Die vorliegende Seminararbeit macht sich zur Aufgabe, die unter anderem von Reiner Pommerin und Arnold Ebel vertretene Ansicht kritisch zu überprüfen, die Rücksiedlungsüberlegungen des Dritten Reichs widersprächen der These einer nationalsozialistischen „5. Kolonne“ in Lateinamerika.
Dem „intentionalistischen“ Interpretationsmodell folgend, schreiben Pommerin und Ebel der ideologischen Komponente in der NS-Außenpolitik einen bestimmenden Charakter zu und können so davon sprechen, die These der „5. Kolonne“ sei schon deshalb nicht haltbar, weil das Konzept einer gezielten Besiedlung Lateinamerikas „im krassen Gegensatz zur nationalsozialistischen Ideologie gestanden“ hätte, deren „siedlungspolitische Stoßrichtung [...] in der Besiedlung des zu erobernden „Ostimperiums“ gelegen habe.
Im Gegensatz hierzu soll an dieser Stelle versucht werden, die Rücksiedlungspläne in den Kontext allgemeiner Entwicklungen im Reich zu stellen. Wenn es zu zeigen gelingt, dass die Pläne keineswegs nur als die Umsetzung eines ideologiegebundenen Programms zu verstehen sind, sondern immer auch - wie von Vertretern des „strukturalistischen“ Erklärungsansatzes gefordert - als Resultat zeitgebundener, z. T. pragmatischer und opportunistischer Motive betrachtet werden müssen, kann die von Pommerin und Ebel vertretene These nicht aufrecht erhalten werden. Hingegen muss dann davon ausgegangen werden, dass die Möglichkeit der Bildung einer „5. Kolonne“ in Lateinamerika immer grundsätzlich bestand.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Pläne zur Rücksiedlung Deutscher aus Lateinamerika bis zum deutschen Überfall auf Polen
2. 1. Überlegungen der Auslandsorganisation der NSDAP
2. 2. Überlegungen der deutschen Missionschefs und des Auswärtigen Amtes
3. Die Pläne zur Rücksiedlung Deutscher aus Lateinamerika nach dem deutschen Überfall auf Polen.
3. 1. Überlegungen des Deutschen Auslands-Instituts
3. 2. Überlegungen nach dem Überfall auf die Sowjetunion bis zum Ende des Krieges
4. Ergebnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die These, dass die Rücksiedlungspläne des Dritten Reiches für in Lateinamerika lebende Deutsche im Widerspruch zur Annahme einer organisierten nationalsozialistischen „5. Kolonne“ in dieser Region standen. Dabei wird analysiert, ob diese Pläne rein ideologisch motiviert waren oder vielmehr als pragmatische Reaktionen auf die wechselnde politische und wirtschaftliche Situation des NS-Staates zu verstehen sind.
- Kritische Überprüfung der „intentionalistischen“ Interpretation der NS-Außenpolitik.
- Analyse der Rücksiedlungsüberlegungen der Auslandsorganisation der NSDAP.
- Untersuchung der wirtschaftlichen und diplomatischen Interessenlagen des Auswärtigen Amtes.
- Bewertung der Rolle des Deutschen Auslands-Instituts bei der Planung von Umsiedlungen.
- Diskussion über die Wahrscheinlichkeit der tatsächlichen Existenz oder Durchführung einer „5. Kolonne“.
Auszug aus dem Buch
2. 1. Überlegungen der Auslandsorganisation der NSDAP
Verstärkt wurde der Rückkehrwille unstrittig auch durch die Propaganda der Auslandsorganisation (AO) der NSDAP. So erklärte deren Leiter Bohle auf der 6. Reichstagung der AO am 28.8.1938 beispielsweise: „Das neue Deutschland hat es nicht nötig, tüchtige Kräfte im Ausland zu lassen, denen kein Dank für ihre Arbeit gegeben wird, sondern die obendrein noch ständigen Beleidigungen ausgesetzt sind“. Gut vorstellbar ist aber auch, dass sich gleichzeitig die Propagandaaktivität der AO zu einem nicht unerheblichen Teil nach den unter den Auslandsdeutschen vorhandenen Stimmungen richtete.
Ob man so weit gehen kann wie Peter Longerich, der behauptet, „Propaganda wurde rein instrumentell, als ein Mittel zur Massenbeeinflussung, gesehen, das nur an einem Kriterium zu messen war: dem des Erfolges“, muss dahingestellt bleiben. Dennoch entsteht der Eindruck, bereits zu diesem frühen Zeitpunkt seien Rücksiedlungsüberlegungen keineswegs nur Resultat ideologischer, sondern zumindest zum Teil auch opportunistischer und zeitgebundener Motive gewesen. Diese Sichtweise wird gefestigt, untersucht man die Idee der AO, finanzkräftige jüdische Auswanderungswillige in einer Art Tauschaktion nach Lateinamerika zu bringen, um die Rückwanderung Deutscher nicht aus finanziellen Gründen scheitern zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage vor und erläutert das Ziel, die bestehende Lehrmeinung bezüglich des Widerspruchs zwischen Rücksiedlungsplänen und der „5. Kolonne“-These kritisch zu hinterfragen.
