. Willkürlich meint demnach selbst gemacht und verantwortet. Unwillkürlich meint in diesem Sinne außerhalb der direkten Steuerung, als ob eine andere Instanz dafür verantwortlich wäre. Hierbei muss zwischen unbewusst und unwillkürlich, am besten an Hand des Beispiels des Herzschlags, differenziert werden. Der Herzschlag ist ein unwillkürlicher Prozess, der aber bewusst wahrnehmbar ist. Das bedeutet, dass nicht automatisch alle unwillkürlichen Prozesse unbewusst sein müssen (vgl. Schmidt, 2016a, S. 18-21).

„Bei der Betrachtung der Dynamik von Symptomen zeigt sich praktisch immer sehr deutlich, dass die Kraft des willkürlichen Wollens meist keine Chance hat gegen unwillkürliche Prozesse.“ (Schmidt, 2016a, S. 44) Man kann dies so zusammenfassen: Ich will, aber es geht nicht. Ein Teil in den Klient*innen, der willkürliche Teil, will Veränderung. Ein anderer Teil, der unwillkürliche Teil, stellt sich aber der Veränderung entgegen. Diese Prozesse werden vom willkürlichen Teil nicht verstanden und auch oft abgewertet oder bekämpft (vgl. Schmidt, 2016a, S. 44). „…das bewusste „Ich“ erlebt sich ja als dem unwillkürlichen „Es“ ausgeliefertes Opfer.“ (Schmidt, 2016a, S. 44) Wenn dieser unwillkürliche Teil in der Folge bekämpft wird, so verstärkt sich das Problem dann auch noch, da unwillkürliche Prozesse schneller und effektiver ablaufen als willkürliche Prozesse (vgl. Schmidt, 2016a, S. 44-45).

Die Placebo-Forschung bestätigt die Kraft von unwillkürlichen Prozessen. Wenn jemand glaubt, das was man tut hilft, dann wird es auch helfen, umgekehrt hat dies auch seine Wirkung und wird als Nocebo-Effekt bezeichnet (vgl. Dietrich, 2016, S. 43, Dispenza, 2014, S. 67).

2.2.2 Trance und Hypnose

Eine wichtige Unterscheidung ist jene der Hypnose von der Trance. Kommen Menschen in die Beratung und wollen als bewusste willkürliche Erlebnisinstanz Veränderung, so sind sie häufig mit unwillkürlichen, körperlichen und seelischen Prozessen konfrontiert. Manche empfinden sich auch als Opfer dieser unwillkürlichen Prozesse. Die Beratung soll Menschen dabei helfen, sich von ungewünschten Prozessen zu lösen und unwillkürliche Prozesse in eine, für die Klient*innen günstige Entwicklung zu bringen. Die gezielte Beeinflussung unbewusster und unwillkürlicher Prozesse ist das Aufgabengebiet der Hypnotherapie (vgl. Schmidt, 2016a, S. 11).

Unter Hypnose verstehen die Therapeut*innen Interaktions- und Kommunikationsprozesse, welche in der Therapie und Beratung eingesetzt werden, um Selbsthypnose oder Fremdhypnose hervorzurufen. Hypnose ist demnach das Verfahren oder die Prozedur, um Bewusstseinszustände zu erzeugen und anzuregen. Trance ist der Ausdruck, der für Bewusstseinszustände steht. Trance ist also das Ergebnis dieser Prozedur bzw. dieser Hypnose. Trance gibt es schon seit Jahrtausenden in verschiedenen Kulturkreisen. Was unterschiedlich ist, ist der Prozess zur Entwicklung von Trance. In unserem Kulturkreis erfolgt Trance meist nach innen gerichtet, passiv, entspannt mit geschlossenen Augen. In anderen Kulturkreisen findet dies auch sehr aktiv, beispielsweise mittels Tanz, statt. Bei aller Unterschiedlichkeit der Zugänge zu Trance gibt es einen zentralen verbindenden Punkt, nämlich das unwillkürliche Erleben (vgl. Schmidt, 2016a, S. 12, Schmidt, 2012, S. 41-43).

Die Vorgehensweisen in der Hypnose haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. In früheren Zeiten wurde versucht den Klient*innen auf autoritäre Weise Suggestionen einzureden. In unserer Zeit ist der Zugang entspannter. Schmidt führt dazu an: „Man kann letztlich niemanden dazu bringen oder zwingen, ein Angebot von außen gegen den eigenen Willen umzusetzen.“ (Schmidt, 2016a, S. 15) Weiters merkt Schmidt an: „Jede Fremdsuggestion wirkt nur als selbstgesteuert umgesetzte Idee„ (Schmidt, 2016a, S. 15) Demnach können Informationen und Reize von außen kommend Veränderungen bewirken. Dieser Effekt ist jedoch in seiner Auswirkung ungewiss und nicht genau steuerbar, da er selbstgesteuert umgesetzt wird (vgl. Schmidt, 2016a, S. 15).

Trancezustände sind jedem Menschen vertraut, wenn auch nicht bewusst, und müssen nicht gelernt werden. Beispielweise wird man im Alltagsleben die Kleidung auf der Haut oder die Armbanduhr am Handgelenk nicht mehr spüren, was auch als Analgesie bezeichnet wird. Wenn man in einer Trance dazu angeleitet wird wieder die Armbanduhr oder die Kleidung auf der Haut zu spüren, so kann man sich dessen wieder bewusst werden und sie spüren, was als Hyperalgesie bezeichnet wird. Die Sinnesreize waren immer da, gingen aber im Alltag unter. Durch bewusstes Fokussieren der Aufmerksamkeit auf diese Reize kann man sie wieder wahrnehmen. Durch Trance kann ein Unterschied in ein problemstabilisierendes Muster eingeführt werden und somit auch eine Änderung im Muster bzw. im Verhalten bewirkt werden (vgl. Schmidt, 2016a, S. 16-17).

Gunther Schmidt und Helmut Rießbeck zählen folgende Trancephänomene als Folge einer Hypnose auf: Dissoziation, Altersregression, Altersprogression, Zeitverzerrung, Amnesie/Hypermnesie, Analgesie/Hyperalgesie, Identifikation, positive/negative Halluzination, Katalepsie, Tunnelvision/Röhrenblick, Zeitausdehnung/Zeitverkürzung, innere Bilder, innere Sätze (unwillkürliche Tonbandschleifen). Beispielsweise wird der Trancezustand Analgesie in der Therapie eingesetzt, um Schmerzen zu lindern (vgl. Schmidt, 2016a, S. 14; Rießbeck, 2013, S. 57).

Milton Erickson, der als Vater der Hypnose gilt, verstand es auf Menschen in der Kommunikation mittels verschiedener Techniken auf Menschen einzugehen und sie in eine zieldienliche Richtung zu beeinflussen, oft auch ohne einer Trancesitzung, sondern nur durch eingebaute Trancen in Konversationen. Diese hypnotischen Techniken wurden oftmals in Form von Geschichten oder Anekdoten verpackt (vgl. Zeig, 2013 S. 21-23). Erickson selbst hat nur in einem Viertel der Fälle mit Tranceinduktionen gearbeitet (vgl. Schmidt, 2016a, S. 92). Auch heute werden in der hypnosystemischen Beratung nur in wenigen Fällen Tranceinduktionen gemacht, sondern es wird versucht, in einer Art Konversationstrance Einladungen auszusprechen, damit die Klient*innen ihren Fokus ändern, beispielsweise weg vom Problemerleben in einen kraftvollen Zustand. Es werden sozusagen hypnotherapeutische Prozesse in ein Gespräch verpackt (vgl. Schmidt, 2016a, S. 20). Anhand eines Beispiels soll das kurz dargestellt werden. Ein alkoholabhängiger Klient, dessen gesamte Familie d.h. sein Bruder, seine Eltern und Großeltern und auch seine Frau und deren Eltern ebenfalls alkoholabhängig waren, kam zu Erickson und wollte sich Unterstützung bei ihm holen, um vom Alkohol wegzukommen. Erickson machte keine Therapie mit ihm, sondern erteilte ihm den Auftrag, in den botanischen Garten zu gehen und sich Kakteen anzusehen, die drei Jahre ohne Regen überleben konnten und dass er darüber nachdenken sollte. Einige Jahre später erfuhr Erickson von der Tochter des aufsuchenden alkoholabhängigen Klienten, dass seit dem Besuch ihres Vaters bei Erickson, er selbst und auch ihre Mutter aufgehört hatten zu trinken (vgl. Sidney, 2003, S. 96-97).

Nach Schmidt haben Trance-Prozesse große Ähnlichkeit mit Flow-Prozessen, wo nach seiner Meinung eine Koordination von willkürlichen und unwillkürlichen Prozessen stattfindet und erhöhte Kompetenz und Glücksgefühle erlebt werden können (vgl. Schmidt, 2016a, S. 22-23). Das „Flow-Konzept“ stammt von Mihaly Csikszentmihalyi (Vgl. Csikszentmihalyi, 2010, 2017). „Flow“ ist ein Erlebenszustand, wo die Anforderungen den Fähigkeiten bei der Lösung einer Aufgabe entsprechen und wo sich die betreffende Person bei der Erfüllung einer Aufgabe weder unterfordert noch überfordert fühlt und somit in den Zustand eines Glücksgefühls kommt (vgl. Hücker & Jung, 2014, S. 7).

