"Das Märchen von der Unke" (KHM 105) unter spezieller Berücksichtigung des Seelentier-Motivs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Seelentiere
1.1. Allgemeines
1.2. Seelentier versus Totemismus
1.3. Tiere, die als Seelentiere fungieren

2. Exkurs: Das Motiv des Seelentiers in einem Werk moderner Populärkultur: Harry Potter
2.1. Allgemeines
2.2. Der Patronus
2.3. Nagini
2.4. Animagi
2.5. Der Seelenvogel

3. Das Märchen von der Unke
3.1. Allgemeines
3.2. Dreiteilung
3.3. I
3.4. II
3.5. III

4. Literaturverzeichnis
4.1. Primärliteraur
4.2. Sekundärliteratur

1. Seelentiere

1.1. Allgemeines

Das Wörterbuch der deutschen Volkskunde definiert den Terminus Seele folgendermaßen:

„Wenn wir von naturwissenschaftlichen u[nd] kirchlich-dogmatischen Bestimmungen des Wesens der S[eele] absehen, kennt der Glaube des Volkes vor allem drei Vorstellungen: die S[eele] als selbstständiges Wesen im Körper ([…] Animismus), die mit dem Körper untrennbar verbundene […] S[eele] und die S[eele] als Kraftstoff und Lebesprinzip […].“[1]

Mit letzterem verbunden ist der Begriff des Seelentieres:

„[V]or allem das Bild des Todes erweck[t] die noch in vielen Brauchhandlungen lebendige Vorstellung von der S[eele], die den Körper vorübergehend oder für immer in Gestalt eines Tieres ([…] „S[seelen]tiere“), eines Hauches oder Rauches verlassen kann.“[2]

Hier findet sich also eine sehr anschauliche Definition des Begriffes Seelentier:

Es ist eine Verkörperung der menschlichen Seele in Tiergestalt, wobei es sowohl die eines Verstorbenen als auch die eines Lebenden sein kann.

Es herrscht der Glaube, dass Seelentiere „in der Gebärmutter, wo das neue Leben entsteht“[3] hausen.

Bevorzugt für Seelentiere gehalten werden Tiere, die Erdlöcher (zum Beispiel Maus und Regenwurm[4]) - und somit das Inneren der Erde, wo auch die Toten bestattet werden - bewohnen.[5]

Laut dem Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens spielt der alte Seelentierglaube mit unter dabei eine Rolle, dass uns bestimmte Tiere nicht als essenstauglich erscheinen oder ihnen von Menschen meist mit einer gewissen Scheu begegnet wird. Namhaft zu machen wären in diesem Zusammenhang zum Beispiel Schlange und Maus.[6]

Die Vorstellung des Seelentieres ist verknüpft mit der des „Sympathietieres“. Dieser Glaube ist seinerseits über ganz Europa verbreitet.[7]

Sympathietiere existieren als Märchenmotiv und sind auch in der Hexenverfolgung beziehungsweise in neueren Hexenkulten verbreitet. Der englische Terminus hierfür lautet „Familiar“.[8]

Dieser Begriff kommt mir passender vor: „Familiar“, worin sowohl family, Familie, als auch familiar, vertraut/bekannt, stecken scheint mir die spezielle Beziehung eines Menschen zu seinem „Sympathietier“ treffender zu beschreiben als eben dieser Terminus.

Die historische Bezeichnung Familiar innerhalb des Hexenkultes meint niederrangige Dämonen in Tiergestalt – meist Katzen, Kröten, Eulen, Hunde oder Mäuse. Sie sind beim ausführen von Zaubern - vor allem Schadenszaubern wie zum Bespiel dem Aussenden von Krankheiten - hilfreich. Außerdem haben sie eine Art Schutzfunktion für „ihre“ Hexen. Es heißt sie wurden den Hexen vom Teufel übergeben.

Die Bezeichnung Familiar gilt aber genauso für Tiere von „guten“ Zauberern, und Kräuterweiblein. Hier sollen die Tiere die Fähigkeit haben bei der Erkennung von Krankheiten und deren Heilung behilflich zu sein und verlorene Gegenstände oder Schätze zu finden. Diese Art der Sympathietiere wurde von dem jeweiligen Magier beschworen und konnte - in Flaschen oder Ringen eingeschlossen - sogar verkauft werden. Das galt technisch gesehen nicht als illegal.

Sowohl vom Familiar als auch vom Seelentier ist der Glaube zu unterscheiden, dass der Teufel oder die Hexe im Stande sind Tiergestalt anzunehmen. (Diese Vorstellung führte mitunter zu Massenschlachtungen, besonders von Katzen.)

Die moderne Definition von Familiar kommt der deutschen Bezeichnung Sympathietier wesentlich näher als diejenige als Dämonen: Es sind Tiere, die eine Art „Geistesverwandtschaft“ mit ihrer Hexe teilen. Ob sie als Haustier bezeichnet und gesehen werden oder eher als eine Art von magischem Partner, hängt von der Hexe ab. Noch immer gültig ist der Glaube an ihre Funktion als Schutzgeister.

