Das Manifest von 1763. Das Fundament für das wolgadeutsche Selbstverständnis?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

13 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Einwanderungsmanifest von 1763

3. Wolgadeutsche Identitätsbildung
3.1. Begrenzung des Siedlungsgebiets
3.2. Ökonomische Privilegien
3.3. Weitreichende Religionsfreiheit
3.4. Teilautonomie der Verwaltung
3.5. Sprachbarrieren

4. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenige Themen unserer Zeit dominieren die gesellschaftliche Diskussion in einer vergleichbaren Weise, wie die Fragen zur Migration. Bereits in den 1990er Jahren rückte das Thema verstärkt in die Öffentlichkeit, als weite Teile der deutschstämmigen Bevölkerungsgruppe Russlands in der spätund postsowjetischen Phase remigrierten und sich russische Archive der Forschung öffneten.

Die Geschichte deutscher Auswanderer in Russland beginnt im Spätmittelalter mit der Niederlassung deutscher Händler und Handwerker in den Machtzentren, wie der Hansestadt Nowgorod und dem aufstrebenden Moskau. Im Zentrum dieser Arbeit steht jedoch ein Erlass, ein sogenannter Ukas der Zarin Katharina II. aus dem Jahr 1763. Dieser läutete seinerzeit den Beginn einer umfassenden deutschen Binnenkolonisation im Wolgagebiet ein.

Diese Arbeit hat den Anspruch das Manifest zur Einwanderung von 1763 und ausgewählte zugehörige schriftliche Ergänzungen inhaltlich auf die Anforderungen zur Integration oder Assimilation zu untersuchen. Dabei geht der Autor von der These aus, dass dieser Erlass inhaltlich die Grundlage für eine Wolgadeutsche Identität bildete und für viele Jahre eine tiefgreifende kulturelle Angleichung an die russische Mehrheitsgesellschaft verhinderte.

Das Thema der Russlanddeutschen wurde intensiv im 19. Jahrhundert publizistisch bearbeitet. In dieser Zeit waren Berichte der Zeitzeugen, beispielhaft ist hier Christian Gottlob Züge1 zu nennen, Inhalt verlegerischer Tätigkeit. Eine intensivere Untersuchung unter wissenschaftlichen Aspekten fand nach der Rückwanderungswelle der Deutschstämmigen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er Jahren statt.

Für die präzise Bearbeitung der Fragestellung ist es methodisch unumgänglich den Untersuchungsbereich zeitlich auf die Jahre 1763 bis 1793 und räumlich auf den Siedlungsbereich der Wolgadeutschen zu begrenzen. Im ersten Kapitel werden dem Leser die Hintergründe zum Manifest von 1763 erläutert, um im folgenden Kapitel den Begriff der Identitätsbildung zu bestimmten und inhaltliche Passagen auf deren Einfluss zur Bildung einer Wolgadeutschen Selbstwahmehmung zu analysieren. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für das abschließende Fazit.

2. Das Einwanderungsedikt von 1763

Zarin Katharina II. von Russland, im Jahr 1729 als deutsche Prinzessin von Anhalt­Zerbst geboren, übernahm 1762 nach einem Staatsstreich2 den russischen Thron von ihrem Ehemann Zar Peter III. Schon vor ihrer Machtübernahme beschäftige sie sich mit Staatstheorien und schrieb ihre Sicht eines künftigen Russlands nieder. Ein Schwerpunktthema war die Bevölkerungspolitik, welches die belesene Zarin womöglich von den Staatsdenkern ihrer Zeit aufgriff.3

In der Forschung wird der Standpunkt vertreten, dass die Zarin ihrem Herrschaftsverständnis eine absolutistische Peuplierungspolitik zugrunde legte. Diese besagt, dass die Mehrung der Bevölkerung des Territoriums eine grundlegende Aufgabe von staatlicher Herrschaft sei.4

Eine weitere These hat zum Inhalt, dass die deutschstämmige Zarin mit der Anwerbung deutscher Migranten ihrem Reich einen kulturellen Anschub geben wollte.5

Welche Intentionen die junge Zarin auch immer antrieben, wenige Wochen nach der Thronbesteigung begann sie ihr Ansinnen umzusetzen. Bereits im Oktober 1762 befahl die Zarin, in den gering besiedelten Landschaften im südlichen Russland gezielt Kolonisten aus dem Ausland anzusiedeln. Diesem Edikt mangelte es jedoch am argumentativ werbenden Charakter und so verfehlte dieser Erlass die gewünschte Wirkung.6 Dem Misserfolg ebenfalls zuträglich war eine geringe Publikationsstärke in vielen Staaten. So soll es eher eine Ausnahme gewesen sein, wenn Zeitungen das Edikt abgedruckt haben. Das russische Angebot fand folglich in vielen Regionen Europas wenig Gehör.7

Im Juni 1763 folgte eine neue Fassung, welche mit konkreten Details aufwarten konnte. Darin wurden die gebotenen Leistungen und Rechte, aber auch Bedingungen und Erwartungen in zehn Punkten und weiteren Unterpunkten detailliert aufgelistet. Dieser Erlass der russischen Zarin wurde in den folgenden Wochen auch in einem nahezu identischen Wortlaut im deutschsprachigem Raum verbreitet.8

Das neue Einwanderungsedikt und die intensiven Bemühungen der Werber waren dieses Mal erfolgreich. Abgesehen von einem kleinen Anteil Menschen aus anderen Ländern Europas, stammten die rund 30.000 Migranten der folgenden zehn Jahre aus dem deutschsprachigen Raum.9

3. Wolgadeutsche Identitätsbildung

In den nachfolgenden Gliederungspunkten wird dargestellt, welche Aspekte zur Identitätsbildung sich im Einwanderungsedikt von 1763 wiederfinden und wie diese das Leben in den Kolonien beeinflusst haben dürften. Vorangestellt ist an dieser Stelle zu klären, was unter einer Wolgadeutschen Identität zu verstehen ist und welche Faktoren zur Identitätsbildung beitragen.

