Suizidalität türkischer Migrantinnen zweiter Generation

Eine Analyse unter besonderer Berücksichtigung der kulturellen Identität


Masterarbeit, 2019

179 Seiten, Note: 1,0

Katayun Ensani (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Suizidalität
2.1 Definitionen suizidalen Verhaltens
2.2 Epidemiologie, Risikofaktoren und protektive Faktoren
2.3 Modelle zur Suizidalität
2.3.1 Die Todestriebtheorie nach Freud
2.3.2 Das Melancholiemodell nach Freud und Abraham
2.3.3 Die Objektbeziehungstheorie nach Kind
2.3.4 Das Krisenmodell
2.3.5 Das Präsuizidale Syndrom nach Ringel
2.3.6 Der Suizidwürfel
2.3.7 Das interpersonale Suizidmodell
2.4 Weibliche Suizidalität

3 Abweichende Lebenskontexte bei Migrierten
3.1 Kultur
3.1.1 Die Theorie der Kulturdimensionen nach Hofstede
3.1.2 Bikulturalität
3.2 Migration
3.2.1 Türkische Migrierte erster Generation
3.2.2 Türkische Migrierte zweiter Generation
3.2.3 Religion
3.2.3.1 Der Islam im historischen Kontext
3.2.3.2 Das integralistische Verständnis des Islams
3.2.3.3 Die Rolle der Frau
3.2.3.4 Religion in der Migration
3.2.4 Erziehungsstil & Familiendynamik
3.2.5 Schule
3.2.6 Diskriminierung
3.2.7 Migrationsspezifische Risikofaktoren psychischer Erkrankungen

4 Identität
4.1 Identitätsbildung und -konstruktion
4.2 Kulturelle Identität
4.3 Identität & Migration

5 Empirischer Teil
5.1 Methode
5.1.1 Rekrutierung & Stichprobe
5.1.2 Material
5.1.3 Versuchsaufbau und -durchführung
5.2 Auswertung & Ergebnisse
5.2.1 Frau G. – „Klassenfahrt, da war ich so frei.“
5.2.2 Frau K. – „Ich war so verloren“

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen Eltern bedanken, die mir mit wichtigen Ratschlägen und Lebensweisheiten liebevoll zur Seite stehen und meine Entwicklung stets fördern.

Mein Dank gilt auch all meinen Freunden für ihren emotionalen Beistand und die gemeinsamen Abenteuer, ohne die ich niemals erlernt hätte, meine innere Balance herzustellen.

Im Rahmen dieser Masterarbeit und meines gesamten Studiums, möchte ich insbesondere meinem Partner Max, meiner Schwester Tanya, meiner Mitbewohnerin Sanny, meinen Freunden Judith & Niko und meinem Girl Katayun danken.

Ein großer Dank (und Lob!) geht an die Professoren und Dozenten der IPU, die meinen Wissensdurst so sehr verstärkt haben, dass ich kaum glaube, ihn in diesem Leben noch stillen zu können. Vor allem danke ich hier der inspirierenden Benigna Gerisch und dem überaus hilfsbereiten Ben Salfeld.

Aysun Luna Yildirim

Ich möchte an dieser Stelle meinen Eltern danken, die mich stets emotional unterstützen und mir in jeder Lebenssituation mit Liebe zur Seite stehen. Ebenso möchte ich auch meinem Bruder Keywan danken. Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann und ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde.

Mein Dank gilt auch meiner Schwester Nikan und meinen Freunden Lukas, Pia, Niklas, Debbie, Irina und Charlotte, mit denen ich so viel zusammen erlebt und durchgestanden habe; die mich in jeder Lebenslage unterstützen und von denen ich so viel lernen konnte. Bei Przemek möchte ich mich besonders bedanken – danke, dass du es irgendwie immer wieder schaffst mich runterzuholen und du mir das Gefühl gibst zu Hause zu sein. Und natürlich: Danke Luna! You’re my girl.

Zu guter Letzt möchte ich mich noch bei den Betreuern dieser Arbeit bedanken: Benigna Gerisch, deren Texte zur weiblichen Suizidalität mich in besonderem Maße inspirierten und von der ich so viel lernen konnte. Und Ben Salfeld, der uns bei jeder Frage und jedem Anliegen eine große Hilfe war.

Katayun Ensani

And last but not least:

“I want to thank me for believing in me. I want to thank me for doing all this hard work. I want to thank me for having no days off. I want to thank me for never quitting. I want to thank me for always being a giver and trying to give more than I receive. I want to thank me for trying to do more right than wrong. I want to thank me for just being me at all times.”

- Calvin Cordozar Broadus Jr.

Vorwort

Für die vorliegende Arbeit wurden nur europäische und amerikanische Quellen benutzt, türkische Literatur wurde nicht herangezogen. Wir möchten darauf hinweisen, dass die Ausführung einiger Themenfelder aus diesem Grund von einer westlichen Sichtweise geprägt ist.

Es ist uns ein Anliegen an dieser Stelle außerdem deutlich zu betonen, dass das Aufwachsen innerhalb mehrerer Kulturen per se nicht etwas Negatives darstellt – aus unserer Sicht ist es viel mehr eine Bereicherung. Jedoch können sich die damit einhergehenden, besonderen Umstände auf die Genese von Suizidalität auswirken.

Zusammenfassung

Die folgende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Suizidalität türkischer Migrantinnen zweiter Generation, ihrem Aufwachsen in zwei kulturellen Kontexten und den damit einhergehenden Konflikten in der Identitätsbildung. Theorien und Modelle zur Suizidalität werden vorgestellt, dabei wird ein Bezug auf die weibliche Suizidalität hergestellt. Des Weiteren werden kultur-spezifische Faktoren und abweichende Lebenskontexte der Migrantinnen zweiter Generation ausführlich beschrieben, da diese die Grundlage der Identitätskonstruktion und -bildung darstellen. An-schließend werden Identitätstheorien, die sich hauptsächlich auf die Themenbereiche der Kultur und Migration anwenden lassen, vorgestellt. Zur genaueren Untersuchung wurden qualitative Interviews mit türkischen Migrantinnen zweiter Generation, die von suizidalen Krisen betroffen waren, geführt. Die Interviews wurden tiefenhermeneutisch ausgewertet und die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei dieser Zielgruppe der Misserfolg der Integration beider Kulturen einen zusätzlichen Risikofaktor für Suizidalität darstellen kann

Abstract

This thesis examines the correlation between suicidal tendencies of second-generation Turkish immigrants in Germany, their lives in two culturally different environments, and potential conflicts associated with their identity formation. Basic models of suicidality and theories re- ferring to female suicidality are additionally presented. Furthermore, culture-specific factors and divergent living situations of second-generation Turkish immigrants are thoroughly de- scribed, as these environmental factors form the foundation of identity construction and for- mation. Subsequently, identity theories which are applicable to migration and culture are pre- sented. For further investigation, the authors conducted qualitative interviews with second- generation Turkish immigrants, who have once been affected by suicidal crises. Personal In- terviews of participants were carried out using a ‘in-depth hermeneutic’ evaluation process. Results from the aforementioned evaluation indicate a state of failed integration between two parallel cultures can pose additional risk factors regarding the suicidality of the target group.

Bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki insan.

Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen. (türkisches Sprichwort)

1 Einleitung

K. Ensani & A. L. Yildirim

Das Thema Migration nimmt seit der 2015 als „Flüchtlingskrise“ (Daldrup, 2016) bezeichneten Welle an Menschen, die in Folge von zum Teil sehr prekären Lebensbedingungen aus meist muslimisch geprägten Ländern (Huneke, 2011) nach Deutschland kamen, immer mehr an Bedeutung zu (Daldrup, 2016). Allein im Jahr 2016 betrug die Anzahl der Asylanträge 745.545 (BAMF, 2016). Der Anteil der in Deutschland lebenden Ausländern steigt somit stetig.1 Doch große Migrationswellen gab es in Deutschland schon vor 2015. Im Rahmen des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei im Jahr 1961 kamen viele Türken nach Deutschland1, um das Land nach dem Krieg bei dem Wiederaufbau zu unterstützen. Durch dieses Anwerbeabkommen kamen allein zwischen den Jahren 1961 und 1974 2,5 Millionen Menschen aus der Türkei nach Deutschland (Huneke, 2011). Durch die Familienzusammenführung 1974 hatten die sogenannten „Gastarbeiter“ die Möglichkeit ihre Familien nach Deutschland zu holen und sich hier langfristig ein Leben aufzubauen (ebd.).

