Julius Schwietering. Eine Analyse der Schwieteringschen Auffassungen


Hausarbeit, 2003
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung und Einordnung des Themas in den Seminarkontext

2.) Die wissenschaftliche Laufbahn von Julius Schwietering und sein Beitrag zur volkskundlichen Forschung
a. Die wissenschaftliche Laufbahn
b. Überblick über den Beitrag zur volkskundlichen Forschung

3.) Schwieterings Beitrag zum fachtheoretischen Diskurs: Aufgabenbereich und Methodik der volkskundlichen Forschung
a. Die Darlegung des volkskundlichen Aufgabenbereiches in „Wesen und Aufgaben der deutschen Volkskunde“
b. Die Weiterentwicklung des Forschungsansatzes: Gemeinschaftsbegriff und funktionalistischer Ansatz

4.) Die Schwietering-Schule: Weiterführung des wissenschaftlichen Ansatzes

5.) Der Nationalsozialismus und seine Folgen für das wissenschaftliche Wirken Julius Schwieterings

6.) Zusammenfassung und kritische Würdigung der Schwieteringschen Volkskunde-Konzeption

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1.) Einleitung und Einordnung des Themas in den Seminarkontext

Die Untersuchung der wissenschaftlichen Laufbahn und Leistung von Julius Schwietering (1884-1962) ist im Rahmen des Proseminars „Basistexte der europäischen Ethnologie I“ in die Aufarbeitung der volkskundlichen Wissenschaftsgeschichte anhand von -in einem wertfreien Sinne- beispielhaften Arbeiten ihrer Zeit eingebettet. Diese Aufarbeitung reicht von den ersten Versuchen einer Fachdefinition bis hin zur notwendig gewordenen wissenschaftlichen Neuorientierung und Neuinstitutionalisierung der Volkskunde nach ihrer Ideologisierung und Politisierung in der Zeit des Nationalsozialismus. Thematisch lässt sich das Proseminar demgemäß untergliedern in die drei Abschnitte „Anfänge der Volkskunde und Konstituierungsphase“, „Die Volkskunde in der Weimarer Republik“, „Die Volkskunde in Nationalsozialismus“ und einen kurzen Ausblick darüber hinaus.

Die (volkskundliche) wissenschaftliche Schaffensphase von Julius Schwietering fällt in den zweiten Teilbereich. In dieser Zeit zählt er m.E. zusammen mit Hans Naumann und Adolf Spamer zu denjenigen Wissenschaftlern, die großen Einfluss auf die Weiterentwicklung und Diskussion theoretischer Forschungsansätze nehmen konnten.

In dieser Hausarbeit soll zunächst die wissenschaftliche Laufbahn Schwieterings kurz dargestellt werden, aus der sich bereits die Frage nach seinem Verhältnis zur nationalsozialistischen Ideologie ergibt. Darauf aufbauend soll anhand der Untersuchung von Schlüsselbegriffen und -thesen in seinen volkskundlichen Arbeiten, insbesondere anhand des Aufsatzes „Wesen und Aufgaben der Deutschen Volkskunde“, untersucht werden, worin die eigentliche Neuerung seines Forschungsansatzes in Abgrenzung zu vorangegangenen Arbeiten bestand. Nach einer kurzen Darstellung der so genannten „Schwietering-Schule“, der Weiterführung und Anwendung dieser theoretischen Basis durch andere Forscherpersönlichkeiten und der Untersuchung der Wechselwirkung von Nationalsozialismus und wissenschaftlichem Wirken Schwieterings folgt eine kritische Würdigung seiner wissenschaftlichen Leistung, bei der auch eine Diskussion von Fragen vorgenommen werden soll, die sich aus der Beschäftigung mit seinen Forderungen an die volkskundliche Forschung ergeben.

Bei der für diese Arbeit verwendeten Literatur handelt es sich sowohl um Aufsätze, die von Schwietering selbst verfasst wurden, als auch um darstellende und weiterführende Sekundärliteratur, in der sein Wirken auf der Basis des Forschungsstandes der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts reflektiert und bewertet wird.