Die Flowforschung zeigt auch, dass die Motivation steigt, wenn Menschen sich am Steuer ihres Lebens sehen. Flow kann als eine Erfahrung des vollständigen Einsseins mit dem Leben definiert werden (vgl. Csikszentmihalyi, 2017, S. 11).

2.2.3 Aufmerksamkeitsfokussierung

Laut Schmidt entsteht menschliches Erleben durch Fokussierung von Aufmerksamkeit. Die Absicht der Hypnotherapie ist es, sich unwillkürliche Prozesse durch Aufmerksamkeitsfokussierung zu Nutze zu machen. Aufmerksamkeitsfokussierung ist das Zusammenführen von verschiedenen Erlebniselementen, wie visuellen Elementen in Form von beispielsweise inneren oder äußeren Bildern oder Filmen, auditiven Elementen, inneren und äußeren Dialogen, kinästhetischen, gustatorischen und olfaktorischen Elementen. Hierbei gilt aber, dass durch jede Einflussnahme von Seiten des Beraters oder der Beraterin, beispielsweise in Form von Suggestionen, Klient*innen nicht von außen direkt beeinflusst werden können. Eine äußere Fremdsuggestion muss demnach in eine Selbstsuggestion umgewandelt werden. Deswegen kann man auch Suggestionen nie als eine Art Befehl verstehen, weil sie immer innerlich verarbeitet und umgesetzt werden müssen. Zusammengefasst kann gesagt werden, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt. Durch Änderungen der Aufmerksamkeit verändert sich die Physiologie, das Denken und das Fühlen (vgl. Schmidt, 2016a, S.34-39, Schmidt, 2012, S. 48-51).

Marc Lindart hat ein anschauliches Konzept der Aufmerksamkeitsfokussierung entwickelt. Siehe Abbildung 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Prinzip der Aufmerksamkeitsfokussierung (Quelle. Lindart, 2016, S. 131)

Auf der Abbildung ist der gesamte Raum von Erlebnissen eines Menschen aufgezeichnet und beinhaltet demnach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit einer Vielzahl an Möglichkeiten, wohin die Aufmerksamkeit fokussiert werden kann. Wenn ein Mensch nur Defizite, Probleme, Gefahren, Ablehnung oder Ängste wahrnimmt, so wird er eine andere Wirklichkeit erleben, als wenn er den Fokus auf Ressourcen wie Stärken, Chancen, Lösungen oder soziale Unterstützung lenken würde. Im Beratungskontext ist es demnach sinnvoll, die Aufmerksamkeit auf Stärken und Ressourcen zu lenken (vgl. Lindart, 2016, S. 130-131).

Beispielsweise kann sich ein Mensch durch einen Konflikt hilflos ausgeliefert fühlen. Durch gezielte Fragen, wie dieser Mensch schon in vergangenen Zeiten Konflikte gelöst hat und wie sich dieser Mensch verhalten hat, kann der Fokus wieder auf Ressourcen gelenkt werden (vgl. Lindart, 2016, S. 134).

Zum Thema Aufmerksamkeitsfokussierung und Lösungssuche schreiben auch Vera Starker und Tilman Peschke, dass die Berater*in als anteilnehmender Mensch gemeinsam mit den Klient*innen den Fokus dorthin lenken und erkunden soll, was die Klient*innen für Bedürfnisse und Ziele haben und was es zu erleben und zu erspüren gibt (vgl. Starker & Peschke, 2017, S. 40).

Martin Weckenmann gibt einen interessanten Anknüpfungspunkt in Richtung Zen-Buddhismus. Hier wird auch mittels Aufmerksamkeitsfokussierung eine Art innere Beobachterposion aufgebaut (vgl. Weckenmann, 2011, S. 265).

Gerald Hüther und Klaus-Dieter Dohne merken an, dass Aufmerksamkeitsfokussierung nur entstehen kann, wenn der Frontallappen aktiviert ist. Der Frontallappen ist ein Kontrollzentrum im menschlichen Gehirn. Nach Hüther und Dohne fördern hypnosystemische Modelle die Aktivierung des Frontallappens und somit der Aufmerksamkeitsfokussierung (vgl. Hüther & Dohne, 2011, S. 50).

2.2.4 Priming

In Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsfokussierung ist auch das Priming zu sehen. „Priming beschreibt, anders ausgedrückt, schlicht Prozesse der Aufmerksamkeitsfokussierung, durch die unbewusst physiologische Reaktionen, Haltungen, emotionale Reaktionen und Absichten aktiviert werden können.“ (Schmidt, 2016, S. 40)

Joe Dispenza versteht unter Priming, dass das Umfeld wie Orte, Dinge, Personen oder Situationen bestimmte Assoziationen auslösen, die im Gehirn angelegt bzw. miteinander verdrahtet sind (vgl. Dispenza, 2014, S. 82-83).

Die kurze Beschreibung einer wissenschaftlichen Studie soll kurz illustrieren, wie Priming wirkt. Bei dieser Studie wurden 220 Studentinnen gefälschte Forschungsberichte vorgelegt, wobei behauptet wurde, dass Männer in Mathematik um 5 % besser wären als Frauen. Einer Gruppe wurde mitgeteilt, dass dies genetisch bedingt wäre und man gab dieser Gruppe entsprechend gefälschte Berichte zu lesen. Eine zweite Gruppe bekam Unterlagen und Berichte, nach denen diese Unterschiede auf klischeehaften Vorstellungen der Lehrpersonen beruhten. Dann absolvierten beide Gruppen einen Mathematiktest. Jene Gruppe, die über die genetischen Nachteile der Frauen informiert wurden, schnitten bei diesem Test schlechter ab als Frauen, die Informationen bekamen, dass dies eine klischeehafte Vorstellung wäre (vgl. Dar-Nimrod & Heine, 2006, S. 435).

2.2.5 Potentialhypothese

Ein grundsätzliches Konzept in der Hypnotherapie ist die Potentialhypothese, welche vereinfacht besagt, dass jeder Mensch alle Kompetenzen für Lösungen schon in sich hat, auch wenn das nicht immer so aussehen mag (vgl. Schmidt, 2016a, S. 38). Jeder Mensch trägt demnach eine Fülle an Potentialen in sich, um Erlebnisse gestalten zu können. Das bedeutet, dass die Menschen auch über Potentiale für eine mögliche Lösungsgestaltung verfügen. Diese möglichen Erlebnis- und Lösungsgestaltungen will die Hypnotherapie nutzen, da diese auch schon im unbewussten Erlebnisrepertoire zur Verfügung stehen und abgerufen werden können. Wenn im Erlebnisprozess auf bestimmte Wahrnehmungsmöglichkeiten fokussiert wird, so wird man diese Erlebnisprozesse als assoziiert erleben, als wäre man mitten in diesem Erlebnis. Wenn welche ausgeblendet werden, so erlebt man diese als dissoziiert bzw. als wäre man ein*e Beobachter*in dieses Geschehens. Selbst wenn sie aber ausgeblendet werden, bleiben sie als mögliches Potential verfügbar. Erickson selbst war als Jugendlicher an Polio erkrankt und hatte keine Möglichkeit, sich mitzuteilen, da er gelähmt war. Schmidt schreibt, dass Erickson unwillkürlich durch Imagination und aus einem Sehnsuchtsgefühl, sich mitteilen zu wollen, eine besondere Gabe entwickelte, unwillkürliche Prozesse hervorzurufen und seine Gesundheit zu heilen. Beispielsweise berichtet Schmidt, dass aus diesem Sehnsuchtsgefühl heraus Erickson einen Schaukelstuhl zum Bewegen gebracht hatte. Das Bewegen des Schaukelstuhls war dann der Anlass, seine Aufmerksamkeit mehr auf Empfindungserfahrungen des Gehens zu lenken und er lernte dann nach monatelanger Arbeit mittels Fokussierung wieder zu gehen (vgl. Schmidt, 2012, S. 51-53).

Die Potentialhypothese geht nach Schmidt davon aus, dass alle Ressourcen im Menschen bereits angelegt sind. Nach Daniel Dietrich kennt jeder Mensch sich, seine Wünsche und seine Abläufe selbst am besten und demnach ist sie*er selbst die*der Expert*in und sollte dies nicht bedingungslos an eine*n Expert*in abgeben (vgl. Dietrich, 2016, S. 28).

