Der Begriff der strukturellen Gewalt bei Galtung


Seminararbeit, 1999

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Allgemeine Definition von Frieden

3. Allgemeine Definition von Gewalt

4. Dimensionen von Gewalt

5. Strukturelle und personale Gewalt
5.1. Typologie der personalen Gewalt
5.2. Typologie der strukturellen Gewalt

6. Zum Verhältnis von struktureller und personaler Gewalt

7. Frieden und Friedensforschung nach Galtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich vorwiegend mit dem Begriff der strukturellen Gewalt und der Abgrenzung derselben von der personalen Gewalt. Der Begriff „strukturelle Gewalt“ wurde von dem norwegischen Geisteswissenschaftler und Friedensforscher Johan Galtung geprägt und in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt. Er entwickelte diesbezüglich einen eigenen analytischen Ansatz, mit welchem er die sozialen und politischen Tatsachen der Wirklichkeit zu erklären suchte.

Im Rahmen dieser Hausarbeit wird zunächst eine Begriffsklärung der Variablen „Frieden“ und „Gewalt“ vorgenommen. Anschließend werden die verschiedenen Dimensionen der Gewalt aufgezeigt und analysiert. Neben die direkte, personale Gewalt, die bis dato die wissenschaftliche Literatur und Diskussion beherrschte, stellt Galtung eine andere Gattung: die indirekte, strukturelle Gewalt, welche für ihn einen genauso starken Einfluß auf die Menschen ausübt. Im weiteren Verlauf werden einige Überlegungen zur Erklärung des Verhältnisses personaler und struktureller Gewalt angeführt, um eventuelle Abhängigkeiten aufzuzeigen.

Außer der Differenzierung zwischen direkter und indirekter Gewalt wird auf die Entwicklung der Friedensforschung eingegangen, da dies das Feld ist, in dem der Begriff der strukturellen Gewalt zur Anwendung kommt. Ausgehend von den Anfängen dieser Forschungsrichtung werden die Veränderungen derselben aufgezeigt und näher beleuchtet. Abschließend wird kurz auf aktuelle Theorien der Friedensforschung eingegangen. Dabei wird auch auf den Begriff des Konfliktes näher eingegangen, da dieser die Abwesenheit von Frieden beinhaltet und somit untrennbar mit der Friedensforschung verbunden ist. In einer Schlußbemerkung werden die zentralen Aussagen dieser Arbeit nochmals aufgegriffen und zusammengeführt.

Der vorliegenden Arbeit liegt fast ausschließlich das Buch Johan Galtungs „Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung“ zugrunde, was bedeutet, dass ich mich primär auf dieses beziehe.

2. Allgemeine Definition von Frieden

Zur Bestimmung des zentralen Begriffes „Gewalt“ ist es aus Gründen der Abgrenzung zunächst notwendig, „Frieden“ näher zu definieren. Kaum ein Wort wird so häufig und wenig spezifiziert gebraucht, wie Frieden. Um wissenschaftlich damit arbeiten zu können, ist jedoch eine genaue Definition unabdingbar. Galtung geht dabei von drei Grundsätzen aus: Zunächst soll der Begriff „Frieden“ für solche sozialen Ziele gelten, die wenn möglich von den meisten, zumindest von vielen, als solche anerkannt werden. Das bedeutet, die Allgemeinheit soll gesamtheitlich von Frieden sprechen können. Diese Ziele dürfen zwar komplex sein, müssen aber prinzipiell erreicht werden können. Das Hauptmerkmal von Frieden ist jedoch die Abwesenheit von Gewalt.[1] Für diese Definition spricht, dass sie mit der allgemeinen Verwendung übereinstimmt. Außerdem

„(...) definiert (sie) eine friedliche Gesellschaftsordnung nicht punktuell, sondern regional: als den weiten Bereich von Gesellschaftsordnungen, in denen es keine Gewalt gibt.“[2]

Entsprechend diesen Überlegungen ist Handeln für den Frieden stets Handeln gegen die Gewalt. Genau aus diesem Grund ist es, bei der Bestimmung des Gewaltbegriffes unabdingbar, eine Definition von Frieden zu leisten.

