Ketten der Vergangenheit. Das Mutterbild in Peter Handkes Erzählung "Wunschloses Unglück"


Diplomarbeit, 2006

41 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1. Frauen in Österreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
1.1. Über den Autor

Kapitel II
2.1. „Der autobiographische Pakt“ von Phillipe Lejeune
2.2. Autobiographie laut Handke
2.3. Selbstmord der Mutter – Anlass zum Schreiben

KAPITEL III
3.1. Familienbild
3.2. Geschichte und Gesellschaft als Störfaktoren

Resümee

Literaturverzeichnis
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

Einleitung

Manche Lebensgeschichten scheinen uns so weit entrückt zu sein, dass sie mit keinen Sinnen mehr fassbar sind. Diese „damals“ üblichen, heute so unglaublichen Lebensgeschichten erinnern uns an den Fleck der Vergangenheit, an die Erbe, die uns heutzutage so fremd vorkommt und die wir ohne Verständnis aber mit einer betont mitleidigen Note zu nehmen versuchen.

Jene Lebensgeschichte, die ich zu analysieren versuchte, beanspruchte mich in zunehmendem Ausmaß, weil sie auf mich so bildhaft wirkte, dass manche Bilder meiner Vergangenheit in Erinnerung gerufen worden sind.

Wer die Erzählung „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke schon einmal gelesen hat, bleibt nicht gleichgültig in der Bewertung seines schriftstellerischen Kunstwerks. Nach dieser Lektüre wird der Leser auch verstehen, dass manchmal nur der Wechsel der Blickrichtungen genügt, um diese weit entrückten und unglaublichen Lebensgeschichten zu begreifen.

Handke legt mit dieser Erzählung Zeugnis von der vergessenen Realität des ländlichen Lebens im 20. Jahrhundert ab, dessen führende Motive wie Armut, Rückständigkeit und „übermächtige Fremdbestimmung durch die sprachlichen und außersprachlichen sozialen Strukturen“1, sich ohne Zweifel auch im 21. Jahrhundert im Stadtleben rekapitulieren lassen.

„„Wunschloses Unglück“ sehe ich als Kern von Handkes Werk, als klassischen prägend in die deutsche und nicht nur in die deutsche Literatur hineinwirkenden Bestand im letzten Drittel unseres Jahrhunderts“2 - schrieb Hugo Dittberner. Auch aus diesem Grund versuche ich, mich mit dieser Erzählung auseinanderzusetzen. Mit der Erzählung „Wunschloses Unglück“ besiegelte Handke sein literarisches „Erwachsensein“ und „um das Jahr 1972 orteten die Literarhistoriker eine „Tendenzwende“, an der neben Bruno Strauß besonders Peter Handke mit zwei Büchern mitwirkte, seinem Roman „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und seiner Erzählung „Wunschloses Unglück“. In eben diesem Jahr 1972 wurde somit aus dem umjubelten „Beat-Autor“ ein anerkannter und berühmter Schriftsteller von dreißig Jahren“3. Das Phänomen seines sozialen Aufstiegs beruhte auf dem literarisch gut ausgeklügelten Vorgehen, in dem der Autor „den Leser zur privaten Teilnahme erpressen“4 und auf alle Dimensionen der Fiktion verzichten möchte. Die Verwandlung seiner literarischen Grundsätze und die Entfaltung der Persönlichkeit gewährleisteten ihm die Leichtigkeit tieferer Verbindung mit dem Publikum.

Um besseres Verständnis für die Erzählung „Wunschloses Unglück“ zu haben, sollte man sich auf Handkes Aussage berufen: der Autor erklärt hier die Basis für seine neuen Werke, die vorwiegend auf der Ich- Erkenntnis beruhen. Handke versucht, sich ein Bild von eigenen Vor- und Nachteilen zu schaffen, um die Unvollkommenheiten anderer Menschen besser zu verstehen. Er wünscht sich, aufmerksamer zu werden und aufmerksamer zu handeln. Handke weiß auch guten Umgang mit den anderen zu pflegen, indem er sensibler und exakter bleibt. Den Faden weiterspinnend, kommt man zu Hauptformulierungen seiner neuen schriftstellerischen Grundlagen: Handke versucht jetzt konkret vorzugehen und lehnt jede Fiktion ab. Die Wahrheit kann bei ihm nur durch aktives Handeln eruiert werden. Er beschreibt das Sichtbare und schafft dabei keine Alternativen. Von der Theorie geht er zum Thematisieren über. Und wenn er über die Welt erzählt, deutet er auf das Ich hin. Er ist originell und nicht banal und dadurch ergibt sich ein interessanteres und reicheres Bild der uns umgebenden Realität.5

