„Ein Fürst stirbt muttig// der sein Reich nicht überlebt.“
Cleopatra, Fünfte Abhandlung, Vers 70
Daniel Casper von Lohensteins Cleopatra bringt mit dieser Aussage eine Überzeugung zum Ausdruck, die sie mit den wenigsten ihrer Geschlechtsgenossinnen des barocken Deutschlands gemein haben dürfte. Anders als diese steht Cleopatra mitten im politischen Leben. Sie ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern agiert und intregiert aktiv. Darüber hinaus verhilft sie ihren „Geheimsten“1, Iras und Charmium, zu einer aufgeklärten politischen Sicht, indem sie ihnen sowohl ihre als auch die Pläne Augustus offen legt. Cleopatra als politisch agierende, in der Öffentlichkeit stehende Frau steht im Gegensatz zum Frauen- und Rollenbild der damaligen Zeit. Dass sie aber nicht die einzige Frau sein darf, die in den Dramen des deutschen Barock eine solch tragende Rolle einnimmt, zeigt die zeitgenössische Literatur.
Wirft man einen Blick in die barocken Dramen, so stellt man fest, dass neben Daniel Casper von Lohensteins Cleopatra Andreas Gryphius’ Catharina von Georgien aktiv in das politische Geschehen ihrer Zeit eingreift. Charakteristisch für beide Frauengestalten sind der orientalisch, teilweise sogar exotisch anmutende Ort des Geschehens sowie die Verstrickung des persönlichen in das politische Schicksal des Landes. Beide sterben aus einer Überzeugung heraus; bei näherem Hinsehen lässt sich ein entscheidender Unterschied herauskristallisieren: Während Catharina für ihre Überzeugung, für ihr Land und, in letzter Konsequenz, für ihren Glauben stirbt, entscheidet Cleopatra sich für den Freitod und damit auch für den Untergang ihres eigenen Volkes, weil sie bis zuletzt „Meisterin ihres Tuns“ sein will.
In der folgenden Arbeit sollen in einem ersten Schritt verschiedene Frauenbilder in der Literatur vorgestellt werden. Ein zweiter und dritter Schritt beschäftigt sich mit den Sterbemomenten von Cleopatra und Catharina. Im Mittelpunkt dieser Abschnitte soll über eine Charakterisierung hinaus die Frage stehen, welchem „Typ Frau“ beide entsprechen.
Abschließend wird der skizzenhafte Versuch unternommen, zu klären, was das von Lohenstein und Gryphius gezeichnete Frauenbild über ihr Verständnis der morgenländischen Kultur aussagen kann.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
II. 1 Frauenbilder in der Literatur
II. 2 Cleopatra
II. 3 Catharina von Georgien
III. Schlussbetrachtung
IV. Bibliographische Angaben
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung politisch agierender Frauen in den barocken Trauerspielen von Daniel Casper von Lohenstein und Andreas Gryphius, wobei insbesondere die Rollenbilder von Cleopatra und Catharina von Georgien analysiert werden, um deren Selbstverständnis und Handlungsspielräume im Kontext des 17. Jahrhunderts zu ergründen.
- Analyse des Frauenbildes im Barockdrama
- Gegenüberstellung von Cleopatra und Catharina von Georgien
- Bedeutung von Machtverlangen und Machtverzicht
- Einfluss religiöser Überzeugungen auf das Handeln
- Wahrnehmung und Konstruktion des Morgenlandes in der deutschen Literatur
Auszug aus dem Buch
II. 2 Cleopatra
Wir hören Cleopatra kurz vor der Stunde ihres Todes. Nachdem Augustus die Nachricht von Antonius’ Tod erreicht hat, eilt er mit dem Plan zu Cleopatra, sie durch Liebesvortäuschung nach Rom zu bringen. Was er nicht ahnt – Cleopatra verfolgt denselben Plan. Laut Uwe-Karsten Ketelsen stehen sich hier zwei Gegner gegenüber, die sich auf demselben Felde bewegen, nämlich auf dem der Staatsklugheit. Doch hält Augustus geschichtlich gesehen alle Trümpfe in der Hand, Cleopatra versucht es mit einem Mittel, das schon vorher zweimal erfolgreich funktioniert hat: sie setzt ihre Schönheit ein und versucht, den römischen Kaiser zu becircen. „Beide reizen die Libido des Gegenspielers, beide gehen auf die Finten des anderen ein, und beide scheitern an der Klugheit des anderen.“ Wie klug und politisch geschickt Cleopatra agiert, zeigt sich in ihrer Reaktion: sie erkennt die Absichten Augustus und benutzt dessen Gier, sie nach Rom zu bringen. Sie bittet darum, Antonius seines Amtes würdig beerdigen zu dürfen. Eingelullt vom scheinbar in greifbare Nähe gerückten Triumph willigt Augustus ein.
