Supervision als selbstreflexive Institution. Abgrenzung von der Psychotherapie und dem Coaching


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

33 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Beratung ein wissenschaftlich diffuser Begriff

2 Zeitgeist; Soziales Feld; Handlungsprozess-Modell
2.1 Zeitgeist
2.2 Soziales Feld
2.3 Ziel und Prozess-Modell

3 Supervision
3.1 Begriffsherkunft
3.2 Sozio-historische Entwicklung von SV
3.3 Beratungsprozess-Modell der SV

4 Andere Handlungsprozess-Modelle in Abgrenzung
4.1 SV vs. Psycho-Therapie
4.2 SV vs. Coaching

5 Abschließende Betrachtungen

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Beratung als wissenschaftlicher Gegenstand ist diffus: Zum Einen wegen einer bislang fehlenden einheitlichen Beratungsforschung, zum Anderen weil Beratung stets in Abhängigkeit vom sozio-historischen Zeitgeist, vom sozialen Feld und vom Ziel des Ratsuchenden, für dessen Erreichung die verschiedenen Beratungsformate ein jeweiliges Prozessmodell anwenden, entsteht.

Supervision als berufsbezogene Beratungsform ist in der Bundesrepublik in der Phase der Demokratisierung im Bereich der sozialen Arbeit entstanden. Es legt folglich ein demokratisches Menschenbild zu Grunde, das auf dem Mitbestimmungsrecht und der Mündigkeit ihrer Klienten aufbaut. Als Hauptwerkzeug nutzt es die reflexiven Fähigkeiten ihrer Klienten, um berufsbezogene Probleme aller Art gemeinsam mit dem Klienten zu lösen.

Von der Psycho-Therapie lässt sich Supervision dadurch unterscheiden, dass die Psycho-Therapie eine psycho-emotionale Störung mit Krankheitswert anvisiert, welche gerade die dem Bewusstsein zugänglichen Fähigkeiten der Reflexion und Mündigkeit beeinträchtigen oder gar außer Kraft setzen. Psycho-Therapie bemüht sich diesbezüglich, einen Heilungsprozess in Gang zu setzen.

Vom Coaching, einem Beratungsformat, das wegen seiner Marktkonformität in den letzten zwanzig Jahren eine steile Erfolgskarriere verzeichnen konnte, lässt sich Supervision v.a. durch seine wissenschaftliche Fundierung abgrenzen. Coaching kann dagegen als pseudo-wissenschaftlich entlarvt werden und ist als schlicht eine Feld- und Klienten-spezifische Form berufsbezogener Beratung. Da lukrative Märkte umkämpft sind, hält trotz dieser unhaltbaren wissenschaftlichen Basis ein politischer Kampf um die fadenscheinige Dualität Coaching vs. Supervision an. Wünschenswert wäre ein fachlicher Zusammenschluss der beiden Labels zu Gunsten einer einheitlichen berufsbezogenen Beratung mit Fachleuten, die sich gemäß der eigenen Berufsbiographie auf bestimmte Felder spezialisieren, u.a. auf das der Ökonomie. Die Vorteile hierin lägen in einer erweiterten Beratungsqualität mit wissenschaftlicher Fundierung, einer gestärkten berufspolitischen Grundlage sowie einer Zukunftstauglichkeit, die einem kurz- bis mittelfristig zu erwartenden gesellschaftlichen Wandel standhalten können wird.

Tabellen

Tab. 1 Feministische Beratung in Deutschland

Tab. 2 Formalisierungsgrade von Beratung in unterschiedlichen sozialen Feldern

Tab. 3 Unterschiede und Parallelen zwischen SV und PT

Tab. 4 Unterschiede und Parallelen zwischen SV und Coaching

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Beratung … ein wissenschaftlich diffuser Begriff

Wer auf die Sprache und die Weisheitsgeschichte, die sie für jeden bereithält, hört, wird auf der Suche nach dem Sinn von Rat und Beratung besonders belohnt.

