Vorsicht Friedman! Gesprächsananlytische Untersuchung einer neuen Confrontainment Sendung.


Magisterarbeit, 2003

90 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung
I. Ziel der Arbeit
II. Recherche und V

B. Hauptteil
I. Die Sendung
1. Zur Geschichte der Sendung
2. Konzept
3. Themen- und Besucherwahl
4. Publikum
5. Anspruch und Adressat
6. Räumliches Arrangement und Visualisierung
7. Dauer
8. Warming up
II. Das Korpus
III. Ablaufschema
1. Beginn
2. Die Diskussion
2.1 Beginn der Diskussion
2.2 Die Diskussion um ein Thema
2.3 Themenwechsel
3. Ende
IV. Diskussionsorganisation und -verlauf
1. Gesprächsrollen
1.1. die Rolle Friedmans
1.2 die Rolle der Teilnehmer
1.3. Adressierung und Anrede
2. Gesprächsverteilung
2.1 Sprecherwechsel
2.2 Gliederungssignale und Rückmeldungen
V. Konflikt
1. Definition
2. Meinungs- und Beziehungskonflikte
3. Der face-Begriff
4. Selbst- und Fremddarstellung
5. Interaktionismus
5.1. Angriffe
5.2. Reaktionen
VI. Confrontainment
1. Allgemeines zum Begriff
2. Confrontainment als Charakteristikum der Sendung
3. „Geladene Fragen“
4. Analyse einer Confrontainment-Situation
VII. Thematische Inkonsistenzen
1. Nonresponsive Antworten
2. Metakommunikation
3. Reparaturen
VIII. Beobachtungen zum nonverbalen

Porträt: Michel F

Themenbeschreibung der Sendung vom 15.10. im I

Chat über „Vorsicht Friedman!“

Wahl der schlechtesten Talk-Show 1

A. Einleitung

Bereits bei Aristoteles findet sich die Empfehlung, nicht über Worte zu streiten. Allerdings gibt es eine Ausnahme, die den Streit um Worte rechtfertigt, und das ist der politische Streit um Worte. So waren sich auch schon die Politiker der Antike der Macht der Sprache be­wusst und schrieben der Rhetorik eine große Bedeutung zu

Wie viel Missbrauch mit Sprache getrieben werden kann, zeigen uns die Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte

Viele Autoren, darunter Victor Klemperer, haben sich dieses Phänomens angenommen und die Sprache im Dritten Reich und damit auch die politische Sprache untersucht

In der heutigen Zeit scheint, gerade durch das Wachsen der Medien und die Verbreitung der politischen Äußerungen, die Sprache ein nicht zu vernachlässigendes Mittel im Kampf um die politische Macht zu werden

Eine große Rolle spielen dabei wie angedeutet die Medien und der Journalismus. Immer mehr politische Sendungen erreichen den Wähler, immer wieder werden Politiker in Zeitungen zitiert und ihre Meinungen der Öffentlichkeit unterbreitet

So gesehen bieten diese Medien einerseits den Politikern zwar Raum, ihre Ideen publik zu machen, andererseits laufen sie aber auch Gefahr, in einer politischen Sendung beispiels­weise von einem Journalist derartig ins Kreuzfeuer genommen zu werden, dass die Wähler ein eher negatives Bild bekommen

Chancen und Risiken liegen hier also dicht beieinander, zumal wir seit den siebziger Jahren davon abgekommen sind, die Politiker mit Samthandschuhen anzufassen und statt dessen zu einer kritischen und durchaus nicht vor gewissen Grenzen haltenden Interviewtechnik übergegangen sind

I. Ziel der Arbeit

Als Beispiel für eine „moderne“ politische Diskussionssendung soll im Folgenden eine relativ junge Produktion des Hessischen Rundfunks mit Michel Friedman, „Vorsicht Friedman!“, vorgestellt werden. Am Beispiel zweier Sendung vom 18.06.2001 mit dem Thema „Schwarze Zukunft für grüne Regierungsträume?“ und vom 15.10.2001 mit dem Thema „Rot-grün legt los- lauer Aufguss oder Neubeginn?“ soll die Sprache der politischen Gäste sowie des Moderators Michel Friedman, untersucht werden und unter dem Aspekt des „confrontainments“ betrachtet werden

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile: zunächst Theoretisches zur Sendung selbst, anschließend die sprachliche Analyse der Sendung, und schließlich ein Spezifikum von „Vorsicht Friedman!“, das nonverbale Verhalten

So sollen zuerst einige theoretische Informationen zu Sendung und Sendetyp gegeben werden, um ein Bild über das Konzept und die Art der Diskussion zu gewinnen. Anschließend soll von der Oberflächenstruktur der Sendung ausgehend bis zur innern Organisation, also von Ablaufschema zu Diskussionsorganisation und –verlauf, ein detailliertes Bild der Sendung und ihrer sprachlichen Verwirklichung entwickelt werden. Schließlich werden von beiden Sendungen ausgehend Begriffe des Konflikts und des „confrontainments“ untersucht, da sie, wie ich meine, den Charakter der Sendung ausmachen und sowohl für die Gesprächsführung des Moderators, als auch für die Sprache der Gäste eine entscheidende Rolle spielen. Diesen zweiten Komplex ergänzen Hinweise auf sprachliche Besonderheiten wie thematische Inkonsistenzen. Der dritte Teil thematisiert schließlich kurz einige Beobachtungen zum nonverbalen Verhalten

II. Recherche und Vorgehensweise

Dank der freundlichen Unterstützung des Hessischen Rundfunks und der Produktionsfirma AVE Gesellschaft für Fernsehproduktion mbH war es mir möglich, die beiden für diese Arbeit relevanten Sendungen live im Main-Tower in Frankfurt mitzuverfolgen. Gleichzeitig hatte ich die Möglichkeit, die Sendevorbereitungen mitzuerleben und aufzunehmen. So konnte ich mir einen Überblick über das Studio und das Produktionsteam machen, und hinter die Kulissen schauen

Da ich bis kurz vor Sendebeginn Aufzeichnungen machen durfte, hatte ich auch die Möglichkeit, das warming up der Sendung zu filmen

Diese Aufzeichnungen bilden die Basis für die Untersuchungen bezüglich der Sendevorbereitungen, vor allem des warming up’s, und sind dieser Arbeit als CD beigefügt

Leider liegen über die meisten Informationen über die Sendung keine Literaturangaben vor, da ich diese aus Telefonaten mit der Produktionsgesellschaft AVE erhielt, die kein schriftliches Informationsmaterial zur Verfügung stellen konnte

Grundlage für die Gesprächsanalyse sind Videoaufzeichnungen der beiden Sendungen im hr3

Ausgehend von diesen Aufnahmen werde ich versuchen, einzelne Gesprächssequenzen anhand von ausgewählten Beispielen zu analysieren. Dabei habe ich mich für die Transkriptionsmethode GAT entschieden[1]. Da es sich meist um kürzere Gesprächssequenzen handelt, habe ich sie direkt in den Text eingebunden

B. Hauptteil

I. Die Sendung

Zunächst soll ein kurzer Blick auf Geschichte und Konzept der Sendung geworfen werden, anschließend werden Punkte wie Themen- und Besucherwahl, das Studio-Publikum, die Fernsehzuschauer, das räumliche Arrangement des Studios und die Dauer der Sendung, sowie schließlich die Sendevorbereitungen, sprich die Generalprobe und das warming up, näher betrachtet

1. Zur Geschichte der Sendung

„Vorsicht! Friedman“ ist wie erwähnt eine recht junge Sendung

Sie entstand als Koproduktion von Hessischem und Ostdeutschem Rundfunk Brandenburg und wurde am 15.09.1998 das erste Mal ausgestrahlt

Der Sendetitel, der den Unterhaltungsklassiker Vorsicht, Kamera assoziiert[2], macht wie bei anderen Produktionen ähnlichen Charakters wie z.B. „Explosiv- Der heiße Stuhl“, oder „Schlag auf Schlag“[3] schon die provokante Intention der Sendung deutlich

Jeden Dienstag Abend um 20.15 wird die 45-minütige Diskussion um ein aktuelles politisches Ereignis live aus dem Main-Tower in Frankfurt übertragen und im Hessen Fernsehen ausgestrahlt, d.h., es handelt sich um eine „echte“ Live-Sendung, im Gegensatz zu Sendungen, die vor der Sendezeit unter „Live-Umständen“ aufgezeichnet werden und später ohne weitere Bearbeitung ausgestrahlt werden.[4]

Zusätzlich gibt es eine Seite im Internet, auf der zu der aktuellen Sendung eine kurze Themenvorstellung[5] zu lesen ist, außerdem einige Informationen über den Moderator zu finden sind und schließlich die Möglichkeit zu Kritik gegeben wird. Während der Sendezeit ist zusätzlich der Raum für einen chat mit dem Motto „Ihre Meinung interessiert uns“ gegeben.[6]

2. Konzept

Die Produktion scheut sich also nicht vor Kritik und stellt gleichzeitig dieses Phänomen in den Mittelpunkt der Sendung

In der Kurzbeschreibung der Sendung im Internet wird dies deutlich beschrieben:

Jeden Dienstag kultiviert Michel Friedman sein politisches Streitgespräch live aus dem Main Tower in Frankfurt [...]. Er debattiert das Thema der Woche [...] – ohne Umschweife, emotional, manchmal frech, aber immer humorvoll. Mit pointierten Fragen will Friedman die Widersprüche und die Heuchelei aufdecken, die sich hinter den Erklärungen der Politiker verbergen. Das Publikum dankt es ihm, wenn er immer wieder nachhakt und hartnäckig bleibt, bis er eine befriedigende Antwort bekommen hat.“[7]

Hier ist der Charakter der Sendung deutlich getroffen: Es handelt sich nicht in erster Linie um ein informatives Gespräch, sondern vor allem um den „Schauplatz einer lebendigen Streitkultur.“[8]

Obwohl Friedman der Presse zufolge „die erste politische Gesprächssendung mit Anfassen ins Leben gerufen“[9] hat, so reiht Vorsicht! Friedman sich doch ein in eine Tradition politischer Streitgespräche in den Medien, wie z.B. Explosiv – Der heiße Stuhl; eine Sendung, die im Januar 1994 eingestellt wurde und in der ebenfalls „Formen der Personalisierung und Intimisierung der öffentlichen Kommunikation“[10] eine große Rolle spielten

Friedman will also die Konfrontation mit seinen Gästen: „frech, direkt und kontrovers: das ist das Konzept des provokanten Live-Talks“[11]

Sicherlich geht es auch hier um den Inhalt, die Informationsvermittlung, und wahrscheinlich wird der Zuschauer letztendlich auch mit mehr Informationen versorgt als in Konkurrenzsendungen wie „Sabine Christiansen“ in der ARD, die ohne die pointierten Fragen meistens nur typisch inhaltslose Politiker-Antworten erhalten

Allerdings scheint Informationsvermittlung nicht immer im Mittelpunkt der Sendung zu stehen. Vielmehr erweckt der Moderator den Eindruck, es darauf anzulegen, seinen „Gegner“ aufs Glatteis zu führen und ihn durch sprachliche Fallstricke in die Enge zu treiben

Seine Sendung will also mehr als reine Information. Wie die Metapher des „Schauplatzes“[12] zeigt, geht es gleichzeitig um einen Unterhaltungswert für den Zuschauer; sie zeigt, „dass Unterhaltung etwas mit Unterhalten zu tun hat, mit Austausch und Gegenrede.“[13]

Auch Mühlen verweist in ihrer linguistischen Untersuchung „Talk als Show“ auf die Kombination von „informative[r] Unterhaltung und unterhaltsamer Information“[14]

Gerade dies ist in einer Live-Sendung, die Vorsicht Friedman! ja ist, besonders gegeben, da sie „durch das Weglassen der Zensur die reine Wahrheit [versprechen].“[15]

Ein weiterer Grund für den Reiz einer Live-Sendung ist laut Mühlen zum einen der „Peinlichkeitsreiz“[16], also die Möglichkeit für den Zuschauer, mögliche Peinlichkeiten mitzuerleben, die in aufgezeichneten Sendung vor der Ausstrahlung zensiert werden können

Zum anderen verspricht eine Live-Sendung einen höheren Grad an Spontaneität als eine aufgezeichnete Sendung. Wobei hier darauf hingewiesen werden muss, dass es sich selbstverständlich auch bei einer Live-Sendung nur zum Teil um spontane Äußerungen handelt, da sich sowohl Moderator als auch die Gäste auf das Thema vorbereiten und v.a. der Moderator einen Fragekatalog ausgearbeitet hat, worauf aber im nächsten Punkt näher eingegangen werden soll

3. Themen- und Besucherwahl

Die Themen- und Besucherwahl für die Sendung werden relativ kurzfristig getroffen. Dafür verantwortlich sind der Chefredakteur der Sendung zusammen mit Friedman, dem Produktionsleiter und einigen anderen Mitarbeitern

Zu Beginn steht die Wahl des Themas, das meist ein aktuelles, aus den Medien aufgegriffenes politisches Ereignis darstellt. Anschließend wird die Wahl der, meist politischen Besucher getroffen.[17] Diese richtet sich zum einen nach dem Thema, d.h. die Person soll einen engen Bezug zum Thema haben, zum anderen werden auch Zitate und Äußerungen in den Medien recherchiert

Eine provokante These oder ein kritisches Statement eines Politikers in der Öffentlichkeit kann beispielsweise zu einer Einladung in die Sendung führen

So sagt Friedman selbst über seine Gäste: „Ich wünsche mir Gäste mit Streitlust, Menschen, die ihr Gesicht zeigen. Ich will die Konfrontation mit Meinungen gegen den Strom.“[18]

Als Gäste werden eigentlich immer Vertreter der beiden großen Parteien, rot und schwarz, geladen, die dritte eingeladene Peson ist dann entweder ein Vertreter des Volkes oder der kleineren Parteien

In all den Sendungen, die ich in meiner Recherche gesehen habe, ist weiterhin auffällig, dass es sich in den seltensten Fällen um hochrangige Politiker handelt. Vielmehr werden Fraktionsvorsitzende, Mitglieder des Bundestages oder Minister kleinerer Ministerien eingeladen, der Bundeskanzler oder der Außenminister beispielsweise waren nie zu Gast

Leider konnte ich auch über die Produktionsfirma AVE nicht herausfinden, welche Gründe dafür verantwortlich sind, ob dies von Friedman so gewollt und intendiert ist, oder die bekanntesten Politiker entweder keine Zeit oder keine Courage haben, sich dem Kreuzfeuer Friedmans auszusetzen

Ist die Wahl des Themas und der Gäste getroffen, wird ein Fragekatalog elaboriert, der sowohl teilweise auf die Persönlichkeit der Gäste, als auch auf das politische Thema selbst zugeschnitten ist

Bei meinen Besuchen der beiden in dieser Arbeit relevanten Sendungen konnte ich feststellen, dass Friedman die Diskussion anhand eines „Leitfadens“ führt, den er auf denen Knien ständig im Blick behält. Bei der späteren Analyse des Videomaterials konnte man dies auch deutlich erkennen. Es wurde von der Kameraregie nicht zensiert und scheint also zum Konzept der Sendung zu gehören, ja vielleicht sogar den relativ spontanen Charakter zu unterstreichen

Laut Produktionsfirma stehen nämlich teilweise bis Redaktionsschluss am Freitag nicht alle Gäste fest, die Vorbereitung auf die Sendung kann deshalb erst montags oder dienstags erfolgen, also einen Tag vor, bzw. am Tag der Ausstrahlung selbst

4. Publikum

Anders als in anderen politischen Diskussionsrunden spielt das Publikum bei Vorsicht Friedman! keine aktive Rolle bei der Gesprächsbeteiligung

Dennoch darf die Bedeutung des Publikums nicht gering geachtet werden. So weist Friedman selbst das Publikum auf seine Möglichkeit hin, das Gespräch durch Applaus zu lenken

So heißt es bei Mühlen (1985:28):

Die Anwesenheit eines realen Publikums an sich hat schon einen latenten psychologischen Einfluss auf beide Gruppen; die (Re-) Aktionen des Publikums stellen dann seine manifeste Art der Einflussnahme dar

Auch Friedman selbst lässt sich durch das Publikum beeinflussen: in der folgenden Szene erntet Friedman für eine spitzfindige Äußerung Applaus beim Publikum, worauf er, seine Rede eigentlich schon abgeschlossen, diese Äußerung noch weiter ausarbeitet:

Als Beispiel möchte ich eine Passage aus der Sendung vom 15.10. zitieren[19]:

Kontext ist die Diskussion um die Besteuerung der Gewinne aus Anlagengeschäften, die die Bundesregierung vor der Wahl dem Bürger als Altersversorgung nahe gelegt hatte

1 F AlsO: nOch ˇm!A:!l, hErr rObbe,
2 dIE hÄ:lfte, dIE hÄ:lfte,
2 <<len, rhyt> dIE:ses m!Ö:!glichn gEw!i!nns EInes tA:ges,>
3 IST ↑FUTSCH, wEnn sIEs bestEUern;>
4 wA:r!U!m (---)
5 <<stacc> ↓HAT ↑DAS ↓pl!Ö!tzlIch EINn ↑S!I!NN bek!O!mmn? (-)>
6 sInd sIE ↓dAfÜ:r? (-) sInd sIE dAgE:gn; (--)
7 RR <<len> Ich bI:n (--) in dIE:ser phAse daˆFÜ::R,>
8 Es Ist ein gE:ben Und ein ↑nE:hmen, (--)
9 In sOlchen [verHANdlungen, dAs WISsen sIE,
10 F [!JA! dEr ↑BÜ:rger !GIBT! Und dEr ↑stAA:t [!NIMMT!
<<Lachen und Applaus im Publikum, 10sec>
11 RR [jA:::
12 F <<cres, acc> DAS st!I:!mmt, ↑DA:S st!I:!mmt, ↑DAS st!I!mmt,>
13 RR es is ein gE:ben Und nEH:men?
14 F ↑W!A!S g!E:!bn sIE EI:gentlIch?
15 RR Es Ist EIn gE:ben und nEH:hmen, (---)>
16 zwIschen den KoalTIO:nspartner, des is [doch gA:nz klA:r,
17 F [↑sO::, Ich verstE:h;
18 RR und es mÜssen, es mÜssen kOmprom[!I!sse geschlOssn wErdn.
19 F [wAs hAbtn I:hr EIgentlIch genO:mmn,
20 dA:fÜr, dAss die !A!ktien bestEUert wErdn kOnntn?