3. Allgemeine Definition von Gewalt

Auch der Begriff der „Gewalt“ zeichnet sich durch eine Vielzahl von Definitionen aus. In der Regel versteht man in den Sozialwissenschaften unter Gewalt die Anwendung von physischem und/oder psychischem Zwang, entweder als Ausdruck von Aggressivität oder als legitimes oder auch unrechtmäßiges Mittel zur Begründung, Aufrechterhaltung oder Überwindung bestimmter Macht- und Herrschaftsverhältnisse.[3]

Nach Galtung liegt Gewalt genau dann vor, „wenn Menschen so beeinflußt werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“[4]. Das bedeutet, Gewalt ist mehr, als die bloße körperliche Verletzung eines Menschen. Immer dann, wenn sich das potentiell Mögliche und das aktuell Vorhandene voneinander derart unterscheiden, dass das Potentielle größer ist als das Aktuelle, liegt Gewalt vor. Durch das Einwirken von Gewalt – welche Art Gewalt auch immer – wird der Abstand zwischen dem Möglichen und dem Aktuellen vergrößert oder zumindest eine Annäherung derselben verhindert. Ein wichtiger Aspekt der Gewaltdefinition Galtungs ist neben dem Verhältnis von Aktuellem und Potentiellem die Tatsache, dass es sich nur dann um Gewalt handelt, wenn das Aktuelle zudem vermeidbar wäre. Ist dem nicht so, liegt auch keine Gewalt vor, selbst wenn sich das Aktuelle auf einer sehr niedrigen Ebene bewegt.[5] Galtung definiert das „potentielle Maß der Verwirklichung“ als das Maß, das durch eine gewisse Einsicht und unter Verwendung angemessener Hilfsmittel möglich ist. Das bedeutet, es handelt sich hier nicht um einen völlig fiktiven Maßstab, sondern um einen an die Realität und deren Begebenheiten angepaßten.

Gewalt läßt sich unterteilen in direkte und indirekte Gewalt. Werden die oben genannten Einsichten und Hilfsmittel von nur einer Gruppe innerhalb eines Systems (sei es nun eine Gesellschaft oder bspw. eine Organisation) angewandt und zweckentfremdet gebraucht, spricht man von indirekter Gewalt, da dadurch bei denjenigen, die nicht über diese eingesetzten Mittel verfügen, das Aktuelle unter das Potentielle sinkt. Direkte Gewalt liegt hingegen dann vor, wenn die Möglichkeit der Verwirklichung nicht nur verringert, sondern vollständig unterdrückt wird. Als Beispiel direkter Gewalt führt Galtung den Kriegsfall an und zwar insofern, als dass Menschen getötet bzw. verletzt werden und somit die aktuelle physische Verwirklichung eindeutig unter die potentiell mögliche sinkt.[6]

Galtung versteht Gewalt als Einflußnahme auf ein Objekt. Dies setzt voraus, dass drei Dinge existieren: etwas, das beeinflußt wird, etwas, das beeinflußt und eine spezifische Methode der Einflußnahme. Das bedeutet, es gibt stets ein Subjekt, ein Objekt und eine Handlung, die getrennt voneinander betrachtet werden können.

Der hier dargestellte erweiterte Gewaltbegriff Galtungs ist deshalb nötig, da Frieden in unserer Zeit als ein hohes Ideal propagiert wird. Wäre Gewalt nur als Angriff bzw. Beschädigung der Physis eines Menschen definiert und Frieden die einfache Negation desselben, wäre zuwenig ausgeschlossen. Auch inakzeptable Gesellschaftsordnungen wären noch mit diesem Friedensbegriff vereinbar, obwohl eindeutig ein Zwang auf die Menschen solcher Gesellschaften ausgeübt wird (Bsp.: Diktaturen). => Fußnote!

4. Dimensionen der Gewalt

Die erweiterte Gewaltdefinition umschließt zunächst sechs wichtige Dimensionen. Eine sehr wichtige ist zunächst die Trennung in physische und psychische Gewalt. Wendet man physische Gewalt an, fügt man Menschen Schmerzen zu. Diese Art der Gewalt ist weiter unterteilbar „(...) in ‚biologische Gewalt‘, die die physischen Fähigkeiten vermindert (...) und in ‚physische Gewalt an sich‘, die die Beschränkung der Bewegungsfreiheit des Menschen verstärkt“[7]. Psychische Gewalt hingegen richtet sich auf die Psyche eines Menschen und zielt darauf ab, die geistigen Möglichkeiten der einzelnen zu verringern und dadurch ihre Handlungsalternativen einzuschränken.

Eine zweite Unterscheidung kann zwischen negativer und positiver Einflußnahme getroffen werden. Nicht nur durch Bestrafung oder Androhung derselben (negative Gewalt) kann Einfluß ausgeübt werden, sondern auch durch Belohnung von seiten des Einflussnehmenden (positive Gewalt). Anstelle weitere Einschränkungen vorzunehmen, können physische Möglichkeiten vergrößert werden. Auch dies ist eine Art von Gewalt, denn auch so können Menschen davon abgehalten werden, ihre Möglichkeiten in vollem Umfang zu nutzen, wodurch wieder eine Differenz von Aktuellem und Potentiellen hergestellt wird.[8]