Heute prägen die türkischen Migrierten das Bild von Deutschland und bilden die größte ethnische Minderheit (Gün, 2018).

Die unterschiedlichen Akkulturationsstrategien der Migrierten und der Mitglieder der Aufnahmegesellschaft beeinflussten die Qualität der Integration (Bourhis et al., 1997). Heute sind gelungene (bspw. Akzeptanz einer deutsch-türkischen Ehe) und noch optimierbare (bspw. gleiche Bildungs- und Berufschancen) Komponenten der Integration zu beobachten (Vieth, 2018). Vor allem im Bereich der psychischen Versorgung herrscht jedoch noch großer Bedarf (Gün, 2018). Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (2012) hält auf Grundlage empirischer Erkenntnisse unter anderem fest, dass in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund deutlich häufiger unter psychischen Erkrankungen leiden als der Bevölkerungsdurchschnitt. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass Frauen mit Migrationshintergrund besonders gefährdet sind psychisch zu erkranken und ihre Suizidrate deutlich höher liegt, als bei den deutschstämmigen Frauen (177,4 versus 99,9 pro 100.000/Gesamtpopulation) (van Bergen & Montesinos, 2014). Die Suizidraten in der Türkei sind deutlich geringer (Lipsicas et al., 2012). Die Suizidrate unter jungen Türkinnen in Deutschland ist doppelt so hoch wie der Durchschnitt ihrer Altersgruppe (Razum & Zeeb, 2004). Ähnliche Befunde zeigen sich in den Niederlanden und der Schweiz (vgl. Aichberger, 2014). Darüber hinaus scheint auch die Generationszugehörigkeit ein Faktor zu sein; bspw. scheinen türkische Migrierte zweiter Generation hinsichtlich suizidaler Handlungen gefährdeter zu sein, als die der ersten Generation (Yilmaz, T. A. & Riecher-Rössler, 2008). Generell gilt die Annahme, dass eine Kombination aus biologischen Faktoren, psychosozialen Stressoren und einer vorangehenden emotionalen Krise suizidale Handlungen hervorrufen Studien zeigen, dass Beziehungsprobleme, Geschlechterrollen und -erwartungen, Konflikte bezüglich der Familienehre, häusliche Gewalt, geringe elterliche Unterstützung und Bindung sowie intergenerationale Konflikte hinsichtlich der Religion, traditionellen Werten oder westlichen Verhaltensweisen die meist genannten Gründe für einen Suizidversuch darstellten (vgl. Montesinos et al., 2013). Der Kontakt zur Aufnahmegesellschaft erzeugt bei Migrierten oft Wünsche einer kulturellen Kontinuität oder Veränderung (Aichberger, 2014). Ebenen der Persönlichkeit, Familie, Community und Nationalität bleiben bei der Erfüllung dieses Wunsches nicht unberührt. Migrierte müssen sich bezüglich ihrer Identität Herausforderungen stellen, vor allem wenn sie seitens der Familie und/oder der Gesellschaft stark unter Druck gesetzt werden (ebd.).

Diese Ergebnisse sind nur ein Ausschnitt der vielen Studien, die das erhöhte Suizidrisiko bei türkischen Migrantinnen zweiter Generation belegen. Viele Autoren gehen davon aus, dass Akkulturations- und Integrationsprozesse zu den möglichen Ursachen dieser hohen Raten zählen (Aichberger, 2014; Montesinos et al., 2013). Ziel der Arbeit ist es zu zeigen, dass Frauen mit türkischem Migrationshintergrund – vor allem zweiter Generation – im Hinblick auf kulturspezifische Faktoren und abweichende Lebenskontexte mit Konflikten in der Identitätsbildung konfrontiert sind, welche sich zusätzlich auf die Suizidalität auswirken können.

Die folgende Arbeit ist gegliedert in einen theoretischen und in einen empirischen Teil. Im theoretischen Teil werden zunächst grundlegende Aspekte der Suizidalität, sowie gängige Theorien zu dieser aufgeführt und erläutert, um ein umfassenderes Verständnis für das Fühlen und Erleben suizidaler Menschen zu erlangen. Darauf folgt eine Darstellung der abweichenden Lebensumstände von Migrierten, in denen Aspekte wie Kultur, Religion oder die Unterschiede der ersten und zweiten Generation genauer beleuchtet werden. Anschließend werden Identitätstheorien, die sich auf die Themen Kultur und Migration anwenden lassen, erörtert. Im empirischen Teil werden zwei geführte Interviews dargelegt und tiefenhermeneutisch ausgewertet. Abschließend werden die Ergebnisse in Form eines Fazits dargestellt.

2 Suizidalität

K. Ensani

Suizide gehören zu den häufigsten Todesursachen in westlichen Gesellschaften (Bronisch, 2002). Es gibt bisher viele verschiedene Theorien und Konzeptualisierungen als Antwort auf die Frage, weshalb sich Menschen das Leben nehmen. Um einen Zusammenhang zwischen Suizidalität und Migrationshintergrund herstellen zu können, ist es zunächst notwendig, einen Blick auf allgemeingültige Erklärungsmodelle zu werfen. Das folgende Kapitel soll einen Überblick über die Definitionen suizidalen Verhaltens und die Epidemiologie einschließlich der Risikofaktoren und den protektiven Faktoren geben. Darüber hinaus sollen einige Konzeptualisierungen aus den verschiedenen psychologischen Schulen aufgezeigt und erläutert werden.

2.1 Definitionen suizidalen Verhaltens

Um ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum Menschen nicht mehr leben wollen und bereit sind, sich selbst zu töten, ist es zunächst notwendig, die Begrifflichkeiten, die in diesem Zusammenhang auftauchen, einzugrenzen und zu definieren.

Laut Rupp (1996) ist erst einmal jeder Mensch von Suizidalität betroffen. Aus diesem Grund ist dieses Phänomen an sich nicht als Krankheit zu definieren. Dieser Standpunkt ist jedoch missverständlich. Zwar tauchen bei vielen Menschen im Laufe ihres Lebens suizidale Gedanken oder zumindest ein ganzheitliches Bedürfnis nach innerer Ruhe auf, es ist jedoch wichtig erst dann von Suizidalität zu sprechen, wenn auch eine tatsächliche Gefährdung vorliegt (Benecke, 2014). Darüber hinaus ist nicht immer davon auszugehen, dass der Todeswunsch den Betroffenen bewusst ist. Wenn der Todeswunsch nicht bewusst, die Gefährdung jedoch hoch ist, wird von latenter Suizidalität gesprochen.

Von Parasuizidalität wird dann gesprochen, wenn Menschen ein Hochrisikoverhalten an den Tag legen, welches in letzter Konsequenz zum Tode führen kann. Diese Konsequenz wird von den Betroffenen in Kauf genommen. Auch hier ist nicht immer von einem bewussten Todeswunsch auszugehen. Zu parasuizidalem Verhalten gehören unter anderem exzessive Sportarten, Sexualpraktiken oder auch riskantes Benehmen im Straßenverkehr (ebd.).

Bei einer Alkohol- und Substanzabhängigkeit wird häufig auch von einem Suizid auf Raten gesprochen (Gessulat, 1983).

Möller und Bruns (2001, S. 635) definieren Suizid und Suizidversuch wie folgt:

„Als Suizidversuche werden selbstinitiierte Handlungen verstanden, mit denen ein Mensch sich selbst verletzt oder toxische Substanzen zu sich nimmt, wobei er annimmt, dass er diese nicht überleben wird. Der Suizid ist somit als ein zum Tode führender Suizidversuch zu definieren“.

Hier wird häufig zwischen appellativ und ernstgemeint differenziert. Jedoch ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass auch ein erfolgreicher Suizid aus einem missglückten appellativen Suizidversuch entstehen kann und umgekehrt ein Suizidversuch ernstgemeint sein kann.

2.2 Epidemiologie, Risikofaktoren und protektive Faktoren

In den letzten 30 Jahren ließ sich ein Rücklauf der Suizide in Deutschland beobachten. Während im Jahr 1980 noch 18.451 Todesfälle durch Suizid verzeichnet wurden, waren es im Jahr 2010 10.021 (Benecke, 2014). 2007 war die Anzahl der Suizide mit 9.402 Fällen bisher am niedrigsten, jedoch nehmen die Zahlen wieder zu (ebd.). Es ist jedoch anzumerken, dass parasuizidales Verhalten, wie Todesfälle durch Drogen, Alkohol oder riskantes Verhalten im Straßenverkehr in den Statistiken nicht aufgenommen werden (Bronisch, 1995). So können etwa 18% der Drogentoten als Suizide klassifiziert werden (Möller & Bruns, 2001).

