Trost im Leid. Die Towerschriften


Hausarbeit, 2002

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Mores Situation im Kerker

3.Mores Werke im Kerker
3.1. Gebete
3.2. Treatise on the passion
3.3. A dialogue of comfort against tribulation
3.4. De tristitia Christi

4.More und Margaret

5.More und seine Familie

6.Abschlussbetrachtung

Anhang

Quellen und Literatur

1. Einleitung

„Er [Gott; Anm. d. Verf.] setzt die Zeit des Weinens zuerst, denn das ist die Zeit dieser Elendswelt, und die Zeit zum Lachen kommt nachher im Himmel“ (More 1951, 52). Dieses Zitat aus Thomas Morus` Werk „Trost im Leid“ spiegelt deutlich die Ansichten seines Verfasser wieder. Morus sieht im irdischen Dasein nicht eine „bleibende Stätte“ (ebd., 51), sondern nur eine Übergangszeit, in der der Mensch seinen Platz im Himmelreich verdienen soll. Im Himmel wird der Mensch dann einen „fröhlich lachenden Herbst für immer haben“ (ebd., 52f.).

Diese Einstellung scheint in Morus fest verankert; durch sie gelingt es ihm, sein Märtyrertum zu erleiden. Trotzdem ist seine Standhaftigkeit während seiner Haft im Tower keinesfalls so fest, wie Morus besonders in seinen Briefen immer wieder zum Ausdruck bringt. Zwar schreibt er an seine Tochter Margaret, dass er „Gott danken [will] für die Klarheit und das Vertrauen, dass er mir über mein Gewissen gab“ (More 1949, 197). Und in einem weiteren Brief führt er an, dass er sich „um die ganze Sache [des Königs] nicht mehr kümmern, sondern nur [seinem] Gewissen folgen wolle“ (ebd., 185). Doch gerade aus seinem wichtigsten Werk im Kerker – ‚Trost im Leid’ – geht hervor, dass ihn trotzdem viele Zweifel plagten. Mit Hilfe der Schriftstellerei versuchte er, diese Ängste zu überwinden und die Mitglieder seiner Familie zu trösten, „damit uns keine Furcht zur Verzweiflung brächte“ (More 1951, 261). Einerseits wünscht sich More nämlich einen schnellen Tod, andererseits quälen ihn - besonders nachts - Todesängste.

Diese Spannung zwischen Todessehnsucht und Todesangst macht die Psyche Mores während seiner Haft aus. Ich werde dieses Spannungsverhältnis im Folgenden untersuchen, um dem Leser so einen Einblick sowohl in das Seelenleben als auch in die Physis des Thomas Morus zu ermöglichen. Für diese Analyse ziehe ich Quellen heran, die Thomas Morus während seiner Haft verfasste, denn in ihnen offenbart der Autor immer wieder sich selbst. Zu diesen Quellen rechne ich neben dem regelmäßigen Briefverkehr auch Mores selbstverfasste Gebete und seine drei ausführlichen Werke. Diese Arbeit kann keine vollständige Psychoanalyse des englischen Humanisten liefern, sondern dem Leser einige Ansatzpunkte an die Hand geben, mit denen man Morus` Gedanken und Ansichten und seinen Zwiespalt im Kerker greifbarer machen kann. Um dies zu gewährleisten, stelle ich zunächst Morus` belastende Situation im Tower da (s. Kap.2). Anschließend untersuche ich die wichtigsten Quellen im Hinblick auf Aussagen über die Psyche Mores, wobei ich insbesondere die Konsolationsschrift[1] ‚Trost im Leid’ genauer betrachten werde (s. Kap.3). Im letzten Teil meiner Arbeit arbeite ich das Verhältnis zwischen More und seiner Familie/ bzw. seinen Freunden heraus, um dadurch Rückschlüsse auf weitere psychische Belastungen zu ziehen (s. Kap.4&5).

