Kulturwissenschaftliche Analyse der Wallfahrt im Hinduismus und Buddhismus


Seminararbeit, 2005

32 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die Wallfahrt im Hinduismus und im Buddhismus
1. Pilgern im Hinduismus
1.1 Einführung in die Religion
1.2 Was ist heilig im Hinduismus?
1.3 Pilgerziele und deren unterschiedliche Bedeutung
1.4 Yatra- der Weg zur Wahrheit
2. Pilgern im Buddhismus
2.1 Buddha- die historische Figur
2.2 Einführung in die Philosophie der Lehre (dharma)
2.2.1 Die Heiligen Schriften des Buddhismus
2.2.2 Sangha- die Gemeinde Buddhas
2.3 Der Kultus im Buddhismus
2.4 Heilige Stätten im Buddhismus- die Besonderheiten der religiösen Architektur
2.5 Die Wallfahrt im Buddhismus
3. Gemeinsame Pilgerstätte
3.1 Mount Kailash in Tibet
3.2 Kataragama und Adam´s Peak auf Sri Lanka

III. Zusammenfassung

Bibliographie

Eigenständigkeitserklärung

I. Einleitung

Die Wallfahrt gehört zu den ältesten kultischen Ritualen der Geschichte der Menschheit und steht in enger Verbindung mit dem Glauben. Eine Wallfahrt zu machen bedeutet zunächst, sich auf eine Reise zu einem heiligen Ort zu begeben. Dabei sind Motive, Reiseweg- und art, Kulthandlungen und Ziel individuell sehr unterschiedlich und abhängig von der Religion des Reisenden.

Die vorliegende Arbeit soll die verschiedenen Aspekte des Pilgerns im Hinduismus und Buddhismus beleuchten. Den Anhängern beider Religionen ist es seit jeher eine wichtige Tradition, heilige Orte aufzusuchen. Doch festzulegen, welche Gründe für eine Pilgerreise ausschlaggebend sind, ist schwierig, da die Motivationen häufig unterschiedlichen Ursprungs sind. Die Hindus legen weite Strecken zurück und erhoffen sich von der beschwerlichen Reise eine Freisprechung von begangenen Sünden aus der Vergangenheit. Sie verehren eine Vielzahl an Göttern und bereisen speziell die Regionen und Orte, an denen sich die mythischen Geschichten der Götter in vergangener Zeit abspielten. Am Pilgerziel angekommen, verweilen Hindus in Gebeten; sie gehen den verschiedensten rituellen Handlungen nach und zelebrieren an bestimmten Daten große Feste, zu denen Tausende von Gläubigen anreisen. Die Buddhisten hingegen verehren nicht Götter, sondern die Lehre Buddhas. Sie pilgern an Orte, die Buddha vor und nach seiner Erleuchtung besuchte. Sie meditieren an Plätzen, wo er lebte und starb und reisen zu heiligen Stätten, welche berühmt sind durch die Reliquien des Gründers. Buddhisten pilgern im Gegensatz zu Hindus ohne bestimmte religiöse Vorschriften. Aus diesem Grund gestaltet sich die Wallfahrt jedes einzelnen sehr unterschiedlich und auch die am Pilgerziel ausgeführten Kulthandlungen sind individuell geprägt. Eine Pilgerreise zu einer heiligen Stätte bringt den Buddhisten nur indirekt seinem Heilsziel, das Nirvana – den Zustand glückseliger Ruhe- zu erreichen, näher. Denn wer an Buddha denken möchte, kann dies von jedem Ort der Welt aus tun und dazu ist eine Reise nicht von Nöten.

