Globale Schadstoffe und Migration - Ein Modell


Seminararbeit, 2002

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Mobilität und Umwelt im Kontext öffentlicher Güter
2.1 Mobilität und öffentliche Güter
2.2 Umweltqualität als öffentliches Gut
2.3 Verschiedene Modelle im Vergleich

3 Das Modell von Haavio
3.1 Die Annahmen
3.2 Die Lösungen
3.3 Die Ergebnisse

4 Kritische Schlussbetrachtung

Literatur

1 Einleitung

Am Beginn des 21. Jahrhunderts befindet sich die Welt im Wandel. Die alle Lebens­bereiche umfassende Globalisierung stellt die Menschheit vor neue Herausforderun­gen, verlangt neue Denkansätze und Lösungen. Im zusammenwachsenden Europa gibt es schon heute einen gemeinsamen Arbeitsmarkt, der immer flexibler wird. Von den Menschen erfordert dies u. a. einen wachsenden Grad an Mobilität. Ein Wandel ist aber auch im Umweltbereich zu spüren. Vermehrt auftretende Naturkatastro­phen scheinen bereits erste Folgen einer langfristigen Klimaveränderung zu sein, Ozonlöcher die einer überhöhten Schadstoffproduktion.

In dieser Arbeit sollen speziell die Auswirkungen untersucht werden, die die Mobilität von Haushalten in Form von Aus- und Einwanderungen (Migration) und Umweltprobleme aufeinander haben. Neuere ökonomische Modelle versuchen, ge­rade dem komplexen Geflecht aus Wanderungsbewegungen und Umweltproblema­tik Rechnung zu tragen und betonen die gegenseitigen Abhängigkeiten. So kann man sich etwa vorstellen, dass eine ökologische Verarmung der ländlichen Umwelt zu Landflucht führt, woraufhin die Verstädterung dann wiederum etwa durch Bil­dung von Slums die Umweltbelastung erhöht. Auch kann Migration eine Folge der Zerstörung herkömmlicher Lebensräume durch Bodenerosion oder Naturkatastro­phen sein. Mittlerweile flüchten mehr Menschen vor Naturkatastrophen als vor po­litischen Konflikten aus ihrer Heimat. Die Zahl solcher „Umweltflüchtlinge“ wird weltweit auf 25 Millionen geschätzt. In Mittelamerika tötete der Hurrikan Mitch 1998 etwa 10.000 Menschen. Indonesien wurde von der schwersten Dürre seit 50 Jahren heimgesucht, und 180 Millionen Chinesen waren von einer Flutkatastrophe betroffen.[1] Andererseits verursacht Migration aber durch Nomadismus oder das Ab­holzen von Wäldern auch selbst wiederum Umweltprobleme.

Versteht man Migration zunächst allgemein als Mobilität von Haushalten, kann man auf eine reichhaltige Literatur zurückgreifen, in der Wanderungsbewegungen besonders im Hinblick auf finanzwissenschaftliche Probleme wie die Erzielung eines effizienten Angebots an öffentlichen Gütern untersucht wird. Im zweiten Abschnitt wird anhand von zwei ausgewählten Arbeiten auf diesen Modellrahmen näher ein­gegangen. Er bietet allerdings u. a. den Nachteil, Migration selbst nur als Folge und nicht auch als Ursache von Umweltproblemen begreifen zu können. Als eigentlicher Kernpunkt dieser Arbeit wird dann im dritten Abschnitt ein neuerer Ansatz be­handelt, der Mobilität von Schadstoffen und Haushalten gleichberechtigt und sich gegenseitig bedingend gegenüberstellt und so gezielter auf die engen Wechselwir­kungen von Migrations- und Umweltproblemen eingeht.

2 Mobilität und Umwelt im Kontext öffentlicher Güter

Die EU und die USA sind nur zwei Beispiele für Ökonomien, die aus mehreren in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht unterschiedlichen Regionen bestehen. Je größer diese Unterschiede und je ausgeprägter die meist historisch bedingten Ei­genständigkeiten der Regionen sind, desto mehr werden sie untereinander zu Kon­kurrenten und desto weniger bedeutend werden für sie die gemeinsamen Ziele und die Maximierung der Wohlfahrt der übergeordneten Ökonomie, Fragen nach effizien­tem Wirtschaften, gerechter Güterverteilung oder ganz allgemein nach dem Niveau der Wohlfahrt der Ökonomie werden daher sinnvollerweise diese dezentrale Struk­tur ganz wesentlich berücksichtigen. Selbst innerhalb der föderalistisch organisierten Bundesrepublik spielen Streitigkeiten von Bundesländern, etwa beim Länderfinanz­ausgleich, eine Rolle, die Fragen nach einem Eingriff der Bundesregierung und den Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Effizienz aufwerfen.

