Sprache als Mittel zur Macht - Hausarbeit zu Pierre Bourdieus Theorie der 'Ökonomie des symbolischen Tauschs'


Hausarbeit, 2004
21 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Grundlagen der soziologischen Theorie von Pierre Bourdieu
2.1 Das soziale Feld
2.2 „Habitus und Feld, Leib gewordene und Ding gewordene Geschichte,[...]“
2.3 Inkorporation und Reproduktion
2.4 Das Kapital und seine Erscheinungsformen
2.4.1 Das ökonomische Kapital
2.4.2 Das kulturelle Kapital
2.4.3 Das soziale Kapital
2.4.4 Das symbolische Kapital

3 Die Macht der Sprache
3.1 Kritik am sprachwissenschaftlichen Strukturalismus
3.2 Der sprachliche Markt
3.3 Kennen und Anerkennen
3.4 Profitchancen auf dem sprachlichen Markt
3.4.1 Profit durch institutionalisierte Autorität

4 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Was heißt sprechen?“ Diese Frage stellt sich der französische Soziologe Pierre Bourdieu in seinem gleichnamigen Buch, das den Untertitel „Die Ökonomie des sprachlichen Tauschs“ trägt und 1982 in Frankreich erschienen ist. Schon im Untertitel wird deutlich, dass Bourdieu hier keinen rein sprachwissenschaftlichen Ansatz verfolgt, sondern sich gegen die strukturalistische Sprachwissenschaft vor allem von Ferdinand de Saussure wendet. Er kritisiert dabei die Reduktion der Sprachtheorie auf das Sprachsystem, das die Realisierung und die gesellschaftliche Praxis von Sprache ausblendet.

Saussure betrachtet seine Semiologie als Teil der Sozialwissenschaften, doch durch seine Auffassung von Gesellschaft als eine von ihren Mitgliedern unabhängige Größe vernachlässigt er die Aspekte der Produktion und Reproduktion der Sprache durch die Individuen. Auch die sozialen Umstände der Akteure, wie etwa ihre Klassenzugehörigkeit, ihr geographisches Umfeld oder ihr Bildungsgrad, werden außer Acht gelassen.

Doch gerade auf diese Aspekte kommt es Bourdieu in seiner Theorie an, in der er besonders die Sozialbeziehungen und die daraus entstehenden Machtverhältnisse berücksichtigt. Er erweitert damit den Kommunikationsakt von einem bloßen sprachlichen Austausch auf einen dahinter verborgenen Austausch verschiedener Machtverhältnisse zwischen den Sprechern. Das Anerkennen und Erkennen von autorisierten Sprechern beeinflusst nach Bourdieu stark das kommunikative Handeln und sein Gelingen. Er bezieht zudem die Sprachfähigkeit, den sprachlichen Habitus eines Akteurs und den sprachlichen Markt mit ein, der mit einem System von Sanktionen und Zensuren auf die Handlungsmöglichkeiten einwirkt und sie determiniert.

In der vorliegenden Arbeit sollen anhand der Theorie Bourdieus Bedeutung und Einfluss von sozialen Dispositionen, Gewalt und Macht auf die Sprache dargestellt werden. Es soll gezeigt werden, dass in Bourdieus Ansatz Kommunikation nicht ohne Gesellschaft funktioniert und diese als Notwendigkeit für die kontinuierliche Reproduktion von Sprache angesehen werden muss. Doch auch die Sprache selbst übt Einfluss auf die sozialen Beziehungen und die Herrschaftsverhältnisse in einer Gesellschaft aus, in dem sie durch den sprachlichen Habitus der Akteure die Klasseneinteilung anerkennt, legitimiert und reproduziert.

Um Bourdieus Erkenntnisinteresse des reziproken Verhältnisses von Sprache und Gesellschaft zu verdeutlichen, werden im folgenden Kapitel die von ihm häufig verwendeten Begriffe des sozialen Feldes, des Habitus, der Inkorporation und des Kapitals in seinen verschiedenen Formen erklärt.

