Der französische Philosoph und Poststrukturalist Gilles Deleuze führt mit seinem Text Postskriptum über die Kontrollgesellschaften (1990) in soziale, technische und ökonomische Formationen einer neuen Gesellschaft ein. Er charakterisiert etwas, was heute immer noch nicht abgeschlossen ist. Es handelt sich beim Postskriptum, wie der Titel bereits sagt, um einen Nachtrag zu bereits formulierten Gedanken. Meist ungeachtet bleiben Deleuzes frühere Äußerungen zur Kontrollgesellschaft. Denn schon längst vor dem Postskriptum verwendet er den Begriff der Kontrolle. Dies geschieht im Zuge einer Rezension von Michel Foucaults Werk Überwachen und Strafen (1975), in der er eine baldige Veränderung der starren, disziplinarischn Formen postuliert. Er vermutet, dass es bald eine neue Gesellschaftsform mit beweglicheren Elementen geben wird.
Die Idee des Verbindens vom einst Getrennten, mit spontaner und modularer Form, erinnert an ein weiteres Konzept, welches Deleuze kurz darauf mit dem Psychoanalytiker Félix Guattari veröffentlicht. Unter dem Titel Rhizom (1977) entwerfen sie ein Gegenmodell zum starren strukturalistischen Denken, welches bei binären und kategorischen Einteilungen verharrt. Sie fordern die Wissenschaften dazu auf, sich von ihren Dualismen und absoluten Begriffen abzuwenden. Der eigentlich botanische Begriff führt in eine neue Denk- und Wissensorganisation ein, welche als Knoten voller Verzweigungen auftritt und sich jederzeit verdichten oder entflechten kann.
Trotz der Parallelen ist im Postskriptum keine Rede von einem Rhizom. Diese Hausarbeit wird daher die Frage verfolgen, inwiefern die Kontrollgesellschaft in ihren Funktionsweisen und Merkmalen rhizomatische Züge aufweist. Das Postskriptum bildet dabei das zentrale Werk, dessen Thesen durch ergänzende Autoren konkretisiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Vor der Nachschrift
2.1 Die Disziplinargesellschaft
2.2 Begriffsbildung der Kontrolle bei Deleuze
3 Postskriptum über die Kontrollgesellschaften
3.1 Von der Fabrik zum Unternehmen
3.2 Die Informationsmaschinen der Kontrolle
4 Das Konzept des Rhizoms in der Kontrollgesellschaft
4.1 Merkmale des Rhizoms
4.2 Das Rhizom und die Kontrolle
5 Fazit
6 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis der Deleuze'schen Kontrollgesellschaft zum Konzept des Rhizoms, um zu klären, inwiefern moderne Kontrollmechanismen rhizomatische Züge aufweisen. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der Funktionsweisen von Macht, technischer Überwachung und gesellschaftlicher Strukturierung.
- Die Transformation von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft.
- Die Bedeutung von Kybernetik und Informationsmaschinen für moderne Kontrollprozesse.
- Die theoretische Herleitung des Rhizom-Konzepts nach Deleuze und Guattari.
- Die kritische Gegenüberstellung von rhizomatischen Strukturen und manipulativen Kontrollinstrumenten.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Informationsmaschinen der Kontrolle
Die Kybernetik wird Ende des zweiten Weltkrieges vom Amerikaner Norbert Wiener theoretisch begründet. Im Griechischen bezeichnet kybernetes den Steuermann und im weiteren Sinne „das dynamische Wechselverhältnis zwischen dem Ruder“ und ihm, erklärt Philosophieprofessor Brian Holmes. Es beschreibt das Steuern eines Systems zu einem gewünschten Verhalten hin. Wiener beschäftigt sich mit dem Berechnen dieses Steuerprozesses. Die Unmöglichkeit zeitgleich den Istzustand und das zukünftige Verhalten zu bestimmen, soll dabei durch Rückkopplungsprozesse aus dem Weg geräumt werden. „Die Rückkopplung (feedback) ist der Grundmechanismus eines kybernetischen Systems. Sie liegt in einem dynamischen System dann vor, wenn die Veränderung der Outputgröße auf die Eingangsgröße des Systems zurückwirkt“, verdeutlicht Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer. Ein Beispiel dafür ist das Heizungsthermostat, bei dem tatsächliche Temperatur, Außentemperatur und Zieltemperatur zueinander in Beziehung gesetzt werden.