2.1 Mobilität und öffentliche Güter

Es leuchtet ein, dass Fragen der oben erwähnten Art in hohem Maße von Wande­rungsbewegungen zwischen den Regionen abhängen. Dies wird z, B, bei der Frage deutlich, wie vor dem Hintergrund mobiler Haushalte öffentliche Güter möglichst effizient über die Ökonomie verteilt werden sollen, d, h, derart, dass eine Region sich nur auf Kosten einer anderen verbessern könnte. Öffentliche Güter sind durch gleich­zeitiges und gemeinsames Nutzen und Nicht-Ausschließbarke it von Konsumenten sowie staatlicher, steuerfinanzierter Bereitstellung charakterisiert. Zu berücksichti­gen ist auch der Grad der Haushaltsmobilität, denn zwischen den Bundesländern in Deutschland bzw, den Staaten der USA sind Haushalte mobiler als etwa zwi­schen den Mitgliedstaaten der EU, wo die kulturellen und sozialen Bindungen an die Heimatländer stärker sind.

Das folgende Beispiel verdeutlicht, dass mit Mobilität auch unbeabsichtigte Be­gleiterscheinungen, sog, Externalitäten, verbunden sind, die einen Effizienzverlust bewirken können. Verlässt ein Steuerzahler eine Region, werden die dort Verbleiben­den durch die Besteuerung zur Finanzierung öffentlicher Güter zusätzlich belastet, da die Steuerabgaben des Migranten wegfallen. Umgekehrt tritt eine Entlastung für die Einwohner der Region ein, in die der Migrant einwandert. Die Pro-Kopf­Ausgaben für das lokale öffentliche Gut ändern sich - bei unveränderten individuel­len Präferenzen, Der Migrant beachtet diese Ent- bzw, Belastung jedoch bei seiner Entscheidung nicht. Das Auftreten dieser Externalität beeinträchtigt die gesamt­wirtschaftliche Effizienz, Dabei handelt es sich um eine fiskalische Externalität, d, h, um eine unerwünschte Auswirkung der Haushalte auf das Steuersystem, Hier wird argumentiert, dass eine Zentralregierung durch einen Finanzausgleich zwischen den Regionen die Effizienz erhöhen könne,[2]

Mansoorian und Myers [Mansoorianl993] zeigen allerdings, dass auch ohne Ein­griff einer Zentralmacht Effizienz erreicht werden kann, und zwar dadurch, dass den Regionen erlaubt wird, untereinander mit ihren Ressourcen Handel zu treiben. Bei perfekter, d, h, kostenloser Mobilität ohne Zeitverzug wird solange gehandelt, bis die Nutzenniveaus aller Haushalte gleich sind und in allen Regionen das gleiche Wohl­fahrtsniveau herrscht. Versucht eine Region, Einwohner anderer Regionen durch Handel schlechter zu stellen, würde sie damit auch ihre eigenen Einwohner schlechter stellen, da Nutzenunterschiede momentan durch Migration ausgeglichen werden. Das Ergebnis ist also effizient. Aber auch eingeschränkte Haushaltsmobilität führt nicht zu Ineffizienz, da auch hier von Migration verursachte Steuerverzerrungen durch in­terregionalen Handel ausgeglichen werden. Jetzt herrscht zwar abhängig von den Anfangsausstattungen der Regionen an Ressourcen keine Gleichheit bezüglich der Nutzenniveaus der Haushalte und der Wohlfahrt der Regionen mehr, aber dennoch kann sich keine Region mehr verbessern, ohne eine andere dabei zu verschlechtern.

2.2 Umweltqualität als öffentliches Gut

Eine ähnliche Situation liegt vor, wenn nicht nur die Mobilität der Haushalte, son­dern die öffentlichen Güter selbst Externalitäten in Form von Spillover-Effekten verursachen. Das geschieht, wenn Gebietsfremde von der Nutzung regionaler öffent­licher Güter nicht ausgeschlossen werden können. Das wichtigste öffentliche Gut, das Spillover-Effekte erzeugt und hier interessiert, ist Umweltqualität, Schadstoff­emissionen, die von einer Region verursacht werden, gelangen z, B, durch Wind und Flüsse auch in die angrenzenden Regionen und belasten diese mit, ohne sie dafür in irgendeiner Weise zu entschädigen. Umgekehrt profitieren sie aber auch kostenlos von Umweltschutzmaßnahmen anderer Regionen, Bemüht sich z, B, Deutschland um die Verbesserung der Wasserqualität des Rheins, profitieren davon auch die Holländer, Man kann jedoch leicht nachvollziehen, dass perfekte Mobilität der Haushalte die Regionen dazu veranlasst, eine Umweltpolitik zu betreiben, die diese Externa­litäten internalisiert. Würde nämlich eine Region versuchen, ihre Konsumprodukti­on auf Kosten anderer Regionen zu erhöhen, indem sie einen Teil ihrer produzierten Schadstoffe über die Grenzen tragen lässt und so anderen aufbürdet, würde dadurch sofort ein Migrationsstrom in die emittierende Region ausgelöst. Das hohe Bevölke­rungswachstum würde dann dort für einen beschleunigten Rückgang der pro Kopf vorhandenen Ressourcen sorgen, was das durch die vorige Schadstoffvermeidung gestiegene Wohlfahrtsniveau der Region wieder senken würde. Verhielte sich jede Region so und wüsste von jeder anderen Region, dass sie sich auch so verhält, würde die perfekte Mobilität stets sofort die Wohlfahrtsniveaus aller Regionen angleichen, so dass es sowohl für die einzelnen Regionen als auch für die ganze Ökonomie optimal ist, wenn alle Regionen die gleiche Politik betreiben. Weicht eine Region von dieser Politik ab, wird sie sofort mit erhöhter Einwanderung bestraft. Wie in der Situati­on ohne Spillover-Effekte befindet sich die Ökonomie in einem Nash-Gleichgewicht; keine Region hat einen Anreiz, von ihrer Politik abzuweichen. Wieder realisieren alle Haushalte das gleiche, auch gesamtwirtschaftlich optimale Nutzenniveau. In die Nutzenfunktion geht dabei die konsumierte Menge des öffentlichen Gutes (Umwelt­qualität) direkt ein, so dass eine übertriebene Schadstoffemission, etwa durch das Fehlen jeglicher Umweltpolitik, nicht effizient ist, auch nicht, wenn alle Regionen dies im selben Ausmaß tun.