Es gibt mehrere Faktoren, die eine Neigung zu Suizidalität und zum Suizid bedingen können. Dazu gehört unter anderem das Geschlecht. Männer begehen häufiger Suizid, Frauen hingegen neigen häufiger zu Suizidversuchen (Benecke, 2014). Dabei greifen besonders Männer zu sogenannten harten Methoden wie Erhängen, Erdrosseln oder Ersticken, während Frauen sich weicher Methoden, wie der Vergiftung durch Überdosis, beispielsweise mit Medikamenten bedienen. Besonders anfällig für Suizid sind Menschen ab dem fünfzigsten Lebensjahr; für Suizidversuche sind es meistens Menschen zwischen fünfzehn und vierunddreißig. Auch der Familienstand kann hier eine Rolle spielen. So lassen sich die höchsten Suizidraten und Anzahl der Suizidversuche allgemein bei geschiedenen Menschen, insbesondere bei geschiedenen Männern, finden. Durkheim (1952) interpretierte, dass der Risikofaktor bei Männern die Scheidung darstellt, bei Frauen hingegen die Ehe selbst der Risikofaktor ist. Unverheiratete Frauen waren weniger suizidgefährdet als verheiratete Frauen. In Ländern sank, nachdem Scheidungen erlaubt wurden, anschließend die Suizidrate der dort lebenden Frauen, während die der Männer anstieg (Möller & Bruns, 2001). Die niedrigste Rate lässt sich in dem Zusammenhang bei verheirateten Menschen finden (Bronisch, 2002).

Die soziale Schicht, der ein Mensch zugehört, kann unter Umständen auch einen Risikofaktor hinsichtlich Suizidalität darstellen. Hollingshead und Redlich (1958) teilten die sozialen Schichten in Oberschicht, obere und untere Mittelschicht und obere und untere Unterschicht ein, wobei die letzten vier lediglich als Mittel- und Unterschicht zusammengefasst werden. Welcher Schicht ein Mensch angehört, orientiert sich an dem Prestige seines Berufes und seinem Bildungsstand. Eine Korrelation zwischen sozialer Schicht und Suizidalität lässt sich allerdings nur in der Mittelschicht finden. Dazu passend korrelieren Arbeitslosigkeit und Suizidalität sehr eindeutig miteinander (Bronisch, 2002).

Die Religionszugehörigkeit kann ebenfalls einen Risikofaktor in diesem Zusammenhang darstellen. So weisen Länder, die christlich geprägt sind, niedrigere Suizidraten auf, allerdings sind die Unterschiede zwischen katholischen und protestantischen Regionen eher gering (ebd.). Die niedrigen Raten können sich unter anderem durch den starken Zusammenhalt innerhalb katholischer Gemeinden erklären lassen. Darüber hinaus ist auch anzumerken, dass viele Religionen die Selbsttötung zu einem moralisch verwerflichen Handeln degradieren. Die damit einhergehende Stigmatisierung kann unter Umständen sogar dazu führen, dass religiöse Betroffene dazu neigen, keine Hilfe aufzusuchen (WHO, 2014).

Neben den Risikofaktoren gibt es auch jene Faktoren, die sich protektiv auswirken können. So sinkt zum Beispiel das Risiko suizidalen Verhaltens, wenn der Aufbau gesunder Beziehungen gepflegt wird (ebd.). Familienmitglieder, Partner, Freunde und Peers haben demnach einen hohen Einfluss auf das Individuum und können besonders in Krisensituationen eine sehr gute Form der Unterstützung bieten. Gerade Freunde und Familie sind eine wichtige Quelle für finanziellen, sozialen und emotionalen Beistand (ebd.). Die durch diese Unterstützung erhöhte Resilienz kann das mögliche Suizidrisiko somit verringern. Besonders Jugendliche und ältere Personen profitieren sehr stark von dieser Schutzwirkung, da sie einen höheren Grad an Abhängigkeit aufweisen (ebd.).

Das persönliche Wohlbefinden und eine Lebensführung mit guten Bewältigungsstrategien können ebenfalls vor suizidalen Handlungen schützen. Wohlbefinden ist teilweise auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen, die einen engen Bezug zur Vulnerabilität und Resilienz gegenüber Belastungen aufweisen. Eigenschaften und Ressourcen wie emotionale Stabilität, eine optimistische Zukunftseinstellung, eine entwickelte Selbstwahrnehmung, ein hohes Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und die Fähigkeit zur effektiven Problemlösung können hilfreich sein, wenn es darum geht ungünstige oder traumatische Umstände der Kindheit zu mildern. Zu effektiven Problemlösungsstrategien gehört unter anderem auch das Aufsuchen von Hilfe in schwierigen Situationen. Da viele psychische Erkrankungen jedoch gesellschaftlich immer noch stark stigmatisiert werden, wenden sich Betroffene – insbesondere Männer – häufig nicht an zuständige Hilfsstellen (ebd.).

Auch können auf die einzelnen Religionen zurückgeführte Denk- und Handlungsmuster protektive Faktoren darstellen, jedoch ist dies unter Berücksichtigung der zuvor genannten Aspekte mit Vorsicht zu betrachten.

2.3 Modelle zur Suizidalität

Gerade hinsichtlich dieser Arbeit ist es wichtig anzumerken, dass Suizidalität kein Phänomen ist, welches sich auf Herkunft, Nationalität, Migrationsgeschichte oder kulturelle Prägung bezieht. Suizidalität gibt es demnach in allen Ländern (WHO, 2018). Jedoch war Emile Durkheim der Erste, der sich damit beschäftigte, warum einige ethnische und religiöse Gruppierungen eine höhere Neigung zur Suizidalität aufweisen als andere. Besonders hinsichtlich der höheren Suizidraten und vermehrten Suizidversuche bei jungen Migrantinnen, sind Durkheims Ansätze von Relevanz. In einem seiner größten Werke – Der Selbstmord – fokussierte sich Durkheim (1983) vor allem auf die Auswirkung von kulturellen und sozialen Einflüssen bei Suizid. Das Ausmaß an moralischen Zwängen des sozialen Lebens, denen ein Individuum unterliegt, kann einen Einfluss auf suizidales Verhalten haben. Durkheim sieht ein Verhältnis zwischen Suizid, der sozialen Regulierung und der sozialen Integration eines Individuums innerhalb der Normen einer sozialen Gruppierung. Soziale Integration beschreibt hierbei den Grad an Verbundenheit mit anderen Menschen. Soziale Regulierung hingegen meint das Ausmaß, mit dem eine Gesellschaft Kontrolle über die Motivationen und Werte ihrer individuellen Mitglieder ausüben kann (van Bergen, 2009). So seien die Abweichungen innerhalb der Suizidraten auf eben jenes Ausmaß der sozialen Regulierung und Integration zurückzuführen. Laut Durkheim, können die Tendenz zu extremen Ansichten und Positionen zum Suizid führen.

Der von Durkheim illustrierte fatalistische Selbstmord – ein Suizid, der durch Überreglementierung entsteht – ist hinsichtlich der Suizidproblematik bei Migrantinnen besonders zu berücksichtigen. Die Hauptaspekte dieser Suizidform sind Mangel an Kontrolle, ein Gefühl der Machtlosigkeit und Erfahrungen der Dehumanisierung. So neigen Individuen, die mit strengen moralischen Vorschriften konfrontiert sind, laut Durkheim häufiger zu Suizid. Hierbei gehen die moralischen Vorschriften von anderen aus und kommen nicht von dem Individuum selbst. So werden diese Zwänge als external, strikt und aufdringlich erlebt und können nicht richtig internalisiert werden (van Bergen et al., 2014). Es könnte anschließend zu einer Art Entfremdung kommen, bei der die soziale Rolle, die eingenommen wird, durch die Auffassungen Anderer aufgezwungen wurde. Bei jungen Migrantinnen ist der fatalistische Selbstmord aufgrund familiären Drucks und häuslicher Gewalt besonders relevant (ebd.). Die Unterdrückung seitens der Partner, Familien und Gemeinden, denen diese Frauen ausgesetzt sein können, können zu einem Schwinden der persönlichen Autonomie führen. Dieser Mangel an Autonomie konnte besonders bei den Frauen beobachtet werden, die in ihren Freiheiten eingeschränkt wurden, denen man Bildung verweigerte und die arrangierte Ehen eingehen mussten (Chantler et al., 2001; Raj & Silverman, 2002; van Bergen et al., 2012).