Buddhismus und Hinduismus haben ihren Ursprung in Indien und beide zählen heute zu den großen Weltreligionen. Aus diesem Grund erscheint es interessant, die Wallfahrt im Kontext der jeweiligen Religion eingehend zu betrachten und herauszuarbeiten, warum die Gläubigen pilgern, was sie sich davon erhoffen, welche Riten von ihnen ausgeübt werden und welche Besonderheiten entsprechend auffallend sind. Die vorliegende Seminararbeit geht zu Beginn auf die Geschichte und Philosophie, die heiligen Schriften, die Götter und andere Heiligkeiten der jeweiligen Religion ein, um dann auf die wichtigsten Pilgerziele und die damit verbundene Architektur zu sprechen zu kommen. In diesem Zusammenhang soll das Wallfahren in den beiden Religionen verständlich gemacht werden.

Der letzte Abschnitt verbindet schließlich beide Teile der Arbeit. Am Beispiel Sri Lankas und Tibets, deren heilige Orte, sowohl Buddhisten als auch Hindus besuchen, lässt sich das friedliche Nebeneinander verschiedener Religionen beobachten. Mit dieser interessanten Gegenüberstellung schließt die Seminararbeit ab, um wiederholt markante Unterschiede in der Art des Pilgerns aufzuzeigen.

II. Die Wallfahrt im Hinduismus und im Buddhismus

1. Pilgern im Hinduismus

„Zwei Hindus in langen, weißen Gewändern fegen barfuß die Mitte einer Straße. Beide gehören einer niedrigen Kaste an, beide singen. Sie bereiten den Weg für einen heiligen Mann, der auf Pilgerreise zu einem Tempel Shivas ist. Abgesehen von einem weiten Lendentuch ist er nackt und er hat sich kahlrasiert. In der Mitte der Stirn ist eine senkrechte rote Linie aufgemalt; auf beiden Seiten davon befindet sich eine weiße Linie. Er ist sehr dünn; doch zeichnen sich deutlich Muskeln und Sehnen ab. Nur langsam kommt er voran. Er steht still, ruft „Shiva“, kniet nieder, betet laut und wirft sich dann in voller Länge nieder, betet wieder laut, kniet, ruft wieder „Shiva“, rutscht auf den Knien dorthin, wo sein Kopf eben noch lag, steht auf und beginnt die Prozedur wieder von vorne. Seine beiden Schüler fegen Staub und kleine Steine beiseite, während ein anderer Schüler hinter ihm in einer Holzschale Almosen sammelt. Für die zehn Kilometer zum Shiva-Tempel braucht der heilige Mann vermutlich eine Woche. Furchige Schwielen bedecken seine Knie, denn er kriecht bereits seit einigen Monaten auf ihnen.“[1]

Die Wallfahrt ist in der hinduistischen Lehre eine sehr bedeutsame sakrale Handlung und stellt für viele Hindus eine der wichtigsten Akte in einem Menschenleben dar. Um den Wert einer solchen Pilgerreise und die damit verbundenen, unserem Kulturkreis oft fremden, Riten zu verstehen, ist eine Einführung in die Lehre, die Geschichte und die Götterwelt der Hindus notwenig. Aus diesem Grund werden die wichtigsten Schwerpunkte und Zusammenhänge im folgenden Abschnitt dargestellt und mit der Wallfahrt in Bezug gebracht.

1.1 Einführung in die Religion

Der Hinduismus, auch Brahmanismus genannt, ist die einheimische Religion Vorderindiens, welcher heute ungefähr zwei Drittel der Gesamtbevölkerung angehören. Die Religion umfasst Riten, Mythologien, religiöse Bräuche und Anschauungen, die wiederum direkt oder indirekt durch die heiligen Schriften und die Vorschriften der Brahmanen[2] bestimmt werden. Im Gegensatz zu anderen Glaubensrichtungen jedoch wurde die Lehre nicht durch eine bestimmte Persönlichkeit gestiftet, sondern ist im Laufe der Zeit durch das Zusammenwirken der bestehenden inneren Kräfte und der äußeren Entwicklung gewachsen. Aus diesem Grund bezeichnen die Hindus ihren Glauben oftmals als die „ewige Religion“. Sie glauben an die Erscheinung vieler weiser Männer und göttlicher Inkarnationen in der Vergangenheit, die aber keine neue Lehre begründeten, sondern die schon bekannte Wahrheit neu formulierten. Des weiteren fällt Indien durch eine Vielzahl an Verehrungsobjekten auf, denn jeder Hindu kann aus einer Masse von Heiligen und Göttern auswählen. Darüber hinaus zeichnet sich die Lehre durch das Nichtvorhandensein fester Dogmen über Gott und die Welt aus, die in anderen Religionen zu finden sind. Doch auch der Hinduismus besteht aus einem Fundament sozialer, ethischer und metaphysischer Anschauungen, welche die Inder gemeinsam haben.[3]