2.2.6 Systemischer Ansatz

Der systemische Ansatz hat sich aus der Familientherapie heraus entwickelt. In Laufe der Zeit wurde der systemische Ansatz um verschiedene Wissenschaftszweige erweitert. Menschliches Erleben und Verhalten wird nach dem systemischen Ansatz immer mit anderen Menschen und Umweltfaktoren in Wechselwirkung also in Beziehung zueinander vollzogen. Diese Wechselwirkungen folgen bestimmten Regeln und diese Regeln reproduzieren sich auch wieder von selbst, wobei Anpassungen an geänderte Umweltbedingungen des Systems laufend erfolgen (Morphogenese). Hierbei verstehen sich die Wechselwirkungen als ein gegenseitiges Feedback an die jeweils im System Beteiligten. Demnach kann nicht mehr von einem Ursache-Wirkungs-Prinzip ausgegangen werden, es gibt vielmehr wechselseitige Beeinflussungen. In der heutigen Zeit werden systemische Konzepte nicht nur in der Familientherapie angewendet, sondern sie finden in der Beratung sozialer Systeme wie Therapeut*innen-Klient*innen-Beziehung, Organisationen und Teams entsprechende Anwendung (vgl. Schmidt, 2016a, S. 50-51, Schmidt, 2012, S.18).

Schmidt zeigt folgende wichtige Punkte in der systemischen Beratung auf (vgl. Schmidt, 2016a, S. 53-56, Schmidt, 2012, S. 21-24).

Zirkularität: Entscheidend sind die Wechselwirkungen und Beziehungen zwischen den Beteiligten in einem System und nicht die einzelnen Beteiligten. „Jedes Verhalten jedes Beteiligten ist gleichzeitig Ursache und Wirkung des Verhaltens der anderen Beteiligten (Zirkularität).“ (Schmidt, 2016a, S. 53) Genaueres zum Begriff der Zirkularität findet man bei Gregory Bateson (vgl. Bateson, 1982).

Kommunikation: Die Art und Weise, wie Kommunikation wechselseitig geregelt wird und wer, wie, mit wem, wann kommunizieren kann und wer zum System gehört und wer nicht (vgl. Schmidt, 2016a, S. 53).

Kontext: Es muss der ganze Kontext bzw. der Situationszusammenhang beachtet werden, da aus dem Zusammenhang herausgerissene Beschreibungen ansonsten nicht mehr verstehbar sind. Demzufolge muss auch gesehen werden, ob etwas als Kompetenz bzw. Lösung oder als Inkompetenz und Problem gesehen wird und insbesondere vom Kompetenzrahmen abhängt, in welchen es gestellt wird. Demzufolge kann ein Rauschmittel im Kontext eines schamanischen Rituals als bereichernde Erfahrungsweise gesehen werden. Wenn dieses Rauschmittel aber in einer Kneipe übermäßig konsumiert wird, so kann dies als verbesserungswürdige Verhaltensweise beschrieben werden (vgl. Schmidt, 2016a, S. 53-54).

Konstruierte Wirklichkeit: Wird beispielsweise der Fokus darauf gelenkt, was fehlt oder nicht funktioniert oder was unerwünscht ist, so wird die Sichtweise der Beteiligten, wie z.B. Klient*innen und Berater*innen eingeengt. Dadurch können dann Kompetenzen und Lösungen nicht mehr gesehen werden, wodurch die erlebte Kompetenz oder das Selbstvertrauen der beratenden Person sinken kann (vgl. Schmidt, 2016a, S. 54-55).

Muster und Regeln: In einem System laufen Mikromuster und Makromuster ab. Mikromuster sind Erlebnisabläufe im Inneren einer*s jeden am System Beteiligten. Diese werden auch von Makromustern beeinflusst. Makromuster sind Muster und Abläufe, die sich in Interaktion nach gewissen Regeln dieses Systems mit anderen Beteiligten des Systems ergeben. Regeln sind demnach beispielsweise Rollenverteilungen, Hierarchieprozesse und Entscheidungsregeln.

In der Hypnotherapie sind gerade diese Mikromuster von zentraler Bedeutung. Jedes System tendiert dazu, Muster stabil zu belassen, da dies Orientierung und Sicherheit gibt. Damit sich ein System weiter aufrechterhalten kann, in einer sich ständig ändernden Umwelt, braucht es aber auch Musteränderungen (vgl. Schmidt, 2016a, S. 55-56, Schmidt, 2012, S. 23-24).

2.2.7 Utilisation

„Utilisation besagt, dass alles was ein Klient an Einstellungen mitbringt, für therapeutische Ziele genutzt werden kann.“ (Trenkle, 2011, S. 348) Bewertungen über die Einstellungen von Klient*innen sollten in der Beratung nicht gemacht werden. Vielmehr sollte die Einstellung der Klient*innen dazu genutzt werden, um eine neue Richtung in der Beratung einzuschlagen. Diejenige Person, die beobachtet oder bewertet, bestimmt, ob etwas als Kompetenz oder Inkompetenz angesehen wird. Diese Bewertung erfolgt anhand von Zielkriterien. Wenn die Zielkriterien erfüllt sind, ist es eine Kompetenz, andernfalls eine Inkompetenz (vgl. Schmidt, 2012, S. 59-60).

Erickson verstand es, maßgeschneidert für seine Klient*innen Geschichten und Metaphern in einem Gespräch in Beratungen einzubauen, die die Klient*innen auf tieferer Bewusstseinsebene bewegten und ihnen auch begegneten. Anhand eines Beispiels soll kurz das Utilisationsprinzip dargestellt werden, wo die*der Berater*in eine*n Klient*in in ihrem*seinem sehr individuell anmutenden Weltbild und ihren*einen Einstellungen abholt und sie*ihn unterstützt, ihre*seine Ziele zu erreichen. Ein Klient in einer psychiatrischen Klinik glaubte, dass er Jesus sei. Einige Therapeut*innen hatten schon vergeblich versucht ihn zu behandeln. Als Erickson dies hörte, forderte er ihn auf, ein Bücherregal für ihn zu bauen, da Jesus bekanntlich Zimmermann war. Dieser willigte ein und war für weitere Interventionsschritte wieder zugänglicher und konnte behandelt werden (vgl. Trenkle, 2011, S. 348-349). Wenn demnach ein Problemmuster anders behandelt, beschrieben und bewertet wird, so kann bei sorgfältiger Anwendung eine Kompetenz enststehen (vgl. Schmidt, 2016a, S. 116-117).

2.2.8 Zielvisionsentwicklung

Nach Erickson ist eine Zielbestimmung am Beginn einer Beratung sehr wichtig. Dabei sollten die Ziele möglichst erlebniswirksam und so detailgenau wie möglich beschrieben werden, damit sie besser fokussierbar und in einer Imagination aufgenommen werden können. Ziele sollten demnach gewisse Kriterien erfüllen. Beispielsweise sollten sie auf ein Ziel hingerichtet sein und nicht weg von einem Problem. Demnach wäre eine Aussage – ich möchte, dass meine Schmerzen in den Schultern und im Bauch weg sind –- abzuändern beispielsweise in eine Ausssage – ich möchte wieder ein ganz entpanntes Gefühl der Leichtigkeit im Bauch und den Schultern verspüren. Das ist einfach gesagt und oft schwierig umzusetzen in einer Beratung, weil wenn Menschen in einer Problemtrance sind, der Wunsch sehr groß ist, es einfach weghaben zu wollen und dann Gedanken der Leichtigkeit fast unmöglich erscheinen. Die Beratungspersonen sollten hier mit Fragen und gegebenenfalls auch mit Vorschlägen unterstützen, die Aufmerksamkeit auf das gewünschte Erlebnis zu fokussieren. Diese Fragen sollten von den beratenden Personen nicht aus einer Expert*innenposition gestellt werden, sondern vielmehr aus einer Helfer*innenposition heraus, aus der den Klient*innen Angebote gemacht werden, wie ein*e Realitätenkellner*in, also wie ein*e Kellner*in die*der verschiedene Menüs zur Auswahl hat. Diese*r Realitätenkellner*in wartet dann die Reaktion seiner Klient*innen geduldig und wertschätzend ab, welche dann selbst frei auswählen können (vgl. Schmidt, 2012, S. 64-66).

Wichtig ist es aber auch, dass Leiderlebnisse ernst genommen und nicht bagatellisiert werden. Ebenso sollten die intensiven Gefühle und Emotionen der Klient*innen beachtet und wertgeschätzt werden (vgl. Schmidt, 2016a, S. 59).

„Die subjektiven Leidenserlebnisse sollten unbedingt sehr geachtet und würdigend behandelt werden.“ (Schmidt, 2016a, S. 59) An anderer Stelle schreibt Schmidt, dass Veränderungen mit Achtung und Würdigung unterstützt werden sollten. Das inkludiert auch, dass gesehen wird, dass das Problem belastend war und es eine Herausforderung war, es anzugehen und es zu verändern. Die Sichtweise, dass das gar nicht so schwer ist oder war, ist dabei weniger hilfreich (vgl. Schmidt, 2016a, S. 71).

