Die Romantik Eichendorffs und die Romantik Hoffmanns im Vergleich


Examensarbeit, 2005
86 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

A Geschichtliche Zusammenhänge

B Die Epoche der Romantik
I Begriff und Definition
II Themen und Motive der Romantik
III Gattungen
IV Mittelalter und Aufklärung

C Die Autoren: Hoffmann und Eichendorff
I Ernst Theodor Amadeus Hoffmann
1. Leben Hoffmanns
2. Hoffmanns Schreiben
3. Verschiedene Werke
II Joseph Freiherr von Eichendorff
1. Leben Eichendorffs
2. Eichendorffs Schreiben
3. Verschiedene Werke

D Analyse: Auf der Suche nach der Romantik
Einleitung
I Wiederholung als Merkmal romantischer Literatur
II Das poetische Gemüt im Zentrum der romantischen Erzählung
III Der Romantiker zwischen Vernunft und Gefühl
IV Der Philister als Feindbild der Romantiker
V Offene Form in der Romantik
VI Reale und historische Bezüge

E Fazit: Was ist romantisch?
Literaturverzeichnis
I Werke der beiden Autoren
II Literaturliste
III Aus dem Internet
Versicherung

Hinweis:

Zitate sind im Wortlaut übernommen, jedoch der neuen Rechtschreibung angepasst.

Einleitung

Die Idee für das Thema dieser Arbeit bekam ich nach dem Schreiben meiner letzten Hausarbeit „Aufklärung und Romantik in E.T.A. Hofmanns Erzählung `Der Sandmann´“. Von Beginn an lag mir der romantische Aspekt näher als der aufklärerische, womit ich mich für eine theoretische Richtung entschieden hatte.

In dieser Arbeit möchte ich in fünf Schritten vorgehen. Als erstes sollen die historischen Zusammenhänge deutlich werden. Dazu gibt es ein kurzes Kapitel über Politik und Gesellschaft von etwa Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Im zweiten Schritt werden dann aus unterschiedlicher Literatur Informationen zur Epoche der Romantik zusammengetragen. Aus diesem Kapitel werde ich mir verschiedene Aspekte herausgreifen, die im vierten Abschnitt dann als Grundlage für die Analyse der Texte dienen. Im dritten Abschnitt werfe ich einen Blick auf Leben und Werk der beiden Autoren Hoffmann und Eichendorff und versuche bereits erste Charakterzüge ihrer Schreibweise deutlich zu machen. Für den vierten Abschnitt habe ich mir von den Autoren je drei Werke herausgesucht, die jetzt anhand der Kriterien aus Abschnitt zwei untersucht werden sollen. Für eine bessere Vergleichbarkeit habe ich mich auf Erzählungen beschränkt. Von Hoffmann sind dies „Der goldne Topf“, „Der Sandmann“ und „Das Fräulein von Scuderi“, von Eichendorff „Das Marmorbild“, „Das Schloß Dürande“ und „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Die Auswahl dieser Stücke ist meist zufällig. Den Text „Der Sandmann“ hatte ich für meine letzte Hausarbeit bereits gelesen, auf die anderen Stücke bin ich während der ersten Recherchen gestoßen. „Der Sandmann“ gehört zu den Nachtstücken, „Der goldne Topf“ bildet den dritten Band der Sammlung „Fantasiestücke in Callots Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten“ und „Das Fräulein von Scuderi“ ist eine der Erzählungen der „Serapionsbrüder“. Mit dieser Verteilung wurde versucht, der Spannbreite des Hoffmannschen Werks im Ansatz gerecht zu werden. Ein solches Auswahlkriterium war bei Eichendorff leider nicht möglich. Vorwegnehmen möchte ich die Tatsache, dass es sich bei je einem Werk der Autoren um eine historische Erzählung handelt. Bei Hoffmann ist dies „Das Fräulein von Scuderi“, bei Eichendorff „Das Schloß Dürande“. Die Frage nach der Repräsentativität der Texte kann hoffentlich positiv beantwortet werden. Es sind Stücke, die in der Literatur als gute Werke der Autoren bezeichnet werden oder besonders bekannt sind. Nach diesem analytischen Part werde ich in einem Fazit die Stellung der beiden Autoren zur deutschen Romantik beschreiben. Ihr Stil soll mit dem von der Romantik vorgegebenen Möglichkeiten verglichen werden. Sind Hoffmann und Eichendorff typische Romantiker? Ziel ist es außerdem, einer romantischen Sichtweise näher zu kommen. Welche Ideale wurden vertreten und in welcher Form treten die beiden Dichter für sie ein?

A Geschichtliche Zusammenhänge

Um die Romantik besser verstehen zu können, sollte man auch die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in dieser Zeit zur Kenntnis nehmen. Sie ist geprägt durch Auswirkungen der Französischen Revolution, durch gesellschaftliche Veränderungen, durch die Prinzipien der Aufklärung und gegen Ende auch durch industriellen Fortschritt. Themen und Tendenzen der Romantik lassen sich teilweise aus historischen Umständen ableiten. So wird beispielsweise die Französische Revolution zum politischen oder sozialen Thema oder die Entfremdung des Menschen von der Natur, wie sie als Folge der Industrialisierung erlebt wird, beeinflusst das Leben der Figuren in den Stücken.