Diese dominanten Merkmale bezeugen die vorrangigen Ziele seines literarischen Schreibens- dadurch, dass die Fabeln seiner Werke durch autobiographische Züge verflochten sind, rufen sie bei der Lektüre akute Fragestellungen hervor: wer bin ich in dieser Welt? Wer sind die Anderen? Und was sollen wir alle in dieser Welt? Und damit sind die wichtigsten Fragen der Identitätsfindung entstanden.

Die Lektüre des Buches „Wunschloses Unglück“ gab mir heftige Anregungen zu gesteigerter schriftstellerischer Leistung und bewirkte die Entstehung meiner Diplomarbeit. Da Handkes Buch zu den bekanntesten Werken des Autors und der deutschen Literatur zählt, begab ich mich während des Arbeitsprozesses auf der Suche nach wichtigsten Aspekten dieser Lektüre. Meine Diplomarbeit handelt sowohl von der Persönlichkeit des Autors als auch von seiner Mutter, Maria Handke, der dieses Buch gewidmet ist und in dem sie zur tragischen Hauptfigur wurde.

Im ersten Kapitel meiner Diplomarbeit werde ich auf die wichtigsten Ereignisse in Peter Handkes Laufbahn bis zum Jahre 1971 eingehen. Man benötigt hier den allgemeinen Überblick über seine schriftstellerische Karriere, um das Spezifische und Umstrittene an seiner Literatur zu verstehen.

Im zweiten Kapitel möchte ich mich mit der Problematik des Gattungsbegriffes „Autobiographie“ anhand des Aufsatzes „Der autobiographische Pakt“ von Phillipe Lejeune auseinandersetzten. Dann werde ich versuchen, typische Merkmale im Handkes Verständnis der Autobiographie aus der Erzählung „Wunschloses Unglück“ herauszuarbeiten und schließlich werde ich versuchen, die Gründe für die Entstehung dieser Erzählung zusammenzustellen.

Im letzten Kapitel werde ich die Ursachen für das Scheitern der Hauptfigur in der Erzählung „Wunschloses Unglück“ auf Grund von geschichtlichen, sozio- kulturellen und familiären Verhältnissen erkunden.

Einmal habe ich von meinem irischen Bekannten, Mike Kervick – Geschichtelehrer aus Dublin einen Spruch gehört- „You can visit the past, but you can’t live there“. Diesen Spruch mache ich zum Leitgedanken meiner Diplomarbeit und dass, das Leben den größten Wert hat aber nicht jedem gelingt es, diesen Wert zu pflegen und zu schätzen.

1. Frauen in Österreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

„Als Frau in diese Umstände geboren zu werden, ist von vornherein schon tödlich gewesen. Man kann es auch beruhigend nennen: jedenfalls keine Zukunftsangst. Die Wahrsagerinnen auf den Kirchtagen lasen den Burschen ernsthaft die Zukunft aus den Händen; bei den Frauen war diese Zukunft ohnehin nichts als ein Witz“. (WU, S.17)

Handkes Mutter- Maria Handke kam auf die Welt am 8. Oktober 1920 in Griffen

(Kärnten) als Tochter des Kleinbauern Gregor Siutz und seiner Frau Ursula Karnaus. Hineingeboren in die Zeit der Ersten Republik mussten sich die Frauen auf der Provinz den herrschenden Umständen unterordnen. Diese Umstände erlaubten keine Selbstbestimmung weil „seit der Geburt alles festgelegt und den Zwängen der ewigen Wiederkehr des Gleichen unterworfen war“6. In dieser geerbten Zukunft konnte kaum etwas geändert werden und man vergegenwärtigte sich als Frau eigene Nutzlosigkeit.