Nach der Definition von Eugen Buß basiert die Identitätsbildung einer Gruppe auf einem kollektiven Selbstverständnis.10 Die Identität einer regionalen Gemeinschaft bildet sich durch gemeinsame „kulturelle Muster, Sprache, Herkunft, Geschichte, Religion, etc.“11 aus.

Hier finden sich Anknüpfungspunkte zum Selbstverständnis der Wolgadeutschen Bevölkerung. Obwohl sie räumlich mehrere tausend Kilometer von ihrem Ursprungsland getrennt waren, blieben Sprache und Kultur der Migranten weiterhin deutsch und auch ihre Religion behielten sie über viele Generationen bei. Diese Entwicklung unterscheidet die Deutschen an der Wolga vonjenen Auswanderern, die in Nordamerika eine neue Heimat suchten, merkt dazu Petra Ferdinand-Storb an.12

Aber auch frühere deutsche Einwanderer in anderen Regionen Russlands nahmen zu großen Teilen die kulturellen Gewohnheiten der russischen Mehrheitsgesellschaft an. Von Einwanderungswellen des 17. Jahrhunderts verblieb lediglich eine kleine Gruppe, die das Deutschtum in den größeren russischen Städten weiterhin pflegte.13

In der Folge stellt sich die Frage, was diese gegensätzliche Entwicklung bewirkte. Die Grundlagen zur Beibehaltung des sprachlichen und kulturellen Erbes seien nach Ansicht von Ferdinand-Storb insbesondere in der Religionsgemeinschaft sowie dem Bildungswesen zu suchen.14 Als einen Indikator für die gesellschaftlich-kulturelle Anpassung benennt Guido Birkner die Wirtschaft und hebt hier insbesondere die Handwerker, Händler und Gewerbetreibenden hervor.15 Folglich werden auch ökonomische Aspekte als ein möglicher Faktor untersucht.

Ergänzend wird im Folgenden auch die soziale und räumliche Abgrenzung von der russischen Gesellschaft in die weitere Untersuchung mit einbezogen, da der direkte Kontakt den kulturellen Austausch befördern könnte und Regionalität ein tragender Teil der vorangegangenen Definition ist.

[...]


1 Züge, Christian Gottlob: Der russische Colonist oder Christian Gottlob Züges Leben in Russland, hg. v. Gert Robel, Bremen 1992.

2 Dazu ausführlich Dalos, György: Geschichte der Russlanddeutschen. Von Katharina der Großen bis zur Gegenwart, München 2015,S. 12f.

3 Vgl. Schippan, Michael: Der Beginn der deutschen Rußlandauswanderung im 18. Jahrhundert, in: Beer, Mathias; Dahlmann, Dittmar (Hrsg.): Migration nach Ostund Südosteuropa vom 18. bis zum Beginn des 19. Jh. Ursachen Formen Verlauf Ergebnis, Stuttgart 1999, S. 49f.

4 Vgl. Klötzel, Lydia: Die Russlanddeutschen zwischen Autonomie und Auswanderung. Die Geschicke einer nationalen Minderheit vor dem Hintergrund des wechselhaften deutschsowjetischen/russischen Verhältnisses, Münster 1999, S. 28.

5 Vgl. Keim, Philipp: Erste Deutsche an der Wolga. Vom Schicksal und Leid der Auswanderer, Hamburg 2014, S. 139.

6 Vgl. Schippan 1999, S. 52.

7 Vgl. Keim2O14,S.2O.

8 Vgl. ebd., S. 191-194; Züge 1992, S. 284-287.

9 Vgl. Klötzell999,S.31.

10 Vgl. Buß, Eugen (2002): Regionale Identitätsbildung. Zwischen globaler Dynamik, fortschreitender Europäisierung und regionaler Gegenbewegung, Münster 2002, S.12.

11 Ebd.

12 Vgl. Ferdinand-Storb, Petra: Russlanddeutsche in der Bundesrepublik Deutschland: Identität und Anpassung im Kontext der Integrationsund Migrationsforschung, Hamburg 2014, S. 36.

13 Vgl. Klötzel 1999, S. 27.

14 Vgl. Ferdinand-Storb 2014, S. 36.

15 Vgl. Birkner, Guido: Die ökonomische Entwicklung der deutschen Wolga-Kolonien von 1764 bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, in: Beer, Mathias; Dahlmann, Dittmar (Hrsg.): Migration nach Ostund Südosteuropa vom 18. bis zum Beginn des 19. Jh. Ursachen Formen Verlauf Ergebnis, Stuttgart 1999, S. 367f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Manifest von 1763. Das Fundament für das wolgadeutsche Selbstverständnis?
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Migration und Binnenkolonisation im 18. Jahrhundert - europäische Perspektiven
Note
1.0
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V518416
ISBN (eBook)
9783346111111
ISBN (Buch)
9783346111128
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migation, Russland, Russlanddeutsche, Einwanderungsedikt, Katharina die Große, Auswanderung, Wolgadeutsche, Edikt, Einwanderung, Deutsche, Katharina II., Migrationsgeschichte
Arbeit zitieren
Marcus Roczen (Autor), 2016, Das Manifest von 1763. Das Fundament für das wolgadeutsche Selbstverständnis?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/518416

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