Durkheims Auseinandersetzungen mit dem Thema Suizid beziehen sich jedoch vorwiegend auf die sozialen Gegebenheiten, denen Menschen ausgesetzt sind. Um ein umfassenderes Verständnis für das Fühlen und Erleben suizidaler Menschen zu bekommen, sollen im Folgenden einige Theorien vorgestellt werden.

2.3.1 Die Todestriebtheorie nach Freud

„Irgendeinmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt. Vielleicht war es ein Vorgang, vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in einer gewissen Schicht der lebenden Materie später das Bewusstsein entstehen ließ. Die damals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete danach, sich abzugleichen; es war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen zurückzukehren.“ (Freud, 1940, S. 40)

Einige Jahre nach der Formulierung des Melancholiemodells durch Freud und Abraham postulierte Freud (1940) die Todestriebtheorie. In dieser differenziert Freud zwischen libidinösen und aggressiven Trieben (Eissler, 1980). Dem Lebenstrieb Eros, der zuvor den Ich-Trieben zugeordnet war, steht nun der Todestrieb Thanatos entgegen (Gerisch, 2012). Jener Todestrieb zielt auf ein „Streben nach vollständiger Aufhebung und Spannung und die Rückführung des Lebewesens in einen anorganischen Zustand“ (Gerisch, 2012, S. 26) ab. Laut Freud ist diese absolute Form der Regression jedem Lebewesen immanent (Freud, 1940) und befindet sich seit jeher in einem Gefecht mit den lebenserhaltenden Trieben (Gerisch, 2012). In Zusammenhang mit suizidalem Verhalten stellt der Todestrieb zwar die passivste Ausprägung des Mordes dar, jedoch zudem auch die extremste (Gerisch, 2009). Diese wird verursacht durch „eine regressive Entmischung libidinöser und aggressiv- destruktiver Energien“ (ebd.). Darüber hinaus stellte Freud die Hypothese von einem Zusammenhang zwischen der Fähigkeit des Menschen, seine Aggression zu meistern und der Steigerung der Aggressionsneigung des Ich-Ideals gegen das Ich auf. Ursächlich hierfür erklärte Freud, dass das Wesentliche des Über-Ichs durch frühe regressive Identifizierungen hervorgerufen wird und eng verknüpft ist mit dem Ödipuskomplex (Gerisch, 2012). Ferner ist jene Identifikation mit einer Sublimierung eines erotischen Anteils in Verbindung zu bringen. Es kommt zu einer Desexualisierung, die das Subjekt daran hindert die simultan bestehende Destruktion zu binden. (ebd.). Die freigesetzten Aggressionen werden nun im Über-Ich gebunden und führen so zu dem „grausamen Zug des Über-Ichs“ (Gerisch, 2012, S. 28).

2.3.2 Das Melancholiemodell nach Freud und Abraham

Betrachtet man die Literatur rund um den Themenbereich Suizidalität, so sticht am häufigsten das Melancholiemodell von Sigmund Freud und Karl Abraham hervor. Dieses gilt nach wie vor als eine der klassischsten Konzeptualisierungen zur Erklärung suizidalen Handelns (Gerisch, 2012).

Laut diesem Modell stellen Aggression und Aggressionsumkehr einen wesentlichen Aspekt der Suizidalität dar. Der Suizid selbst ist hier als die „letzte Konsequenz depressiven Agierens“ (Gerisch, 2012, S. 23) zu betrachten. Abraham beschrieb bereits 1912 den Ambivalenzkonflikt zwischen den gegensätzlichen Zuständen Liebe und Hass als zentralsten Bestandteil des depressiven Agierens. Darüber hinaus definierte er eine prägenitale Fixierung, die er später als orale Störung bezeichnete (ebd.). Diese prägenitale Störung ergibt sich laut Abraham aus dem beschriebenen Ambivalenzkonflikt in Kombination mit Narzissmus und dem für die Melancholie typischen objektgerichteten Sadismus, der sich nun gegen das Ich wendet. Diese Konzeptualisierung wurde wenige Jahre später von Freud (1916-1917) erweitert: Er postulierte in seiner Theorie, dass jener zu einem Ich-Verlust führende Objektverlust zusammen mit jenem Ambivalenzkonflikt zu einer regressiven Abwehr in Form von Introjektion führt. Der Melancholiker, dessen Wesen sich vor allem durch Affektverstimmung und Verlust der eigenen Selbstachtung definiert, erreicht seinen Höhepunkt durch eine weitere psychische Veranlagung: die der primären narzisstischen Wunde (Abraham, 1912). Diese primäre narzisstische Wunde wurde bereits in der Kindheit durch eine enttäuschende Mutter ausgelöst und manifestiert sich deshalb als „grundlegende Urverstimmung“ (Gerisch, 2012, S. 24). Dies wiederum führt neben der Dichotomie von Liebe und Hass dem Objekt gegenüber zu einer von Narzissmus besetzten Objektwahl. Diese narzisstische Objektwahl äußert sich in Form einer starken Fixierung auf das Liebesobjekt und einem geringen Widerstand der Objektbesetzung (ebd.). Ausgelöst wird diese Objektwahl durch einen tatsächlichen oder auch nur phantasierten Objektverlust, durch Enttäuschung, Kränkung oder Zurückweisung (Gerisch, 2012; Benecke, 2014). Der zuvor beschriebene Ambivalenzkonflikt zwischen den gegensätzlichen Tendenzen Liebe und Hass wird auf das Objekt übertragen. Da der Hass jedoch abgewehrt werden muss, weil das Objekt dennoch als unverzichtbar erlebt wird (Gerisch, 2012), kommt es zu einer narzisstischen Identifikation mit dem Objekt (Benecke, 2014; Gerisch, 2012): Dieses wird durch Inkorporation zusammen mit der Liebe und dem Hass mit ins Ich aufgenommen. Die Suizidhandlung ist demnach ein Ausdruck des Hasses und der Wunsch nach dem Tod des Objektes – aufgrund der Inkorporation und der narzisstischen Identifikation mit dem Objekt richtet sich dieser Hass und Todeswunsch jedoch gegen sich selbst.

2.3.3 Die Objektbeziehungstheorie nach Kind

Die objektbeziehungstheoretische Perspektive der Suizidalität wurde von Kind (1992) postuliert. Laut Kind ist Suizidalität „nicht lediglich als Zeichen einer seelischen Dekompensation aufzufassen, sondern darüber hinaus als eine psychische Funktion. Diese wird als ultima ratio dann eingesetzt, wenn intrapsychische oder interpersonelle Krisen auf eine andere Weise nicht mehr handhabbar scheinen. Suizidalität wird von mir daher nicht als etwas Pathologisches per se betrachtet, sondern als Kürzel für einen komplexen psychischen Reorganisationsvorgang, welcher auf einen gestörten Umgang mit den inneren Objekten und Selbstimages hinweist, den bewußten und unbewußten Bildern, die wir von uns und von anderen Menschen haben. Suizidalität ist mehr als ein Indiz für unintegrierte Aggressivität. Sie hat, wie jedes andere Symptom auch, eine regulierende Funktion und, so merkwürdig es zunächst klingen mag, unter Umständen auch eine stabilisierende Funktion.“ (Kind, 1992, S. 13)

Im Gegensatz zu Freuds Theorien spielt in der Objektbeziehungstheorie besonders der beziehungserhaltende Aspekt der Suizidalität eine zentrale Rolle (Benecke, 2014). Hier liegen meist der Suche nach einem liebenden, fürsorglichen Objekt frühkindliche traumatische Erfahrungen zu Grunde (Gerisch, 2012). Kinds Modell zur Suizidalität ordnet den jeweiligen frühkindlichen Entwicklungsstadien charakteristische Funktionen von Suizidalität zu. Er differenziert zwischen den Übergangsbereichen I und II.

Der Übergangsbereich I beschreibt Suizidalität zwischen einer präpsychotischen Entwicklungsphase und einem Borderline-Funktionsniveau.