2.2.9 Seitenmodell oder Dissoziationsmodell

Hypnotherapie geht von der Annahme aus, dass Menschen sich aus mehreren Persönlichkeitsanteilen zusammensetzen. Welcher Persönlichkeitsanteil dabei im Vordergrund steht, hängt von der Fokussierung der Aufmerksamkeit ab in dem Sinne, dass Energie der Aufmerksamkeit folgt. Dies haben auch verschiedene schamanische Traditionen im Laufe der Zeit herausentwickelt (vgl. Schmidt, 2016a, S. 39). Das Seitenmodell oder Dissoziationsmodell nach Schmidt arbeitet mit gegensätzlichen Seiten oder Persönlichkeitsanteilen, einer unwillkürlichen Seite und einer bewussten Seite. Es geht davon aus, dass der Mensch aus verschiedenen Persönlichkeitsanteilen besteht, manche sind bewusst, die meisten arbeiten aber unwillkürlich. Oft gibt es unterschiedliche Zielvorstellungen der unwillkürlichen und der bewussten Seite, wodurch Konflikte entstehen können. Eine Seite im Menschen will beispielsweise Gewicht abnehmen, die andere – die unwillkürliche – hat aber andere Zielvorstellungen und das Ergebnis ist Druck oder ein Problemerleben. Möglicherweise verlieren die Klient*innen an dieser Stelle viel Energie und sehen sich als Opfer. Wenn unterschiedliche Seiten in der Beratung genutzt werden, dann hilft das den Klient*innen, zu erkennen, dass das nur eine Seite von ihnen ist, aber nicht der gesamte Mensch. Das kann helfen, Abstand zu gewinnen und das Problem aus einer neuen Perspektive, aus der Perspektive der*des Beobachter*in zu sehen und so Zugang zu neuen Lösungen zu gewinnen. Hierbei ist aber auch die Wertschätzung durch die Berater*innen wesentlich. Dadurch kann es auch möglich werden, beispielsweise Widerstand als Lösungsversuch zu sehen, der seinen Zweck hat oder hatte. Wenn diese Seite des Widerstands, beispielsweise nicht abnehmen zu wollen, gewürdigt und wertgeschätzt wird, dann können sich neue Strategien ergeben (vgl. Starker & Peschke, 2017, S. 50-51; Schmidt, 2016a, S. 96-97).

Dem Seitenmodell entsprechend merkt Jochen Peichl an, dass es nur eine Seite in mir ist bzw. ein Teil in Klient*innen ist, der sich in Form von einem inneren Kritiker oder Widerständen zeigt (vgl. Peichl, 2013, S. 62).

2.2.10 Pacen

Veränderung bedeutet auch, dass man Klient*innen in ihrer subjektiven Weltsicht wertschätzend und akzeptierend abholt. Durch diese Würdigung der eigenen Weltsicht kann die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, dass die Klient*innen aktiver mitarbeiten bzw. kooperieren. Diese Maßnahmen der Würdigung nannte Erickson auch Aufbau einer kooperativen Ja-Haltung (vgl. Schmidt, 2016, S. 85).

John Grinder und Richard Bandler haben dafür den Begriff „Pacing“ eingeführt, was so viel wie mit dem anderen im Takt mitgehen und des Sich-Einstellen auf die beratende Person, bedeutet (vgl. Grinder & Bandler, 2011, S. 26-27).

Beim Pacen soll auf das Erleben der Klient*innen Rücksicht genommen werden, ohne die eigenen Absichten und Positionen und Bedürfnisse, die für eine Zusammenarbeit notwendig sind, aufzugeben. Demzufolge sollte Pacing in allen Phasen der Therapie und Beratung erfolgen, damit Klient*innen achtungsvoll begegnet werden kann und sie sich wertgeschätzt fühlen. Pacing kann beispielsweise dadurch erfolgen, dass ähnliche Sprachmuster von Berater*innen übernommen werden, durch Empathie der Berater*innen, dass die Berater*innen eine ähnliche Körperhaltung einnehmen oder der Atemrhythmus an den der Klient*innen angeglichen wird (vgl. Schmidt, 2016a, S. 85-86).

Die Beratung alleine durch Pacing zu machen, wird nicht sinnvoll sein. Es ist wichtig, auch Unterschiede einzuführen. Dies muss wohldurchdacht sein, da dies auch zu Widerständen führen kann. „Einerseits sollten sie das Erleben der KlientInnen empathisch bestätigend begleiten und wertschätzen.“ (Schmidt, 2016a, S. 86) Andererseits sollten die Berater*innen als Expert*innen die Klient*innen dabei unterstützen, neue Lösungswege zu finden. Dies sollte aber immer auf Augenhöhe geschehen. Die Berater*innen sollten demnach nicht als ein „besser Wissender“ auftreten, die*der die einzige Realität kennt, sondern vielmehr als ein*e Realitätenkellner*in, die*der den Klient*innen unterschiedliche Realitäten anbietet, ohne eine besser als die andere zu bewerten. Die Klient*innen sind dann auch die Personen, die auswählen, da nur diese selbst wissen können, was auch gut für sie ist. Somit werden die Klient*innen auch zu Kooperationspartnern auf Augenhöhe. Dies ist auch ein zentrales Rollenverständnis als Berater*in im Sinne von Schmidt (vgl. Schmidt, 2016, S. 86-87, S. 90). In diesem Sinne merkt Schmidt an, dass ein*e Berater*in für Hypothesenbildung und Fragen sehr klug sein sollte. Für Antworten sollten sie aber nicht all zu klug sein, hier können sie sich auch dumm stellen (vgl. Schmidt, 2011, S. 27).

Pacing ist demnach der erste Schritt. Als ersten Schritt sollen die Beratungspersonen mittels Pacing die Klient*innen bestätigen und abholen. Andererseits sollten als zweiter Schritt Unterschiedlichkeiten zur bestehenden Realität herausgearbeitet werden. Das sollte durch Aufmerksamkeitsfokussierung auf neue Aspekte erfolgen, die zur Problemlösung geeigneter sind, als die bisherigen Fokussierungen auf Probleme. Die Beratung findet wertschätzend auf Augenhöhe zwischen Gleichberechtigten statt und Unterschiede werden in einer Art Gespräch (Konversationstrance) mittels Fragen herausgearbeitet (vgl. Schmidt, 2016a, S. 86-87, S. 90).

Auch so manches leidvolle Erleben von Klient*innen sollte wertgeschätzt werden, als ein möglicher Lösungsversuch und nicht als eine Inkompetenz oder Unfähigkeit. Es kann sein, dass diese Lösungsversuche aus einem inneren Wissen heraus geleitet werden, um aufzuzeigen, dass etwas Wichtiges für die Klient*innen fehlt (vgl. Schmidt, 2016a, S. 89). “Die Probleme können so als kompetente Botschafter unbewussten Wissens wertgeschätzt und gleichzeitig genutzt werden.“ (Schmidt, 2016a, S. 89)

2.3 Menschenbild und Haltung in der hypnosystemischen Beratung

Da es in der Literatur keine Werke gibt, die sich explizit mit dem hypnosystemischen Menschenbild oder dieser Haltung auseinandersetzen, möchte der Autor dieser Arbeit hier einen Überblick über Einblicke in das hypnosystemische Menschenbild in verschiedenen Werken wie Büchern, einem Interview und den Internetseiten der Systelios-Klinik geben. Die Ausführungen hier sind ergänzend zum Kapitel „Grundlagen der hypnosystemischen Beratung“ zu sehen, wo auch schon verschiedene Punkte, wie jene des Pacen, Anmerkungen zur Wichtigkeit der Wertschätzung, der Beratung auf Augenhöhe und der Würdigung der Anliegen der KlientInnen, angeführt wurden.

2.3.1 Wertschätzung

Schmidt hat neben verschiedenen Funktionen auch die des ärztlichen Leiters und Gründers der Systelios Klinik (vgl. Schmidt, 2019) in Siedelsbrunn in Deutschland inne, welche der Autor dieser Arbeit im Mai 2018 im Rahmen eines Ausbildungslehrgangs „Hypnosystemische Beratung und Intervention“ besucht hat. Es ist eine private Akutklinik für Psychotherapie und psychosomatische Gesundheitsentwicklung, die im Jahr 1997 ihre Tätigkeit aufgenommen hat.

Beim Studium der Homepage (vgl. Schmidt, 2019) und anderer Unterlagen der Klinik konnten folgende Punkte zum Menschenbild herausgearbeitet werden. „Wertschätzend und auf Augenhöhe, anerkennend und empathisch.“ (Schmidt, 2019) So sollten Begegnungen mit Klient*innen stattfinden. Demnach werden Klient*innen als Expert*innen für den eigenen Entwicklungsprozess gesehen. Statt Wahrheiten werden alternative Sichtweisen angeboten, die die Wahlmöglichkeiten der Klient*innen erweitern können. Durch hypnosystemische Beratung und Therapie soll gewährleistet werden, dass Menschen selber künftige Situationen und Herausforderungen ihren Zielen entsprechend steuern können. Die Menschen sollen so wieder lernen, den Zugang zu ihrem unbewussten Kompetenzrepertoire zu finden (vgl. Schmidt, 2019).