Die fünfte Abhandlung beginnt mit einem Monolog Cleopatras. Sie hat sich mit ihren Geheimsten Iras und Charmium in die königliche Gruft zurückgezogen und bereitet Antonius wie versprochen tatsächlich ein würdiges Begräbnis. Sein Leib wird mit „Mirrhen// Aloe// geschärften Kräuter-Wein“ (V, 18) einbalsamiert, um ihn vor Verwesung und Würmern zu schützen, sein Körper wird prächtig geschmückt, ewig-brennendes Öl erhellt den Raum – und nun erfährt der Leser auch von Cleopatras List: „Cleopatra sol itzt noch einmal durch den Tod/ Sich dem Anton vermähln“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Die Einleitung führt in die Thematik der politisch agierenden Frauenfiguren im barocken Drama ein und stellt die Fragestellung zur Charakterisierung von Cleopatra und Catharina auf.
II. 1 Frauenbilder in der Literatur: Dieses Kapitel erläutert die Typologie weiblicher Bühnenfiguren des 17. Jahrhunderts, unterteilt in private und öffentliche Lebensbereiche sowie Machtrollen.
II. 2 Cleopatra: Es wird analysiert, wie Cleopatra durch List, politische Klugheit und bewusste Entscheidung zum Freitod als Königin agiert.
II. 3 Catharina von Georgien: Dieses Kapitel untersucht Catharinas Weg in den Märtyrertod, bestimmt durch ihren christlichen Glauben und die Ablehnung einer erzwungenen Heirat.
III. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass beide Frauen starke Persönlichkeiten sind, die trotz unterschiedlicher kultureller Zuschreibungen ihr Schicksal selbst bestimmen.
IV. Bibliographische Angaben: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Arbeit.
Schlüsselwörter
Barock, Trauerspiel, Cleopatra, Catharina von Georgien, Lohenstein, Gryphius, Frauenbild, Politik, Machtverzicht, Märtyrertod, Literaturwissenschaft, Morgenland, Rebellion, Staatsklugheit, Geschlechterordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Darstellung und das politische Handeln von Frauenfiguren in barocken Dramen, insbesondere anhand der Charaktere Cleopatra von Lohenstein und Catharina von Georgien von Gryphius.
Welche zentralen Themenfelder werden beleuchtet?
Im Fokus stehen das Frauenbild im 17. Jahrhundert, der Gegensatz zwischen politischem Machtkalkül und religiöser Überzeugung sowie die literarische Darstellung des sogenannten Morgenlandes.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, welchen „Typ Frau“ die beiden Protagonistinnen verkörpern und was diese Charakterisierungen über das Verständnis der morgenländischen Kultur in der Literatur des deutschen Barock aussagen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung erfolgt auf Basis einer literaturwissenschaftlichen Analyse der Primärtexte unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur zur Typologie barocker Frauenfiguren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Typologie, die spezifische Fallanalyse von Cleopatra und ihre politische List, sowie die Untersuchung von Catharinas Weg in das Martyrium.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den zentralen Begriffen zählen Barock, Trauerspiel, Frauenbild, Märtyrertod, Machtverzicht, Staatsklugheit und Geschlechterordnung.
Wie unterscheidet sich Cleopatras Handlungsweise von der Catharinas?
Während Cleopatra sich durch listiges, politisch-nüchternes Kalkül und einen selbstgewählten Freitod als souveräne, wenngleich egozentrische Akteurin inszeniert, wählt Catharina den Märtyrertod aus religiöser Überzeugung und standhafter Ablehnung fremder Obrigkeit.
Was bedeutet das „europäische“ Frauenbild im Kontext von Catharina von Georgien?
Der Autor ordnet Catharina aufgrund ihrer christlichen Werthaltung und ihres Verzichts auf die Nutzung ihrer Schönheit als Mittel zum Zweck in ein europäisch geprägtes Idealbild ein, das im Gegensatz zum exotisierten Orientalismus steht.
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- Stefanie Huland (Author), 2002, Lohensteins Cleopatra und Gryphius' Catharina - Politisch agierende Frauen in barocken Dramen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51995