Die präpsychotische Entwicklungsphase ist geprägt von undifferenzierten Objekt- und Selbstrepräsentanzen, einem dichotomen Denken zwischen Gut und Schlecht und der Frage, wie sicher man vom Anderen getrennt ist (Gerisch, 2012). In dieser Phase ergeben sich laut Kind (1992) zwei Formen der Suizidalität, die sich in ihrer Funktion voneinander unterscheiden:

Die fusionäre Suizidalität beschreibt diese im Sinne eines Verschmelzungswunsches (Kind, 1992; Gerisch, 2012). Überwiegt ein positives Bild vom Selbst und vom Objekt, so neigt das Subjekt dazu mit dem Objekt verschmelzen zu wollen, da dies als besonders angenehm phantasiert wird (Kind, 1992). Dass auf diese Verschmelzung jedoch die Angst vor der Auflösung der eigenen Ich-Grenzen folgt (Gerisch, 2012), veranlasst Kind zu der Annahme einer weiteren Form der Suizidalität, nämlich der antifusionären Suizidalität. Diese beschreibt Suizidalität als Möglichkeit der Abgrenzung gegen den Ich-Verlust. Von Kind werden drei mögliche Formen der Abwehrfunktion der Psyche gegen jenen Verschmelzungswunsch angenommen (ebd.): Zum einen wird das Objekt mit negativen Bildern besetzt, um die Verschmelzung mit diesem als nicht erstrebenswert erscheinen zu lassen. Zum anderen werden bestimmte Teile des Körpers ausgegrenzt, um die Regression bremsen zu können. Das Ich fühlt sich diesen Körperteilen nun zumindest nicht mehr verbunden und kann diese fortan manipulieren und kontrollieren. Die letzte mögliche Form der Abwehr ist die Suizidalität. Die mit ihr einhergehende Destruktivität und die zerstörerischen Fantasien und Aggressionen können „im Dienste des Strebens nach Eigenständigkeit und Individuation aufgefasst werden“ (Gerisch, 2012, S. 37). Suizidale Handlungen können demnach als Versuch gedeutet werden, sich vom symbiotischen Objekt zu lösen, um den Übergang von einer Objektbeziehung zur Objektverwendung nach Winnicott (1993) zu erwirken (Gerisch, 2012).

Im Gegensatz zur präpsychotischen Phase sind im Borderline-Funktionsniveau die Selbst- und Objektrepräsentanzen zwar differenziert, jedoch noch nicht integriert. Weiter dominiert hier eine Dichotomie zwischen „Selbst“ und „Nicht-Selbst“, sowie die Frage, wie sicher man im Anderen repräsentiert ist (ebd.). Das Bedürfnis, wahrgenommen und als „einzigartiges Individuum“ (Gerisch, 2012, S. 38) anerkannt zu werden steht hier im Vordergrund. Diesem Gefüge liegt, laut Gerisch, eine mangelnde Objektkonstanz zu Grunde. In dessen Folge kommt es zu einer Angst des Objektverlustes, die sich differenzieren lässt in a) die Angst, die eigene Aggression könne das enttäuschende Objekt vernichten und b) die Angst, das Objekt würde sich aufgrund der Minderwertigkeit des Subjekts von ihm abwenden (Gerisch, 1998). Jene Angstmodi treten abwechselnd auf und entstehen, wenn das Objekt eigenständige Handlungen aufweist (Kind, 1986).

Die Suizidalität im Borderline-Funktionsniveau lässt sich differenzieren in eine manipulative Form im Sinne der Objektsicherung und in eine resignative Form im Sinne der Objektaufgabe (Gerisch, 2012). Ersterem gehen drei Ziele voraus. Bei dem Ziel der Objektsicherung spielt nicht die Fremd- oder Selbsttötung eine entscheidende Rolle, vielmehr wird das eigene Selbst in Gefahr gebracht, um das Objekt zum „lebenssichernden Handeln und zur Annäherung zu zwingen“ (Gerisch, 2012, S. 38). Ein weiteres Ziel der Suizidalität im Borderline-Funktionsniveau ist das der Objektänderung. Hier wird in besonderer Weise eine Änderung des Objektes einhergehend mit einer Änderung der Beziehungen intendiert. Die dritte Form ist die Suizidalität als Folge der Objektaufgabe. Diese kommt dann zum Vorschein, wenn die Objektsicherung und die Objektänderung gescheitert sind. Diese Form der Suizidalität ist laut Gerisch (2012) als besonders gefährlich einzustufen, da mit ihr sowohl Resignation als auch ein Mangel an Interaktion einhergehen. Darüber hinaus sind für das Subjekt Wut und Rache nicht mehr relevant, da diese Affekte in der Vergangenheit keine Reaktionen im Objekt auslösten und dieses nunmehr „endgültig als unerreichbar erscheint“ (Gerisch, 2012, S. 39).

Im nach Kind (1992) definierten Übergangsbereich II kommt zu dem bereits beschriebenen Borderline-Funktionsniveau das Integrationsniveau hinzu. Hier sind besonders die integrierten Selbst- und Objektrepräsentanzen von Bedeutung und die Frage, wie man selbst und wie der Andere ist (Gerisch, 2012). In dieser Stufe der Suizidalität, der depressiven Position, wird der Neid durch Dankbarkeit und die Depressivität durch Trauer ersetzt (Kind, 1992). Hierbei steht nicht mehr der Austausch der Objekte im Vordergrund, sondern vielmehr deren Umwandlung. Dies bedeutet, dass die unbewussten Vorstellungsbilder des Selbst und des Objektes keiner Verzerrung durch „ich-syntone Spaltungsmechanismen“ (Gerisch, 2012, S. 40) unterliegen, sondern sich realitätsnah anpassen. Das heißt, dass die bisher verleugneten positiven Anteile der Objekte nun anerkannt werden und zu einem „überwältigenden Schuldgefühl wegen seiner früheren Aggression“ (Kind, 1992, S. 114) gegen das Objekt führen.

2.3.4 Das Krisenmodell

Das Krisenmodell wurde von Wolfersdorf und Etzersdorfer (2011) entworfen und bezieht sich vor allem auf Jugendliche. Das Krisenmodell baut sich wie folgt auf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Das Krisenmodell (Bründel, 2004)

Als eine psychosoziale Krise bezeichnet man eine Störung des seelischen Gleichgewichts, bei der Betroffene mit Ereignissen und Lebensumständen konfrontiert sind, die sie überfordern, für die sie keine Lösungsmöglichkeiten sehen und mit denen sie sich allein gelassen fühlen (Sonneck et al., 1995). Man kann hier zwischen zwei Arten von Krisen unterscheiden: traumatische Krisen und Veränderungskrisen. Traumatische Krisen können bei plötzlichen schweren Verlusterlebnissen, Trennung der Eltern und bei Tod oder Krankheit von nahestehenden Personen entstehen (Bründel, 2004). Veränderungskrisen entstehen wiederum bei Veränderungen, die eine große Bedeutsamkeit für das Leben des Einzelnen haben (ebd.). An Krisen können auch Menschen ohne psychische Vorerkrankungen leiden. Eine Vielzahl der Jugendlichen ist während der Adoleszenz von Krisen betroffen. Diese können durch Faktoren wie Umzüge, Schulwechsel oder der Pubertät an sich ausgelöst werden. Allerdings können diese meist durch Unterstützung von Freunden und Familie oder das Aufsuchen von professioneller Hilfe bewältigt werden. Die Bewältigungsstrategien sind individuell abhängig von den biologischen, soziologischen und psychologischen Dispositionen (Wolfersdorf & Etzersdorfer, 2011). Eine tatsächliche Gefährdung besteht dann, wenn sich die Konfliktbewältigungsstrategien als destruktiv erweisen, ein depressiver Attributionsstil vorliegt oder die Betroffenen zu einer Entwertung des eigenen Selbst neigen (Bründel, 2004). Darüber hinaus werden Symptome beschrieben, die dann auftreten, wenn die subjektive Belastung als zu hoch empfunden wird, die eigenen Bewältigungsmechanismen nicht mehr greifen und mögliche zur Verfügung stehende Hilfe nicht mehr wahrgenommen werden kann. Die Symptome äußern sich in Spannungszuständen, Angst- und Panikgefühlen, Wut, Depressionen, Gefühle der Hilf- und Hoffnungslosigkeit, körperlicher Unruhe, Schlafstörungen, Herzklopfen, Appetitstörungen oder in der Angst vor Kontrollverlust (Wolfersdorf & Etzersdorfer, 2011).

Sonneck et al. (1995) beschreiben die verschiedenen Aspekte einer Krise: den Krisenanlass, die subjektive Bedeutung, die individuelle Krisenanfälligkeit, die Reaktion der Umwelt und den Krisenverlauf. Es ist wichtig hervorzuheben, dass der Krisenanlass stets als subjektiv zu bewerten ist. Die Subjektivität hingegen ist stark abhängig von dem bisherigen Umgang mit Krisen, vom individuellen Selbstwertgefühl und auch von der Zuversicht, über die die Betroffenen verfügen (Bründel, 2004). Ebenso bedingen Unsicherheit und mangelnde Hilfe und Unterstützung aus der Umwelt die Krisenanfälligkeit von Jugendlichen.

