Das Anliegen dieser Magisterarbeit ist es, die russische substandardsprachliche Lexik zu untersuchen und anhand des Films „Brat“ aus dem Jahr 1997 die Probleme und die Möglichkeiten ihrer Übersetzung ins Deutsche zu analysieren. Die substandardsprachliche Lexik in all ihren Erscheinungsformen zieht nach wie vor die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich. Die Fülle an in diesem Zusammenhang publizierten Untersuchungen und die Verbreitung substandardsprachlicher Ausdrücke in Massenmedien zeugen von einer Umbruchsstimmung in der russischen Sprache, die mit gesellschaftlichen Veränderungen einhergeht. Auch erscheinen ständig neue Wörterbücher, die sich ausschließlich dem Substandard widmen. Sprachlicher Substandard ist eine Erscheinung, die in allen Sprachen vorkommt. Daher rührt auch das besondere Interesse diesem Phänomen und seiner Übersetzung ins Deutsche auf die Spur zu kommen.
Während die Substandardforschung in der Romanistik und Germanistik bereits eine längere Tradition erfuhr, war diese in der Russistik eher eine Randerscheinung und erlebte ihre Blütezeit erst nach der Wende. Das hängt auch damit zusammen, dass sogar die Existenz des Substandards in der Sowjetunion lange Zeit ignoriert wurde, was seine Erforschung erschwerte. Bei der Einordnung des sprachlichen Substandards ins Sprachsystem, ist die Definition der Sprache wichtig. Unter „Sprache“ versteht Ammon (1986) eine Menge von Varietäten, darunter auch den Standard. Die beiden Begriffe Varietät und Sprache liegen somit auf unterschiedlichen Abstraktionsniveaus.
Diese erste grobe Unterscheidung soll hier als Ausgangspunkt für die folgende Einordnung des Substandards in die russische Sprache oder wie Lehmann (2013) es bezeichnet ins Sprachsystem des Russischen sein, denn wie auch andere Sprachen ist das Russische ein System von Sprachen. Wenn Sprache also als System verstanden wird, muss auch ersichtlich sein aus welchen Teilen sich die Sprache zusammensetzt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Problematik und Begriffsbestimmung des Untersuchungsgegenstandes
2.1 Einordnung des Substandards ins Sprachsystem
2.1.1 Die russische Standardsprache
2.1.2 „Literaturnyj jazyk“ und „Razgovornaja Reč‘“
2.2 Substandardsprachliche Varietäten
2.2.1 Prostorečie
2.2.2 Jargon
2.2.3 Argot
2.2.4 Slang
3 Entwicklung und Lexik des Substandards
3.1 Übergang substandardsprachlicher Lexik in die Gemeinsprache
3.1.1 Gründe für den Übergang in die Gemeinsprache
3.1.2 Substandardsprachliche Lexik in Gesellschaft und Medien
3.1.3 Gebrauch und Funktionen
3.2 Erfassung des Wortschatzes
3.3 Schichtung und Besonderheiten des Slangs
3.3.1 Thematische Gruppen
3.3.2 Besonderheiten der wortbildenden und semantischen Prozesse
3.3.3 Entlehnungen
3.4 Wörterbücher des Substandards
3.4.1 Schwierigkeiten der einsprachigen Lexikographie
3.4.2 Schwierigkeiten der zweisprachigen Lexikographie
4 Substandardsprachliche Lexik als Übersetzungsproblem
4.1 Übersetzung als Problem
4.1.1 Substandard als kulturelles Phänomen
4.1.2 Substandard als Kulturspezifikum
4.1.3 Übersetzung als Kulturtransfer
4.2 Übersetzungsverfahren
4.2.1 „Einbürgernde“ vs. „verfremdende“ Methode
4.2.2 Varietätenarchitektur historischer Sprachen
4.3 Äquivalenzbeziehung in der Lexik
4.3.1 Äquivalenz-Herrstellung nach Koller
4.3.2 Invarianzforderung
4.4 Übersetzung substandardsprachlicher Lexik in der Literatur
4.4.1 Verschiedene Entsprechungsarten
4.4.2 Beibehaltung der Funktionen des Substandards in der Übersetzung
5 Film als besonderes Medium der Kultur
5.1 Film und Kulturtranfer
5.1.1 Das Medium Film und der Substandard im Film
5.1.2 Funktionen des Substandards im Film und das Problem ihrer Übersetzung
5.2 Synchronisation
5.2.1 Schwierigkeiten und Möglichkeiten bei der Synchronisation
5.2.2 Der russische Film in Deutschland
6 Analyse der substandardsprachlichen Lexik im Film „Brat“ und ihrer deutschen Übersetzung
6.1 Zur Handlung des Films
6.1.1 Charaktere
6.1.2 Verwendung und Funktion der substandardsprachlichen Lexik
6.2 Analyse anhand ausgewählter Lexeme
6.2.1 Kriminelle Welt
6.2.2 Business / Geld
6.2.3 Trunkenheit / Alkoholismus
6.2.4 Drogenwelt
6.2.5 Armee
6.2.6 Unterhaltung
6.2.7 Zwischenmenschliches Verhältnis
6.2.8 Der Mensch und die Welt um ihn herum
6.2.9 Wertungen
6.3 Auswertung
7 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die russische substandardsprachliche Lexik und analysiert anhand des Films „Brat“ (1997) die Herausforderungen sowie die Lösungsansätze für deren Übersetzung ins Deutsche, unter besonderer Berücksichtigung der kulturellen und soziolinguistischen Implikationen.