Geistig folgte die Romantik auf die Epoche der Aufklärung, also dem Zeitalter der Vernunft. Hier wurde das selbstbestimmte, kritische Subjekt hochgehalten, das sich seines eigenen Verstandes bedienen sollte.[1] Die Französische Revolution brach 1789 aus und hatte ab etwa 1804 Auswirkungen auf Deutschland. Deutschland war zu dieser Zeit in etwa 300 Territorialstaaten zerteilt. In den 90er Jahren nahm der Einfluss Napoleons in Frankreich zu. 1791 verbündeten sich Preußen und Österreich gegen Frankreich und führten mehrere Kriege, die jedoch erfolglos blieben. Napoleon kam acht Jahre später an die Spitze Frankreichs und ließ sich einige Zeit danach selbst zum Kaiser krönen. Die kommenden Jahre waren geprägt durch die so genannten Napoleonischen Kriege. 1806 schlossen sich verschiedene Fürstentümer zum Rheinbund zusammen.[2] Im Oktober erlitt die preußische Armee eine Niederlage bei der Schlacht von Jena und Auerstedt; das napoleonische Heer besetzte Berlin. Beim Frieden von Tilsit im darauf folgenden Jahr musste Preußen einen großen Teil seines Territoriums abtreten.[3] 1813, bei der Völkerschlacht bei Leipzig, hatte Napoleon seine erste entscheidende Niederlage hinzunehmen. Deutschland wurde befreit und der Rheinbund aufgelöst. Die deutsche Bevölkerung entwickelte ein bisher ungekanntes nationales Selbstbewusstsein.[4] 1815 kam es dann zur endgültigen Niederlage Napoleons bei der Schlacht in Waterloo, die mit einer militärischen Niederlage Frankreichs gleichzusetzen war.[5] Beim Wiener Kongress fand ab 1814 unter der Leitung Metternichs die Neuordnung Europas statt. Der Kongress dauerte ganze neun Monate. Ziel war es, den Frieden zu sichern und ein Machtgleichgewicht zwischen den Staaten herzustellen.[6] Es begann das Zeitalter der Restauration, das 1830 durch den so genannten Vormärz abgelöst wurde. Das alte politische System sollte wieder hergestellt werden.[7] Trotzdem blieben viele der von Napoleon herbeigeführten Veränderungen erhalten. Deutschland hatte sich mit 39 Mitgliedsstaaten zum Deutschen Bund geformt, in dem Preußen die Führungsposition einnahm. Das deutsche Volk wünschte sich eine Vereinigung der verschiedenen Teilstaaten, dem jedoch nicht nachgekommen wurde. Der Wiener Kongress hatte es sich weiterhin zum Ziel gemacht, den Adel erneut zur Führungsschicht zu erheben und die Fürsten wieder an die Macht zu bringen. Von einer demokratischen Entwicklung konnte in dieser Zeit keine Rede sein. Die Einführung der Heiligen Allianz durch deutsche Fürsten legitimierte deren Macht durch Gottesgnadentum. Weiterhin wurde die Meinungsfreiheit eingeschränkt und gegen liberale und demokratische Gruppen vorgegangen. 1817 trafen sich auf dem Wartburgfest verschiedene national gesinnte Burschenschaften, die den herrschenden Kräften ein Dorn im Auge waren und bekämpft wurden. Die Karlsbader Beschlüsse 1819 erweiterten die Möglichkeiten der Regierung gegen antifeudale und demokratisch orientierte Gruppierungen vorzugehen, zu denen auch die Burschenschaften gehörten.[8] Professoren, mit kritischer Haltung zur Regierung, konnten entlassen werden und durften dann nicht mehr an einer Universität lehren. Trat ein Student einer Studentenverbindung bei, wurde ihm das Recht zu studieren entzogen. Durch eine strenge Zensur wurde die Pressefreiheit beschnitten. Zudem rief man eine Behörde ins Leben, die sich um die Aufdeckung solcher Entwicklungen kümmern sollte.[9] In dieser Zeit verlor die Ständeordnung immer mehr an tatsächlicher Bedeutung. Wichtig wurde Besitz und persönlicher Erfolg, die wiederum zu politischer Macht führten. Am stärksten betroffen war das Bürgertum, es nahm sozial und kulturell eine Führungsrolle ein.[10] Am Ende dieser Entwicklung stand die moderne bürgerliche Gesellschaft. Frühere Herrschaftsträger, meist Adel und Geistliche, verloren an politischer Macht, die mehr und mehr dem Staat zukam. Die neue Unterscheidung war jetzt Staat-Gesellschaft. In der Gesellschaft hatten alle Angehörigen des Staates die gleichen Rechte. Reguliert wurde das Verhältnis zwischen Einzelnen und die Stellung Einzelner in der Gesellschaft nun durch ökonomische Maßstäbe.[11] Das bürgerliche Leben war nicht zuletzt durch verschiedene intellektuelle Gruppierungen geprägt. Für die Romantik war besonders eine Gruppierung um Dorothea Schlegel, der Frau von Friedrich Schlegel, zentral.[12]

Das Ende des 18. Jahrhunderts war für Europa eine Zeit vieler Erkenntnisse. In den verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen wurden große Fortschritte gemacht, die wie Zündholz für die Phantasie der Romantiker waren.[13] Genannt seien hier die Erfindung des Dampfschiffs, Photographie, die Entdeckung des Sauerstoffs und damit die Nutzung von Naturkräften und die Entdeckung von Elektrizität. Die enorme Weiterentwicklung der Verkehrs- und Nachrichtentechnik leitete die Globalisierung ein.[14] Die Phase dieser Entdeckungen und Entwicklungen bezeichnet man als industrielle Revolution. Zentral war hier die Einführung von Produktionsweisen, Antriebs- und Arbeitsmaschinen. Die Arbeit für den einzelnen veränderte sich durch eine immer stärkere Arbeitsteilung. Hiermit gingen aus sozialer Sicht Veränderungen des gesellschaftlichen Umgangs, der Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung, des Konsumverhaltens, der Werte und der Erwartungen mit ein. Wirtschaftlich führte es zu einer Erhöhung des Einkommens, zum Aufbau der Industrie und zu einer Beschleunigung der Produktion in Handwerk und Landwirtschaft. Auch in die Infrastruktur wurde investiert, die eine wesentlich bedeutendere Rolle als vorher einnahm. Der Ausgangspunkt der industriellen Revolution war um die Mitte des 18. Jahrhunderts in England. In Deutschland konnte man erst ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einer solchen Entwicklung sprechen, womit es anderen europäischen Ländern hinterher hinkte. Zu lange war Deutschland in Teilstaaten unterteilt, die unabhängige Politik und Wirtschaft betrieben. 1934 gründeten diese Teilstaaten den Zollverein, der unter preußischer Führung die Teilgebiete wirtschaftlich näher brachte. Der Fortschritt Englands führte dazu, dass 1815, zum Ende der napoleonischen Kriege und mit der Aufhebung von Handelssperren, englische Produkte den deutschen Markt überschwemmten.[15]