Individuelle Einschätzungs- und Bewertungsprozesse sind von besonderer Relevanz (Lazarus, 1966, 1981, 1982; Lazarus et al., 1974; Lazarus et al., 1985; Lazarus & Folkman, 1984; Lazarus & Launier, 1978). Demnach ist es nicht nur wichtig zu untersuchen, inwiefern sich Deprivations-, Bedrohungs- oder Verlustereignisse auf Individuen auswirken; vielmehr kommt den Einschätzungsprozessen und intervenierenden Variablen eine besondere Bedeutung zu.

Das Krisenmodell findet seine Ursprünge in der life-event-Forschung und in den stresstheoretischen Ansätzen (Bründel, 2004). Die Gemeinsamkeit liegt vor allem darin, dass die Betroffenen eine Beziehung zwischen eigener „Kompetenzbeurteilung und der subjektiv wahrgenommenen Bedrohung von äußeren Ereignissen“ (Bründel, 2004, S. 97) herstellen. Die Suizidalität wird als eine Summe von belastenden Lebensereignissen, Persönlichkeit und den sozialen Bedingungen gesehen (Schmidtke, 1988). Lebensverändernde Ereignisse, wie zum Beispiel broken home, Verlust enger Bezugspersonen oder Schwierigkeiten in der Schule wurden hier bei Kindern und Jugendlichen untersucht. Darüber hinaus wurde versucht, Suizidalität durch Aufsummierung solcher Lebensereignisse vorherzusagen (Pöldinger, 1968). Die globale Hypothese postuliert zum einen, dass Suizidalität durch inadäquate Bewältigungsstrategien ausgelöst wird, die von der Anzahl der stresshaften biographischen Ereignisse abhängen; zum anderen besagt sie aber auch, dass eben jene subjektive Einschätzung der als belastend empfundenen Situation ebenso von hoher Relevanz ist. Demnach muss also nicht jedes Ereignis zwangsläufig zu einer Krise führen (Bründel, 2004). Dies zeigt die hohe Relevanz, die das subjektive Empfinden des Einzelnen im Krisenmodell hat.

2.3.5 Das Präsuizidale Syndrom nach Ringel

Der Wiener Psychiater Dr. Erwin Ringel definierte den Begriff des präsuizidalen Syndroms (Ringel, 1985). Er untersuchte die Gemeinsamkeiten von 745 Menschen, die einen Suizidversuch unternommen und diesen überlebt hatten hinsichtlich ihres seelischen Erlebens. Dabei ließen sich drei Symptome erkennen, die letztendlich zum Suizidversuch führten (Benecke, 2014):

1. Einengung

a. Situative Einengung (Einengung der persönlichen Möglichkeiten): Hier werden die eigenen Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten nicht mehr gesehen. Die Betroffenen nehmen ihre eigenen Lebensumstände als bedrohlich, unveränderbar und unüberwindbar und sich selbst als klein, ausgeliefert und hilflos wahr. Es entsteht ein Gefühl der Ohnmacht und das Gefühl, den übermächtigen Umständen ausgeliefert zu sein.
b. Dynamische Einengung (Einengung der Gefühlswelt): Bei der dynamischen Einengung lassen die Kontrollmöglichkeiten der inneren Erregungszustände nach. Es entsteht ein Gefühl enormer Spannung; die Betroffenen fühlen sich innerlich geladen und fürchten eine explosive Entladung jenes Spannungszustandes.
c. Einengung der zwischenmenschlichen Beziehungen: Hier werden die sozialen Kontakte und Beziehungen hinsichtlich ihrer Qualität entwertet und ihre Anzahl stark reduziert. Betroffene leben demnach sehr isoliert und fühlen sich von anderen Menschen verlassen und nicht verstanden.
d. Einengung des Werteerlebens: Der eigene Selbstwert und Dinge, die zuvor durchaus von hoher Relevanz waren, werden hier banalisiert und entwertet. Subjektive Werte, die mit der Bezugsgruppe nicht mehr konform gehen, beginnen zu dominieren und verstärken auf diese Weise das sowieso schon vorhandene Gefühl des Andersseins und Nichtzugehörigkeit.

2. Gehemmte und gegen die eigene Person gerichtete Aggression

Die mit der Suizidalität einhergehende Aggression wird von den Betroffenen nicht gestattet, daraufhin unterdrückt und nicht nach außen gerichtet. Es entsteht ein Ohnmachtsgefühl.

3. Selbsttötungs- und Todesphantasien

Die Selbsttötungs- und Todesphantasien stellen die abschließende Konsequenz der zuvor beschriebenen Gefühle und Zustände dar.

Nach Ringel (1953) ist der Suizid der „Abschluss einer krankhaften psychischen Entwicklung“ (Bründel, 2004, S. 110). Es lassen sich drei Phasen differenzieren, die zu diesem Abschluss führen: die Phase der Erwägung, die der Ambivalenz und die des Entschlusses. Das präsuizidale Syndrom ist dann von Relevanz, wenn es darum geht eine mögliche Suizidalität abzuschätzen. Lassen sich ein oder mehrere der beschriebenen Phasen beobachten, so stellt dies meist ein ernstzunehmendes Risiko dar (Ringel, 1953). Ähnlich wie Freud greift Ringel ebenfalls die Relevanz der Aggressionen im Rahmen suizidalen Handelns auf. Auch hier wird die Aggression als etwas betrachtet, das statt auf die Umwelt auf das Subjekt selbst gerichtet wird.

2.3.6 Der Suizidwürfel

Ähnlich zu Ringel ist die Definition des präsuizidalen Syndroms nach Shneidman (1980). Dieser beschreibt ebenfalls drei Phasen, die in ihrer Konsequenz zur Suizidalität führen können: die totale kognitive Einschränkung (constriction), die Verstrickung der Gefühle (perturbation) und die feindliche Einstellung gegenüber der eigenen Person (inimicality). Es kommt zu einer Art Tunnelblick, bei dem die Sicht auf die Welt eingeschränkt und verengt ist. In diesem Zusammenhang nehmen Suizidgefährdete die eigene Vergangenheit und die damit verbundenen Erinnerungen und Gefühle als stark negativ wahr. Sie verfallen in ein dichotomes „Entweder-Oder-Denken“, welches die als unerträglich empfundene Wahrnehmung der Realität verstärkt (Bründel, 2004). Betroffene werden von Shneidman (1988) auch als „inimicial-pertubed-constricted person“ bezeichnet – also als eine Person, die den zuvor beschriebenen Symptomen unterliegt. In einem solchen Zustand ist der suizidale Mensch durchdrungen von dem Gedanken seinem Leben ein Ende zu setzen. Er sieht keine Alternative und sucht auch nicht mehr nach Lösungsmöglichkeiten (ebd.). Es besteht zudem ein großes Bedürfnis nach Vertrauen, Sicherheit und Freundschaft, doch da es nicht zur Erfüllung jener Bedürfnisse kommt, möchte der Suizidant „den Knopf für den Untergang dieser Welt“ (Shneidman, 1988, S. 29) drücken. Die Kombination aus Enttäuschung und Wut gepaart mit einem Hass auf das Selbst und der Welt führen letztlich zu der suizidalen Handlung. In dieser Handlung wird ein Weg gesehen, dem sehr stark gefühlten Schmerz ein Ende zu setzen und der Angst vor dem Verlust des Bewusstseins und der eigenen Handlungsunfähigkeit zu entkommen (Bründel, 2004).

Ausgehend von diesen Überlegungen entstand Shneidmans Kubustheorie (unter anderem auch bekannt als Suizidwürfel). Sie beschreibt drei Dimensionen: die der Unruhe, die des Schmerzes und die des Zwangs. Diese Variablen können je nach Intensität einen niedrigen, mittleren oder hohen Wert annehmen. Wenn jede einzelne den höchsten Wert erreicht hat, kommt es zum Suizid. Shneidman gibt darüber hinaus an, dass es ohne diese interaktiven Dimensionen gar nicht erst zum Suizid komme (Bründel, 2004).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Der Suizidwürfel (Bründel, 2004)

2.3.7 Das interpersonale Suizidmodell

Die interpersonale Theorie zur Suizidalität nach Joiner Jr et al. (2005) besagt, dass das Gefühl nicht zu einer wertgeschätzten Gruppe zu gehören (thwarted belongingness) in Kombination mit dem Gefühl seinen Mitmenschen eine Last zu sein (perceived burdensomeness) das Bedürfnis nach dem eigenen Tod bestärkt. Erst wenn die erworbene Fähigkeit sich selbst zu töten (acquired capability) mit dem Todeswunsch einhergeht, kommt es zu der endgültigen suizidalen Handlung (Joiner Jr et al., 2005). Demnach stellen die Variablen thwarted belongingness, perceived burdensomeness und acquired capability kausale und miteinander interagierende Risikofaktoren dar, deren Existenz eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung des Wunsches zu sterben und der Fähigkeit einen Suizid durchzuführen ist (Teismann et al., 2016).

