Die Proklamierung einer neuen Weltordnung: Woodrow Wilsons 14 Punkte


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

21 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Die Proklamierung einer neuen Weltordnung : Woodrow Wilsons 14 Punkte

1. Einleitung

2. Vorgeschichte
a. The Inquiry
b. Lenins „Frieden ohne Sieg“-Plan
c. Lloyd George`s Rede am 5. Januar

3. Präsident Wilsons 14 Punkte
a. Allgemeine Punkte
b. Mittelmächte
c. Gründung eines Völkerbundes

4. Die Reaktionen auf Wilsons 14 Punkte
a. USA
b. Die allierte Staaten
c. Deutschland
d. Sowjetrußland

5. Murray L. Eilands Wilson-Thesen – Eine Kritik

6. Schlußwort

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 8.Januar 1918 verkündete Präsident Wilson in einer Botschaft an den Kongreß seinen 14 Punkte-Plan zur Beendigung des Ersten Weltkrieges. Nur wenige Monate nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten suggerierte Wilsons Plan die Möglichkeit eines fairen Friedens und einer gerechten Nachkriegsordnung. Er nährte sowohl die Hoffnung der deutschen Linken auf eine Republik, als auch später

die Hoffnung des autokratischen Deutschlands glimpflich aus dem Krieg herauszukommen.[1] Nur wenigen Dokumenten amerikanischer Außenpolitik ist fürderhin soviel Aufmerksamkeit zuteil geworden. Bis heute sind die Folgen von Wilsons 14 Punkte-Plan zutiefst umstritten. Die Würdigung Wilson`scher Politik reicht von der Verleihung des Friedensnobelpreises 1919 bis zur zugespitzten These

des amerikanischen Historikers Murray L. Eiland, der Wilsons Politik mitverantwortlich macht für das Entstehen des faschistischen Deutschlands.[2]

Hat also Woodrow Wilsons 14 Punkte-Plan seinem eigenen Anspruch die Welt „...save for democracy“ zu machen genüge getan ? Handelt es sich in erster Linie um einen propagandistischen Erfolg, der inhaltlich in der Kontinuität amerikanischer Außenpolitik steht ? Oder muß man sich gar Eilands These anschließen, die Wilson Verantwortung für nachfolgende Entwicklungen aufbürdet ?

Um sich diesen Fragestellungen zu nähern soll zunächst im ersten Abschnitt auf die Vorgeschichte des 14 Punkte-Plans eingegangen werden. Hierbei soll insbesondere auf Wilsons Beratergremium „The Inquiry“ eingegangen werden. Welche Rolle spielten weiterhin Lenins „Frieden ohne Sieg“-Plan und die Rede des englischen Premiers Lloyd George vom 5. Januar 1918 ?

Im zweiten Abschnitt werden die vierzehn Punkte en detail vorgestellt . Dafür werden sie den Adressaten entsprechend unterteilt. Diese Unterteilung dient u.a auch dazu deutlich zu machen, daß sich Wilsons Forderungen eben nicht nur an die gegnerischen Mittelmächte richteten, sondern in einem weitaus größeren Zusammenhang gesehen werden müssen.

Im dritten Abschnitt sollen die Reaktionen der am Ersten Weltkrieg beteiligten Mächte offengelegt werden. Wie hat die Politik, aber auch die Öffentlichkeit reagiert ? Wie war die Aufnahme von Wilsons Punkten in der Presse der kriegführenden Staaten ?

Im vierten Abschnitt soll die Frage nach den Folgen der Wilson`schen Politik für das

Zusammenleben der europäischen Staaten erörtert werden. Dies soll in erster Linie in Form einer Antwort auf die provokativen Thesen Eilands geschehen.

Die Arbeit endet in einem Schlußwort, in welchem versucht werden soll die Politik Wilsons, exemplarisch anhand der 14 Punkte, in die Tradition der amerikanischen Außenpolitik einzuordnen und zu bewerten.

