Rezension zu Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen - Die Erinnerungen 1914-1933


Rezension / Literaturbericht, 2006
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Prolog
2.1. Kapitel 1-2
2.2. Kapitel 3-4
2.3. Kapitel 5-6
2.4. Kapitel 7-9
2.5. Kapitel 10-15

3. Revolution (Kapitel 16-25)

4. Abschied (Kapitel 26-40)

5. Rezension

6. geplante Fortsetzung

7. Debatte um Datierung der „Geschichte eines Deutschen“

8. Fazit

1. Einleitung

„Im Herbst 2000 wartete die Deutsche Verlags-Anstalt mit einer Sensation auf: Sie veröffent-lichte aus dem Nachlaß des Anfang 1999 verstorbenen Publizisten Sebastian Haffner dessen Erinnerungen der Jahre 1914 bis 1933. Geschrieben hatte er sie nicht am Ende, sondern am Anfang seiner publizistischen Karriere, im Frühjahr und Sommer 1939, nachdem er seiner jüdischen Freundin in die englische Emigration gefolgt war.“[1]

Die „Geschichte eines Deutschen“ ist eine Autobiographie von Sebastian Haffner, die sich allerdings auf die Jahre 1914 bis 1933 beschränkt. Dabei war sein Beweggrund nicht eben das Verfassen eines biographischen Werkes, sondern das Erzählen eines Stücks deutscher Ge-schichte aus einem bestimmten Blickwinkel. Er bezeichnet sich dabei als einen Durchschnittsmenschen mit vielen Schwächen, der stellvertretend für viele andere steht und deren Perspektive auf die historischen Ereignisse zumeist vernachlässigt wird. Die Geschichte schildert Haffner als ein Duell welches zwischen ihm als einem „kleinen, anonymen, unbekannten Privatmann“ und dem Staat, dem Deutschen Reich, stattfindet.[2]

Die Veröffentlichung dieses Buches im Jahre 2000 glich deshalb einer Sensation, weil seine Existenz bis dato völlig unbekannt war. Selbst seinen Kindern gegenüber hatte Haffner nur von einem erhaltenswerten Frühwerk gesprochen, das im Geheimfach seines Schreibtisches zu finden sei. Da dieser zu seinem Tod nicht mehr zu seinem Besitz gehörte, begann für die Kinder Sarah Haffner und Oliver Pretzel im Zuge der Sichtung des Nachlasses eine schwierige Suche, wie Oliver Pretzel im Nachwort der dritten Auflage von 2004 beschreibt, auf der diese Rezension basiert. Die zunächst im Herbst 2000 veröffentlichte Auflage war daher auch unvollständig, ein Kapitel fehlte völlig und Kapitel 10 konnte nur aus einer eng-lischen Fassung zurückübersetzt werden. Diese endete jedoch vor dem ebenfalls fehlenden Kapitel 25.[3] Erst 2002 fand ein Historiker im Bundesarchiv zwei weitere Kapitel der Geschichte eines Deutschen, hierbei handelte es sich um Kapitel 25 das nun eingefügt werden konnte und 38n, die die bisherige Fassung fortsetzten.[4] Dennoch ist das Buch bis heute unvollendet. Wie anhand weiterer Dokumente belegt werden konnte war die Geschichte eines Deutschen das erste Buch, das Haffner im englischen Exil 1938 zu schreiben begann. Er hatte das Konzept dem Verleger Frederic Warburg geschickt, der es für brilliant befand und dem unbekannten Deutschen dafür einen kleinen aber für Haffner sehr wichtigen Vorschuß zahlte. Außerdem half Warburg Haffner dabei, eine langfristige Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.[5] Als das Buch jedoch gerade zur Hälfte vollendet war, brach 1939 der Krieg aus und Haffner befand, daß er statt einer Art politischen Biographie nun etwas weniger persönliches schreiben müsse, das einen direkteren politischen Bezug hatte. Er schickte Warburg daher einen Entwurf des späteren „Germany, Jekyll and Hyde“, Warburg akzeptierte das geänderte Konzept, und für Haffner sollte dieses Buch der Durchbruch seiner englischen Karriere werden. An der Geschichte eines Deutschen hat er auch später nie weiter gearbeitet, das Thema war nach dem Ausbruch des Krieges nicht mehr interessant genug und außerdem schrieb er nach seinem Durchbruch nun vom englischen Standpunkt aus.[6]