Perceived burdensomeness beschreibt das subjektive Empfinden, dass die eigene Existenz für Freunde, Partner, Familie oder auch für die Gesellschaft als besondere Belastung bewertet wird (Joiner Jr et al., 2005). Dieses Gefühl kann zu einem Anstieg der Überzeugung beitragen, dass der Tod zu einer Besserung der Lebensumstände der Mitmenschen führt. Eine solche Überzeugung findet sich auch in den Briefen der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf, die sich in Folge mehrerer psychischer Zusammenbrüche suizidierte. So schrieb sie in einem Abschiedsbrief an ihren Mann: „I know that I am spoiling your life, that without me you could work. And you will I know.“ (zitiert nach Teismann et al., 2016). Van Orden et al. (2010) sehen in dem Gefühl, für Andere eine Belastung darzustellen den zentralen Ausgangspunkt für suizidale Gedanken. Dies sei besonders dann der Fall, wenn es sich bei diesem Eindruck um einen dauerhaften Zustand handelt. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass perceived burdensomeness das Verbindungsstück zwischen diversen Ereignissen, wie beispielsweise familiären Konflikten, körperlichen Erkrankungen, Arbeitslosigkeit oder Suizid darstellt (Teismann et al., 2016).

Thwarted belongingness hingegen bezeichnet die Wahrnehmung von anderen entfremdet zu sein und nicht zu einer wertgeschätzten Gruppe, der Familie oder einem Freundeskreis zu gehören (Teismann et al., 2016). Van Orden et al. (2010) differenzieren diese Variable in zwei Dimensionen: zum einen dem Erleben von Einsamkeit und zum anderen der (wahrgenommene) Abwesenheit von gegenseitiger Fürsorge. Joiner Jr et al. (2005) akzentuiert, dass die Frustration, die mit diesem speziellen, nicht erfüllten interpersonalen Bedürfnis einhergeht, maßgeblich für die Entwicklung des Todeswunsches sei. In Anbetracht dieser Überlegungen stellt die soziale Isolation also eine der stärksten Prädiktoren für suizidale Handlungstendenzen dar (Teismann et al., 2016).

Nach Joiner Jr et al. (2005) ist acquired capability die erworbene Fähigkeit, Gefühle wie Schmerz und Hass, die mit einem Selbstmord einhergehen, ertragen zu können. Hierbei wird unterschieden zwischen Betroffenen, die bei der Vorstellung zu sterben verweilen und jenen, die diese Vorstellung auch in die Tat umsetzen. Mit diesem Gedanken betonen die Autoren das hohe Maß an Schwierigkeit, sich selbst das Leben zu nehmen, da diese Handlung letztendlich die Überwindung des Selbsterhaltungstriebes voraussetzt (Teismann et al., 2016). Es wird angenommen, dass die mangelnde Angst vor Schmerzen und Tod durch Gewöhnung und Aktivierung entgegengesetzter Prozesse in Reaktion auf die mannigfache Darlegung mit schmerzhaften und/oder angsteinflößenden Erlebnissen erworben wird (Joiner Jr et al., 2005). Durch das wiederholte Auftreten dieser Erlebnisse sollen diese an Bedrohlichkeit verlieren. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass der Erwerb von acquired capability durch die wiederholte Anwendung von suizidalem Verhalten wie Suizidversuchen oder Probehandlungen bedingt wird (ebd.). Ebenso von Relevanz sind jedoch auch vergangene traumatische Erlebnisse oder andere schmerzhafte angstaktivierende Ereignisse (Teismann et al., 2016).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3. Das interpersonale Suizidmodell nach Joiner (Teismann et al., 2016)

2.4 Weibliche Suizidalität

Hinsichtlich dieser Arbeit, die sich explizit der Suizidalität von Frauen mit türkischem Migrationshintergrund widmet, ist es von besonderer Relevanz, Suizidalität im Hinblick auf das weibliche Geschlecht zu untersuchen. Mit der Frage nach diesem Zusammenhang beschäftigt sich auch die Psychoanalytikerin Benigna Gerisch in zahlreichen Werken. Einige ihrer Hypothesen und Erklärungsmodelle, die die in der Wissenschaft vorhandene Lücke zu dieser Thematik in besonderem Maße anreichern, sollen an dieser Stelle dargestellt werden.

Gerisch (vgl. 1998, 1999) verweist in ihren Arbeiten auf die defizitäre Darstellung der weiblichen Suizidproblematik. So wurde sowohl in der Wissenschaft als auch in diversen Konzeptualisierungen und Erklärungsmodellen suizidalen Verhaltens stets die geschlechtsspezifische Behandlung des weiblichen Suizids weitgehend ausgeblendet (Gerisch, 1999). Mögliche Erklärungsansätze für dieses Versäumnis sind unter anderem die patriarchalen Strukturen, von denen auch der wissenschaftliche Diskurs betroffen ist. Abgesehen von der Tatsache, dass es sich bei den Autoren zu dieser Thematik zum Großteil um Männer handelt (ebd.), beschreibt Gerisch eine Gleichsetzung des Menschen mit dem Mann. Dies führt in der Konsequenz dazu, dass männliches Handeln, Fühlen und Erleben als normsetzender Untersuchungsgegenstand gehandhabt wird (ebd.). Dem Weiblichen hingegen wird eine untergeordnete, abhängige Rolle zugesprochen; die Frau wird durch ihre „vom Mann abgeleiteten Identität definiert“ (Gerisch, 1999, S. 157). Demnach unterliegt laut Gerisch auch die Suizidologie einer männlichen Wissenschaftsgeschichte. Stereotype Assoziationen machen sich vor allem in den Erklärungsmodellen zur Suizidalität bei Frauen bemerkbar. So ist die weitaus höhere Zahl der Suizidversuche – die stets einen appellativen Charakter haben – charakteristisch für das weibliche Geschlecht, welches als schwach, abhängig, passiv und beziehungsbezogen gilt, während der vollendete Suizid mit den typischen Geschlechterattributen des Mannes einhergeht (ebd.).

Gerisch vertritt zum einen den Standpunkt, dass Suizidalität nur dann differenziert verstanden werden kann, wenn zwischen der Entstehung männlicher und weiblicher Suizidalität hinreichend unterschieden wird und zum anderen auch die These, dass die Identitätsentwicklung für weibliches Suizidverhalten und -erleben maßgeblich ist.

Geht man von der bekannten These aus, dass frühkindliche Erfahrungen in der Entwicklung einen großen Einfluss auf spätere suizidale Tendenzen haben, so ist es naheliegend, dass Störungen in jener frühen Entwicklungsphase – besonders bezogen auf die Primärbeziehung zur Mutter – in besonderem Zusammenhang mit der Genese von Suizidalität stehen (ebd.). So vermutet Gerisch, „dass die Psychodynamik der Suizidalität bei Frauen, gemäß der unterschiedlichen Entwicklung männlicher und weiblicher Geschlechtsidentität – einschließlich der frühen identifikatorischen Prozesse – eine andere Form und Gestaltung aufweist“ (Gerisch, 1999, S. 159). Bezogen auf Henseler (1974) – dessen Narzissmustheorie zur Suizidalität sehr prominent ist – geht Gerisch von einer enormen Relevanz der Herausbildung der Geschlechtsidentität und der objektgerichteten und narzisstischen Entwicklung aus. Geht man also davon aus, dass sich Männer und Frauen hinsichtlich der Entwicklung von Suizidalität unterscheiden und bei Frauen sowohl die bewussten als auch die unbewussten Auslöser andere sind, ist es umso wichtiger das weibliche Geschlecht in diesem Kontext gesondert zu betrachten. In ihrer langjährigen klinischen Erfahrung mit suizidalen Patientinnen machte Gerisch zunehmend die Beobachtung, dass die suizidalen Grundkonflikte häufig mit Konflikten hinsichtlich der weiblichen Identitätsentwicklung einhergehen. Aus diesem Grund ist für sie die „Entwicklung der ‚normalen‘ weiblichen Identität“ (Gerisch, 1999, S. 159) maßgeblich für die Analyse weiblicher Suizidalität.

