Morbus Kitahara. Ein Roman von Christoph Ransmayr


Seminararbeit, 2004

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort

2. Der Autor

3. Der Roman 'Morbus Kitahara'
3.1. Die Orte der Handlung

4. Der Inhalt
4.1. Bering
4.2. Ambras
4.3. Lily

5. Interpretation
5.1. Autobiografische Elemente
5.2. Das Verhältnis von Mensch – Tier – Maschine
5.3. Das Wechselspiel von Hoffnung und Enttäuschung
5.4. Die Erinnerungsthematik

6. Kritik der Literaturwissenschaft

7. Persönliche Reflexion der Leserolle

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Für das Proseminar 'Gegenwartsliteratur' verfasste ich die vorliegende Arbeit über Christoph Ransmayrs Roman 'Morbus Kitahara'. Die Grundstruktur übernahm ich dabei meinem vorangegangen Referat zu diesem Thema. Auf Grund des zeitlichen Rahmens des Referates war es nicht möglich, auf alle Aspekte der Interpretation einzugehen. Auf eventuell etwas vernachlässigte Punkte – wie zum Beispiel die Forschungsliteratur und die Kritik am Roman 'Morbus Kitahara' - gehe ich deshalb an dieser Stelle genauer ein. Meiner Meinung nach sollte hier auch Platz sein, die Rolle des Lesers/der Leserin zu reflektieren. Dies möchte ich im Hinblick auf meine eigenen Leseerfahrungen im Anschluss an die Interpretation des Werks durchführen. Zur weiteren Gliederung ist vielleicht anzumerken, dass ich zu Beginn nur relativ kurz auf den Autor eingehe. Dies liegt vor allem daran, dass die Biografie des Autors an manchen Stellen, so zum Beispiel bei der geografischen Konstellation, zwar einfließt, der Roman aber weder als autobiografischer, noch als geschichtlicher zu bewerten ist. Bei der Interpretation will ich also nahe am Text bleiben, wobei ich des öfteren auf historische Hintergründen eingehen werde. Dies ist vielleicht gerade im Hinblick auf das im Text implizite Geschichtsverständnis des Erzählers interessant.

Da meine Arbeit dem Anspruch wissenschaftlichen Arbeitens gerecht werden will, habe ich alle von mir verwendeten Quellen in einem Literaturverzeichnis angegeben und fremde Meinungen durch Zitate oder Paraphrasen kenntlich gemacht und so von meiner eigenen Meinung und Interpretation getrennt.

Bevor ich nun also mit der eigentlichen Interpretation des Romans beginne, eine kurze biografische Einführung in das Leben von Christoph Ransmayr.

2. Der Autor

Christoph Ransmayr wurde am 20. März 1954 im oberösterreichischen Wels geboren. Er wuchs dann in der Nähe von Gmunden am Traunsee auf. Seine Matura legte er 1972 im Stiftsgymnasium Lambach ab. Es folgt das Studium der Philosophie und Ethnologie in Wien. In den Jahren 1978 bis 1982 arbeitete er für verschiedene Zeitschriften (u.a. für die Zeitschriften 'Trans-Atlantik' und den 'Merian'). Bei der Wiener Monatszeitschrift 'Extrablatt' ist Ransmayr auch als Kulturredakteur tätig.

Seit 1982 ist er freier Schriftsteller. Für sein literarisches Schaffen bekam er zahlreich Preise verliehen. So zum Beispiel 1998 den Friedrich-Hölderlin-Preis. Zur Zeit lebt Christoph Ransmayr in Irland.