(Grimm & Grimm in Persendorfer, 2006)

Wie Katharina Gröning in ihrem Studienbrief Beratungswissenschaft (2010) darlegt, handelt es sich bei Beratung um einen diffusen und unbestimmten Forschungsgegenstand. Dies hat zum einen mit dem Naturell von Beratung zu tun, das sich mimetisch den sich wandelnden gesellschaftlichen Ausrichtungen und Zielvorgaben anzupassen und pluralistische Ableger in jedem gesellschaftlichen Winkel hervorzubringen weiß (vgl. Kap.2; Gröning, 2010). Zum anderen ist dies darin begründet, dass nach Gröning (2010, S. 5) bislang keine einheitliche Beratungsforschung in Deutschland existiert. In den folgenden Kapiteln wird deshalb auf Basis des Studienbriefes (ebd.) ein grundlegendes, ontologisches Verständnis von Beratung entwickelt, um anschließend einige der vielen gesellschaftlichen Beratungs-Blüten der heutigen Tage im Hinblick auf ihre immanente Handlungslogik zu durchleuchten. Supervision (SV), als beratungswissenschaftlicher Begriff für berufsbezogene Beratung, soll hierdurch eine wissenschaftliche Verdichtung erfahren.

2 Zeitgeist; Soziales Feld; Handlungsprozess-Modell.

»Der Horizont der Gegenwart bildet sich also gar nicht ohne die Vergangenheit. Es gibt so wenig einen Gegenwartshorizont für sich, wie es historische Horizonte gibt, die man zu gewinnen hätte. Vielmehr ist Verstehen immer der Vorgang der Verschmelzung solcher vermeintlich für sich seiender Horizonte.“

(Gadamer 1990, S. 311)

Im Folgenden Kapitel werden aus dem beratungswissenschaftlichen Grundstein, den Gröning mit dem Studienbrief Beratungswissenschaft (2010) gelegt hat, Thesen abgeleitet, die induktiv zu einem ersten wissenschaftlichen Verständnis von Beratung führen werden, um hierdurch SV als spezifisch berufsbezogenes Beratungsangebot sozio-historisch verorten und hermeneutisch ein erstes begriffliches Verständnis von ihr entwickeln zu können. Methodisch geschieht dies anhand eines Thesenpapiers.

2.1 Zeitgeist

Wie Katharina Gröning (2010) darlegt, entwickelte sich Beratung in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts u.a. im Zuge der ersten großen Frauenbewegung (s. Tab. 1). Beratungsstellen und deren Vernetzung wurden in dieser Zeit aufgebaut und entwickelt, um das politische Streben nach Gleich-Berechtigung von Frauen in Staat und Gesellschaft zu verwirklichen.

Tab.1

Feministische Beratung in Deutschland (Gröning, 2010)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie in Tabelle 1 aufgezeigt, unterlagen die Beratungsangebote, die als primär aufklärende Hilfe (Gröning 2010, S. 17) konzipiert waren, Weiterentwicklungen und Wandlungen. Zum Teil wurden die Konzepte im Sinne ihrer ursprünglichen Ideologie weiterentwickelt. Da sich im Zeitgeist des frühen 20. Jahrhunderts jedoch auch andere politische Strömungen und Ideologien ausformten, wurden die feministischen Beratungsstellen z.T. auch von ihren ursprünglichen gesellschaftlichen Feldern und Zielen entfremdet und in den Dienst anderer Ideologien gestellt. So verwendete die politische Führung sowohl der Weimarer Republik als auch des National-Sozialismus ebenfalls Beratung, um die deutschen Bürger staatlich und völkisch zu organisieren und überführte die feministische Berufsberatung in die staatliche, wo sie 1933 der DAF eingegliedert wurde (vgl. Tab. 1). Einen ähnlich ideologischen Wandel vollzogen auch die Beratungsstellen der feministischen Ehe- und Sexualberatung, die bereits zur Zeit der Weimarer Republik – aber insbesondere im Dritten Reich – den ursprünglich emanzipatorischen Strömungen enthoben und dem Dienste der Eugenik und Erbhygiene anheim gegeben wurden (Gröning 2010, S. 14 ff und 24 ff.).