Mit der industriellen Revolution begann man Kapital anzuhäufen und in die Technisierung von Arbeitsabläufen zu investieren. Mehr und mehr wanderten die Menschen in die Städte, um dort in der Industrie Arbeit zu finden. Neue Maschinen ersetzten einen Teil der menschlichen Arbeit dort und auch in der Landwirtschaft und steigerten damit die Produktion. Das Leben wurde insgesamt hektischer und undurchsichtiger. Die moderne bürgerliche Gesellschaft war nicht mehr geordnet durch ein Ständeprinzip, sondern durch die Individuen selbst, deren persönliche Leistung zur Messlatte ihrer Stellung in der Gesellschaft wurde. Die Stände vermischten sich und die Konkurrenz und damit der Druck auf den Einzelnen nahmen zu. Die Zukunft wurde immer unsicherer. Der Lebensweg war nicht mehr vorrausagbar, sondern konnte vom Menschen selbst gestaltet werden. Unter Künstlern entwickelte sich schnell eine Abneigung gegen diese Entwicklungen. Gerade in dieser Zeit wendeten sie sich verstärkt alten Sagen, Liedern und dem Mittelalter zu, da sie sich nach der Vergangenheit sehnten. Unter großen Schriftstellern, stellt Fischer fest, hat es nie jemanden gegeben, der den Fortschritten durch die industrielle Revolution positiv gegenüberstand. Da Geld und Macht leitende Motive waren, wurde das künstlerische Werk zum Produkt, das durch seinen Geldwert Bedeutung erhielt. Der Künstler wurde zum Produzenten, der seine „Ware“ verkaufen musste.[16] Hierdurch und durch die neuen Arbeitsweisen entfremdete sich der Mensch von seiner Arbeit und der Natur. Befürchtet wurde eine Entpoetisierung des Lebens. Nach romantischen Maßstäben, sollte der Mensch eins sein mit der Natur und sich selbst.[17] Aus dieser Haltung heraus lässt sich erklären, warum in der Romantik auch viele gesellschaftskritische Elemente zu finden sind. Der Adel hatte es leichter, sich gegen die Entwicklungen zu äußern, da er weniger als das Bürgertum von der Industrialisierung betroffen war.[18] So waren die meisten Romantiker eher konservativ bzw. restaurativ gesinnt; sie orientierten sich an der Vergangenheit. In ihren Werken führten sie die Ständeklausel wieder ein, indem sie den Adel zu Helden machten.[19] Bürgerliches und liberales Bewusstsein entwickelte sich unter den Romantikern nur bei den Brüdern Grimm. Als Folge kann auch die Beschäftigung vieler Romantiker mit fremdsprachiger und älterer Literatur gesehen werden.[20]

In den „Erläuterungen zur deutschen Literatur“ heißt es, dass die meisten Romantiker die Veränderungen dieser Zeit nicht wirklich verstanden haben. Sie sahen oberflächlich den Kapitalismus und das Streben nach Gewinn und Macht und darin eine Gefahr für ihre Kunst und den damit verbundenen Werten. Viele strebten deshalb eher den politischen und sozialen Rückschritt, als den Fortschritt an und kehrten den Ideen der Revolution den Rücken zu. Die Gesellschaft der industrialisierten Welt erschien ihnen poesielos und unromantisch.[21] Nach Ernst Ribbat hatten die Romantiker das autonome Subjekt zum Ziel. Die bürgerliche Epoche jedoch schuf den isolierten Menschen. Durch die Abschaffung der Stände waren einige Türen geöffnet worden. Gleichzeitig wurde diese Grenze jedoch durch neue ersetzt: durch wirtschaftliche, soziale und politische.[22]

B Die Epoche der Romantik

I Begriff und Definition

Romantik ist ein Begriff, mit dem vieles gesagt und gemeint werden kann. Heute denken viele Menschen dabei an romantische Liebesfilme, an einen geschenkten Rosenstrauß oder an ein romantisches Abendessen im Schein von Kerzen. Immer handelt es sich um emotionale Situationen, die positiv bewertet werden. In dieser Hausarbeit ist die Epoche der Romantik der Mittelpunkt, die zu ihrer Zeit viele Lebensbereiche erfasst hat. Der emotionale Aspekt ist zwar auch hier vorhanden, aber bei weitem nicht ausreichend, um die Romantik begreifen zu können. Wodurch sie weiter charakterisiert wird, soll nun beschrieben werden.

Den Beginn der Romantik setzt man um etwa 1798, das Ende um etwa 1835.[23] Diese Hausarbeit bezieht sich zwar auf Deutschland, wo ihr Ursprung liegt[24], Entsprechungen finden sich jedoch auch in Ländern wie Frankreich, England und Italien[25], in denen die Romantik zum Teil andere Ausprägungen erfahren hat.[26] Sie beeinflusst somit das gesamte europäische kulturelle und geistige Leben.

Man unterscheidet im Allgemeinen drei Phasen der Romantik: die Früh-, die Hoch- und die Spätromantik. Da sich sowohl Hoffmann als auch Eichendorff der Spätromantik zuordnen lassen, soll das Augenmerk vor allem auf diese Phase gerichtet sein. Das Zentrum der Spätromantik ist Heidelberg.[27] Bedeutende Vertreter sind, neben Hoffmann und Eichendorff, Ludwig Tieck, Clemens Brentano, die Brüder Grimm und Ludwig Achim von Arnim.[28] Schmitz-Emans sieht den Unterschied zur Frühromantik vor allem in der gesellschaftspolitischen Haltung ihrer Vertreter. Spätromantiker neigen nach ihrer Meinung zur Verklärung der Vergangenheit und nehmen oft eine konservative und restaurative Haltung ein.[29] Ihre Arbeitsweisen sind mehr irrationalistisch als wissenschaftlich und ihre Vertreter bilden keine Gemeinschaft wie noch in der Frühromantik.[30] Trotzdem gibt es einzelne kleine Gruppierungen, wie beispielsweise ab 1810 die Christlich-Deutsche Tischgesellschaft, durch die sich der Mittelpunkt der späten Romantik nach Berlin verlagert. National gesinnt sammelt sich hier ein Kreis Intellektueller um Adam Müller und Achim von Arnim. Zu ihnen gehören unter anderem Clemens Brentano, Heinrich von Kleist, Adelbert von Chamisso und Eichendorff. Auch um Hoffmann bildet sich in Berlin eine kleine Gemeinschaft literarisch Interessierter: Der Serapionsbund. Zu ihnen zählen neben Adalbert von Chamisso auch Julius Eduard Hitzig, Carl Wilhelm Salice Contessa und Friedrich de la Motte-Fouqué.[31]