2.) Die wissenschaftliche Laufbahn von Julius Schwietering und sein Beitrag zur volkskundlichen Forschung

a. Die wissenschaftliche Laufbahn

Julius Schwietering studierte in den Jahren 1903-1909 die Fächer Deutsch und Englisch, Mittellatein und Kunstgeschichte sowie deutsche Altertumskunde. Nachdem er sein Studium 1903 in Freiburg im Breisgau aufnahm, wechselte er noch im selben Jahr nach Göttingen. Nach fünfjähriger Studienzeit, im Jahre 1908, schrieb er seine Dissertation zum Thema „Singen und Sagen“ bei dem Göttinger Germanisten Edward Schröder[1],[2]. Zu dieser Zeit war er bereits als Assistent an dem von Schröder geleiteten Deutschen Seminar tätig.

Im Jahre 1909 folgte dann zunächst eine Hinwendung zu einem anderen Gebiet, auf dem er während seiner Studienzeit eine Expertise ausbilden konnte, nämlich der musealen Altertums- und Realienkunde. Bis zum Jahre 1923 arbeitete er am Museum für Hamburgische Geschichte, zunächst als Mitarbeiter, später im Rang eines Assistenten. Während seiner Zusammenarbeit mit Otto Lauffer entwickelte er die Überzeugung, dass die mittelalterliche Philologie durch eine -noch auszubauende- Beschäftigung mit den Realien zu ergänzen sei[3]. Noch während seiner Tätigkeit bei Otto Lauffer habilitierte er sich im Jahre 1921 an der Hamburger Universität mit dem germanistischen Thema „Die Demutsformel mittelhochdeutscher Dichter“, nachdem sein Vorhaben, in Kiel eine Habilitation für das Doppelfach „Deutsche Philologie und Altertumskunde“ zu erlangen, gescheitert war[4], und war infolgedessen nebenher als Privatdozent tätig.

Im Jahre 1923 weiterentwickelte und beendete er seine Museumskarriere in Bremen, wo er die Leitung des Kunstgewerbe- und des Historischen Museums übernahm.

Im folgenden intensivierte er seine philologischen Bemühungen und übernahm zunächst die außerordentliche Professur für deutsche Sprache und Literatur in Leipzig, später die ordentliche Professur für Deutsche Philologie in Münster (1928). In seiner Zeit in Frankfurt ab 1932 hatte er eine Professur für „Deutsche Sprache und Literatur, insbesondere ältere Deutsche Philologie“[5] inne, bei deren Ausübung die Mitvertretung der Volkskunde jedoch implizit erwartet wurde; dies wiederum kam Schwieterings wissenschaftstheoretischer Volkskundeauffassung insofern entgegen, als dass er selbst in seinen volkskundlichen Arbeiten eine Integration des Faches in übergeordnete Kontexte zur Diskussion stellte[6]. Er stand damit in der wissenschaftstheoretischen Tradition von Hans Naumann, der sein Vorgänger an diesem Lehrstuhl gewesen war. 1938 gelang es ihm, seine wissenschaftliche Karriere mit einem Ruf nach Berlin zu krönen, wo er, wie auch schon in Frankfurt, Arthur Hübner als Inhaber des Lehrstuhls für Germanistik beerben konnte.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges, Im März des Jahres 1946 konnte er an den von ihm bereits bis 1938 vertretenen Frankfurter Lehrstuhl für Germanistik zurückkehren; im April des Jahres übernahm er zusätzlich den Lehrstuhl für Volkskunde und wurde 1952 emeritiert.[7],[8]

b. Überblick über den Beitrag zu volkskundlichen Forschung

Bezogen auf den Gesamtumfang seiner wissenschaftlichen Arbeiten war Julius Schwieterings Interesse für volkskundliche Themen relativ schwach ausgeprägt. Während seiner Zeit in Leipzig nahm er nach der Emeritierung Mogks einen Lehrauftrag für Volkskunde wahr, in Münster wurde die Wahrung der ortsüblichen Verbindung zwischen Volkskunde und Germanistik von ihm erwartet. Vorlesungen und Seminare wurden von ihm insgesamt eher sporadisch als regelmäßig abgehalten.[8a]