„Nach der Anschauung der Hindus ist der Kosmos im Großen wie im Kleinen ein geordnetes Ganzes. Er wird beherrscht von einem Weltgesetz (Dharma), das sich gleicherweise im natürlichen wie im sittlichen Leben manifestiert. Die Ordnung offenbart sich vor allem darin, daß die Lebewesen [...] von Geburt an nach ihren Fähigkeiten und Obliegenheiten streng voneinander geschieden sind, derart, daß ein Löwe andere Pflichten und Rechte hat als ein Rind, ein Gott andere als ein Mensch [...]. Auch innerhalb der Menschen gibt es zahllose verschiedene Klassen [...].“[4]

Der dharma, das ewige Sittengesetz, kann als religiöse und moralische Pflicht übersetzt werden und ist eng mit dem indischen Kastenwesen verbunden. Die Inder nehmen das Gesetz, das ethische, rechtliche, soziale und rituelle Gebote und Pflichten beinhaltet, sehr ernst und ordnen sich ihm unter. So ist der Hinduismus allgemein durch eine hierarchische Anordnung aller Lebewesen gekennzeichnet. Von der Tierwelt, über Menschen, Geister bis hin zu Göttern zerfallen alle im Universum Lebenden in eine Stufenfolge von Klassen, innerhalb derer jede Stufe wiederum durch den dharma bestimmten Vorschriften unterliegt. Das Kastenwesen weist aus diesem Grund jedem in der Gesellschaft eine bestimmte soziale Funktion zu. Die Rangordnung der Gruppen ist ein vererbtes Recht und entspricht den indischen Vorstellungen von Reinheit, die sich in Beschäftigung, Nahrung, Heiratsvorschriften und dem rituellen Brauchtum wiederspiegeln. An der Spitze der Gesellschaft stehen deswegen diejenige Personen, die sich durch ihre Tätigkeit und Lebensweise in größtmöglichster physischer und moralischer Reinheit auszeichnen. In Indien nennt man Menschen, die diesen Stand erreicht haben, Brahmanen. Sie stehen den Göttern am nächsten und erlangen dieses Status durch ihre Beschäftigung mit geistigen Dingen und durch das strenge Einhalten von bestimmten Geboten bezüglich Nahrung und Umgang mit dem eigenen Körper. Diese Hierarchie unterscheidet den Hinduismus merklich von anderen Weltreligionen und fungiert seit jeher als Rückgrat des sozialen Lebens in Indien.

So wie Menschen den verschiedenste Kasten angehören, werden auch die Götter hierarchisch zugeordnet. Die Götter Brahmâ und Agni sind Brahmanen (Priester), Shiva und Indra sind Krieger und zählen zum zweiten Stand der Kshatriya, die Ashvins und die Erdgöttin gehören der Shûdra- Kaste oder dem vierten Stand an, während die meisten anderen Gottheiten mit den Vaishyas verbunden sind.[5] Die Stufenleiter beginnt oben mit dem Gott Brahmâ und endet mit den Pflanzen. Nichts ist dem Zufall überlassen, denn nach indischem Glauben ist das Dasein und Schicksal eines jeden Einzelnen eine Folge der Taten, welche in den früheren Leben vollbracht wurden. Jedes Wesen besteht also aus einer rein geistigen Seele und aus einem oder mehreren stofflichen Leibern. Die Seele existiert seit anfangsloser Zeit und je nach vollbrachter guter oder böser Tat (karma), sichert ein jeder Mensch seine Wiederverkörperung. Diese Umwandlung vollzieht der oberste Gott Brahmâ indem er den Seelen zu Leibern von Göttern, Geistern, Menschen, Tieren, Pflanzen und Höllenwesen verhilft.