Viele Bücher zur Romantik beginnen damit, die Schwierigkeiten einer Definition zu betonen. Für Schmitz-Emans ist gerade die Vieldeutigkeit des Begriffs ein zentrales Problem der Forschung. Selbst der Bezugsraum ist unklar. So ist Romantik Thema von Literatur, Kunst und Musik und wird hier und da mal zur Benennung des Stils, der Technik oder der Form gebraucht.[32]Es ist etwas Unbestimmtes in diesem Wort, aber wo es sich um große Phänomene handelt, um ungeheure Bewegung, ist nichts präziser als ein unbestimmtes Wort[33] zitiert Adolf Grimme den Schriftsteller Giovanni Papini. Später wendet er sich gegen diese Aussage. Er weist darauf hin, dass es für eine Wissenschaft notwendig ist, ihre Begriffe zu definieren. Trotzdem bleibt ein wahrer Kern vorhanden.[34] In Bezug auf die Romantik stellt er fest:

Der Versuch, zu einer Definition der Romantik im Sinne einer echten Begriffsdefinition zu kommen, ist grundsätzlich verfehlt. Nicht aber sind wir damit auch der Notwendigkeit überhoben, eine Wesensbeschreibung, was das Wort romantisch „meint“, vorzunehmen. Sie ist möglich und nicht zu umgehen.[35]

Eine eben solche „Wesensbeschreibung“ soll an dieser Stelle versucht werden.

Der Begriff `Romantik´ oder auch `romantisch´ hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Er ist ein Hinweis darauf, dass romantische Werke nicht in Latein, sondern in der Sprache des Volkes verfasst wurden.[36] Verschiedene Autoren geben Hinweise zu Bedeutungen wie romanhaft, abenteuerlich, phantasievoll und unrealistisch oder auch unheimlich, wunderbar, seltsam und gespenstig.[37] Schon an diesen Konnotationen kann man erkennen, dass sich der Begriff ursprünglich vor allem auf inhaltliche Aspekte bezog.[38]

Die romantische Theorie wird von Uerlings als „Universaltheorie“ bezeichnet, die meist von intellektuellen Schriftstellern aufgestellt wird. Sie bezieht sich, außer auf Literatur, auch auf Religion, Musik, Politik und Naturwissenschaft. Die meisten Theorien entstehen zu Beginn der Romantik, in der Frühromantik. In ihrem weiteren Verlauf werden sie von anderen Schriftstellern oder Philosophen aufgenommen und erweitert.[39] Als den „eigentliche[n] Theoretiker[40] der Romantik bezeichnet Adolf Grimme Friedrich Schlegel. Dieser behauptet:

D ie romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen dass sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen.[…] Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als die Art und die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.“[41]

Der moderne Autor Gerhard Schulz formuliert eine ähnliche Aussage folgendermaßen: „S eine proteische Natur tritt nur noch deutlicher zutage, sind doch Wandel und Veränderung, Bewegung und Dynamik sein eigentlicher Inhalt.[42] Die „romantische Dichtart“ scheint demnach kaum fassbar zu sein. Sie verändert sich und kann nach Schlegel jedem literarischen Text zugesprochen werden. Poesie an sich ist romantisch. Trotz der Feststellung, dass die Romantik nicht vollständig erfasst werden kann, wagt Schlegel verschiedene Definitionen, die jedoch nur als Annäherung und nicht als vollständige Beschreibung genommen werden können. Nach ihm „ist eben das romantisch, was uns einen sentimentalen Stoff in einer fantastischen Form darstellt.“[43] Dass Fantastisches nicht automatisch auch romantisch sein muss und umgekehrt, stellt Ernst Fischer fest.[44] Weiter bezeichnet Schlegel romantische Poesie als „progressive Universalpoesie[45]. Damit betont er, dass romantische Poesie nicht vollendet werden kann, dass sowohl ihre Inhalte, als auch Themen wechseln können. Der Begriff der `Universalpoesie´ legt die Epoche auf keine bestimmte Gattung oder Kunst fest. Für Novalis ist `Romantik´ „die Kunst, auf eine angenehme Art zu befremden, einen Gegenstand fremd zu machen und doch bekannt und anziehend[46] und `romantisieren´ weiterhin „dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe[n][47]. Bei modernen Autoren wie Ernst Fischer kann man lesen, dass reale und phantastische Elemente aufeinander treffen oder in die reale Welt etwas Wunderbares hinein bricht.[48] In Bekanntem scheint etwas Neues und Unbekanntes auf. Es wird aus einem neuen Blickwinkel betrachtet, der das Alltägliche wieder interessant macht. Bisheriges Wissen verliert seine Gültigkeit; die Dinge müssen neu erfasst werden. Goethes Definition des Romantischen in Abgrenzung zum Klassischen ("Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke."[49] ) ist weit bekannt, taucht auch immer wieder in der Literatur auf, wird aber von den meisten Theoretikern nicht ernst genommen.[50] Die verschiedenen Definition schaffen es immer nur, einen Teil des Begriffs `Romantik´ zu fassen. Obwohl Gerhard Schulz der Meinung ist, es gäbe „keinen durch bestimmte Symptome eindeutig beschreibbaren romantischen Stil[51], sollen nun Themen und Überzeugungen dargestellt werden, die in der Romantik regelmäßig zu finden sind.

II Themen und Motive der Romantik

Sabine Haupt unterstellt der Romantik an sich eine Tendenz zur Wiederholung von Motiven und Formen.[52] Romantische Texte befassen sich gerne mit Bewusstem und Unbewusstem, mit der Seele, der Unendlichkeit, dem Elementaren und der Religion.[53] Stärker als andere Epochen wendet sich die Romantik der inneren Natur des Menschen zu. Behandelte Kernfragen sind deshalb oft ichbezogen. Hierzu kann man fragwürdige Identitäten, Doppelgänger, Selbstreflexionen und Automaten zählen.[54] Steinecke nennt auch den Spiegel ein zentrales Motiv der Romantik. Hier schließen sich Themengruppen um Dualismus und Verkehrung an.[55] Viele Themen der Romantik sind nächtlicher oder dunkler Natur: Magie und Zauber, Wahnsinn und Traum, Dämonen und Geister.[56] Der Traum gilt als höhere Wirklichkeit, die dem Verstand versperrt ist. Der Künstler fühlt sich dem Unbewussten verpflichtet.[57] Dem heutigen Gebrauch des Begriffs Romantik entsprechend, nimmt auch Liebe einen Platz ein. Pikulik stellt für das Thema Liebe in romantischer Literatur fest: „Liebe und Tod liegen im romantischen Denken und Dichten nicht weit auseinander.“[58] So wird auch der Tod in vielen romantischen Stücken behandelt. Es gibt also Themen, die sich in romantischen Texten immer wieder finden lassen. Trotzdem kann hier nicht von „privilegierten“ Themen gesprochen werden. Theoretisch ist jedes Thema für eine Verarbeitung geeignet. Ernst Fischer spricht diese Eigenschaft im Gegensatz zur Klassik an, für die es wertvolle und ungeeignete Themen gab.[59]