An dieser Stelle erntet Friedman für einen spontanen witzigen Kommentar in Z. 9 Applaus im Publikum. Statt es aber darauf beruhen zu lassen, und den Applaus zu genießen, wie im warming up beschrieben, lässt er es nicht auf dem Kommentar bewenden, sondern unterstreicht ihn zunächst mit der dreigliedrigen Wiederholung das stimmt in Z.11. Als der Beifall im Publikum immer noch anhält , erweitert Friedman, sich der Wirkung seiner Worte bewusst, seinen humoristischen Einwurf von oben mit einer weiteren rabulistischen Frage in Z. 14. Anschließend verstärkt er diese wiederum durch den ironischen Kommentar in Z.16 und endet schließlich in einem Themen- und Sprecherwechsel in Z. 18, der ebenfalls, getragen von der Reaktion des Publikums, starke ketzerische Züge trägt. Man kann an diesem Beispiel sehr schön sehen, dass das Publikum durchaus einen großen Einfluss auf den Gesprächsverlauf nehmen kann, da Friedman durch die beifallspendende Reaktion angetrieben, seine Ironie immer weiter ausbreitet

Obwohl es also bei Vorsicht Friedman! keine echte verbale oder aktionale Einflussnahme des Publikums gibt, so lässt sich mit Mühlen (1985:29) doch von einer nonverbalen Handlungsmöglichkeit sprechen. Sie geht davon aus, dass diese eher in affirmativer Weise eingesetzt werden, d.h. Lachen und Applaus häufiger vorkommen als Buh-Rufe oder Pfiffe

Diese These konnte sich auch bei Vorsicht Friedman! behaupten: In der Sendung vom 15.10.02 beispielsweise wurde kein einziges Mal gepfiffen oder gebuht, dafür allerdings 33 mal gelacht oder applaudiert, wobei der Beifall nicht allein auf Äußerungen Friedmans selbst, sondern durchaus auch auf die der Gäste bezogen war

5. Anspruch und Adressat

Neben dem Publikum zählt auch das Fernsehpublikum zu den passiven Teilnehmern, an die der Talk zwar gleichfalls adressiert ist, die im Gegensatz zu den Studiogästen allerdings jeder Einflussmöglichkeit beraubt sind. Mit Goffman (1999:161) kann man von einer „doppelten Adressiertheit medialer Kommunikation“ sprechen, wenn man den Diskussionsteilnehmer hinzuzählt, sogar von einer dreifachgerichteten

In erster Linie ist die Diskussion wohl an die Fernsehzuschauer daheim adressiert, da sie zum einen die Sendung an sich ja legitimieren, zum anderen auch die breitere Masse darstellen. Eine Diskussion, die sich lediglich an das Studiopublikum richtet, könnte in den heutigen Medien, die ein schnelllebiges Geschäft sind und auf Profit ausgerichtet sind, schwerlich überleben

Damit die Sendung also auch weiterhin ihre Berechtigung im Programm haben darf, muss sie entsprechende Einschaltquoten erzielen

Vom Hessischen Rundfunk wurde mir eine durchschnittliche Einschaltquote von 8,8% mitgeteilt, was eine Zuschauerzahl von 440.000 bedeutet

Eine genaue Aufschlüsselung dieser Zahlen darf allerdings nicht veröffentlicht werden

In diesem Zusammenhang ist mir aufgefallen, dass die Meinungen zu Vorsicht Friedman! sich in zwei völlig konträre Lager teilen. In allen Aufsätzen, die ich im Internet zu diesem Thema finden konnte, bzw. bei Gesprächen mit Freunden und Bekannten, herrschte immer entweder völlige Begeisterung oder strikte Ablehnung. So heißt es in einem Essay, der auf der Homepage der Uni Marburg veröffentlicht ist:

„Ohne Zweifel ist Friedman der charismatischste, aber zugleich auch der umstrittenste Polit-Talk-Moderator.“[20]

Diese geteilte Meinung scheint mir vor allem an der durchaus gewöhnungsbedürftigen Moderation Friedmans zu liegen, die die einen befürworten, weil sie von Witz und Rhetorik zeugt und Wahrheiten ans Licht befördert, die man bei anderen Sendungen nicht erfährt

So sehen viele das Beispiel Friedmans als Möglichkeit, „demokratische Streitkultur“ zu leben und damit durch das Motto „Einmischen statt wegschauen“ Einfluss auf die Politik zu nehmen.[21]

Die anderen vertreten die Gegenmeinung, dass Friedman seinen Gästen zu sehr auf die Pelle rückt, teilweise unverschämt und zu aufdringlich ist[22]

So fand sich Vorsicht Friedman! laut einer Umfrage im Internet mit 47,5% auf Platz eins der schlechtesten Talk Shows, wobei der zweite Platz schon nur noch 22,6% erhielt.[23]

Allerdings muss man sehen, dass dieses Ergebnis nicht ganz repräsentativ ist, da die anderen zur Wahl stehenden Talk Shows auch keine politische Talk Shows, sondern „Klatsch-Talkshows“ am Nachmittag waren, die eine ganz andere Klientel verfolgen. So scheint sich Vorsicht Friedman! nicht an die Hausfrau zu richten, die sich nachmittags beim Bügeln zur Ablenkung eine „leichte“ Talk Show ansieht. Schon allein die Sendezeit und das politische Thema lassen darauf schließen, dass Vorsicht Friedman! sich vor allem an ein politisch interessiertes und aufgeklärtes Publikum richtet, was mir auch von der Produktionsgesellschaft bestätigt wurde

6. Räumliches Arrangement und Visualisierung

Zunächst einige Worte zur Proxemik

Wie in meinen Aufzeichnungen auf der beiliegenden CD zu sehen ist, findet die Sendung in einem relativen kleinen Studio im Main-Tower statt. Durch die Glasfront ist ein weiträumiger Blick auf die Skyline von Frankfurt gegeben. In Mitten des Studios findet sich, umringt von den Studiogästen, ein etwas erhöhtes Podest mit zwei sich gegenüberstehenden blauen Zweisitzer-Couchs, auf denen sich die Gäste und Friedman in engstem Abstand, nämlich ca. einem Meter, gegenübersitzen

Die stets gleichbleibende Kulisse dient zum einen als Erkennungszeichen der Sendung, zum anderen ist durch diese räumliche Vorgegebenheit schon ein Großteil des nonverbalen und vor allem des proxemischen Verhaltens vorbestimmt.[24]

So erlaubt es das räumliche Arrangement dem Moderator nicht nur, seine Gäste durch sein hartnäckiges Nachhaken, sondern auch durch körperliche Mittel in die Enge zu treiben

Friedman selbst äußerte sich über eine Situation, in der eine Staatssekretärin der Grünen über den Krieg im Kosovo in Tränen ausgebrochen ist und „ihr wahres Gesicht gezeigt hat“, folgendermaßen: „Das möchte ich erreichen, wenn ich auf meine Gäste – auch körperlich – Druck ausübe.“[25]

Man kann in der Sendung immer wieder deutlich sehen, dass Friedman die Hand auf das Knie seines Gesprächspartners legt, dessen Hand festhält, oder ihm auf die Schulter klopft, was allein durch die beengte Sitzordnung möglich ist. Kerstin Müller, die in der Sendung vom 18.06. 02 zu Gast war, verharrte beispielsweise während der gesamten Sendung in der äußersten Ecke der Couch und verließ diese Position lediglich in emotional aufgewühlten Situationen, in denen sie ihren Gegenüber angriff

Die räumlichen Gegebenheiten unterstützen also das Konzept der „direkten, unmittelbaren Kontroverse“[26]. Gleichzeitig wird es noch durch die Art der Kameraführung, nämlich „den rasanten Kamerawechsel mit den vielen Großaufnahmen, unterstrichen.“[27]

Bei den meisten Großaufnahmen werden häufig so genannte „Inserts“[28] eingeblendet, die der Sprecheridentifikation dienen

Schon zu Beginn der Sendung wird bei der Begrüßung die Kameraeinstellung in Großaufnahme auf den gerade vorgestellten Gast gerichtet, dessen Name und politische Funktion mit Parteizugehörigkeit eingeblendet wird

Diese sind selbstverständlich für das Studiopublikum nicht sichtbar, sowie insgesamt das Erleben des Talks im Studio selbst ganz andere Erfahrungen vermittelt als das Verfolgen der Sendung via Fernsehen

Dieses Phänomen konnte ich bei den beiden Besuchen der Sendungen erfahren

Auf der einen Seite birgt das direkte Erleben des Talks den Vorteil, alle Informationen selbst selektieren zu können. Man hat selbst die Wahl, wessen Gestik man sehen will, ob man den Sprecher oder den Hörer beobachtet, oder das Gesamtbild wichtiger findet