2. Vorgeschichte

a. The Inquiry

Anfang September 1917 beauftragte Colonel House auf Weisung Wilsons hin eine Gruppe Wissenschaftler und politische Berater mit der Erstellung eines Memorandums zu den Kriegszielen der USA und den Bedingungen für den Frieden.[3] Diese Beratergruppe ist bekannt geworden unter dem Namen „The Inquiry“, was soviel bedeutet wie „die Untersuchenden“ . Sie bestand aus nahezu 150 Mitarbeitern und erarbeitete nicht weniger als 2000 Berichte zu nahezu jeder Weltregion, die für die Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Bedeutung sein könnte.[4] Federführend an der Arbeit des Gremiums beteiligt waren die drei hochrangigen und angesehenen Wissenschaftler Sidney Edward Mezes, David Hunter Miller und Walter Lippmann.

Das von der Inquiry gelieferte Memorandum diente Wilson als Grundlage zur Ausarbeitung der 14 Punkte, insbesondere was die territorialen Fragen anbetraf.

Die Formulierungen des Inquiry-Memorandums waren deutlich und klar. Die darauf aufbauenden Ausformulierungen Wilsons sind im Ton verbindlicher, moralischen Anspruch erhebend und sollen offenkundig die emotionale Seite des Publikums ansprechen. Gleichzeitig sind sie weitaus vorsichtiger, undeutlicher und damit letztlich unverbindlicher ausgestaltet, was ihnen späterhin auch die Vorwürfe politischer Beobachter einbrachte. Diese kritisierte Undeutlichkeit läßt sich vielleicht am deutlichsten an einem Punkt zeigen, der insbesondere für die deutsche Seite von nicht geringer Bedeutung war. Vergleicht man beispielsweise die Ausgestaltung des achten Punktes, in welchem die Elsaß-Lothringen-Problematik thematisiert wird, so kann man

Wilsons Formulierung zwar vom Inquiry-Vorschlag herleiten, Wilsons Variante gibt dem Ganzen jedoch eine indifferente Note.

Im Inquiry-Memorandum lautet die Formulierung :“Every act of Germany towards Alsace-Lorraine for half a century proclaimed that these provinces are foreign territory, and no genuine part of the German Empire. Germany cannot be permitted to escape the stern logic of her own conduct. The wrong done in 1871 must be undone.“

In Wilsons 14 Punkte-Plan lautet die Formulierung dann folgendermaßen :“ All French territory should be freed and the invaded portions restored, and the wrong done to France by Prussia in 1871 in the matter of Alsace-Lorraine, which has unsettled the peace of the world for nearly fifty years, should be righted, in order that peace may once more be made secure in the interest of all.“[5]

Was sich auf den ersten Blick ähnlich liest, ist bei genauer Betrachtung doch durchaus unterschiedlich. Während die Autoren des Inquiry-Memorandums in erster Linie juristisch argumentieren, zeigt sich in Wilsons Formulierungen deutlich die moralische Komponente. Er wertet, macht jedoch die genauen Bedingungen nicht klar. Durch die „should“-Formulierung läßt er die geplante Vorgehensweise offen, schafft Raum für die Interpretation beider Seiten. Die Frage etwa, ob ein Referendum denkbar sei bleibt unklar.

Ähnliche Beispiele finden sich auch bezüglich anderer Punkte. Fetszuhalten bleibt, daß Wilsons Ausformungen der Inquiry-Memoranden in erster Linie auf den wertenden moralischen Anspruch setzten, was sich zuungunsten der Klarheit bemerkbar machte. Inwieweit man hierfür ein Indiz für die These, der 14 Punkte-Plan diente in erster Linie als Propaganda-Coup, sehen kann, bleibt umstritten.

