Karl Hirschbold und sein sprachpflegerisches Werk. Journalistische Sprachpflege zwischen Kritik und Unterhaltung


Seminararbeit, 2005

28 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung
1.1 Problemkreis Sprachpflege: Definitionen und Begriffsklärungen
1.2 Zur Situation der Sprachpflege in Österreich

2. ‚Eine Institution‘: Der Sprachpfleger Karl Hirschbold

3. Hirschbolds sprachpflegerische Werke
3.1 Achtung! Immer im ‚Sprachdienst‘: Zu Hirschbolds Sprachpolizei
3.2. „Der Hirschbold pirscht hold“: Zu den Pirschgängen im Sprachrevier
3.3 Zur Wirkung von Hirschbolds sprachpflegerischer Tätigkeit
3.4 Zusammenfassung und begriffliche Einordnung

4. Kritische Auseinandersetzung mit Hirschbolds Werk
4.1 Hirschbolds problematische Methode
4.2 Sprache als Herrschaftsinstrument und Mittel zur sozialen Ausgrenzung
4.3. Abgrenzung, Ausgrenzung und soziales Ungleichgewicht in den Texten von Hirschbold: Die Umsetzung in konkreten Beispielen

Anhang:

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, eine erste Einführung in den Bereich der Sprachpflege zu geben. Neben einem theoretischen Teil, in dem Definitionen und Einteilungskriterien dargestellt werden, wird auch die praktische Arbeit eines Sprachpflegers vorgestellt. Wichtige Werke von Karl Hirschbold, die ‚Pirschgänge im Sprachrevier‘ und die Sammlung von Radiobeiträgen ‚Achtung! Sprachpolizei.‘, bieten einen ersten Einblick in den Bereich journalistischer Sprachpflege.

Eine Bewertung Hirschbolds Tätigkeit, im Hinblick auf den Erfolg oder Nicht-Erfolg seiner sprachpflegerischen Bemühungen, soll erfolgen. Auf eine kritische Betrachtungsweise und einen reflexiven Zugang wird besonderer Wert gelegt. Den Themen Sprache als Herrschaftsinstrument und Sprache als Mittel zur sozialen Aus- und Abgrenzung wird deshalb im Rahmen der Arbeit Platz eingeräumt.

Bevor die Person Karl Hirschbold und seine Arbeit näher vorgestellt wird, folgen einige einführende Wort über Sprachpflege und Sprachkritik.

1.1 Problemkreis Sprachpflege: Definitionen und Begriffsklärungen

Seit der Gründung sogenannter Sprachgesellschaften zu Beginn des 17. Jahrhunderts wird Sprache als etwas erkannt, das gefördert und gepflegt werden soll. Die größte deutsche Sprachgesellschaft war die im Jahr 1617 gegründete ‚Fruchtbringende Gesellschaft‘ (der ‚Palmenorden‘). Gegründet vom Fürsten Ludwig von Anhalt, konnte der Palmenorden auf so bekannte Mitglieder wie von Birken, Gryphius, Harsdörffer oder auch Martin Opitz verweisen. Ziele dieser frühen Sprachpflege waren vor allem die Emanzipation des Deutschen gegenüber dem Lateinischen und dem Französischen. Fremdwortpurismus (also die Ablehnung jeglicher Fremdwörter) und Bemühungen um die Hebung des Stils kennzeichnen die Arbeit der ‚Fruchtbringenden Gesellschaft‘ bzw. die ihrer Mitglieder.[1] Umgangssprachlich kann

Sprachpflege

als das Feld bewussten Einwirkens in Sprache beschrieben werden. Das Lexikon der Sprachwissenschaft beschreibt Sprachpflege als „Form der Sprachlenkung“[2] Ziel ist die „Verbesserung des Sprachgebrauchs bzw. der sprachlichen Kompetenz“[3]. Es geht also um bewusste Sprachreflexion und Änderung des Sprachgebrauchs. Als Kriterien für Sprachpflege werden angeführt:

„Die moderate S[prachpflege] beruht auf wissenschaftlicher Sprachkritik, ihre Kriterien sind funktionale, strukturelle, soziale, historische [...], aber auch ästhetische, kulturkritische [...] oder politische [...].“[4]

Diese Definition macht deutlich, dass Sprachpflege einerseits bei sprachinternen Kriterien (zB. Sprachökonomie, Verständlichkeit uvm.) und somit beim Sprachsystem und seinen Möglichkeiten sowie bei Sprech- und Schreibvarianten ansetzt. Andererseits wird jedoch bemerkt, dass das Instrument der Sprachpflege von politischen Interessen vereinnahmt werden kann. Gerade im deutschsprachigen Raum ist die Skepsis gegenüber politischer Sprachpflege und die Sensibilität für eine nationalistisch motivierte Sprachpflege besonders groß.

In einem Aufsatz beschreibt Joachim Sartorius diese ambivalente und vorsichtige Haltung gegenüber Sprachpflege im deutschsprachigen Raum. Diese Haltung resultiert, so Sartorius, aus den spezifischen geschichtlichen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus.[5]

Damit gemeint ist die propagandistische und persuasive Sprachverwendung (durch zB. sich wiederholende Schlagworte und Redewendungen) zur Verbreitung nationalsozialistischer Ideologien und zur Förderung der Kriegsbereitschaft. Aus dieser Situation heraus galt Sprachpolitik lange Zeit als Tabu: „Sprachpolitik war [...] ein lange tabuisierter Begriff. Er galt als belastet durch die politische Instrumentalisierung von Sprache während des Dritten Reichs zu kriminellen Zwecken..."[6] In diesem Zusammenhang ist der Umstand interessant, dass seit dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 1995 anscheinend eine neue Phase der Sprachreflexion eingesetzt hat. Sichtbar wird das zB. an der, politisch und wirtschaftlich bedeutenden, Forderung der Mitgliedsländer Deutschland und Österreich, Deutsch als gleichwertige Arbeitssprache innerhalb der Europäischen Union einzusetzen.[7]

Ein Mittel von und eine Voraussetzung für Sprachpflege ist die

Sprachkritik.

Das Lexikon der Sprachwissenschaft bietet eine mögliche Definition und Erklärung des Begriffes Sprachkritik:

Sprachkritik. Kritische Beurteilung sprachlicher Ausdrucksmittel, und zwar einerseits als Stilkritik, d.h. als Kritik am konkreten Sprachgebrauch (à Stilistik) bzw. als Bewertung von à Sprachnormen (zB. à Nominalstil), andererseits als kritische Reflexion der Ausdrucksmöglichkeiten des Sprachsystems, z.B. beim à Funktionsverbgefüge, bei der à Akkusativierung durch transitive Verben, [...]. Die wissenschaftliche S. [...] stützt sich meist auf funktionale Kriterien (z.B. Differenzierung vs. Ökonomie) und ist Voraussetzung für à Sprachpflege, à Sprachregelung. Die publizistische S. (Sprachglossen[...]), zielt häufig auf Gesellschaftskritik oder politische Einflussnahme..."[8]

Allgemein kann Sprachkritik also als kritische Beurteilung sprachlicher Ausdrucksmittel aufgefasst werden. Die eben gegebene Definition unterscheiden zwischen einer Kritik an konkreten Sprachäußerungen, als Stilkritik oder Bewertung von Sprachnormen, und der Kritik am Sprachsystem selbst. Weiters wird zwischen wissenschaftlicher und publizistischer Sprachkritik unterschieden, wobei für wissenschaftliche Sprachkritik gilt, dass sie sich an funktionalen Kriterien orientiert. Ein Mittel publizistischer Sprachkritik ist die

Sprachglosse.

Sprachglossen wollen zugleich belehren und unterhalten. In ihrer Diplomarbeit weist Eva Jambor darauf hin, dass die journalistische Form Sprachglosse meist mehr unterhalten als belehren will.[9]

In der vorliegenden Arbeit wird noch zu zeigen sein, wie diese allgemeinen Charakteristika auf Hirschbolds Sprachglossen anzuwenden sind.