3. Der Roman 'Morbus Kitahara'

erscheint 1995 in Frankfurt am Main. Er umfasst 440 Seiten und ist in 34 Kapitel aufgeteilt. Schon die einzelnen Überschriften geben hier Rätsel auf. Das erste Kapitel – die Vorwegnahme des Romanendes – ist mit dem Titel 'Ein Feuer im Ozean' überschrieben. Kapitel 34 nennt sich 'Das Feuer im Ozean'. Eines der zentralen Themen des Romans klingt vielleicht schon hier an. Nicht nur der Titel des ersten Kapitels wiederholt sich, sondern die Geschichte, die Historie selbst. Aber diese Wiederaufnahme lässt meiner Meinung nach mehrere Interpretationen zu. So könnte sie auch für den Vorgang des Schreibens an sich stehen, wird doch dadurch eine in sich geschlossene Handlung kreiert, die für sich alleine stehen kann und keine äußere Welt mehr benötigt. Im Sinne der Hermeneutik sind die einzelnen Teile des Romans – so zum Beispiel das erste Kapitel – nur durch den ganzen Roman verstehbar, und der ganze Roman nur durch seine einzelnen Teile. Ich glaube, Ransmayr führt den Leser/die Leserin durch diese Romankonstruktion in einen hermeneutischen Zirkel, der das Lesen zu einem ständigen 'Aha-Erlebnis' macht.

Die Erzählsituation kann durchwegs als traditionell beschrieben werden. Die Forschungsliteratur sieht diese Erzählhaltung in einem eher negativen Licht, wenn zum Beispiel Klaus von Schilling schreibt: "Die Erzählsituation [...] ist von verstörender Konventionalität: Ransmayr setzt einen auktorialen [...] Erzähler ein..."[1]

Im Prinzip ist der Erzähler also ein auktorialer. Er weiß schon im Voraus, wie das Geschehen verlaufen wird und kann das Geschehen durch Rückblenden erläutern, oder Gedanken zum Geschehen beisteuern. Ransmayr bedient sich dieser 'Macht' aber nur eingeschränkt und lässt so dem Leser eine große Deutungsfreiheit, wobei auch die Phantasie und das Wissen der Leser und Leserinnen gefragt sind. Dass der Roman Wissen über historische Fakten, vor allem in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg, zum Verständnis voraussetzt und so die Lesenden fordert, bestätigt auch Liessmann:

"Diese [gemeint sind die Verbrechen des Nationalsozialismus] sind [...] in stummer Form einkomponiert, Voraussetzung für das Verständnis des Ganzen."[2]

So ist die Erzählsituation vielleicht auch als Koppelung von auktorialer und personaler Erzählform beschreibbar. Klaus von Schilling erläutert die Erzählstruktur ganz ähnlich: "... gleichwohl greift der Erzähler, sieht man von der Vorwegnahme des ersten Kapitels ab, kaum vor, sondern bleibt stets auf der Zeithöhe des berichteten Geschehens."[3]

Ich habe zwei Textabschnitte aus dem Roman ausgewählt, um daran meine Überlegungen zu veranschaulichen. Der erste Ausschnitt ist zugleich der Beginn des Romans. Die zweite Passage stammt aus Kapitel 27:

1. Textpassage: Tendenziell auktorialer Erzählstil

"Zwei Tote lagen schwarz im Januar Brasiliens. Ein Feuer, das seit Tagen durch die Wildnis einer Insel sprang und verkohlte Schneisen hinterließ, hatte die Leichen von einem Gewirr blühender Lianen befreit und ihnen auch die Kleider von ihren Wunden gebrannt..."[4]

2. Textpassage: Tendenziell personaler Erzählstil

"Wolfsstunden. In Moor hießen diese Stunden nach Mitternacht Wolfsstunden ... Daß er jetzt an Moor denken musste. Lily war fort. Die schlief in irgendeinem dieser Häuser. Die lag hinter irgendeinem dieser Fenster im Dunkeln. Allein. Oder in den Armen eines Fremden. Er wußte es nicht..."[5]

3.1. Die Orte der Handlung

Im Roman vermischen sich reale und fiktive Orte in rascher Folge. Ich habe das Gefühl, dass Ransmayr einerseits dadurch einen hohen Grad an – wenn auch scheinbarer - Authentizität erreicht. Realität und Irrealität gehen fließend ineinander über. Beinahe scheint es Moor oder Brand, neben Wien und Hamburg tatsächlich zu geben. Im ersten Kapitel wird als Ort der Handlung eine unbewohnte Insel nahe der Atlantikküste Brasiliens genannt. Für Brasilien sind weiters die realen Städte Rio de Janeiro und Santos benannt. Diese Orte werden im Roman zu Gegenpolen von Moor, wo ein Großteil der Geschichte spielt. Moor ist kalt und unwirtlich. Brasilien warm und blühend. Dass aber auch diese letzte Möglichkeit eines Neuanfangs scheitert, mag schon in der Grundstruktur des Romans verankert sein.

