E. T. A. Hoffmann: Das serapiontische Prinzip , Die Königsbraut: Ein nach der Natur entworfenes Märchen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
29 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vita E. T. A. Hoffmann

3. Die Serapions-Brüder

4. Das serapiontische Prinzip

5. Strukturanalsyse der Königsbraut
5.1 Entstehung
5.2 Inhalt
5.3 Quellen
5.4 Gattung
5.5 Bauform, Zeitstruktur und Erzählweise
5.6 Personenzeichnung und sich daraus ergebende mögliche Interpretationsansätze

6. Schluss

7. Literaturangaben

1.Vita E. T. A. Hoffmann

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann wurde am 24. Januar 1776 in Königsberg geboren[1], wo er heranwuchs, zur Schule ging und die Universität besuchte.[2] Den dritten Vornamen änderte er später aus Bewunderung für Mozart in „Amadeus“.[3] Er war der dritte und jüngste Sohn des Hofgerichtsadvokaten Cristoph Ludwig Hoffmann und dessen Frau Lovisa Albertina Doerffer. Die Hoffmanns waren seit Generationen lutherische Pfarrer und Lehrer. Hoffmanns Vater war der erste Jurist und somit eine angemessene Partie für seine Cousine, die einer angesehenen Juristenfamilie entstammte. Zwei Jahre nach Hoffmanns Geburt trennten sich die Eltern und der Vater zog mit seinem ältesten Sohn nach Insterburg. Die Mutter kehrte mit ihrem jüngsten Sohn, der zweite Sohn war schon kurz nach der Geburt gestorben, in das Haus ihrer verwitweten Mutter zurück. Hier wuchs Hoffmann mit seiner kränkelnden, vermutlich hysterischen Mutter, seiner Großmutter, seiner Tante Johanna Sophia und seinem Onkel Otto Wilhelm Doerffer auf. Krankheitsbedingt konnte sich die Mutter kaum um die Erziehung ihres Sohnes kümmern, und so übernahmen seine Tante und sein Onkel in gewisser Weise die Elternfunktion.

Ab 1782 besuchte Hoffmann die Burgschule in Königsberg, wo er 1786 Theodor Gottlieb Hippel, den Neffen des gleichnamigen Aufklärungsschriftstellers kennenlernte, mit dem er sein Leben lang befreundet blieb.

1792 begann er zusammen mit Hippel ein Jurastudium, was allerdings eher dem Wunsch seiner Familie, als seinen eigenen Neigungen entsprach. Seine wirklichen Interessen galten der Malerei und der Musik und er nahm sowohl Zeichen-, als auch Musikunterricht.

Nach seinem ersten juristischen Examen 1795 trat er eine Stelle als Auskulator am Gericht an. Aufgrund einer Affäre mit seiner zehn Jahre älteren Musikschülerin Dora Hatt, mußte Hoffmann 1796, kurz nach dem Tod seiner Mutter Königsberg verlassen. Er zog nach Glogau zu seinem Onkel Johann Ludwig Doerffer, der ihm eine unbezahlte Stelle am dortigen Gericht verschaffte.

Im Frühjahr 1798 verlobte sich Hoffmann mit seiner Cousine Minna Doerffer und bestand im Juni desselben Jahres sein zweites juristisches Staatsexamen. Als sein Onkel kurz darauf nach Berlin versetzt wurde, folgte ihm Hoffmann an dasselbe Gericht. In Berlin, das sich um 1800 zu einem kulturellen und künstlerischen Zentrum Deutschlands entwickelte, beschäftigte sich Hoffmann so intensiv mit seinem eigentlichen Interesse, der Kunst, dass er für sein drittes juristisches Staatsexamen mehr als anderthalb Jahre benötigte. Nachdem er dieses im März 1800 abgelegt hatte, wurde er zum Assesor im polnischen, damals von Preußen annektierten Posen ernannt. Hier lernte er 1802 Marianna Thekla Michaelina Rorer-Trzcinska, die Tochter eines polnischen Stadtschreibers kennen. Er löste die Verlobung mit seiner Cousine Minna Doerffer und heiratete im Juli die katholische „Mischa“, was zum endgültigen Bruch mit seiner Familie führte. Im Frühjahr 1802 wurden auf einer Karnevalsredoute von Hoffmann verfertigte Karikaturen der posener Gesellschaftsspitze verteilt. Der dadurch hervorgerufene Skandal führte zur Annullierung der schon erfolgten Ernennung zum Regierungsrat und zu Hoffmanns Strafversetzung nach Plock. Erst im Frühjahr 1804 gelang es Hoffmann rehabilitiert zu werden und als Regierungsrat nach Warschau zurückzukehren.

In Posen konnte Hoffmann einen ersten künstlerischen Erfolg verbuchen. Er komponierte die Musik zu Goethes Singspiel „Scherz, List und Rache“, das dort von der Döbbelinschen Theatergruppe aufgeführt wurde. Im September 1803 wurde in Form eines dramentheoretischen Essays, das im „Freimüthigen“ veröffentlicht wurde, zum ersten mal eine Schrift Hoffmanns gedruckt.

Von 1804 bis 1807 war Hoffmann als Regierungsrat in Warschau tätig. Es gelang ihm einerseits die Arbeit am Gericht zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten zu erfüllen, andererseits hatte er Zeit und Muse, zahlreiche musikalische Werke zu komponieren. So wurde beispielsweise seine Oper „Die lustigen Musikanten“ in Warschau uraufgeführt, die hinsichtlich der musikalischen Komposition von Kritikern positiv beurteilt wurde. Außerdem engagierte sich Hoffmann stark in der „Musikalischen Gesellschaft“, für die er unter anderem als Dirigent tätig war. In dieser Zeit lernte er seinen Amtskollegen Julius Eduard Hitzig, seinen späteren ersten Biographen kennen. Im Juli 1805 wurde seine Tochter Cäcilia geboren.

Im November 1806 wurde Warschau von französischen Truppen besetzt, und Hoffmann verlor wie alle anderen preußischen Beamten seine Stellung. Nachdem er seine Frau und seine Tochter nach Posen geschickt hatte, blieb er noch einige Monate in Warschau, bis er als preußischer Beamter vor die Wahl gestellt wurde einen Huldigungseid auf Napoleon zu schwören oder aus der Stadt gewiesen zu werden. In der Hoffnung Unterstützung von seinem Freud Hitzig zu bekommen, reiste er Anfang 1807 nach Berlin. Stellungslos und ohne finanzielle Mittel komponierte und zeichnete er hier weiter, fand aber keinerlei Verleger. Im August 1807 starb seine Tochter Cäcilia. In dieser Zeit faßte er den Entschluss, seinen juristischen Beruf völlig aufzugeben und veröffentlichte ein Stellengesuch als Musikdirektor. Im April 1808 wurde er als Musikdirektor nach Bamberg berufen, wohin er im Juni mit seiner Frau umzog. Sein Konzertdebüt als Dirigent mißlang völlig, und so gab er die Konzertleitung sofort wieder ab und verdiente sich seinen Lebensunterhalt in Bamberg hauptsächlich durch Musikunterricht und gelegentliche Kompositionen für das Bamberger Theater. In Bamberg legte er die Grundlage für seine Karriere als Schriftsteller. Seine gescheiterte Musikerkarriere fand Eingang in einige seiner Erzählungen wie z.B. in seine erste literarische Veröffentlichung „Ritter Gluck“, die am 15. Februar 1809 in der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ erschien.

1811 verliebte sich Hoffmann in seine fünfzehnjährige Musikschülerin Julia Marc. Er machte sich in Bamberg gesellschaftlich unmöglich, als er deren Bräutigam 1812 öffentlich beschimpfte. Ende des Jahres wurde seine Stellung am Theater gekündigt.

Anfang 1818 erhielt Hoffmann ein Stellenangebot als Musikdirektor bei der Operntruppe Joseph Secondas. Hoffmann sah darin die Chance, seinen Lebenstraum als Musiker zu verwirklichen und reiste nach Dresden, das zu dieser Zeit von französischen und preußischen Truppen mit wechselndem Erfolg umkämpft wurde und vom Krieg völlig zerstört war. Die nächsten Monate arbeitete er in Leipzig und Dresden für Seconda. Die Zusammenarbeit ließ sich gut an, wurde aber mit der Zeit zunehmend schwieriger. Ende Februar 1814 wurde Hoffmann gekündigt. Trotz seiner Arbeit und den Kriegswirren komponierte und schrieb Hoffmann weiter. Als literarische Werke entstanden in dieser Zeit mehrere Erzählungen für die „Fantasiestücke“, u.a. auch „Der goldene Topf“, und Hoffmann begann mit der Niederschrift der „Elixiere des Teufels“. Außerdem komponierte Hoffmann in Sachsen sein bedeutendstes musikalisches Werk, die Oper „Undine“, für deren Libretto er Fouqué, den Verfasser der berühmten romantischen Erzählung gewonnen hatte. Zur Ostermesse 1814 erschienen die ersten beiden Bände der „Fantasiestücke“. Im Juli 1814 traf Hoffmann in Leipzig seinen Freund Hippel wieder, der ihn für den preußischen Staatsdienst in Berlin vorschlug. Noch im Herbst 1814 zog Hoffmann wieder nach Berlin, wo er eine Stelle am Kammergericht antrat, zunächst nur als Mitarbeiter mit beratender Stimme, ohne Gehalt.

Am ersten Juli 1815 zog Hoffmann mit seiner Frau in eine Etagenwohnung am Gendarmenmarkt, wo er bis zu seinem Tod, knapp sieben Jahre später, wohnen blieb. Im April 1816wurde er zum Kammergerichtsrat mit stattlichem Jahreseinkommen ernannt. Nach dem Erscheinen und dem großen Publikumserfolg der „Fantasiestücke“, war Hoffmann ein gern gesehener Gast in den Berliner Literaturkreisen. Hier lernte er Fouqé, Chamisso, Tieck, Bernhardi, Eichendorff und Brentano kennen. Trotz seiner Arbeit am Gericht wurde Hoffmann in den nächsten Jahren zum Bestsellerautor, der schnell und viel schrieb. Außer den „Fantasiestücken“ und dem ersten Teil der „Elixiere des Teufels“, verfaßte Hoffmann sein gesamtes literarisches Werk in diesen letzten Lebensjahren. Fast alle seine Erzählungen wurden in Zeitschriften, Almanachen, Taschenkalendern und kurz darauf in Sammelwerken veröffentlicht. 1816 erschienen der zweite Band des Romans „Die Elixiere des Teufels“ und der erste Band der „Nachtstücke“, in dem auch der „Sandmann“, eine der bedeutendsten Erzählungen der deutschen Romantik, veröffentlicht wurde. 1817 erschien der zweite Band der „Nachtstücke“. Zwischen 1819 und 1821 wurden „Die Serapions-Brüder“, in die zahlreiche schon veröffentlichte und auch einige neue Erzählungen aufgenommen wurden, veröffentlicht. 1819 erschienen u.a. „Klein Zaches genannt Zinnober“ und der erste Teil des Romans „Lebensansichten des Katers Murr“. 1820 wurde „Prinzessin Brambilla“ veröffentlicht. 1821 erschien der zweite Band der „Lebensansichten des Katers Murr“ und das Märchen „Die Königsbraut“, das im vierten und letzten Band der „Serapions-Brüder“ erschien. 1822 erkrankte Hoffmann tödlich. Als seine letzten Arbeiten erschienen in diesem Jahr noch das Märchen „Meister Floh“ und die Erzählung „Des Vetters Eckfenster“, die er, fast vollständig gelähmt, vom Krankenbett aus diktierte. Am 25 Juni 1822 starb E. T. A. Hoffmann.

2.„Die Serapions-Brüder“

Anfang 1818 schlug der Berliner Verleger Georg Reimer Hoffmann vor, dessen in Zeitschriften und Taschenbüchern erschienenen Erzählungen gesammelt in Buchform herauszugeben.[4] Hoffmann ging sofort darauf ein und überlegte, ob er die einzelnen Erzählungen, gemäß des Tieckschen „Phantasus“ in eine Rahmenhandlung einbetten solle, oder nicht. Er entschied sich für ersteres und schlug den Titel „Die Seraphinen-Brüder. Gesammelte Erzählungen und Mährchen“ vor. Zu diesem Titel hatte ihn ein regelmäßiges geselliges Zusammentreffen mit Freunden und Bekannten inspiriert. Das erste mal traf diese Runde, zu der u.a. Chamisso, Fouqé, Hitzig und Koreff gehörten am 12. Oktober 1814, dem Tag des hl. Seraphinus von Montegranaro zusammen, weshalb Hoffmann sie von nun an als „Seraphinenorden“ bezeichnete. Aus mehreren Gründen konnten ab Mitte 1816 bis November 1818 keine regelmäßigen Treffen mehr stattfinden. Das erste Zusammentreffen nach der langen Pause fand am 14. November 1818 statt. Da dies der Tag des hl. Serapion, einem ägyptischen Asket und Märtyrer des 4. Jahrhunderts war, beschlossen die Freunde, sich von nun an „Serapions-Brüder“ zu nennen. Daraufhin änderte Hoffmann auch den Titel seines Buches in „Die Serapions-Brüder“.

Als die Idee einen Sammelband herauszugeben entstand, lagen neun schon früher

veröffentlichte Erzählungen und Märchen vor, die Hoffmann für „Die Serapions- Brüder“ geeignet hielt: „Der Dichter und der Komponist“, „Alte und neue Kirchenmusik“, „Die Automate“, „Die Fermate“, „Rat Krespel“, „Der Artushof“, „Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde“, „Das Fremde Kind“ und „Nußknacker und Mausekönig“. Während der Arbeit an dem Sammelwerk wurden 1818 drei weitere Erzählungen in Taschenbüchern veröffentlicht: „Doge und Dogaresse“, „Meister Martin der Küfner und seine Gesellen“ und „Der Kampf der Sänger“. Zusammen mit der unveröffentlichten Geschichte „Die Bergwerke zu Falun“ und der, der Motivierung des Titels dienenden Erzählung von dem geisteskranken Grafen P., der sich für den Einsiedler Serapion hält, bildeten diese Texte, eingefügt in einen Rahmen, die ersten beiden Bände der Serapions-Brüder, die im Februar 1819

veröffentlicht wurden. In der folgenden Zeit schrieb und veröffentlichte Hoffmann

zahlreiche weitere Erzählungen. „Das Fräulein von Scuderi“, „Der unheimliche Gast“,

„Der Baron von B.“, „Spieler-Glück“, „Aus dem Leben eines bekannten Mannes“,

„Die Brautwahl“, „Signor Formica“, „Der Zusammenhang der Dinge“, „Zacharias

Werner“, „Erscheinungen“, „Eine gräßliche Geschichte“, „Die ästhetische

Teegesellschaft“ und das unveröffentlichte Märchen „Die Königsbraut“ bildeten

zusammen die Bände drei und vier der Serapions-Brüder, die 1820 und 1821

veröffentlicht wurden. Insgesamt umfassen die vier Bände 28 Erzählungen und

kürzere Texte. Diese erzählen sich, laut der Rahmenhandlung, mehrere Freunde an acht

Abenden. Jeder Band besteht aus zwei Abschnitten, die je zwei Abenden entsprechen.

Mit der Einbindung der Erzählungen in eine Rahmenhandlung, in der sich Mitglieder einer geselligen Runde Geschichten erzählen, realisiert Hoffmann das Modell der europäischen Rahmenerzählung, die eine lange Tradition hat und auf Boccaccios „Decamerone“ (Erstausgabe 1470) zurückgeht. In Deutschland wurde dieser Typ der Rahmenerzählung in Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ (1795) und Wielands „Hexameron von Rosenhain“ (1805), verwirklicht. Große Popularität erlangte dieses Erzählmodell durch Hoffmanns unmittelbares Vorbild, den „Phantasus“ von Tieck (1812-1816), auf den sich Hoffmann im Vorwort der Serapions-Brüder bezieht: „Eben diese Form wird – muß an Ludwig Tiecks Phantasus erinnern.“(9)[5]

Einige der Erzählungen aus den Serapions-Brüdern erfreuen sich großer Beliebtheit und werden sowohl von den Lesern, als auch von den Literaturwissenschaftlern sehr geschätzt, andere fast gar nicht. „Die Serapions-Brüder“ als Gesamtwerk, wurden von der Forschung fast nie als solches interpretiert. Der Grund hierfür ist wohl, daß Hoffmann in seinem Vorwort ausdrücklich die Verlegerinitiative für das Zustandekommen des Werkes verantwortlich macht:

„Die Aufforderung des Verlegers, daß der Herausgeber seine in Journalen und Taschenbüchern verstreuten Erzählungen und Märchen sammeln und Neues hinzufügen möge, [.], veranlaßten dies Buch, und die Form in der es erscheint.“(9)

Das „serapiontische Prinzip“, das Hoffmann innerhalb des Werkes mehrmals anspricht, wurde demzufolge oft als ein recht gekünstelter Versuch angesehen, dem Ganzen nachträglich eine gewisse Einheit zu verleihen.

3.Das serapiontische Prinzip

E. T.A. Hoffmann äußerte sich, im Unterschied zu den Theoretikern der Frühromantik wie z.B. F. Schlegel und Novalis, nur selten theoretisch-programmatisch.[6] Die Rahmengespräche der Serapions-Brüder gehören zu den berühmtesten poetologischen Formulierungen Hoffmanns. Hier postuliert er das sogenannte „Serapiontische Prinzip“. Am ersten Serapions-Abend erzählt Cyprian, laut der Rahmenhandlung, seinen Freunden Ottmar, Lothar und Theodor die Geschichte vom verrückten Grafen P., der sich für den hl. Serapion, einen ägyptischen Asket und Märtyrer des 4. Jahrhunderts, hält. Er lebt als Einsiedler in einem Wald, der für ihn die Wüste Thebens darstellt. Cyprian versucht den ehemals begabten Diplomaten mit rationalen Argumenten davon zu überzeugen, dass der hl. Serapion zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort gelebt habe. Dieses Unterfangen mißlingt völlig, da Serapion darauf besteht, dass jede angebliche Wirklichkeit subjektive Einbildung sei. Außerdem muss Cyprian einsehen, dass es wohl keinen Wahnsinn gäbe, wenn die von ihm Betroffenen diesen als solches erkennen könnten. Als Cyprian den Versuch aufgibt, die Einsicht des Einsiedlers zu erlangen, erzählt ihm der Wahnsinnige eine Novelle,

[...], angelegt, durchgeführt, wie sie nur der geistreichste, mit der feurigsten Phantasie begabte Dichter anlegen, durchführen kann. Alle Gestalten traten mit einer plastischen Ründung, mit einem glühenden Leben hervor, daß man fortgerissen, bestrickt von magischer Gewalt wie im Traum daran glauben mußte, daß Serapion alles selbst wirklich von seinem Berge erschaut.(35)

Anfangs stehen die Freunde Cyprians Erzählung eher ablehnend gegenüber, Ottmar kritisiert sogar dessen „närrischen Hang zur Narrheit“.(39) Theodor hingegen ist der Meinung, dass unter Wahnsinn auch lediglich „das Mißverhältnis des innern Gemüts mit dem äußern Leben“(39) verstanden werden kann. Um diese Einstellung zu veranschaulichen erzählt er quasi als Kontrast zur Erzählung vom Einsiedler Serapion die Geschichte von „Rat Krespel“, einem Mann, dessen seltsames Verhalten dazu führt, in seiner Umgebung als „einer der allerwunderlichsten“(40) Menschen zu gelten. Im Laufe der Erzählung wird dann vieles, was zuerst seltsam oder merkwürdig scheint, aufgeklärt, indem die Motive, die den skurrilen Verhaltensweisen zugrunde liegen, aufgedeckt werden.

Bei der anschließenden Diskussion der Freunde über Wahnsinn und „Spleens“, bemerkt Lothar, dass der Tag des Zusammentreffens der Freunde, der Tag ist, an dem der hl. Serapion und auch der verrückte Serapion aus der Eingangsgeschichte, gestorben ist. Die Geschichte von „Rat Krespel“ bewirkt ein Umdenken bei den Freunden. Lothar ist nachdem ihn „[...] Theodor mit dem häßlichen widrigen Krespel recht in Harnisch gebracht hat, mit Cyprians Serapion ganz ausgesöhnt“ (71). Er sieht in Serapion einen „wahrhaften Dichter“, weil er „das wirklich geschaut [hat] was er verkündete“.(72)

[...]


[1] Rolf Warne>

[2] Hartmut Steine>

[3] Detlef Kremer: E. T. A. Hoffmann zur Einführung. Hamburg 1998, S. 7-39.

[4] Lothar Pikulik: E. T. A. Hoffmann als Erzähler. Ein Kommentar zu den „Serapions-Brüdern“, Göttingen 1987, S.11-14.

[5] Seitenangaben in Klammern zitiert nach: E. T. A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder. Gesammelte Erzählungen und Märchen in vier Bänden. Mit Illustrationen von Monika Wurmdobler und einem Nachwort von Hartmut Steinecke, Frankfurt am Main 1983.

[6] Gerhard Kaiser: E. T. A. Hoffmann. Stuttgart 1988, S.132-140.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
E. T. A. Hoffmann: Das serapiontische Prinzip , Die Königsbraut: Ein nach der Natur entworfenes Märchen
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Erzählungen der Romantik
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
29
Katalognummer
V527
ISBN (eBook)
9783638103626
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E. T. A. Hoffmann; Serapionsbrüder; Königsbraut
Arbeit zitieren
Christine Schwall (Autor), 2000, E. T. A. Hoffmann: Das serapiontische Prinzip , Die Königsbraut: Ein nach der Natur entworfenes Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/527

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