„Information, Erklärung und Unterrichtung des Lesers über Schwierigkeiten und Neuerungen in der Sprache“[10] sind die grundlegenden Funktionen von Sprachglossen. Sie zielen also auf eine sprachfördernde Wirkung ab:

„Sprachfördernde Wirkung kann ihnen [den Sprachglossen] ähnlich wie den Antibarbari durch einen Abschreckungseffekt zukommen, der durch die Bloßstellung eines vom Glossenverfassers für falsch und kritikwürdig erachteten Sprachgebrauchs erzielt wird.“[11]

Antibarbari sind sprachpflegerische Werke. Diese Sammlungen über ‚Sprachwidrigkeiten‘ sind ab ungefähr 1800 in Umlauf gekommen. Antibarbarus setzt sich aus der Vorsilbe ‚anti‘ (mit der Bedeutung von gegen, wider, entgegen) und dem lateinischen Wort für Barbar ‚barbarus‘ zusammen. „Das griech. Wort [bárbaros] ist mit aind. [altindisch] barbara-h ‚stammelnd‘ identisch und bezeichnet ursprünglich den fremden Ausländer, der mit der einheimischen Sprache und Gesittung nicht vertraut war und darum als ‚roh und ungebildet‘ galt.“[12]

Wichtige Hinweise zur Begriffsbestimmung von Sprachkritik stammen auch von Hans-Martin Gauger. Er weist auf den wichtigen Umstand hin, dass Sprache bei der Sprachkritik Gegenstand der Kritik ist – nicht das Subjekt. Als Subjekt bestimmt Gauger den Sprachkritiker.[13]

Sprachkritik ist also immer an ein Subjekt, den Sprachkritiker/ Sprachphilosophen/ Wissenschaftler, gebunden. Diesem Umstand kommt besondere Bedeutung zu, da Sprachkritik wertend vorgeht und es der Kritik um postulierte Idealzustände von Sprache geht.[14]

Eine Bewertung von Sprachkritik und Sprachkritikern muss demnach vor allem danach fragen, welche Kriterien der Sprachkritik zu Grunde liegen, woher diese Kriterien stammen und wie ihre sachlich systematische Berechtigung aussieht.[15]

Eine weitere Besonderheit ist, dass das Mittel der Kritik und das Kritisierte bei der Sprachkritik im Medium der Sprache zusammenfallen. Bereits Gauger hat kurz und prägnant darauf verwiesen: "Das Instrument der Kritik ist auch das Kritisierte."[16]

Zwei wichtige Unterscheidungsmerkmale in Bezug auf Sprachkritik sollen an dieser Stelle noch vorgestellt werden:

Erstens die Einteilung in eine normative und eine nicht-normative Sprachkritik. Nach Franz Deubzer ist eine Sprachkritik nach sprachimmanenten Kriterien und die puristische Sprachkritik als Fremdwortkritik dem Bereich der normativen Sprachkritik zuzuordnen.[17]

Zweitens die Unterscheidung zwischen einer ‚freien‘ Sprachkritik als Stilkritik und einer sogenannten dienstbaren Sprachkritik, die als Kulturkritik beziehungsweise politische Kritik zu Tage tritt. Bei der ‚dienstbaren‘ Sprachkritik wird die Kritik nicht um der Sprache selbst willen ausgeübt, sondern dient als Mittel zum Zweck von Kulturkritik, Gesellschaftskritik oder politischer Kritik.[18]

Mit Gauger soll auf die Differenzierung zwischen Sprachkritik und Sprachskepsis hingewiesen werden: "Sprachkritik ist mit Sprachskepsis nicht identisch. Aber Sprachskepsis ist stets Sprachkritik.“[19]

Sprachskepsis ist also ein Unterbegriff und ein Instrument der Sprachkritik. Betont wird, dass nicht jede Sprachkritik Skepsis gegenüber den Möglichkeiten der Sprache und der Verständigung sowie der Repräsentationsleistung von Sprache generell beinhaltet.