2. Mores Situation in Kerker

Thomas Morus saß vom 17.04.1534 bis zum 06.07.1535 in einer Zelle im Tower von London. Die Vorgeschichte soll hier nur kurz reflektiert werden. Im April 1534 wurde More in den Lambeth Palace[2] gerufen, um unter Zeugen den von König Heinrich VIII. verlangten Eid auf die Sukzessions- und die Supprematsakte zu leisten. Diese legten fest, dass nur die Nachfahren Heinrichs VIII. und Annes für legitim und die Ehe Heinrichs mit Katharina für ungültig erklärt wurde. Des weiteren wurde Heinrich unter Verleugnung der päpstlichen Autorität in Rom zum Oberhaupt der englischen Kirche erklärt. Durch einen Eid sollten alle Untertanen diesen Erlassen zustimmen. Bei Verweigerung des Eids drohten Freiheitsentzug und Enteignung, in der Folge auch Anklage wegen Hochverrats.

Das hielt More nicht davon ab, den Eid abzulehnen, so dass er am 17.04.1534 gemeinsam mit seinem Diener John á Wood im Tower eingekerkert wurde. Über die Gründe seines Verhaltens herrscht Unklarheit; Morus selbst hielt sie „verschlossen in [seinem]eigenen Gewissen“ (More 1949, 184).

Die Haftbedingungen während der ersten Zeit waren erträglich. More standen Schreibutensilien und Bücher zur Verfügung. Neben dieser gedanklichen Ablenkung wurden ihm Besuche seiner Familie und Spaziergänge im Garten zugestanden. An seiner Familie und seinen Freunden lag es, ihn mit Nahrungsmittel zu versorgen, was diese auch immer taten (vgl. ebd., 209ff). Die geschilderten positiven Bedingungen wurden jedoch durch zahlreiche Belastungen für More während der Haft zunichte gemacht.

Seine Zelle war ein Ort für Männer, die sich schlimmster Verbrechen schuldig gemacht hatten. More verbrachte anderthalb Jahre seines Lebens in einem Raum mit nackten Wänden aus Stein, der nur durch Schießscharten spärlich beleuchtet war. Die Zelle war nicht beheizt, More ruhte auf einem Strohbett, „weshalb er namentlich während des Winters bitterlich fror“ (Nigg 1978, 40). Die physische Verwahrlosung war nicht zu übersehen: wilder Bartwuchs, Abmagerung und starke Rheumaschmerzen sind die Symptome, die W. Nigg beschreibt (vgl. ebd.). Erschwerend kam hinzu, dass mit der Zeit auch die ‚Haftprivilegien’, die More in der ersten Zeit genoß, abgeschafft wurden. Ab Mai 1534 durfte er keine Besuche mehr empfangen – ihm blieb lediglich der Briefverkehr, den er in dieser Zeit ausgiebig nutzte. Nach Richard Richs[3] letztem Verhör am 12.06.1535 wurden die Bücher aus seiner Zelle entfernt, was bei dem so belesenen und gelehrten Thomas More zu schweren Depressionen führte. Man hatte ihm seine geistige Nahrung entzogen.

Über alledem stand – und dessen war sich auch More bewusst – die Tatsache, dass seine Haft rechtlich illegal war. Als More den Eid leisten sollte, waren die Gesetze nicht vom Parlament, sondern nur vom Rat des Königs eingebracht worden. Sie besaßen also keine Gesetzeskraft; deshalb „können [jene] nach ihren eigenen Gesetzen meine Haft nicht rechtfertigen“ (Heinrich 1998, 119). Ich führe diesen Umstand an, weil ich es von Bedeutung für die seelische Verfassung Mores halte. More - selbst studierter Jurist und deshalb auch mit einem besonderen Gerechtigkeitssinn ausgestattet – wusste um seine Rechte, erkannte gleichzeitig aber auch seine Ohnmacht gegenüber der königlichen Rechtssprechung. Gegen die Willkür, die ihn in den Tower gebracht hatte, war er machtlos. Zu wissen, dass er nach keinem Gesetz, sondern einzig aus Willkür verurteilt wurde, war für More als Juristen kaum erträglich. Diese Erkenntnis machte es vielmehr noch schwieriger, die Gefangenschaft zu erdulden.