Romantik erscheint als „Sammelbecken für Entgegengesetztes[60]. Auch Schlegel erkennt diesen Zug:

„Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen.“[61]

Deutlich wird hier auch, dass sich die Romantik nicht nur mit Literatur befasst. Sie beschäftigt sich mit Philosophie (beispielsweise die Frage nach dem Absoluten, der Urgrund aller Dinge, Symbolik, usw.)[62], mit Psychologie und den Naturwissenschaften. Gerade in ihrer Auseinandersetzung mit der Seele und dem Unterbewusstsein, sind psychologische Erkenntnisse von Bedeutung. Elemente, Funktionen und Regeln der Psyche, sowie deren Krankheiten und Wahnsinn, Magnetismus, Träume, Hypnose und Somnambulismus sind ebenfalls spannende Phänomene, die wissenschaftlich erforscht und literarisch verarbeitet werden (u.a. bei Hoffmann: Der Magnetiseur). Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht messbar und damit wissenschaftlich nicht erfassbar sind. Besonders die Vorträge Gotthilf Heinrich Schuberts über die „Nachtseiten der Naturwissenschaft“, wie Träume, Hellsehen und Magnetismus, studierte nicht zuletzt Hoffmann eingängig. Magnetismus ist für Schubert der Weg zu einer höheren Welt, das Unbewusste poetische Distanz schlechthin. Er geht soweit, die Arbeit des Dichters mit der Arbeit des Unterbewussten zu vergleichen. Diese Idee greift Hoffmann auf und weitet sie aus.[63] Auch Eichendorff steht den Ideen Schuberts nahe. Besonders in den von Pikulik als „nächtlich“ beschriebenen Erzählungen „Das Marmorbild“, „Eine Meerfahrt“ und „Das Schloß Dürande“ wird die Idee von der Nachtseite des Menschen deutlich. Beispiele sind Traumbilder, das Wecken des Tiers im Menschen und die schöpferische Kraft des Unbewussten.[64] Am Ende des 18. Jahrhunderts macht sich ein allgemeines Interesse an den „Nachtseiten“ bemerkbar. Man zweifelt die Allwissenheit des Verstandes an, deklariert Welt und Subjekt für undurchsichtig und entdeckt die Nacht als Raum für das Ausleben dieser Vorstellungen.[65] Wahnsinn, seit dem 17. Jahrhundert als Krankheit des Geistes angesehen, regt ebenfalls die Phantasie vieler Romantiker an. Sie äußerst sich in einem Mangel an Erkenntnisvermögen und Selbstbeherrschung, im Ausbruch von Leidenschaften und in starker Einbildungskraft, die zum Verlust oder zur Trübung der Wahrnehmung führen kann. Wahnsinn kann angeboren sein, aber auch aus enttäuschtem Ehrgeiz, religiösem Fanatismus, niedrigem Selbstbewusstsein oder seelischem Ungleichgewicht hervorgehen. Der Dichter oder Künstler scheint hier besonders gefährdet zu sein. Er „romantisiert“ den Wahnsinn, indem er ihn als Zeichen für das Verbundensein mit dem eigenen Innern interpretiert. Wahnsinn regt Phantasie und Kreativität an und zeigt dem Menschen den Weg zu Unbewusstem und Träumen. Dass am Ende im Ernstfall Realität und Phantasie vom Betroffenen nicht mehr unterschieden werden können, liegt als Erklärung für das oft exzentrische Leben von „dichterischen Genies“ nahe. Schmitz-Emans spricht hier vom gewohnheitsmäßigen Erzeugen von Fiktionen, das die Grenzen immer mehr verwischt.[66]

Die Beschäftigung mit dem Kunst-Menschen ist eine Tendenz, die sich im 18. Jahrhundert abzeichnet. Nicht nur in der romantischen Literatur taucht dieses Motiv auf, auch die wissenschaftliche Forschung beschäftigt sich damit. Man ist fasziniert von der optischen Ähnlichkeit und stellt die Frage, was denn den Menschen noch von der Maschine unterscheidet. Die Antworten sind vielfältig. Ist es freie Subjektivität, Phantasie oder (wie man auch in „Der Sandmann“ fragen kann) spontane Sprachäußerung? Die Angst, sich nicht von Maschinen zu unterscheiden, keimt dabei auf. Romantiker verbinden sie auch mit der Vorstellung vom Philister und Spießbürger, der mechanisch sein Leben lebt. Die Annahme, durch Äußeres auf das Innere zu schließen, wird diskutiert. Elisabeth Frenzel sieht dieses Motiv als Ausdruck menschlichen Erfinder- und Schöpfertums, seiner Herrschsucht und seines Nützlichkeitsdenkens. Der künstliche Mensch ist seelenlos[67], kontrollierbar und hat eine Funktion zu erfüllen. Verbunden ist mit dessen Schöpfung die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Der Mensch befürchtet ersetzbar zu sein. Der Gedanke, selbst zum Automaten zu werden, die eigene Menschlichkeit einzubüßen und nicht selbst über sein Leben bestimmen zu können, schwingt ebenfalls mit. Verwandte Motive sind Puppen, Automaten, belebte Statuen und Bilder, sowie Marionetten.[68]

Hieran knüpft das Motiv des Doppelgängers an. Dieser kann auf eine Spaltung des Ichs, einen menschlichen oder mechanischen Doppelgänger oder zwei Gestalten in einer Person zurückgeführt werden.[69] Elisabeth Frenzel ergänzt an dieser Stelle den Verlust der Identität. In der Romantik sei der Doppelgänger vor allem negativ besetzt, er sei „dämonisiert“ worden. Der Mensch hätte ein doppeltes Bewusstsein und sei damit an sich eine Doppelnatur. Sein Unterbewusstsein zeige sich im Traum oder in Folge von Hypnose. In den Motivkomplex gehören auch das Traumbild, Schatten, Spiegelbilder und Portraits oder statt des Doppelgängers Verwechslungen und Unsicherheiten über die Identität einer Person.[70]

Hier kann man sehen, dass verschiedene Motive und Themen der Romantiker in Verbindung stehen. Die Deutungen einzelner Motive können dementsprechend sehr komplex ausfallen. Als Beispiel sei nur der Zusammenhang von Ich-Zentriertheit, Spaltung des Ichs und dem Doppelgängertum genannt.