2. Die Pläne zur Rücksiedlung Deutscher aus Lateinamerika bis zum deutschen Überfall auf Polen: Dieses Kapitel analysiert die frühen Rücksiedlungsüberlegungen der NSDAP-Auslandsorganisation sowie die Reaktionen und Interessenlagen der deutschen Missionschefs und des Auswärtigen Amtes.
2. 1. Überlegungen der Auslandsorganisation der NSDAP: Hier wird untersucht, wie die Propaganda der Auslandsorganisation den Rückkehrwillen beeinflusste und welche opportunistischen Hintergründe bei der Idee von „Tauschgeschäften“ eine Rolle spielten.
2. 2. Überlegungen der deutschen Missionschefs und des Auswärtigen Amtes: Dieses Unterkapitel beleuchtet die wirtschaftlich und diplomatisch motivierten Bedenken der Missionschefs und des Auswärtigen Amtes gegenüber den Rücksiedlungsplänen.
3. Die Pläne zur Rücksiedlung Deutscher aus Lateinamerika nach dem deutschen Überfall auf Polen.: Das Kapitel behandelt den Wandel der Pläne nach der geänderten Kriegslage und die spezifischen Studien zur Umsiedlung nach Kriegsende.
3. 1. Überlegungen des Deutschen Auslands-Instituts: Es wird die Studie des Instituts von 1940 analysiert, die den Rückwanderungswillen von Volksdeutschen als gegeben annahm und organisatorische Konzepte wie Vertrauensmännerorganisationen entwickelte.
3. 2. Überlegungen nach dem Überfall auf die Sowjetunion bis zum Ende des Krieges: Hier wird aufgezeigt, wie sich die Rücksiedlungspläne durch den Kriegsverlauf und das „Unternehmen Barbarossa“ erneut veränderten und in offizielle Verlautbarungen bis 1944 mündeten.
4. Ergebnis: Das abschließende Kapitel fasst zusammen, dass die Rücksiedlungsüberlegungen weniger ideologisch als vielmehr pragmatisch geprägt waren und die These der „5. Kolonne“ einer kritischen Neubewertung bedarf.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Lateinamerika, Rücksiedlung, 5. Kolonne, Auslandsorganisation, NSDAP, Auswärtiges Amt, Deutsches Auslands-Institut, Volksdeutsche, Außenpolitik, Propaganda, Ideologie, Pragmatismus, NS-Außenpolitik, Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rücksiedlungspläne des Dritten Reiches für Deutsche in Lateinamerika zwischen 1933 und 1945.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die NS-Auslandsstrategie, die Rolle der NSDAP-Auslandsorganisation, die diplomatischer Interessen des Auswärtigen Amtes und die Frage der Existenz einer sogenannten „5. Kolonne“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die These zu überprüfen, dass die Rücksiedlungsüberlegungen im Widerspruch zur Existenz einer „5. Kolonne“ standen, und zu klären, ob rein ideologische oder pragmatische Motive dominierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine strukturalistische Historik-Analyse, um die Pläne in den Kontext der allgemeinen NS-Außenpolitik und opportunistischer Entscheidungsprozesse zu setzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die Pläne vor und nach dem Überfall auf Polen, wobei die unterschiedlichen Rollen der NSDAP-Organe und des Auswärtigen Amtes detailliert betrachtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Nationalsozialismus, Rücksiedlung, 5. Kolonne, Lateinamerika und pragmatische NS-Außenpolitik.
Welche Rolle spielte die Auslandsorganisation (AO) der NSDAP bei der Rückkehrplanung?
Die AO förderte den Rückkehrwillen durch Propaganda und verfolgte opportunistische Ansätze, etwa durch Tauschgeschäfte jüdischer Vermögen, um die Rücksiedlung finanziell abzusichern.
Warum lehnten das Auswärtige Amt und die Missionschefs eine staatlich organisierte Rücksiedlung ab?
Sie befürchteten, dass dies den deutschen Wirtschaftsinteressen schaden könnte, Facharbeiter in Deutschland fehlten und die politischen Beziehungen zu den lateinamerikanischen Ländern nachhaltig belastet würden.
- Quote paper
- Florian Beer (Author), 2001, Die Überlegungen des Dritten Reichs zur Rückholung deutscher Auswanderer aus Lateinamerika und die These von der 5. Kolonne - ein Widerspruch?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5185