In Puncto Erziehungsberatung zeichnet Gröning (ebd.) eine ähnliche gesellschaftliche Entwicklung nach, wobei hier die Erziehungsberatung bereits seit dem Kaiserreich einer von der Vererbungslehre bestimmten Anthropologie zu folgen hatte. Als einen wichtigen Wirkfaktor, der vehement dieses erbhygienische, selektive Moment in der Beratung über ein halbes Jahrhundert von wissenschaftlicher Weiterentwicklung abschottete, benennt Gröning (ebd.) die damaligen Professionsbestrebungen von Medizin, (Heil-)Pädagogik und Psychologie (vgl. Lück 2009, S. 13 – 18). Die sich damals derart manifestierten ideologischen Ausrichtungen und Menschenbilder überlebten in der Beratung letzthin bis weit in die 50er Jahre (Gröning 2010, S. 15), bis die demokratischen Bestrebungen der jungen Bundesrepublik formend in die Beratung eingriffen. Spätestens in den 60er Jahren, als die Sozialhygiene-Konzepte dadurch aus der Beratung entschwanden, dass die alten NS-inspirierten Berater in Ruhestand gingen und/oder verstarben, konnte Beratung in Deutschland von der nächsten Berater-Generation „als ethisches und demokratisches Angebot neu formuliert [werden]“ (ebd. S. 27). Gleichzeitig entstanden neue Kommunikationskonzepte, die bis heute mit Namen wie Tausch und Tausch oder Carl Rogers verbunden sind, die „Zuhören, Einfühlen, Spiegeln, Verbalisieren von Gefühlen und inneren Erlebnisweisen […] nun als zentrale Beratungskompetenz“ (ebd.) vorlegten: Der Klienten-zentrierte Ansatz schien die beratungsmethodische Synchronizität einer erwachsen-werdenden Demokratie zu sein (ebd.). Selbiges gilt für die SV als Pädagogische Beratung (Hornstein in ebd. S. 68), die „auf kritische Aufklärung, auf Mündigkeit, Autonomie und Selbstverwirklichung im individuellen und gesellschaftlichen Bereich“ ausgerichtet ist.

Eine weitere Entwicklung von Beratung als Methode wurde durch die zweite feministische Welle in den 70er Jahren evoziert, als Postulate der Geschlechterforschung (Parteilichkeit, Identifizierung und Solidarität) dem Klienten-zentrierten Ansatz beigemengt wurde, um u.a. eine kritische Haltung gegenüber den etablierten ärztlichen Handlungsmodellen einzunehmen (ebd. S. 28).

Die methodische Nähe der Beratung zur humanistischen Psychologie führte jedoch schnell zu einer sozialwissenschaftlichen Erblindung der Berater, sodass die Grenzen zwischen Therapie und Beratung schwanden (ebd.). In Folge dessen geriet Beratung in heftige Kritik, da sie sich von den Strömungen des Psychobooms methodisch hatte mitreißen lassen, sodass sozio-ökonomische Probleme individual-psychologisch fehlgedeutet wurden und die Beratungsmethode in amtlichen Feldern und Kontexten zu Machtinstrumenten pervertierten, v.a. wenn es darum ging, sozio-ökonomische Hilfen bereitzustellen oder aber zu verwehren (ebd. S. 29).

Reaktiv wurde in den 1980er Jahren ein neues advokatorisches Verständnis von Beratung entwickelt: Dies geschah durch die Organisation der Supervisoren, die sich zur Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) zusammenschlossen, durch arbeits- oder beschäftigungsorientierte Organisationsberatung der Gewerkschaften und – wie gesagt – durch die alternative Beratungsszene des modernen Feminismus’.

Parallel hierzu zog sich der Staat aus vielen ihm angestammten Feldern zurück und eröffnete diese der Privatisierung. Durch das Erstarken von Märkten und ökonomischen Institutionen entstand deshalb eine ganz neuer Typus von Beratung: der Organisationsberater, der „vor allem eine Managementfunktion [hat] und […] dem Gebot und der Rationalität der Macht [folgt]“ (ebd. S. 30). Durch die zunehmende Globalisierung in den 1990er Jahren erwuchsen neben dem Organisationsberater jedoch auch große neue Märkte für allerlei neue Beratungsformate: Wirtschaftsberatung, Unternehmensberatung, Finanzberatung, Mediation, Coaching und Counseling. Dem Zeitgeist treu, bedienten sich diese neuen Beratungsangebote methodisch der Systemtheorie und verschmolzen diese mit dem Geist der Dienstleistung. Zur selben Zeit erstarkte zudem die SV als soziologisch fundiertes, berufsbezogenes Beratungsangebot durch die vorangegangene Gründung der DGSv (ebd. S. 31).

Wie Gröning weiter ausführt (ebd. S. 9), hat sich Beratung in der Postindustriellen Gesellschaft aufgeblättert und sich dem hohen Individualitätsbestreben der Menschen angepasst, sodass aktuell Beratung den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden versucht: sei es in der Anlage- oder in der Stilberatung, sei es in der Paarberatung oder im persönlichen Fitness-Coaching. Beratung findet man heute aller Orten, angepasst an jedes Bedürfnis.

Betrachtet man nun die dargelegten gesellschaftlichen Entwicklungen von der späten deutschen Kaiserzeit bis heute, müssen sie zum Teil historistisch, d.h. als linear-tradierte Gesellschaftsgeschichte interpretiert werden. Andererseits müssen einige Strömungen auch im Sinne Habermas‘ (1968, S. 7) als Folge von Reflektion der bis dato gewachsenen Systeme und tradierten Werte interpretiert werden, die eine reaktive, reformistische Ausrichtung innehatten. Mit Pierre Bourdieu (vgl. Gröning 2012, S. 24) könnte man diese gleichsam als Folge reflexiver Brüche mit dem durch die kulturelle Historie geformten Habitus interpretieren, wofür die von Bourdieu für das Individuum formulierten Mechanismen auf eine gesellschaftliche Ebene transponiert werden müssen. Gleich ob: Beides, lineare Fortführung von tradiertem Gesellschafts- Habitus und sozio-politische Umgestaltung im Zuge von Reflektion, soll hier dem eher allgemein verwendeten Begriff Zeitgeist eingegliedert werden. Zeitgeist sei also die Mentalität einer jeweiligen Epoche, die sich aus linear-tradierten Strömungen und reflexiven Gegenströmungen speist. Und offensichtlich wirkt sich Zeitgeist bis heute prägend auf die Beratung aus. Deshalb soll nun folgende erste These formuliert werden:

Beratung ist keine unabhängige Entität, sondern sie formt sich in Abhängigkeit des Zeitgeistes, d.h. der sozio-historischen Epochen und deren dominierenden Ideologien.

2.2 Soziales Feld

Wie bereits erwähnt, führt Gröning (2010, S. 9) aus, dass sich das Beratungsangebot in Deutschland in den vergangenen einhundert Jahren deutlich erweitert hat, was sie zuletzt in einen korrelativen Zusammenhang zur den enormen Individualisierungsprozessen der postmodernen Gesellschaft stellt. Beratung sei hierdurch zu einem „unspezifischen gesellschaftlichen Querschnittsangebot“ (ebd.) geworden, das in etlichen sozialen Feldern zu finden ist (s. Tab. 2). Gröning bietet für eine erste Kategorisierung der Beratungsangebote den Grad professioneller Formalisierung an (Gröning 2010, S. 9), die unten tabellarisch mit verschiedenen Beratungsangeboten in unterschiedlichen sozialen Feldern exemplarisch angeführt werden. Die Tabelle erhebt hierbei keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Sozialen Felder oder der Beratungsangebote der heutigen Zeit.

Tab. 2

Formalisierungsgrade von Beratung in unterschiedlichen sozialen Feldern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit dem Konzept des Feldes im Sinne Pierre Bourdieus (1996) ist unmittelbar das Konzept der Rolle verbunden, das mannigfach theoretisch ausformuliert wurde (vgl. Heuring & Petzold, 2004; Oetliker, 2003). Denn in einem Beratungssetting entstehen eine spezifische Konfiguration (vgl. Moreno in Oetliker 2003, S. 7) und ein gleichsam spezifisches Interaktionsverhalten (vgl. Heuring & Petzold 2004, S. 7). Demnach muss beispielsweise Beratung im Setting einer Mediation eine grundlegend differente Interaktion in einer grundlegend differenten Konfiguration der beteiligten Individuen/Rollenträger prozedural hervorbringen als dies im Setting einer Berufsberatung geschieht. Denn im ersten Fall begegnet ein sozialer Dienstleister einem Kunden, im zweiten Fall ein amtlicher Sachberater einem möglicher Weise minderjährigen Staatsbürger. Die Differenzen der beiden Beispiele liegen auf der Hand. Aus diesem Grund soll die zweite These lauten:

Beratung ist keine unabhängige Entität, sondern sie formt sich prozedural in Abhängigkeit des sozialen Feldes, d.h. der Feld-bezogenen Rollen- und Interaktionsspezifika.