„Wie einer handelt, wie einer wandelt, ein solcher wird er. Wer gut handelt, der wird Gutes, wer böse handelt, etwas Böses.“[6]

Das bedeutet, wer sich nicht angemessen in diesem Leben verhält, der kann im nächsten Leben als Schwein, Hund oder unreiner Auswürfling wiedergeboren werden, denn gute wie auch schlechte Taten werden vergolten. Das Karma-Gesetz, die moralische Ordnung der Welt, charakterisiert das Handeln der Hindus. Sie streben die Vervollkommnung an, das heißt die Erlösung der Lebewesen durch das Durchbrechen des ewigen Kreislaufs von Geburt, Tod und Wiedergeburt und damit das Erlangen von Unsterblichkeit.[7]

„Samsara, die Vorstellung eines niemals endenden Lebenskreislaufs, zählt zu den zentralen Glaubensgrundsätzen [...]. Der Zyklus wird von astrologischen Prinzipien und einem unabänderbaren Kalender beherrscht, nach dem alles Existierende verschwindet und wiederkehrt. Wer glücklich und tugendhaft lebt, kann die Unsterblichkeit erlangen und verlässt den ewigen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt.“[8]

Die heiligen Schriften, die Veden (Veda = Wissen), dienen dazu als Richtschnur allen Denkens und Handelns und bilden die tragende Säule des hinduistischen Systems. In den Schriften findet man eine Vielfalt von Anschauungen und Bräuchen über Götter, Weihriten, Opfer, Zeremonien, Hymen über die Schöpfung und heilige Gesänge. Des weiteren enthalten sie allgemeine Vorstellungen zum Beispiel über die Heilighaltung der Kuh, des Flusses Ganges und heilige Stätten. Dabei sind jedoch keine scharfen Grenzen gezogen, denn je nach Bevölkerung, Landschaft und Zeit können sich große Unterschiede in der Betrachtungsweise dieser Anschauungen bilden. Aus diesem Grund kann man sagen, dass sie nicht allgemeingültig sind und auch nicht zu den essentiellen Dogmen des Hinduismus zählen. Ein gläubiger Hindu genießt daher eine Bewegungsfreiheit innerhalb seines Glaubens, die nur durch einen festen Kreis von Bestimmungen begrenzt wird. Sie sind sozialer Natur und engen das Leben der Hindus ein, wie es nach Helmuth von Glasenapp keine andere Religion des Gleichen tut. Das Kastenwesen und seine Ordnung bestimmen und formen sämtliche Details des persönlichen Lebens. Diese reichen vom morgendlichen Reinigungsbad bis zum Mittagsmahl und der Abendandacht und werden eingehalten, um die moralische und rituelle Reinheit zu bewahren. Die Kastenordnung schreibt nicht nur vor, was und mit wem man speisen darf, sondern auch welche Handlungen erlaubt sind und was der Hindu zu unterlassen hat. Außerdem können dem hierarchischen System ausschließlich Personen angehören, die hineingeboren wurden. Das macht einen Übertritt aus anderen Religionen in den Hinduismus, hinein in eine Kaste, völlig unmöglich und zeichnet den Glauben als nationale „Volksreligion“ der Inder aus.[9] Über Jahrtausende hinweg bewahrte die Lehre eine Fülle von charakteristischen Zügen, die das indische Weltbild nach wie vor prägen. Dazu gehören die Vorstellung, dass zwischen Mensch und Tier kein wesentlicher Unterschied besteht, der Glaube an eine Anfangs- und Endlosigkeit des Weltprozesses und die Hoffnung vom Welttreiben und der Wiedergeburt.[10] Mahâtma Gândhî veröffentlichte im Jahre 1921 in seiner Zeitschrift „Young India“ sein Glaubensbekenntnis:

„Ich betrachte mich als orthodoxen Hindu, weil ich 1. an die Veden, Upanishaden, Purânas, an die göttlichen Inkarnationen und die Wiederverkörperung glaube, 2. das Kastenwesen in seinen reinen vedischen Formen anerkenne, 3. den Schutz der Kühe für eine religiöse Pflicht halte und 4. gegen den Bilderkult nichts einzuwenden habe.“[11]

Nach Gândhis Ansicht und vieler anderer gläubiger Hindus ist der hinduistische Glaube, trotz des einschränkenden Kastenwesens, eine der vollkommensten Religionen der Welt, da die Lehre offen ist für alles Schöne und Große.

1.2 Was ist heilig im Hinduismus?

Die hinduistische Lehre lässt dem Gläubigen viel Freiheit in Hinsicht auf die zu verehrenden Götter und Gegenstände. Im Gegensatz zu anderen Religionen findet man in Indien eine Vielzahl von Göttern, die alle durch auffallende Geschichten umspielt werden. Doch nicht nur die Fülle an Heiligen scheint interessant, sondern ebenfalls die vielfältige Götterwelt.

Die drei berühmtesten Götter nennen sich Brahmâ, Vishnu und Shiva. Brahmâ, der Schöpfer, wird verehrt, weil er eine maßgebende Rolle bei der Entstehung der Welt spielte und die Veden verkündete. Um seine Gestalt ranken sich viele Mythen, denn er soll mit anderen kosmischen Gestalten verschmolzen sein. Die Inder sehen in Brahmâ den „Weltbaumeister“ und erwarten von ihm die Aufrechterhaltung der weltlichen Ordnung, wozu auch die Bestimmung gehört, die auf die Welt zurückkehrenden Seelen mit Leibern zu versehen. Brahmâ wird heute von den Brahmanen als eine Art von Erzengel betrachtet, der spezielle Aufgaben zu erfüllen hat. Ihm sind allerdings wenige Heiligtümer gewidmet. Vishnu, einer der in der heutigen Zeit wichtigsten Götter Indiens, verkörpert das Prinzip der Welterhaltung und schützt die Menschheit vor Gefahren. Im Falle, dass die Welt von bösen Mächten heimgesucht wird, besucht er die Erde in Form einer Tier- oder Menschengestalt. Vishnu rettet demnach die Hindus indem er das Weltrecht wiederherstellt und die bestehende Ordnung hütet. Er erscheint dabei in verschiedensten Formen, neben weiteren, zum Beispiel als Fisch, Schildkröte oder Zwerg. Die beliebtesten Inkarnationen Vishnus sind jedoch die des Râma oder Krishna. Der Gott Shiva, der Gnädige, ist heute der volkstümlichste Gott unter den dreien. Er tritt in Gestalt eines Bogenschützens auf und sendet und vertreibt Krankheiten der Hindus. Aufgrund seiner Verschmelzung mit einem Naturgott, der für die Zeugungskräfte stand, versinnbildlicht Shiva gleichzeitig auch die schöpferischen, wie die zerstörenden Kräfte des Alls.[12] Vishnu und Shiva konkurrieren um das Ansehen als höchster Weltenherr, daher kommt auch die Gegenüberstellung zweier Religionsparteien im Hindusimus. Die einen sehen Shiva als den einzigen, ewigen Weltregierer, die anderen weisen Vishnu den Posten des Führers zu. Dem Weltregierer wiederum sind alle anderen Götter, Kinder oder Diener, untergeordnet. So zum Beispiel auch der elefantenköpfige Ganesha, der für die Beseitigung von Hindernissen zuständig ist und im täglichen Leben ständig gebraucht wird.[13] Das indische Pantheon ist unübersehbar geprägt durch seine Vielfalt an Gottheiten.