Aber genau da liegt auch die Schwierigkeit. Durch die Medien bekommen wir immer eine gut portionierte Auswahl, die wir verarbeiten können. Zu Beginn der Diskussion im Studio fiel es mir deshalb schwer, dem Talk an sich zu folgen, weil der Fokus nicht auf nur einer Person lag, sondern gleichzeitig das Studiopublikum, die Kameraleute und die zuhörenden Gästen interessant waren

Beim Erarbeiten des Videomaterials dagegen, bei dem man auf das angewiesen ist, was die Kameraführung und die Regie ausgewählt hat, konnte ich mich dann ganz auf die Diskussion an sich konzentrieren

Dafür gingen all diejenigen Informationen verloren, die außerhalb des Gezeigten lagen

So heißt es auch bei Burger (2001:1501):

„Die technische Bedingtheit von Fernsehgesprächen ist eine der Grundbedingungen von Inszeniertheit. Sie wird am unmittelbarsten deutlich in der Visualisierung, da diese den alltäglichen Wahrnehmungsgewohnheiten zuwiderläuft. Der Rezipient ist an die Wahrnehmung des Bildes gebunden, das ihm die Kamera vermittelt. [...] Durch diese Ritualisierung gehen u.U. Elemente des kommunikativen Geschehens verloren [...]. Andererseits zeigt sich beim Vergleich der ausgestrahlten Diskussion mit einer im Studio gemachten Aufnahme[...], dass durch die Kameraführung die Atmosphäre des Gesprächs gänzlich verändert werden kann.“

7. Dauer

Laut Fernsehzeitung und Friedman selbst dauert die Sendung 45 Minuten

Auch die Abmoderation „Meine Damen und Herren, das war Vorsicht Friedman!, die Zeit, sie ist um“, die in jeder Sendung mitten in der Aussage eines Gastes völlig ohne Ankündigung und Vorwarnung auftritt, lässt darauf schließen, dass es sich auch genau um diese 45 Minuten Sendezeit handelt

Dieses abrupte Schlusswort, das charakteristisch für die Sendung geworden ist[29], stellt eine Besonderheit im Genre des Talks dar, da sonst in Gesprächen mit Moderator, immer eine stufenweise Ankündigung des Schlusses erfolgt.[30]

Allerdings konnte ich bei meinem zweiten Besuch der Sendung feststellen, dass Friedman um einige Minuten überzog, obwohl er ständig eine digitale Uhr im Blick hatte, die die Sendezeit rückwärts zählt und ihm so die verbleibende anzeigt. Dennoch fiel Friedman auch in dieser Sendung, in der er die 45 Minuten ohnehin überschritten hatte, seinem Gast mitten in dessen Ausführungen mit seinem bekannten Schlusssatz ins Wort.[31]

Mit Burger (1991:12) kann man sagen, dass Zeit, eigentlich eine Hintergrundbedingung des Sprechens, in den Medien allerdings explizit thematisiert wird.[32]

Friedman zeigt mit seinem abrupten Ende der Diskussion, dass noch genügend Gesprächsstoff gewesen wäre. Auch die Formulierung „Die Zeit, sie ist um“, suggeriert, dass das Ende nicht gewollt, sondern zeitlich vorgegeben ist. Vor allem im Fernsehen heißt es, Zeit sei kostbar. So ist der Schlusssatz auf der einen Seite ein Signal an den Fernseh-Sender, dass die Sendung so interessant ist, dass sie nicht nur 45 Minuten, sondern durchaus länger gehen könnte, auf der anderen Seite suggeriert sie dem Zuschauer aber auch, dass er ohne Langeweile noch weiter geschaut hätte. Es macht neugierig auf die nächste Sendung und man gewinnt den Eindruck, permanent unterhalten worden zu sein. Dadurch, dass niemand auf das Ende vorbereitet wird und es völlig unverhofft mitten in die Diskussion hineinplatzt, empfindet man es als „verfrühtes“ Ende, man hätte ja gerne die Diskussion noch „zu Ende“ gehört. Genau da liegt die Intention Friedmans. Es geht ihm nicht um eine abgeschlossene Diskussion, die zu einem Ziel oder Ergebnis gelangt, sondern um eine provokante, kurzweilige Auseinandersetzung, von der der Zuschauer hinterher denkt, dass sie noch hätte andauern können und sie das nächste Mal deshalb wieder anschauen will

8. Warming up

Das gesamte warming up ist auf den beiden Daten-CDs zu sehen, einzelne relevante Passagen habe ich als Transkription in den Text eingefügt

Als Grundlage für die Transkription dient das Videomaterial, das ich bei meinen Besuchen der Sendung erstellt habe. Es ist dieser Arbeit als Daten-CD beigefügt[33]

Das warming-up steht im Vorfeld jeder Sendung. Etwa eine Viertelstunde vor Sendebeginn erscheint Friedman plötzlich im Studio und bereitet seine Gäste auf die Sendung vor. Dabei stellt er zum einen seine Gäste und das Thema vor, und stimmt zum anderen das Publikum emotional ein

So birgt bereits das erste Auftreten Friedmans eine gewisse Theatralik in sich, wenn er drei Mal das Studio betritt, um den Applaus der Studiogäste zu trainieren:

1 [Friedman betritt das Studio] <<all, ff>gutn ABEnd, meine dAmn und hErrn,
2 HERZlich willkOmmen bei ↑!FRIE:DMAN!;(-)>
<<Applaus>>
3 <<rall>ALso. es ist SA:Mstag, draußen ist es noch !HE:LL!, (.)>
4 das machn wier noch mal (.) GANZ anders;(.)
<<jetzt normale Stimme>>
5 also ↑GA:NZ Anders; (.)
[verlässt das Studio]
6 <<rhyth> das ↑GEH:T so nIch,> (--)
7 da krIEg ich jA, (.) da krIEg ich ja proBlE:me mit mir sElbst.
8 <<f>ALso; das gAnze noch mA:l. (2)
9 [betritt das Studio] <<all, geschrien> meine dAmn=nd=hErrn,>
10 <<cres,acc> herzlich willkommen bei <<rhyth>↑FRIE:::D[MA::N>>-
[<<starker Applaus,Juhu-Rufe 7sec>>
11 DAS ist genAU rIchtig, [unverständlich]
12 <<stacc> ÜBEN wir dAs noch EinmAL
[verlässt das Studio]
13 dAmIt es <<rhyth>den GANzen A:bend so BLEIBT;> liebe frEUnde;
14 AUFzeichnungen LEben davOn, dass das PUBlikum uns WACH hält. (-)
15 [betritt das Studio] Also. <<f,all> gUten ABend, meine dAmn und hErrn> [unverständlich][34]

Neben der ständigen räumlichen Bewegung ändert Friedman auch Sprechrhythmus, -tempo und Tonhöhe, um das Publikum aufzuwecken, mitzureißen

In Zeile 15/16 des Transkripts spricht er bereits an, was er gegen Ende der Aufwärmphase noch einmal deutlicher macht[35]:

1 ↑So. <<ff, len> mEIne dAmen Und hErren, Ich brAUCHE sIe (-) gAnz drIngend,
2 DENN es wird nicht EINfach sein,>
3 <<all,> das weiß ich jEtzt schon> (--)
4 äh bei den Anwesenden hErren
5 <<all> vor allen dIngen bei dem soziAldemokrAten,> (-)
6 meine wUt und meinen UnmUt zu formulIEren
7 <<p, all> weil er wird mir dAuernd erklÄren, dass ICH es nicht kapIEre> (-)
8 und damIt wir die chAnce haben, ihn zu nerwen, (.)
9 <<p, all> und ich will ihn heute WIRKlich nerwen>
10 brauche ich IHre unterstÜtzung (-)
11 tUn sie mir n gefAllen, (-)
12 dORT, wo sie mit den gÄsten EINverstanden sind,
13 <<rhyth> wir sind ein faires pUblikUm, (.)
14 sie krIEgen euren applAUs, (.) sie krIEgen eure zUneigUng (-)>
15 ICH wäre ihnen dankbar, wenn sie mir IHREN APPlaus,
16 und IHRE zUneigUng BESONDERS oft schenken würden

Neben der Vorstellung des Themas dient das warming up also hauptsächlich dazu, die Zuschauer zu Rückmeldungen zu ermuntern, um dem Gespräch auf der einen Seite mehr Lebendigkeit zu verleihen, und auf der anderen Seite Moderator und Gäste in ihren Meinungen zu unterstützen, bzw. die Gegenmeinung dazu auszudrücken

Interessant hierbei ist, dass Friedman bei beiden Sendungen fast identische Formulierungen verwendet, obgleich 4 Monate Pause dazwischen liegen. So bittet er sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Sendung die Studiogäste, mit ihrem Applaus nicht „schüchtern“ zu sein.[36]. Diese Aufforderung wird übrigens nicht nur sprachlich identisch realisiert, sondern findet sich auch zeitlich und thematisch an der gleichen Stelle der beiden Sendevorbereitungen.[37]

Außerdem verweist Friedman in beiden Aufwärmphasen auf die Schwierigkeit, mit seinen Gästen zu diskutieren, um sich die Mithilfe des Publikums zu sichern und verwendet auch da ähnliche Vokabeln.[38]