An anderer Stelle der Homepage kann man weiters hierzu lesen: Den Klient*innen sollte wertschätzend, kooperativ und auf Augenhöhe begegnet werden. Diese Haltung ist auch Grundlage der Organisationskultur. Nicht nur Klient*innen wird so begegnet, sondern auch den Menschen, die in der Systelios-Klinik arbeiten. Außerdem sind auch noch …„Autonomie, Selbststeuerung, Selbstwirksamkeit und Gestaltungsfreiheit wichtige Bestandteile eines sinnerfüllten Lebens“… in der Arbeit mit Klient*innen aber auch in Organisationen . (vgl. Schmidt, 2019)

2.3.2 Weitere Anmerkungen zu Wertschätzung in der Literatur

An verschiedenen Stellen in der Literatur sprechen Autor*innen über die Wichtigkeit der Wertschätzung, dass Würdigung und Empathie wichtig sei und eine Beratung auf Augenhöhe stattfinden sollte. Beispielsweise schreibt Roland Kachler über die Wichtigkeit der Wertschätzung und der liebevollen Würdigung in der Beratung (vgl. Kachler, 2018 S. 78-79, 176).

In der systemischen Beratung ist nach Klaus Mücke die unbedingte Haltung der Wertschätzung und Würdigung den Klient*innen gegenüber ein Wesensmerkmal. Die Würdigung und Anerkennung der Klient*innen mit all ihren Stärken und auch Defiziten und Schwächen, also nicht nur das Hervorheben der positiven Aspekte, oder derjenigen Dinge, die schon gut funktionieren (vgl. Mücke, 2003, S. 27; Lindart, 2016, S. 115).

Nach Lindart ist neben Pacen auch Wertschätzung ein wichtiger Grundpfeiler in der Hypnosystemik. Demnach ist es nicht nur wichtig, die Klient*innen und deren Probleme und Widerstände wertzuschätzen, sondern, dass sich auch die beratende Person selbst wertschätzt. Das bedeutet, dass die beratende Person geanauso auf ihre eigenen Bedürnisse achten soll, auf eine achtungsvolle und empathische Art und Weise, wie auf jene der Klient*innen (vgl. Lindart, 2016, S. 127; Schmidt, 2016a, S. 30). Wertschätzender Umgang mit Menschen bedeutet laut Schmidt, mit anderen Menschen so umzugehen, wie man es selber gerne hätte, das diese mit einem umgehen sollten. Das bedeutet auch, dass die Berater*innen auch auf ihre eigenen Bedürfnisse Rücksicht nehmen und für diese achtungsvoll sorgen sollen, genauso wie auch auf jene von Klient*innen (vgl. Schmidt, 2011, S. 27).

Bedingungslose Wertschätzung ist nach Sabine Geiger und Stephen Baumgartener sehr zentral und stellt eine Herausforderung für die beratenden Personen dar. Sie gehen von der Annahme aus, dass alles menschliche Verhalten einen Sinn hat und dass damit Bedürfnisse erfüllt werden wollen. Es ist dieser Annahme gemäß gut, die Klient*innen trotz mancher Probleme und Eigenschaften als liebenswerte Menschen zu sehen und ihnen entsprechend zu begegnen. Es mag zwar Probleme und Verhaltensweisen geben, die diese Klient*innen behindern oder auch anderen Menschen Schaden zufügen. Es gibt aber immer unterschiedliche Strategien, um die Bedürfnisse zu befriedigen, und diese Klient*innen haben die beste Strategie möglicherweise noch nicht gefunden. Die Beratungspersonen unterstützen sie dabei auf eine wertschätzende und empathische Art und Weise, einen anderen Weg oder eine andere Strategie zu finden, denn es gibt eine Fülle an Möglichkeiten, Lösungen zu finden (vgl. Geiger & Baumgartner, 2015, S. 85-86, Rosenberg, 2009, S. 201-208).

Wertschätzung ist auch laut Ortwin Meiss bei Klient*innen wichtig, die nach den ICD-10 Kriterien schon „austherapiert“ sind und als hoffnungslos erscheinen. Solche Menschen sind dabei zu unterstützen, ihre Kompetenzen wieder zu aktivieren und so hilfreiche Entwicklungen einleiten zu können. Weiters kritisiert Meiss eine entwürdigende Hierarchie zwischen Berater*innen und Klient*innen. Eine Beratung auf Augenhöhe ist demnach geeigneter für eine Beziehungsgestaltung in der Therapie und Beratung. Es sollten nicht Anweisungen, Ratschläge oder Belehrungen von Berater*innenseite oder anderen helfenden Personen wie Familienangehörigen und Freunde gegeben werden, insbesondere nicht aus einer one-up-Position, die zeigt, dass es die Berater*innen besser wissen, bzw. wo die Berater*innen sich selbst über die Klient*innen stellen. Wenn sich die Berater*innenseite als Fachperson sieht, die mehr über die Klient*innen weiß als die Klient*innen über sich selber wissen, dann bringt das die Klient*innen in ein Dilemma. Einerseits, wenn die Ratschläge gut waren, dann waren sie selbst nicht gut genug, um selber darauf zu kommen. Wenn der Ratschlag nicht funktioniert, ist es noch aussichtsloser, weil eben nichts funktioniert und alles aussichtslos erscheint. Außerdem kann eine Beratung, die nicht auf Augenhöhe basiert, Widerstände hervorbringen (vgl. Meiss, 2016, S. 12 und S. 127-129). Eng im Zusammenhang mit dem wertschätzenden Aspekt steht nach Schmidt auch die Transparenz.

2.3.3 Transparenz und Vertrauen

Transparenz sollte in allen Beratungsschritten gegeben sein. Das bedeutet, dass Angebote und Schritte von Berater*innenseite erklärt werden, damit sie auch für die Klient*innen Sinn ergeben und nachvollziehbar sind. Die Klient*innen sollten demnach gleichrangige wertgeschätzte Kooperationspartner sein. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass die Klient*innen das Gefühl haben, die Situation selbst steuern zu können und eine Wahlfreiheit zu haben. Dadurch erhöht sich die Motivation (vgl. Schmidt, 2016a, S. 96-97).

Demnach sollen Menschen, die Beratung aufsuchen, völlige Klarheit über den Ablauf der Beratung haben und sie sollen eingeweiht sein in verschiedene Prozesse. Es sollte demnach nichts versteckt oder geheim gemacht werden, selbst wenn dies in positiver Absicht der beratenden Person geschieht. Diese Transparenz im Beratungsprozess soll auch das Vertrauen der Klient*innen fördern (vgl. Schmidt, 2012, S. 27-31).

Mechthild Reinhard schreibt zu Eigenkompetenz und Vertrauen folgendes: „Die hypnosystemische Formel: Dort wo und wie die Aufmerksamkeit hingeht, dort entsteht Wirklichkeit, sollte bahnende Anwendung finden.“ (Reinhard, 2014, S. 312) In diesem Sinne sollten auch die Beratungspersonen unterstützen, damit die Klient*innen aus einer ausweglos erscheinenden Situation wieder Vertrauen in ihre unbewussten Ressourcen und in sich selbst setzten können. Dies sollte aber nicht in Eigenregie der Beratungspersonen, sondern gemeinsam mit den Klient*innen erfolgen (vgl. Reinhard, 2014, S. 282 und 312).

Gerald Hüther und Klaus-Dieter Dohne merken zum Thema Vertrauen an, dass Vertrauen, insbesondere in die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, bei Veränderungen das wichigste Mittel ist, um aus alten Mustern auszubrechen und um neue Erfahrungen machen zu können. Weiters schreiben Hüther und Dohne, dass hypnosystemische Modelle vielfältige Einsatzmöglichkeiten bieten und dass sie auch die Basis für eine innere Haltung und Einstellung seien, um wirksame Intervenionen erfahrbar werden zu lassen (vgl. Hüther & Dohne, 2011, S. 40 und S. 52).

2.3.4 Beratung auf Augenhöhe

In einem Interview mit Bernhard Trenkle spricht Gunther Schmidt über ein anderes Menschenbild in der hypnosystemischen Beratung, wo auf Augenhöhe Beratung stattfinden soll. Insbesondere in der Systelios-Klinik kommen hypnosystemische Beratung und das damit verbundene Menschenbild zum Einsatz, es wird auch von Klient*innen gesprochen und nicht von Patient*innen.