Romantiker gehen von einer zweigeteilten Welt aus. Es kann von einer Ober- und einer Unterwelt die Rede sein, von der Welt des Künstlers und des Philisters oder von der Gefühls- und der Verstandeswelt.[71] Adolf Grimme benennt die Zweiteilung als Verstand und empfindsame Seite des menschlichen Herzens. In diesem Fall ist der Romantiker an beidem interessiert. Er strebt die Totalität an, will Gefühl und Verstand zueinander bringen.[72] Es ergibt sich, dass das Ich ebenfalls geteilt ist. Der Künstler an sich wird zur gefährdeten Persönlichkeit. Er dringt über seine schöpferische Kraft in tiefe Regionen des Ichs ein und erkennt sich selbst als gespalten. Dem Künstler ist der Bürger gegenübergestellt. Seinen Verstand bezeichnet Schmitz-Emans als trivial und unschöpferisch.[73] Der Bürger wird zum Philister. Dieser weiß ästhetische Werte nicht zu schätzen. Er ist orientiert am rationalen Denken, an Bequemlichkeit und Nützlichkeit.[74] Gerhard Schulz wirft ihm Selbstgefälligkeit und Beschränkung seiner geistigen Perspektiven vor.[75] In der deutschen Romantik stehen Künstler oft im Mittelpunkt des Geschehens. Sie sind für Reize des Wunderbaren offen und laufen immer Gefahr, diesen Reizen zu erliegen.[76]

Mit der Romantik und Romantikern verbindet sich auch eine bestimmte Lebenshaltung. Kunst gilt als Inbegriff des wahrhaften Lebens.[77] Ihr Zweck ist es, Stimmungen und Erlebnisse zu schaffen; das Leben selbst soll poetisiert werden. Die höchste Fähigkeit ist demnach die Phantasie, die den Künstler und Dichter unter anderen Menschen auszeichnet[78] Die Situation romantischer Künstler wird nicht nur positiv, sondern auch als konflikthaltig beschrieben.

Schmitz-Emans weist darauf hin, dass romantische Poesie nicht bereits decodiert ist. Die Texte sollen anregen nachzudenken und nicht bereits die Lösung liefern.[79] Hinzu kommt bei einigen Autoren der so genannte romantische Nihilismus. Es gibt keine allgemein gültigen Werte und keine eindeutige Wahrheit. „Ein jeder lebt in einer Welt eigener Interpretationen[80], stellt Schmitz-Emans fest.[81] Die Interpretation wird auch durch das Erschaffen mehrerer Ebenen erschwert. Zu einer Haupthandlung können Nebenhandlungen oder eine Rahmenhandlung gehören. Auch Paratexte sind keine Seltenheit. Man trifft auf Vor- und Nachreden, Kommentare und Fußnoten, in denen der Autor oder Erzähler sich einmischt, reflektiert, den Leser einbezieht oder zusätzliche Informationen gibt. Für Schmitz-Emans sind dies Möglichkeiten der Illusionsbrechung, des Spiels mit dem Leser und der Relativierung des Erzählten.[82]

Bei der Darstellung von Landschaften lassen sich für die Romantik auch bestimmte Regelmäßigkeiten erkennen. Für Schmitz-Emans erscheinen romantische Landschaften „als die Einlösung des philosophischen und ästhetischen Postulats, Natur und Geist als Einheit zu denken.[83] Sie weist auf Carl Gustav Carus´ „Briefe über Landschaftsmalerei“ hin, die sich mit romantischen Landschaften befassen. Die Natur erscheint hier als Weg zur Offenbarung. Der Autor sieht in der Beschreibung von Landschaften Korrespondenzen zur seelischen Verfasstheit und Stimmung.[84] Ernst Fischer stellt die Natur der Gesellschaft gegenüber. Zur Gesellschaft gehören das Zivilisierte, Geordnete und Gekünstelte, zur Natur das Ursprüngliche, Einheitliche und Unverdorbene. Kunst fühlt sich dabei der Natur, nicht der Gesellschaft verpflichtet und sehnt sich nach der Vereinigung mit ihr.[85]

Die romantische Ironie durchzieht viele Werke dieser Epoche. Sie bezeichnet eine philosophische Denkform und steht im Zentrum der Poetik Friedrich Schlegels. Zu ihr zählen verschiedene Methoden, auf sich selbst Bezug zu nehmen. Sie beschäftigt sich mit der Kluft zwischen einer Idee und deren Ausdruck, zwischen der Vorstellung und der Wirklichkeit, empfindet die Notwendigkeit sich mitzuteilen bei gleichzeitigem Wissen, dass dies nicht vollständig möglich ist und stößt so immer wieder auf Widersprüche, die sich nicht überwinden lassen. Sprache ist immer mehrdeutig und nicht als Mittel der Artikulation ausreichend.[86] Auch der hohe Grad an Selbstreflexion, den Haupt der Romantik nachsagt, ist hier einzuordnen.[87] Frenzel beschreibt romantische Ironie als Gegensatz von Tatsache und subjektiver Auslegung. Dabei erhält die subjektive Auslegung einen höheren Stellenwert.[88] Einen kritischeren Blick findet man bei Ernst Fischer. Für ihn bietet die Ironie dem Dichter Möglichkeiten, über sein Unvermögen, die Wahrheit darzustellen, hinwegzutäuschen. Als Mittel nennt er die Einmischung des Dichters in sein Werk, die Einbeziehung des Publikums oder eine aus der Rolle fallende Figur.[89] Als intellektuelles Kennzeichnen bezeichnet sie Ernst Ribbat.[90]

III Gattungen

Die Vermischung verschiedener Künste ist für die Romantik charakteristisch.[91] Friedrich Schlegel bezeichnet es als ihre Aufgabe „alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen[92]. So stößt man in dieser Epoche auf Romane, Dramen, Gedichte, Erzählungen und vor allem auch auf Stücke, die sowohl epische, lyrische und dramatische Elemente enthalten und akustische und visuelle Reize verbinden.[93]