Dennoch zeigen spätere Äußerungen gegenüber seiner Familie sowie Aufzeichnungen aus dem Jahre 1946, die er während eines längeren Deutschlandurlaubes tätigte, daß er das angefangene Buch nicht vergessen hat. Aus diesen Aufzeichnungen läßt sich erkennen, daß Haffner eine Weiterführung der Geschichte bis zu seiner Emigration nach England beabsichtigte, dieses letzte Kapitel sollte den Titel „Zeitlupenflucht“ tragen. Allerdings scheint der Teil vom Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung Hitlers in diesem neuen Konzept nicht mehr vorhanden. So bedauerlich die Nichtvollendung dieses Werkes sein mag, so wäre auch die Streichung dieser Kapitel ein herber Verlust gewesen, zu dem es dann glücklicherweise nicht kam.[7]

Im folgenden wird nun zunächst der Inhalt der auf drei große Abschnitte verteilten 40 Kapitel dargestellt, auf dieser Basis erfolgt dann die anschließende Rezension. Die Gewichtung der einzelnen Abschnitte wird dabei ihrer Bedeutung für den heutigen Wert des Buches angepaßt. Daher erfährt v.a. der Prolog eine besonders intensive Betrachtung. Nach der Rezension des Buches in seiner derzeit veröffentlichten Form wird die von Haffner skizzierte geplante Fortführung des Buches dargestellt, die sein Sohn Oliver Pretzel im Nachwort der 3. Auflage beschreibt. Im Anschluß daran beleuchtet diese Arbeit die im Sommer 2001 entbrannte öffentliche Diskussion um die zeitliche Einordnung der „Geschichte eines Deutschen“, da dies grundlegend für eine Einschätzung der Leistung ist, die Haffner mit dem Verfassen dieses Werkes vollbracht hat. Abschließend hebt das Fazit neben den wesentlichen Erkenntnissen den Wert dieses Buches mit seiner wechselhaften Geschichte hervor, die aus dem ersten Buch Haffners schließlich das letzte werden ließ.

2. Prolog

2.1. Kapitel 1-2

Den Prolog beginnt Haffner mit der Ankündigung des bereits erwähnten Duells zwischen ihm und dem Deutschen Reich, in Gestalt eines unbekannten Privatmannes und dem Staat. Zwischen diesen Gegnern herrscht offensichtlich ein großes Ungleichgewicht. 1939 schreibt Haffner in seinem Prolog von Duellen in denen ein Privatmann sein privates Ich und seine private Ehre gegen einen übermächtigen feindlichen Staat zu verteidigen sucht und die seit 6 Jahren in Deutschland zu Tausenden und Hunderttausenden ausgeführt würden. Seinen eigenen Kampf gegen diesen Staat will er in der Geschichte eines Deutschen beispielhaft beschreiben, auch aus dieser Intention läßt sich schließen, daß die Erzählung nicht 1933 sondern erst einige Jahre später enden sollte.

„Ich habe nichts dagegen, daß man nach der Lektüre alle die Abenteuer und Wechselfälle wieder vergißt, die ich erzähle. Aber ich wäre sehr befriedigt, wenn man die Moral, die ich verschweige, nicht vergäße.“[8]

Haffner will die Geschichte Deutschlands als Teil seiner privaten Lebensgeschichte erzählen, da Geschichte seiner Meinung nach falsch verstanden wird, wenn man die private Dimension vergißt und es zu wenig Biographien unbekannter Privatleute gibt. Begründen tut er diese Ansicht mit einem Intensitätsunterschied des Geschichtserlebens: Die Entlassung Bismarcks durch Wilhelm II. 1890 hatte praktisch keine Auswirkungen auf den Alltag der Menschen, das historische Ereignis „Hindenburg betraut Hitler“ von 1933 dagegen brachte ein Erdeben in das Leben von 66 Millionen Menschen.