Ausgangslage ist demnach, dass alle Menschen ein großes Potential an Fähigkeiten im sogenannten unwillkürlichen Erfahrungsrepertoire zur Verfügung haben, auch wenn sie schon lange Zeit in Probleme verstrickt sind. Die Beratung oder Therapie soll als ein Aufmerksamkeitsfokussierungsritual aufgebaut sein, sodass die Menschen wieder in ihre Eigenkompetenz kommen können. Demnach wird Erleben durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit erzeugt. Die Beratung soll auf eine sehr würdigende und achtungsvolle Art und Weise geschehen, damit sich die Menschen wertgeschätzt fühlen. Empathie, Pacing und Transparenz sind weitere Merkmale dieses Beratungsansatzes. Erfolglose Versuche der Klient*innen sollten würdigend gesehen werden und als Versuch, wieder in die Eigenkompetenz zu kommen. Es stehen auch nicht die Störungen im Vordergrund, sondern vielmehr die dahinterstehenden Bedürfnisse. Wertschätzung ist demnach in der ganzen Beratung zentral, insbesondere aber auch, wenn die Klient*innen leiden, denn bei Leid melden sich demnach wieder Bedürfnisse, die anzeigen, dass etwas nicht in Balance ist oder etwas fehlt. Die beratende Person assistiert demnach den Klient*innen dabei etwas Hilfreiches zu entwickeln. Es ist nach Auffassung der modernen Hirnforschung immer die Leistung der Klient*innen, denn diese wird von innen heraus erzeugt. Die Beratungspersonen oder Therapeut*innen sind demnach nur Erinnerungshilfe für die eigenen Kompetenzen. Wenn das so gehandhabt wird, erleben die Klient*innen auf eine sehr würdigende Art und Weise, wieder in ihre Eigenkompetenz zu kommen „Es ist eine zentrale Oberzielrichtung Würdigung und Wertschätzung.“ (Schmidt, 2016b). Für Schmidt ist der Erfolg einer Beratung und Therapie gekennzeichnet dadurch, wenn am Ende die Klient*innen wissen, dass sie selbst es bewerkstelligt haben, dass es ihnen besser geht und auch für die Zukunft wissen, was sie in schwierigen Lebenssituationen für sich tun können. Die Beratungsperson ist demnach eine Unterstützungshilfe, die den Klient*innen auf Augenhöhe auf würdigende und wertschätzende Art und Weise empathisch begegnet (vgl. Schmidt, 2016b).

2.3.5 Empathie

Empathie oder Einfühlungsvermögen ist die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, dessen Gedankengänge und Gefühle zu erkennen, aber auch deren Ursache zu verstehen. Empathie ist eine Basis, durch die eine tragfähige Beziehung zwischen Klient*innen und Berater*innen funktionieren kann. Neben Empathie ist gemäß Bernhard Strauß und Dankwart Mattke darüber hinaus noch Respekt, Wärme und Authentizität wichtig (vgl. Strauß & Mattke, 2012, S. 78).

Laut William Miller und Stephen Rollnick ist Empathie der Beratungsperson ein wichtiger Faktor, um erfolgreiche Veränderungen in der Beratung einzuleiten, was mit Forschungsergebnissen untermauert wird. Wichtig in diesem Zusammenhang erscheint auch unbedingte Wertschätzung und Echtheit der Beratungsperson, wobei Empathie der Beratungsperson hier besonders hervorsticht (vgl. Miller & Rollnick, 2009, S. 21-22).

Empathie findet auch in anderen Konzepten und Therapieansätzen ihren Niederschlag. Beispielsweise in der gewaltfreien Kommunikation. „Empathie bedeutet ein respektvolles Verstehen der Erfahrungen anderer Menschen.“ (Rosenberg, 2009, S. 113) Dies bedeutet, nicht alleine mit den Ohren hinzuhören, sondern den Verstand leer zu machen und offen zu sein mit allen Empfangskanälen. Das beinhaltet demnach auch, den anderen ohne vorgefasste Meinungen oder Bewertungen zu begegnen, auch ohne ihnen Ratschläge oder die eigene Meinung mitzuteilen. Jedenfalls sollte den Gesprächspartner*innenn die notwendige Zeit gegeben werden, um ihr Anliegen vorzubringen. Manchmal reicht es auch, einfach nur da und präsent zu sein, abseits eines intellektuellen Verstehens. Empathie geben zu können setzt auch voraus, dass wir selbst Empathie haben (vgl. Rosenberg, 2009, S. 113-125).

Nach Sabine Geiger und Sibylle Baumgartner geht es in der gewaltfreien Kommunikation nicht um eine erlernbare Technik, sondern um ein Bewusstsein, um Mitgefühl, um eine Haltung, den anderen mit Offenheit zu begegnen. Eine Annahme in der gewaltfreien Kommunikation ist, dass jeder Mensch für sein Verhalten einen guten Grund hat. Auch wenn das Verhalten unangebracht erscheint, so kann doch damit versucht werden, ein wichtiges Bedürfniszu erfüllen. Die*Der Berater*in hilft und unterstützt die Klient*innen dabei (vgl. Geiger & Baumgartner, 2015, S. 13, 20, Rosenberg, 2009).

Schmidt hebt in seinen Texten öfters die Wichtigkeit von Empathie hervor, beispielsweise zum Rollenverständnis der Berater*innen. „…sollten sie das Erleben der KlientInnen empathisch, bestätigend begleiten und wertschätzen.“ (Schmidt, 2016, S. 86) An anderer Stelle zu Verschlechterungen oder Rückfällen (Schmidt nennt dies Ehrenrunden) meint Schmidt, dass den Klient*innen mittels Empathie über deren Frustration hinweggeholfen werden sollte (vgl. Schmidt, 2016a, S. 93-94).

2.3.6 Auf das Anliegen der Klient*innen eingehen

Beim Aufbau des Beratungssystems soll auf das Anliegen der Klient*innen eingegangen werden. „Therapie und Beratung werden in aller Regel angelegt für die Anliegen der Klient*innen in ihren üblichen Lebenskontexten.“ (Schmidt, 2016, S. 80) Schmidt verwendet hierfür auch den Begriff Heimatsystem. Um erfolgreich Beratungen durchführen zu können, ist es demnach unumgänglich, auf das Anliegen des Heimatsystems bzw. der Klient*innen einzugehen. Weiters schreibt Schmidt: „Das Beratungssystem muss deshalb auch aufgebaut werden als kompetenzfokussierend, würdigend, zieldienlich, Sinn ergebend, motivierend, als gleichrangige Kooperationspartnerschaft.“ (Schmidt, 2016a, S. 82)

3 Arbeitslosigkeit

3.1 Einleitung und Definition

Arbeitslosigkeit ist ein Themengebiet, das die Menschen zur Zeit politisch, gesellschaftspolitisch aber auch individuell bewegt. In den fünfziger und sechziger Jahren war die Arbeitslosenrate, bedingt durch ein kontinuierlich hohes Wirtschaftswachstum, sehr gering. In den siebziger Jahren kam es durch einen Ölpreisschock zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit und diese ist seit den siebziger Jahren wieder ein Thema in der breiten Öffentlichkeit geworden (vgl. Rothschild, 1994, S. 1-2).

Definition: „Arbeitslos sind Leute, die als unselbständige Arbeitskräfte gegen Entlohnung arbeiten möchten und keinen Arbeitsplatz finden können.“ (Rothschild, 1994, S. 2) Die Arbeitslosenquote ist demnach der Prozentsatz der arbeitslosen Menschen gemessen an allen unselbständig erwerbstätigen Menschen. Es gibt zwei Formen der Zählung der arbeitslosen Menschen. Die erste Form ist im Rahmen des Mikrozensus, einer Befragung eines repräsentativ ausgewählten Personenkreises in Österreich. Die zweite Form erfasst jene Personen, die sich beim Arbeitsmarktservice (AMS) arbeitslos melden. Hierbei gibt es aber Fehlzählungen, da nicht alle arbeitslosen Menschen sich auch beim AMS registrieren, da sie beispielsweise keine Arbeitslosenunterstützung erhalten (vgl. Rothschild, 1994, S. 4-5). Eine bewährte Gliederung der Arbeitslosigkeit ist jene in friktionelle, saisonale, konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit, wobei die zwei letztgenannten eine ernstere Form der Arbeitslosigkeit darstellen (vgl. Rothschild, 1994, S. 1-3).

3.2 Formen der Arbeitslosigkeit

Friktionelle Arbeitslosigkeit wird dadurch verursacht, dass beispielsweise ältere Leute aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden und jüngere Menschen in den Arbeitsmarkt aufgenommen werden. Die durch diesen Wechsel bedingte Anzahl an Arbeitslosen lässt sich auch in einer Hochphase der Konjunktur nicht verringern, da es immer eine Zeit lang dauert – infolge z.B eines Suchprozesses – bis ein neuer Arbeitsptatz besetzt werden kann. Diese Form der Arbeitslosigkeit ist nicht vermeidbar, meist eher kurzfristig und dadurch auch kein großes Problem. Durch effiziente Informationspolitik kann der Zeitraum der Arbeitslosigkeit verkürzt werden (vgl. Rothschild, 1994, S. 2). Außerdem ist nach Martin Abraham und Thomas Hinz eine gewisse Dauer der Arbeitslosigkeit effizient, da es gut für den Einzelnen ist, sich für die Jobsuche Zeit zu lassen und nicht das erste Angebot anzunehmen. So kann besser sichergestellt werden, dass eine effiziente Aufteilung der Arbeitnehmer*innen erfolgen kann, sodass beispielsweise keine überqualifizierten Arbeitnehmer*innen eine unterqualifizierte Stelle besetzen (vgl. Abraham & Hinz, 2008, S. 25).