Auch bei der Vorstellung des Themas bedient er sich in beiden Sendungen der gleichen Rhetorik

So verwendet er bei der Kernthematik der Sendung vom 18.06. die dreigliedrige Wiederholung „Bildung, Bildung, Bildung“, die er im Laufe der Sendevorbereitung wiederholt.[39]

Diesen rhetorischen Kunstgriff, der wohl eine Anlehnung an den Slogan der Zeitschrift Fokus „Fakten, Fakten, Fakten“, der zu einem geflügelten Wort geworden ist, darstellt, setzt er auch in der zweiten Sendung ein, in der die Diskussion sich um das Thema „Sparen, Sparen, Sparen“ dreht. Auch hier zieht sich das Wort „sparen“ wie ein roter Faden durch die Vorbereitung, allerdings bleibt der dreigliedrige Ausdruck für die Sendevorbereitung einmalig[40]. In der Diskussion selbst wird er dafür wiederum mehrfach wiederholt[41]:

1 F spA:ren, spA:ren spA:ren; .h(-)
2 sie machen hier zwEI komma fÜnf milliarden MEHR verschUldung-
3 von spA:ren, spA:ren, spA:ren? erkenn ich wE:nig.
[...]
4 wArUm haben sie VOR der wahl gesAgt-
5 <<cresc, len> spA:ren, spA:ren (-) SPA:ren.>
[...]
6 sInd sie der mEInung, dass dAs, wofür rOt grÜn stAnd,
7 nämlich spA:ren, spA:ren, spA:ren
8 IM prInzIp ↓fO:rtgesetzt wIrd?

Eine weitere auffällige sprachliche Wiederholung in beiden Vorbereitungsphasen ist die Reihung des Wortes „sehr“, die er in beiden Sendungen verwendet, beide Male in zwei direkt aufeinanderfolgenden Teilsätzen:

dA ist das pUblikum sEhr ,sEhr wAch, (.) sEhr, sEhr fAIr(.),[42]

<<stacc, len, f > ICH WILL darÜber (.) sEhr sEhr sEHr kritisch (-)

sEhr sEhr sEhr Ehrlich (.) diskutieren> (--)[43]

Man kann also sagen, dass Friedman in seinem warming up zwar eine geballte Rhetorik verwendet, um das Interesse des Publikums zu gewinnen, um es zu fesseln und aufzuwecken, dass sich bei genauerer Betrachtung allerdings durchaus auch stereotype Sprachmuster feststellen lassen, die fast ans Formelhafte grenzen und nicht mehr den Eindruck einer spontanen Äußerung tragen.[44]

II. Das Korpus

Wie schon eingangs erwähnt, bezieht sich diese Arbeit auf zwei exemplarisch ausgewählte Sendungen von „Vorsicht Friedman!“, wobei es sich bei der ersten der beiden Sendungen um eine Sonderform handelt. Normalerweise diskutiert Friedman immer dienstags live mit drei Gästen. In der ersten von mir untersuchten Sendung musste allerdings kurzfristig umdisponiert werden, da der Moderator zu einem Exklusivinterview mit Ariel Sharon in den Nahen Osten reisen musste und deshalb die Sendung am Dienstag abgesagt und ein Ersatztermin am Samstag gefunden wurde. Dadurch bedingt waren auch nur zwei Gäste statt der sonst üblichen drei geladen, was Friedman im warming up damit begründet, dass es sich bei den Teilnehmern um „Schwergewichte“ handelt, die es ihm zu zweit schon schwer genug machen.[45]

Diese beiden „Megaprofis in der Politik“[46] sind Thomas Goppel, Generalsekretär der CSU (im Transkript mit G gekennzeichnet) und Kerstin Müller, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag (im Transkript KM genannt). Das Thema der Sendung lautet: “Schwarze Zukunft für grüne Regierungsträume“

In der zweiten Sendung, die einen Monat nach der Bundestagswahl stattfand, diskutiert Friedman mit Oswald Metzger, Haushaltsexperte der Grünen (im Transkript mit OM gekennzeichnet), mit Reinhold Robbe, einem Mitglied des Fraktionsvorstandes der SPD (im Transkript RR), und Herbert Reul, dem Generalsekretär der CDU in Nordrheinwestfalen (im Transkript HR) über das Thema „Rot-grün legt los - lauer Aufguss oder Neubeginn“

Von beiden Sendungen habe ich Videoaufnahmen angefertigt und sie dieser Arbeit beigefügt. Außerdem liegt eine CD mit den Videoaufnahmen der Sendevorbereitungen und des Studios bei

Die in den Transkripten angegebene Minutenzahlen gibt die Stelle im Video an, auf die sich der Text bezieht

Da es sich fast ausschließlich um kürzere Passagen handelt, habe ich sie direkt in den Text eingefügt

Als Transkriptionsmethode habe ich mich für GAT entschieden[47], als zusätzliche Parameter habe ich <<stacc>> für „staccato“ und <<rhyt>> für “rhythmisch“ in meine Analyse mit aufgenommen.[48]

An manchen Stellen, an denen ich lediglich auf inhaltliche Aspekte aufmerksam machen möchte, habe ich auf eine Transkription verzichtet und literarische Umschrift[49] verwendet

III. Ablaufschema

Im folgenden Kapitel soll ein Blick auf die Sendung an sich geworden werden. Ich fange in chronologischer Reihenfolge mit dem Sendebeginn an, werde dann die Diskussion selbst untersuchen und mit einem Blick auf das Ende der Sendung das Kapitel schließen

1. Beginn

Die Sendung beginnt pünktlich nach den Nachrichten um 20.15

Dazu sitzen Friedman und seine Gäste bereits auf ihren Plätzen, die sie vor Sendebeginn zugewiesen bekommen haben, wo sie dem Studiopublikum vorgestellt und von diesem begrüßt wurden

Ca. 10 Sekunden vor Sendebeginn signalisiert der Regieleiter durch einen Countdown die noch verbleibende Zeit bis zur Sendung

Nach dem Countdown wird ein immer gleicher Spot eingeblendet[50], den Friedman, seine Gäste und das Publikum auf einer kleinen Leinwand und Fernsehern im Studio mitverfolgen können. Zu einem blauen Hintergrund, auf dem in großen Lettern der Titel der Sendung erscheint und anschließend Porträts des Moderators während verschiedener Diskussionen gezeigt werden, spricht eine Frauenstimme die Einleitungsworte: „Hoch über Hessen, live aus dem Maintower, Vorsicht Friedman“. Begleitet wird dieser Spot durch eine musikalische Untermalung, die zum Ende hin immer lauter und eindringlicher wird und schließlich mit einem Art Paukenschlag endet

Auf einem zweigeteilten Bildschirm ist für das Fernsehpublikum dann auf der linken Seite der Moderator sichtbar, während auf der rechten wiederum auf blauem Hintergrund der Titel der Sendung eingeblendet wird

Friedman, der in Großaufnahme im Bild ist, steigt nach Ende der Musik direkt in medias res. Statt einer Begrüßung der Gäste oder des Publikums, entwickelt er in einigen kurzen, rhetorisch ausgefeilten Sätzen das Thema der Sendung, um erst dann seine Gäste vorzustellen, die dabei jeweils der Reihe nach in Großaufnahme gezeigt werden

Die Sendung beginnt also außerhalb eines interaktiven Kommunikationsprozesses mit einer monologischen Ansage und entwickelt sich erst im weiteren Verlauf zu einer Diskussion

Als Beispiel habe ich die Eröffnung der Sendung vom 15.10 herausgegriffen:

1 <<rhyth> wO:chenlA:ng>
2 <<len> hAben rot-grÜn hInter verschlOssenen (--) tÜren (-) geBRÜTET.
3 JETZT ist das EI gelEgt.
4 EIn FAUles Ei,> <<all> fInden vIele.>.h (-)
5 SEIN ↑INhAlt, (-)
6 STEUERerhÖhungen (-) und SCHULdenmachen. (-)
7 ˉODER (-) ist es !DOCH! das ei vom kolUMBUS,
8 um dEUtschland wieder nach vOrne zu brIngen,
9 <<stacc> Und EIne gerEchte politIK zU betrEIben.>
10 Darüber dIskutIEre ich hEUte Abend (-) mit REINHALD ROBBE,
11 Es pe dE (-) und mItglied (.) der (-) ˇBUNDES(.)fraktIONS(.)VORstandes.
12 <<Applaus>>
13 MIT (2) MIT HERBERT REUL,
14 den generAlsekretÄr der ce de U in nOrdrheinwestfA:len;
15 <<Applaus>>
16 UND (-) mit OSWALD METZGER, (.)
17 Den HAUShaltsexpErten von (.)
18 <<stacc, len> BÜNdnis (.) NEUNzig, die grÜnen.>

Friedmans Aufhänger für die Sendung ist die Metapher des Ei-Legens, die dann in verschiedenen Bildern erweitert und in andere Kontexte eingebettet wird. So meint er, wenn er in Zeile 3 davon redet, dass das Ei gelegt sei, das Resultat der Koalitionsverhandlungen, und nutzt eine neue Ei-Metapher, das faule[.] EI, als Überleitung zu seinem nächsten Diskussionspunkt, nämlich die Unzufriedenheit der Wähler. Auch zum dritten Punkt, die Zukunft Deutschlands, wird durch die letzte Ei-Metapher, das Ei des Kolumbus, eingeleitet