Der Familiar-Glaube ist allerdings nicht nur auf den westlichen Hexenkult beschränkt: Im Schamanismus bekommt der Schüler nach seiner Initiation „sein“ Familiar (durch Rituale oder/und Meditation) zugewiesen.[9]

Der Begriff ist auch nicht eindeutig allein auf tatsächliche Tiere festzumachen, wenn er wohl doch hauptsächlich so gebraucht wird.

Seelentier, Familiar und Totem sind sich zwar in gewissen Punkten ähnlich, aber nicht identisch.

Interessant im Zusammenhang mit Familiar und Totemismus ist, dass sich der Totemismus nie mit Dämonenkult verbindet, was – wie bereits ausgeführt – zumindest in früheren Zeiten beim Familiar sehr wohl der Fall war.

Nicht zu verwechseln mit Seelentieren sind Schicksalstiere, die zumeist als Todesboten und Unglücksbringer oder als das genaue Gegenteil, nämlich Schutz- und Glücksbringer, auftreten.[10]

Dieselbe Tierart kann im Volksglauben und in Überlieferungen sowohl das eine als auch das andere sein.[11]

Wieder etwas anderes sind Wana: Tiere, die Menschengestalt annehmen können. Dieses Motiv ist in indianischen Kulturen besonders weit verbreitet, aber auch in unseren Breiten anzutreffen. Ein Beispiel dafür ist etwa das Märchen „Das Eselein“ innerhalb der Sammlung der Brüder Grimm (KHM 144).

1.2. Seelentier versus Totemismus

Totemismus ist nicht mit Tierverehrung zu verwechseln.[12]

Das Wort Totem hat indianische Wurzeln und beinhaltet verwandtschaftliche Beziehung, was allerdings nichts mit Blutsbanden zu tun hat.

Es geht um eine „innere“ Verwandtschaft, ähnlich wie beim Familiar. Allerdings liegt hier meist ein Schöpfungsglaube zugrunde, der besagt, dass das jeweilige Tier und der jeweilige Stamm vom gleichen Wesen (manchmal noch dazu aus ähnlichem Material) geschaffen wurden.

Die Beziehung zwischen Mensch und Totem ist symbiotisch und sympathtetisch: Eine vital-seelische Verbundenheit, die mystisch gefühlt werden kann.

Die zugrunde liegende Idee ist die Abrundung und Vervollständigung der menschlichen Existenz nach der Naturseite. Den Kern des Totemismus-Kultes bilden Zeremonien, deren Bestandteil die Nachahmung des Totemtieres ist.

In der Wissenschaft sind die Meinungen darüber geteilt, ob das gesellschaftliche Phänomen des Totemismus sozialbiologische, spirituelle oder ökonomische Ursprünge hat. Es ist wohl nicht unrealistisch zu vermuten, dass alle Faktoren dabei eine Rolle spielen.

In unserer Sprache und Begriffswelt gibt es für den Terminus „Totem“ laut dem Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens keinen analogen Begriff.

Man kann zwischen Gruppentotem (Stammestotem, Klantotem,…) und Individualtotem (Schamasnismus,…) unterscheiden, wobei sich Wissenschaftler nicht einig sind, was sich woraus entwickelt hat.

Wie erwähnt sind das „Seelentier“ und das Familiar miteinander verwandt - besonders in Bezug auf das Individualtotem:

Der Glaube, dass Menschen in Tieren fortleben, was im Seelentiermotiv enthalten ist, könnte als eine Art „Überbleibsel“ des Totem-Kultes betrachtet werden.

Die Grenze zwischen Totemismus und dem Seelentier-Motiv ist in vielen Fällen mit Sicherheit fließend. Wenn allerdings eine scharfe Trennung erfolgen müsste, so halte ich für den wichtigen Unterschied, dass im Totemismus Tier und Mensch einander verbunden sind, allerdings gleichzeitig in bewusstem Zustand existieren können. Das Seelentier hingegen ist Träger der Seele entweder eines Verstorbenen oder eines Schlafenden. Folglich sind Tier und Mensch nicht gleichzeitig „bei Bewusstsein“.

Dieser Unterscheidung gemäß würde es sich in I des „Märchen von der Unke“ um Totemismus handeln, aber nicht um das Seelentier-Motiv. Denn Unke und Kind speisen jeweils gemeinsam.

Allerdings ist es im Totemismus nicht die Regel[13], dass die Lebensenergie von Mensch und Tier verknüpft sind. Das würde wiederum dafür sprechen, dass es sich sehr wohl um ein Seelentier handelt. Dort ist diese Art der Verbindung nämlich zwingender Bestandteil der Definition.

Man kann dieses Problem möglicherweise in Ansätzen lösen, beziehungsweise umgehen, indem man von der Unke als einem Familiar spricht – im Sinne einer Art von Kreuzung zwischen Seelentier und Totem.