Eine zentrale Rolle spielt hierbei die Mutter, welche für den Jungen ein gegengeschlechtliches und für das Mädchen ein gleichgeschlechtliches erstes Liebesobjekt darstellt. Allein aufgrund dieser sich deutlich unterscheidenden Ausgangssituationen ist von einer grundlegend unterschiedlichen Entwicklung bei Jungen und Mädchen auszugehen – besonders hinsichtlich der „Konsolidierung der Geschlechtsidentität (präödipale Phase) und für die Objektwahl (ödipale Phase)“ (Gerisch, 1999, S. 160). Die Entstehung einer gesicherten Identität bei Frauen korreliert demnach stark mit der Beziehung zwischen Mutter und Tochter, sowie der ödipalen und präödipalen Bestätigung durch den Vater (ebd.). Eine Herausforderung in der Entwicklung des Mädchens ist hierbei die Identifikation mit der Weiblichkeit der Mutter einerseits und das Erlangen einer eigenen weiblichen Identität andererseits (ebd.). Dieser Umstand verweist ebenfalls auf die abweichenden und schwierigeren Individuations- und Separationskonflikte bei der Frau. An dieser Stelle verweist Gerisch auf Berger (1989), die eine Verknüpfung zwischen den weiblichen Erfahrungen in der Entwicklung (z.B. die Adoleszenz, Schwangerschaft oder die Geburt) und jenen Individuations- und Separationskonflikten sieht, mit denen die Frau kontinuierlich konfrontiert ist. Unter Berücksichtigung dessen konnte Gerisch in ihrer klinischen Arbeit erkennen, dass die Suizidalität vieler Patientinnen einherging mit genau jenen soeben beschriebenen Entwicklungserfahrungen (Adoleszenz, Schwangerschaft, Geburt). Der ungelöste Individuations- und Separationskonflikt war dabei nicht erst in den suizidalen Phasen zu verorten, sondern bereits in der Pubertät (Gerisch, 1999). Dies sei damit zu begründen, dass vor allem das in der Adoleszenz häufigere Vorkommen selbstschädigenden Verhaltens gegen den sowohl als fremd wahrgenommen als auch mit der Mutter identischen Körper liegt (ebd.). Da die von Patientinnen häufig beschriebenen Konflikte (z.B. die Ablehnung des eigenen Körpers oder der Hass auf die Mutter) bezeichnend für die weibliche Adoleszenz sind, können die identitätsbezogenen Krisen der Patientinnen auch „als Ausdruck eines verspäteten adoleszenten Reifungsprozesses verstanden werden“ (Gerisch, 1999, S. 160).

Somit vertritt Gerisch die These, dass den psychologischen Krankheitsbildern bei Frauen stets misslungene Individuations- und Separationsanstrengungen zu Grunde liegen. Sie fasst dahingehend zusammen:

„Die zentrale Antagonistin in der Innenwelt der Patientinnen ist die Mutter bzw. das mütterliche Introjekt und die damit im Zusammenhang stehenden Phantasien über den mütterlichen Körper, dessen durchweg destruktiv und negativ getönte Ausgestaltung letztlich auf das weibliche Ich zurückwirkt. Dieser Aspekt verweist auf die eminente Bedeutung des kollektiv und individuell bestimmten wirksamen mütterlichen Introjekts für die weibliche Identitätsfindung und die subjektive Vorstellung der Tochter über die Geschlechterbeziehung und körperliche Vereinigung zwischen den Geschlechtern.“ (Gerisch, 1999, S. 160).

Jenseits der Individuations- und Separationskonflikte in Bezug auf die weibliche Identität bezieht sich Gerisch in ihren Ausführungen zur Suizidalität der Frau auf das self-in- relation. Dieses fördert den „Erwerb spezifischer Fähigkeiten wie Empathie, Verantwortung für andere und [die] Beziehungsorientiertheit“ (Gerisch, 1999, S. 161). Hiervon ausgehend unterscheidet sich laut Gilligan (1984) die Entwicklung der weiblichen und der männlichen Moral. Die Moral der Frau ist geprägt von der Verantwortung für andere, während die des Mannes auf der zentralen Erfahrung basiert, sich von der Mutter zu unterscheiden und von einem Leistungsstreben und dem Erlangen von Autonomie geprägt ist. Für den Jungen stellen die regressiven Verschmelzungswünsche und die präödipale Beziehung zur Mutter eine Bedrohung seiner Geschlechtsidentität dar; für das Mädchen steht eher die Angst des Verlustes der eigenen, autonomen Weiblichkeit im Vordergrund (Gerisch, 1999). Dies erklärt auch, warum Männer häufiger Konflikte im Bereich Beziehungen aufweisen und Frauen in ihrer Individuation und Autonomie. Somit ist der Charakter der Frau häufig geprägt von sozialen Kompetenzen und einem Streben nach Autonomie, welches sich nicht lediglich auf die vollkommene Unabhängigkeit der eigenen Person bezieht, sondern vielmehr auf „reziproke Anerkennung und Autonomie“ (Gerisch, 1999, S. 161).

Im Sinne der in dieser Arbeit bereits beschriebenen Objektbeziehungstheorie nach Kind (1992), postuliert Gerisch (1999), dass Frauen von der Vorstellung geleitet sind, nur die männlichen Bezugspersonen (Vater, Bruder, Partner, Sohn) hätten die Berechtigung auf ihre Existenz. Dies ist die Kehrseite des Autonomieideals bei Frauen (ebd.). Darüber hinaus fühlen sich Frauen zusätzlich stets dazu verpflichtet, Beziehungen gegensätzlich zu ihren eigenen Bedürfnissen aufzubauen und zu erhalten. Deshalb geraten sie auch häufiger als Männer in interpersonelle Krisen, die nur durch Suizidversuche bewältigen zu sein scheinen (Gerisch, 1999). In Situationen, die nur schwer zu verkraften sind und sich ausweglos anfühlen, neigen suizidale Frauen dazu, objektgerichtet zu handeln und durch den Suizidversuch im Sinne der Objektänderung das Gegenüber zur Annäherung und Veränderung zu bringen (ebd.). Gerisch beschreibt:

„Je unbewußter die unbewältigten Konflikte sind, um so größer ist die Gefahr, daß diese kontinuierlich agiert und perpetuiert werden, wenngleich daraus durchaus stabile und dauerhafte, z.T. hochpathologische Arrangements erwachsen können. Je traumatisierender die Erfahrungen in den Primärbeziehungen zu den Eltern waren, um so eher ist davon auszugehen, daß überwältigte präödipale und ödipale Ängste, Konflikte und Enttäuschungen die Partnerwahl und -suche kontaminieren; das heißt, daß die Frau im Mann weniger einen reifen Sexualpartner sucht als vielmehr ein gutes, idealisiertes, bemutterndes Objekt, das ihr das zu geben vermag, was sie in der Beziehung zur Mutter schmerzlich missen mußte: Nähe, Geborgenheit, Zärtlichkeit und bedingungsloses Gehaltenwerden“ (Gerisch, 1999, S. 162).

Ebenso haben traumatisierende Erfahrungen und Erlebnisse, wie beispielsweise Vergewaltigung und andere Arten sexuellen Missbrauchs weitereichende Folgen: sie führen nicht nur zu einer identitätszersetzenden Psyche, sondern auch zu einer lebenslangen Verbundenheit zu einer erneut traumatisierenden Partnerwahl (ebd.).

Gerischs Ausführungen zur weiblichen Suizidalität sind für die Erklärungsmodelle für Suizidalität bei Frauen von enormer Relevanz und bereichern dieses Feld auf besondere Weise. Es wird deutlich, dass Suizidalität auch immer geschlechtsspezifisch betrachtet werden muss, da sich die Entwicklung von Männern und Frauen schon sehr früh anfängt zu unterscheiden.

[...]


1 solche Abkommen gab es auch unter anderem mit den Staaten Italien (1955), Spanien (1960), Griechenland (1960), Südkorea (1963), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968).

Ende der Leseprobe aus 179 Seiten

Details

Titel
Suizidalität türkischer Migrantinnen zweiter Generation
Untertitel
Eine Analyse unter besonderer Berücksichtigung der kulturellen Identität
Hochschule
International Psychoanalytic University
Note
1,0
Autoren
Jahr
2019
Seiten
179
Katalognummer
V520582
ISBN (eBook)
9783346123527
ISBN (Buch)
9783346123534
Sprache
Deutsch
Schlagworte
suizidalität, migrantinnen, generation, eine, analyse, berücksichtigung, identität
Arbeit zitieren
Katayun Ensani (Autor)Aysun Luna Yildirim (Autor), 2019, Suizidalität türkischer Migrantinnen zweiter Generation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520582

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