Wolframs von Eschenbach ‚Parzival’ ist eines der bedeutendsten Werke mittelalterlicher Dichtung. Immer wieder wird auch dieses Werk durch den Wandel des unseres Bildes des Mittelalters neu interpretiert. In einem heute eher technizistischen Mittelalterbild rücken auch technische Wunderwerke und Automaten mehr in den Blickpunkt der Forschung. Unter dem Gesichtspunkt der Interdisziplinarität macht es Sinn, auch literarische Werke im Hinblick auf technische und naturwissenschaftliche Dinge zu untersuchen. Im ‚Parzival’ Wolframs von Eschenbach sind zwei solcher technischen Gegenstände zu finden, die jedoch auch in den Bereich des Wunderbaren einzuordnen sind.1 Im Zusammenhang mit dem Seminarthema ‚Ekphrasis’ möchte ich mit dieser Arbeit untersuchen, wie Wolfram die Beschreibung der technischen Wunderwerke in den Erzählstrang eingliedert. Dabei kommt es mir vor allem darauf an, zu erörtern, wie er dem Rezipienten die Objekte der Beschreibung darbietet und sie imaginierbar macht. Außerdem möchte ich zum einen die Funktion, zum anderen aber auch den Ursprung dieser Wunderwerke / Automaten kurz ansprechen. Dazu gehört auch die Frage, welche Rolle der Zauberer Clinschor im Zusammenhang mit der Bedeutung der Automaten spielt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rahmengeschehen vor, während und nach der Ekphrasis der Automaten/ technischen Wunderwerke
3. Beschreibung der Automaten / technischen Wunderwerke
3.1 Das „lit marveile“
3.1.1 Beschreibung des Bettes
3.1.2 Funktion des Bettes
3.1.3 Vergleich mit der Vorlage Chretiens
3.1.4 Clinschor als Erbauer des Automaten
3.2 Die Wundersäule
3.2.1 Beschreibung der Säule
3.2.2 Funktion und Ursprung der Säule
4. Resümee
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung technischer Wunderwerke im "Parzival" von Wolfram von Eschenbach unter Berücksichtigung des Seminarthemas "Ekphrasis". Das primäre Ziel ist es zu analysieren, wie der Autor die Beschreibung dieser Automaten in den Erzählstrang eingliedert, dem Rezipienten imaginierbar macht und welche Rolle das Wirken des Zauberers Clinschor in diesem Zusammenhang spielt.
- Ekphrasis als literarische Beschreibungstechnik bei Wolfram von Eschenbach
- Die Rolle der Automaten (lit marveile und Wundersäule) im "Parzival"
- Funktion und Ursprung technischer Wunderwerke in der arthurischen Dichtung
- Verhältnis von technischem Können und schwarzer Magie
- Die Rolle des Zauberers Clinschor bei der Errichtung des schastel marveile
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Funktion des Bettes
Normalerweise erfüllt ein Bett die Funktion als „Ruhebett, Liebesbett Krankenbett oder ähnliches“. Das lit marveile ist jedoch alles andere als ein Ort der Ruhe. Als der Held sich nach einigen Mühen endlich in dem Bett befindet, findet er dort weder Ruhe noch Entspannung. Nachdem das Bett nach dem wilden Umherfahren endlich zum Stehen kommt, ist noch immer nicht an seine eigentliche Funktion zu denken. Durch die Position des Bettes im Raum wird Gawan zur Zielscheibe des Geschosshagels einer militärischen Abwehranlage. Das Bett selbst wird paradoxerweise zum Ort des Kampfes, statt ein Ort des Friedens zu sein.