Saisonale Arbeitslosigkeit ensteht durch saisonale Schwankungen wie z. B im Baubereich, in der Landwirtschaft oder im Fremdenverkehr. Produkte werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich stark nachgefragt. In Zeiten der geringeren Nachfrage kommt es zu mehr Arbeitslosigkeit. Diese Form der Arbeitlosigkeit dauert länger als die friktionelle Arbeitslosigkeit. In konjunkturell guten Zeiten führt diese Form der Arbeitslosigkeit zu keiner Belastung der Wirtschaft. Durch verschiedene Subventionsformen kann die saisonale Arbeitlosigkeit abgeschwächt werden, beispielsweise indem man versucht durch Unterstützungen in einem Winterskigebiet die Sommersaison mit Tourismus zu beleben (vgl. Rothschild, 1994, S. 2-3).

Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit stellt zusammen mit der strukturellen Arbeits-losigkeit eine ernstere Form der Arbeitslosigkeit dar, da diese zu Massenarbeits-losigkeit führen, längere Zeit andauern und zu politischen und sozialen Problemen führen kann. Konjunkturelle Arbeitslosigkeit ergibt sich aus den Konjunkturzyklen der Wirtschaft, die nicht geradlinig linear verlaufen, sondern zyklisch. Durch den Wechsel von hoher wirtschaftlicher Aktivität zu weniger Aktivität ändert sich die Nachfrage. Dies zeigt sich umso mehr in einer globalisierten Wirtschaft mit technologischen Veränderungen (vgl. Abraham & Hinz, 2008, S. 43). Durch geringere Nachfragen in Zeiten einer Rezession wird weniger produziert und es verlieren viele Menschen ihren Arbeitsplatz. Die Folgen sind für die betroffenen Menschen Einkommensverlust, psychologischer Stress und soziale Einbußen sowie Statusverlust. Durch staatliche Intervention in Form einer gezielten Wirtschaftspolitik kann in Zeiten der Rezession dieser Effekt gemildert werden (vgl. Rothschild, 1994, S. 3).

Im Gegensatz zur konjunkturellen Arbeitslosigkeit ist strukturelle Arbeitslosigkeit nicht die Folge von konjunktureller Eintrübung und eines Nachfragerückganges. Sie betrifft bestimmte Berufsgruppen oder auch Regionen. Diese Form der Arbeitslosigkeit ist bedingt durch eine Nichtübereinstimmung der nachgefragten Qualifikationen mit den angebotenen Qualifikationen, bzw. durch die geografische Lage. Dadurch können manche Stellen nicht besetzt werden, obwohl es arbeitslose Menschen gibt, da es eben technische, örtliche, und qualifikatorische Restriktionen gibt und diese auch nicht so leicht überbrückt werden können. Insbesondere rascher technologischer Wandel kann zu struktureller Arbeitslosigkeit führen. Menschen können sich neue Qualifikationen nicht so schnell neu aneignen, da sie eine Schulung oder Ausbildung absolvieren müssen. Heutzutage, durch verlangsamtes Wirtschaftswachstum und durch Anpassungsdruck der Wirtschaft, ist die strukturelle Arbeitslosigkeit zu einem größeren Problem geworden. Durch aktive Arbeitsmarktpolitik können Menschen umgeschult oder dazu angeregt werden, ihren Wohnsitz zu verlegen (vgl. Rothschild, 1994, S. 3-4 und 119-121).

Hysterese oder Hysteresis der Arbeitslosigkeit beschreibt eine Form der Arbeitslosigkeit, die dadurch bedingt ist, dass jemand schon in der Vergangenheit arbeitslos war und immer wieder arbeitslos wird (vgl. Ludwig-Mayerhofer, 2008, S. 203-204). Kurt Rothschild schreibt weiters zu Hysteresis, dass bei längerer Arbeitslosigkeit die Wahrscheinlichkeit einer Wiedereinstellung sinkt, da die Qualifikationen der Menschen nicht mehr der Zeit und den Anforderungen entsprechen (vgl. Rothschild, 1994, S. 123-124).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass friktionelle und saisonale Arbeitslosigkeit mehr kurzfristige Arbeitslosigkeit darstellen, während strukturelle und konjunkturelle Arbeitslosigkeit, die durch Nachfrageschocks Strukturänderungen der Wirtschaft und größerer technologischen Veränderungen hervorrufen, mehr die langfristige Arbeitslosigkeit darstellen. Der Arbeitsmarkt ist weiterhin in Umbruch. Während bis zum Jahr 2008 der industrielle Sektor Arbeitskräfte abbaute, wurden im Dienstleistungssektor noch Arbeitskräfte gesucht (vgl. Pointner & Hinz, 2008, S. 128).

3.3 Der neoklassische Ansatz und der keynesianische Ansatz

Erklärungsmodelle zur Wirtschaftsentwicklung und somit auch zur Arbeitslosigkeit stellen zwei gegensätzliche Ansätze dar – der neoklassische Ansatz und der keynesianische Ansatz. Der neoklassische Ansatz geht von der Annahme aus, dass der Markt in Form von Angebot und Nachfrage immer einen passenden Preis findet, mit dem am meisten umgesetzt werden kann und wodurch die Pläne der Nachfrager*innen und Anbieter*innen erfüllt werden. Nach diesem Modell ist der Arbeitsmarkt auch ein Markt, bei dem keine Güter, sondern Arbeit angeboten und nachgefragt wird. Wenn weniger angeboten wird, sinkt der Preis, es entsteht ein neues Gleichgewicht und Arbeitslosigkeit entsteht demnach erst gar nicht, da jetzt für eine Stunde Arbeit weniger bezahlt wird. Der keynesianische Ansatz geht nicht davon aus, dass Preise so einfach abänderbar sind, da es gewisse Restriktionen gibt. Beispielsweise kann der Lohn nicht so einfach abgeändert werden, da es Dienstverträge und gesetzliche Auflagen gibt, die man einhalten muss. Außerdem ist demnach der Arbeitsmarkt ein spezieller Markt, den man nicht so einfach mit anderen Märkten vergleichen kann (vgl. Rothschild, 1994, S. 6-8). Ein Markt, der neoklassische Kriterien am meisten oder ehesten erfüllt, ist die Börse, wo die Marktteilnehmer*innen durch vollkommene Information und Transparenz einen Gleichgewichtspreis erzielen. Arbeitssuchende Menschen stehen aber nicht perfekte Informationen und Transparenz zur Verfügung (vgl. Rothschild, 1994, S. 70). Zusammengefasst kann gesagt werden, dass nach dem neoklassischen Ansatz immer ein Gleichgewichtspreis möglich ist und nach keynesiansichen Ansatz ein Gleichgewichtspreis als ein Sonderfall des Marktes angesehen werden kann (vgl. Rothschild, 1994, S. 85).

3.4 Gesundheitliche und soziale Auswirkungen von Arbeitslosigkeit

Laut Alfons Hollederer (vgl. Hollederer, 2011, S. 2-18) muss Arbeitslosigkeit nicht automatisch zu sozialen, psychischen und gesundheitlichen Risiken oder Krisen führen. Es konnte aber anhand einer Mikrozensuserhebung in Deutschland im Jahr 2005 nachgewiesen werden, dass Arbeitslosigkeit zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und zu sozialer Exklusion führen kann. Beispielsweise konnte erhoben werden, dass sich die Anzahl, Häufigkeit und Länge der Krankenstände, der Body Mass Index und auch die Anzahl der Krankenstände von Kindern der arbeitslosen Menschen erhöhen. Außerdem ist das Rauchverhalten arbeitsloser Menschen ausgeprägter als bei erwerbstätigen Personen (vgl. Hollederer, 2011, S. 2-18).

Für viele junge Menschen, die in den Arbeitsmarkt eintreten, ist dies kein einfacher Schritt, da sich nach Hans Dietrich und Martin Abraham der erste Arbeitsplatz und der Eintritt in den Arbeitsmarkt schwierig und folgenreich darstellen kann. Wenn dieser gelingt, dann entwickelt sich nach Dietrich und Abraham auch der Verlauf des zukünftigen Arbeitslebens günstig. Insbesondere soziale Herkunft und Ausbildung spielen beim Ersteintritt in den Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle (vgl. Dietrich & Abraham, 2008, S. 69). Eine erfolgreiche Ausbildung kann später kaum noch nachgeholt werden und ein fehlender beruflicher Abschluss stellt ein großes Hindernis dar (vgl. Dietrich & Abraham, 2008, S. 91-92). Weiterbildung ist zwar wichtig, essentiell ist aber auch nach Rolf Becker und Anna Hecken die berufliche Erstausbildung (vgl. Becker & Hecken, 2008, S. 160).

Arbeitslosigkeit hinterlässt langfristig ihre Narben, auch wenn wieder Arbeit gefunden wird. In der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ werden die Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit, auch von psychischen Auswirkungen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sehr genau beschrieben. Die Autor*innen untersuchten die psychosozialen Folgen in einem Ort, wo durch das Schließen einer örtlichen Fabrik viele Menschen ihre Arbeit verloren hatten (vgl. Jahoda, Lazarsfeld, & Zeisel, 1975). Wolfgang Ludwig Mayerhofer beschreibt die Auswirkungen in Anlehnung an Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel. Hier zeigen sich die Auswirkungen in höherer Armut, gesundheitlichen Beeinträchtigungen, sozialer Exklusion, scarring Effekten (dass Arbeitslosigkeit auch nachdem wieder ein Job gefunden wurde, zu Lohneinbußen führt) und regionaler Mobilität, indem Menschen für ihren Arbeitsplatz mobiler werden sollen (vgl. Mayerhofer, 2008, S. 221-227). Auf diverse Überblicksarbeiten und Meta-Analysen der Arbeitslosigkeit und deren Auswirkungen verweist im internationalen Bereich Alfons Hollederer (vgl. Hollederer, 2011, S. 39).