Nach dieser rhetorisch ausgefeilten Themenvorstellung in Kurzform werden die Gäste vorgestellt, indem mit dem Ausdruck Darüber diskutiere ich heute Abend mit (...) in metakommunikativer Form eine Brücke zwischen Thema und Gästen geschlagen wird

Diese Überleitung ist eines der „Markenzeichen“ der Sendung. Fast schon floskelhaft verwendet Friedman sie in ausschließlich jeder Sendung[51], um einen reibungslosen Übergang vom Thema der Sendung zur Vorstellung und Begrüßung der Gäste zu erzielen

Der Eröffnungsmonolog ist also zum einen polyfunktional, da er sowohl der Themenvorstellung, als auch der Vorstellung der Gäste dient, und kann andererseits mit Burger (1991) und Heinemann (2001:1192) als Ritual bezeichnet werden, da er fester und immer gleich bleibender Bestandteil der Sendung ist, und gleichzeitig den anderen Beteiligten keinen Handlungsspielraum lässt

2. Die Diskussion

An diesen Eröffnungsmonolog fügt sich die eigentliche Diskussion

Im Folgenden soll ein Blick auf Anfang und Ende des Gesprächs, sowie den inneren Ablauf, sprich die Themenwechsel, geworfen werden

2.1 Beginn der Diskussion

Der Beginn der Diskussion wird normalerweise durch die erste Themafrage gekennzeichnet

Im Gegensatz zu anderen politischen Diskussionssendungen, bei denen erst die Frage gestellt wird und anschließend derjenige angesprochen wird, der sie beantworten soll, legt Friedman bereits vor der Fragestellung durch die Anrede fest, an wen die Frage gerichtet ist

Die Art der Diskussionseröffnung ist in fast allen Sendungen identisch. Nach der Begrüßung richtet Friedman seine ganze Aufmerksamkeit einem Gast zu. Dies gestaltet sich so, dass der Moderator in ironisch-provokativem Ton seinem ersten Gesprächspartner eine Frage stellt, während die anderen Gäste dadurch vorläufig lediglich Zuhörer dieses Gesprächs bleiben:

1 <<len> hErr GOppel, (3)
2 der wAH:lkampf (.) der unIO:n (-) war ja>
3 <<acc> bIslang NICHT gerade DAS,>
4 was man ein FEUERwErk von ZÜNdenden idEEN nennen kAnn.
5 <<all> aber JETZT.>
6 die Zuwanderung ist wieder DA,
7 wOllen sie ´SO die lUnte lEgen,
8 <<rhyt> damIt es wIeder !KRA:CHT!?>[52]

Im Anschluss an diese Frage entwickelt sich ein Zwiegespräch zwischen Goppel und Friedman, das Friedman erst 2 Minuten 23 Sekunden, bzw. 16 turns später beendet, indem er sich mit einer persönlichen Anrede an seine zweite Diskussionsteilnehmerin, Frau Müller, wendet

Auch in der zweiten Sendung vom 15.10[53]. gestaltet sich der Diskussionsbeginn ähnlich:

1 F <<len> hErr METZger, (4)
2 ich MUSS (--) <<all> WIRKlich von GANzen HERzen>
3 den grÜnen ein kOmpliMENT (-)
4 für ihre verHANDlungsfÜhrung (-) in dieser koalitION (.) äh machen>
5 [Metzgers Antwortet ist leider unverständlich]
6 <<rhyt> ÖkostEUer, (--) EhegAttensplItting, (--)
7 alles ÖkolOgisch entSORGT, ab in den BIOmüll. (-)
8 hAben sie eigntlich umSONST <<acc> für SCHRÖder> diese wAhl geWONNEN?>

Nach der Adressierung seiner Frage an Oswald Metzger, den Friedman als letzten seiner Gäste vorgestellt hatte, zu dem also noch der stärkste Bezug besteht, formuliert er in ironischem Ton seine Frage, die der Angesprochene beantworten muss, während die beiden anderen Gäste schmunzelnd auf dem Sofa sitzen

Im weiteren Verlauf der Diskussion wechselt Friedman allerdings in diesem Fall relativ schnell den Gesprächspartner, was wohl daran liegt, dass Metzger ihm in allen Punkten Recht gibt und nicht die Gegenmeinung vertritt, was eine hitzige Diskussion, die Friedman ja provozieren will, verhindert. Deshalb wendet er sich nach kurzer Zeit an seinen nächsten Gesprächspartner

2.2 Die Diskussion um ein Thema

Bereits Brinker (1986:176) verweist darauf, dass es in „Talk-Runden des Fernsehens nicht primär darum geht, den Gesprächspartner zu überzeugen, sondern das Fernsehpublikum zu überzeugen.“

Die Diskussion dreht sich dann nicht in erster Linie um das Thema und die Lösung des Problems, sondern ist hauptsächlich rhetorischer Schlagabtausch. Diese Tendenz scheint ein weit verbreitetes Spezifikum von Mediengesprächen zu sein. So beschreibt auch ein Aufsatz im Internet.[54] über „Infotainment“, bzw. die politische Berichterstattung zwischen Information und Unterhaltung: “Vielmehr ist der Anteil von Unterhaltungselementen gestiegen, während die Informationsvermittlung kontinuierlich abnimmt.“

Auch bei Vorsicht Friedman! lassen sich, vor allem im sprachlichen Bereich, mehrere Belege finden. Als Beispiel soll eine Passage vom 18.06. dienen:[55]

1 G EIns komma vIEr millionen fÜnfzigjährige in UNserem lAnd.
2 werden von ArbeitgEbern und anderen rAUsgeschickt,
3 <<acc> und werden aus dem betrIE:b gezogen,
4 <<cres>dAmIt die wI:rtschaft> ausdrÜcklich sA:gt, >
5 ich brauch die zwANzigjährigen aus SrI lAnka-
6 <und sOnstwo;h
7 G <<all,ff>und dA [muss ich ihnen sA:gen, geht es !Ü:!berhAUpt nicht?
8 F [nEIn nEIn <<pp>herr gOppel>
8 !NEIN!- m!A!chen sie mit mir nIcht
9 I:CH will zuE:rst mEI::nen tÜ:chtigen (4sec)
10 F herr gOppel herr gOppel hE:rr ↑g!O:!ppel-
11 !EINS! kom !EINS! komma !FÜ!nf milliOnen mEnschen aus sri `l!A:!nka?
12 wE:rden nAch Ihnen ErwA:rtet?

Friedmans Einwurf hat hier lediglich imageaufwertende Funktion, was auch durch den Applaus und das Lachen im Publikum bestätigt wird

Er dient nicht der Informationsvermittlung, bzw. –gewinnung, sondern verdreht die von Goppel dargestellte Aussage sogar

Goppel spricht davon, dass 1,4 Millionen fünfzigjährige Deutsche ihre Arbeit zugunsten von jüngeren Ausländern verlieren. So, wie Friedman seine Aussage im Nachhinein hinstellt, bezieht Goppel diese Ausländer ausschließlich auf Sri Lanka, allerdings sagt Goppel in seinem Beitrag ausdrücklich von Sri Lanka oder sonst wo. Friedmans Aussage stimmt daher inhaltlich nicht mehr mit dem überein, was die eigentliche Information Goppels war, dessen Fokus nicht auf Sri Lanka oder der Zahl 1,4 Millionen[56] lag, sondern darauf, dass ältere Deutsche nicht gefördert und umgeschult werden, sondern junge Ausländer geholt werden

Der Einwurf Friedmans dient also lediglich dem Entertainment. Seine Intention ist nicht Informationsvermittlung, sondern verfälscht im Gegenteil aus unterhaltungstechnischen Gründen Goppels Aussage

In einer im Internet veröffentlichen Medienkritik der Uni Marburg zu „Vorsicht Friedman!“ wird ebenfalls auf dieses Phänomen eingegangen: „Auch die Tatsache, dass er ständig seinen Gästen ins Wort fällt und gelegentlich deren Aussagen in einen anderen Kontext einbettet, um so provokante Thesen aufstellen zu können, sorgt vielleicht eher für Verwirrung als für Aufklärung.[57]

Schicha (2003) hat in seinem Aufsatz „Infotainment. Zur politischen Berichterstattung zwischen Information und Unterhaltung“ eine Klassifizierung des Begriffes Infotainment vorgenommen: „Die Trennung zwischen Information und Unterhaltung lässt sich dahingehend klassifizieren, dass Information als kontextorientiertes Datenmaterial bezeichnet werden kann, während Unterhaltungselemente als „Verpackung“ von Information dienen könne, um sie attraktiv zu vermarkten.“[58]

Wie das Beispiel zeigt, scheit die „Verpackung“ eine derart große Rolle zu spielen, dass dafür sogar Verluste auf Informationsseite in Kauf genommen werden

2.3 Themenwechsel

Im Normalfall ist es Aufgabe des Moderators, einen Themenwechsel einzuleiten[59]