Frauen versah man von jeher mit dem Etikett- dreimal K- so bildeten Küche, Kinder und Kirche ein Umfeld, in dem sie sich keinesfalls fremdbestimmt fühlen sollten. Emanzipation durfte kein Überlebensrecht haben. Wie „angewurzelt“ betrachteten die Frauen ihr eigenes Schicksal und wussten aus diesem mühsamen Leben keinen Ausweg zu finden- „die Anpassung brachte zwar Schutz vor sich und den anderen, aber sie verhinderte auch den Ausbruch aus diesen Verhältnissen. Zwar regte sich gelegentlich Widerstand gegen die totale Erfüllung des Rollenklischees, doch trug er nicht weit“7.

Sie waren Mütter und Ehefrauen und übten in der Gesellschaft keine Funktionen mehr aus. Sie haben im Leben tatsächlich den Kürzeren gezogen. Sie hielten sich immer zurück und bestachen durch ihre Rückständigkeit. Sie waren nie frei in ihrem Handeln und durften sich auch nie frei fühlen. Eigene getroffene Entscheidungen betrafen die Abtreibung. Ob auf dem Lande oder in der Stadt ähnelten sich alle Frauenleben. Martin Pollack schreibt in einem Buch über eigene Mutter:

Meine Mutter hat dunkles Haar (...) sie sieht jung aus, viel jünger als er. Er ist einunddreißig Jahre alt. Sie verließ ihren Mann und ihre Kinder in Linz. Das jüngere Kind, mein Halbbruder, kam auf die Welt im September 1942. Auf dem Bild sieht meine Mutter so mädchenhaft schlank aus, was es vermuten lässt, dass sie gleich nach der Entbindung ausreiste (...) aber was hat sie denn mit dem Säugling gemacht?

Sie war Hausfrau in Linz an der Donau. Meine Mutter blieb die Frau meines Stiefvaters, sie lebte mit ihm. Viel später als ich vierzehn war, gab sie mir vermutlich einen einzigen Brief von ihm, den er damals an mich schrieb(...) das war eine kurze Geschichte an den Sohn(...) als Andenken vom liebenden Vater.8

Die politischen und wirtschaftlichen Umstände konnten das bessere Frauenschicksal auf keinen Fall bewirken. Die Krise der Ersten Republik löste den allgemeinen Zweifel an der Lebensfähigkeit Österreichs und der Frauen. Armut und hohe Arbeitslosigkeit forderten keine Möglichkeiten der intellektuellen Entwicklung. Am 10. April 1938 fand die Volksabstimmung statt, mit überwältigender Mehrheit für die „Wiedervereinigung“. Bei diesem Ereignis durfte kein Bürger wegen seines Geschlechtes bevorzugt oder benachteiligt werden. Jedoch fühlte sich die weibliche Gesellschaft an diesem Tag hervorgehoben weil sie endlich am öffentlichen Leben teilnehmen durfte:

Zum ersten Mal gab es Gemeinschaftserlebnissen. Selbst die werktägliche Langeweile wurde festtäglich stimmungsvoll, bis in die späten Nachtstunden hinein. Endlich einmal zeigte sich für alles bis dahin Unbegreifliche und Fremde ein großer Zusammenhang: es ordnete sich in eine Beziehung zueinander, und selbst das befremdende automatische Arbeiten wurde sinnvoll, als Fest. Die Bewegungen, die man dabei vollführte, montierten sich dadurch, dass man sie im Bewusstsein gleichzeitig von unzähligen anderen ausgeführt sah, zu einem sportlichen Rhythmus- und das Leben bekam damit eine Form, in der man sich gut aufgehoben und doch frei fühlte. (WU, S. 22f.)