2.3 Ziel und Prozess-Modell

Für die weiteren Überlegungen muss vorausgeschickt werden, dass Beratung grundlegend als zielgerichtetes Handeln verstanden werden muss. D.h. innerhalb eines sozialen Feldes wird zwischen zwei Rollen-tragenden Individuen ein Ziel vereinbart, das mittels Beratung erreicht zu werden versucht. Es ist offensichtlich, dass Beratung als Vehikel unterschiedlich konstituiert sein muss, um Feld- und Problem-spezifisch vereinbarte Ziele erreichen zu können. So handelt es sich bei der ärztlichen Beratung um eine Sachberatung, die sich methodisch zwischen einem advokatorischen und einem sozial-pädagogischen Modell bewegt (vgl. Gröning 2010, S. 24 ff.), während SV als pädagogisches Beratungsmodell erachtet werden muss, und eine Verkaufsberatung als eine vergleichende Sachberatung wirkt, ohne sich zum eigenen Profit oder den Kundeninteressen positionieren zu müssen. Auf Grund dieser Tatsachen sei die letzte These wie folgt formuliert:

Beratung ist keine unabhängige Entität, sondern sie formt sich prozedural in Abhängigkeit des Problem-spezifisch vereinbarten Zieles, unter Verwendung eines hierzu geeigneten Beratungsprozess-Modells.

3 Supervision

„SV ist ein wissenschaftliches fundiertes, praxisorientiertes und ethisch gebundenes Konzept für personen- und organisationsbezogene Beratung in der Arbeitswelt. Sie ist eine wirksame Beratungsform in Situationen hoher Komplexität, Differenziertheit und dynamischer Veränderungen. In der SV werden Fragen, Problemfelder, Konflikte und Fallbeispiele aus dem beruflichen Alltag thematisiert. Dabei wird die berufliche Rolle und das konkrete Handeln der Supervisanden in Beziehung gesetzt zu den Aufgabenstellungen und Strukturen der Organisation und zu der Gestaltung der Arbeitsbeziehungen mit Kund/innen und Klient/innen. SV fördert in gemeinsamer Suchbewegung die berufliche Entwicklung und das Lernen von Berufspersonen, Gruppen, Teams, Projekten und Organisationen. Gelegentlich unterstützt SV Entscheidungsfindungsprozesse. SV ist als Profession gebunden an gesellschaftliche Verantwortung für Bildung, Gesundheit, Grundrechte, Demokratie, Gerechtigkeit, Frieden und nachhaltige Entwicklung. Sie ist einer Ethik verpflichtet, die diesen Werten entspricht.“

(Kröckel 2017, S. 24)

Widmete sich das vorangegangen Kapitel dem Forschungsgegenstand Beratung im Allgemeinen, soll in diesem Kapitel der SV als berufsbezogene Beratung nun besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden, um sie für die Beratungswissenschaft semantisch deutlich umreißen zu können. Wie vorausgegangen ist, kann SV (wie jede Beratungsform) beratungswissenschaftlich durch ihre mannigfache Bedingtheit erschlossen werden, welche in ihrem Handlungsprozess-Modell ihren angewandten Ausdruck erhält. Um später hierauf detaillierter eingehen zu können, wird der Begriff SV vorerst etymologisch und sozio-historisch nachgezeichnet.