Im dritten Kapitel soll es um den Einfluss des sprachlichen Marktes gehen, auf dem die Sprache als Kapital eingesetzt und getauscht werden kann. Ich werde außerdem auf die Wirkung vom autorisierten Gebrauch der Sprache und Bourdieus Kritik an der Sprechakttheorie eingehen.

Im Schlusskapitel führe ich die Erkenntnisse aus den vorherigen Kapiteln zusammen und beziehe sie auf die Fragestellung dieser Arbeit, ob man Kommunikation und Sprache getrennt von Gesellschaft betrachten kann.

2 Grundlagen der soziologischen Theorie von Pierre Bourdieu

Bourdieu prägt in seinem gesamten soziologischen Werk viele Begriffe, die aus dem Marxismus entlehnt sind, neu. Er möchte etwa das Kapital oder die Klassen einer Gesellschaft nicht so sehr auf den Ökonomismus reduzieren, denn er sieht auch einen Markt für symbolische Güter wie Kultur, Bildung oder Titel. Das Feld, in dem sich die Akteure bewegen, vergleicht er mit einer mehrdimensionalen geographischen Region, die nach Kapitalumfang und –zusammensetzung strukturiert ist. Die soziale Stellung eines Akteurs bestimmt sich über die Verteilung seiner Stellung innerhalb der einzelnen Felder und determiniert ihn gleichzeitig unter Berücksichtigung der akkumulierten Kapitalsorten in seinem Habitus. Der Habitus wirkt wiederum als verinnerlichte Disposition der Akteure reproduzierend auf die sozialen Strukturen ein. Bourdieu bezieht also in seine Überlegungen objektive und subjektive Strukturen ein und verbindet die sich gegenüberstehenden Herangehensweisen der Makro- und Mikrosoziologie.

2.1 Das soziale Feld

Bourdieu möchte mit der Einführung des Begriffs des sozialen Feldes oder Raumes - er verwendet die Begriffe synonym - den Begriff der sozialen Klassen erweitern. Er kritisiert an dem Klassenbegriff zum einen die statische Vorstellung, dass es sich dabei um Gruppen handele, die sich voneinander abgrenzen.[1] Zum anderen vergleicht er den sozialen Raum mit einem geographischen Raum und kann den gängigen Klassenbegriff durch die Dynamik der im Raum herrschenden Strukturen, die als Zwänge auf die Akteure einwirken, differenzierter analysieren. Befinden sich die Akteure im gleichen sozialen Feld, begegnen sie sich mit höherer Wahrscheinlichkeit und können Beziehungen zueinander aufbauen. Man trifft sich jedoch nicht so leicht, wenn man unterschiedlichen sozialen Feldern angehört. Geographisch betrachtet würde man zu demselben Ergebnis gelangen. Daher bezeichnet Bourdieu die objektiven sozialen Strukturen, zu denen der soziale Raum gehört, als „gesellschaftliche Topologie: Einige Menschen stehen ‚oben’, andere ‚unten’, noch andere ‚in der Mitte’.“.[2]

Die Stellung, die ein Akteur in einem Feld einnimmt, ist bestimmt durch das Gesamtvolumen seines Kapitals und der Verteilung der Kapitalsorten, über die er verfügt.[3] „Der Raum, das sind hier die Spielregeln, denen sich jeder Spieler beugen muss.“[4] Bourdieu macht erneut einen Vergleich, diesmal zum Spiel. Um sich an einem Spiel zu beteiligen, müssen die Akteure ihr vorhandenes Kapital einsetzen und je nachdem, welches Spiel gespielt wird, müssen andere Regeln eingehalten werden. Die Grundvoraussetzung ist, dass die Akteure mit ihrem Einsatz Profit erzielen wollen. Ob dies letztlich der Fall ist, bestimmen die Regeln, die das Verhalten positiv oder negativ sanktionieren.

