Die vorliegende Arbeit stellt die schriftsprachliche Transponierung eines mündlich gehaltenen Vortrages in das Medium Schriftsprachlicher Text sowie eine weiterführende wissenschaftliche Ausarbeitung des Themas dar.
Der gehaltene Vortrag mit dem Titel Michael Balint – Die Pharmakologie der Droge Arzt fand im Rahmen eines akademischen Blockseminars zum Thema Gruppentheorien statt und bemühte sich – gleichsam wie die vorliegende Arbeit – die Forschungsarbeit Michael Balints gestalthaft zu rekonstruieren. Hier-für werden die theoretischen Hintergründe und geschichtlichen Horizonte rund um die Balint-Gruppe einander zugestellt, um dadurch eine hermeneutische Übersumme des Verstehens zu schaffen.
Die Balint-Gruppe war ein vom Ehepaar Balint entwickeltes Forschungsdesign, welches ärztliches Interaktionsverhalten mit Hinblick auf seine psycho-somatische Heilwirkung untersuchte. Ziel war eine Standardisierung der Droge Arzt, wie Balint es nannte.
Die vorliegende Arbeit deckt in ähnlicher Weise wie der gehaltene Vortrag historische Bedingungen auf, die zum Phänomen der Balint-Gruppe führten. So wird die Biographie der Eheleute Balint vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis zum Ende des zwanzigsten vorgestellt, die mit der Geschichte Mitteleuropas verwoben ist. Fachspezifisch werden die Geschichte der Medizin und v.a. der Psychoanalyse, die sich vor allem in England ereignete, nachgezeichnet. Wissenschafts-theoretisch werden die Einflüsse der Psychoanalyse, der Medizin, der Pharmakologie und der Sozialarbeit – als Wurzel der heutigen Supervision in Deutschland – auf die Balint-Gruppe dargelegt. Anschließend wird die Balint-Gruppe als Studie vorgestellt, d.h. ihr Forschungsdesign wird mit Hinblick auf die ihr zu Grunde liegenden Forschungsfragen analysiert und ihre Forschungsergebnisse vor dem historischen Horizont der Gegenwart diskutiert.
Den Abschluss der vorliegenden Arbeit bildet eine Skizze der Gruppendiskussionen, die sich während des Vortrages ergaben und die unbeabsichtigt in einem Eklat mündeten.
Inhaltsverzeichnis
1 Ein Referat zum Thema Gruppentheorien
2 Schriftsprachliche Rekonstruktion eines gehaltenen Vortrages: Vorüberlegungen
3 Theoretische und historische Hintergründe der BG
3.1 Die Triebtheorie Siegmund Freuds und die Objekt-Beziehungstheorie (Melanie Kleins)
3.1.1 Die Freud’sche Triebtheorie
3.1.2 Melanie Klein und die Objekt-Beziehungstheorie
3.1.3 Verstehen vs. Einfühlen: PA in ihrer Anwendung
3.2 Geschichtliche Darstellung der Psycho-Analyse in England
3.3 Michael Bergsmann: der Sohn eines ungarisch-jüdischen Allgemein-Arztes
3.4 Enid Balint
3.5 Das Ehepaar Balint
4 Die Balint-Gruppe: eine therapiewissenschaftliche Studie
4.1 Theoretischer Hintergrund und Forschungsfragen
4.2 Methodisches Vorgehen
4.3 Studien-Ergebnisse und Balints Fazit
4.3.1 Die pathologischen Arzt-Patienten-Interaktionsprozesse
4.3.1.1 Interaktionsstruktur der Schulmedizin
4.3.1.2 Sprache der Schulmedizin
4.3.1.3 Kulturelle Prägung der Ärzte … und der Patienten!
4.3.1.4 Mangelnde Selbstprüfung und apostolischer Eifer oder Das Dilemma mit der richtigen Lebensführung
4.3.1.5 Beruhigungen und Ratschläge: die meist verwendeten Therapiemethoden der Droge Arzt
4.3.2 Die übrigen Ergebnisse
4.3.2.1 Früherkennung pathologischer Interaktionsprozesse
4.3.2.2 Therapeutische Möglichkeiten
4.3.2.3 Lösungen: recht mager. Richtung: tritt klar heraus.
4.3.3 Balints Fazit
4.4 Abschließende Betrachtungen
5 Appendix: Diskussionen während des Vortrages … und ein Eklat!
5.1 Fall 2 von Dr. G.
5.2 Fall 1 von Dr. M
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit rekonstruiert das Phänomen der Balint-Gruppe (BG) im Kontext seiner historischen Wurzeln und theoretischen Grundlagen. Das Ziel der Arbeit besteht darin, die von Michael Balint initiierte therapiewissenschaftliche Studie, die das ärztliche Interaktionsverhalten und die psycho-somatische Heilwirkung untersuchte, im Hinblick auf ihre ursprünglichen Forschungsfragen und Ergebnisse zu analysieren und kritisch zu diskutieren.
- Biographische Rekonstruktion des Ehepaars Balint vor dem Hintergrund mitteleuropäischer Geschichte.
- Theoretische Fundierung durch Psychoanalyse, Triebtheorie und Objekt-Beziehungstheorie.
- Analyse der Balint-Gruppe als spezifisches Forschungsdesign in der Allgemeinmedizin.