Diese zeitweilige Empfindung des Außergewöhnlichseins geriet bald in Vergessenheit- alles blieb beim Alten, Frauen erlitten nach wie vor Unrecht und Erniedrigung. Das einzige, was im Hinterkopf blieb: „Hitler hatte im Radio eine angenehme Stimme“. (WU, S. 21)

Zum Lieben wurden sie nicht geschaffen. Meistens heirateten sie zweimal, mal gezwungen, mal freiwillig. Ihre Lebensgefährten waren vorwiegend „Obermenschen“- Soldaten der Wehrmacht oder Mitglieder der SS. Damals konnte man den Frauen keine Lebensfreunde und Kreativität zumuten. Sie standen im Schatten der Männer und des eigenen Lebens: „Regen- Sonne, draußen- drinnen; die weiblichen Gefühle wurden sehr wetterabhängig, weil „Draußen“ fast immer nur der Hof sein durfte und „Drinnen“ ausnahmslos das eigene Haus ohne eigenes Zimmer“. (WU, S.19)

Das war im Leben zählte, beschränkte sich auf vier Wände und vielleicht einen neuen Kochherd. Stolz konnten sie nur auf ihre Staatsangehörigkeit sein, denn sie nur gewährleistete ihnen gewisse Unantastbarkeit in der NS- Zeit. Interesse zeigten sie für nichts und konnten sich in keinem intellektuellen Bereich behaupten. Angefesselt an die täglichen Pflichten waren sie nur nachts in ihren Freiheitsgedanken versunken. Ihre Rechte wurden ständig verletzt. Aber hatten sie ihre Rechte überhaupt? Ein prägnanter Satz von damals könnte so lauten: Das war kein Leben.

Kapitel I

1.1. Über den Autor

In der zeitgenössischen Literatur gilt er als Meister des Wortes. Kennzeichnend für ihn ist die penible Genauigkeit seiner Prosasprache. Mit seinen scheinbar banalen Aussagen, die mit Bedeutung „aufgeladen“ werden, steht er immer noch in Opposition zu den anderen Gegenwartsschriftstellern. „Wer Peter Handke gerecht werden will, kommt nicht umhin, den Gedankenreichtum und die Sprachmacht des Autors wahrzunehmen und das stetig erneuerte Anregungspotenzial seiner Schriften zu bewundern“9. Handke begann als sprachexperimenteller Autor und wandte sich dann dem Erzählen zu. Seine schriftstellerischen Anfänge sind in hohem Ausmaß durch gewisse Widersprüche in seinem Leben und seinen Werken verwoben. Die literarische Begabung Handkes hat teilweise ihre Wurzeln in den Büchern seiner vorbildlichen Prosaschriftsteller: Heinrich von Kleist, Gustave Flaubert, Fedor Dostojewski, Franz Kafka, Alain Robbe- Grillet. Namentlich William Faulkner und Georges Bernanos blieben dem jungen Autor tief im Hinterkopf und beeinflussten weitgehend sein Leben:

Das hing damit zusammen, dass ich in einem katholischen Internat lebte (...); und Bücher wie die von Bernanos und Faulkner (...), die ich unerlaubt gekauft habe, waren natürlich dadurch, dass sie als Lektüre verboten waren, prädestiniert dazu, mir eine Gegenwelt zu dem zu errichten, was mir das Internat bedeutet hat. Und die Welt, die mir aus den Büchern entgegenschlug, war doch im Gegensatz zu der, in der ich lebte, das eigentliche Leben10.

Daraus lässt sich die unkonforme Lebenseinstellung des Autors erschließen, die in den Jahren seines Aufkommens bei den Lesern Anerkennung fand. Nichts beanspruchte Handke mehr als der Gedanke, für sich eine breite Lesergesellschaft einzunehmen. In den sechziger Jahren, wo sein literarisches Talent endlich ans Tageslicht kam, suchte die Öffentlichkeit nach etwas Avantgardem, nach etwas, was sich von der langweiligen, immer auf gleichen kulturellen und gesellschaftlichen Konventionen beruhenden Realität abhebt. In dieser Zeit verfügte Handke über diese Potenz, sich mit allem was Gegensätzlichkeiten aufweist, zu konfrontieren:

Das Prinzip des Widerspruchs, das in den Jahren der Jugend- und Studentenbewegung einen hohen gesellschaftlichen Akzeptanzwert besaß, schuf ihm den Freiheits- und Selbstbehauptungsraum, in dem er sich kreativ von seinen eigenen Abhängigkeiten, von familiären Bindungen und literarischen Einflüssen, lösen konnte. Erst dieses Progressionsmoment, für das Handke auch mit seinem modischen Aussehen, mehreren Wohnortwechseln und verschiedenen Lebensformen bürgte, machte ihn zum epochalen Phänotyp, zum Repräsentanten einer Suche nach Selbstbestimmung, die Sprach und Verhaltensnormen nicht bloß erkennen, sondern auch überwinden wollte11.