An Hand der eben ausgebreiteten Begriffe, soll eine Zuordnung des Sprachpflegers Karl Hirschbold, im Anschluss an die Darstellung der Primärwerke, gegeben werden.

1.2 Zur Situation der Sprachpflege in Österreich

Bevor im Einzelnen auf Karl Hirschbold eingegangen wird, soll in einigen Worten die Situation der Sprachpflege in Österreich kurz skizziert werden.

In einer bereits etwas älteren Publikation aus dem Jahr 1967 weist Maria Hornung darauf hin, dass Sprachpflege in Österreich weder amtlichen Charakter hat, noch institutionalisiert ist. Auch an den Universitäten spiele Sprachpflege keine Rolle. Hornung berichtet:

"Zunächst muß vorausgeschickt werden, daß die Sprachpflege in Österreich keinen amtlichen Charakter hat – wie es nach Collinders Angabe etwa im Norden [Europas] der Fall ist – und auch der Mitwirkung der Universitäten entbehrt."[20]

Für Österreich lokalisiert Hornung drei wichtige ‚Institutionen‘ der Sprachpflege:

"Die gegenwärtige Sprachpflege in Österreich ist mehr oder weniger privat. Sie beruht im wesentlichen auf drei Stützen: 1. der sogenannten Sprachpolizei, 2. dem Verein Muttersprache, 3. auf publizistischer Tätigkeit von Sprachpflegern."[21]

Für die vorliegende Arbeit besonders relevant ist die Nennung der ‚Sprachpolizei‘ (Hirschbolds sprachpflegerische Radiobeiträge) gleich an erster Stelle. Da die ‚Sprachpolizei‘ als publizistische Form der Sprachpflege eigentlich ebenfalls unter Punkt drei (publizistische Tätigkeit von Sprachpflegern) fällt, sind genau genommen nur zwei Stützen der Sprachpflege in Österreich zu benennen: Die eben erwähnten publizistischen Beiträge einzelner Sprachpfleger bzw. –kritiker und der Verein Muttersprache.

Der Verein Muttersprache wurde 1949 gegründet. Er folgte dem Wiener Zweig des Deutschen Sprachvereins. Der Deutsche Sprachverein bestand bis zum Ende der nationalsozialistischen Diktatur. Ihm folgte 1947 die ‚Gesellschaft für deutsche Sprache‘ (GfdS) nach. Als Nachfolgeorganisation des Deutschen Sprachvereins wurde die Gesellschaft für deutsche Sprache immer wieder kritisiert. Imre Török merkte bereits 1979 an, dass die GfdS sich nicht mit dem Problemkomplex Sprache und Nationalsozialismus auseinandergesetzt habe.[22]

Hornung beschreibt den Verein als außerordentlich konservativ und spricht von einer nur geringen Wirkung seiner Tätigkeiten (Publikationen, Vorträge etc.):

„Der Wiener Verein lenkt großes Augenmerk auf die Ausmerzung von Fremdwörtern, ist außerordentlich konservativ, will von Sprachneuerungen nichts wissen, lehnt die Kleinschreibung ab [...] Von einem Wirken in die Breite kann bei der verhältnismäßig geringen Mitgliederzahl und den nur von einer kleinen Menschengruppe besuchten Vorträgen kaum die Rede sein."[23]

Nach diesem kurzen historischen Exkurs wieder zurück zum Verein Muttersprache und seiner sprachpflegerischen Tätigkeit.

Publizistisches Organ des Vereins sind die Wiener Sprachblätter, eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift. Geleitet wird die Zeitschrift von Gottfried Fischer, der auf der Internetseite der Sprachblätter vier Hauptziele der Zeitschrift formuliert: An erster Stelle nennt Fischer die Bekämpfung „der vielen, vor allem aus dem Englischen eindringenden Fremdwörter“[24]. Sprachkritik soll auch am „Dummdeutsch der Medien“[25] geübt werden. Als weitere Zielen werden die Überarbeitung der Rechtschreibreform und die Förderung des Sprachbewusstseins genannt.[26]

Die Person Karl Hirschbold ist also als eine ‚Institution‘ der Sprachpflege in Österreich aufzufassen und zählte (Hirschbold ist zu Beginn der 90er-Jahre verstorben) zu ihren wichtigsten Stützen.