Trotz des Bewusstseins dieser Ungerechtigkeit und trotz der Haftbedingungen, die ihn quälten, verlor More in dieser Zeit scheinbar weder seinen Humor noch seinen Glauben. So ist überliefert, dass er beim Eintritt in seine Zelle mit dem Wächter scherzte: „Wenn ich mich hier über Kost und Logis beklagen sollte, so werfen sie mich ruhig hinaus!“ (Nigg 1978, 40). Zu einer anderen Gelegenheit äußerte More: „Mich dünkt, als mache Gott mich zu einem Kinde und nehme mich auf seinen Schoß und liebkose mich“ (ebd., 41). Diese Mischung aus resignierter Heiterkeit und tiefem Glauben wird dem Leser noch mehrere Male als Charakterzug Mores auffallen – er prägt More in der Haft, beim Schreiben und nicht zuletzt auf dem Schafott. Solche Zitate des Häftlings Thomas More dürfen jedoch nicht über seine Ängste und Glaubenszweifel hinwegtäuschen, die sich in allen seinen in Haft entstandenen Werken artikulieren.

3. Mores Werke im Kerker

Thomas More war im Kerker sehr produktiv. Er verfasste in den 15 Monaten seiner Gefangenschaft viele Briefe sowie einige umfangreichere Werke. Außerdem las er fast täglich in seinem Gebetbuch (vgl. More 1969), erarbeitete Randnotizen und schrieb eigene Gebete. Wie der Häftling Thomas Morus in Haft einen Wandel in seinem Äußeren vollzogen hatte (s. Kap. 2), so machte auch der Schriftsteller Thomas Morus eine Veränderung durch. War es ihm vor der Kerkerhaft ein Anliegen, alle Häretiker in zynischer und polemischer, ja aggressiver Weise zu verurteilen[4], so schlug er jetzt einen versöhnlichen Ton an. More vermittelt in seinen Towerschriften den Eindruck, als sei er nur noch ein von weltlichen Dingen unberührter Gefangener und dieser Eindruck durchzieht nahezu alle seine Werke während der Haft. Das soll nicht bedeuten, dass More im Kerker auf einmal eine gemäßigtere Einstellung gegenüber Ketzern einnimmt. Im Gegenteil, in keiner Towerschrift ist ein Ausdruck des Bedauerns über seine früheren Attacken gegen die Häretiker zu finden (vgl. Marius 1987, 592). Der versöhnliche Tenor ist nur ein Beweis dafür, dass er sich im Angesicht des eigenen Todes auf wichtige Glaubensfragen konzentriert – eine ganz natürliche menschliche Reaktion.

Wenn ihm einmal die Tinte ausging, machte er mit Kohle weiter (vgl. Roper 1986, 70). Diese erstaunliche Produktivität Mores lässt den Schluss zu, dass er sich mit der Schriftstellerei nicht nur die Zeit vertrieben hat. Vielmehr plagte ihn eine Glaubenskrise, die er durch das Schreiben zu überwinden versuchte. More war also nur äußerlich standhaft und entschlossen, in seinem Innern hatte er „mehr Angst vor Schmerz und Tod als es sich für einen gläubigen Christenmenschen gehört“ (Heinrich 1998, 124). Einige ausgewählte Quellen sollen diese These belegen.

[...]


[1] Konsolation [lat.]: Trost, Beruhigung

[2] Sitz der Königlichen Kommission

[3] Richard Rich war zur Zeit von Mores Haft Kronanwalt und führte als solcher die Verhöre Mores durch.

[4] Diese Stimmung wird vor allem im 1529 verfassten ‚Dialogue concerning heresies’ deutlich.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Trost im Leid. Die Towerschriften
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V51965
ISBN (eBook)
9783638477925
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trost, Leid, Towerschriften
Arbeit zitieren
Julia Sommerhäuser (Autor), 2002, Trost im Leid. Die Towerschriften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51965

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