Im folgenden Abschnitt soll an verschiedenen vom Moderator provozierten Übergängen zu neuen Diskussionspunkten gezeigt werden, dass sie eine ähnliche Struktur aufweisen

Als erstes Beispiel soll eine Passage vom 18.06. herangezogen werden

Der Kontext ist der, dass Frau Müller in einer ihrer Ausführungen über das schlechte Abschneiden Deutschlands in der Pisastudie Herrn Gabriel zitiert[60]:

1 KM U:nd dA: fInde Ich, <<all>hat herr gabrie(h)l ri(h)chtig gesAcht,
2 dA Ist das jEtzt VÖ:llig egA:l,> (-) äh,
3 Ob mAn dr!EI!: mEter unterm wAsserstand ist,
4 oder zw!EI! mEter unterm wAsserstand?
5 bAYern oder En Er [wE: oder sAchsenANhalt? (-)
6 F [hat hat gabriel
7 KM <<f>↑SO:ndern> es Ist (-) es ist EInfach unsre [HAU:saufgAbe
8 F [`SO.
9 KM [dIE wIr mAchen mÜssn.
10 F [hAt gA:brIEl dEnn !AU:!ch rEcht?
11 wie sie ihm jEtzt gesAgt haben, als er gefO:rdert hAt; (-)
12 <<len,stacc> dEU:tsche Eltern MÜssen in zUkunft
13 ihre KINder in br!E!nnpunktschU:len sch!I!cken>,
14 um sO: den hohen AUsländerAntEIl in die klAssen zu reduzIEren.
15 Ist das ne gU:te ↓IdEe?(-)
16 AUch ne gU:te ↓IdEe?

Frau Müller lässt in ihre Ausführungen zur Pisa-Studie ein Zitat von Siegmar Gabriel einfließen, das sie ihrem Lachen nach zu urteilen besonders treffend und humoristisch findet, und es deshalb zur eigenen Imagepflege verwenden möchte. Für Friedman ist dieses Zitat allerdings die Möglichkeit, ein neues Thema einzuführen, da er ebenfalls ein brisantes Zitat von Gabriel (Z.12f) anbringen möchte und das Stichwort Gabriel ihm ein willkommener Verknüpfungspunkt ist, wie sein Grinsen zeigt

Sein erster Versuch, Frau Müller mit seinem Zitat zu unterbrechen und das neue Thema einzuführen (Z.6) scheitert allerdings, da die Politikerin zum einen durch prosodische Mittel, wie besondere Betonung, und zum anderen auch durch einen bedeutenden Blick in Richtung Friedman zu erkennen gibt, dass sie sich das Rederecht nicht abnehmen lässt

Friedman lässt sie zuerst weiterreden, signalisiert dann durch sein So in Zeile 8 das Ende ihres Beitrages und gewinnt nach anfänglichem Simultansprechen schließlich an einer übergangsrelevanten Stelle das Rederecht für sich, um das neue Thema einzuführen

Dies geschieht in Anknüpfung an den vorhergehenden Sprechakt, indem sowohl auf das Thema Siegmar Gabriel, als auch eine Äußerung Frau Müllers rekurriert wird und dies mit dem neuen Thema verbunden wird: Hat Gabriel verweist auf das „Verknüpfungsthema“, denn auch recht, wie sie ihm jetzt gesagt haben ist eine metakommunikative Verbindung, bei der die sprachliche Äußerung des ersten Redebeitrags (Müller) übernommen und in die Frage des zweiten Redebeitrags (Friedman) gebettet wird, als er gefordert hat (...) ist das Zitat Gabriels, das das neue Thema einleitet, und ist das (...) auch ne gute Idee schließlich fordert zur Diskussion über das neue Thema auf, wobei das auch wieder auf das Zitat Müllers verweist und somit den Übergang abrundet

Diese Struktur, die Bubitz (2001:1335) mit janusköpfig beschreibt, da sie ein rückwärtsgerichteten und vorwärtsgerichteten Bezug aufweist, lässt sich in fast allen Themenwechseln erkennen, weshalb ich ein weiteres Beispiel vom 15.10. anführen möchte[61]. Kontext ist die Diskussion um die Rolle Joschka Fischers

1 F dEr w!O!llte dOch ↑INNenpolitIk mAchn?(2)
2 OM .h AlsO, <<len> dIe hÄ:tte Er bE:sser bl!EI:!bn lAssn?
3 wEIl in den !Ö:!konOmischen thEmen,
4 hAbn sich m!EI!ne lEUte,
5 !BEI:! gOtt .h ALLes ANdere Als Als mA:rktwirtschAftler,
6 äh bewÄ:hrt, (-) Oder als rEfO:rmer des sOzIA:lstAAts,>
7 Und dIEsn rUf hAtten wir uns !I!mmerhIn (-) !AN!gezOgn, (-)
8 <stacc> [IN der OppositiOnszEIt, <<pp>immerhin;>
9 F [herr
10 herr rObbe, also sIe haben ja die grünen ein bisschen ↑AUSgezogen,
11 das grüne hErzstück, (-)der atOmausstIEg.
12 also dAs war ja nun wIrklich .hh die TIE:fste identität der grünen,)
13 wurde vom kAnzler mal eben so wEggewischt.
14 O:brigheim, der (-) Älteste atommeiler der republIk,
15 sOllte dIeses jahr, .h (-)
16 als Erste AKW Abgeschalte werden

Auch hier greift Friedman eine Äußerung des vorhergehenden Redners, bzw. das Gegenwort dazu, auf und nutzt sie als Überleitung zum nächsten Thema. Interessant dabei ist die Bedeutungsverschiebung des überleitungsrelevanten Wortes auf der Inhaltsebene. Wenn Metzger in seinen Ausführungen davon spricht, dass sich die Grünen den Ruf als Reformer des Sozialstaates angezogen haben, so verwendet er angezogen im Sinne von „erwerben“, „aneignen“

„Ausgezogen“, das Friedman verwendet, stellt zwar auf Ausdrucksebene das Antonym des von Metzger verwendeten angezogen dar, und ist so gesehen eine sprachlich geschickte Überleitung. Auf Inhaltsebene allerdings entspricht ausgezogen dem Gegenwort anziehen im Sinne von „sich bekleiden“ und hat damit keinen Bezug mehr zur Metzgers Äußerung

Zusätzlich verwendet Friedman sein Verknüpfungswort im metaphorischen Sinn. Mit ausziehen meint er also keinesfalls „entkleiden“, sondern das, was er dann als nächstes Thema zur Sprache bringt, nämlich die Tatsache, dass die Grünen ausgebeutet wurden. Tertium comparationis bei dieser Metapher ist, dass in beiden Fällen der Agens hinterher nichts (mehr) besitzt

Obgleich, oder gerade weil diese zweite Metapher einen sprachlichen Kunstgriff, bzw. ein sprachliches Verwirrspiel darstellt, kann man sehen, wie Friedman durch sprachliche Mittel den Themenwechsel gestaltet, so dass es einen fließenden Übergang von Thema zu Thema gibt

Zur Unterstützung meiner Behauptung möchte ich ein letztes Beispiel aus der Sendung vom 15.10. anführen[62]:

Kontext ist die Diskussion zwischen Robbe und Reul über den Transrapid, der in NRW gebaut werden soll, ein eigentlich für die Sendung irrelevantes Thema, das Reul während eines Redebeitrags etabliert hat

1 F `SO. I:ch b!I!tte Euch,
2 HE:rr rEU:l, sO: w!I:!chtIg mIr rAp!I:!de sInd.
3 wAs ÜberhAU:pt, wAs ÜberhAU:pt nIcht schnELL genU:g gEhEn !KANN!, (--)
4 !VIER! mIlliO:nen A:rbeitslO:se, (-) !WIRT!schAft in der !TAL!sohle (---)
5 hErr m!E:!tzger, h!A!nd AUfs hE:rz, (--)
6 wenn SIE jetzt hÖ:ren, was rO:t grÜ:n beschl!O!ssn hat, (--)
7 und SIE wÄren A:rbeitslO:ser, (---)
8 hAben sIE ↓!HOFF!nung bEkO:mmn? (1)
9 <<all>Oder sInd sIE lEIcht dEprEss!I:!iv?>

Auch hier rekurriert Friedman auf ein Element des vorherigen Redebeitrag, deutet ihn um und bettet ihn in einen neuen Kontext ein

In Z.2 bedeutet er den Diskutierenden, dass das von Ihnen behandelte Thema für seinen intendierten Gesprächsverlauf irrelevant ist. Durch die Verwendung des Wortes Rapide, dem Thema der vorherigen Gesprächssequenz, stellt er zum einen anaphorischen Bezug her und kann gleichzeitig sein neues Thema einführen. Der Bezugspunkt dabei ist die Haupteigenschaft des Zuges, der er auch seinen Namen verdankt, nämlich die Schnelligkeit. So benutzt Friedman die für jeden evidente Assoziation und formuliert daraus seine Überleitung: was überhaupt nicht schnell genug gehen kann..., worauf dann das eigentliche Thema entfaltet wird

Wie in allen anderen Beispielen auch wird auch hier ein sprachliches Element der vorherigen Rede aufgegriffen und mit dem neuen Themenkomplex verbunden, so dass ein glatter, reibungsloser Übergang von Thema zu Thema erfolgt