2. ‚Eine Institution‘: Der Sprachpfleger Karl Hirschbold

Der oft als Sprachpurist bezeichnete Lehrer Karl Hirschbold schrieb zahlreiche sprachpflegerische Bücher, die sich mit Grammatik, Stil und satirisch auch mit von Hirschbold sogenannten 'Sprachdummheiten' beschäftigen.

Dass Hirschbold in der Tradition des Purismus steht, geht unter anderem aus der Diplomarbeit von Eva Juliana Jambor hervor.[27]

Der Österreichische Rundfunk sendete ab 1950 zahlreiche Sendungen Hirschbolds unter dem Namen 'Achtung! Sprachpolizei'. In der Presse veröffentlichte Hirschbold ab 1977 seine Sprachglossen 'Pirschgänge im Sprachrevier', die auch als selbständige Publikation erschienen sind.

Zunächst einige Anmerkungen zur Biografie der „Institution“[28]:

Der Sprachpfleger und Lehrer Karl Hirschbold ist 1908 in Wien geboren worden. Hirschbold studierte Germanistik und Anglistik. Seinen ersten 'Radiovortrag' hielt er 1937.[29]

1940 musste Hirschbold in den Zweiten Weltkrieg einrücken, er kehrte 1946 aus dem Krieg zurück und nahm 1950 seine Arbeit für den Rundfunk wieder auf. Er arbeitete dann im Wiener Stadtschulrat und ist als Dozent am Pädagogischen Institut tätig gewesen. Für seine pädagogische und schriftstellerische Arbeit wurde Hirschbold der Titel 'Professor' verliehen.[30]

Anfang der 90er-Jahre (zwischen 1991 und 1995) verstarb Karl Hirschbold.

An dieser Stelle sollen ein paar Zitate Hirschbolds Persönlichkeit veranschaulichen und einen ersten Einblick in seine Haltung in Bezug auf Sprache geben:

Karl Woisetschläger schrieb in der Presse anlässlich des 80. Geburtstages von Hirschbold über das Bummeln bzw. Pirschen: "Aber er [Hirschbold] kann gar nicht bummeln, er kann nur pirschen."[31]

Auch eine Anekdote über einen Theaterbesuch Hirschbolds kann uns den Sprachpfleger auf einer persönlichen Ebene näher bringen: "Gleich in der ersten Szene wird die Konjunktion 'weil' falsch verwendet, im Stück dann insgesamt 17mal. 'Ein Bekannter hat mich [Hirschbold] später gefragt, wie mir der Abend gefallen hat. Ich konnte mich nur an diese 17 Fehler erinnern.'“[32]

Karl Hirschbold ist sozusagen ‚immer im Dienst‘, jeder Spaziergang oder Theaterbesuch dient ihm zur ‚Materialbeschaffung‘. Denn Hirschbold selbst betont, dass er ausschließlich „dokumentarische Fälle“[33] verwendet.

Hirschbolds Sprachkritik und Belehrungen setzen also an konkreten Sprachäußerungen (schriftlichen wie mündlichen) aus dem Alltagsleben an. Besonderes Augenmerk hat Hirschbold auf die Sprache der Medien geworfen.

Aufschlussreich sind Hirschbolds Darstellungen, wenn er selbst sich über Fehler und die Notwendigkeit eines schützenden Regelwerks äußert: Fehler, ob grammatikalischer oder stilistischer Art, sind für Hirschbold drastische und folgenschwere Abstürze und Entgleisungen vom richtigen Weg. Für Hirschbold, so wird es unter anderem in den Pirschgängen deutlich, gibt es meist nur einen richtigen Weg:

"... und wenn das Sprachgefühl versagt, kann uns nur die Grammatik als schützendes Geländer vor Abweichungen vom richtigen Weg und vor dem Sturz in die Schlucht der Sprachverhunzer bewahren."[34]