Gleichzeitig steht aber der Ort der aventuire, nämlich das Wunderbett im Zusammenhang mit der Aufgabe des Abenteuers. Es kann zwar in seiner Funktion als Liebesbett nicht genutzt werden, ist jedoch das Abenteuer darauf bestanden, so ist auch der böse Zauber Clinschors aufgehoben. Das lit marveile kann verstanden werden als Symbol für die auf dem schastel marveile durch Clinschors Zauber unmöglich gemachte Liebe zwischen Männern und Frauen. Solange das Abenteuer auf dem Wunderbett nicht bestanden wurde, solange dürfen Frauen und Männer auf der Burg keinen Kontakt miteinander haben. Es ist also ein Abwehrautomat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik ein, technische Wunderwerke im "Parzival" unter dem Gesichtspunkt der Ekphrasis und Interdisziplinarität zu untersuchen.
2. Rahmengeschehen vor, während und nach der Ekphrasis der Automaten/ technischen Wunderwerke: Das Kapitel bettet die technischen Wunderwerke in den Handlungsstrang des schastel marveile ein und betont die Bedeutung der Liebe.
3. Beschreibung der Automaten / technischen Wunderwerke: In diesem Hauptteil erfolgt die detaillierte Analyse der beiden Automaten.
3.1 Das „lit marveile“: Dieser Abschnitt widmet sich dem Wunderbett als zentralem Abwehrautomaten.
3.1.1 Beschreibung des Bettes: Fokus auf die visuelle Darstellung und die erste Konfrontation des Helden mit dem Automaten.
3.1.2 Funktion des Bettes: Analyse des Bettes als paradoxes Kampfobjekt und Symbol für verhinderte Minne.
3.1.3 Vergleich mit der Vorlage Chretiens: Gegenüberstellung mit dem Perceval-Epos zur Herausarbeitung der spezifischen Modifikationen durch Wolfram.
3.1.4 Clinschor als Erbauer des Automaten: Untersuchung der Verbindung von technischem Konstrukt und magischem Wirken durch den Zauberer.
3.2 Die Wundersäule: Analyse des zweiten großen technischen Wunderwerks auf dem Schloss.
3.2.1 Beschreibung der Säule: Beschreibung der Beschaffenheit und der optischen Raffinesse der Säule.
3.2.2 Funktion und Ursprung der Säule: Erörterung der Säule als optisches Überwachungsinstrument und ihrer Herkunft.
4. Resümee: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich Wolframs Erzählstil und der Funktion des Wunderbaren.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Ekphrasis, Automaten, technisches Wunderwerk, lit marveile, Wundersäule, Clinschor, schastel marveile, mittelalterliche Literatur, Minne, Magie, Gawan, Abenteuer, Katoptrik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung technischer Automaten im "Parzival" von Wolfram von Eschenbach unter Berücksichtigung des literarischen Beschreibungskonzepts der Ekphrasis.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Einbettung technischer Beschreibungen in den Erzählfluss, die Funktion der Automaten für die Handlung sowie die Verbindung von Technik und Magie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu erörtern, wie Wolfram die technischen Wunderwerke imaginierbar macht und welche Bedeutung der Zauberer Clinschor in diesem Kontext innehat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die deskriptive Passagen im Text untersucht und diese mit der mittelalterlichen Erzähltradition und intertextuellen Bezügen abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Beschreibung und Funktionsanalyse der zwei zentralen Objekte: das "lit marveile" (Wunderbett) und die Wundersäule.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Ekphrasis, technische Wunderwerke, schastel marveile, Automaten und Clinschor.
Wie unterscheidet sich das "lit marveile" bei Wolfram von der Vorlage bei Chretien de Troyes?
Während bei Chretien die Beschreibung des Bettes detaillierter ist, betont Wolfram stärker den automatisierten Abwehrmechanismus und die Verbindung zur Handlung, wobei er auf zu detaillierte technische Beschreibungen verzichtet.
Welche Rolle spielt die Wundersäule für die Erzählung?
Die Säule dient als optisches Überwachungsinstrument (Katoptrik), das es ermöglicht, das Umland zu beobachten, und fungiert als Bindeglied zwischen Clinschors Macht und dem Handlungsverlauf Gawans.
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- Nadine Hey (Author), 2004, Technische Wunderwerke im 'Parzival' Wolframs von Eschenbach, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52132