b. Lenins „Frieden ohne Sieg“-Plan

Die Herausforderung durch die Friedenspläne der Bolschewiken spielte sicherlich eine nicht zu unterschätzende Rolle für Wilsons 14 Punkte-Plan. In der kommunistischen Geschichtsschreibung erscheint Wilsons Plan in erster Linie als Gegenkonzept zum

bolschewistischen Dekret über den Frieden.[6] Richtig daran ist offenkundig das die Politik Lenins die amerikanische Regierung in Zugzwang brachte.[7] Die Russen hatten

bereits die Geheimverträge veröffentlicht und schickten sich an, mit Deutschland einen Separatfrieden auszuhandeln. Betrachtet man sich die russischen Friedensvorschläge und vergleicht sie mit zentralen Punkten von Wilsons 14 Punkten, so zeigen sich, bei allen Differenzen, erstaunliche Übereinstimmungen. Auch die russischen Vorschläge könnte man unter der Wilson`schen Parole „Frieden ohne Sieg“ subsummieren. Der russische Delegationsführer Joffe legte am 22. Dezember 1917 einen 6-Punkte-Plan vor, der durchaus mit amerikanischen Friedensvorstellungen konkurrieren sollte. Der Plan war, ähnlich Wilsons 14 Punkten, recht allgemein und prinzipiell formuliert, um Modellcharakter für einen generellen Frieden zu erreichen.[8]

Dieses 6-Punkt-Programm sah folgende Punkte vor :

- Verzicht auf gewaltsame Annexionen
- Zurückführung der Truppen aus den bestzten Gebieten
- Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Völker, die sie im Krieg eingebüßt hatten
- Volksentscheide für Volksgruppen, die sich aus einem bestehenden Staatsverband herauslösen wollen
- Übertragung dieses prinzips auf die Kolonialreiche
- Verzicht auf Reparationen

Lenins Plan war klug ersonnen, moralisch schwer angreifbar und wohl in erster Linie als propagandistischer Coup lanciert worden. Die Antwort Amerikas durfte nicht lange auf sich warten lassen. Der Friedensplan der russischen Revolutionäre spielte sicherlich für die inhaltliche Ausgestaltung von Wilsons 14 Punkte eine nur geringe Rolle. Bedeutung hatte er jedoch durchaus für den Zeitpunkt von Wilsons Kongreßbotschaft.

c. Lloyd George`s Rede vom 5.Januar 1918

Am 5. Januar 1918 hielt der britische Premier Lloyd George eine Rede vor Mitgliedern der „British Trade Union League“ in Caxton Hall. Zuvor hatte die British Labour Party

ein „Memorandum on war aims“ veröffentlicht, in welchem der Krieg als kaum noch zu rechtfertigen bezeichnet wurde. Lloyd George und das Kriegskabinet sahen sich zu einer Antwort gezwungen. Alle eventuellen Unklarheiten über die britischen Kriegsziele sollten nun klargestellt werden. England sei auf der Suche nach einem „democratic peace“ und habe keine Ambitionen „to destroy the central powers“.[9]

Dann folgten drei zentrale Punkte, die Lloyd George folgendermaßen ausformulierte :

1. The sanctity of treaties must be re-established
2. A territorial settlement must be secured based on the right of self-determination or the consent of the governed
3. We must seek by the creation of some international organization to limit the burdens of armaments and diminish the probability of war

Die Vorschläge Lloyd George`s erhöhten den Druck auf Wilson deutlich, zumal der dritte Punkt, wenn auch in allgemeiner Form, Wilsons Kernpunkt eines Völkerbundes thematisierte.

3. Präsident Wilsons 14 Punkte

a. Allgemeine Punkte

Am 8.Januar 1918 gibt Woodrow Wilson in einer Botschaft an den Kongreß seinen 14 Punkte Plan bekannt. Er bezeichnet ihn nicht nur nur als Programm zur Beendigung des ersten Weltkrieges, sondern als Weltfriedensprogramm ganz allgemein. Wilson sieht in seinem Programm „ das einzig mögliche“.[10] Die 14 Punkte gliedern sich in drei inhaltliche Komplexe. Die erste fünf Punkte sind allgemeiner Natur und richten sich an alle beteiligten Nationen. Punkt 1 verlangt offene und auf offene Art herbeigeführte Verträge und richtet sich gegen jegliche Art von geheimer Absprache. Die Völker sollten so einen Überblick und Kontrollmöglichkeiten über ihre internationalen Beziehungen bekommen. Dies ist faktisch die weltweite Etablierung des Modells der angelsächsischen Demokratie mit einer starken Komponente der öffentlichen Meinung verbunden mit der Macht des Rechts. In Punkt 2 wird die uneingeschränkte Freiheit der Schiffahrt, sowohl im Frieden als auch im Krieg gefordert. Gerade dieser Punkt mußte für die Seemacht Großbrittanien unakzeptabel sein. Punkt 3 fordert die Beseitigung aller Handelsschranken, Punkt 4 die Herabsetzung der nationalen Rüstungen aud das notwendigste kleine Maß.