- Untersuchung der ärztlichen Interaktionsstruktur und der „Apostolischen Funktion“ von Medizinern.
- Kritische Reflexion der Bedeutung von Supervision und Kommunikation in der heutigen klinischen Praxis.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Freud’sche Triebtheorie
Von den biologischen Trieben (v.a. Sexualtrieb und Aggressionen) ausgehend, entwickelte Freud ein psychisches Modell, das das Individuum als Regulationsapparat (vgl. Freud 1923, S. 8 u. 11) mit unterschiedlichen psychischen Subsystemen (ebd. S.8 – 13, S.17 u. S. 42f.) darstellte, um sich den Bedingungen und Anforderung der äußeren Realität (Kultur) anzupassen, in die dieser Apparat hineingeboren wird. Die Technisierung des Individuums ist anhand der Termini (Apparat/System) offensichtlich; tatsächlich verwendet Freud in seiner Schrift „Das Ich und das Es“ (1923) siebzehn Mal den Begriff „System“! Auch Harald Wasser stellt in seiner Schrift „Psychoanalyse als Theorie autopoietischer Systeme“ (1995), die Teil seiner Dissertation ist, fest, dass „Freud die Psyche stets als ein System angesehen [hat] und nicht etwa als Erlebnissphäre eines (transzendentalen oder empirischen) Subjekts, zweitens tritt bei Freud der Erfahrungsbegriff in einer Weise auf, die den Gedanken einer Autopoiesis des Erlebens von sich aus nahelegt, drittens beschrieb Freud das psychische System stets als ein Sinnsystem und viertens hat er die von ihm entworfene Theorie der Differenzierung in Subsysteme mit einer Theorie der Codierung verbunden.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Ein Referat zum Thema Gruppentheorien: Einleitung und Einordnung der Arbeit als schriftliche Ausarbeitung eines hochschulischen Blockseminar-Vortrags.
2 Schriftsprachliche Rekonstruktion eines gehaltenen Vortrages: Vorüberlegungen: Darlegung des methodischen Versuchs, das Phänomen der Balint-Gruppe durch eine Verbindung von historischen und theoretischen Horizonten gestalthaft zu rekonstruieren.
3 Theoretische und historische Hintergründe der BG: Darstellung der psychoanalytischen Grundlagen sowie der biographischen Prägung von Michael und Enid Balint innerhalb des englischen Kontexts.
4 Die Balint-Gruppe: eine therapiewissenschaftliche Studie: Analyse des Forschungsdesigns der Balint-Gruppe, das darauf abzielte, ärztliches Handeln in Bezug auf psycho-somatische Krankheitsbilder zu standardisieren.
5 Appendix: Diskussionen während des Vortrages … und ein Eklat!: Dokumentation der während des ursprünglichen Vortrags aufgekommenen Gruppendynamik und der daraus resultierenden Konflikte im Plenum.
Schlüsselwörter
Balint-Gruppe, Psychoanalyse, Objekt-Beziehungstheorie, Medizinische Ausbildung, Psycho-Somatik, Arzt-Patient-Beziehung, Supervision, Triebtheorie, Forschungsdesign, Kommunikation, Individualität, Gruppentheorie, Klinische Psychologie, Sozialarbeit, Interaktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit widmet sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung eines Referats über das Ehepaar Balint und die von ihnen entwickelte „Balint-Gruppe“, untersucht als Forschungsinstrument in der Allgemeinmedizin.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Psychoanalyse in England, die theoretischen Einflüsse auf Balints Arbeit (insbesondere Freud und Melanie Klein) sowie die Schnittstelle zwischen Medizin und Psychotherapie.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Hauptziel ist die Rekonstruktion des Balint’schen Forschungsdesigns und die kritische Untersuchung des Anspruchs, ärztliches Interaktionsverhalten mittels Supervision standardisierbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich primär um eine literaturgestützte, hermeneutische Rekonstruktion, die historisch-biographische Daten mit psychodynamischen Theorien verknüpft, um die Entstehungsgeschichte der Balint-Gruppe zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte historische Herleitung, die Vorstellung des Ehepaars Balint als Akteure und die detaillierte Analyse der Balint-Gruppe als Studie zu pathologischen Interaktionsprozessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung wird durch Begriffe wie Balint-Gruppe, Arzt-Patient-Beziehung, Psycho-Somatik, Supervision und Objekt-Beziehungstheorie geprägt.
Inwiefern spielt der "Apostolische Eifer" eine Rolle für die Arbeit?
Der Begriff beschreibt das Balint’sche Konzept, bei dem Ärzte unbewusst ihre eigenen Lösungsstrategien auf Patienten übertragen, anstatt eine neutrale explorative Haltung einzunehmen.
Wie unterscheidet sich die ursprüngliche Balint-Gruppe von heutigen Ansätzen?
Während bei Balint der Vortragende und seine affektive Involviertheit im Fokus standen, fokussieren heutige Gruppen verstärkt auf den Fall und die supervisorische Fallarbeit ohne den Anspruch auf psychoanalytische Selbsterfahrung.
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- Sascha Kaletka (Author), 2019, Das Ehepaar Balint. Eine "Pharmakologie der Droge Arzt", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/520910