Der Götterkult im Hinduismus reicht in viele Teile des Lebens eines Gläubigen hinein. Nicht nur der gesamte Tagesablauf eines Hindus im öffentlichen, wie im häuslichen Leben wird durch sakrale Akte umrahmt, sondern auch der Tempelkult spricht für die Lehre. Die Götter werden in kleinen und großen Tempeln verehrt. Ihre Abbilder werden mit Speisen verwöhnt, sie werden gesalbt, schlafen gelegt, besungen und betanzt. Die Götterstatuen genießen die volle Aufmerksamkeit.[14] Neben Göttern, die im Hinduismus heilig sind, findet man in der indischen Kultur eine Vielzahl von heiligen Orten. So können auch Plätze, Gebäude, eine Gegend, eine geographische Einzelheit, besondere Eigenschaften besitzen. Zum einen zeichnen sie sich durch eine kultische Reinheit aus, zum anderen durch übermenschliche Kräfte. Wie Carl A. Keller in dem Buch „Heilige Stätten“ feststellt, „erheischt das Heiligtum vom Besucher kultische Reinheit, und als Zentrum übermenschlicher Energie vermittelt es an den Gläubigen heilige Kraft.“[15]

Diese Orte lokaler Kräfte sind über ganz Indien verstreut. In ihnen wohnen Wesen, die teils auch heute noch mit blutigen Opfern verehrt werden. Wie überall in der Welt treten auch in Indien auffallende Naturerscheinungen auf. Ihnen werden übermenschliche Kräfte zugesprochen und so werden aus Felsen, Berggipfeln, Quellen und Wasserfällen, aus Pflanzen und majestätischen Bäumen, aber ebenso aus Tieren wie Affen, Schlangen und Kühen, schließlich auch aus Menschen Heiligkeiten, die besondere Energien besitzen.[16] Besagte Orte wurden daraufhin gekennzeichnet durch einen Stein, einem Holzpfahl oder ein Bild. Opferaltare wurden gebaut, später ging der Kult soweit, dass an den heiligen Orten Tempel errichtet wurden. Aufgrund wachsender Popularität entstanden auf diesem Wege eine Folge sehr gut ausgebauter Zentren, die heute das Ziel der Pilgerreisen sind.

1.3 Pilgerziele und deren unterschiedliche Bedeutung

Der Ausbau der Tempel und die Bevorzugung eines bestimmten Ortes hatten verschiedenste Gründe. Zum Ruhm einer heiligen Stätte trug unter anderem, der Ruf eines Brahmanen bei, der sich durch sein Wissen und seine kultische Kompetenz unentbehrlich machte und den Tempel allein durch sein Dasein auszeichnete. Daneben benötigte der Ausbau einer Stätte spendierfreudige Fürsten und Häuptlinge, die sich durch die Brahmanen eine Stütze der Herrschaft erhofften und deshalb den Tempeln zu Reichtum verhalfen. Daraus resultierte schließlich eine Hierarchisierung der Heiligtümer. Carl- A. Keller weist in diesem Zusammenhang auf drei weitere Faktoren hin, die neben dem Ruf des Brahmanen und der Wichtigkeit von Stiftern, für einen Tempel von Bedeutung waren. Er betont dabei besonders die Mythologie, die sich um die Gestalt eines Hauptgottes an einem Ort rankt. Als Beispiel hierfür lässt sich die Landschaft Braj aufführen. Dort verbrachte der Gott Krishna seine Jugend, die charakterisiert war von wilden Liebschaften. Menschen die Krishna verehren, pilgern in diese Gegend, um vor Ort all die ihnen aus den Sagen bekannten Stätten zu besuchen. Andere Heiligtümer hingegen werden nicht zum Anziehungspunkt durch den Mythos eine Gottes, sondern durch die Erinnerung an eine religiöse Persönlichkeit in einem historischen Rahmen. Keller geht sogar soweit zu behaupten, dass nahezu unbekannte Orte durch das Wirken einer heiligen Person zu sehr wichtigen Heiligtümern wurden. Als Beispiel nennt er den Mystiker Ramana-Maharshi (1879-1950), der sein Leben in den Bergen Südindiens verbrachte. Heute zählt der Berg Annamalai, die Heimat Ramana-Maharshis, aus diesem Grund zu den besuchenswerten Heiligtümern der südlichen Gegend. Neben den beiden genannten Faktoren, nehmen auch irrationale Motive Einfluss auf die Popularität einer Stätte. So können Orte oder Tempelstätten aus undurchschaubaren Gründen zu Pilgerzentren werden. Dies geschah zum Beispiel in den letzten Jahrzehnte mit den Bergen Keralas in Südwestindien. Der eigentlich lokal verehrte Gott Ayappan gewann plötzlich überregional an Ruhm und zieht heute Verehrer aus ganz Indien in die Gegend.[17]