Bereits aus diesem kurzen Zitat heraus lassen sich einige der wichtigsten Merkmale Hirschbolds Glossen und Rundfunkbeiträge beschreiben. Hirschbold geht in seinem Sprachverständnis von einem Sprachgefühl (nicht erlernbar) aus, worauf auch Jambor bereits verwiesen hat.[35]

Jambor führt dazu aus: „Das Wort ‚Sprachgefühl‘ gilt als eine Schöpfung Joachim Heinrich CAMPES, der es in der Vorrede zu seinem fünfbändigen ‚Wörterbuch der deutschen Sprache‘ (1807-1811) erstmals verwendet hat...“[36]

Jambor schreibt über die Bedeutung der Begriffe Sprachgefühl und Sprachgewissen (zu verstehen als Sprachbewusstsein) in Hirschbolds Werken folgendes:

„Zwei Instanzen können dem Leser dabei [beim Widersetzen gegen die Mediensprache] helfen: das schon erwähnte Sprachgefühl und das Sprachgewissen. Beide Instanzen sind [nach Hirschbolds eigener brieflicher Auskunft] nicht lehr- oder vermittelbar.“[37]

Problematisch sind diese Kategorien, da sie einerseits keinen genauen wissenschaftlichen Kriterien und Maßstäben zu Grunde liegen, und andererseits, weil dadurch an Hand von sprachlichen Ausdrucksvarianten Personen Sprachgefühl zu- bzw. abgesprochen wird und diese Abgrenzung und einhergehende Abwertung vor allem zwischen sozialen Schichten erfolgt. Später wird darauf noch näher eingegangen werden müssen.

Aus dem Zitat von Karl Hirschbold wird auch deutlich, dass es für ihn sprachlich nur einen richtigen Weg gibt, Varianten und Varietäten sind somit ausgeschlossen. Metaphorisch drückt sich dieses Abweichen vom richtigen Weg (der Grammatik) bei Hirschbold durch den Sturz in eine Schlucht aus. Den Dichotomien von gut/richtig versus schlecht/falsch, werden auf metaphorischer Ebene die Entsprechungen hoch – tief zugewiesen. In vielen seiner Texte wird durch sprachliche Mittel polarisiert, um eine Gruppenbildung zu gewährleisten. Auf der einen Seite sind die Schützer der Sprache, die Bewahrer grammatikalischer Regeln, die Gebildeten schlecht hin. Auf die andere Seite drängt Hirschbold jene, die ihm sein ‚Material‘ liefern. In seiner eigenen Ausdrucksweise sind das die sogenannten ‚Schluderer‘ und, wie im obigen Zitat, die ‚Sprachverhunzer‘. Durch Ausgrenzung anderer und deren gleichzeitiger Abwertung, bedient Hirschbold seine LeserInnen mit dem ‚Wir-Gefühl‘. Beispiele dafür werden vor allem unter Punkt vier gegeben.

[...]


[1] Anm.: Zum Themenkreis Sprachgesellschaften siehe: Seminar Sprachkultur und Sprachpflege. Referat vom 11.4.2005. Gehalten von Igor Pelesic.

[2] Hadumod Bußmann [Hg.]: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner 3. aktualisierte und erweiterte Auflage 2002, S. 627f.

[3] Ebd. S. 627f.

[4] Ebd. S. 627f.

[5] Vgl. Joachim Sartorius: Sprachpolitik im Rahmen der auswärtigen Kulturpolitik. Stellenwert, Arbeitsprinzipien und zukünftige Perspektiven. In: Horst Dieter Schlosser [Hg.]: Sprache und Kultur. Frankfurt/Main: Lang 2000. S. 9-16, Zit. S. 10. (= Forum angewandte Linguistik, Bd. 38).

[6] Ebd. S. 11f.

[7] Vgl. ebd. S. 9.

[8] Lexikon Sprachwissenschaft (Anm. 2), S. 625.

