„Er [Gott; Anm. d. Verf.] setzt die Zeit des Weinens zuerst, denn das ist die Zeit dieser Elendswelt, und die Zeit zum Lachen kommt nachher im Himmel“. Dieses Zitat aus Thomas Morus` Werk „Trost im Leid“ spiegelt deutlich die Ansichten seines Verfasser wieder. Morus sieht im irdischen Dasein nicht eine „bleibende Stätte“, sondern nur eine Übergangszeit, in der der Mensch seinen Platz im Himmelreich verdienen soll. Im Himmel wird der Mensch dann einen „fröhlich lachenden Herbst für immer haben“.
Diese Einstellung scheint in Morus fest verankert; durch sie gelingt es ihm, sein Märtyrertum zu erleiden. Trotzdem ist seine Standhaftigkeit während seiner Haft im Tower keinesfalls so fest, wie Morus besonders in seinen Briefen immer wieder zum Ausdruck bringt. Zwar schreibt er an seine Tochter Margaret, dass er „Gott danken [will] für die Klarheit und das Vertrauen, dass er mir über mein Gewissen gab“. Und in einem weiteren Brief führt er an, dass er sich „um die ganze Sache [des Königs] nicht mehr kümmern, sondern nur [seinem] Gewissen folgen wolle“. Doch gerade aus seinem wichtigsten Werk im Kerker - ‚Trost im Leid’ - geht hervor, dass ihn trotzdem viele Zweifel plagten. Mit Hilfe der Schriftstellerei versuchte er, diese Ängste zu überwinden und die Mitglieder seiner Familie zu trösten, „damit uns keine Furcht zur Verzweiflung brächte“. Einerseits wünscht sich More nämlich einen schnellen Tod, andererseits quälen ihn - besonders nachts -Todesängste.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mores Situation im Kerker
3. Mores Werke im Kerker
3.1. Gebete
3.2. Treatise on the passion
3.3. A dialogue of comfort against tribulation
3.4. De tristitia Christi
4. More und Margaret
5. More und seine Familie
6. Abschlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen Todessehnsucht und Todesangst in der Psyche von Thomas Morus während seiner Inhaftierung im Tower von London. Anhand der von ihm verfassten Towerschriften, Gebete und Briefe wird analysiert, wie Morus durch seine schriftstellerische Tätigkeit versuchte, seine inneren Zweifel zu überwinden, sich mit seinem Schicksal abzufinden und dabei seinem Gewissen treu zu bleiben.
- Analyse der Haftbedingungen und deren psychische Auswirkungen auf Thomas Morus.
- Untersuchung der während der Gefangenschaft entstandenen literarischen Werke und Gebete.
- Beleuchtung des Einflusses familiärer Beziehungen auf den Gewissenskonflikt des Autors.
- Betrachtung der zentralen Rolle des christlichen Glaubens und der Passion Christi als Vorbild.
- Reflexion des Märtyrertums und der endgültigen Gewissensentscheidung von Thomas Morus.
Auszug aus dem Buch
3.3. A dialogue of comfort against tribulation
Mit dem ‘Dialogue of comfort against tribulation’ werde ich mich in dieser Arbeit genauer beschäftigen, weil es „zu den ganz großen Schriften der Konsolationsliteratur“ (Heinrich 1998, 126) gehört und gemeinhin als „Mores geistliches Testament“ (ebd.) bezeichnet wird. Ich verspreche mir deshalb von einer ausführlicheren Analyse gerade dieses Buches (und nicht eines der anderen vorgestellten Werke) weitere Einblicke in Mores Seelenleben.
Der ‚Dialogue’ entstand zwischen Juni 1534 und Anfang 1535. More beschreibt darin ein fiktives Gespräch zwischen Anton und Vinzenz, zwei Ungarn, die den Überfall der Türken auf ihr Land miterleben. Um das Werk zu untersuchen, ordne ich es zunächst in den historischen Kontext des Türkenüberfalls auf Ungarn ein. Im Jahr 1453 fällt die Stadt Konstantinopel an die Türken, die dadurch in das christliche Abendland auszugreifen beginnen. Diese Expansion lässt bis 1520 ein türkisches Großreich entstehen, das Syrien, Ägypten, Arabien und bereits Teile der christlichen Welt umfasst. Suleiman II. d. Gr. – „the Great Turk“ (Fox 1982, 223) aus ‚Trost im Leid’ – führt die türkische Weltmacht zur Blüte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die zentrale Fragestellung zur Spannung zwischen Todesangst und Todessehnsucht in Mores Psyche dar und erläutert die methodische Herangehensweise durch die Analyse seiner Towerschriften.
