Die folgende Arbeit beschäftigt sich vorwiegend mit dem Begriff der strukturellen Gewalt und der Abgrenzung derselben von der personalen Gewalt. Der Begriff „strukturelle Gewalt“ wurde von dem norwegischen Geisteswissenschaftler und Friedensforscher Johan Galtung geprägt und in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt. Er entwickelte diesbezüglich ei-nen eigenen analytischen Ansatz, mit welchem er die sozialen und politischen Tatsachen der Wirklichkeit zu erklären suchte.
Im Rahmen dieser Hausarbeit wird zunächst eine Begriffsklärung der Variablen „Frieden“ und „Gewalt“ vorgenommen. Anschließend werden die verschiedenen Dimensionen der Gewalt aufgezeigt und analysiert. Neben die direkte, personale Gewalt, die bis dato die wissenschaftliche Literatur und Diskussion beherrschte, stellt Galtung eine andere Gattung: die indirekte, strukturelle Gewalt, welche für ihn einen genauso starken Einfluß auf die Menschen ausübt. Im weiteren Verlauf werden einige Überlegungen zur Erklärung des Verhältnisses personaler und struktureller Gewalt angeführt, um eventuelle Abhängigkeiten aufzuzeigen.
Außer der Differenzierung zwischen direkter und indirekter Gewalt wird auf die Entwicklung der Friedensforschung eingegangen, da dies das Feld ist, in dem der Begriff der strukturellen Gewalt zur Anwendung kommt. Ausgehend von den Anfängen dieser Forschungsrichtung werden die Veränderungen derselben aufgezeigt und näher beleuchtet. Abschließend wird kurz auf aktuelle Theorien der Friedensforschung eingegangen. Dabei wird auch auf den Begriff des Konfliktes näher eingegangen, da dieser die Abwesenheit von Frieden beinhaltet und somit untrennbar mit der Friedensforschung verbunden ist. In einer Schlußbemerkung werden die zentralen Aussagen dieser Arbeit nochmals aufgegriffen und zusammengeführt.
Der vorliegenden Arbeit liegt fast ausschließlich das Buch Johan Galtungs „Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung“ zugrunde, was bedeutet, dass ich mich primär auf dieses beziehe.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Definition von Frieden
3. Allgemeine Definition von Gewalt
4. Dimensionen von Gewalt
5. Strukturelle und personale Gewalt
5.1. Typologie der personalen Gewalt
5.2. Typologie der strukturellen Gewalt
6. Zum Verhältnis von struktureller und personaler Gewalt
7. Frieden und Friedensforschung nach Galtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert den von Johan Galtung geprägten Begriff der strukturellen Gewalt, differenziert diesen von der personalen Gewalt und beleuchtet deren wechselseitige Abhängigkeiten sowie die Bedeutung für die moderne Friedensforschung.
- Grundlegende Begriffsdefinitionen von Frieden und Gewalt.
- Differenzierung der verschiedenen Dimensionen von Gewalt.
- Typologisierung personaler und struktureller Gewalt.
- Analyse des Verhältnisses zwischen struktureller und personaler Gewalt.
- Entwicklung und aktueller Stand der Friedensforschung nach Galtung.
Auszug aus dem Buch
3. Allgemeine Definition von Gewalt
Auch der Begriff der „Gewalt“ zeichnet sich durch eine Vielzahl von Definitionen aus. In der Regel versteht man in den Sozialwissenschaften unter Gewalt die Anwendung von physischem und/oder psychischem Zwang, entweder als Ausdruck von Aggressivität oder als legitimes oder auch unrechtmäßiges Mittel zur Begründung, Aufrechterhaltung oder Überwindung bestimmter Macht- und Herrschaftsverhältnisse.
Nach Galtung liegt Gewalt genau dann vor, „wenn Menschen so beeinflußt werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“. Das bedeutet, Gewalt ist mehr, als die bloße körperliche Verletzung eines Menschen. Immer dann, wenn sich das potentiell Mögliche und das aktuell Vorhandene voneinander derart unterscheiden, dass das Potentielle größer ist als das Aktuelle, liegt Gewalt vor. Durch das Einwirken von Gewalt – welche Art Gewalt auch immer – wird der Abstand zwischen dem Möglichen und dem Aktuellen vergrößert oder zumindest eine Annäherung derselben verhindert. Ein wichtiger Aspekt der Gewaltdefinition Galtungs ist neben dem Verhältnis von Aktuellem und Potentiellem die Tatsache, dass es sich nur dann um Gewalt handelt, wenn das Aktuelle zudem vermeidbar wäre. Ist dem nicht so, liegt auch keine Gewalt vor, selbst wenn sich das Aktuelle auf einer sehr niedrigen Ebene bewegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und des analytischen Ansatzes von Johan Galtung zur Untersuchung von Gewalt und Frieden.
2. Allgemeine Definition von Frieden: Definition von Frieden als komplexes soziales Ziel, dessen Hauptmerkmal die Abwesenheit von Gewalt ist.
3. Allgemeine Definition von Gewalt: Erläuterung des erweiterten Gewaltbegriffs bei Galtung als Diskrepanz zwischen potenzieller und aktueller Verwirklichung.
4. Dimensionen von Gewalt: Systematisierung der Gewalt in physische/psychische, negative/positive sowie manifeste/latente Formen.
5. Strukturelle und personale Gewalt: Gegenüberstellung der zwei zentralen Gewaltkategorien und deren spezifische Ausprägungen.
6. Zum Verhältnis von struktureller und personaler Gewalt: Untersuchung der empirischen Unabhängigkeit und wechselseitigen Erzeugung beider Gewaltformen.
7. Frieden und Friedensforschung nach Galtung: Herleitung eines erweiterten Friedensbegriffs und der daraus resultierenden Aufgaben für die Friedensforschung.
Schlüsselwörter
Strukturelle Gewalt, Personale Gewalt, Johan Galtung, Friedensforschung, Negative Gewalt, Positive Gewalt, Potenzielle Verwirklichung, Aktuelle Verwirklichung, Soziale Gerechtigkeit, Machtverhältnisse, Konfliktforschung, Systemtheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Definition und Differenzierung der Begriffe strukturelle und personale Gewalt basierend auf den Theorien von Johan Galtung.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Felder sind die Gewaltdefinition, die Typisierung von Gewaltformen, das Verhältnis von Struktur und Akteur sowie die Erweiterung des Friedensbegriffs.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den erweiterten Gewaltbegriff Galtungs zu erläutern und zu verdeutlichen, warum für eine umfassende Friedensforschung beide Gewaltarten berücksichtigt werden müssen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die primär auf dem Werk „Strukturelle Gewalt“ von Johan Galtung basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Definitionen für Frieden und Gewalt entwickelt, die verschiedenen Dimensionen der Gewalt typologisiert und das komplexe Verhältnis zwischen struktureller und personaler Gewalt untersucht.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie strukturelle Gewalt, personale Gewalt, soziale Ungleichheit und Friedensforschung definiert.
Was ist laut Galtung der Unterschied zwischen personaler und struktureller Gewalt?
Personale Gewalt ist direkt, sichtbar und geht von konkreten Akteuren aus, während strukturelle Gewalt „still“ und in die Sozialstruktur eingebettet ist.
Kann man personale Gewalt einfach durch die Beseitigung struktureller Gewalt verhindern?
Galtung verneint eine solche einfache Kausalität; beide Formen sind empirisch oft voneinander unabhängig, können sich aber gegenseitig hervorbringen.
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- Dipl.-Soz. Susanne Dera (Author), 1999, Der Begriff der strukturellen Gewalt bei Galtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52258