2.2 Kapitel 3-4

Als Vorbereitung für seine Geschichte ab 1933 beginnt Haffner mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Dieser trifft ihn als siebenjährigen Jungen in den Sommerferien, die er mit seiner Familie auf einem Gut verbringt. Dabei kommt er nicht mit dem Krieg direkt in Berührung, der Kriegsausbruch hat jedoch den sofortigen Abbruch der Ferien zur Folge. Haffner sagt hierzu: „Die Zerstörung dieser Ferien war das Ärgste, was mir der ganze Krieg persönlich angetan hat.“ Darüber hinaus setzt zu diesem Zeitpunkt „mit einem Paukenschlag“ sein bewußtes Leben ein. Er beschreibt detailliert, wie die Zeitungen Nachrichten erst 24 Stunden später zu dem Gut gelangten und wie der junge Haffner Angst um sein Ferienidyll hat. Wie ihn das „Verschwinden“ seiner Lieblingspferde belastet und all die neuen Begriffe unverständlich scheinen. Aus dieser Verwirrung entwickelt sich nach der Rückkehr der Familie ins heimatliche Berlin eine Kriegsfaszination. Für einen Schuljungen in Berlin hatte der Erste Weltkrieg etwas unwirkliches, da die Front weit weg war und auch die Verwundeten und Toten nicht greifbar waren. Das „kriegerische Spiel“ lenkte ihn sogar vom Hunger ab, er las die Heeresberichte und lernte Kriegsvokabeln und „Feinde“ kennen, dieses „Spiel“ spielten seine Kameraden und Haffner den ganzen Krieg hindurch, jedoch ohne von der eigentlichen Kriegspropaganda erfaßt zu werden. Er beschreibt diese Kindheitsreaktionen so detailliert, da sie das Empfinden einer ganzen Generation widerspiegeln sollen. Die tägliche Wahrnehmung des Krieges als ein großes, aufregend-begeisterndes Spiel der Nationen ging laut Haffner als positive Grundvision in das Nazitum ein. Die Kriegserlebnisse des deutschen Schuljungen bezeichnet er daher auch als Wurzel des Nazismus, die Frontgeneration hatte die Schrecken des Krieges schon kennengelernt und bewertete ihn daher meist anders.

Hierzu formuliert Haffner zwei Ausnahmegruppen:

1. „Die ewigen Krieger, die in der Wirklichkeit des Krieges mit allen Schrecken dennoch ihre Lebensform fanden und immer wieder finden.“[9] Hierzu zählt er beispielsweise Göring.
2. „Die ewigen gescheiterten Existenzen, die gerade die Schrecken und Zerstörungen des Krieges mit Jubel erlebten und erleben, als eine Rache an dem Leben, dem sie nicht gewachsen sind.“[10] Dieser Gruppe ist laut Haffner Hitler zuzurechnen.

2.3. Kapitel 5-6

In den vier Kriegsjahren von 1914-1918 verlor Haffner allmählich das Gefühl für den Frieden, der Heeresbericht wurde zur wichtigsten Sache eines jeden Tages. Vom Endsieg war der junge Haffner überzeugt und erwartete ihn mit großer Spannung, auch nachdem die Heeresberichte von Juli bis Oktober 1918 immer trüber wurden und sich die Meinung der meisten Menschen über den Krieg gewendet hatte. Nur was das Leben danach zu bieten haben konnte, wußte er nicht.

Somit kam die von Oktober 1918 herannahende Revolution für ihn eher überraschend. Er bezeichnet es als verhängnisvoll für die gesamte weitere deutsche Geschichte, daß an die Revolution, „die doch schließlich Frieden und Freiheit brachte“, eigentlich alle Deutschen nur trübe Erinnerungen haben. Wie viele andere verbindet er mit dem 9. November Dinge wie Mißmut, Niederlage, Angst, sinnlose Schießerei, Konfusion und schlechtes Wetter. Die Schlagzeile „Abdankung des Kaisers“ findet er weit weniger erschütternd als die Umbenennung der Zeitung „Tägliche Rundschau“ in „Die Rote Fahne“, wenngleich diese nur wenige Tage dauerte. Die Revolution ließ Haffner auch die ersten Schüsse seines Lebens hören, seine Hoffnung, der Revolution werde von der Berliner Garnision Widerstand entgegengesetzt bestätigt sich allerdings nicht – zwei revolutionäre Gruppen waren sich uneins gewesen. Ein Kriegsenthusiast wie Haffner es war konnte über den Sieg der Revolution selbstverständlich nicht glücklich sein. Zumal in der Schule Revolutionsspiele bestraft wurden, Haffner kam zu dem Schluß, daß aus einer solchen Revolution nichts werden konnte – und auch nicht wurde.

