Die römische Religion in den Provinzen: Gallien und Britannien. Die Interpretatio Romana und die Grenzen der Toleranz


Seminararbeit, 2006
21 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Religion in Gallien und Britannien vor der römischen Eroberung
1.1. Götterwelt, Kultstätten, Kultbilder
1.2. Opfer und Riten
1.3. Die Druiden

2. Die Religion in Gallien sowie Britannien nach der römischen Eroberung und die interpretatio Romana
2.1. Gallien
2.2. Britannien

3. Die Grenzen der Toleranz: Die Verfolgung der Druiden

Fazit

Bibliografie

Anhang

Einleitung

In seiner größten Ausdehnung umfasste das Imperium Romanum einen sehr großen Teil Europas. Es reichte von der Atlantikküste des heutigen Spaniens bis nach Kleinasien, von den heißen Wüsten Nordafrikas bis zu den Wäldern Britanniens. In diesem Weltreich trafen die unterschiedlichsten Menschen, Kulturen und Glaubensvorstellungen aufeinander. Eine der größten Leistungen des Römischen Reiches war wohl die Integration so vieler verschiedener Völker. Dies gelang nicht zuletzt durch die Toleranz der Römer gegenüber anderen Kulturen und fremden Göttern. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zu untersuchen, wie das Imperium Romanum mit den einheimischen Religionen der eroberten Provinzen umging. Dies soll anhand zweier ausgewählter Provinzen, nämlich Gallien und Britannien, geschehen. Die römischen Eroberer trafen hier auf die äußerst vielfältige keltische Kultur mit ihren Kulten, welche für die Römer fremd und barbarisch erschienen. Doch wie sollten die neuen Herren Galliens und Britanniens die einheimischen Glaubensvorstellungen behandeln? Stellten sie gar eine Gefahr für das mächtige Imperium Romanum dar? Im Folgenden soll untersucht werden, wie weit die römische Toleranz bei fremden Kulten ging und wo der römische Staat die Grenzen dieser Toleranz setzte. Um dies zu verstehen, ist es wichtig, einen Blick auf die religiösen Vorstellungen in Gallien und Britannien vor der römischen Eroberung zu werfen. Da die Kelten dieser Zeit keine eigenen schriftlichen Aufzeichnungen hinterließen, soll dies anhand der Beschreibungen antiker römischer und griechischer Autoren geschehen. Dies ist nicht unproblematisch, da diese die Kelten häufig als Barbaren betrachteten und ihre Kultur dementsprechend darstellten. Es ist daher ausgesprochen wichtig, die Aussagen antiker Schriftsteller mit Vorsicht zu bewerten und auch archäologische Quellen hinzuzuziehen Anschließend werden wir näher auf die Religion in den beiden Provinzen nach der römischen Eroberung eingehen und Einflüsse der Römer auf die keltische Götterwelt untersuchen. Schließlich wenden wir uns der Frage zu, wo die Toleranz des Römischen Reiches endete, dies soll anhand der Verfolgung der Druiden geschehen. Doch werfen wir zunächst einen näheren Blick auf die Religion in Gallien und Britannien vor der römischen Eroberung.

1. Die Religion in Gallien und Britannien vor der römischen Eroberung

1.1. Götterwelt, Kultstätten, Kultbilder

Es existieren keine eigenen schriftlichen Aufzeichnungen der Kelten Galliens und Britanniens über ihre religiösen Ansichten, Riten, Kultstätten und Priester. Die Erforschung ihrer Glaubensvorstellungen basiert daher heute größtenteils auf zwei Quellengruppen: Archäologische Quellen und Beschreibungen antiker römischer und griechischer Schriftsteller.[1] Erste Beschreibungen der keltischen Religion stammen aus hellenistischer Zeit. Eine wichtige Quelle sind die Schilderungen des griechischen Philosophen Poseidonios aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, welche in späterer Zeit immer wieder verwendet wurden. Auch C. Iulius Caesar schildert detailliert Aspekte der keltischen Kultur in seinem Werk „Der gallische Krieg“. Allerdings sind seine Äußerungen vor dem Hintergrund, dass Caesar als Eroberer nach Gallien kam, kritisch zu betrachten.[2] Caesar charakterisiert die Gallier als sehr abergläubisch, dies gehe soweit, dass „Leute, die von schwerer Krankheit befallen sind oder sich in Krieg und Gefahr befinden, [...] Menschen als Opfer dar[bringen]“, um die Götter zu besänftigen.[3] Caesar gibt im Folgenden eine Beschreibung der gallischen Götterwelt. Seiner Ansicht nach verehrten die Gallier an erster Stelle einen Gott der „Handwerke und Künste“, der auch für Reisen und den Handel zuständig war. Diesen Gott identifiziert Caesar als Mercurius.[4] Caesar fährt fort:

Nach ihm verehren sie Apollo, Mars, Iuppiter und Minerva. Von diesen haben sie etwa dieselbe Vorstellung wie die übrigen Völker: Apollo vertreibe die Krankheiten, Minerva lehre die Künste und Handwerke, Iuppiter sei der König des Himmels, Mars regiere den Krieg.[5]

Ihre Abstammung leiteten die Gallier von einem Gott ab, den Caesar als den römischen Gott der Unterwelt, Dis Pater, identifiziert.[6]

Auf die Problematik, objektive Erkenntnisse über die Religion der Kelten vor der römischen Eroberung zu gewinnen, wurde bereits eingangs hingewiesen. Es ist daher ausgesprochen schwierig, die Glaubensvorstellungen dieses Volkes zu rekonstruieren. Aus der Latènezeit in Gallien, ca. 450 v. Chr. bis zur römischen Eroberung durch Caesar 58-52 v. Chr., sind keinerlei schriftlichen Aufzeichnungen der Kelten selbst überliefert. Inschriften aus späterer gallo-römischer Zeit geben Hinweise auf eine sehr mannigfaltige Götterwelt. Es konnten so über 400 verschiedene Götter identifiziert werden, deren größter Teil jedoch nur in bestimmten Regionen verehrt wurde. Es ist nicht nur wegen dieser unüberschaubaren Menge der keltischen Gottheiten schwierig, sie einzeln hinsichtlich ihrer Wirkungsbereiche zu charakterisieren, sondern auch weil diese Götter häufig keine klar umrissenen Aufgaben hatten.[7] Archäologische Funde deuten darauf hin, dass Fruchtbarkeitskulte in der keltischen Religion eine herausragende Stellung besaßen. Da die vorrömischen Gesellschaften sowohl in Gallien als auch in Britannien stark agrarisch geprägt waren, ist diese Vermutung plausibel. Opferungen von Haustieren und landwirtschaftlichen Geräten sind bis heute archäologisch nachweisbar. Daneben hatten die keltischen Gottheiten eine heilende Funktion und man bat sie um Erfolg im Krieg. Nach einem gelungenen Feldzug opferte man daher Gefangene und Kriegsbeute.[8] Auf diesen Brauch weist auch Caesar hin:

Ihm [Mars] geloben sie beim Beschluß einer Entscheidungsschlacht zumeist die Kriegsbeute; nach dem Sieg opfern sie alle Beutetiere und tragen den Rest an einem Ort zusammen. Bei vielen Stäm­men kann man ganze Hügel solcher Opfergaben an heiligen Stätten sehen, und nur selten ist jemand so gewissenlos und wagt es, ein Beutestück bei sich zu verbergen oder gar Nie­dergelegtes wegzunehmen: auch steht darauf die schlimmste Hinrichtungsart unter Foltern.[9]

Diese Aussage des römischen Feldherrn wird durch archäologische Funde bestätigt. So fand man in einem keltischen Heiligtum der Latènezeit über 2000 absichtlich zerbrochene und verbogene Waffen.[10]

Wie bereits erwähnt, wurden die meisten der 400 keltischen Gottheiten nur in jeweils unterschiedlichen Regionen verehrt. Es gibt aber auch einige Götter, die in der gesamten keltischen Welt angebetet wurden. So findet man beispielsweise für den Handwerksgott Lugus errichtete Heiligtümer in Gallien und Britannien, sein Name findet sich auch in Ortsnamen in diesen Gebieten wieder (z.B. Lugdunum, heute Lyon). Ebenso waren in der ganzen keltischen Welt präsent Ogmios (in Britannien Ogmia), der mit der Redekunst in Verbindung gebracht wurde, Esus, der in Gestalt eines Holzfällers erschien, Taranis der Donnergott und Teutates, der als „Stammesgott“ erscheint.[11] Die drei letztgenannten erwähnt auch der römische Autor Lucan:

[...] froh war, wer mit grässlicher Schlachtung bei dem Unhold Teutates Gnade sucht, bei Esus mit seinem entsetzlichem Barbarenaltar und an der Opferstätte des Taranis, die nicht barmherziger ist als die der skythischen Diana.[12]

Viele Kultstätten der Kelten waren markante Punkte wie Hügel, Höhlen, Quellen, Moore und Haine. Einige dieser Stätten waren von Gräben und Wällen umgeben.[13] Es ist in der Forschung allerdings umstritten, ob diese Viereckschanzen[14] eine kultische oder eine profane Funktion hatten.[15]

Funde von Kultbildern aus Stein zeigen, dass die Kelten ihre Gottheiten auch plastisch darstellten. Bereits vor der römischen Eroberung sind hier mediterrane Einflüsse in der Art der Darstellung festzustellen.[16]

1.2. Opfer und Riten

Es kann nicht genügend gewürdigt werden, wieviel man den Römern Dank schuldet, welche die frevelhaften Bräuche aufgehoben, bei denen das Töten eines Menschen als sehr fromm, das Verspeisen aber auch als sehr heilsam angesehen wurde.[17]

Sie bereiten nach ihrer Sitte das Opfer und das Mahl unter dem Baum und führen zwei weiße Stiere herbei, deren Hörner da zum ersten Mal umwunden werden. Der Priester, bekleidet mit einem weißen Gewand, besteigt den Baum und schneidet die Mistel mit einem goldenen Messer ab: Sie wird mit einem weißen Tuch aufgefangen. Dann schlachten sie die Opfertiere und bitten den Gott, er wolle sein Geschenk denen, welchen er es gegeben hat, zum Glück gereichen lassen.[18]

Diese beiden Zitate von Plinius dem Älteren weisen sowohl auf Tier- als auch auf Menschenopfer hin. Auch Caesar berichtet über Menschen- und Sachopfer (s.o.). Diese und andere Berichte antiker Autoren über die Opferung von Menschen, Tieren und Gegenständen werden durch archäologische Funde bestätigt. Der Nachweis von Menschenopfern ist jedoch schwierig, denn Verletzungen an menschlichen Überresten entstanden vielfach durch postmortale Manipulationen, da die Kelten ihre Verstorbenen häufig mehrstufig bestatteten. Es gibt allerdings auch recht eindeutige Funde, wie z.B. der Fund einer Moorleiche in der Nähe des heutigen Wilmslow in England, dessen Todesursache[19] auf einen Ritualmord hinweist. Wie häufig Menschenopfer jedoch tatsächlich vorkamen, lässt sich anhand der Funde nicht feststellen. Tieropfer lassen sich dagegen leichter belegen. Es wurden dabei hauptsächlich Haustiere geopfert. Inwieweit die einzelnen Götter bestimmte Tierarten in der Vorstellung der Kelten bevorzugten, ist nicht nachweisbar.

Die Opferung von Gegenständen war weit verbreitet unter den Kelten. Viele dieser Gegenstände wurden vorher durch Verbiegen oder Zerbrechen unbrauchbar gemacht. Nach Maiers Ansicht sei dies eine „Analogie zur Tötung von Lebewesen“.[20] Die Fülle der eigentlichen Sachopfer ist nicht abzuschätzen, da Opfer in Form von Lebensmitteln oder Textilien nur in den seltensten Fällen bis heute erhalten geblieben sind. Erst durch den römischen Einfluss wurde es später auch üblich, Münzen und Terrakottafiguren zu opfern.[21]

1.3. Die Druiden

Plinius leitet den Begriff „Druide“ vom griechischen drys, Eiche, ab. Dieser Baum spiele laut Plinius eine große Rolle bei den Kulthandlungen der Druiden.[22] Diese Interpretation ist in der heutigen Forschung umstritten. Einige Etymologen gehen davon aus, der Begriff sei abgeleitet aus dru-wid, was „das Wissen von den beziehungsweise der Eichen“ bedeutet.[23] Andere Forscher lehnen den Bezug zur Eiche ab. Der Bezug zu Wissen oder Weisheit bleibt in der Bedeutung jedoch auch in ihrer Interpretation erhalten.[24]

[...]


[1] Green, Gods, S. 1.

[2] Maier, Religion, S. 40.

[3] Natio est omnis Gallorum admodum dedita religionibus, atque ob eam causam, qui sunt adfecti gravioribus morbis quique in proeliis periculisque versantur, aut pro victimis homines immolant aut se immolaturos vovent administrisque ad ea sacrificia druidibus utuntur, quod pro vita hominis nisi hominis vita reddatur, non posse deorum immortalium numen placari arbitrantur, publi­ceque eiusdem generis habent instituta sacrificia. Caes. Gall. 6,16.

[4] Deum maxime Mercurium colunt. huius sunt plurima simulacra, hunc omnium inventorem artium ferunt, hunc viarum atque itinerum ducem, hunc ad quaestus pecu­niae mercaturasque habere vim maximam arbitrantur. Ebenda, 6,17.

[5] P ost hunc Apollinem et Martem et Iovem et Minervam. de his eandem fere quam reliquae gentes habent opinionem: Apollinem morbos depellere, Minervam operum atque artificiorum initia tradere, Iovem imperium caelestium tenere, Martem bella regere. Ebenda, 6,17.

[6] Galli se onmes ab Dite patre prognatos praedicant idque ab druidibus proditum dicunt. Ebenda, 6,18.

[7] Krause, Kelten, S. 114f.

[8] Maier, Religion, S. 73f.

[9] Huic, cum proelio dimicare constituerunt, ea, quae bello ceperint, plerumque devo­vent; cum superaverunt, animalia capta immolant reli­quasque res in unum locum conferunt. Multis in civitatibus harum rerum extructos tumulos locis consecratis conspicari licet; neque saepe accidit, ut neglecta quis­piam religione aut capta apud se occultare aut posita tollere auderet, gravissimumque ei rei supplicium cum cruciatu constitutum est. Caes. Gall. 6,17.

[10] Maier, Religion, S. 114.

[11] Ellis, Druiden, S. 135-138.

[12] Tu quoque laetatus converti proelia, Trevir, et nunc tonse Ligur, quondam per colla decore crinibus effusis toti praelate Comatae, et quibus immitis placatur sanguine diro Teutates horrensque feris altaribus Esus et Taranis Scythicae non mitior ara Dianae. Lucan. 1,441-446.

[13] Krause, Kelten, S. 180; Maier, Religion. S. 146-148.

[14] Der Begriff wurde von Paul Reinecke in 1910 geprägt. Wieland, Charakterisierung, S. 12.

[15] Es wird beispielsweise diskutiert, dass es sich dabei um befestigte Gutshöfe handelt. Vgl. Wieland, Funktionsaspekte, S. 73-80.

[16] Maier, Religion, S. 149-152.

[17] Nec satis aestimari potest, quantum Romanis debeatur, qui sustulere monstra, in quibus hominem occidere religiosissimum erat, mandi vero etiam saluberrimum. Plin. Nat. 30,13.

[18] Sacerdos candida veste cultus arborem scandit, falce aurea demetit, candido id excipitur sago. tum deinde victimas immolant praecantes, suum donum deus prosperum faciat iis quibus dederit. Ebenda, 16,251. Maier geht allerdings davon aus, dass dieser Bericht nicht ursprünglich von Plinius stammt, sondern dass dieser sich auf Poseidonos stützt, vgl. Maier, Religion, S. 109.

[19] „Tod durch Erschlagen, Erdrosseln und Durchschneiden der Kehle“, Maier, Religion, S. 111.

[20] Maier, Religion, S. 115.

[21] Ebenda, S. 110-117.

[22] Iam per se roborum eligunt lucos nec ulla sacra sine earum fronde conficiunt, ut inde appellati quoque interpretatione Graeca possint Druidae videri. Plin. Nat. 16,95.

[23] Ellis, Druiden, S. 38f.

[24] Green, Exploring, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die römische Religion in den Provinzen: Gallien und Britannien. Die Interpretatio Romana und die Grenzen der Toleranz
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik)
Veranstaltung
Proseminar: Die römische Religion
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V52165
ISBN (eBook)
9783638479493
ISBN (Buch)
9783638791847
Dateigröße
863 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Provinzen, Gallien, Britannien, Interpretatio, Romana, Grenzen, Toleranz, Proseminar, Römische Religion, Romanisierung
Arbeit zitieren
Gergely Kapolnasi (Autor), 2006, Die römische Religion in den Provinzen: Gallien und Britannien. Die Interpretatio Romana und die Grenzen der Toleranz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52165

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