3.1 Begriffsherkunft

SV leitet sich vom lateinischen Verb supervidere ab, welches mit „Übersicht“, „Überblick“, „Überschau“ übersetzt werden kann. Nach Kröckel (2017, S. 21 f.) wurde der Begriff SV erstmalig um 1554 „[...] in der Bedeutung von 'Leitung' und 'Kontrolle' gesetzlicher, kirchlicher oder testamentarischer Prozesse [...]“ verwendet. Im Englischen existiert daneben das Verb „supervise“, welches mit „kontrollieren“, „überwachen“, „beaufsichtigen“, „betreuen“, „die Oberaufsicht haben“, aber auch „begleiten“ übersetzt werden kann (vgl. ebd.; Loebbert, 2016). Es wundert bei der englischen Begriffsbetrachtung nicht, dass in Amerika der Supervisor in der Regel ein Vorgesetzter ist, der Arbeitsabläufe mit Hinblick auf Produktivität überwacht. Allerdings hat sich durch die Amerikanisierung von Sprache auch in Deutschland der Begriff des Supervisors als Vorgesetzter in einigen Feldern etabliert: beispielsweise in Callcentern oder in Flughafenabteilungen. Dennoch definiert der Begriff des Supervisors in Deutschland heute in der Regel einen unabhängigen Berater, der Supervision sleistungen anbietet (vgl. Kröckel 2017, S. 22 – 24). Da es sich hierbei um eine berufsbezogene Beratung handelt, die dem Klienten dazu verhilft, ein Problem innerhalb eines komplexen Bedingungsgefüges zu verstehen, liegt der deutschen Bedeutung die lateinische Herkunft des Wortes näher als ihre englische Begriffsverwandte.

3.2 Sozio-historische Entwicklung von SV

Der in Kapitel 2.1 dargestellten Entwicklung von SV in Deutschland ging eine etwa fünfzigjährige Entwicklung in den USA voraus: Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts (vgl. Kröckel 2017, S. 22 – 24; Loebbert 2016, S. 3 f.) wurden ehrenamtlich karitativ Beschäftigte von ihren jeweiligen Wohlfahrtsverbänden durch sogenannte „paid agents“ unterstützt, die sowohl beraterische, anleitende aber auch kontrollierende Funktionen innehatten. „SV definierte sich also erstmalig als institutionalisierte Form im Kontext eines Programms zur Armutsbekämpfung und bediente die Funktionen von Kontrolle und Unterstützung“ (Kröckel 2017, S. 22).

SV etablierte sich von dieser Zeit im amerikanischen Sozialwesen im Sinne einer Managementfunktion und wurde bald von der Psychoanalyse inspiriert, was sich im späteren Verlauf in einer zu Recht kritisierten überdehnten Psychologisierung von Beratung niederschlug (vgl. ebd.; Kap. 2.1). Dennoch bedeute die Integration der Psychoanalyse eine Möglichkeit zur Professionalisierung von helfenden Berufen, da hierdurch die karitativ tätigen Menschen psychologische Mechanismen reflektieren konnten, die unbewusst ihre soziale Arbeit negativ beeinflussten. „ SV wird zum unverzichtbaren Baustein der Professionalisierung und des Qualitätsmanagements in helfenden Berufen. Sie hat sich [zudem] seither weltweit weiterentwickelt“ (vgl. Loebbert 2016, S. 4), in dem sie später u.a. auch die Systemtheorie in ihr Format aufnahm. Durch diese theoretische Erweiterung erfolgte die weitreichende Erkenntnis, dass die Qualität der Hilfe der Angestellten im sozialen Bereich abhängig ist von Politik, Organisations- und Unternehmensstrukturen sowie von der wechselwirkenden Eingebundenheit des Einzelnen in unterschiedliche systemische Zusammenhänge (vgl. ebd.). Es folgten jedoch noch weiter wissenschaftliche Innovationen: V.a. der weitere Einbezug der Sozialwissenschaften sowie die geisteswissenschaftlichen Forschungsmethoden zogen in die SV ein – wie ein Blick in das Curriculum des Masterstudienganges Beratung und SV der Universität Bielefeld (2018) zeigt. Hierdurch setzte sich Weiterentwicklung von SV als berufsbezogenes Beratungsangebot methodisch fort und begann sich nun auch wissenschaftlich als Profession zu behaupten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Supervision als selbstreflexive Institution. Abgrenzung von der Psychotherapie und dem Coaching
Hochschule
Universität Bielefeld  (Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW))
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
33
Katalognummer
V520774
ISBN (eBook)
9783346120052
ISBN (Buch)
9783346120069
Sprache
Deutsch
Schlagworte
supervision, institution, abgrenzung, psychotherapie, coaching
Arbeit zitieren
Sascha Kaletka (Autor), 2018, Supervision als selbstreflexive Institution. Abgrenzung von der Psychotherapie und dem Coaching, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520774

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