Kybernetische Systeme finden sich Mitte des 20. Jahrhunderts neben militärischen oder psychologischen Gebieten auch in politisch-ökonomischen Bereichen wieder. Nach der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre entstehen Techniken zur Anpassung von Angebot und Nachfrage, die als Rückkopplungsprozess begriffen und durch Computer automatisiert werden. „Industrieproduktion und gesellschaftliche Reproduktion verstanden sich als ein kausaler Kreislauf, in dem Menschen durch Rückkopplungen aus dem wirtschaftlichen Umfeld transformiert werden und umgekehrt“, schreibt Holmes. „Demgemäß erforderte eine wachsende Wirtschaft auch eine perfekte durchgerechnete Anregung der Gesellschaft zum Kauf- und anderen Handlungen, sei es über direkte Anreize, Kredite, Steuervergünstigungen […] oder andere Maßnahmen.“ Dies ist das Grundprinzip des Marketings, welches für Deleuze einen wichtigen Bestandteil der Kontrollgesellschaft darstellt: „Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle und formt die schamlose Rasse unserer Herren.“ Es formt, indem es manipuliert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Kontrollgesellschaft und das Konzept des Rhizoms nach Gilles Deleuze und Félix Guattari.
2 Vor der Nachschrift: Darstellung von Foucaults Disziplinargesellschaft und die etymologische sowie inhaltliche Herleitung des Kontrollbegriffs.
3 Postskriptum über die Kontrollgesellschaften: Analyse der Transformation vom industriellen Kapitalismus hin zu einer durch Kybernetik und Informationsmaschinen geprägten Kontrolllogik.
4 Das Konzept des Rhizoms in der Kontrollgesellschaft: Theoretische Einführung in das Rhizom-Konzept und Untersuchung seiner Vereinbarkeit mit modernen Kontrollinstrumenten.
5 Fazit: Synthese der Ergebnisse, die aufzeigt, dass die Kontrollgesellschaft sowohl rhizomatische als auch strukturierende Prozesse vereint.
6 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen, Monografien und Zeitschriftenartikel.
Schlüsselwörter
Kontrollgesellschaft, Rhizom, Gilles Deleuze, Michel Foucault, Kybernetik, Feedback, Macht, Disziplinargesellschaft, Informationsmaschinen, Daten, Dividuum, Selbstoptimierung, Kapitalismus, Modulation, Widerstand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das theoretische Verhältnis zwischen der Deleuze'schen Kontrollgesellschaft und dem Konzept des Rhizoms.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit fokussiert sich auf Machtverhältnisse, kybernetische Steuerung, mediale Einflussnahme und die soziopolitische Strukturierung der Gesellschaft.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt die Frage, inwiefern die Kontrollgesellschaft in ihren Funktionsweisen und Merkmalen rhizomatische Züge aufweist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse von philosophischen Texten Deleuzes und Guattaris sowie eine theoretische Einordnung durch ergänzende Autoren.
Was ist Gegenstand des Hauptteils?
Im Hauptteil werden Foucaults Disziplinargesellschaft, Deleuzes Postskriptum, die Rolle der Kybernetik und die spezifischen Merkmale des Rhizoms im Kontext der Kontrolle erörtert.
Was zeichnet die Kontrollgesellschaft laut Deleuze besonders aus?
Sie ist durch eine ständige Modulation, den Übergang zum Finanzkapitalismus und eine informationstechnische Durchdringung der Lebensbereiche gekennzeichnet.
Wie unterscheidet sich das Rhizom-Modell von klassischen Strukturen?
Im Gegensatz zu hierarchischen Baummodellen zeichnet sich das Rhizom durch Dezentralität, Offenheit, Querverbindungen und das Fehlen eines zentralen Ursprungs aus.
Wie kann die "elektronische Fußfessel" als Kontrollinstrument verstanden werden?
Sie dient als Beispiel für einen Kontrollmechanismus, der trotz einer nach außen rhizomatisch wirkenden Mobilität eine starke, strukturierende und disziplinierende Wirkung entfaltet.
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- Julia Dembowski (Author), 2019, Die Kontrollgesellschaft und ihre Vereinbarkeit mit dem Rhizom, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520160