2. Mores Situation im Kerker: Das Kapitel schildert die belastenden Haftbedingungen und die rechtliche Willkür, denen Thomas Morus während seiner Einkerkerung im Tower ausgesetzt war.
3. Mores Werke im Kerker: Hier wird die hohe Produktivität des Häftlings beleuchtet, die als Mittel diente, eine innere Glaubenskrise zu bewältigen und den eigenen Tod zu reflektieren.
3.1. Gebete: Die Analyse der Gebete verdeutlicht Mores inneren Kampf gegen die Versuchungen des irdischen Lebens und sein Vertrauen auf Gottes Beistand.
3.2. Treatise on the passion: Dieses Kapitel zeigt, wie More die Passion Christi als Spiegelbild seiner eigenen rechtlosen Lage nutzte, um sich auf sein Martyrium vorzubereiten.
3.3. A dialogue of comfort against tribulation: Diese Untersuchung widmet sich Mores geistlichem Testament, in dem er durch fiktive Dialoge die psychische Überwindung von Leid durch den Glauben thematisiert.
3.4. De tristitia Christi: Das Kapitel behandelt Mores letzte Schrift, in der er sich intensiv mit der Leidensgeschichte Jesu auseinandersetzt und seine endgültige Standhaftigkeit erreicht.
4. More und Margaret: Dieses Kapitel beleuchtet den intensiven Briefkontakt zu seiner Tochter, der sowohl eine psychische Stütze war als auch Morus mit der Außenwelt und deren Erwartungen konfrontierte.
5. More und seine Familie: Hier wird der Konflikt beschrieben, der durch das liebevolle, aber drängende Einwirken seiner Familie entstand, welche ihn zum Widerruf seiner Entscheidung bewegen wollte.
6. Abschlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, wie Thomas Morus trotz innerer Gewissenskonflikte und äußeren Drucks konsequent an seiner Gewissensentscheidung festhielt und so zum Märtyrer wurde.
Schlüsselwörter
Thomas Morus, Tower von London, Haft, Gewissensentscheidung, Towerschriften, Trost im Leid, Passion Christi, Martyrium, Glaubenskrise, Todesangst, Seelenleben, Heinrich VIII., Familie, Glaube, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das psychische Befinden von Thomas Morus während seiner Haft im Tower von London und wie er seine Gefühle durch seine Schriften verarbeitete.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören der Gewissenskonflikt des Autors, der Einfluss der Haft auf seine psychische Verfassung sowie die Auseinandersetzung mit christlicher Glaubenslehre und der Passion Christi.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die innere Entwicklung von Thomas Morus vom zweifelnden Häftling hin zum standhaften Märtyrer anhand seiner während der Haft entstandenen Werke nachzuzeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quellenbasierte historische Analyse, die Mores Briefe, Gebete und seine größeren Towerschriften (wie 'Trost im Leid') literarisch und biographisch auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Haftbedingungen, Mores literarische Produktivität, die Rolle seiner Familie und die spezifischen theologischen Inhalte seiner Werke wie 'De tristitia Christi'.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Thomas Morus, Tower-Haft, Gewissenskonflikt, Märtyrertum, Towerschriften, Glaube und familiäre Belastung.
Warum spielt die Analogie zu Anton im 'Dialogue' eine so große Rolle?
Anton dient Morus als Identifikationsfigur, an der er seine eigenen Ängste vor dem Tod objektivieren und eine Lösung für die Überwindung dieser Ängste durch den Glauben finden kann.
Warum war der Briefkontakt zu Margaret eine so große psychische Belastung für More?
Obwohl Margaret eine enge Vertraute war, übte sie durch ihre Appelle an seine väterlichen Pflichten und ihre Versuche, ihn zur Eidleistung zu bewegen, unbewusst starken emotionalen Druck auf ihn aus.
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- Julia Sommerhäuser (Author), 2002, Trost im Leid. Die Towerschriften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51965