Schiller, Jungfrau von Orleans


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zur Entstehungsgeschichte
Die historische Figur
Darstellung des Inhaltes bei Schiller
Abweichungen von der historischen Gestalt

2. Schillers dramatischer Stil
Der formale Aufbau der Tragödie
Sprachliche Besonderheiten
Darstellung des Konflikts

3. Der göttliche Auftrag
Weissagungen, Träume und Visionen
Die Berufung der Johanna von Orleans

4. Verschiedene Betrachtungsweisen der Johanna
Johanna – Allegorie der naiven Dichtung?
Johanna – die reine Jungfrau?

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Die Wirkungskraft der Legende um die Jungfrau von Orleans, die im Mittelalter Frankreich von den Engländern befreite, beflügelte alle Geister der Literatur.

Friedrich Schiller jedoch wagte sich an etwas Neues, er verknüpfte historische Grundlagen mit poetischer Dichtung. Dieser überraschende Bruch mit Geschichte und Überlieferung, der Tod der Johanna auf dem Schlachtfeld, stieß nicht nur in Frankreich auf Ablehnung. Dennoch gelang es Schiller mit seiner Fassung die Leser und Zuschauer zu begeistern, da er als erster die übernatürlichen und die menschlichen Kräfte der Gestalt in Harmonie gebracht, und dem Stoff einen wirklich tragischen Konflikt gegeben hatte.[1]

Das Geschehen in Friedrich Schillers romantischer Tragödie „Die Jungfrau von Orleans“ richtet sich auf ein Idealbild, das schwer zu erfassende Eigenschaften besitzt. Johannas Offenheit und ihre Naivität sind ergreifend und deswegen ihre stärksten Waffe. Ihre außergewöhnlichen Kräfte verleihen dem Drama eine romantische Grundstimmung, welche verknüpft wird mit Motiven aus der spätmittelalterlichen Welt der Ritterlichkeit und Gläubigkeit mit ihren Wundern, Hexen, Prophezeiungen, Visionen, sowie Motiven aus der Antike. Des weiteren baute Schiller Motive des Märchens, der Legende, der Idylle und Motive der malerischen Natur in seine romantische Tragödie ein.[2]

In Friedrich Schillers romantischer Tragödie „Die Jungfrau von Orleans“ geht es nicht um Parteinahme, sondern um inszenatorische Wirksamkeit.

Das Lebensende der historischen Johanna von Orleans und die Gestaltung ihres heldenhaften Todes entsprechen nicht den im Drama dargestellten Begebenheiten.

In Schillers „Jungfrau von Orleans“ geht es um Macht und Erotik. Die Jungfrau steht vor der Alternative, entweder der Macht und Gewalt zu entsagen oder der körperlichen Lust und der Liebe.

Da Johanna eine reine Jungfrau ist, ein Bote Gottes, kann man von ihr auch als himmlisches Wesen sprechen. Sie ist ein Engel, ein Kriegsengel. Sie kämpft in den Schlachten und tötet rücksichtslos.

Schiller betont jedoch, dass sie nicht siegreich sei, weil sie körperlich stark wäre, sondern weil sie übernatürliche Kräfte habe. Er beschreibt Johanna als ein Wesen, in dem das Weibliche, das Heroische und das Göttliche vereint ist. Von den Engländern hingegen, wurde sie als Hexe verachtet und als Teufel angeklagt.

In meiner Arbeit möchte ich im weiteren Verlauf die Figur der Johanna untersuchen, es soll sowohl die historische Johanna, als auch die Darstellung der einerseits naiven Jungfrau, der unschuldigen Heiligen und der andrerseits erhabenen, wissenden Heldin Johanna vorgestellt werden.

Anschließend gehe ich kurz auf die Stilmittel und Sprache der Tragödie ein und im weiteren Verlauf stelle ich dann den göttlichen Auftrag und die daraus entstehenden Konsequenzen dar.

Darauf aufbauend werde ich zwei Interpretationsansätze vorstellen, welche das Wesen der Jungfrau darstellen und der Frage nachgehen, ob Johanna ein Engel oder eher ein Teufel ist.

1. Zur Entstehungsgeschichte

Der historische Hintergrund des Dramas ist der Hundertjährige Krieg (1339) zwischen England und Frankreich. Zum Zeitpunkt des Dramas waren die Engländer schon weit in das französische Reich vorgedrungen und die Franzosen befanden sich in einer aussichtslosen Position.

Schiller übernimmt jedoch in seinem Drama die historischen Daten nicht vollständig. Er übernimmt die grobe Situation, den zeitlichen Ablauf und die Hauptpersonen, alles weitere entspringt seiner poetischen Phantasie.

Die historische Figur

Die fundiertesten historisch belegten Kenntnisse über das Bauernmädchen aus Domrémy findet man in den Prozessakten von Rouen. Diese Akten belegen die Existenz der Johanna, geben jedoch nicht die reine Wahrheit über ihre Person wieder.

Mithilfe dieser Akten ließ sich ihr Leben annähernd rekonstruieren:[3]

Johanna von Orleans oder auch Jeanne d´Arc wurde um 1411 / 1412 in dem lothringischen Dorf Domrémy als Tochter eines Bauern geboren.

Johanna war ein einfaches und gläubiges Mädchen. Schon im Alter von dreizehn Jahren hatte sie mehrere Erscheinungen des Erzengels Michael, der heiligen Katharina und der heiligen Margareta. Diese Stimmen und Erscheinungen beauftragten sie ein gutes Leben zu führen.

1425 hörte sie göttliche Stimmen, die ihr prophezeiten, dass sie ihr Land Frankreich von den englischen Besatzern befreien könnte, denn ein Teil von Frankreich war Anfang des 15. Jahrhunderts von den Engländern und ihren Verbündeten, den Burgundern, besetzt.

Ausgangspunkt dieser Besatzung war der Hundertjährige Krieg, wobei die Engländer die Oberherrschaft über Frankreich zu erringen versuchten. König Karl VI, der als „schwachsinnig“ galt, hatte seinen Sohn Karl VII, den „Dauphin[4] “, enterbt und den Thron den Engländern zugesagt.

Nie zuvor hatte die Situation im Lande zu größerer Besorgnis Anlass gegeben. Die Einwohner von Frankreich hofften, dass Gott auf ihrer Seite stehen und sie befreien würde.

In diesem Augenblick der höchsten Not erschien die Jungfrau von Orleans. Im Februar 1429 folgt Johanna ihren „inneren Stimmen“, ging aus Lothringen nach Chinon und verlangte, den „Dauphin“ zu sprechen.

Trotz der Niederlage Frankreichs hatte man die Hoffnung nicht aufgegeben, und es hieß, dass das durch eine Frau (Königin Isabeau) vernichtete Land durch eine Jungfrau gerettet werden würde.

Als Johanna ins Schloss gebracht wurde, erkannte sie sofort den Dauphin, der sich zwischen den Rittern verborgen hatte. Sie begrüßte ihn herzlich und erhielt daraufhin eine Armee vom Dauphin, mit der sie in Orleans eindrang und die Stadt befreite. Weitere Siegeszüge gelangen unter ihrer Führung bis hin zum Sieg über die Engländer.

Als am 17. Juli die Königsweihe stattfand, war Johanna an der Seite des Königs. Innerhalb von fünf Monaten hatte sie ihre Mission erfüllt.

In den Augen der Engländer und der Burgunder war Johanna jedoch eine Hexe und eine Ketzerin. Denn wie hätte sie ohne militärische Macht sonst so schnell siegen können, wenn sie nicht den Teufel im Leibe trug?

1430 wurde sie bei Compiègne von den Engländern gefangengenommen und 1431 in Rouen von einem Gericht, das unter der Leitung Cauchons, des Bischofs von Beauvais, stand, als rückfällige Ketzerin auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

In einem erneuten Prozess wurde sie 1456 rehabilitiert, 1894 wurde sie durch Papst Leo XIII selig gesprochen. Erst im Jahre 1920 fand ihre Heiligsprechung, durch Papst Benedikt XV, statt.

Darstellung des Inhaltes bei Schiller

Thibaut d´Arc beklagt die Unsicherheit der Lebensverhältnisse und das Vordringen der Engländer. Wegen der bevorstehenden Bedrohung gibt er seinen Segen zur Verlobung seiner Töchter, da er glaubt, sie dadurch am besten schützen zu können. Johanna jedoch weist das Werben Raimonds ab und wendet sich der Einsamkeit zu. In Angstträumen sieht Thibaut ihren Aufstieg und ihren Fall voraus.

Die Situation Frankreichs scheint hoffnungslos, die Engländer rücken immer weiter vor. Auch der Einfluss der Königinnenmutter Isabeau trägt nicht zu einer Verbesserung der Situation bei.

Der schwache Dauphin, dem Schiller alle Merkmale eines Romantikers gibt, ist nicht fähig, sein Land zu verteidigen und zieht sich nach Chinon zurück.

In dieser ausweglosen Situation erscheint dem jungen Bauernmädchen Johanna die Mutter Gottes. Sie erhält die göttliche Botschaft die Engländer in der Schlacht zu besiegen, den König nach Reims zur Krönung zu führen und so Frankreich zu befreien.

Einzige Bedingung ist, dass sie sich ganz in den Dienst der „Sache“ stellt. Sie muss zu einem Instrument Gottes werden und darf sich nicht durch das menschliche Fleisch verführen lassen.

Niemand versteht sie, weil niemand auf ihrer Ebene denkt und empfindet. Johanna aber akzeptiert die Bedingung, dass sie niemals irdische Liebe zu einem Mann fühlen wird, da ihr die göttliche Aufgabe wichtiger erscheint.

In der Stunde größter Hoffnungslosigkeit berichtet ein lothringischer Ritter dem König Karl von einer Jungfrau, die seine Truppen zu einem großen Sieg geführt hat und dabei tausende Verletzte und Getötete bei den Engländern hinterließ. Das Mädchen sei eine wunderschöne Jungfrau, die von einem göttlichen Licht umgeben scheint.

Von nun an folgt Sieg um Sieg auf dem Schlachtfeld. Erbarmungslos drängt sie die Gegner zurück. Und obwohl sich viele Ritter in die schöne Jungfrau verlieben, weist sie alle Anwärter zurück und konzentriert sich auf ihre Aufgabe, die Rettung Frankreichs.

Denn nur solange sie nicht liebt, wird sie funktionieren.

Aber Johannas übermächtiger Feind ist natürlich die Liebe. Als sie ihr zum ersten Mal ins Gesicht blickt, ist sie sogleich verloren. Dass sie sich ausgerechnet in den englischen Lionel verliebt, ist tragisch und verhängnisvoll zugleich.

Abweichungen von der historischen Gestalt

"„Johanna von Orleans“ ist zumindest in Friedrich Schillers Schauspiel die Ikone eines tödlichen und letztlich auch selbstzerstörerischen Selbstbewusstseins.“[5]

Norbert Oellers erkannte eine „offenkundige Tendenz zur „Geschichtslosigkeit“[6] in dem Drama „Die Jungfrau von Orleans“.

Schillers Werk wird zur Tragödie der Menschheit, denn Schiller arrangierte und variierte die historischen Fakten so, dass die tragischen Ereignisse als eine Folge von Zufällen erscheinen mochten, die nichts mit einer höheren Schicksalsmacht zu tun haben, sondern eher banal, auf jeden Fall menschlich sind.

Schiller selbst schildert in seinem Aufsatz „Über die tragische Kunst“[7] seine Auffassung über das Verhältnis von historischer Wahrheit und Poetik. Seiner Meinung nach, muss man sich nur an die historische Richtigkeit[8] halten, wenn die Tragödie auch einen historischen Zweck verfolgt.

Da sie jedoch eine Handlung darstelle, um zu rühren und durch Rührung zu ergötzen[9], wird sie der historischen Handlung entgegengesetzt und erhält die Macht, ja Verbindlichkeit, die historische Wahrheit den Gesetzen der Dichtkunst unterzuordnen[10].

Mit dieser Argumentation schuf sich Schiller eine Legitimation, über sämtliche historische Stoffe, die er in seinen Dramen benutzte, eigenmächtig zu verfügen.

Somit lassen sich Abweichungen vom historischen Stoff, wie Johannas Tod oder das fiktive Liebesverbot und die Keuschheit, erklären.

Als Klassiker seiner Zeit versieht Schiller die Jungfrau mit den Insignien der Pallas Athene, mit Helm, blitzendem Auge und goldenem Panzer.[11]

Johanna wird also zur Kriegerin, denn im Gegensatz zu der historischen Figur, die beim Prozess darauf bestand, dass sie kein Schwert geführt hatte[12], zieht Schillers Johanna nur allzu gerne ihr Schwert.

Das Stück handelt von einer Heiligen. Dennoch geht es nicht um den Himmel, in den am Ende die Heldin triumphierend aufzufahren scheint, sondern um die Darstellung der aus der Geschichte bekannten Johanna. Für Schiller stellt sie das Medium seiner weltanschaulichen und poetischen Konfessionen dar.

[...]


[1] Elisabeth Frenzel: „Stoffe der Weltliteratur“, S. 408

[2] Karl S. Guthke: „Die Jungfrau von Orleans“ (Schiller – Handbuch), S. 443

[3] R. Schirmer – Irmhoff: „Der Prozess von Jeanne d´Arc. Akten und Protololle.“

[4] franz. für delphin

[5] Jessica Steinke, „Jungfrau von Orleans“, im Kulturtagblatt (22.10.2001)

[6] Norbert Oellers: “Friedrich Schiller“

[7] Friedrich Schiller: „Vom Pathetischen und Erhabenen. Schriften zur Dramentheorie“

[8] Friedrich Schiller: „Über die tragische Kunst“

[9] Friedrich Schiller: „Über die tragische Kunst“, S. 50

[10] Friedrich Schiller: „Über die tragische Kunst“, S. 50

[11] Der große Schauspielführer, S. 220

[12] Karl Guthke:“Die Jungfrau von Orleans“ (Schiller - Handbuch), S. 448

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Schiller, Jungfrau von Orleans
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V52699
ISBN (eBook)
9783638483414
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schiller, Jungfrau, Orleans
Arbeit zitieren
Anne Förg (Autor), 2003, Schiller, Jungfrau von Orleans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52699

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