3.5 Unterstützungen

Im Folgenden werden die drei wichtigsten staatlichen Unterstützungen dargestellt, die man bei Arbeitslosigkeit oder sozialen Notlagen beziehen kann. Die Arbeitslosenhilfe, die Notstandshilfe und die Bedarfsorientierte Mindestsicherung.

3.5.1 Arbeitslosengeld

Der österreichische Staat versucht den Arbeitsmarkt mit verschiedenen Mitteln zu beeinflussen, damit arbeitsfähige und arbeitswillige Menschen eine zumutbare Beschäftigung finden können. Hier bedient sich der Staat hauptsächlich der Dienste des Arbeitsmarktservice (AMS). Das Arbeitsmarktservice ist ein Unternehmen öffentlichen Rechts mit eigener Rechtspersönlichkeit. Die Hauptaufgaben des Arbeitsmarktservice sind Berufsberatung, Ein- und Umschulungen, Arbeitsplatzvermittlung und Verteilung bzw. Auszahlung von Beihilfen und Zuschüssen wie Arbeitslosengeld und die Notstandshilfe. Die rechtliche Basis hierfür sind hauptsächlich das Arbeitsmarktservicegesetz, das Arbeitsmarktförderungsgesetz und das Arbeitslosenversicherungsgesetz (vgl. Pfeil, 2018, S. 132-133).

Prinzipiell sind alle unselbständig Erwerbstätigen inklusive freier Dienstnehmer*innen, egal welche Staatsbürgerschaft sie haben, wenn ihre Beschäftigung über der Geringfügigkeitsgrenze von 446,81€ im Jahr 2019 liegt, arbeitslosenversichert (vgl. Kammer für Arbeiter und Angestellte, 2019). Selbständige Personen können sich seit dem Jahr 2009 freiwillig versichern, Beamte sind davon ausgenommen. Gespeist werden die ausbezahlten Beihilfen durch einen sechs-prozentigen Beitragssatz der Bruttolöhne, welche je zur Hälfte der Dienstgeber und der Dienstnehmer zahlen (vgl. Pfeil, 2018, S. 133-134).

Anspruch auf Arbeitslosengeld in Höhe von 55% des Bezuges über 20 Wochen haben Personen, die sich als arbeitslos beim Arbeitsmarktservice gemeldet haben, arbeitsfähig und arbeitswillig sind und einen entsprechenden Antrag beim Arbeitsmarktservice eingebracht haben. Ob in der ersten oder zweiten Hälfte des Jahres der Antrag gestellt wird, bestimmt dann, ob das Einkommen des letzten oder vorletzten Jahres in die Berechnung eingeht. Genaueres hierzu kann auf der Internetseite des Arbeitsmarktservice nachgelesen werden (vgl. Arbeitsmarktservice, 2019). Wer von sich aus gekündigt hat, hat eine Sperrfrist von vier Wochen, in der kein Arbeitslosengeld ausbezahlt wird. Wer nicht bereit ist, ein Dienstverhältnis von mindestens 20 Wochenstunden anzutreten bzw. 16 Wochenstunden bei Kinderbetreuungspflichten bis zum zehnten Lebensjahr oder mit Kinder mit einer Behinderung, erhält keine Unterstützung (vgl. Pfeil, 2018, S.136). Alleinerziehende Elternteile müsse eine Arbeitsstelle nicht antreten, wenn die Arbeitszeit am Abend oder in der Nacht ist (vgl. Pfeil, 2018, S. 140). Bei Gefängnisaufenthalt oder sonstigen behördlichen Anhaltungen oder Studium (außer es wurde schon lange genug in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt), kann kein Arbeitslosengeld ausbezahlt werden. Präsenzdienstzeiten bzw. Zivildienstzeiten werden als Arbeitslosenversicherungszeiten angerechnet. Um sich arbeitslos melden zu können, muss die*der Bezugsberechtigte innerhalb der letzten 24 Monaten 52 Wochen arbeitslosenversichert gewesen sein. Unter dem 25. Lebensjahr genügen hier 26 Wochen Arbeitslosenversicherung in den letzten 12 Monaten. Wenn jemand mehrmals hintereinander arbeitslos wird, so genügen 28 Wochen in den letzten zwölf Monaten. Bei Bezug von Arbeitslosengeld gibt es eine Zuverdienstgrenze in der Höhe von 446,81 €, also die Geringfügigkeitsgrenze. Wer mehr verdient oder genau die 446,81 € als Grenzbetrag verdient, bekommt kein Arbeitslosengeld, wer weniger verdient, bekommt den vollen Betrag ausbezahlt. Wenn jemand angibt, invalid oder berufsunfähig zu sein, so muss sich diese Person auf Aufforderung des Arbeitsmarktservices einer Untersuchung bei der Pensionsversicherungsanstalt unterziehen. Bei einer Weigerung wird kein Arbeitslosengeld ausbezahlt (vgl. Pfeil, 2018, S.137-140).

Das Arbeitsmarktservice vermittelt zumutbare Beschäftigungen an arbeitslose Menschen. In den ersten 100 Tagen des Arbeitslosengeldbezugs muss keine Tätigkeit angenommen werden, wenn diese eine zukünftige Verwendung im Stammberuf erschweren würde und außerdem muss sie angemessen entlohnt werden. Angemessen bedeutet, dass der kollektivvertragliche Mindestlohn bezahlt wird. Tägliche Anfahrts- und Wegzeiten von bis zu zwei Stunden insgesamt müssen in Kauf genommen werden. Wenn eine zumutbare Beschäftigung verweigert wird, oder eine Um- oder Nachschulung nicht angetreten wird, so geht der Anspruch auf Weiterzahlung des Arbeitslosengeldes für sechs Wochen verloren, im Wiederholungsfall sogar bis zu acht Wochen (vgl. Pfeil, 2018, S. 139).

Arbeitslosengeld wird normalerweise 20 Wochen lang ausbezahlt. Diese Frist kann sich aber auf bis zu 209 Wochen verlängern. Dies hängt vom Alter der Person, der Länge vorangegangener Beschäftigungen und eventuellen besuchten Schulungsmaßnahmen ab. Nach § 21 Abs. 3 Arbeitslosenversicherungsgesetz werden 55% des Nettoeinkommens ausbezahlt, wobei es noch Ergänzungszuschläge und Familienzuschläge gibt. Genaueres zu den Ergänzungsbeträgen und zur Dauer der Arbeitslosenversicherungsbezugs kann bei Walter Pfeil nachgelesen werden (vgl. Pfeil, 2018, S. 142-143).

Urlaubsentschädigungen, die ausbezahlt werden, weil ein Urlaub nicht in Anspruch genommen wurde, haben zur Folge, dass für die Dauer dieser Auszahlung kein Arbeitslosengeld bezahlt wird. Ebenso ruht die Auszahlung bei Auslandsaufenthalten. Wird eine Kontrollmeldung beim AMS versäumt, so verliert man den Anspruch auf Arbeitslosengeld (vgl. Pfeil, 2018, S. 132 und 145).

Wenn das Arbeitslosengeld nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu finanzieren, so kann die Bedarfsorientierte Mindestsicherung in Anspruch genommen werden bzw. aufgestockt werden bis zu der Grenze der Mindestsicherung von 885,74€/ Monat (Stand Juli 2019). Außerdem kann nach Ausschöpfen der Arbeitslosenunterstützung Notstandshilfe beantragt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 164 Seiten

Details

Titel
Hypnosystemische Beratung. Hypnosystemisches Menschenbild im nicht freiwilligen Kontext
Hochschule
Sigmund Freud Privatuniversität Wien  (Hypnosystemische Beratung und Intervention)
Note
1
Autor
Jahr
2019
Seiten
164
Katalognummer
V518415
ISBN (eBook)
9783346267849
ISBN (Buch)
9783346267856
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Beurteilung: Die Masterarbeit von Herrn Mag. Peter Pfeifer entspricht im formalen Aufbau, in der methodischen Bearbeitung des Theorieteils, der praktischen Arbeit und der Aufarbeitung der relevanten Literatur in vollem Umfang den Erfordernissen einer Masterarbeit. Die Masterarbeit von Herrn Mag. Peter Pfeifer wird von mir mit "sehr gut" beurteilt.
Schlagworte
Hypnosystemische Beratung, Arbeitslosigkeit, nicht freiwilliger Kontext, Zwangskontext, Widerstand, Hypnosystemisches Menschenbild, Wertschätzung, Beratung auf Augenhöhe, Empathie, Motivation
Arbeit zitieren
Peter Pfeifer (Autor), 2019, Hypnosystemische Beratung. Hypnosystemisches Menschenbild im nicht freiwilligen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/518415

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