Der Ort Moor wird als kleines, abgelegenes Dorf beschrieben. Real existent ist er nicht. Moor wird an einen See verlegt, an dessen anderem Ende, am sogenannten 'Blinden Ufer', sich das Steinerne Meer – ein Gebirge mit einem Steinburch - erstreckt. Ein 'Steinernes Meer' existiert tatsächlich. Es liegt im Bundesland Salzburg, schon nahe an Tirol und südlich des Königssees. Die Stadt Brand trägt zwar einen Namen, der auf eine real existierende Stadt verweist, allerdings liegt diese in den Bergen Vorarlbergs und ist geografisch somit für unsere Zwecke zu weit vom Steinernen Meer entfernt. Natürlich hat sich auch die Sekundärliteratur bereits ihre Gedanken über die fiktiven Orte im Roman gemacht: Auch der Steinbruch lässt sich in Bezug auf Ransmayrs Biografie verorten:

"Der Granitbruch verweist auf das Lager Ebensee, eine Außenstelle des KZ Mauthausens, und bindet das Geschehen damit an die Umgebung des Heimatdorfes von Ransmayr im Salzkammergut."[6]

Ebensee liegt nämlich am südlichen Ende des langgestreckten Traunsees, an dessen anderem Ende Ransmyar in der Nähe von Gmunden aufwuchs.

Neben der hohen Authentizität erreicht Ransmayr mit seinen fiktiven Orten meiner Ansicht nach auch einen sehr hohen Abstraktionsgrad, da die Geschichte sich so an beinahe jedem Ort – den auch der Leser kennt – abgespielt haben könnte.

4. Der Inhalt

Damit ich bei der Interpretation im Anschluss nicht mehr auf den Inhalt eingehen muss und damit meine Arbeit eine Struktur erhält, nehme ich den Inhalt hier in diesem Kapitel vorweg. Teilweise überschneiden sich dadurch vielleicht Themen oder Interpretationsansätze, aber die Komplexität des Romans lässt sich in dieser Weise einfacher entschlüsseln.

Ransmayr führt im Laufe der Geschichte drei Protagonisten ein, deren Leben miteinander verwoben werden. Das erste Kapitel ist die Vorwegnahme des Endes und somit eigentlich das letzte. Aus der Vogelperspektive eines Vermessungsflugzeuges wird eine Szene auf einer unbewohnten Insel vor der Küste Brasiliens geschildert. Der Leser entdeckt drei Leichen – zwei männliche und eine weibliche -, die in einem Buschfeuer verkohlen. Durch diese Vorwegnahme entsteht ein ziemlich starker Bruch. Beinahe wie im Film wird einfach die Szene gewechselt. Die Handlung spielt nun in Moor und setzt ein, als einer der drei Protagonisten geboren wird. Berings Lebenslauf ist somit zentral für die Geschichte. Um ihn herum positionieren sich die anderen Figuren. Ich werde zunächst einzeln die Lebensläufe im zeitlichen Ablauf darstellen. Im Buch werden viele Details erst durch Rückblenden nachgeholt. Diese Dreiteilung des Inhalts führe ich nicht ganz fertig, da die drei Lebensläufe im Laufe der Handlung immer mehr miteinander verwoben werden.

4.1. Bering

Die eigentliche Handlung setzt in Kapitel zwei mit der Geburt eines der Protagonisten ein. Es ist Kriegsende und Bering, so der Name des Protagonisten, wird in der einzigen 'Bombennacht von Moor' in einem dunklen, feuchten Keller geboren. "Der Krieg [...] ist zweifellos der Zweite Weltkrieg, dessen Hinterlassenschaft auf den Menschen lastet..."[7] Doch lässt Ransmayr nun anstatt des Wiederaufbaus, die Demontage wirksam werden. "Die Szenerie, die er entwirft, orientiert sich am Bild, das man sich in der deutschen Öffentlichkeit vom Morgenthau-Plan gemacht hat."[8]