Der Roman kann als Kind des 18. Jahrhunderts gesehen werden. Dort wurde er zur wichtigsten Gattung und besonders von den Romantikern für seine Offenheit geschätzt. Hier hatten sie die Möglichkeit, sich mal erzählend, mal lyrisch auszudrücken oder auch reflektierende oder dramatische Passagen einzubauen.[94] Sørensen betont ebenfalls den großen Spielraum, den der Roman bietet.[95] Weder Thema noch Form sind für den Roman normativ festgelegt. Der Dichter hat alle Möglichkeiten, die er braucht, sich frei auszudrücken. Sie wird zur bevorzugten Gattung der Romantik und zur zentralen Gattung der Moderne.[96]

Besonders nah steht der Romantik das Märchen, da es alle ihre Ideale in sich aufnimmt und zum Ausdruck bringt. Ihre Themen sind wunderbar, verzaubernd und außergewöhnlich. Volks- als auch Kunstmärchen[97] werden hier gleichermaßen geschätzt.[98] Sørensen stellt fest, dass fast alle Romantiker Märchen geschrieben haben. Märchenhafte Elemente finden sich aber nicht nur im Märchen selbst, sondern fließen auch in andere Gattungen wie Erzählungen, Romane und Gedichte mit ein. Besonders phantastische, traumhafte und irrationale Handlungen, in denen Grenzen der Realität aufgehoben werden, entsprechen den Bemühungen der Romantiker.[99]

Gedichte finden sich in der Romantik auch als Elemente in Erzählungen oder Romanen. Man schätzt die Nähe der Lyrik zur Musik und den Klang ihrer Worte und Zeilen. Herausragend sind hier die Gedichte Eichendorffs.[100] Außer seinen Gedichten haben es nur wenige geschafft die Zeit zu überdauern.[101]

Nicht besonders erfolgreich sind die Romantiker in dramatischen Stücken.[102] Es gibt keinen romantischen Schriftsteller, der ein bedeutendes Drama hinterlassen hätte. Es entstanden zwar einzelne, diese kamen aber nur selten zur Aufführung.[103]

IV Mittelalter, Aufklärung und Religion

Geistig wird der romantischen Bewegung eine Orientierung zum Mittelalter nachgesagt. Diese entwickelte sich von der Antike weg und fühlte sich zum Christentum gehörig.[104] Antike Götter nehmen die Rolle von Verführern und bösen Dämonen an, die Christen verleiten wollen. Sie locken diese mit Schönheit, Tanz und Gesang und verkörpern Sinnlichkeit.[105] Gerade das Motiv der Liebesgöttin Venus, als dämonische Verführerin, ist hier erwähnenswert. Ihr Ziel ist es, den Menschen durch äußere Reize vom Christentum zu entfernen. Die Romantik greift auf Erzählungen von beispielsweise William von Malmesbury (Sage vom Venusring und Statuenverlobung) zurück.[106] Mittelalterliche Literatur wird übersetzt, bearbeitet und gesammelt. Das Mittelalter steht für die Einheit von Kunst und Leben, Gefühl und Verstand, Schlichtheit und Künstlichkeit. Diese Einheit entspricht dem Ziel der Romantiker. Themen der Romantik, wie Liebe, Religion, Zauberei und Rittertum lassen sich auch in der Literatur des Mittelalters finden.[107]

Über das Verhältnis der Romantik zur Aufklärung gibt es verschiedene Auffassungen. Einige gehen von einem krassen Gegensatzpaar aus. Die Romantik wird dem Gefühl, die Aufklärung dem Verstand zugeordnet. Bei Fassmann wird Romantik als Flucht aus dem Licht bezeichnet, als Sehnsucht nach der Dunkelheit.[108] Aufklärung wird dagegen allgemein mit Licht und Erleuchtung identifiziert. Für die Aufklärung ist nur das real, was man anfassen kann. Das gilt nicht für die Romantik. Diese beschäftigt sich auch mit Dingen, die sich dem menschlichen Verstand verschließen und nicht wissenschaftlich erklärbar sind.[109] Die Einstellung zum Mittelalter stellt auch einen Unterschied da. Die Aufklärung versuchte, sich über die herrschende Vormundschaft der Kirche hinwegzusetzen und trat für den vernünftigen und autonomen Menschen ein. Damit steht sie den Zuständen des Mittelalters nicht so positiv gegenüber, wie es die Romantik tut.[110] Diese profitiert von den Erfolgen der Aufklärung, denn schon Tieck stellt fest: „Im Dienste der Kirche kann sich keine Poesie entfalten.[111] Beim Thema Natur gibt es ebenfalls Unterschiede. Während es sich die Aufklärung zum Ziel macht, die Natur zu beherrschen, möchte die Romantik eins werden mit ihr. Sie schätzt den Zauber der Natur, ihre Einheit und ihre Totalität. Beherrschung der Natur ist Entwertung der Natur.[112]

Neuere Untersuchungen jedoch deuten die Beziehung der Romantik zur Aufklärung um. Sie setzen Aufklärung nicht mit reinem Rationalismus gleich.[113] Romantik erscheint hier als deren Fortsetzung. Bohn sieht ihre Funktion in der Reflektion der Aufklärung. Sie erkennt deren Beschränkungen und setzt sich darüber hinweg.[114] Auch Wolfdietrich Rasch erkennt keine strikten Gegensätze mehr, sondern eine Weiterentwicklung.[115] Einige Ideen sind von der Aufklärung übernommen. Schmitz-Emans nennt hier die Idee der Integration ästhetischer, philosophischer, psychologischer und naturkundlicher Arbeit und die Neugier und Offenheit für Neues.[116] Ernst Ribbat bezeichnet Toleranz als gemeinsamen Wert.[117] Gemeinsam ist den beiden Denkrichtungen, dass sie zeitlose Normen nicht anerkennen. Alles muss im Zusammenhang von Zeit und Raum betrachtet werden.[118] Insgesamt tritt die Romantik nicht gegen die Vernunft, sondern gegen deren Vorherrschaft ein.[119] Sie ist skeptisch gegenüber der Vorstellung, dass alle Bereiche des menschlichen Lebens wissenschaftlich erfasst werden können und geht davon aus, dass bestimmte Bereiche dem Verstand verschlossen bleiben.

[...]