Prinzipiell lassen sich zwei verschiedene Typen von Themenänderungen unterscheiden: Themenwechsel und Themenverschiebung (vgl. Bublitz 1988)

In den oben beschriebenen Beispielen handelt es sich jeweils um Themenwechsel[63], das heißt die Einführung eines neues Gesprächsgegenstands, der nicht mit dem vorherigen Thema kohärent ist oder aus ihm entsteht

Themenverschiebungen dagegen bedeuten das schrittweise Abgleiten in ein neues Thema, oder die Behandlung eines neuen Aspekts, der allerdings zum Thema gehört

Da dieses sich allerdings schon qua definitione ein Prozess ist, der sich über mehrere Passagen erstreckt, verzichte ich hier auf ein längeres Beispiel und möchte lediglich eine Passage zitieren, in der sich eine leichte Themaverschiebung andeutet:

Kontext ist die Unterschriften-Kampagne Roland Kochs während der hessischen Landtagswahl und die Diskussion, ob die Ausländerpolitik zum Wahlkampfthema der Bundestagswahl gemacht wird und gemacht werden

1 G [...] wAs wir in den lEtzten wO:chn,
2 gEmEI:nsam ↑IN dIEser pOlI::tIschen FrA:ge getAn hAbn,.h
3 wIr hAbn sIE NI:cht ↑hO:chgehÄ:ngt?.h (-)
4 wIr hAbn sie g!A:!nz nÜ:chtern, nOrmA:lerwEIse,
5 ˉsO: behA:ndelt, wIE sIch dAs gehÖ:rt,
6 <<all> bEI vIEr kOmma fÜnf mIlliOnen A:rbeitslOsn,
7 AllerdIngs> (--) sE::hr krItisch ↑UND sEhr dIfferenzIE:rt.
8 F <<all>nun sind sie wieder DA, frAU mÜller?
9 die vIEr kOmma fÜnf milliO:nen A:rbeitslO:se?
10 im sElben AtemzUg mit der>
11 AuswAnderung zU:wAnderung und AuslÄnderpOlitIk.
12 G [gehÖrt dazU:-
13 KM [jA wUnderbA:r, (-)
14 <<len> Ich mEINn, hErr g!O!ppel .h Ist jA dafÜr bek!ANNT!,
15 dAss Er als EIner der Ersten (--) dIE KOCH kAmpAgne (-)
16 dA:mals Unterst!Ü!tzt hAt,

[...]


[1] Ausschlaggebend für meine Wahl ist der in der Bibliographie aufgeführte Aufsatz von Selting, 2001

[2] Vgl. www.freitag.de/2000/10/00101402.htm vom 15.02.01

[3] vgl. Burger 1991, 19

[4] vgl. Burger 2001, 1496

[5] vgl. Ausdruck im Anhang über die Sendung vom 15.10.2002, www.hr-online.de/fs/friedman vom 18.10.2002

[6] vgl. www.hr-online.de/fs/friedman und siehe A

[7] vgl. www.hr-online.de/fs/

[8] vgl. www.hr-online.de/fs/

[9] www.live-magazin.de/rubriken/whoswho/who0012.htm vom 18.02.03

[10] Vgl. Holly/ Schwitalla 1995, S. 81

[11] vgl. www.uni-marburg.de/fb09/ndl&medien/medien/Publikationen Projekte/ Fernsehkritik/VorsichtFriedmann.htm vom 15.02.01

[12] vgl. www.hr-online.de/fs/friedman vom 18.10.2002

[13] vgl. . www.freitag.de/2000/10/00101402.htm vom 15.02.01

[14] vgl. Mühlen 1985, S.21

[15] vgl. www.uni-marburg.de/fb09/ndl&medien/medien/Publikationen Projekte/ Fernsehkritik/VorsichtFriedmann.htm vom 15.02.01

[16] vgl. Mühlen 1985, S. 24

[17] siehe dazu auch: Burger 2001, S. 1496

[18] vgl. www.hr-online.de/fs/

[19] vgl. Minuten: 32.15

[20] vgl. www.uni-marburg.de/fb09/ndl&medien/medien/Publikationen Projekte/ Fernsehkritik/VorsichtFriedmann.htm vom 15.02.01

[21] vgl. www.justmarco.de/stories/friedman

[22] siehe dazu den chat im Anhang, : www.mzee.com/forum/archiv/11/2002/08/2/23797.html vom 30.09.2002

[23] vgl. www.freevote.com/booth/badtalkshow vom 15.02.01

[24] vgl. Burger (1991), S.35 und Mühlen 1985, S. 24

[25] www.live-magazin.de/rubriken/whoswho/who0012.htm vom 18.02.03

[26] vgl. www.uni-marburg.de/fb09/ndl&medien/medien/Publikationen Projekte/ Fernsehkritik/VorsichtFriedmann.htm vom 15.02.01

[27] vgl. www.uni-marburg.de/fb09/ndl&medien/medien/Publikationen Projekte/ Fernsehkritik/VorsichtFriedmann.htm vom 15.02.01

[28] vgl. Mühlen 1985, S. 202

[29] laut Schwitalla 1997, S.119 handelt es sich dabei um eine situationsgebundene Routineformel , genauer gesagt um eine V

[30] vgl. Burger 1991, S. 24

[31] Dieses Beispiel wir unter dem Punkt III.3. näher untersucht und transkribiert

[33] Beginn der Sendevorbereitung vom 18.06.02 in Minuten: 9.46, vom 15.10: 4.15

[34] siehe Anhang, Feintranskript vom 18.06.02

[35] ich zitiere hier aus dem warming up der zweiten Sendung vom 15.10., da es an diesem Beispiel deutlicher wird, siehe aber auch: Transkript vom 18.06. Zeile 111-122

[36] siehe Transkript vom 18.6. Z.128, und Transkript vom 15.10., Z.128,129

[37] vgl. z.B. die Z

[38] siehe Transkript vom 18.6., Z. 91-122, Z.132-137, und Transkript vom 15.10., Z. 111-127, Z.130-138

[39] siehe Transkript vom 18.06., Z. 64, 66, 68

[40] siehe Transkript vom 15.10., Z.13, 14, 15, 21, 68, 71, 106

[41] vgl. Minuten: 22.40, 22.46, 23.22, 23.35

[42] vgl. Transkript vom 18.06., Z.126

[43] vgl. Transkript vom 15.10., Z.82, 83

[44] vgl. zum Thema Spontaneität vs. Inszenierung: Holly/ Schwitalla 1995, Burger 2001, S.1499ff, Mühlen 1985, S.67ff, 297

[45] vgl. Transkript vom 18.06., Z. 91

[46] vgl. Transkript vom 18.06., Z. 105

[47] entscheidende Aufsätze waren Deppermann 1999, Selting 2001

[48] Trotz dieser Erweiterung des Systems, kann, gerade bei einem rhetorisch so ausgefeilten Sprecher wie Friedman, wahrscheinlich nicht jedes Detail in der Transkription dargestellt werden, zumal es sich bei jeder Transkription um die subjektive Wahrnehmung eines Hörers handelt (vgl. Selting 2001, S.1060)

[49] vgl. Redder 2001, S.1045

[50] auf dem Video vom 18.06. bei 20.08 Minuten, vom 15.10 bei 06.07 M

[51] vgl. dazu auch die Sendung vom 18.06.02, Minuten: 20.08

[52] Sendung vom 18.06.02 Minuten: 24.30

[53] Minuten: 7.15

[54] vgl. www.prometheusonline.de/heureka/kommunikationsoekologie/monografien/schicha/unterhaltung.htm vom 15.01.03

[55] vgl. Minuten: 35.45, Frau Müllers Hintergrundbemerkungen sind aus Relevanzgründen in der Transkription nicht berücksichtigt

[56] Friedman spricht in seinem Redebeitrag von 1,5 Millionen, Goppel von 1,4

[57] vgl. www.uni-marburg.de/fb09/ndl&medien/medien/Publikationen Projekte/ Fernsehkritik/VorsichtFriedmann.htm vom 15.02.01

[58] vgl. www.prometheusonline.de/heureka/kommunikationsoekologie/monografien/schicha/unterhaltung.htm vom 15.01.03

[59] siehe dazu auch Tiittula 2001, S. 1634

[60] Minuten: 58.52

[61] vgl. Minute: 9.38

[62] vgl. Minuten 47.10, es wird nur der Sprechakt Friedmans transkribiert

[63] vgl. dazu auch Tiitula 2001, S.1368

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Vorsicht Friedman! Gesprächsananlytische Untersuchung einer neuen Confrontainment Sendung.
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für deutsche Sprache und Literatur - Fachbereich Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Sprache in der Politik
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
90
Katalognummer
V51917
ISBN (eBook)
9783638477512
ISBN (Buch)
9783656787426
Dateigröße
1021 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vorsicht, Friedman, Gesprächsananlytische, Untersuchung, Confrontainment, Sendung, Sprache, Politik
Arbeit zitieren
MA Katrin Denise Hee (Autor:in), 2003, Vorsicht Friedman! Gesprächsananlytische Untersuchung einer neuen Confrontainment Sendung., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51917

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