- Einordnung des russischen Substandards in das Sprachsystem
- Entwicklung und Funktionen von Slang, Jargon und Argot
- Die Rolle von Film und Medien als Vermittler von Substandard
- Theoretische Grundlagen zur Äquivalenz in der Übersetzungswissenschaft
- Praktische Analyse von Übersetzungsproblemen an ausgewählten Filmbeispielen
Auszug aus dem Buch
6.2.1 Kriminelle Welt
„zavalit‘“, „zamočit‘“, „razborka“, „razobrat’sja“, „Utjug“, „konja dvinut‘“
(1) „zavalit‘“
Das russische Verb „zavalit‘“ direkt aus der Standardsprache gebildet, hat nach M/W (2007) fünf Bedeutungen im Substandard. In der gegebenen kommunikativen Situation entspricht es der dritten Bedeutung, „umbringen, töten, ermorden.“ Im ersten Beispiel wird weder das Verb, noch seine konnotative Bedeutung auf Satzebene ausgeweitet übersetzt. Der Satz „Нас тут чуть не завалили!“ meint etwas anderes als der deutsche „Inzwischen sind wir hier schon fast fertig“. Im zweiten und dritten Fall wird „zavalit‘“ mit konnotativ ähnlichem Wert „erledigen, kaltmachen“ übersetzt, was Synonym mit der dritten Bedeutung in M/W (2007) übereinstimmt. Es wurde also mit einem identischen deutschen Jargonwort wiedergegeben. Warum es im ersten Beispiel nicht übersetzt wurde, ist nicht nachvollziehbar, obwohl es die gleiche Bedeutung wie im zweiten Beispiel hat. Im Original geht deutlich hervor, dass es in Danilas Abwesenheit wohl zu Auseinandersetzungen mit der Person gab, auf die gewartet wurde. Im Original geht diese Präsupposition verloren und der deutsche Zuschauer versteht auch nicht, warum Danila seine Komplizen erschießt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Definition des Ziels, die russische substandardsprachliche Lexik im Film „Brat“ und deren Übersetzungsprobleme zu untersuchen.
2 Problematik und Begriffsbestimmung des Untersuchungsgegenstandes: Theoretische Einordnung des Substandards und seiner Varietäten wie Prostorečie, Jargon, Argot und Slang in das russische Sprachsystem.
3 Entwicklung und Lexik des Substandards: Untersuchung der Gründe für den Übergang substandardsprachlicher Lexik in die Gemeinsprache sowie die Rolle von Medien und Gesellschaft.
4 Substandardsprachliche Lexik als Übersetzungsproblem: Diskussion übersetzungswissenschaftlicher Konzepte wie Äquivalenz und Kulturtransfer im Kontext nicht-normativer Sprache.
5 Film als besonderes Medium der Kultur: Analyse der filmischen Besonderheiten bei der Translation, insbesondere der Herausforderungen durch Synchronisation und Kultureinbettung.
6 Analyse der substandardsprachlichen Lexik im Film „Brat“ und ihrer deutschen Übersetzung: Praktische Untersuchung ausgewählter Lexeme aus verschiedenen thematischen Bereichen im Film „Brat“.
7 Zusammenfassung und Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse zur Schwierigkeit und Bedeutung der konnotativen Äquivalenz bei der Filmübersetzung.
Schlüsselwörter
Substandard, Russische Sprache, Übersetzung, Filmübersetzung, Brat, Slang, Argot, Jargon, Äquivalenz, Kulturtransfer, Soziolekt, Lexikographie, Konnotation, Sprachwandel, Post-Perestrojka.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Herausforderungen bei der Übersetzung russischer substandardsprachlicher Lexik ins Deutsche, insbesondere innerhalb des Spielfilms „Brat“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Linguistik des Substandards, den soziolinguistischen Hintergründen in Russland nach der Perestrojka sowie den theoretischen Aspekten der Übersetzungswissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie kulturell geprägte und konnotative Ausdrücke im Film übersetzt werden können, ohne ihre ursprüngliche soziale Funktion oder Wirkung auf den Zuschauer zu verlieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive und analytische Vorgehensweise, die theoretische Definitionen (nach Koller, Vermeer, etc.) mit einer praktischen Korpusanalyse der deutschen Synchronfassung des Films vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Begriffsbestimmung, Übersetzungstheorien) und eine detaillierte Analyse spezifischer Lexeme aus dem Film „Brat“ in thematischen Clustern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Substandard, Äquivalenz, Kulturtransfer, Soziolekt und die soziolinguistische Situation im post-sowjetischen Russland beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Filmübersetzung von der literarischen Übersetzung?
Im Film müssen zusätzliche technische Parameter wie Lippensynchronität beachtet werden, und es fehlen die Möglichkeiten für erklärende Fußnoten, was die Translation deutlich erschwert.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Synchronfassung von „Brat“?
Die Autorin stellt fest, dass in der untersuchten Synchronfassung oft konnotative Bedeutungen verloren gehen, wodurch Charaktere und Handlungssituationen für das deutsche Publikum in ihrer Brutalität oder sozialen Bedeutung abgeschwächt wahrgenommen werden.
Warum ist das Wort „bespredel“ für die Arbeit so wichtig?
„Bespredel“ dient als Paradebeispiel für die symbolische Bedeutung von Wörtern der 90er Jahre in Russland und verdeutlicht die Schwierigkeit, solche kulturspezifischen Begriffe adäquat zu übertragen.
- Arbeit zitieren
- Luba Litau (Autor:in), 2015, Russische substandardsprachliche Lexik als Übersetzungsproblem. Eine Analyse des russischen Films "Brat", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520072