Auch sein Portfolio an Beiträgen zu volkskundlichen Themen blieb schmal: es bestand, wenn man von Niederschriften der von ihm gehaltenen Vorträge einmal absieht, im wesentlichen aus fünf Aufsätzen, die in den Jahren 1927-1935 veröffentlicht wurden. Darin ging es vorrangig um eine Standort- und Aufgabenbestimmung der Volkskunde sowie die Ausbreitung seines funktionalistischen Ansatzes zur Untersuchung der Bedeutung von kulturellen Äußerungen des Volkslebens. Ferner spielte auch die Frage nach der sozialpolitischen Dimension der Volkskunde eine Rolle. Allerdings gelang es Schwietering mit dieser überschaubaren Zahl an Veröffentlichungen, wesentliche Fortschritte in der volkskundlichen Forschung zur Diskussion zu stellen und allmählich zu etablieren.

3.) Schwieterings Beitrag zum fachtheoretischen Diskurs: Aufgabenbereich und Methodik der volkskundlichen Forschung

a. Die Darlegung des volkskundlichen Aufgabenbereiches in „Wesen und Aufgaben der deutschen Volkskunde“

Im Jahre 1927, also während seiner Zeit in Leipzig, veröffentlichte Schwietering einen Aufsatz, in dem er sich kritisch mit der damaligen Volkskunde auseinandersetze und eigene Vorschläge zur Weiterentwicklung bzw. zur Neuorientierung der volkskundlichen Forschung in die Diskussion einbrachte: Die Schrift „Wesen und Aufgabe der deutschen Volkskunde“. Gleichzeitig war dies der erste von ihm veröffentlichte volkskundliche Aufsatz überhaupt[9].

Gleich zu Beginn dieser Arbeit findet sich der erste Kritikansatz. Schwietering bezeichnet den „Mangel an jeglicher Systematik“ innerhalb der Fachthemen, der sich bereits an den Kapitelüberschriften eines beliebigen zu Rate gezogenen volkskundlichen Handbuches ablesen lasse, als „äußerst hinderlich“, und identifiziert in dieser Tatsache eine volkskundliche Laienbezogenheit: „...sie wollen dem Laien eine Übersicht bieten und ihn gleichzeitig zur volkskundlichen Mitarbeit erziehen.“12 Darauf aufbauend kritisiert er, dass es die Volkskunde, anders als etwa die Philologie, bis dato noch nicht vermocht habe, diese einzelnen „Volkskunden“[11] auf ein „einheitliches Ziel“ oder ein „ausgesprochenes Arbeitszentrum“[11a] zu orientieren.

Daran anschließend analysiert er die Assoziation der Begriffe „Bauerntum“ und „primitiver Gemeinschaftsgeist“ bzw. „primitive Dichtung“. Aus der daraus gewonnenen Aussage, dass es sich bei dem Bauern schlechthin eben nicht um den Träger dieser „primitiven Geistigkeit“ handele, sondern dass man bei der „verhängnisvollen Identifikation von Primitivität und Bauerntum“[12a] einem Trugschluss erliege, zieht er zunächst den Schluss, dass also auch in einer Bezugsgröße wie der „primitiven Geistigkeit“ kein die einzelnen Forschungsfelder bindendes Moment gesehen werden kann. Weiterhin bedeutet diese Aussage implizit eine Kritik an den Forschungsrichtungen seiner Zeitgenossen Adolf Spamer und Hans Naumann. Indem er also die Relevanz dieser Bezugsgröße ablehnt, vollzieht er gleichzeitig eine Abgrenzung von konkurrierenden Forschungsrichtungen.[13]

Als eigenen Vorschlag für die Ausrichtung der einzelnen volkskundlichen Forschungszweige auf ein bestimmtes Erkenntnisziel bringt er die folgende Definition in den fachtheoretischen Diskurs ein: „Volkskunde ist Erforschung der kulturellen Bedeutung des deutschen Bauerntums(...)“.[14]

Er vertritt die Auffassung, dass das dadurch festgelegte Erkenntnisziel notwendigerweise eine bestimmte methodische Vorgehensweise bedinge:

„Durch solche Besinnung über den Umfang volkskundlichen Arbeitsgebietes ist die Methode der Arbeit selbst bereits festgelegt. Die Erforschung des national begrenzten, landschaftlich differenzierten Bauerntums ist in erster Linie eine geschichtliche und soziologische Aufgabe.“[15]

[...]


[1] vgl. Assion 1994, S. 50

[2] Ob der Begriff Dissertation in diesem Zusammenhang in der Bedeutung „Arbeit zur Erlangung der Doktorwürde“ verwendet wird, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen; eine Verwendung in der ursprünglichen Bedeutung einer „wissenschaftlichen Abhandlung“ erscheint angesichts der bis dato nur fünfjährigen Studienzeit nicht ausgeschlossen. Möglicherweise handelte es sich bei dieser Dissertation also um Schwieterings Examensarbeit.

[3] vgl. Assion 1994, S. 50f.

[4] vgl. Assion 1994, S. 51

[5] Assion 1994, S. 50

[6] obgleich er bereits 1927 eine Herauslösung der Volkskunde aus dem philologischen Kontext und stattdessen eine gesellschaftswissenschaftliche Zuordnung forderte, arbeitete er also in Frankfurt mit dieser traditionellen Kombination (vgl. Schwietering 1927, S. 157).

[7] vgl. Assion 1994, S. 61

[8] bis zu welchem Zeitpunkt genau er in Berlin tätig war, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht eindeutig ermitteln. Ebenso bleibt unklar, wie intensiv sein volkskundliches Engagement in dieser letzten wissenschaftlichen Phase war.

[8a] vgl. Assion 194, S. 51ff.

[9] Dass in der damaligen Zeit eine enge Assoziation zwischen Volkskunde und Germanistik bzw. Literaturwissenschaft bestand, zeigt sich auch daran, dass diese Arbeit in der „Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte“ veröffentlicht wurde

[10] Schwietering 1927, S. 143

[11] so wie man auch von einzelnen „Soziologien“ spricht

[11a] Schwietering 1927, S. 144

[12] Schwietering 1927, S. 145

[13] vgl. Assion 1994, S. 52

[14] Schwietering 1927, S. 156; wobei er sich selbst hiermit insofern widerspricht, als dass er im selben Aufsatz auch sagt: „Deutsche Volkskunde sollte alle Lebensäußerungen des Volkes umfassen.“ (Schwietering 1927, S. 146)

[15] Schwietering 1927, S. 147; die Verwendung des Begriffes „Methode“ weicht in diesem Zusammenhang von dem ab, was heute unter einer Forschungsmethode verstanden wird und deckt sich m.E. eher mit dem, was man heute als eine „Schule“ bezeichnen würde.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Julius Schwietering. Eine Analyse der Schwieteringschen Auffassungen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Seminar für Europäische Ethnologie / Volkskunde )
Veranstaltung
Basistexte der Europäischen Ethnologie/Volkskunde I
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V52561
ISBN (eBook)
9783638482400
ISBN (Buch)
9783638787222
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Julius, Schwietering, Eine, Analyse, Schwieteringschen, Auffassungen, Basistexte, Europäischen, Ethnologie/Volkskunde
Arbeit zitieren
Matthias Bunzel (Autor), 2003, Julius Schwietering. Eine Analyse der Schwieteringschen Auffassungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52561

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