Motivation, Arbeitseifer und die Entschlossenheit im Streben nach dem gewünschten Lebensziel verhalfen ihm, in Schriftstellerkreise zu gelangen: „Ich war in der Ratlosigkeit von Abiturienten...Ich wusste einfach nicht, was ich wollte. Das Ziel war: Schriftsteller zu werden und zu sein“12. Obwohl seine Zerrissenheit nach dem sehr gut bestandenen Abitur sehr groß war, wusste der einundzwanzigjährige Absolvent den einzigen Lebensweg.

Im Jahre 1959 publizierte Handke zum ersten Mal seine literarischen Texte: „Der Namenlose“ und „In der Zwischenzeit“, die man in der Kärntner Zeitung lesen konnte. Für den siebzehnjährigen Schüler war das ein großer Erfolg. In dem ersten Text beschäftigte sich Handke mit der Problematik der „Identitätsverlust und Identitätssuche“. In dem zweiten wird eine Gerichtssituation dargestellt: eine Verhandlung findet in einem leeren Raum statt. Ein Mann wird des Mordes angeklagt und er gesteht auch seine Tat. Die Geschworenen begeben sich in einen anderen Saal, um das Urteil zu fällen. Im Gerichtssaal gibt es fast keine Menschen außer einem alten Mann in der letzten Bank. Und diese Gestalt spielt in diesem Text eine wichtige Rolle. Bevor die Geschworenen zurückkommen, wird das Urteil von diesem alten Mann gefällt werden:

Dann stand der alte Mann vor ihm und seine Gestalt war so sehr gebeugt, dass sein Gesicht noch immer unsichtbar war. Dann hob er sein Gesicht und blickte ihn an und schwieg. Der andere sah ihn und sein ganzes, nasses Gesicht dehnte sich aus und dann faltete es sich wieder wie ein weißes Hemd, und zuletzt sank die Gestalt in den Ketten zusammen wie ein vom Galgen Abgenommener. Und das Leben wich aus ihm.13

Man wird sofort auf die Art der Darstellung aufmerksam. Das ist sehr typisch für

Handke, dass er dem Leser keine einfache Literatur anbietet. Sichtbar ist hier „das sichere Vermeiden von Klischee in Wort, Bild und Satzform“14. Diese schon in den früheren Jahren erworbene Schreibfertigkeit prägte Handkes spätere Art des Schreibens.

Handkes Studienzeit hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung seines schriftstellerischen Talents. Handke entschied sich für das Jurastudium aus einem bestimmten Grund: „Es gab einen Professor für Deutsch, der mir riet- und der wusste, dass ich schrieb-, ein Studium zu wählen, wo man nebenbei viel Zeit zum Schreiben hätte. Das Jusstudium ist ja in Österreich so, dass man drei oder vier Monate intensiv seine Fakten lernen muss, und so hat man dann vier bis fünf Monate für sich“15.

Diese Zeit war jedoch nicht einfach für den Studenten Handke- der Grund dafür waren die Finanzen. Handke suchte sich immer neue Beschäftigungen aus, gab Nachhilfe und arbeitete in einem Großversandhaus Kastner& Öhler. Mit dem Geld, das er verdiente, unterstützte er vor allem seine Mutter im Haushalt. Als Ziel setzte er sich jedoch, mir der Literatur Geld zu verdienen. So suchte er in seiner Studienzeit möglichst viele Kontakte zu anderen Künstlern und Kulturveranstaltern. Handke ist im ländlichen Kärnten in großer Armut aufgewachsen und die Erinnerung der damaligen Lebenssituation setzte in ihn große Triebkräfte ein, mit denen er um das bessere Schicksal kämpfte. So schrieb er immer mehr und nahm an vielen literarischen Ereignissen teil. Seine Beständigkeit im Streben nach dem besseren Leben brachte Erfolge: „Liebe Mama, etwas noch, ich möchte auf jeden Fall, dass Du von mir die 600 Schilling nehmen wirst, die ich im September für irgendwelche Sachen kriegen werde“16.