Der Morgenthau-Plan bezeichnet eine Nachkriegspolitik gegen Deutschland, welche die Beseitigung des Nationalsozialismus, die Aufteilung in Besatzungszonen, die Demontage von Fabriken, Reparationen und Gebietsabtretungen zum Ziel hatte. Deutschland sollte wieder ein Agrarstaat werden, um eine Wiederaufrüstung zu verhindern. Roosevelt zieht aber im Jahr 1944 die Unterschrift zurück und der Morgenthau-Plan kommt nicht zur Anwendung.[9]

Ransmayr selbst formulierte den Sachverhalt sehr prägnant: "Unaufhaltsam glitt Moor durch die Jahre zurück."[10]

Berings Vater – der Schmied von Moor - wird erst später aus dem Krieg heimkehren. Bering hat zwei Brüder, die für die Handlung gerade durch ihre Abwesenheit wichtig sind: Der jüngere der beiden Brüder ist im See ertrunken und der ältere nach Amerika ausgewandert. Es wird zunächst ein sehr düsteres Bild von Moor und den Geschehnissen gezeichnet, das durch Rache und Verwüstung bestimmt ist. Sehr drastisch wird dieser Zustand durch die Polin Celina – eine verschleppte Zwangsarbeiterin – dargestellt. Sie stand Berings Mutter bei der Geburt bei und wird, anstatt die Befreiung feiern zu können, versehentlich von einem Soldaten der Siegerarmee erschossen. Der Krieg ist also mit dem Einstellen der Kampfhandlungen nicht zu Ende, was auch durch die fremden Befehlshabern deutlich wird, die ihre eigenen Toten nicht vergessen können.[11] Das Thema Erinnerung und Gewalt werde ich aber in der Interpretation noch eingehender thematisieren.

Als Kleinkind verschließt Bering sich dieser Welt und flüchtet in seine 'Vogelstimmen'.

[... schien der Schreier gefühlt zu haben, dass einem Feinhörigen die Stimme eines Vogels eine weitaus bessere Zuflucht bot als das rohe Gebrüll eines Menschen...][12]

Er konnte zunächst also schreien wie diese Tiere selbst, und auch später immer noch Vogelstimmen sehr gut nachahmen.

Bering wächst im von Ransmayr erfundenen 'Frieden von Oranienburg' als Sohn eines Schmieds und Kriegsheimkehrers auf. Berings Vater hatte seinen Kriegsdienst in der Wüste Libyens abgedient. Mit 19 Jahren übernimmt Bering die Werkstatt seines Vaters, der sich bei der Arbeit die Augen verletzt hatte. Und kurz nach Berings 23. Geburtstag kommt es dann zu einer Mordtat, die Berings Leben verändert. Bering wird von einer Schlägerbande bedroht und erschießt in Notwehr einen seiner Verfolger.

[...]


[1] Klaus von Schilling: Christoph Ransmayrs Morbus Kitahara. Die Überwindung des Aporetischen im artistischen Roman. Vaasa/Germersheim SAXA 1999. (= Reihe A: Germanistische Forschungen zum literarischen Text). S. 9

[2] Konrad Paul Liessmann. Der Anfang ist das Ende. Morbus Kitahara und die Vergangenheit, die nicht vergehen will. In: Uwe Wittstock [Hrsg.]: Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1997, S. 148 – 157. S. 150

[3] Schilling (Anm. 1), S. 9 Anm. 5.

[4] Christoph Ransmayr: Morbus Kitahara. Frankfurt/Main: Fischer Verlag 1995, S. 7

[5] Ebd., S. 329

[6] Ebd., S. 10

[7] Ebd., S. 10

[8] Ebd., S. 11

[9] Vgl. dtv-Atlas

[10] Ransmayr (Anm. 4), S. 43

[11] Vgl. ebd., S. 15

[12] Ebd., S. 21

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Morbus Kitahara. Ein Roman von Christoph Ransmayr
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V52477
ISBN (eBook)
9783638481816
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Morbus, Kitahara, Roman, Christoph, Ransmayr
Arbeit zitieren
Elisabeth Augustin (Autor), 2004, Morbus Kitahara. Ein Roman von Christoph Ransmayr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52477

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