Der letzte allgemeine Punkt fordert die freimütige, weitherzige und unparteiische Regelung der Kolonialansprüche.

Alle diese fünf Forderungen stehen in der Kontinuität der amerikanischen Außenpolitik, insbesondere die Open-Door-Policy tritt hier deutlich hervor. Adressaten sind hierbei sowohl die Allierten als auch die Mittelmächte.

b. Mittelmächte

Die Punkte 6-13 enthielten nun die konkreten territorialen Forderungen an die Mittelmächte. Gefordert wurde die völlige Räumung aller russischen Gebiete und die Freiheit der Entwicklung Russlands. Ein aus amerikanischer Sicht besonders wichtiger Punkt war die Wiederherstellung Belgiens und auch Frankreich sollte Elsaß-Lothringen zurückerhalten. Österreichs künftige Grenze zu Italien sollte auf Basis der Nationalitätenverhältnisse geregelt werden und die Völker der Habsburger Monarchie

sollten die Möglichkeitzu autonomer Entwicklung erhalten.

Analog zu den Forderungen, die sich auf den russischen bzw. französischen Kriegsschauplatz bezogen, wurde auch auf dem Balkan die Wiederherstellung der besiegten und bestzten Staaten Rumänien, Serbien und Montenegro verlangt.

Serbien sollte auf Kosten der Donaumonarchie einen Zugang zur Adria erhalten.

Dem türckischen Teil des ottomanischen Reiches wurde die gesicherte Souverrenität zugebilligt und den unter türckischer Oberherrschaft stehenden Völkern eine autonome Entwicklungsmöglichkeit zugesichert.

Die Meerengen, also Bosporus und Dardanellen, sollten unter internationalen Garantien für Schiffahrt und Handel für alle offen sein. Der vorletzte Punkt betraf die Errichtung eines polnischen Staates, der alle unbestreitbar von polnischer Bevölkerung

Bewohnten Gebiete umfassen sollte. Zudem sollte er einen Zugang zum Meer erhalten, was nur auf Kosten Deutschlands möglich war.

[...]


[1] Vgl. Wasser, Hartmut (Hrsg.): USA. Wirtschaft-Gesellschaft-Politik, S. 391

[2] Eiland, Murray L. : Woodrow Wilson. Architect of World War II

[3] Vgl. Levin Jr., N.Gordon : Woodrow Wilson and World Politics. America`s Response to War and Revolution, S. 60ff.

[4] Vgl. insbesondere die genauen Ausführungen in : Gelfand, Lawrence E. : The Inquiry. American Preparations for Peace 1917-1919

[5] Vgl. Gelfand, S. 141

[6] Vgl. Schäfer, Peter : Die Präsidenten der USA im 20. Jahrhundert, S. 82

[7] Vgl. Wheeler-Bennett, John W. : Brest-Litovsk. The forgotten peace.

[8] Vgl. Schulz, Gerhard : Revolutionen und Friedensschlüsse 1917-1920, S. 110f

[9] Vgl. Knock, Thomas J. : To end all wars. Woodrow Wilson and the Quest for a new world order, S. 142f

[10] Vgl. Williams, William Appleman : Der Welt Gesetz und Freiheit geben, S. 121

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Proklamierung einer neuen Weltordnung: Woodrow Wilsons 14 Punkte
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Die Weltpolitik der USA (1898-1920)
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
21
Katalognummer
V51992
ISBN (eBook)
9783638478113
ISBN (Buch)
9783638773218
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Proklamierung, Weltordnung, Woodrow, Wilsons, Punkte, Weltpolitik
Arbeit zitieren
Mag. Carsten Wilhelm (Autor), 1999, Die Proklamierung einer neuen Weltordnung: Woodrow Wilsons 14 Punkte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51992

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