Im Jahre 1966 kam in Handkes schriftstellerischer Laufbahn zum Durchbruch. Im April dieses Jahres setzte sich in Amerika die Gruppe 47 zusammen, an derer Sitzung auch Handke, vom Verlag Suhrkamp eingeladen, teilnehmen durfte. Seine Anwesenheit an der Universität Princeton, wo die Sitzung stattfand, erweckte kein Interesse der Teilnehmer, denn ihn kannte kaum jemand. Der Vierundzwanzigjährige, dem es nicht gelang, mit dem ersten Roman „Die Hornissen“ in die Literatenwelt zu gelangen, versuchte einen anderen Weg zum Erfolg. Am dritten Tag der Tagung nahm der Student Handke an der von Hans Werner Richter geleiteten Lesung teil. Er meldete sich nämlich zu Wort, machte es zugleich mit Bravour und verstoß dabei gegen die Tagungsregeln, nur über einen zuvor gehörten Text urteilen zu dürfen. Selbstbewusst und mit jugendlicher Spontanität übte er Kritik an der deutschen Gegenwartsliteratur:

Ich bemerke, dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht. Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung, was von Natur aus schon das billigste ist, womit man überhaupt nur Literatur machen kann. Wenn man nichts mehr weiß, dann kann man immer noch Einzelheiten beschreiben. Es ist eine ganz, ganz unschöpferische Periode in der deutschen Literatur doch hier angebrochen, und dieses komische Schlagwort vom „ Neuen Realismus“ wird von allerlei Leuten ausgenützt, um doch da irgendwie ins Gespräch zu kommen, obwohl sie keinerlei Fähigkeiten und keinerlei schöpferische Potenz zu irgendeiner Literatur haben. Es wird überhaupt keinerlei Reflexion gemacht.17

Die Bewertung dieses Auftrittes variierte stark. Manche Kritiker hielten ihn für eine Art des Jugendstreiches. Erich Kuby, Vertreter des „Spiegels“18, beim Treffen der Gruppe 47 zugegen gewesen, bezeichnete diesen Vorfall als „ List“. Seiner Meinung nach, wusste der „Beat- Autor“, der mit Beatmusik und Popmalerei Alan Jones und David Hockneys verglichen wurde, die mediengerichtete Provokation gezielt anzuwenden. Handkes Ruhm verbreitete sich rasch und bald danach befand er sich im Mittelpunkt des literarischen Geschehens. Er wurde erfolgreich weil er den Mut hatte, gegen die konservative Literatur Widerspruch zu erheben. Seit diesem Vorfall hat man seine Kariere als „ Zwischenruf” bezeichnet. Nach seinem Auftritt in Princeton nahm sein Leben ganz anderen Verlauf. Er wurde von allen Seiten beansprucht. Sein Ruhm wuchs zusammen mit seinem literarischen Talent. Der Aufenthalt in Salzburg, nicht nur aus privaten Gründen, dann 1967 eine Lesung im Tegeler Humboldt- Gymnasium in Berlin oder seine Teilnahme an dem Internationalen Frankfurter Forum für Literatur erfüllten sein Leben. Er bewarb immer breiteres Publikum für sich. Ihn gab es für seine Leser und seine Leser gab es für ihn. Handke gelang es, mit spektakulärsten Methoden die junge Generation anzusprechen.

„Er war der Typ seiner Generation. Und er besaß für sie die nötige Ausstrahlung, er hatte das Charisma. Handke galt als jünger Künstler, der gegen die alten Autoritäten auftrat. Ein sanfter Einzelner, ein leiser, aber bestimmter Sprecher gegen die lauten Wortführer der Tradition. Kunst als Sprengsatz des Generationenkonflikts, der beginnenden Autoritätskrise, das war er“19.