Ein drittes Differenzierungsmerkmal läßt sich in Bezug darauf festmachen, ob es ein Objekt gibt, dass durch den angewendeten Zwang direkt verletzt wird, oder nicht. Als Beispiel hierfür läßt sich die Androhung von körperlicher Gewalt anführen. Bereits durch das Aussprechen einer Drohung wird der Handlungsspielraum desjenigen, gegen den dieselbe gerichtet ist, eingeschränkt und somit Gewalt ausgeübt. Es handelt sich hierbei um unvollkommene Gewalt, da keine tatsächliche Wirkung erzielt wird, bzw. keine eigentliche Handlung ausgeführt wird.[9] In diesem Zusammenhang stellt sich Galtung auch die Frage, ob die Zerstörung von Dingen (nicht von Personen) unter den Gewaltbegriff fällt. Seiner Ansicht nach kann die Vernichtung von Sachen als psychische Gewalt angesehen werden, da die Zerstörung von Dingen häufig eine Drohung der Vernichtung von Menschen impliziert, bzw. Sachen angegriffen werden, die dem Eigentümer sehr wichtig sind. Auf diesem Wege wird demjenigen gegenüber Gewalt angetan, der eigentlich das Recht hat, über die beschädigten Gegenstände zu verfügen.[10]

Die nächste Unterscheidung ist in den Augen Galtungs die wichtigste. Sie bezieht sich auf das Subjekt, auf das Vorhandenseins einer handelnden Person. Er stellt sich die Frage, ob überhaupt von Gewalt gesprochen werden kann, wenn niemand direkte Gewalt ausübt. Galtung führt hier die Trennung in personale und strukturelle Gewalt ein. Unter personaler Gewalt versteht er direkten, von einer Person ausgeübten Zwang. Mit struktureller Gewalt bezeichnet er solche, die ohne einen Akteur ausgeübt wird. Bei dieser Art ist die „Gewalt in das System eingebaut und äußert sich in ungleichen Machtverhältnissen (...)“[11]. Das bedeutet, die Konsequenzen der Gewalt sind bei personaler bzw. direkter Gewalt auf konkrete Akteure zurückführbar, wohingegen dies bei struktureller bzw. indirekter Gewalt nicht möglich ist. Eine ungleiche Verteilung der Ressourcen und vor allem die verschieden verteilte Entscheidungsgewalt bezüglich derselben ist hier verantwortlich für den auf die Menschen ausgeübten Zwang. Hillman schreibt dazu:

[...]


[1] Vlg. Galtung, Johan: Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung. Reinbek bei Hamburg 1975, S. 8.

[2] Ebenda.

[3] Vgl. Hillmann, Karl-Heinz (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie. 4. überarb. und erg. Aufl., Stuttgart 1994, Stichwort: Gewalt, S. 293 f.

[4] Galtung, Johan: a.a.O., S. 9.

[5] Galtung führt in diesem Zusammenhang die menschliche Lebenserwartung an. Eine Lebenserwartung von 30 Jahren war in anderen Zeitaltern keine Gewalt, wobei eine solche jedoch heute aufgrund der technischen Standards als Gewalt zu bezeichnen wäre.

[6] Vgl. Galtung, Johan: a.a.O., S. 9 f.

[7] Galtung, Johan: a.a.O., S. 11.

[8] Als Beispiel führt Galtung hier die Konsumgesellschaft an. Er sagt, dass die Konsumgesellschaft denjenigen reich belohnt, der konsumiert, während sie den, der es nicht tut, nicht ausdrücklich bestraft. Gerade dadurch, dass das System auf Wohlbefinden aufgebaut ist, verringert es auf der anderen Seite den Handlungsspielraum der einzelnen. (vgl. Galtung, Johan: a.a.O..)

[9] Beispielsweise läßt sich in diesem Zusammenhang das Wettrüsten zu Zeiten des Kalten Krieges anführen. Der Handlungsspielraum der anderen Nation(en) sollte dadurch eingeschränkt werden, dass immer mehr Waffen angesammelt wurden und die Drohung ausgesprochen wurde, diese auch tatsächlich zu verwenden.

[10] Vgl. Galtung, Johan: a.a.O., S. 11 f.

[11] Galtung, Johan: a.a.O., S. 12.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der strukturellen Gewalt bei Galtung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Vergleichende Regierungslehre
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
18
Katalognummer
V52258
ISBN (eBook)
9783638480185
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die folgende Arbeit beschäftigt sich vorwiegend mit dem Begriff der strukturellen Gewalt und der Abgrenzung derselben von der personalen Gewalt. Der Begriff 'strukturelle Gewalt' wurde von dem norwegischen Geisteswissenschaftler und Friedensforscher Johan Galtung geprägt und in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt. Er entwickelte diesbezüglich einen eigenen analytischen Ansatz, mit welchem er die sozialen und politischen Tatsachen der Wirklichkeit zu erklären suchte.
Schlagworte
Begriff, Gewalt, Galtung, Vergleichende, Regierungslehre
Arbeit zitieren
Dipl.-Soz. Susanne Dera (Autor), 1999, Der Begriff der strukturellen Gewalt bei Galtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52258

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