Die zahlreichen Wallfahrtsorte sind über ganz Indien verstreut. Die wichtigsten Zentren heiliger Kräfte sind allerdings durch eine sogenannte panindische Pilgerroute verbunden, die von den Quellen der Yamuna im Norden, bis Dwaraka im Westen, Kanyakumari an der Südspitze und die Mündung des Ganges im Osten reicht. Die Hindus unterteilen dabei die heiligen Stätten nach ihren Bedeutungen in panindische, supraregionale, regionale, subregionale und lokale Stätten.

[...]


[1] Target, George (2000): Der grosse Atlas der heiligen Stätten. Seite 144.

[2] Anmerkung des Autors: Brahmanen sind indische Priester. Sie gehören den obersten der vier

Kasten an und stehen den Göttern am nächsten.

[3] Glasenapp, Helmuth von (1981): Die fünf Weltreligionen. Seite12-17.

[4] Ebd., Seite 17.

[5] Glasenapp, Helmuth von (1981): Die fünf Weltreligionen. Seite 17ff/ Glasenapp, Helmuth von

(1985): Die Philosophie der Inder. Seite 403.

[6] Glasenapp, Helmuth von (1981): Die fünf Weltreligionen. Seite 20.

[7] Glasenapp, Helmuth von (1985): Die Philosophie der Inder. Seite 13..

[8] Souden, David (2002): Pilgerwege. Seite 19.

[9] Glasenapp, Helmuth von (1981): Die fünf Weltreligionen. Seite 22ff/ Glasenapp, Helmuth von

(1981): Die fünf Weltreligionen. Seite 58.

[10] Glasenapp, Helmuth von (1981): Die fünf Weltreligionen. Seite 30.

[11] Ebd., Seite 44.

Anmerkung des Autors: Der Veda- besteht aus vier Sanhitâs- ist die heilige Offenbarung und

besteht aus einer gewaltigen Ansammlung von Texten, die in ihrer Entstehungszeit etwa von 1500

vor bis 1500 nach Chr. Reichen. Die Sanhitâs beinhalten über 100 Upanishaden (philosophische

Traktate), welche vor allem von dem Wesen des Weltgeistes handeln. Die achtzehn Purânas (alte

Schriften) sind- neben zwei weiteren Epen- die wichtigsten Quellen der Hindumythologie.

[12] Kölver, Bernhard (2003): Das Weltbild der Hindus. Seite 88-103./ Glasenapp, Helmuth von (1978):

Der Hinduismus. Seite 117-135.

[13] Glasenapp, Helmuth von (1981): Die fünf Weltreligionen. Seite 32ff.

[14] Ebd., Seite 35.

[15] Keller, Carl - A. (1994): Hinduismus. Seite 102.

[16] Ebd., Seite 104.

[17] Keller, Carl - A. (1994): Hinduismus. Seite 107ff.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Kulturwissenschaftliche Analyse der Wallfahrt im Hinduismus und Buddhismus
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Selbstfindung oder Modeerscheinung - auf dem Weg nach Santiago
Note
1,3
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V52145
ISBN (eBook)
9783638479325
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturwissenschaftliche, Analyse, Wallfahrt, Selbstfindung, Modeerscheinung, Santiago
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Kulturwissenschaftliche Analyse der Wallfahrt im Hinduismus und Buddhismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52145

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