[1] Vgl. Schulz (1996), S.23

[2] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.19

[3] Vgl. Gebhardt (2003), S.5-13

[4] Vgl. Treitschke (1987), S.141-144

[5] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.19

[6] Vgl. Treitschke (1987), S.181-184

[7] Vgl. Hardtwig (1985), S.7

[8] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.19, 20

[9] Vgl. Hardtwig (1985), S.38, 39

[10] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.21

[11] Vgl. Hardtwig (1985), S.125, 126

[12] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.21, 22

[13] Vgl. Sørensen (1997), S.301

[14] Vgl. Schulz (1996), S.23, 25

[15] Vgl. Hardtwig (1985), S.88-91

[16] Vgl. Fischer (1986), S.50-53, 71-73, 184

[17] Vgl. Frenzel (1953), S.296

[18] Vgl. Grimme (1947), S.63, 64

[19] Vgl. Ribbat (1979), S.194

[20] Vgl. Fassmann (1964), S.11

[21] Vgl. Kollektiv für deutsche Literaturgeschichte (1977), S.40, 41

[22] Vgl. Ribbat (1979), S.150

[23] Vgl. Frenzel (1953), S.295; Sørensen setzt das Ende 1930 (vgl. Sørensen, S.290)

[24] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.12

[25] Vgl. Frenzel (1953), S.295

[26] Vgl. Sørensen, S.291

[27] Vgl. Sørensen, S.296

[28] Diese Auswahl richtet sich nach Schmitz-Emans (2004), S.24

[29] Vgl. Schmitz-Emans, S.24 (Frenzel (1953) bestätigt diese Feststellung, S.297)

[30] Vgl. Frenzel (1953), S.295

[31] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.77, 78

[32] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.7, 8

[33] Vgl. Grimme (1947), S.3

[34] Vgl. Grimme (1947), S.4

[35] Grimme (1947), S.62

[36] Vgl. Uerlings, S.15

[37] Vgl. u.a. Schmitz-Emans (2004), S.8; Sørensen, S.290

[38] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.9

[39] Vgl. Uerlings, S.12

[40] Grimme (1947), S.5

[41] Schlegel (1964), S.39

[42] Schulz (1996), S.26

[43] Vgl. Schlegel (1964), Brief über den Roman (http://www.literaturwelt.com/werke/schlegel-fr/romanbrief.html)

[44] Vgl. Fischer (1986), S.138

[45] Schlegel (1964), S.38

[46] Vgl. Novalis, Fragmente über Poesie (http://gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/rom-reader/novalis-fragmente-poesie.htm)

[47] Vgl. Novalis, Fragmente über Poesie (http://gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/rom-reader/novalis-fragmente-poesie.htm)

[48] Vgl. Fischer (1986), S.138

[49] Vgl. http://de.wikiquote.org/wiki/Johann_Wolfgang_von_Goethe

[50] Vgl. u.a. Grimme (1947), S.5

[51] Schulz (1996), S.27

[52] Vgl. Haupt (2002), S.21

[53] Vgl. Frenzel (1953), S.296

[54] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.15, 68

[55] Vgl. Steinecke (2004), 459

[56] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.64

[57] Vgl. Fischer (1986), S.196

[58] Pikulik (2002), S.221

[59] Vgl. Fischer (1986), S.142

[60] Frenzel (1953), S.296

[61] Schlegel (1964), S.38, 39

[62] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.29

[63] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.33, 34, 35, 36

[64] Vgl. Pikulik (2002), S.210, 211

[65] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.63

[66] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.72, 73

[67] Elisabeth Frenzel nennt auch Seelenlosigkeit ein romantisches Motiv (Frenzel (1976), S.520)

[68] Vgl. Frenzel (1976), S.513, 514, 518

[69] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.65-67

[70] Vgl. Frenzel (1976), S.95, 98, 101-103, 106

[71] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.64

[72] Vgl. Grimme (1947), S.12

[73] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.37

[74] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.24

[75] Vgl. Schulz (1996), S.110

[76] Vgl. Marks (1984), S.41

[77] Vgl. Grimme (1947), S.12

[78] Vgl. Frenzel (1953), S.299

[79] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.16

[80] Schmitz-Emans (2004), S.75

[81] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.75

[82] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.54

[83] Schmitz-Emans (2004), S.47

[84] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.47

[85] Vgl. Fischer (1986), 234, 236

[86] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.51, 52

[87] Vgl. Haupt (2002), S.21

[88] Vgl. Frenzel (1953), S.299

[89] Vgl. Fischer (1986), S.200

[90] Vgl. Ribbat (1979), S.166

[91] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.8

[92] Schlegel (1964), S.38

[93] Vgl. Sørensen (1997), S.304

[94] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.53, 54

[95] Vgl. Sørensen (1997), S.307

[96] Vgl. Uerlings (2000), S.18

[97] Das Kunstmärchen gilt als Produkt eines einzelnen Dichters, das Volksmärchen als anonym erstellt und überliefert, vgl. Sørensen (1997), S.305

[98] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.58, 59

[99] Vgl. Sørensen (1997), S.304, 305

[100] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.55

[101] Vgl. Sørensen (1997), S.307, 308

[102] Vgl. Frenzel (1953), S.302

[103] Vgl. Sørensen (1997), S.310

[104] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.9

[105] Vgl. Fischer (1986), S.15

[106] Vgl. Frenzel (1976), S.743

[107] Vgl. Ribbat (1979), S.81, 85

[108] Vgl. Fassmann (1964), S.12

[109] Vgl. Grimme (1947), S.10, 31

[110] Vgl. Ribbat (1979), S.8

[111] Ribbat (1979), S.9

[112] Vgl. Ribbat (1979), S.13

[113] Vgl. Ribbat (1979), S.9

[114] Vgl. Bohn (1987), S.9

[115] Vgl. Ribbat (1979), S.7

[116] Vgl. Schmitz-Emans (2004), S.26

[117] Vgl. Ribbat (1979), S.10

[118] Vgl. Uerlings (2000), S.14

[119] Vgl. Grimme (1947), S.11

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Die Romantik Eichendorffs und die Romantik Hoffmanns im Vergleich
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Note
1
Autoren
Jahr
2005
Seiten
86
Katalognummer
V51977
ISBN (eBook)
9783638478038
Dateigröße
809 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romantik, Eichendorffs, Hoffmanns, Vergleich
Arbeit zitieren
Jennifer Werner (Autor)Jennifer Werner (Autor), 2005, Die Romantik Eichendorffs und die Romantik Hoffmanns im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51977

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