Vor dem Auftritt in Pinceton veröffentlichte Handke seinen ersten Roman „Die Hornissen“, der keine große Anerkennung in der Literatenwelt fand. Nach diesem Auftritt entstanden in der Zeitspanne von sechs Jahren folgende Werke: „Die Publikumsbeschimpfung“, „Der Hausierer“, „Kaspar“, „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“, „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und „ Wunschloses Unglück“. Alle diese Werke bezeugen Handkes literarische Entwicklung. Vom sprachexperimentellen Schriftsteller kam Handke in diesen sechs Jahren in eine andere Phase des Schreibens: „ Für die zweite Phase von Handkes Werk ist ein bewusster Rückgriff auf die literarische Tradition, der sich mit der Konzentration auf subjektive Wahrnehmung und intensive Selbstreflexion verbindet. In der zeitgenössischen Literatur wurde diese Wendung als „neue Innerlichkeit“ gekennzeichnet“20.

Am 20. Oktober 1961 gab Handke mit seinem ersten Brief an die Mutter den Anstoß zum Briefwechsel, der in zunehmendem Ausmaß sein und ihr Leben veränderte. Maria Handke hatte an ihrem Sohn Peter eine wertvolle Stütze:

Vergiss nicht, dass ich immer für Dich da binEs vergeht kein Tag, an dem ich nicht Dein Bild in die Hand nehme und mit Dir Zwiesprache halte und es vergeht keine Stunde, in der nicht meine Gedanken bei Dir verweilen. Das sieht direkt einer Liebeserklärung ähnlich, normalerweise braucht man keine Worte zu machen, aber ich muss Dir dies doch alles schreiben, weil es mir Freude macht und Du Dich vielleicht darüber ärgerst...21.

Zehn Jahre später, am 20. Oktober 1971 setzte Maria Handke ihrem Leben ein Ende. Der Austausch von Briefen brach ab. Sieben Wochen danach schrieb der beliebteste Sohn die Geschichte seiner Mutter und versah sie mit dem Titel „Wunschloses Unglück“:

Das Wunschlose Unglück, das ist mir sehr schwer gefallen, weil’s im Grund eine Nacherzählung war vom Leben meiner Mutter. Ich hab überhaupt keine Lust in den Fingerspitzen und kein heißes Herz bekommen und der Kopf hat so eingeteilt, hat gedacht statt bedacht (das ist für mich immer noch ein Unterschied), also ich hab kein Bild bedenken können. Nur die Trauer hat mich dann weitergetrieben.22

Dass Handke an der Erzählung „Wunschloses Unglück“ schrieb und nur von der Trauer weitergetrieben wurde, ist es, meines Erachtens, weitgehend übertrieben. In „Gestern unterwegs“ schrieb er: „>Ich bin dein Kind< möchte man zeitweise sagen. Aber zu wem?“23.

Ich wage es zu sagen, dass diese Lust über eigene Mutter zu schreiben tief in der Ratlosigkeit steckte. In der Ratlosigkeit, derer er sich später bewusst war und mit der er allein blieb.

[...]


1 Schmiedt, Helmut. Analytiker und Prophet. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrg.). TEXT + KRITIK Zeitschrift für Literatur Heft 24; Peter Handke. München: Verlag edition text+ kritik. Neufassung November 1989, S. 82

2 Dittberner, Hugo. Der heroische Kampf um die Erzählung. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrg.). TEXT + KRITIK Zeitschrift für Literatur Heft 24; Peter Handke. München: Verlag edition text+ kritik. Neufassung Juni 1999, S. 33