[9] Vgl. Eva Juliana Jambor: Sprachkritik als Sprachbewertung. Hirschbolds ‚Pirschgänge im Sprachrevier‘. Diplomarbeit. Wien: 1991, S. 10.

[10] Ebd. S. 10.

[11] Albrecht Greule/Elisabeth Ahlvers-Liebel: Germanistische Sprachpflege. Geschichte, Praxis und Zielsetzung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1986, S. 66. Zit. nach: Jambor (Anm. 9), S. 10.

[12] Duden Band 7. Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim: Dudenverlag 2001, S. 70.

[13] Vgl. Hans-Martin Gauger: Über Sprache und Stil. München: Beck 1995, S. 29.

[14] Vgl. ebd. S. 30.

[15] Vgl. ebd. S. 30.

[16] Vgl. ebd. S. 30.

[17] Vgl. Franz Deubzer: Methoden der Sprachkritik. München: Fink 1980, S. 11-30. (= Münchner Germanistische Beiträge; Bd. 27). Zit. nach: Vgl. Jambor (Anm. 9), S. 3.

[18] Vgl. Willy Sanders: Sprachkritikastereien und was der 'Fachler' dazu sagt. Darmstadt 1992. Zit. nach: Vgl. Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. 3 Bde. Berlin ua.: de Gruyter 1999, Bd. 3, 19. und 20. Jahrhundert, S. 312f.

[19] Gauger (Anm. 13), S. 30.

[20] Maria Hornung: Sprachpflege in Österreich. In: Hugo Moser [Hg.]: Sprachnorm, Sprachpflege, Sprachkritik. Jahrbuch 1966/1967. Düsseldorf. Schwann 1967, S. 215-219, Zit. S. 215. (= Sprache der Gegenwart. Schriften des Instituts für deutsche Sprache. Band II).

[21] Ebd. S. 216.

[22] Vgl. Imre Török: Die Gesellschaft für deutsche Sprache als Nachfolgeorganisation des Deutschen Sprachvereins und ihre gesellschaftliche Funktion vor allem während der Rekonstruktionsperiode. In: Sprachwissenschaft und politisches Engagement. Zur Problem- und Sozialgeschichte einiger sprachtheoretischer, sprachdidaktischer und sprachpflegerischer Ansätze in der Germanistik des 19. und 20. Jahrhunderts. Hg. v. Gerd Simon. Weinheim u. Basel: Beltz 1979, S. 231-271, Zit. S. 242. (= Pragmalinguistik Bd. 18).

[23] Hornung (Anm. 20), S. 217f.

[24] Wiener Sprachblätter. In: http://homepage.univie.ac.at/goetz.fischer/WienerSprachblaetter.htm. 1.8.2005.

[25] Ebd.

[26] Vgl. ebd.

[27] Vgl. Jambor (Anm. 9), S. 3.

[28] Karl Woisetschläger: Der Hirschbold pirscht hold. Geburtstagsbesuch bei einer Institution. In: Die Presse. 10./11. Sept. 1988. Spectrum SV.

[29] Vgl. ebd.

[30] Vgl. ebd.

[31] Ebd.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] Karl Hirschbold. Pirschgänge im Sprachrevier. Düsseldorf: Erb 1985. S. 8, Hervorheb. E.A.

[35] Vgl. Jambor (Anm. 9), S. 9.

[36] Vgl. Friedrich Kainz: Psychologie der Sprache. 4. Band: Spezielle Sprachpsychologie. Stuttgart: 1956. Zit nach: Ebd. S. 95.

[37] Jambor (Anm. 9), S. 20. Hervorheb. i.O.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Karl Hirschbold und sein sprachpflegerisches Werk. Journalistische Sprachpflege zwischen Kritik und Unterhaltung
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V52485
ISBN (eBook)
9783638481892
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl, Hirschbold, Werk, Journalistische, Sprachpflege, Kritik, Unterhaltung
Arbeit zitieren
Elisabeth Augustin (Autor), 2005, Karl Hirschbold und sein sprachpflegerisches Werk. Journalistische Sprachpflege zwischen Kritik und Unterhaltung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52485

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