Das nun notwendigerweise ausstehende Kriegsende erlebt Haffner zunächst als das Fehlen von Heeresberichten, die bis zum 10. November noch an jeder Polizeistation hingen. Auf seiner Suche nach einem entsprechenden Aushang stößt er auf einen Menschenhaufen vor der Auslage eines kleinen Zeitungsladens, „Waffenstillstand unterzeichnet“ war dort zu lesen, gefolgt von einer langen Liste an Bedingungen. Für den elfjährigen Haffner brach mit dieser eindeutigen Niederlage eine ganze Phantasiewelt zusammen, er zweifelt an seinem Verständnis der Welt und ihm graut vor der Unberechenbarkeit des Lebens. Zur gleichen Zeit soll der 29jährige Hitler in einem Lazarett den Kopf in die Kissen vergraben und den Entschluß einer politischen Karriere gefaßt haben. Haffner bezeichnet seine eigene Reaktion als reifer und mutmaßt, daß schon die Unterschiedlichkeit der Reaktion auf sein späteres, wenig freundliches, Verhältnis zu Hitlers Reich hinwies.

Erst einmal kamen jedoch die Revolution von 1918 und die deutsche Republik auf ihn zu. Haffner ordnet diese Revolution als Nebenprodukt des militärischen Zusammenbruchs ein. Die Macht lag auf der Straße, er beschreibt die Situation folgendermaßen: „Es entwickelte sich nun das Spiel, daß die wirklichen Saboteure eine Anzahl schlecht organisierter und dilettantischer Putsche machten, und die Saboteure gegen sie die Gegenrevolution auf den Plan riefen, die sogenannten Freicorps, die dann, als Regierungstruppen verkleidet, binnen ein paar Monaten mit der Revolution blutig aufräumten.“[11]

An diesem Schauspiel fand Haffner nichts begeisterndes zu entdecken, außerdem hörte man es nun fast täglich schießen, erfuhr aber längst nicht immer, was es bedeutete. Von ihm selbst und seinen Altersgenossen wurde die Revolution daher gerade umgekehrt empfunden, wie der vorausgegangene Krieg: Der Krieg wirkte kaum auf ihr tägliches Leben, beflügelte aber die Phantasie, die Revolution dagegen brachte Neues und Aufregendes für das tägliche Leben, die Phantasie aber blieb unbeschäftigt. Zu seiner Wahrnehmung der Situation schreibt Haffner: „Nie wurde es recht klar, um was es eigentlich ging. Man konnte sich nicht begeistern. Man konnte es nicht einmal verstehen.“[12] Und damit erfaßt er wohl das Kernproblem der Revolution von 1918. Auch die Tage ohne Elektrizität oder ohne Straßenbahn waren der Begeisterung sicher nicht förderlich.

Als bürgerlicher Junge, der gerade aus einem vierjährigen patriotischen Rausch gerissen worden war, konnte Haffner nur gegen die „roten Revolutionäre“ (Liebknecht, Rosa Luxemburg und deren „Spartakusbund“) sein, über die man nur dunkel wußte, daß sie einem „alles wegnehmen“ und „russische Zustände einführen“ wollen. Obwohl deren Gegenspielern Ebert, Noske und ihrem Freicorps aus Haffners Sicht das Aroma von Verrat anhaftete: „Es drang bis in die Nase eines Zehnjährigen.“[13] Weshalb man sich für diese auch nicht wirklich erwärmen konnte und es quasi aus Mangel an Alternativen tat. Ein halbes Jahr später war der sinnlose Kampf vorbei, die damalige Regierung hatte schnell hinlängliche Freicorps zusammengezogen, die sich mit den Revolutionären schwerste Straßenkämpfe lieferten in deren Verlauf auch Liebknecht und Rosa Luxemburg erschossen wurden. Haffner schreibt zu den Freicorps 1939:

[...]


[1] Ullrich,Volker: Faszination durch das Monstrum, Die Zeit-Schülerbibliothek, 12/2003

[2] vgl. Haffner, Sebastian: Die Geschichte eines Deutschen, S. 9f.

[3] vgl. a.a.O., S. 292 ff.

[4] vgl. a.a.O., Vorbemerkung

[5] vgl. a.a.O., S. 292 ff.

[6] vgl. a.a.O. S. 295f.

[7] vgl. a.a.O., S.296 ff.

[8] Haffner: Geschichte eines Deutschen, S.11

[9] a.a.O., S. 23

[10] ebenda

[11] a.a.O., S. 35

[12] a.a.O., S. 34

[13] a.a.O., S. 36

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Rezension zu Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen - Die Erinnerungen 1914-1933
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Zentrum für interdisziplinäre Medienwissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V52077
ISBN (eBook)
9783638478809
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sebastian, Haffner, Geschichte, Deutschen, Erinnerungen
Arbeit zitieren
Miriam Nuschke (Autor), 2006, Rezension zu Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen - Die Erinnerungen 1914-1933, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52077

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