3 Haslinger, Adolf. Peter Handke- Jugend eines Schriftstellers. Salzburg und Wien: Residenz Verlag. 1992, S. 130

4 Handke, Peter. Wunschloses Unglück. Salzburg: Residenz Verlag. 2001, S. 13

5 Kaszyński, Stefan H. Nieszczęście po austriacku. In: Summa vitae Austriacae. Szkice o literaturze polskiej. Poznań: ars nova. 1999, S. 241: Nie mam żadnych tematów, o których chciałbym pisać: pragnę tylko widzieć siebie jasno; bardziej siebie poznać, nauczyć się, co robię źle, co myślę źle, co myślę w sposób nieprzemyślany, co mówię nieprzemyślanie, co mówię automatycznie, co inni robią nieprzemyślanie, myślą, mówią: pragnę stać się uważnym i uważnie działać: pragnę być wrażliwszym, dokładniejszy, abym, ja i inni mogli lepiej się porozumieć, z nimi lepiej obcować Program Handkego jest wiec absolutnie konkretny i obcy wszelkim teoretycznym mistyfikacjom. Pisze to, co widzi i przeżywa, nie tworzy nigdy alternatyw, mimo wszystko daleki jest od błahego dokumentalizmu. Mówiąc o świecie, wyraża się o sobie, a ponieważ jest osobowością niebanalną, również świat przez niego obrazowany jest ciekawszy i bogatszy niż to się zrazu wydaje estetycznie nie obytym obserwatorom.

6 Schmiedt, Helmut. Analytiker und Prophet. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrg.). TEXT + KRITIK Zeitschrift für Literatur Heft 24; Peter Handke. München: Verlag edition text+ kritik. Neufassung November 1989, S. 83

7 Ebda., S. 82f.

8 Pollack, Martin. Śmierć w bunkrze. Opowieść o moim ojcu. Wołowiec: Wydawnictwo Czarne. 2006, S. 167

9 Dittberner, Hugo. Der panische Übersetzer. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrg.). TEXT + KRITIK Zeitschrift für Literatur Heft 24; Peter Handke. München: Verlag edition text+ kritik. Neufassung November 1989, S. 3

10 Haslinger, Adolf. Peter Handke- Jugend eines Schriftstellers. Salzburg und Wien: Residenz Verlag. 1992, S. 96f.

11 Lorenz, Otto. Literatur als Widerspruch. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrg.). TEXT + KRITIK Zeitschrift für Literatur Heft 24; Peter Handke. München: Verlag edition text+ kritik. Neufassung November 1989, S. 9

12 Haslinger, Adolf. Peter Handke- Jugend eines Schriftstellers. Salzburg und Wien: Residenz Verlag. 1992, S. 49

13 Ebda., S. 41

14 Haslinger, Adolf. Peter Handke- Jugend eines Schriftstellers. Salzburg und Wien: Residenz Verlag. 1992, S. 38

15 Ebda., S. 49

16 Ebda., S. 60f.

17 Peter Handkes Auftritt in Princeton und Hans Mayers Entgegnung. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrg.). TEXT + KRITIK Zeitschrift für Literatur Heft 24; Peter Handke. München: Verlag edition text+ kritik. Neufassung November 1989, S. 17

18 Ebda., S.11

19 Haslinger, Adolf. Peter Handke- Jugend eines Schriftstellers. Salzburg und Wien: Residenz Verlag. 1992, S.126

20 Steinecke, Hartmut. (Hrg.) Deutsche Dichter des 20. Jahrhunderts. Berlin: Erich Schmidt Verlag. 1996, S. 860

21 Haslinger, Adolf. Peter Handke- Jugend eines Schriftstellers. Salzburg und Wien: Residenz Verlag. 1992, S. 55

22 Peter Handke im Gespräch mit Herbert Gamper „Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen. Zürich: Ammanverlag. 1987, S. 28

23 Handke, Peter. Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987- Juli 1990. Salzburg und Wien: Jung und Jung Verlag. 2005, S. 386

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Details

Titel
Ketten der Vergangenheit. Das Mutterbild in Peter Handkes Erzählung "Wunschloses Unglück"
Hochschule
Uniwersytet Pedagogiczny im. Komisji Edukacji Narodowej w Krakowie
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
41
Katalognummer
V520827
ISBN (eBook)
9783346129840
ISBN (Buch)
9783346129857
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ketten, vergangenheit, mutterbild, peter, handkes, erzählung, wunschloses, glück
Arbeit zitieren
Dominika Kowalczyk (Autor), 2006, Ketten der Vergangenheit. Das Mutterbild in Peter Handkes Erzählung "Wunschloses Unglück", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520827

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