Die Merkmale oder Strukturen, die einen sozialen Raum konstruieren, sind Formen von Macht und Kapital. Sie determinieren den Zugang zum Raum und den Einsatz des Kapitals für die Akteure: „Gleich Trümpfen in einem Kartenspiel, determiniert eine bestimmte Kapitalssorte die Profitchancen im entsprechenden Feld (faktisch korrespondiert jedem Feld oder Teilfeld die Kapitalsorte, die in ihm als Machtmittel und Einsatz im Spiel ist).“[5] Bewegte man sich also in einem Feld, das von ökonomischem Kapital, also Geld oder Besitz, beherrscht würde, könnte man nur Gewinne erzielen, wenn man auch ökonomisches Kapital einsetzte. Mächtig wären dann jene, die besonders viel Geld oder Besitz hätten und natürlich das Wissen, wie man am meisten Gewinn damit erzielt.

Innerhalb der einzelnen Felder kann es natürlich auch zu Kämpfen um die soziale Stellung kommen, daher bezeichnet Bourdieu das soziale Feld häufig als „Kräftefeld“[6]: „[…] wenn ich sozial aufsteigen möchte, habe ich eine enorme Steigung vor mir, die ich nur mit äußerstem Kraftaufwand erklettern kann; einmal oben, wird mir die Plackerei auch anzusehen sein, und angesichts meiner Verkrampftheit wird es dann heißen: ‚Der ist doch nicht wirklich distinguiert!’“[7]

Das soziale Feld als objektive Struktur der sozialen Welt muss, um weiter bestehen zu können, reproduziert werden: „Die verschiedenen sozialen Felder – höfische Gesellschaften, politische Parteien, Unternehmen wie Universität – können nur funktionieren, solange es Akteure gibt, die darin investieren: ihre Ressourcen wie ihre Interessen, und auf diese Weise, nicht zuletzt aufgrund ihres wechselseitigen Antagonismus, zur Erhaltung oder gegebenenfalls auch Veränderung der Struktur beitragen.“[8] Bourdieu sieht in den Dispositionen und Handlungen der Akteure die subjektiven Strukturen der sozialen Welt und analysiert sie in seiner umfassenden Habitustheorie. Wie ein Habitus erworben wird, wie er sich auf das Feld auswirkt und wie sehr er von diesem bestimmt wird, soll im folgenden Abschnitt erläutert werden.

2.2 „Habitus und Feld, Leib gewordene und Ding gewordene Geschichte,[...]“

Bourdieu führt das Konzept des Habitus ein, um den Unterschied zwischen den Klassen und das Gefangensein der Akteure in diesen erklären zu können. In seinem Buch „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“, das 1979 in Frankreich erschienen ist, teilt Bourdieu die französische Gesellschaft in drei Klassen ein: in die herrschende, die mittlere (das Kleinbürgertum) und die unter Klasse (Arbeiterklasse).[9]

[...]


[1] vgl. Bourdieu, 1997: S. 39

[2] ebd., S. 35

[3] vgl. Bourdieu, 1985: S. 11

[4] Bourdieu, 1997: S. 38

[5] Bourdieu, 1985: S. 10

[6] ebd.

[7] Bourdieu, 1997: S. 37

[8] Bourdieu, 1985: S. 74

[9] Bourdieu, 1985: S. 69

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Sprache als Mittel zur Macht - Hausarbeit zu Pierre Bourdieus Theorie der 'Ökonomie des symbolischen Tauschs'
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Kommunikation ohne Gesellschaft?
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V52400
ISBN (eBook)
9783638481250
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache, Mittel, Macht, Hausarbeit, Pierre, Bourdieus, Theorie, Tauschs, Kommunikation, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Sabrina Radeck (Autor), 2004, Sprache als Mittel zur Macht - Hausarbeit zu Pierre Bourdieus Theorie der 'Ökonomie des symbolischen Tauschs', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52400

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