1.3. Tiere, die als Seelentiere fungieren

Laut dem Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens sind folgende Tiere in Sagen, Märchen und Legenden des Öfteren als Seelentiere anzutreffen:[14] Geflügelte Seelentiere (Bachstelze, Fliege, Möwe, Rabe, Schmetterling, Schwan), Spinne, Maus, Lamm, Raupe, Regenwurm, Schildkröte und Schlange.

Im Rahmen dieser Arbeit kann leider nicht auf jedes einzelne dieser Seelentiere eingegangen werden. Im Folgenden greife ich einige heraus:

1.3.1. geflügelte Seelentiere

1.3.1.a) Seelenvogel[15]

Seelenvögel sind neben der Seelenschlange das spezifische Seelentier.

Den geflügelten Seelentieren liegt höchstwahrscheinlich die Vorstellung des Seelenvogels zugrunde – es wird ja im Volksglauben nicht in derselben Weise wie in der Biologie in Gattungen unterteilt.

Die Vorstellung eines Seelenvogels hat ihren Ursprung im Indogermanischen[16] und ist auch in China, Indonesien, Afrika und Amerika verbreitet. Der Glaube an den Vogel als geisterhaftes, prophetisches Wesen und Todesboten, der als Seelenträger verstorbener Seelen Überlebende ins Totenreich holt, lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen.

Die Seele in Vogelgestalt entweicht dem Sterbenden jeweils aus dem Mund. Diese Vorstellung existiert auch im deutschen Volksglauben.

Unterstützt wird sie unter anderem durch die in großer Zahl auf Friedhöfen zu findenden Vögel, die - dem oben Gesagten entsprechend - als Seelen der Toten interpretiert wurden.

In der darstellenden Kunst wurde der Typus des Seelenvogels durch die Ägypter eingeführt: Die Hieroglyphe für „Seele“ ist ein Vogel. Dazu sollte angemerkt werden, dass den Ägyptern der „entführende“ Seelenvogel fremd war. Diese Erweiterung stammt aus der griechischen Antike.

[...]


[1] Richard und Klaus Beitl: Wörterbuch der Deutschen Volkskunde. S. 730 (Stichwort: Seele).

[2] Richard und Klaus Beitl: Wörterbuch der Deutschen Volkskunde. S. 730 (Stichwort: Seele).

[3] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Spalte 791 (Bd. VIII, Stichwort: Tier).

[4] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Register (Stichwort: Seele).

[5] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Spalte 40 (Bd. VI, Stichwort: Maus).

[6] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Spalte 793 (Bd. VIII, Stichwort: Tier).

[7] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Spalte 790f (Bd. VIII, Stichwort: Tier).

[8] Rosemary Ellen Guiley: The Encyclopedia of Witches and Witchcraft. S. 121ff.

[9] Rosemary Ellen Guiley: The Encyclopedia of Witches and Witchcraft. S. 121f.

[10] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Spalte 914 (Bd. VIII, Stichwort: Tierorakel).

[11] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Spalte 912fff (Bd. VIII, Stichwort: Tierorakel).

[12] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Spalte 1034fff (Bd. VIII, Stichwort: Totemismus).

[13] Ausnahme: Im Schamanismus wird geglaubt, dass der Schamane sein Totem als seinen Doppelgänger in den

Kampf schicken kann. Wenn allerdings der Doppelgänger stirbt, so stirbt auch der Schamane

selbst. Umgekehrt heißt es, dass nach dem Tod eines Schamanen sein Totem verschwindet.

nach Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Spalte 1034fff (Bd. VIII, Stichwort:

Totemismus).

[14] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Register (Stichwort: Seele) +

Elard H. Meyer: Mythologie der Germanen. S.77.

[15] Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Spalte 1572fff (Bd. VII, Stichwort: Seelenvogel) +

Elard H. Meyer: Mythologie der Germanen. S.71, 76.

[16] Als Urheimat der Indogermanen galt in der älteren Forschung lange Zeit Zentralasien, dann lokalisierte man ihr

Herkunftsgebiet in Nord-, Mittel- und Osteuropa; die jüngere Forschung schließlich grenzte ihre Heimat auf

Mittel- respektive Osteuropa ein.

nach Encarta Enzyklopädie Professional 2004 (Stichwort: indogermanische Wanderung).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Das Märchen von der Unke" (KHM 105) unter spezieller Berücksichtigung des Seelentier-Motivs
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
SE Ältere dt. Lit.: Zur Interpretation der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V52171
ISBN (eBook)
9783638479547
Dateigröße
897 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Was ist ein Seelentier? Ist die Unke im Märchen ein Seelentier? Analyse des Märchens von der Unke! Analyse des Seelentier-Motivs in einem Werk der modernen Kinder- und Jugendliteratur: Harry Potter!
Schlagworte
Märchen, Unke, Berücksichtigung, Seelentier-Motivs, Interpretation, Kinder-, Hausmärchen, Brüder, Grimm
Arbeit zitieren
Sonja Loidl (Autor), 2006, "Das Märchen von der Unke" (KHM 105) unter spezieller Berücksichtigung des Seelentier-Motivs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52171

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