Bei eingeschränkter Mobilität der Haushalte hingegen - so zeigt Wellisch in sei­ner Arbeit [Wellischl994] - gibt es Situationen, in denen eine Zentralregierung die Effizienz noch erhöhen kann. Zwar können Steuer- und Migrationsverzerrungen wie­der durch Handel ausgeglichen werden, jedoch hat eine Region nun den Anreiz, ihre Konsumgutproduktion und damit Schadstoffemission zu steigern, da die Kosten in Form von Spillover-Effekten teilweise auf andere Regionen abgewälzt werden können. Wellisch plädiert daher in solch einem Fall für den Eingriff einer Zentralmacht zur Effizienzsteigerung.

2.3 Verschiedene Modelle im Vergleich

Da Umweltqualität das klassische Beispiel für die in der Finanzwissenschaft unter­suchten Spillover-Effekte ist, liegt es nahe, zunächst mithilfe dieses seit Jahrzehnten verwendeten Modellrahmens, der auch Mobilität umfasst, Umwelt- und Migrati­onsprobleme zu behandeln. Die vorherrschende Frage in diesem Zusammenhang ist jedoch, ob öffentliche Güter dezentral von den einzelnen Regionen einer Ökonomie oder von einer Zentralmacht, der alle Regionen unterstehen, angeboten werden sol­len. Gerade für die EU ist diese Frage von Bedeutung. Es macht daher Sinn - wie in den in diesem Abschnitt vorgestellten Arbeiten geschehen - die Standardmodelle durch Berücksichtigung unterschiedlicher Mobilitätsgrade, wie sie insbesondere für die Haushalte in der EU ein typisches Kennzeichen sind, zu verfeinern. Umweltpro­bleme werden dabei jedoch allenfalls als Beispiel für öffentliche Güter angeführt, sind aber nicht selbst Mittelpunkt der Untersuchung. Angesichts der weltweit stei­genden Zahl von Umweltflüchtlingen fragt es sich jedoch, ob es ausreicht, Migration nur als Antwort auf ein Spillover-Problem zu sehen und ob nicht die Auswirkun­gen, die die große Zahl an Migranten selbst auf die Umweltqualität hat, stärker berücksichtigt werden sollten. Im nächsten Abschnitt wird eine neuere Arbeit von Haavio [Haaviol998] vorgestellt, die sich diesem Problem stellt. Mit dieser Arbeit nimmt Haavio zwar die Fragestellungen des finanzwissenschaftlichen Ansatzes auf, erhöht aber insbesondere den Stellenwert der Umwelt und kommt zu teils neuen Ergebnissen.

[...]


[1] Alle numerischen Angaben aus Der Spiegel online vom 24.6.1999

[2] Vgl. etwa F. Flatters, V. Henderson und P. Mieszkowski. Public Goods, Efficiency and Regional Fiscal Equalization, Journal of Public Economics 3, S. 99-112, 1974

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Globale Schadstoffe und Migration - Ein Modell
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Volkswirtschaftslehre)
Veranstaltung
Seminar: Bevölkerungsentwicklung und Umweltprobleme
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
15
Katalognummer
V5214
ISBN (eBook)
9783638131834
ISBN (Buch)
9783638746090
Dateigröße
902 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhand eines mathematischen Modells wird untersucht, wie Migration und Umweltverschmutzung voneinander abhängen können.
Schlagworte
Migration, Öffentliche Güter, Schadstoffe, Mobilität, Umweltflüchtlinge, externe Effekte, Ressourcenverbrauch
Arbeit zitieren
Dr. Oliver Fohrmann (Autor), 2002, Globale Schadstoffe und Migration - Ein Modell, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5214

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Globale Schadstoffe und Migration - Ein Modell



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden